Kapitel 6

Kapitel 6

Es war Neujahrstag. Jahre gibt es, in denen die Zeit müde und schläfrig an unserem Herde sitzt und ihre grauen Alltagsfäden spinnt, daß wir nicht merken, wie Frühling und Sommer rinnen und wie wir in der Gleichförmigkeit der Tage älter werden. Aber Jahre gibt es auch, wo die Zeit wirtschaftet und schaltet wie ein veränderungswütiges Weib: zerstört und aufbaut, rückt, schiebt, ändert, neue Blumen an unsere Fenster pflanzt, Leute hinausdrängt und andere hereinruft und uns am Ende ein Heim zeigt, das wir nicht wiedererkennen.

So ein Jahr kam für den Buchenhof.

Am Neujahrstage fing's an. Schräger war in die Stube getreten und hatte von Raschdorf erfahren müssen, daß sich dieser weder die vertrauliche Anrede »Hermann« noch das »Du« weiter von seinem Nachbar gefallen lassen wolle.

»So will ich mich auch nich erst setzen,« sagte Schräger gekränkt; »so will ich bloß kurz und bündig sagen, daß ich die20 000 Mark kündige. Ich werd' dann noch einen Brief schicken, daß es gesetzmäßig ist. Adieu!«

Raschdorf rührte sich nicht und sagte auch kein Wort. Schräger ging langsam zur Tür. Er drehte sich noch einmal um und sah Raschdorf fragend an. Aber der blieb völlig regungslos. Da ging Schräger aus der Stube.

Eine Stunde später brachte ein Knecht die schriftliche Kündigung und gab sie dem Buchenbauer persönlich ab. Unter dem Schreiben standen außer Schrägers Unterschrift noch die Worte: »Ernst Riedel, Gutsbesitzer, als Zeuge.«

Der Buchenbauer war ein anderer geworden, seit er aus dem Gefängnis zurück war. Er sprach selten noch ein Wort, er ging nie in ein Gasthaus, er schimpfte nicht mehr, er klagte auch nicht. Scheu und gedrückt brachte er die Tage dahin. Das Vieh, das bei den Bauern im Dorfe einquartiert gewesen war, hatte er verkauft. Er mochte keine Gefälligkeiten. So war er ein Bauer, der kein Stück Rind und kein Pferd mehr besaß und dessen Scheuern und Ställe in Schutt lagen.

Und am Nachmittag dieses Neujahrstages kam noch ein Bote und brachte einen Kündigungsbrief aus dem Dorfe über 5000 Mark, und außer dem Namen des Gläubigers stand unter dem Schreiben noch ein anderer unterschrieben »als Zeuge«.

Da sah der Buchenbauer mit einem langen Blick hinüber nach dem Kretscham und wußte, wer diesen zweiten Brief veranlaßt hatte.

Am Abend war die Familie zusammen. Sonst waren am Neujahrsabend noch einmal die Christbaumlichter angezündetworden. Dieses Jahr war es vergessen worden, eine Tanne zu schmücken.

So schwermütig tickte die Uhr diese ersten Stunden des neuen Jahres herunter. Ein Brief lag auf dem Tische. Aus einer fernen Stadt wünschte ein Zigarrenkaufmann dem Buchenbauer Glück zum neuen Jahr. Sonst hatte niemand eine Karte geschickt.

Ein paarmal versuchte die kranke Frau, ein Gespräch anzufangen. Raschdorf gab ihr zerstreute, widersinnige Antworten. Er starrte immer blinzelnd in das Lampenlicht, und dann las er die Glückwunschkarte des Kaufmanns – dutzendmal.

Von den Kündigungen sagte er nichts.

Auch drüben im Gesindehause war es traurig. Hannes lag auf einer Bank und schlief; sein Vater rauchte Tabak und sah zuweilen schweigend auf den Jungen.

Am Ofen saßen zwei junge Mägde und weinten und wisperten leise. Morgen war Ziehtag; sie kamen nach entfernten Orten und hatten hier im Dorfe ihre Schätze. Da lag das neue Jahr und alle Zukunft trübe vor ihren jungen Augen.

Drüben im Buchenkretscham aber war viel Leben, und der Barbier, der sich betrunken hatte, lärmte von Gericht und Staatsanwalt und sagte, der Raschdorf müsse fort aus der Gemeinde.

Am 2. Januar war Ziehtag. Viele große Wagen rumpelten durchs Dorf, die neuen Knechte und Mägde abzuholen. An diesem »Sterztag« ist es Brauch, daß sich die Dienstleute betrinken. Abschied wird getrunken und neue Freundschaftgeschlossen; so mancher, der aus dem Dorfe scheidet, will sich Mut holen im Branntwein und fügt zu dem Heimweh, das ihn am anderen Tage packen wird, noch den physischen Jammer.

Der Gastwirt Schräger machte gute Geschäfte. Er verstand es auch, er war ein »gemeenschaftlicher« Mann, klopfte die Mägde vertraulich auf den Rücken und sprach mit jedem Pferdejungen; dabei horchte er und fragte viel, wußte alles und war stolz, so populär zu sein.

Noch einer zog seine Straße – Mathias Berger, der Lumpenmann. Sein Wägelchen hatte er in einen Schlitten umgewandelt, denn die Wege lagen voll Schnee, und es schneite auch heute sacht.

Bei den beiden Buchenhöfen war er rasch vorbeigefahren. Rechts drüben, wo die Ruinen gähnten, war zu viel, was er liebte, und links drüben, wo das Geschäft blühte, zu viel, was er haßte.

Am 28. Dezember sollte er vor dem Schiedsrichter erscheinen. Er hatte sich schön gehütet. Mochte ihn der Schräger auf dem ordentlichen Gericht verklagen, wenn er die Courage hatte. Und wenn er wieder eingesperrt würde –?

Ah, wegen einer Beleidigung wird man nicht eingesperrt, da zahlt man Strafe. Und Geld hatte Mathias Berger viel – viel mehr, als die Leute ahnten.

Daß er die drei Tage Haft bekommen hatte, zehrte an ihm. Über das ganze Weihnachtsfest war er zu keinem Menschen gegangen; er war auch jetzt froh, daß er fortziehen konnte.

Er hatte gesessen! Das war ein böses Wort. Er war der einzige gewesen, den infolge des Brandes da unten eine gerichtliche Strafe getroffen hatte.

Daran dachte der Mathias jetzt, als er am Waldrande mit seinem Hundeschlitten dahinfuhr. Und er blieb halten und zog ein Zeitungsblatt aus der Tasche, worin zu lesen stand, daß ein Redakteur sechs Monate lang eingesperrt worden sei, weil er seine Meinung gesagt habe. Nun habe es sich herausgestellt, daß diese Meinung die richtige und der Gefangene ein Märtyrer gewesen sei. Dieses Blatt war Bergers Trost.

Er las es auch jetzt wieder und sagte sich, es sei doch eine schöne Sache, für die Wahrheit zu leiden. Auch dann, wenn einen die Leute für einen Lumpen halten. Dann erst recht! Nur muß man sich nicht selber verlieren und hübsch stark und mutig –

Da – ein Schuß.

Gleichzeitig ein dumpfer Schrei nahe aus dem Walde.

Berger ist zusammengefahren, als habe der Schuß ihn getroffen. Der Hund bricht in ein heulendes Gebell aus. Was war das? Wem galt dieser Schuß? Was war das für eine Stimme?

Berger rafft sich auf und schirrt den Hund los.

»Such', Pluto, such'!«

Beide springen über den Grabenrand und verschwinden im Walde.

Ein kurzes Suchen – da finden sie ihn – nicht weit vom Waldrande.

Gegen eine Fichte liegt er mit blutender Brust, und neben ihm liegt das Jagdgewehr im Schnee.

»Raschdorf! Herr Raschdorf! O du großer Gott!«

Der Lumpenmann beugt sich tief zu dem Verwundeten. Der rührt keine Wimper.

»Raschdorf! Hermann! Komm zu Dir! Komm zu Dir!«

Der liegt mit verglasten Augen und röchelt schwer und schaurig.

Berger reißt dem Verletzten Rock, Weste und Hemd auf und sieht das Blut strömen aus vielen winzigen Wunden. Da nimmt er ein reines Taschentuch und bindet es mit einer Schnur fest auf die Wunden.

Nun rafft er ihn auf und trägt ihn mit furchtbarer Anstrengung nach der Straße. Dort legt er ihn auf den Schnee und holt den kleinen Schlitten herbei. Dahinein bettet er den Verwundeten und fährt behutsam zurück nach dem Buchenhofe. Und der Hund geht gesenkten Hauptes nebenher, denn er fühlt, daß sein Herr weint, fühlt, daß das eine traurige Fahrt ohnegleichen ist.

Der stolze Buchenbauer fährt heim auf Lumpenmanns kleinem Schlitten, und nebenher geht der Tod, ein düsterer Wegegenoß, ein schauriger Kamerad, den der dumpfe Feuerton des Gewehrs zur Stelle rief. Jetzt noch schreitet er neben dem Buchenbauer über den weißen Schnee; aber bald wird er die Führung übernehmen und auf seinen Wegen wandeln mit dem anderen.

Unten im Dorfe singen ein paar Knechte:

»Nun ade, du mein lieb Heimatland,Lieb Heimatland, ade;Es geht jetzt fort zum fremden Strand,Lieb Heimatland, ade!«

»Nun ade, du mein lieb Heimatland,Lieb Heimatland, ade;Es geht jetzt fort zum fremden Strand,Lieb Heimatland, ade!«

»Nun ade, du mein lieb Heimatland,Lieb Heimatland, ade;Es geht jetzt fort zum fremden Strand,Lieb Heimatland, ade!«

»Nun ade, du mein lieb Heimatland,

Lieb Heimatland, ade;

Es geht jetzt fort zum fremden Strand,

Lieb Heimatland, ade!«

Mathias Berger horcht hinunter und sagt erschüttert zu sich selbst: »Es ist Ziehtag!« –

Am Nachmittag kam Raschdorf noch einmal auf Sekunden zu sich.

»Raschdorf, um Christi willen bereuen Sie Ihre Sünden!«

Und der Geistliche, der am Bette stand, hielt ihm ein Kreuz hin.

Raschdorf starrte ihn gläsernen Auges an, dann verzog sich sein Gesicht wie zum Weinen, und er versuchte, das Kreuz zu küssen. Aber dabei verlor er schon wieder das Bewußtsein.

»Durch diese heilige Salbung und durch seine mildreiche Barmherzigkeit verzeihe Dir der Herr alles.« –

Gegen 4 Uhr war Hermann Raschdorf tot.

Am Fenster lehnten Frau Anna und Heinrich. Sie hielten sich fest umklammert. Der Winterabend lag auf der Flur, und über dem verschneiten Walde ging fahl die Sonne unter, die ferne Sonne, die uns doch unendlich näher ist als die Seelen der lieben Toten, die heimgegangen. Mit weißem, unbewegtem Gesichte schaute Frau Anna nach dem gelben Schimmer. Bald ging nun auch sie auf die weite Reise, und der Knabe, den sie liebte, blieb einsam zurück, ohne Eltern und ohne Heimat. In vielen Jahren aber, wenn auch er vollendet, würden sie sich wiedersehen. Das sind die Stunden, in denen Gott mit den Menschen spricht, er, der Trost undFrieden für die Trauernden hat, wenn die Welt und all ihre Weisheit und all ihre Tröstung versagt.

Durchs Dorf flog die Kunde: »Raschdorf hat sich erschossen! Das Gewissen hat ihm keine Ruhe gelassen!«

Berger hatte es übernommen, die Träger der Leiche für das Begräbnis zu besorgen. Bauern werden sonst von Bauern zu Grabe getragen. Aber der erste Bauer, den Berger um den Liebesdienst ansprach, sagte, er habe nicht Zeit, und der zweite meinte, er habe die Influenza. Da spuckte Mathias Berger draußen vor dem Tore aus, fuhr nach der Stadt und bestellte einen Leichenwagen nebst den Leichendienern. Die kosteten viel Geld, aber sie kamen pünktlich.

»Geld ist etwas Gutes,« sprach der schlichte Philosoph bei sich selbst, »es ist oft viel zuverlässiger als die Nächstenliebe.«

Am 5. Januar war das Begräbnis. Hunderte und Aberhunderte von Zuschauern füllten den Friedhof. Der Geistliche sprach die üblichen Gebete. Dann mußte die Rede kommen. Aller Augen hingen an dem Munde des Priesters. Klar und deutlich sprach er:

»Wir beten für den Verstorbenen und alle, die mit ihm hier schlummern, jetzt noch ein Vaterunser.«

Und sonst kein Wort. Bald nach dem Vaterunser ging der Geistliche fort. Nicht einmal die übliche Danksagung für das »christliche Trauergeleite« sprach er. Mathias Berger hatte sich außer der Einsegnung des Grabes alles andere namens der Hinterbliebenen verbeten, auch die Danksagung.Die Leute, die da hinkämen, meinte Berger, kämen aus Neugierde und nicht aus Teilnahme, für die Neugier aber brauche sich niemand zu bedanken.

Eine große Enttäuschung bemächtigte sich der Teilnehmer am Begräbnis, und die Männer suchten sich in etwas zu entschädigen und gingen ins Wirtshaus.

Dort wurden dann dem toten Hermann Raschdorf viele Leichenreden gehalten.

Drüben im Buchenhof saß ein kleiner Kreis von Menschen und beriet über die Zukunft: Frau Anna, Heinrich, der alte Kantor, der Schaffer und Mathias Berger.

Und auch der Lumpenmann hielt eine kleine Leichenrede. »Heinrich, wenn Dir amal jemand sagt: Dein Vater hat sich erschossen, da sag': Ja, a hat sich erschossen, aber ob a 's freiwillig gemacht hat oder ob a verunglückt is, das weiß der liebe Herrgott alleine. Aber wenn Dir jemand sagt: Dein Vater hat sich selber angezünd't, da spuck' ihm ins Gesichte, denn das is die höllischste Lüge von der Welt. Wer angezünd't hat, das wird noch amal lichterloh rauskommen. Und nu will ich noch was sagen: der Buchenhof bleibt 'm Heinrich. A wird nich verkauft!«

Frau Anna sah Berger wehmütig an.

»Der Hof muß verkauft werden – bald! Schräger hat seine 20 000 Mark gekündigt und der Müller seine 5000 Mark. Jetzt borgt uns niemand zur letzten Hypothek hundert Taler.«

Berger machte eine abwehrende Handbewegung. »Lassen Sie mich reden, Frau Raschdorf. Wieviel sind Schulden?«

»110 000 Mark.«

»So? Und der Hof is wert 150 000! Wenigstens!«

»Jetzt nicht! Jetzt gelten die Wirtschaften nichts! Und 's is kein Vieh da, kein Ackerzeug, die Gebäude sind abgebrannt. Wer weiß, ob wir mit den Schulden rauskommen, wenn wir verkaufen und noch das Versicherungsgeld dazu rechnen.«

Die Frau streckte beide Hände trostlos über den Tisch. Mathias Berger nahm eine entschlossene Miene an.

»Die Wirtschaften gelten jetzt nischt! Gutt! Also wird sie nich verkloppt. Das wär' ja traurig. Und nu raus mit der Sprache! Erschreckt nich! Ich borg' das nötige Geld selber!«

»Von wem?«

»Von wem? Von mir! Ich borg's selber! 10 000 Taler borg' ich, das sind 30 000 Mark.«

Die anderen sahen ihn verständnislos an.

»Ja, von wem wollen Sie's denn borgen?«

»Nu, von niemand! Von mir selber! Ich hab' selber so viel Geld übrig!«

»Machen Sie heute keine Scherze, Mathias,« mahnte der Kontor. Frau Anna und Heinrich sahen betroffen vor sich nieder, und nur der Schaffer grunzte ein wenig amüsiert. Da nahm Berger das Wort:

»Da muß ich zuerst 'ne kleine Geschichte erzählen. Es geht oft recht wunderbar zu im Leben. Also eines schönen Tages – es sind jetzt sechs Jahre her – sitz' ich in Waldenburg in eener Kneipe. Kommt der Schräger rein. Na, damals vertrugen wir uns noch besser, und a plauderte immergerne mit mir, denn a Lumpenmann weiß manches, was a anderer nich weiß. Na, wie gesagt, der Schräger setzt sich zu mir. 'n kleenen Stiefel hatt' a sitzen. Auf 'm Tisch stand a Würfelbecher. »Sind wir amal um 'n Böhm!« sagte er und warf siebzehn. Ich wollt' mich nich blamieren, warf sechzehn und zahlte zehn Pfennige. »Revanche,« sagte der Schräger und warf dreizehn; und ich revanchierte mich, schmiß sieben und gab wieder zehn Pfennige. Das gefiel 'm Schräger; a würfelte immer von neuem und ich immer mit, und ich bezahlte immer 'n Böhm, bis 'ne Mark voll war. »Weißte, Berger, riskier'n wir amal 'ne Zicke, setz'n wir jeder amal fünf Böhm. Wenn schon, denn schon!« »Wenn schon, denn schon,« sagte ich und setzte fünfzig Pfennige, denn ich hatte och 'n kleenen Stiefel sitzen. Nu schmeißt a sechzehn und ich achtzehn, und das ging so fort, bis ich ihm fünf Mark und fünfzig Pfennige abgeknöppt hatte. Da war a wütend, nahm seine Mütze und ging. Ich freut' mich natürlich nich schlecht, ließ mir gleich 'n telikaten Kalbsbraten für 40 Pfennige bringen und schickte mein'm Hunde für 10 Pfennige Knochen aus der Küche. Dann fuhr ich los. Wie ich nu so durch die Stadt fuhr, les' ich a großes Plakat: Marienburger Geldlotterie. Große Geldgewinne. Los 3 Mark. Ich lehnte an meiner Hundekutsche und lernte so sachte das Plakat auswendig. Und weil ich, wie gesagt, nicht ganz klar war, geh' ich rein und kauf' a Los, von Schrägers Gelde. Wie ich' wieder rauskam, sah mich mein Hund an, als wenn a sagen wollte: Du tummer Kerl, was hätt'n wir für das Geld für 'ne Menge Kalbsbraten und Knochen haben können. Aber na, 's Geschäft war gemacht. Damit nu wenigstens von demGewinn was Reelles raushängen tät, kaufte ich von den zwee Mark, die ich noch hatte, der Liese 'ne Puppe. Na und? – Nach vier Wochen hatt' ich mit mein'm Los 30 000 Mark gewonnen, a dritten Hauptgewinn.«

»Berger! Es is nich möglich!«

»Ist denn das wahr, Mathias?«

Die ganze Gesellschaft war aufs höchste erregt.

Berger lächelte. »Es ist wahr. Und ich hab' das Geld Heller für Pfennig ausgezahlt gekriegt. Aber ich hab' mir's nich in Waldenburg geholt; ich bin nach Breslau gefahr'n. Denn ich mochte kein'n Lärm machen.«

»Das is ja nicht zu glauben!«

»Was is nich zu glauben? Daß jemand 'n Haupttreffer macht? Das kommt bei jeder Lotterie vor. Und daß es mal 'n kleenen Mann trifft, das kommt ooch vor. Ich hab' für das Geld Papiere gekauft. Vierprozentige! Das macht zwölfhundert Mark Zinsen aufs Jahr. Die hab' ich fast alle gespart. Das sind nun wieder gegen 7000 Mark. Gesagt hab' ich keinem Menschen was. Nich amal meine Schwester weiß was und die Liese ooch nischt.«

»Aber warum – warum haben Sie denn das verschwiegen?«

Berger sah vor sich nieder.

»Ja, warum? Na, das habt Ihr wohl schon oft gehört und gelesen, daß mancher, den die Leute für 'nen blutarmen Kerl hielten, in Wirklichkeet a kleener Krösus war. Bei manchem, der a Fechtbruder war, fand man am Ende viel Gold und Silber unter seinen Lumpen. 's gibt solche schnurrige Kerle. 's is a ganz besonderer Spaß, die Weltzum Narr'n zu halten. Bei mir war's auch so. Aber 's war nich das alleene. Das Geld kam zu spät. Zehn Jahre früher hätt's kommen müssen, wie ich noch jünger war. Da hätt' ich's gebraucht.«

Die andern sahen ihn verständnislos an; nur Frau Anna blickte vor sich nieder.

Berger zwang sich wieder zu einem launigeren Tone.

»Ja, und für een'n Lumpenmann paßt sich's doch nich, wenn a reich is. Ich schämte mich. Und Lumpenmann wollt' ich bleiben. So in der Welt rumfahren und zu Leuten kommen, das paßt mir. Das is nich so langweilig. Da gibt's alle Tage was Neues. Na, und das Geschäft ernährt mich. Deswegen braucht' ich auch das Geld nich. Ich hab' mir immer gedacht, so 'ne Lotterie is was Tummes. Immer gewinnt's einer, der's nich braucht. Aber wiederum war 's nich so was Tummes. Immer, wenn mich so eener scheel ansah, und dachte: »Ach, der arme Schlucker!« lacht' ich mir eens im stillen. Und ich dachte an allerhand!«

Die andern schwiegen. Bergers Augen begannen zu leuchten.

»Und jetzt dank' ich Gott, daß ich das Geld hab'. Jetzt kann ich's gebrauchen.«

»Berger, Sie können ja nicht – Sie dürfen nicht Ihr Geld auf eine so unsichere Sache –«

»Ich mach', was ich will! Ich borg's – basta! Die Sache steht ganz gut. Der Schräger und der Müller werden ausgezahlt, bleiben 85 000 Mark Schulden. Das is bloß reichlich die Hälfte von dem, was das Gut wert is. Dann bleiben immer noch 5000 Mark zu dem Versicherungsgelde, daß dieGebäude wieder ordentlich aufgebaut werden können. Und wenn ich sterbe, haben die Liese und die Schwester noch 7000 Mark. Das ist viel Geld. Und außerdem haben sie die Hypothek.«

»Berger, es ist mir, als ob Sie ein Märchen erzählten,« sagte der alte Kantor. »Sie müssen aber an Ihr Kind denken.«

»An die Liese denk' ich schon. Der bleibt alles, jeder Pfennig. Wenn's nich sicher wär', borgt' ich's nich. Denn ich bin geizig geworden, seit ich das Geld hab'. Aber es is sicher!«

»Das werden wir nicht annehmen, Berger.«

»So? Und damals – wie ich ins Gemeindehaus kommen sollte – als Dorfarmer? – Sie denken wohl, a Lumpenmann hat keen Ehrgefühl? Das merkt a sich, wenn ihn jemand nich hat verlumpen und verhungern lassen. Und offen gesagt, ich weeß mir keen Rat mit 'm Gelde. Ich hab' mir ofte gesagt, eigentlich könntest du was anfangen, die Liese aufputzen und so – oder selbst 'n feinen Kerl rausbeißen. Ich hab' immer lachen müssen, wenn mir so was einfiel. 's kam mir so riesig tumm vor. Na, und da hab' ich's immer aufgeschoben. Kommt alles noch zurechte, dacht' ich immer. Laß das Mädel! Besser is, sie denkt, sie is arm. Da wird sie a recht braves Mädel werden. Kommt alles zurechte!«

»Ich besauf' mich auch amal, und nachher tu ich würfeln,« nahm sich Reichel, der Schaffer, vor. Es war das erste Mal, daß er begeistert war.

Die anderen aber sahen ernst vor sich nieder. Sie waren alle in tiefer Verlegenheit. Es entstand eine Pause. Frau Anna ergriff Bergers Hand.

»Mathias, Sie wollen mir das Sterben leichter machen.«

»Mutter!«

»Kind! Anna, sprich nicht so! Ich kann's nicht hören!«

Die Frau schüttelte leise den Kopf und bedeckte das Gesicht mit den Händen.

Mathias Berger sagte nichts. Ein Weilchen saß er ganz still da mit rotem Gesicht. Dann stand er plötzlich auf und ging hinaus.

Im öden Hofe stand er regungslos.

Einmal, als er ein junger Bursche war, hatte er ein Mädchen geliebt. Es wurde nicht sein. Ein reicher Nebenbuhler kam und riß sie in seine Arme.

Jetzt ist sie arm geworden und er reich, und der andere ist begraben. Aber wiederum wird sie nicht sein. Ein stärkerer Freier kommt – der Tod. Er steht wohl schon drüben auf den kahlen Wiesen. Bald schreitet er über die Trümmer und den Hof und führt die Anna heim in sein stilles Haus. Und die Menschen werden bei der Hochzeitsfeier läuten und singen und hinterher lachen und zechen, wie jetzt die lauten Gäste drüben in der Schenke. Der Mathias aber wird wieder mit seinem Handwagen in der Welt herumziehen und das Vergessen suchen.

»Mathias! Mathias, wo sind Sie denn?«

»Heinrich! Komm mal her, Heinrich!«

»Mathias, sind Sie krank?«

»Es ist nichts, Heinrich! Ich hab' mir bloß so mancherlei überlegt. Heinrich, wir zwei werden zusammenhalten!«

»Ja, Mathias! Ich bin so froh, daß Sie mein Vormund werden sollen.«

»Vormund nennen sie's auf 'm Gericht; wir heißen's Freund. Du sollst jetzt »Du« zu mir sagen, Heinrich, und ich sag' auch »Du«, für immer. Und uns zwei soll niemand auseinander bringen!«

So reichten sie sich die Hände.


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