Kapitel 9

Kapitel 9

Drei Jahre später. Die Osterglocken läuteten genau so wie damals, als der Buchenhof wieder aufgebaut wurde. Ganz derselbe Akkord! Ganz dasselbe Osterlied. Nur ein neuer Kantor ging vor der singenden Menge; der andere war bei der stillen, großen Zuhörerschar, die ungesehen hinter der frühlingsgrünen Rasengardine nach Auferstehungsliedern lauscht.

Vorweg im kirchlichen Zuge gingen die Musizierenden, dann kam der Priester mit seiner Begleitung und dann die Gläubigen in Reihen zu fünf oder sechs Leuten.

Eine solche Reihe bestand aus Heinrich und Lene Raschdorf, Mathias Berger, Liese, dem Schaffer und seinem Sohne Hannes.

Die Buchenhofleute gingen immer für sich. Sie vermischten sich mit den anderen nicht.

Früher waren sie mit bei der Musikkapelle gewesen, jetzt schon lange nicht mehr. Sie waren einmal beleidigt worden.

»Das ist kein Schade,« hatte der Mathias damals gesagt, als er mit seiner Trompete nach Hause kam, die sonst auf dem Chor neben der Orgel hing, »gar kein Schade, denn die Sänger und Musikanten sind die unandächtigsten Leute in der ganzen Kirche. Wenn sie musizieren, da haben sie bloß immer aufzupassen, daß sie nich aus 'm Takt kommen, und könn'n an a Herrgott nicht denken, und wenn Pause is, da schnaupen sie sich die Nasen aus oder quatschen miteinander. Na, ich sage: Wenn der Herr Jesus mal auf so 'n Chor käm', der schlüg' manchem die Baßgeige um die Ohren.«

»Is richtig,« hatte der Schaffer gesagt und sonst nichts, hatte aber auch damit seine künstlerische Stellung als Paukenschläger begraben.

Am nächsten Sonntag aber, als Reichel mit Mathias in der Kirche unten im Schiff saß, schlief er ein. Da sagte Mathias auf dem Heimwege, für den Schaffer wäre das Paukenschlagen immer noch der allerbeste Gottesdienst.

Nach der kirchlichen Feier an jenem Ostermorgen gingen die Buchenhofleute miteinander heim.

Sie waren sehr fröhlich, denn es ging ihnen gut. Heinrich war nun endgültig von der Schule zurück. Er hatte die Berechtigung zum Einjährigen-Dienst erworben, und Mathias Berger war zufrieden mit ihm. Heinrich war ein hochgewachsener, etwas blasser, aber hübscher Bursche geworden.

»Nun kann's gehen, wie's will, Heinrich, nu find'st Du immer 'ne Stelle.«

Übrigens ging es gut. Der Hof war völlig neu eingerichtet, und ein paar günstige Jahre sowie Fleiß und Anspruchslosigkeit,die keiner Steigerung mehr fähig waren, hatten zuwege gebracht, daß Mathias Berger nicht nur die Zinsen pünktlich bezahlen konnte, sondern immer neue Verbesserungen im wirtschaftlichen Betrieb anlegte, wenn er auch vorläufig noch kein Geld sparte.

Wenn ihn aber Heinrich fragte, ob er sich auch gewissenhaft die Zinsen für sein eigenes Kapital nähme, wurde er immer verstimmt und sagte:

»Möchtest mir wohl auch gern Lohn geben wie einem Großknecht? Sei nur still! Ich komm schon zu meiner Sache, wenn's erst besser geht. Später rechnen wir ab. Ich schreib' alles auf. Und weißt Du, was ich brauche, nehm' ich mir, und meiner Schwester und der Liese schick' ich Milch und Butter, Kartoffeln und Speck. Das sind genug Zinsen.«

Nun trug sich Mathias Berger mit großen Plänen. In einem Hügel, der zum Buchenhof gehörte, hatte er ein Lehmlager entdeckt. Also wollte er eine Ziegelei anlegen und erhoffte von dieser reichliche Erträge. Nur klug und vorsichtig müsse man es anfangen. Jedenfalls sei die Sache bei der regen Bautätigkeit, die im Kreise entfaltet werde, durchaus aussichtsvoll. Als Anlagekapital wollte Mathias Berger seine letzten 7000 Mark zu Hilfe nehmen.

»Und wenn das Geld verloren geht, wenn wir pleite werden, wenn Du stirbst, was wird dann aus der Liese?«

Bergers Gesicht verfinsterte sich etwas.

»Aus der Liese?! Na ja! Aber sieh mal, da muß sie halt arbeiten – wie wär's, wenn ich das Geld nicht gewonnen hätte? Und dann is vom Pleitewerden gar keineRede. Geht der Krempel nicht, hör'n wir zur rechten Zeit auf!«

Heinrich dachte nach.

»Jawohl, und ich würde ja auch die Liese nicht verlassen, ich würde alles tun für sie – alles!«

Da leuchteten Mathias Bergers Augen. Es lag ein eigener Osterglanz darin. Und er drückte Heinrich stumm die Hand.

Der aber sah den Weg hinauf.

Dort ging im jungen Morgenlicht eine schlanke, feine Mädchengestalt. Sie trug ein lichtes Kleid und einen ganz modischen Hut.

Neben ihr ging ein junger Bursche, und vornweg trollte der Idiot. –

»Du,« sagte Hannes zu Lene, die auch miteinander gingen, »eigentlich ist doch die Schräger Lotte a sehr hübsches Mädel geworden.«

Lene antwortete nicht.

»Na, ich sag' ja, Lene, Du bist ja auch ganz hübsch, wenn Du och nich so fein und klug bist. Und was die Hauptsache is, Du bist doch viel kräftiger als wie die Lotte.«

Das hielt Hannes für eine Schmeichelei. Die Lene aber fuhr ihn zornig an, daß er es für ratsamer hielt, sich Heinrich anzuschließen, der indes langsam herankam.

»Was ist denn los? Ihr habt Euch wohl wieder gezankt? Könnt Ihr Euch denn nicht vertragen?«

»Nee, dazu is die Lene zu grob. Sie hat keene Bildung! Am besten is, ich red' überhaupt nich mehr mit ihr.«

»Was habt Ihr denn wieder mitsammen?«

»Ach, ich hab' bloß gesagt, daß mir die Lotte gefällt, und da is se wahrscheinlich eifersüchtig oder so was.«

Heinrich sah vor sich nieder auf den Weg.

»Damals hattest Du Lottes Strauß auf die Straße geworfen, alter Freund. Weißt Du, daß sie seit der Zeit nie mehr mit mir gesprochen hat?«

»Ja. Aber im Grunde genommen is 's ja besser so. Freundschaft könn'n wir doch mit a Schräger-Leuten nich halten. – Sieh mal a jungen Riedel! Ich globe, der will se poussier'n. A lauft alle Tage zum Schräger. Na, das wär' auch, als wenn sich der Ochse mit 'm Kanarienvogel verheiratete!«

In diesem Augenblick wandte sich Gustav Schräger um und brüllte aus vollen Lungen den Bergweg herunter:

»Sechs Dreier und einen Hund!Einen gro…o…ßen Hund!«

»Sechs Dreier und einen Hund!Einen gro…o…ßen Hund!«

»Sechs Dreier und einen Hund!Einen gro…o…ßen Hund!«

»Sechs Dreier und einen Hund!

Einen gro…o…ßen Hund!«

Man hörte den jungen Riedelbauer lachen, während Lotte den Idioten offenbar scharf zur Ruhe wies. Da blieb er hinter ihr und ihrem Begleiter zurück, drehte sich von Zeit zu Zeit um, drohte mit der Faust nach den Buchenhofleuten oder warf Steine den Weg herab.

»A wird immer blödsinniger,« sagte Hannes. »Aber das Versel vom Barbier kann a immer noch. 's is das einzige, was a auswendig kann. Na, und sein Vater is bald nich mehr klüger wie er.«

»Du mußt nicht so reden, Hannes.«

»Na, Du hast eben keine Ahnung, Heinrich, wie der Schräger sauft. Alle Tage is a besoffen, manchmal schonfrühmorgens. Und weißte, das is komisch: a sauft gerade seit dem Tage, wo Deine Mutter gestorben is.«

»Wieso?«

»Früher hat doch der Schräger kaum amal genippt, und an dem Tage, wo Deine Mutter frühmorgens starb, da war a mittags schon so besoffen und hat so gelärmt im Kretscham, daß man's bis bei uns gehört hat. Weißte, was Mathias sagt? Das is das böse Gewissen! Das will a totsaufen!«

»Das kann kein Mensch behaupten.«

»Behaupten wird's der Mathias nich mehr, dafür hat a ja zehn Tage gekriegt. Weißte noch, jetzt sind's grade drei Jahre. Das war a schlechtes Osterfest. Der Mathias kann alles vergessen, aber daß a hat sitzen müssen, das frißt an 'm. Deswegen is a auch bloß mit a Leuten im Dorfe nich mehr gutt. Die geh'n nu amal doch zum Schräger, und den Schräger kann a nich leiden.«

»Eigentlich ist es schlimm, daß wir uns mit den Leuten nicht vertragen, aber ich hoffe, daß es doch mal besser werden wird!«

»Da kannste lange hoffen! Wenn wir jetzt erst noch Ziegeleibesitzer sind, da fressen sich die Leute selber uff vor Neid. Denn im Grunde genommen nehmen sie's uns doch bloß übel, daß wir damals nich pleite geworden sind. Wenn Dein Vater eingesperrt worden wär', und die Wirtschaft hätte der Schräger, und Du wärst Knecht, da wär'n Dir die Leute ganz gutt. So aber nich!«

Heinrich seufzte. Hannes fuhr fort zu reden.

»Und was haben sie alles gesagt: Dein Vater hat angezünd't oder Du! Ja, ja, guck nur! Das sagen sie immernoch. Zwar nich laut, denn da setzt's ja zehn Tage, aber sie sagen's. Du oder Dein Vater, oder beide! Und dann, daß a sich erschossen hat. Und von Deiner Mutter und vom Mathias –«

»Hör' auf, Hannes, hör' auf! Ich mag nichts mehr hören davon!« – – – –

Ein Stückchen weiter den Weg hinauf sagte Lotte Schräger zum jungen Riedel: »Es ist doch unrecht von den Dorfleuten, daß sie so garstig zu den Raschdorfs sind.«

»Unrecht, hä! Zu solchen Feuermachern und Selbstmördern?!«

»Wer kann das beweisen? Kein Mensch!«

»Beweisen! Hä! Das Gericht freilich nich. Aber wir wissen's alle. Und der Berger. Wo hat a denn das Geld her? 40 000 Mark a Lumpenmann! Was?«

»Das weiß ich nicht.«

»Nee, das weeß keen Mensch, das weeß a bloß selber. Da müßt' sich's Gericht drum bekümmern; aber darum schert sich keen Teufel. Zu knapper Not, daß a damals was aufs Maul kriegte, wie a 's Deinem Vater in die Schuhe schieben wollte, ein'm Manne, der überhaupt nich aus der Stube gekommen is. Das sind feine Leute, was?«

Lotte schwieg.

»Na, und dann – a hat die Raschdorfen geküßt. Die Glasen hat's gesehen. Und das, während der Hof brennt in der Nacht. Feine Leute!«

»Riedel, bitte, nicht – nicht so was –«

»Und warum interessiert a sich denn gar so sehr für den Heinrich? Warum nimmt a weder Lohn noch Zinsen?«

»Das kann ich nich sagen.«

»Na, und der alte Raschdorf hat mit kein'm Menschen Freundschaft gehalten, und die jetzt scheinen auch drauf zu warten, daß sie's ganze Dorf um Verzeihung bitten kommt. Hol' der Teufel die hochnäsige Bande!«

»Riedel, ich leid' solche Redensarten nicht.«

»Leid'st sie nich? Na, da – da kann ich wohl gehen, da kann's ja die Schräger-Lotte mit a Buchenhofleuten halten. Aber der studierte Heinrich, der gefällt vielleicht der Lotte, da hält sie's lieber gegen a Vater –«

»Riedel, das leid' ich nicht! Solches Gerede paßt sich nicht, überhaupt auf dem Kirchwege! Da geh lieber!«

Der Bursche sah mit finsterem Gesicht auf den Boden. Zwanzig Schritte weit ging er noch mit, dann bog er in einen Feldrain ein. Lotte ließ ihn gehen und schritt ernst weiter. Der Idiot aber schlich dem jungen Riedel nach.

»Du,« sagte er tückisch, »wir werden sie schmeißen!«

Riedel antwortete ihm nicht, aber er blieb stehen. Indessen kamen Heinrich und Hannes näher, ein Stück dahinter Mathias und Lene. Der junge Riedel sah Heinrich herausfordernd an. Dann lachte er roh und rief laut herüber:

»Die Schräger Lotte möchte lieber mit a Buchenhofleuten gehn!«

»Die Schräger Lotte läßt a Herrn Raschdorf schön grüßen, und sie möchte gern seine Liebste sein!«

Heinrich blieb erschrocken stehen und wurde feuerrot.

»Ja,« fing der junge Riedel wieder an, »und sie nimmt ihm gar nischt übel, nich a Brand und rein gar nischt!«

»Riedel! Ich – ich –« Heinrich ging ein paar Schritte auf den rohen Burschen zu und blieb dann stehen. Er schämte sich, tätlich zu werden. Riedel hielt das für Feigheit.

»Oho, komm nur her, fang' nur an; Du bist mir gerade recht!«

Da kam der Schaffer. Er ging schweigend auf Riedel zu. Der stand verlegen still, denn den Schaffer fürchtete er.

»Mit Ihnen hab' ich nischt,« sagte er halb trotzig und halb beklommen. Darauf bekam er keine Antwort.

Der Schaffer faßte ihn an beiden Schultern und kommandierte: »Kehrt!« Damit drehte er den jungen Mann mit einem gewaltigen Ruck um, gab ihm einen freundlichen Stoß in den Rücken und sagte: »Marsch!«

Der junge, starke Bauer kochte vor Wut. Aber es nützte nichts; diesem Riesen war er bei weitem nicht gewachsen, und so mußte er einen Schritt vor ihm hermarschieren den Berg hinab, wenn er nicht das Schlimmste gewärtigen wollte.

Jedesmal, wenn er sich widersetzen oder stehen bleiben wollte, bot ihm der Schaffer in gutmütigem Tonfall eine riesige Tracht Prügel an.

Und so mußte er gehen und konnte nur schimpfen, denn wenn er geprügelt worden wäre, das wäre eine zu große Schande gewesen.

Als sie ein großes Stück gegangen waren, sagte Reichel:

»'s is heiliger Tag heute! Da soll man nich brüll'n, nich schimpfen und überhaupt keene Stänkerei machen!« Mit dieser Ermahnung verließ der tapfere Christ den wütenden jungen Riedel und ging schweigend zurück.

Hannes hatte sich indessen aus hellem Vergnügen über das Bravourstück seines Vaters lang auf den Wiesenrain geworfen und mit Füßen die Erde getrommelt. Diese Beifallskundgebung trug ihm einen häßlichen Fleck auf seinem neuen Sommeranzug und außerdem das bedrückende Bewußtsein ein, daß er für seine Leute nicht Partei ergreifen dürfe, ohne Schaden zu nehmen. Und es blieb ihm nichts übrig, als vorläufig auf das Benzin und auf die Zukunft zu hoffen.

Fünf Tage nach diesem Ostermorgen begann Heinrichs Tätigkeit als Bauer.

O du liebe, schwere Zeit!

Eine Mahnung sollte jeder verständige Mensch beherzigen: Wenn du geeignet bist, lateinische Schriften mit Geschick zu übersetzen und algebraische Aufgaben mit Richtigkeit zu lösen, so unternimm es nicht, Pferde anzuschirren, sonst kannst du an all deinen Talenten irre werden und andere auch.

Hannes stand als Lehrmeister neben Heinrich, der sich bemühte, einen Ackergaul anzuschirren. Der junge Magister war schlechter Laune.

»Heinrich, Du bist einfach 'n tapriger Hering. Hierum kommt der Riemen! Hier mußte festschnallen! Nu, Mensch, siehste denn die Schnalle nich? Nich zu locker! So, in das Loch! Herrjeh, Kerl, wenn Du als Primus schon so tumm bist, wie mögen erst die andren sein!«

»Bitte, Hannes, red' nicht so viel!«

»Da soll einer nich reden! Sieh ock, wie sich der Schimmel umguckt! Der lacht sich eens über Dich! Nanu a Zaumeinmachen! Fürcht' Dich ock nich! Der Schimmel beißt nich; höchstens Haber! Geh weg, ich mach' a Zaum selber ein, das wär' mir a Gegratsche! Mach derweile a Mist aus a Hufen raus.«

»Was soll ich?«

»A Mist aus a Hufen rausmachen!«

»Womit denn – womit soll ich denn, Hannes?«

»Womit? Schafkopp! Mit a Händen! Mit was denn sonst?«

»Pfui, das ist schrecklich unappetitlich!«

Hannes schüttelte über seinen talentlosen Schüler melancholisch den Kopf.

»Unappetitlich! Mensch! Als wenn da was zum Essen wär'! Na, da sieh mal her, so macht man a Mist aus a Hufen raus, schmeißt 'n natürlich weg und wischt sich an a Hosen die Hände ab. Möcht' ich wissen, was dabei unappetitlich is!«

Heinrich sagte gar nichts; er seufzte nur schwer. Dann bestieg er mit Hannes den Ackerwagen, und sie fuhren hinaus aufs Feld. Er selbst behielt die Zügel.

Wie sie ein Stückchen draußen waren, bückte sich der Schimmel nach dem Wegrain und fing an zu grasen, während er den Wagen langsam, sehr langsam hinter sich herzog. Heinrich ließ ihn gewähren, denn er meinte, solch ein Gebahren sei bei den Ackerpferden allgemein üblich.

Hannes aber saß stumm neben ihm mit verhaltenem Zorn und schwerer Verachtung. Nach einer Weile hielt er's aber nicht länger aus und er seufzte zynisch:

»Na, da werden wir ja hoffentlich zu Mittage draußen sein.«

Heinrich schrak aus seinen Träumen empor und wackelte energisch mit der Leine. Der Schimmel ließ sich dadurch nicht stören, sondern streckte gerade seine lüsterne Zunge nach einer frisch aufgeschossenen Maiblumenstaude aus – da hieb ihm unvermutet der Hannes die Peitsche über den Rücken, daß er aufzuckte und sich in eine für sein Temperament verblüffend schnelle Gangart setzte.

Leider geschah es, daß Heinrich über den Hieb noch heftiger erschrak als der Schimmel, und daß ihm deshalb die Leine entglitt, die nun unten auf der Erde einherschleifte. Und in dieser für einen Kutscher sehr trostlosen Verfassung begegnete das dahinsausende Gefährt dem Barbier.

Der schlug ein Gelächter an und ging dann schnell dem Buchenkretscham zu. –

Auf dem Felde draußen sagte Hannes finster:

»Du plamierst ein'n kolussal!«

Heinrich wußte nichts zu erwidern. Da war er nun der Herr und Besitzer des Buchenhofes, hatte mehr gelernt als alle anderen Bauern und wußte nicht einmal einen fetten Gaul zu regieren.

Und nun kam die schwierigere Aufgabe. Heinrich sollte pflügen lernen. Hannes spannte den Schimmel an den Pflug und sagte:

»Den Rand mach' ich! Das is zu schwer für Dich. Geh mal nebenher und paß auf! So – also so wird der Pflug gehalten. Fest muß man ihn halten, sonst springt a raus. Und 's Pferd muß immer'n Fuß breit weg von der Furche gehn. Jüh!«

Aufmerksam schritt Heinrich neben dem Pfluge einher. Er gab genau acht, und die Sache erschien ihm kinderleicht.Hannes machte allerlei Kunststückchen; er überbot sich in technischen Ausdrücken, namentlich in den direkten Anreden, die er an das Pferd richtete, und ließ bald die rechte, bald die linke Hand von den Holmen los, wie ein eitler Radler auf der Straße, wenn er den Passanten zeigen will, wie sicher er seiner Sache sei.

Indessen kam Heinrich in eine schwermütige Stimmung. Seine Gedanken flogen hinab nach Breslau. Heute begann das neue Schuljahr. Die Ober-Sekunda! Jetzt mußte eigentlich alles erst recht interessant werden. Der Ordinarius in Ober-Sekunda war bekannt als tüchtiger Lehrer. Ach, er durfte seinem Unterricht nicht lauschen; er mußte pflügen lernen, mußte stumpfsinnig die Furchen entlang gehen, immer hin und her ohne alle Abwechslung, ohne jedes bißchen Geist.

Aber er hatte es ja doch so gewollt; er hatte um jeden Preis in der Heimat sein wollen.

Und wieder dachte er nach, was für eine Bewandtnis es um die Heimat habe.

»Na, nu kommst Du dran, Heinrich; nu nimm Dich aber zusammen!«

Heinrich trat an den Pflug, und sein Gesicht war so rot, als ob ihm eine schwierige Examenaufgabe gestellt worden sei, von deren guter Lösung alles abhing. Krampfhaft fest faßte er die Holmen des Pfluges.

»Los!« sagte er mit erregter Stimme.

»Los versteht der Schimmel nich,« korrigierte Hannes; »jüh mußte sagen.«

»Jüh!«

Das Pferd zog an. Ein paar Schritte ging es. Heinrich taumelte hinter dem Pfluge hinüber und herüber wie ein Betrunkener; schließlich flog die Pflugschar aus der Erde heraus, der Pflug fiel um, und Heinrich sprang beiseite, um nicht geschlagen zu werden.

Der Schimmel blieb verdutzt stehen und schaute sich mitleidig um. Hannes aber zuckte empört die Schultern.

»Schweinisch, sag' ich, einfach schweinisch!«

Das war seine Kritik, dann zog er den Pflug zurück, verbesserte die »verhunzte Furche«, fuhr bis auf die Mitte des Ackers und bot Heinrich abermals den Pflug an.

Ach, der Erfolg war nicht besser als vorher. Hannes schimpfte, und über Heinrich kam tiefe Verzagtheit.

»Es geht nicht, Hannes, es geht absolut nicht.«

Hannes steckte sinnend die Hände in die Hosentaschen.

»Heinrich, ich glaube, Du wirst a ganz miserabler Pauer werden.«

Das fürchtete Heinrich auch, und die Frage, ob es nicht besser für ihn gewesen wäre, bei den Büchern zu bleiben, tauchte ihm schon an diesem ersten Tage seiner Bauerntätigkeit auf.

Trotzdem nahm er mit großer Energie immer wieder das Geschäft des Pflügens auf, und einmal gelang es ihm, eine ganze Furche entlang zu fahren. Da rötete sich sein Gesicht vor Freude. Als er aber den Pflug umwenden wollte, um zurückzufahren, geschah ein Unglück. Er setzte sich das schwere Ackergerät heftig auf den Fuß. Laut auf schrie er, warf den Pflug hin und setzte sich an den Feldrand.

Wieder wandte sich der Schimmel um und machte eine so undeutliche Miene, daß niemand wissen konnte, ob sie Mitleid oder Ironie bedeute.

Hannes kam mit langen Schritten heran und besah sich den blutenden Fuß, von dem Heinrich indessen den Stiefel gezogen hatte. Zorn und Mitleid kämpften in ihm.

»Das allerbeste is, Du gehst nach Hause. Das is ja lebensgefährlich für Dich!« –

»Du – dem Großbauern blutet der Fuß. A hat sich gewiß a Pflug drauf gesetzt. Na und die Furche, sieh mal, die hat a gemacht.«

Darauf ein schallendes Gelächter.

Drüben am Wege standen der Barbier und der junge Riedel.

Heinrich wandte sich ab vor Scham. Hannes aber, der die beiden Männer auch nicht hatte kommen sehen, da das Ackerfeld hinter einem kleinen Erlengebüsch lag, knirschte vor Zorn.

»So 'ne lausige Plamage! Nu haben die Kerle zugesehn!«

Aber dann wandte er sich nach dem Wege hinüber:

»Macht, daß Ihr fortkommt! Das hier geht Euch gar nischt an. Der Raschdorf Heinrich hat mehr Verstand in einer großen Zehe als Ihr in der ganzen Figur, die Mütze noch mitgerechnet.«

»Nu, so ein Lausejunge!«

Der Barbier und Riedel kamen übers Feld.

Hannes ergriff die Peitsche.

»Heinrich, Du nimmst a Barbier, ich nehm' a Riedel!«

Heinrich sprang auf. Mit dem blutenden, nackten Fuße stand er auf dem schwarzen Boden. Aber er stand stolz und herrisch da.

»Zurück! Das ist mein Grund und Boden! Ich verbiete Euch, daß Ihr ihn betretet.«

Die beiden Störenfriede blieben stehen.

»Das is Hausfriedensbruch!« schrie Hannes. »Dafür setzt's Kittchen!«[1]

[1]Gefängnis.

[1]Gefängnis.

[1]Gefängnis.

Sie stutzten. Sie glaubten das von »Hausfriedensbruch« und kehrten um mit der Drohung, der Hannes laufe ihnen schon noch in die Hände.

Dann machten sie noch ein paar hämische Bemerkungen und gingen nach dem Dorfe.

Dort entstanden dem landwirtschaftlichen Erstlingswerk des jungen Buchenbauern zwei üble Kritiker. –

»Nu werd' ich den Schimmel einspannen und Dich nach Hause fahr'n. Laufen wirste wohl nich können.«

So geschah es. Als Hannes wieder aufs Feld zurückkam und nun den Acker in prächtigen, geraden Furchen pflügte, dachte er jedesmal, wenn er voll Freude sein Werk betrachtete:

»Bloß gut, daß ich nie aufs Gymnasium gegangen bin.«

Der junge Buchenbauer aber saß trostlos daheim in seiner Stube. Die Liese verband ihm den Fuß.

Mit zärtlicher Sorgfalt wusch sie die Wunde, und als sie den heilsamen Arnikasaft darauf goß, sah sie ängstlichnach Heinrich, ob es ihm auch nicht zu große Schmerzen verursachte.

Mit geschickten Fingern legte sie den Verband an.

Heinrich betrachtete das zarte, hübsche Mädchen. Sie war jetzt siebzehn Jahre alt. Lichtblondes Haar fiel gescheitelt um die reine, weiße Stirn. Das Gesicht war etwas blaß.

Heinrich dachte daran, wie zärtlich Mathias dieses Mädchen liebte, und er nahm sich vor, all sein Leben lang freundlich zur Liese zu sein. Das, meinte er, erfordere schon die Dankbarkeit gegen Mathias, seinen großen Wohltäter.

Und dieser Gedanke, daß Mathias sich freuen würde, wenn er gut und lieb zur Liese wäre, faßte ihn stark zu dieser Stunde. Bisher hatte er kaum daran gedacht. Jetzt ward ihm die hohe Pflicht inne.

Er strich dem knienden Mädchen sanft mit der Hand über den Scheitel.

»Du bist so gut zu mir, Liese. Ich danke Dir!«

Da sah sie ihn an mit strahlenden Augen, und ihre blassen Wangen färbten sich ein wenig rot.

»Ich tue es gern,« sagte sie schlicht.

In diesem Augenblick sah Mathias zum Gartenfenster herein. Einen Augenblick betrachtete er die beiden, dann trat er lautlos zurück.

Im Garten lehnte er sich an einen Baum. Die ersten Knospen waren aufgesprungen und schauten ihn an wie eben aufgegangene Sterne. –

Die folgenden Tage war Heinrich an die Stube gefesselt. Der Fuß war ihm stark geschwollen.

Da bat er die Liese, sie möchte ihm einige von seinen Büchern bringen.

Wie die Bücher vor ihm lagen, strahlten die Augen des jungen Buchenbauern. Es war, als ob er alte Freunde wiedersehe.

Dann brachte der Postbote einen Brief. Er war von einem guten Freunde Heinrichs aus Breslau, einem Schulkameraden, der in der Klasse neben ihm gesessen und auch in derselben Pension mit ihm gewohnt hatte.

Mit einem Jubelrufe empfing Heinrich das Schreiben und las mit leuchtenden Augen. Lauter interessante Neuigkeiten von Leuten, die er gut kannte. Und am Schluß kam die Schilderung des Lebens und Treibens in der neuen Klasse.

Über diesen Brief bekam Heinrich das Heimweh, und zwar so bitter und stark, wie er es früher kaum gekannt hatte. Er schaute sich um. War er denn nicht zu Hause? War das nicht seine Stube? War das nicht die heimatliche Straße draußen? Wie konnte er Heimweh bekommen? Was war es doch um die Heimat?

Der Jüngling wußte es nicht; er glaubte immer noch, die Heimat sei ein sichtbarer, bestimmter Raum.

Als ein Weilchen später Mathias in die Stube trat, sagte Heinrich: »Mathias, ich hab' ein Anliegen. Ich hab' hier einen Brief von einem Freunde bekommen, der jetzt in Ober-Sekunda ist. Ich möchte mir gern die Bücher von der neuen Klasse schicken lassen. Es interessiert mich doch, was jetzt kommt, und dann, manchmal werd' ich ja doch Zeit haben, ein wenig zu lernen.«

»Ja, Heinrich, das machst Du recht, wenn Du weiter lernen willst.«

So kam es, daß der junge Buchenbauer ein Studierender blieb. An all den langen Abenden saß er bei den Büchern, auch an den Regentagen. Und sein reger Geist faßte das meiste richtig. Dabei versäumte er nicht, sich in den landwirtschaftlichen Arbeiten auszubilden; und es ging auch ganz gut, seit er den schweigsamen, geduldigen Schaffer zu seinem Lehrmeister gemacht hatte. Hannes hatte keine Unterrichtserfolge bei ihm erzielen können, weil er ein zu heißsporniger, bissiger Pädagoge war. Also ward ihm sein landwirtschaftliches Mentoramt auf Grund eines Familienbeschlusses entzogen, und er fügte sich in diese Absetzung mit Würde.


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