Kapitel 8
Neues Leben war auf den Buchenhof gezogen. Unten im Dorfe im kleinen Schuppen stand unbenutzt der Lumpenwagen, und Pluto, der »Bernhardiner«, lag faul im Buchenhofe und duldete mit lässiger, gelangweilter Vornehmheit die Neckereien Waldmanns, des Dachses.
Mathias Berger war nicht mehr auf den Lumpenhandel gezogen, er war der Verweser des Buchenhofes geworden.
Die Bauern im Dorfe lachten. Ein Lumpenmann Großbauer, das war auch zum Lachen. Zum Bauer sein gehört Verstand und noch mehr Geld. Und das hatte Mathias Berger beides nicht. Wenigstens nicht den richtigen Verstand. Von Geld war sowieso nicht die Rede.
Der Barbier hatte ein »Gedicht« gemacht; das hieß:
»Der Herr vom Buchenhofe hat sechs Dreier undEin' Lumpenwagen und ein' großen Hund.«
»Der Herr vom Buchenhofe hat sechs Dreier undEin' Lumpenwagen und ein' großen Hund.«
»Der Herr vom Buchenhofe hat sechs Dreier undEin' Lumpenwagen und ein' großen Hund.«
»Der Herr vom Buchenhofe hat sechs Dreier und
Ein' Lumpenwagen und ein' großen Hund.«
Dieses Gedicht fand starken Beifall im Dorfe, und selbst die kleinen Kinder lernten es auswendig. Auch erfand einTonkünstler eine sinnige Melodie dazu, so daß das Lied gesungen und gepfiffen werden konnte. Den Dichter machte es populär, und alle hielten ihn für einen witzigen Menschen, der einen helleren Kopf habe als die anderen Leute.
Mathias Berger hörte von dem Spottverse und beschloß, in einem wirklichen Gedichte, das der Redakteur des kleinen, landläufigen Blättchens gewiß drucken würde, dem Barbier und den Dorfleuten eine derbe öffentliche Antwort zu geben.
Mathias war in seinen Feierstunden ein Dichter. Er verfaßte zwar meist nur Gelegenheitsgedichte, wie Nachrufe, Festtagswünsche u. dergl.; aber einige Gedichte hatten auch in der Zeitung gestanden, und so hoffte Mathias, auch diesmal mit einem geharnischten Poem anzukommen.
Da fand er am Tor des Buchenhofes mit Kreide die Worte angeschrieben: »Der Barbiehr ist ein Esel!« Hannes, der Schaffersohn, bekannte sich mit vergnügtem Schmunzeln als Urheber dieses Sinnspruches und versicherte mit Wichtigkeit, daß er denselben Satz fast auf allen Zäunen und Toren des Dorfes verewigt habe. Dafür erhielt er von Mathias Berger eine unvermutete, aber sehr ausdrucksvolle Ohrfeige, und dieser andererseits zog aus dem Vorfall die weise Lehre, daß es nicht gut sei, sich mit Schubiacks in einen literarischen Kampf einzulassen. –
Auf Betreiben des alten Kantors war Mathias Berger zum gesetzlichen Vormund über die beiden Kinder Heinrich und Magdalena Raschdorf bestimmt worden.
Einen Tumult gab es im Dorfe, als bekannt wurde, daß Berger für Heinrich Raschdorf das Gut kaufe und derKnabe sich mit seiner Schwester »auseinandersetze«. Das Gut war abgeschätzt worden, nicht viel über die Gesamtschulden hinaus, die Heinrich Raschdorf übernahm. Das Mädchen erhielt eine geringe Summe ausgezahlt, die fest angelegt wurde.
»Wenn es uns besser geht, Lene,« sagte Mathias, »dann bekommst Du freiwillig, so viel wir Dir geben können. Jetzt dürfen wir den Hof nich noch mehr belasten, sonst können wir ihn nich halten.«
Das Mädchen verstand nichts davon; es war zufrieden, daß es auf dem väterlichen Gute bleiben durfte. –
Und um diese Zeit geschah es, daß Hannes abermals Prügel kriegen mußte. Das kam so:
Er hatte einem Rudel Jungen, das ihm den Spottvers von den »sechs Dreiern« in die Ohren sang, wütend und doch triumphierend zugeschrien, der Mathias Berger habe mehr Geld als die ganze »Lumpenpakasche« der Dorfleute, er hab' das ganze Dorf »gefünffingert«, denn er besitze 40- oder gar 100 000 Taler, und das habe kein Mensch gewußt. Und als die Jungen lachten, fragte er sie schnippisch, woher denn etwa mit solcher »Fixigkeit und Leichtigkeit« dem Schräger und dem Müller die Schulden bezahlt würden, wenn nicht der Mathias das Geld gäb'. Denn sonst borgte doch kein Mensch.
Diese Straßendebatte hatte drei Folgeereignisse:
1. Mathias Berger wurde zur Einkommen- und Kommunalsteuer herangezogen; 2. im Dorfe entstand eine neue, vielleicht überhaupt die stärkste Sensation, und 3. Hannes bekam Hiebe.
Das letzte Ereignis vollzog sich an einem trüben schwermütigen Märzabend in des Schaffers Stube. Der Vater warsehr schweigsam dabei, der Sohn nicht. Nach der Katastrophe ging Hannes hinaus, starrte in das trübe Abendlicht und lehnte seinen verlängerten Rücken gegen eine kühle Mauer. Da kam die Lene über den Hof, sah ihn verächtlich an und sprach nur das eine Wort: »Quatschkopp«.
Damit warf sie ihm etwas vor die Füße. Es war der Ring, den er ihr ehemals verehrt hatte.
Hannes rührte sich nicht. Für seinen Kampfesmut so schmählich behandelt zu werden, hatte er nicht verdient. Er nahm sich fest vor, weder mit seinem Vater noch mit Mathias noch mit der Lene jemals im Leben wieder ein Wort zu reden, und dann kroch er in sein Bett und schlief mit wehem Herzen und ebensolchem Rücken ein.
Im Dorfe unten aber wurde nach drei Tagen eine romantische Mär erzählt. Irgendwo – den Ort wußte niemand genau – habe eine alte, sehr geizige Frau gelebt, die all ihr Lebtag gespart und sich eine große Menge Papiergeld in einen alten, wollenen Unterrock eingenäht habe. Niemand hätte von dem kostbaren Unterfutter des alten Rockes, den die Frau beständig auf dem Leibe getragen habe, etwas gewußt, selbst die eigenen Kinder nicht. Eines Tages sei die Frau plötzlich am Herzschlag gestorben. Der Rock sei nebst anderem wertlosen Zeug einem gewissen Lumpenmann verkauft worden, und das weitere könne sich jeder denken.
Von dieser Geschichte erfuhr Mathias Berger vorläufig nichts. Er wußte, daß die Sympathie, die er früher im Dorfe genossen, geschwunden war seit dem Tage, da er sich der Raschdorfschen Sache annahm. Er hatte sich in Widerspruchgesetzt mit der öffentlichen Meinung, und das mußte er fühlen. Daß er einer ungeheuren Unehrlichkeit bezichtigt wurde, ahnte er nicht, freute sich vielmehr, daß sich die Leute schmerzlich den Kopf darüber zerbrechen würden, wie er zu so vielem Gelde gekommen sei.
Unterdes hatte er auch nicht Zeit, sich um das Gerede im Dorfe zu kümmern. Die riesige Arbeitslast, dem zerrütteten Buchenhofe wieder aufzuhelfen, lag auf seinen Schultern. Und da wuchs mit der Aufgabe seine Kraft. Zum erstenmal im Leben stand er so schweren Forderungen gegenüber, und sie stählten ihn.
Im zeitigen Frühjahr schon begann der Aufbau der Gebäude. Mathias Berger hatte einen tüchtigen, gewissenhaften Maurermeister gefunden, der sein Werk solid, rasch und billig herstellte.
Berger war von früh bis in die späte Nacht tätig. Jetzt war er in der Stadt zu Verhandlungen, jetzt stand er draußen auf dem Felde, jetzt saß er grübelnd und rechnend in der Stube, und dann stand er wieder unter den Handlangern und rührte Kalk ein oder trug Ziegel.
Ein Notstall wurde errichtet, die nötigen Ackerpferde gekauft, das Ackerzeug ergänzt, und die Feldarbeit konnte neu beginnen. Reichel, der Riese, arbeitete für drei. Aber er tat noch mehr. Er bot Mathias Berger seine Ersparnisse an, die sich auf ein paar hundert Mark beliefen.
»Reichel,« sagte Berger, »Dein Geld brauch' ich jetzt noch nich. Vielleicht später! Dann pump' ich Dich an, das versprech' ich Dir feierlich! Jetzt brauch' ich bloß Dich selber. Aber ganz notwendig, Reichel!«
Der Riese errötete über das Lob, das in diesen Worten lag, und arbeitete wieder, als ob er die Welt zusammenreißen wolle. Es war, als ob er seinen Charakter geändert habe, denn er tat alles mit einer großen Hast, wenn er ging und arbeitete, und ließ die majestätische Ruhe ganz außer acht, die sonst seinem Wesen eigen war.
Auch die Kinder halfen emsig nach ihren Kräften, und Hannes benahm sich in diesen Tagen tadellos, denn am Tage blieb ihm nicht eine Minute Zeit, Allotria zu treiben, und am Abend war er todmüde.
In all diesem emsigen Treiben fehlte nur Heinrich. Er war wieder auf der Schule. Ein paarmal schrieb er dringende Briefe, er wolle nach Hause, wolle helfen. Aber Berger, sein Vormund, ging darauf nicht ein. Er antwortete ihm kaum. Einmal nur schrieb er auf eine Postkarte: »Lieber Heinrich, sei Du nur so fleißig auf der Schule, wie wir hier alle sind, dann wird alles gut werden.«
So kam es, daß Heinrich trotz der heftigen Seelenerschütterungen, die seine Schülerarbeit gehemmt hatten, zu Ostern das Versetzungszeugnis als »Dritter der Klasse« nach Hause tragen konnte.
Auf dem Bahnhof holte den Knaben niemand ab. Es war kein Pferd übriggeblieben für die Fuhre. Aber da drüben hielt ein Wagen aus Heinrichs Heimatsdorfe. Ein Bauer holte irgend jemand von der Bahn. Heinrich stand mit seinem schweren Handkoffer da und wartete immer, ob ihn der Bauer nicht auffordern würde, mitzufahren. Aber der sagte kein Wort, und zu bitten schämte sich der Knabe. So fuhr der Bauer mit seinem halbleeren Wagen heim, und Heinrichnahm den Koffer und machte sich schwerbeladen auf den Weg nach Hause.
Der Koffer zerrte an seinen Armen und Schultern. Aber dem Knaben war doch, als ob er an dem Herzen in der Brust noch schwerer zu tragen habe. Er kam das erstemal nach Hause seit dem Tode beider Eltern.
Wie schwer sich das ging! Schwer und ohne alle Freude. Er hatte auch jetzt keine Begierde, die Veränderungen zu sehen, die seitdem gemacht worden waren. Es waren schon zu viel Veränderungen für eine Heimat.
Als er den Buchenhof sehen konnte, blieb er tiefatmend stehen. Dann begann er heftig zu weinen. War er dort unten zu Hause? War das wirklich der Ort, nach dem er sich in seinen Heimwehstunden gesehnt hatte? Oder war er nicht in die Irre gegangen, war das nicht die Fremde?
Wenn sein Vater jetzt dort unten ginge und nur einmal hinaufnickte, das wäre schön.
Aber dort war der Kirchhof. Dort lagen Vater und Mutter. Dorthin mußte der Heinrich gehen, wenn er nach Hause kommen wollte.
Und die Tränen des Kindes flossen reichlicher.
Da erhob sich etwas vom Straßenrande, ein Stückchen den Weg hinunter, und kam rasch auf Heinrich zugelaufen. Es war Lotte Schräger.
»Guten Tag, Heinrich! Guten Tag! Ach, ist das schön, daß Du kommst! Siehst Du, ich hab' einen Strauß gemacht. Da – nimm ihn! Warum sagst Du denn nichts? Gefällt er Dir nicht? Es gibt jetzt noch keine hübscheren Blumen.«
»O ja, Lotte, er ist sehr schön. Wo kommst Du denn her?«
»Ich hab' gewußt, daß Du kommst. Und es hat Dich doch niemand abgeholt, da wollt' ich Dir ein bißchen entgegengehen.«
Er wurde verlegen.
»Na ja, Lotte, da seh' ich doch jemand, den ich kenne.«
»Komm, ich werd' Dir den Koffer tragen. Oh, is der schwer!«
»Laß, Lotte, den Koffer kannst Du nicht tragen, den trag' ich selber!«
»Na nu, mal weg mit der Hand! Ich trag' den Koffer! Du mußt ja schon schrecklich müde sein!«
»Lotte, es geht nicht! Laß mich wenigstens am Henkel mit anfassen, da wird's besser gehen!«
So einigten sie sich und trugen den Koffer miteinander den Weg entlang.
Der Frühling lachte aus dem Walde heraus, und Heinrich Raschdorf ward auf einmal wohl ums Herz. Die Bangigkeit war verschwunden, und wie durch ein Wunder war die Ferienfreude in sein Herz eingekehrt.
»Lotte, ich freu' mich so, daß ich Dich getroffen habe.«
Das Mädchen sah ihm unschuldig ins Gesicht und lachte.
»Ja, sieh mal, Heinrich, das ist halt, weil ich doch eigentlich Deine Braut bin. Weißt Du noch damals vom Feuer?«
»Ich weiß es noch!«
Der Knabe war rot geworden. Er war schon reifer als das Kind, und es ging ihm jetzt wie eine langsame Lähmung durch die Glieder. Er hatte immer jene Mitschüler für schlechte Subjekte gehalten, die davon redeten, daß sie eine »Flamme«hätten. Es waren so fünf bis zehn Stück davon in der Klasse. Und ein paar machten sogar Gedichte. Herauskommen durfte so etwas nicht, da wäre einer einfach »abgesägt« worden. Eine schlechte Nummer wäre das mindeste gewesen.
Eine Angst packte Heinrich, ohne daß er doch ein heimliches Glücksgefühl los wurde. Und der junge Herkules wußte gar nicht, daß er da mit seinem Koffer auf einem Scheideweg herumlief.
Lotte begann wieder zu reden.
»Jetzt nach Ostern komm ich auch auf die Schule. In eine Höhere Töchterschule. Weißt Du, Stunden hab' ich ja schon viel gehabt, auch im Französischen, aber jetzt soll ich nu die richtige Bildung lernen. Vielleicht auf vier Jahre komm ich fort.«
»So, so, Lotte. Da wirst Du ja eine feine Dame werden.«
»Ja, der Vater will's. Viel Spaß macht mir's nicht. Aber ich denke, wenn Du doch so viel lernst, da muß ich auch nicht so dumm sein, wenn wir uns schon einmal heiraten.«
Das Mädchen ging von seinem Eheprojekt nicht ab.
»Du hast doch niemand was erzählt, Lotte?« fragte Heinrich ängstlich.
»Soll ich nicht?«
»Nein, Lotte, Du darfst nichts erzählen – niemand! Hörst Du – niemand: Das paßt sich nicht!«
»Das paßt sich nicht?«
Das Mädchen wurde nachdenklich. Zum ersten Male kam ihr ein dumpfes Bewußtsein, daß es sich hier um etwas handele, was niemand wissen dürfe. Und das tat ihr leid.
»Aber – aber so einen niedlichen Ring könntest Du mir auch schenken.«
Dem Knaben wurde schwül, und er sah sich ängstlich um, ob auch niemand in der Nähe sei.
»Ich möchte schon, aber ich hab' keinen, und wenn's geht, schenk' ich Dir einen.«
»Ach, da würd' ich mich aber freuen, Du! Schrecklich tät ich mich freuen!«
Heinrich begann ein alltägliches Gespräch, und das setzten sie fort, bis sie sich eine Strecke vom Buchenhofe entfernt verabschiedeten.
Unterm Hoftor blieb Heinrich stehen. Er kannte das väterliche Gehöft kaum wieder. Vieles war verändert. Eine Menge Baumaterialien war im Hofe aufgeschichtet und eine Schar Arbeitsleute war geschäftig tätig.
Abseits an einer Mauer saßen Hannes und Lene. Sie hatten ein jedes einen Hammer in der Hand, und damit schlugen sie Kalk los von alten Ziegeln.
Als sie Heinrich sahen, kamen sie rasch auf ihn zu. Mit herzlicher Freude begrüßten sie den Heimkehrenden.
»Jesses,« schrie Hannes, »nu hat niemand an den Koffer gedacht. Na, da haste gut schleppen können. Gib mal her! Schwerleck, der zieht! Na, siehste, Heinrich, Du mußt nich immer so viel Bücher reintun, denn sie sind schwer, und pauken tuste in den Ferien doch nich!«
»Von wem haste denn den Strauß?« fragte Lene.
Heinrich wurde rot und suchte nach einer Ausrede. Aber dann sagte er mit möglichstem Gleichmut:
»Ach, ich hab' die Schräger Lotte getroffen, und die hat ihn mir geschenkt!«
»Die Schräger Lotte?« fragte Lene streng.
»Die Schräger Lotte?« wiederholte Hannes entrüstet. »Na, ich danke, mit der gibst Du Dich noch ab und läßt Dir Sträuße schenken? Das hätt' ich nich von Dir gedacht!«
»Aber was – was ist denn?«
Hannes und Lene sahen sich an.
»Er weiß noch nich. Na, ich werd' Dir's sagen, Heinrich. Rat' mal, wo unser Mathias is!«
»Unser Mathias? Zu Hause! Wo sonst?«
Die Lene trat ganz dicht an ihn heran und flüsterte ihm ins Ohr:
»Im Gefängnis is a!«
»Im Gefängnis – das ist nicht wahr!«
»Ja! Der Schräger hat'n verklagt, und da hat a zehn Tage gekriegt. Wegen der Beleidigung!«
Der Knabe stand wie erstarrt.
»Na, und Du läßt Dir von der Lotte 'n Strauß schenken?«
Heinrich konnte kein Wort sagen, kein armseliges Wort. Ein Stückchen Heimat hatte sich vor ihm aufgetan, als er mit dem Nachbarskinde vorhin wanderte. Und das wurde ihm so grausam wieder genommen.
»Seit wann ist er fort?« brachte er endlich heraus.
»Heute is der vierte Tag. A hat sich gerade über die Feiertage einsperr'n lassen, daß a dann wieder mit arbeiten kann. Na siehste, die Schrägerleute, das sind eben alles Lumpe.«
Jenseits des Hoftors schallte eine krächzende Stimme:
»Eingesperrt – eingesperrt! – Sechs Dreier und einen Hund, einen großen Hund!«
»Das ist der Gustav, das blödsinnige Heft! – Da! Hier habt Ihr Euren Mist wieder!«
Und Hannes riß Heinrich den Strauß aus der Hand und schleuderte ihn über das Tor.
»Was machst Du, Hannes, was –«
Aber draußen schrie der Idiot schon wieder: »Blumen! Blumen! O, schöne Blumen! A Pukettel! A Pukettel! Ich putz mich! Ich mach mich fein! Sechs Dreier und einen Hund – einen gro–o–o–ßen Hund!«
Damit verschwand er singend im Kretscham.
Heinrich stand mit gesenktem Kopfe da.
»Unser Mathias! Aber das war doch nicht recht, Hannes! Die Lotte kann doch nichts dafür.«
Die Antwort gab seine Schwester Lene.
»Das is ganz egal! Von den Schrägerleuten darfst Du keinen Strauß nehmen. Das paßt sich nicht!«
»Du wirst doch nich etwa zu den'n halten! Das hätt' sich der Mathias gerade verdient. Na komm, Lene, wir müssen wieder Ziegeln abkratzen. Geh nur in die Stube, Heinrich.«
Die Kinder gingen fort, und Heinrich nahm den Koffer und trat ins Haus.
Niemand war in der großen Wohnstube. Leer und einsam lag das Zimmer. Da fühlte Heinrich Raschdorf, daß hier die Heimat nicht mehr war.
Müde sank der Gast auf einen Stuhl und stützte sich auf den Tisch. Und so saß er ohne klare Empfindungen. Nur eine große Bangigkeit war in ihm.
Er hatte wohl auch Hunger. Aber es kam niemand, ihn zu fragen, ob ihm etwas fehle.
Der Lehnstuhl der Mutter stand am Fenster – leer. Zuguterletzt ging Heinrich mit zagen, scheuen Schritten näher und setzte sich in den Stuhl. Das Gesicht preßte er gegen die Lehne.
Und auch in dem Stuhle war nicht die Heimat. Nur eine wilde, quälende Sehnsucht kam, indes es draußen langsam dunkelte.
Drüben über der Straße ging indes eine Kindheit unter.
Die Kindheit Lottes.
Wer von allen weiß, wie lange Kindheit dauert? Bei manchen Wesen ist sie früh verloren; bei manchen dauert sie das ganze Leben.
Wer ein Wissender wurde, ist kein Kind mehr. Nur die sind Kinder, die vor den verschleierten Bildern des Lebens wunschlos stehen und nicht fragen.
Wer mit zweifelnder Hand den Schleier hob, oder wem ein Sturm die großen, öden Bilder enthüllte, der ist weit von der Kindheit.
Und wer weit von der Kindheit ist, ist nahe dem Tode.
Die Scham war diesem Mädchen gekommen wie ein dunkelrotes Licht, das ein trübes Erkennen brachte, das Erkennen, daß Lieb' und Treue gemißhandelt werden können.
O, ihr welken Anemonen!O, ihr toten, traurigen Veilchen!
O, ihr welken Anemonen!O, ihr toten, traurigen Veilchen!
O, ihr welken Anemonen!O, ihr toten, traurigen Veilchen!
O, ihr welken Anemonen!
O, ihr toten, traurigen Veilchen!