Kapitel 7
Es war nahe an Mitternacht. Der Buchenhof lag längst ganz still; auch in der Wirtsstube des Kretschams waren die Lichter erloschen. Nur aus der Giebelstube drang noch ein matter Schein. Julius Schräger war noch wach.
Das Bett war aufgedeckt; es war totenstill im Hause, und Schräger war den ganzen Tag von früh an auf den Beinen gewesen. Aber er legte sich nicht nieder.
Langsam trat er ans Fenster. Der Mond war aufgegangen, und in seinem halbhellen Licht lag drunten das Dorf. Der Kirchturm ragte deutlich in die Luft.
Dort unten, ganz nahe am Turme, lag Hermann Raschdorf die erste Nacht! Er lag unter gefrorenen, harten Schollen in einem dünnen Totenhemd, und seineNachbarn zur Rechten und zur Linken waren Tote, Leute, die schon lange dort unten schliefen. Wie still das dort sein mußte! Nur die Würmer bohrten an Holz und Knochen, und zuweilen brach ein Sargdeckel. Dann senkten sich die Schollen und – drückten schwer.
Schräger fröstelte und trat vom Fenster zurück.
Er war ein Narr, sich so schwere Gedanken zu machen. Zu ändern war nichts. So setzte er sich auf den Bettrand und legte sich auf die Kissen nieder. Aber kein Schlaf kam über seine Augen. Er sah immer in das rote, leise singende Licht. Als wenn das Licht blutete und wimmerte, so war's.
Schräger schloß die Augen. Warum dachte er immer an Raschdorf? Er war fort. Er konnte ihm nichts anhaben. Kein Haar konnte er ihm krümmen. Und bis dahin, daß er auch hinunter müßte, war's lange hin. Dann war der andere längst zu Staub zerfallen.
Da schlich draußen etwas heran. Schräger lauschte. Es kam näher – stockte – war still. Aber jetzt kam's wieder – es stieß an einen Stuhl und war wieder still. Dann ächzte es deutlich vor der Tür.
Schräger richtete sich halb auf. Kalter Schweiß trat auf seine Stirn. Steif und lahm stützten sich die Hände auf die Kissen.
Da ächzte es wieder draußen.
Und jetzt tastete es an die Tür und klinkte langsam auf.
»Was? Wa–as? – – – Ah – Du – Gustav! – Was willst Du?«
Der Idiot, der ganz dürftig angezogen war, legte den Finger auf den Mund.
»Pst! Still! Ich komm Dir was sagen.«
Er schlich mit unheimlich glitzernden Augen zu seinem Vater und sagte ihm leise ins Ohr:
»A kommt wieder!«
Schräger erblaßte.
»Gustav, wie kannst Du Dich erdreisten, jetzt in der Nacht –«
»Pst! Ich fürcht' mich! A kommt – a rennt über die Felder – mit der Flinte – ich hab' 'n gesehn – a will mich schießen – und da komm ich zu Dir – Du mußt mich verstecken – und Du mußt ihm Geld geben, daß a nich schießt.«
Schräger wurde es brühheiß.
»Gustav, augenblicklich gehst Du in Deine Kammer und legst Dich schlafen. Das is Unsinn!«
Der Idiot brach in Heulen aus, und Schräger mußte ihm den Mund zuhalten.
»Still, Gustav, sei doch still! Es hört Dich sonst jemand. Du kannst ja hierbleiben. Schrei nich – schrei nich, Gustav! – Komm, leg' Dich ins Bette, ich zieh' Dir die Hosen runter – so – und nu leg' Dich um; ich deck' Dich fest zu.«
Der Idiot klapperte mit den Zähnen, als er im Bette lag.
»Fürchte Dich nich, Gustav, fürchte Dich nich, es kommt kein Mensch. Schlaf' ruhig ein! Es kommt niemand!«
»Du, ich hab'n gesehn! A weiß jetzt, daß ich angezünd't hab'!«
»Bist Du ruhig, Gustav, bist Du ruhig! Du hast ja gar nich angezünd't.«
»O ja, ich hab'! Mit zwei Streichhölzeln! A wollte mich rausschmeißen – uh, und es war doch so kalt.«
»Wenn Du nich ruhig bist, Gustav, kommt der Gendarm. Das darfst Du keinem sagen, sonst wirst Du fortgeholt. Niemand darfst Du das sagen, hörst Du? Keinem Menschen!«
Schräger zitterte vor Erregung.
»Ich sag's nich. Sonst schießt a mich tot!«
»Schlaf' ein, Gustav, schlaf' ein!«
»Oh, es hat so gebrannt, so hoch und so heiß, und jetzt wird a kommen. – Hörst Du? – A kommt auf der Treppe – Vater, versteck' mich!«
Schräger setzte sich auf den Bettrand und ergriff die Hände des Burschen. Leise redete er auf ihn ein und gebot ihm, die Augen zu schließen.
Der Idiot verbarg sich tief in den Betten und hielt krampfhaft des Vaters Hand. Von Zeit zu Zeit schrie er auf, dann hielt ihm Schräger den Mund zu. So verging eine qualvolle halbe Stunde, dann fing der Bursche leise an zu weinen und schlief allmählich ein.
Schräger erhob sich. Sein Gesicht war fahl. Ein leiser, schwerer Fluch kam über seine Lippen. Dieser Mann erkannte, daß sich ein Wurm in sein Lebensmark eingebohrt hatte, der nie mehr weichen werde.
Langsam ging er an den Schreibtisch, der an der Wand stand, und nahm ein Zeitungspapier heraus. Es war dasselbe Blatt, das Gustav am Brandtage zuerst zu einem Heim geformt, dann entfaltet und so gierig betrachtet hatte.
Das Blatt enthielt ein Bild, das ein brennendes Haus darstellte, aus dem ohnmächtige Menschen getragen wurden. Dieses Bild hatte die Phantasie des Idioten erregt und ihn zu seiner Tat angestachelt, wozu noch gekommen war, daß die Bauern von einem Brande gesprochen und Raschdorf den Burschen gekränkt hatte.
So war alles gekommen, und Schräger hatte noch am selben Abend die furchtbare Wahrheit erfahren. Als Gustav vom Brande nach Hause lief, war er ihm gefolgt. Da hatte der Knabe unter der Treppe im Hausflur gekauert und gewimmert. Er hatte ihn mit sich in die Stube genommen und ihn ausgefragt. Und da war ihm der unglückliche Bursche schreiend zu Füßen gefallen und hatte ihm gestanden, er habe die Scheuer angezündet.
Anfangs hatte es Schräger nicht geglaubt. Aber dann hatte er dem Jungen die Taschen durchsucht und das Bild und ein ganzes Päckchen Schwefelhölzer gefunden. Entsetzt hatte er noch einige Fragen gestellt und mit Gewißheit die furchtbare Wahrheit erkannt, daß sein Sohn der Brandstifter sei.
Und doch hatte ihn damals nichts bewegt als die peinigende Sorge, die Sache möchte offenbar werden. Der Verschleierung der Tatsache galt von da an all sein Bemühen, hinter das sogar sein altes Bestreben, den Buchenhof zu erwerben, weit zurücktrat.
Nun trat er an das Bett des schlafenden Burschen. Auch im Schlafe war dieses Gesicht häßlich und öde. Der Junge atmete schwer, und seine struppigen Haare waren feucht von Schweiß. Er sah wohl auch im Traume den schrecklichen Jäger, vor dem er sich fürchtete.
Schrägers Kopf sank auf die Brust. Das war eine der schweren Nachtstunden, da der Mensch Rechnung hält in seinem Herzen und vor Schuld und Urteil erschrickt.
Wenn Gustav plauderte!
Sie konnten dem Jungen gerichtlich nichts tun, er konnte nicht verantwortlich gemacht werden. Aber sie würden ihn in eine Anstalt bringen, ihn unschädlich machen für immer.
Und das fürchtete Schräger; dagegen sträubte er sich mit ganzer Seele. Er liebte seine beiden Kinder abgöttisch, wie so oft Geizhälse, die in ihrer Seele sonst nie einen Funken Idealismus haben, an ihren Kindern mit einer unordentlichen Glut hängen, die anständigen Leuten fremd ist. Das ist auch ein Zug, den die Geizhälse mit den Bestien gemeinsam haben. Und noch eines kam hier dazu, die Gefahr, daß der Junge des Vaters Mitwissenschaft verriet.
Sein Eid! Sein Eid! Wie stand er da!
Gewiß, er konnte im schlimmsten Falle alles abstreiten. Das Zeugnis des Jungen galt vor Gericht nichts. Er konnte sagen, er habe nichts gewußt. Aber die Dorfleute! Wenn ihr Vertrauen verschwunden war, war sein Geschäft verloren – alles verloren. Das durfte unter keinen Umständen geschehen.
Und sein alter Plan: den Buchenhof zu gewinnen! Es war ja gut, wenn der Raschdorf unterging. Was ging ihn der Raschdorf an? Schließlich hatte er sich doch selber ruiniert!
Die Lampe ging aus. Schräger erschrak. Jetzt im Dunkeln würde auch er sich fürchten. Er sann nach, wo er Lichthernehmen könnte. Es war, ohne Geräusch zu verursachen, keines zu erlangen. So setzte sich der Einsame in einen Lehnstuhl.
Nur das eine nicht, nur nicht nach dem Fenster sehen! Das Mondlicht fiel so gespenstisch herein, und dort unten ragte der Turm auf, als wenn mitten aus dem Kirchhof sich ein geisterhaft drohender Riesenfinger emporstrecke.
Nur nicht nach dem Fenster sehen!
Eine Weile saß Schräger grübelnd still. Dann begannen seine Lippen zu zucken, Worte zu sprechen, ohne daß er's hindern konnte: »Ich schwöre vor Gott dem Allmächtigen und Allwissenden, daß ich die reine Wahrheit sagen, nichts verschweigen –«
Ein Stöhnen; Schräger sprang auf. Was fiel ihm ein? Wie kam er dazu, das zu sagen – das?
Er schloß die Augen und drückte den Kopf gegen die Kacheln des Ofens; sie waren kalt.
Kalt! Wenn das Feuer erlischt und wenn das Leben erlischt, kommt die Kälte.
»– nichts verschweigen und nichts hinzusetzen –«
Schräger raffte sich auf, und wie alle, die das Elend trifft, versuchte er den Kampf mit der furchtbaren Furie, die das böse Gewissen heißt, den nutzlosen, törichten Kampf, den auf die Dauer kein Sterblicher besteht, wenn nicht die starke, heilige Gnadenhand Gottes die eisernen Krallenfinger mächtig und linde aus den blutenden Schultern löst.
»Was hab' ich denn getan? Was hab' ich denn gesagt? Ich hab' nur erzählt, was ich wußte. Nur das!«
»– nichts verschweigen –«
Schräger blickte scheu nach dem Bette.
Eines hatte er verschwiegen: das, was alles gelöst hätte.
»Wissen Sie, wer der Brandstifter ist?«
»Nein!«
Und die schwarze, hohläugige Gegnerin warf den Einsamen in den Lehnstuhl zurück. Dort preßte er das Gesicht gegen die Lehne.
Da, wie er sich sammelte, aufraffte, kam ihm eine neue Waffe.
»Es ist niemand verpflichtet, gegen sein eigen Fleisch und Blut zu zeugen. So sagt wenigstens das Gericht, wenn auch nicht die Religion.«
Er atmete auf. Das würde die Erlösung sein, der Sieg! Der Dämon stand an der Tür, als wolle er gehen. Aber er wandte sich noch einmal um.
»Trauen Sie dem Angeklagten das Verbrechen zu?«
Wie ein Lavastrom flutete die Frage durch die Seele des Einsamen, die Frage und die meineidige Antwort, die er gegeben: »Ich weiß es nicht genau. Er wird es wohl gewesen sein!«
Leise kam der Dämon näher und beugte sich an Schrägers Ohr. Das Fenster knackte und knisterte ein wenig. Das klang wie leises, böses Lachen. Und es war, als ob die furchtbare Stimme zischelte:
»Und weißt Du, was Du weiter getan hast? Das Geld hast Du ihm gekündigt, ihn bankerott zu machen; zum Müller bist Du gegangen, ihn aufzuhetzen, und da hat Dein Freund die Flinte genommen und ist hinübergegangen. Und Gott hat gefragt: »Woher kommst Du? Ich habe Dich nicht gerufen!«Mit Donnerstimme hat Gott es gefragt. Dein Freund aber hat mit bleicher Hand hinabgezeigt auf Dich und gesagt: »Der hat mich auf den Weg gezwungen zu Dir, der! …««
»Gustav, wach' auf! Wach' auf, Gustav! Ich kann nicht allein sein!«
Der Bursche fuhr erschrocken auf.
Und Julius Schräger suchte bei ihm Hilfe, bei dem Idioten, der verschlafen wimmerte und bald wieder einschlief.
Ein wenig später rasselte draußen ein Fuhrwerk vorbei. Schräger sprang ans Fenster. Wie eine Erlösung betrachtete er die brennenden Wagenlichter. Da waren doch Menschen – Menschen.
Aber bald darauf kam noch ein Licht langsam über die Felder herauf, ein einsames Licht, vor dem es dem erregten Manne schauerte. Wie gebannt sah er hin; er konnte sich nicht wegrühren vom Fenster, als wenn jenes Licht ihn zwinge. Er rieb sich die Augen, er wollte das Blendwerk bannen. Es gelang nicht. Näher kam das Licht, immer näher, gerade auf das Haus zu. Und nicht auf der Straße kam's, nein, über die Felder, ein weißes, blasses, taumelndes Licht.
Der Wind wimmerte draußen, und der Mond war untergegangen hinter schwarzem Gewölk. Es war fast ganz dunkel.
Jetzt war das Licht da. Wie eine Laterne war's und hatte doch nicht die Form gewöhnlicher Laternen.
Jetzt – jetzt konnte er's sehen! Eine schwarze Gestalt trug die Laterne, und ihr folgte eine weiße. Schräger sah es deutlich im Lichtschein.
Und jetzt verschwanden die Gestalten mit dem Lichte huschend drüben im Buchenhofe.
Mit verzerrtem Gesicht drehte sich Schräger um.
Der Tod, der den Raschdorf heimführt, fiel ihm ein.
Er war sonst nie furchtsam gewesen. Aber seit er einen unter dem Rasen hatte, dem er den Atem genommen, kam die grauenhafte Angst – die wahnwitzige, abergläubische Furcht.
Finster war's, schauerlich finster, und der Junge röchelte so schwer.
Ein Mittel! Ein Mittel, um der Qual zu entgehen!
An den Wänden tastete sich Schräger hin, zur Tür hinaus und dann leise wie ein Dieb die Treppe hinunter nach der Gaststube.
Dort atmete er auf. Es wurde ihm ein bißchen wohler. Vorsichtig schloß er die Fensterläden, dann zündete er die Lampe an. Licht! Licht ist allein schon eine Wohltat.
Aber doch war's auch hier einsam und furchtsam.
Da suchte er das Mittel.
Zum ersten Male trank er viel Schnaps. Dadurch wurde er mutiger. Schließlich füllte er eine Flasche, löschte das Licht aus, tappte nach seiner Schlafstube zurück, um den Jungen nicht allein zu lassen, setzte sich in den Lehnstuhl und trank – trank aus der Flasche.
Am andern Morgen lag ein lichter Dreikönigstag über der winterlichen Erde.
Schräger erhob sich müde und zerschlagen aus dem Lehnstuhl, in dem er ein paar Stunden im dumpfen Schlummerdes Rausches gelegen hatte. Es war acht Uhr vorbei. Er weckte seinen Sohn und gebot ihm noch einmal eindringlich Schweigen. Dann versprach er ihm, er würde ein zweites Bett in diese Stube schaffen lassen, und Gustav könne jetzt immer bei ihm schlafen. Nur dürfe er nichts sagen.
Drunten im Hause polterten die Dienstleute. Das tat Schräger wohl. Auch das Licht beruhigte ihn. Mehr aber half ihm ein guter Gedanke, den er in der Nacht gefaßt hatte: er wollte hinüber zur Frau Raschdorf gehen und die Kündigung zurücknehmen.
Schlafen mußte er wieder können, ruhig mußte er wieder sein, selbst auf die Gefahr hin, daß er den Buchenhof nicht bekam. Sonst, meinte er, würde er verrückt werden vor Furcht.
So ging er gleich vor dem Frühstück nach dem Buchenhofe. Unter der Tür traf er die Magdalene Raschdorf.
Das schöne Kind sah ihn herb an.
»Lene, ist Deine Mutter schon aufgestanden?«
Das Mädchen schüttelte finster den Kopf.
»Ich möchte mit Deiner Mutter gern sprechen.«
»Sie ist krank!« sagte Lene und wandte ihm den Rücken.
»Ganz wie der Vater,« dachte Schräger, »so stolz und abweisend.« Aber er zwang sich, freundlich zu sein.
»Lene, ist es schlimmer geworden mit der Mutter?«
Das Kind nickte und schlug die Hände vors Gesicht; dann lief es ins Haus.
Eine Magd erschien und klärte Schräger auf. Die Frau hatte in der Nacht Blutsturz bekommen. Ein Gespann hatte den Doktor geholt und eine barmherzige Schwester aus derStadt mitgebracht, und der Pfarrer und der alte Kantor waren auch in der Nacht gekommen.
»Mit einer Laterne?« fragte Schräger stockend.
»Ja, mit einer Kirchenlaterne!«
»Aah!« seufzte Schräger auf und nickte.
Der Arzt kam die Treppe herab.
»Was wünschen Sie?« fragte er Schräger.
»Ich – ich habe der Frau Raschdorf Geld gekündigt, und ich will die Kündigung zurücknehmen.«
»Lieber Freund, da kommen Sie leider zu spät. Frau Raschdorf ist eben gestorben.«
Ein schriller Schrei ertönte von oben. Das war die Lene, die es auch jetzt eben erfuhr. – Schräger ging mit schweren Schritten heim. – – – –
Wieder flog die Todeskunde durchs Dorf, und die Leute wurden still. Ein Schrecken kam über die Menschen.
So viel Trauer in einem Hause weckte überall Furcht. Ein leises Grauen mischte sich drein, als sei hier eine Strafe des Himmels sichtbar und offenkundig in Erscheinung getreten für Sünden, die die Menge nicht genau kannte. Aber ein Mitleid regte sich in den weicheren Herzen für die zwei verwaisten Kinder. Dieses Mitleid hätte zum Siege verhelfen können im Kampfe um die Heimat. Durch Mitleid hätte Heinrich Raschdorf sich jenen Herzboden bei den Mitgliedern der Gemeinde erkaufen können, um den er lange Jahre hindurch so bitter kämpfen mußte. Es kam ein günstiger Augenblick, wie er nicht mehr wiederkam. – Ein paar Sympathiekundgebungen kamen aus dem Dorfe. Gespanne wurden angeboten, auch sonstige Unterstützung, und zwölf Männer meldetensich freiwillig als Träger der Leiche. Der Bauer, der sich vor Tagen wegen Influenza entschuldigt hatte, hatte die zwölf Männer gesammelt. Er schickte eine Magd und ließ fragen, ob die Träger gebraucht würden.
Mathias Berger brachte seinem Mündel Heinrich die Nachricht aus der Küche in die Wohnstube.
»Die Leute werden vernünftig, Heinrich! Siehst Du, schlecht sind sie gar nich. Sie haben sich bloß mit Deinem Vater nich verstehen können. Es is schon gut, Heinrich, wenn Du mit den Leuten auskommst, denn sonst bleibst Du in der Fremde, auch wenn Du zu Hause bist. Das kannst Du mir glauben.«
»Den Vater haben sie nich tragen mögen,« sagte der Junge finster. »Warum nicht?«
Mathias Berger wußte nicht gleich eine richtige Antwort. Eine leidenschaftliche Röte flammte über das Knabengesicht.
»Weil sie dumm sind, weil sie schlecht sind! Mathias, ich hab's gehört, ich hab' gehört, wie sie auf meinen Vater schimpften, damals in der Stadt. Alle haben sie gelacht über den schuftigen Barbier, und wie ich ihm die Nase blutig gehau'n hab', da haben sie über mich herfallen wollen – zwanzig Männer über einen Jungen! Mathias, sie dürfen meine Mutter nicht tragen. Ich leid's nicht!«
Die stolze, herrische Art der Raschdorfs brach bei dem Knaben durch. Mathias blieb ruhig und milde.
»Heinrich, sie lassen sich selber anbieten. Es ist nun einmal so Sitte auf dem Dorfe. Wenn wir das abschlagen, das is eine riesige Beleidigung.«
»Und die? Haben die meinen Vater nicht beleidigt? Gebettelt hab' ich, gebettelt, Mathias, daß sie's glauben sollen, sie haben nicht gemuckst. Ich leid's nicht, Mathias, ich leid's nicht, daß sie die Mutter tragen.«
»Hör' mich mal an, Heinrich! Siehst Du, die Scheune werden wir wieder aufbauen, den Stall auch. Das is nich schwer. Auch die Wirtschaft kriegen wir wieder rauf. Das is auch nich schwer. Das läßt sich alles machen, wenn man a bissel Geld hat und fleißig is. Aber Heinrich – die Leute, die Leute! Die müssen auch wieder lernen, freundlich mit uns zu sein. Das is die Hauptsache, Heinrich! Das is wichtiger, als daß wir die Wirtschaft wieder aufbauen. Sieh mal, ich war früher so a armer Kerl. Ich hatte kaum a paar Sonntaghosen. Aber zu Hause war ich, 'ne Heimat hatt' ich. Das war, weil mir die Leute gut waren. Dein Vater, Heinrich, der hat keine solche Heimat gehabt.«
»Willst Du auch auf den Vater schimpfen, Mathias?«
»Wein' doch nich, Heinrich! Ich will ja bloß mit Dir reden, weil Du doch schon ein großer, kluger Mensch bist. Sieh mal, ich sage, das war eben das Unglück von Deinem Vater, daß a sich nich mit a Leuten im Dorfe vertrug. Ich sag' ja nich, daß a schuld war. Ich sag' bloß, es war sein Unglück. Denn siehst Du, immer alleine konnt' a nich sein, immer in die Stadt fahren konnt' a auch nich, na, und da wurd' a verdrossen und ging zum Schräger, und das war sein Verderben.«
Der Knabe weinte leise vor sich hin. Berger schlang den Arm um seine Schulter.
»Heinrich, Du hängst so an zu Hause. Es ist notwendig, Heinrich, daß wir gute Freunde im Dorfe haben. Ich bin zu a ungeschickter Kerl, ich kann Dir's nich so beschreiben, wie ich mir's denke. Aber das weiß ich: Wir brauchen die Leute, auch wenn wir sie nich brauchen. Wir müssen's annehmen, Heinrich!«
»Da – da sag' ihnen, sie sollen die Mutter tragen; Du bist ja klüger, Du mußt's ja wissen.«
In demselben Augenblick öffnete sich die Tür, und Magdalene Raschdorf trat hastig ein.
Ihre braunen Augen standen voll Tränen. Die Stimme bebte ihr, als sie sprach: »Mathias, sie hat gesagt – sie hat zu unserer Martha gesagt – Sie – Sie haben – Sie haben unsere Mutter geküßt!«
»Lene! Was fällt Dir ein! Wer sagt das?« rief Berger.
»Wer sagt das, Lene?« stammelte Heinrich.
»Die – die Magd vom Perschke-Bauer, die da is – die hat's zur Martha gesagt – und ich – ich hab's gehört!«
Mathias sprang aus der Stube hinüber nach der Küche. Eine junge Magd stand schwatzend bei einer andern.
»Frauenzimmer, erbärmliches, was hast Du gesagt? Zu dem Kinde? Zu dem Kinde?«
Die Magd wurde blaß und floh in einen Winkel.
»Was ist denn? Was ist denn? Jeses! A will mich hau'n!«
»Was hast Du gesagt von mir und der toten Frau Raschdorf – Mädel?«
Berger, der ihr gefolgt war, trat drohend und keuchend vor sie.
»Ich hab' nichts gesagt – ich hab' – Jeses –!«
Ein Schlag klatschte ihr auf die Wange.
»Gesteh's, Frauenzimmer, oder –«
»O Gott, o Gott, lassen Sie mich!«
»Was Du gesagt hast, will ich wissen!«
Wieder erhob er drohend die Faust.
»Ich hab's bloß nachgesagt, der Herr sagt's, die Frau, 's ganze Dorf. Ich kann nicht dafür –!«
»Das ganze Dorf? Raus! Und sag' Deinem Herrn, wenn sich noch eins auf dem Buchenhof sehen läßt, da hetz' ich die Hunde!«
»Ich bring' sie um! Ich schlag' sie tot!« schrie Heinrich in rasender Wut und klammerte sich an das Mädchen. Berger riß ihn los.
»Laß sie! Laß sie laufen, Heinrich!«
»Loslassen, Mathias, los! Ich schlag' sie tot!«
Heinrich schlug mit den Füßen gegen Mathias, der ihn festhielt, während das Mädchen heulend davonlief.
Nach langer Zeit, als sie sich etwas beruhigt hatten, sagte Berger:
»Es war unrecht, Heinrich! Das dumme Ding quatscht bloß nach, was ihr die Leute vorreden. Aber, Heinrich, ich war ein großer Esel. Du hast recht, die dürfen Deine Mutter nicht tragen. Sie sind zu schlecht!«
Der Knabe wandte ihm den Rücken und stand in finsterem Groll und in furchtbarem Nachgrübeln zitternd da. Berger betrachtete ihn und ahnte, was in dieser Seele vorging. Da sagte er mild:
»Heinrich, komm einmal mit zur Mutter!«
In der kleinen Stube stand der Sarg. So friedlich lag die verklärte Frau auf den weißen Kissen. Laut aufschluchzend kniete Heinrich am Sarge nieder. Mathias Berger stand da mit gefalteten Händen, lange – in stummer Betrachtung. Das war ein tiefes Glück, daß er so ruhig hier stehen konnte.
»Heinrich,« sagte er leise, »ich hab' Deine Mutter sehr lieb gehabt, aber küssen tu ich sie jetzt das erste Mal.«
Und er beugte sich über den Sarg und küßte die lächelnde Tote.
Dann faßte er den Knaben an der Hand und führte ihn hinaus. Und Heinrich schmiegte sich fest an ihn an.