Chapter 6

»Ich küsse dich, Anuschka.Ich küsse dich, Iwan.Was wird sein, wenn wieder der Wein blüht?«

»Ich küsse dich, Anuschka.Ich küsse dich, Iwan.Was wird sein, wenn wieder der Wein blüht?«

»Ich küsse dich, Anuschka.Ich küsse dich, Iwan.Was wird sein, wenn wieder der Wein blüht?«

»Ich küsse dich, Anuschka.

Ich küsse dich, Iwan.

Was wird sein, wenn wieder der Wein blüht?«

Gegen die Fenster flog ein Regenguß, dann zitterten die Scheiben, und die Tür des kleinen Zimmers brach auf.

»Es bereitet mir aufrichtige Betrübnis, meine Gnädigste, Sie um diese Zeit wecken zu müssen,« fuhr die wohllautende Stimme fort, und ein Hauch von Kälte und Feuchtigkeit strömte über das Lager.

Entsetzen!

Johanna flog empor. Das Kissen unter ihrem Haupt fiel zu Boden, und ihre Rechte rieb wild über ihre Augenlider, als sei es nur so möglich, dieses wahnsinnige Traumbild zu vertreiben. Allein es blieb. Es stand vor ihr in einem faltenreichen grauen Mantel, von dem der Regen triefte, und sobald es sich bewegte, klirrten Sporen und Säbel. Die Augen des Phantoms jedoch, diese halb traurigen, halb begehrlichen Augen, ruhten ohne Erbarmen auf der von Schrecken und Entsetzen Niedergeworfenen.

Ungläubig, wild, vor den Ohren ein strömendes Rauschen, so lag sie kraftlos in ihren Kissen, unfähig, durch die matteste Bewegung ihre Blöße zu decken, und während ihre gebannte Zunge den Versuch machte, einen verständlichen Laut hervorzustoßen, da saugten sich ihre herumirrenden Augen, die noch immer nicht zu unterscheiden vermochten, an dem matten, schwarzen Lauf eines Revolvers fest, den der Eindringling gestreckt vor sich hielt, obwohl die Waffe von dem herabwallenden Mantel halb verborgen wurde.

Ein paar eilige Sekunden regte sich in dem kleinen Zimmer nichts mehr, in dumpfem Anschlag hörte man den Falter gegen den glühenden Zylinder taumeln, die Menschen jedoch schienen an das unerhörte Begebnis wie festgeschmiedet.Erst als die Atemzüge der Liegenden immer vernehmlicher röchelten, als ob ein Sterbender von allem Gewohnten Abschied nimmt, da schüttelte der verhüllte Offizier seine eigene Beklemmung ab und legte begütigend die Hand auf das Kissen, ohne darauf zu achten, wie die Waffe sich mit über das weiße Linnen schob.

»Meine Gnädige,« begann die reine einfangende Stimme von neuem, die das Deutsche in einem so wunderlich reizvollen Tonfall vortrug, »bitte nehmen Sie die Situation, wie sie in unserem Falle genommen werden muß. Ich habe allerdings den Befehl, Ihr Gehöft zu besetzen, aber schon der Umstand, daß ich den großen Vorzug Ihrer Bekanntschaft genieße, muß Sie von dem Mangel jeder persönlichen Gefahr überzeugen.«

Noch redete der Fürst, als die Gutsherrin plötzlich etwas Kaltes, feucht Durchfröstelndes an ihrem Arm spürte, und mit der Berührung schoß ihr ihre Lage, ihre rettungslose Auslieferung an eine fremde Gewalt mit schmerzhafter Klarheit ins Bewußtsein. Zuvorkommend lächelnd sah der durchnäßte Offizier mit an, wie das blonde Haupt sich mit einer gewaltsamen Anstrengung erhob, ja, er fühlte eine Art von Bewunderung für die furchtlose Ruhe, die so unvermutet in den eben noch verstörten Zügen lebendig wurde. Nur ungemein blaß blieben die Wangen des großen Weibes, das so hoheitsvoll und unnahbar vor ihm gelegen hatte, und er konnte nicht umhin, seine zudringlichen Augen niederzuschlagen, als er bemerkte, wie sie mit rastlosen Händen ihren leinenen Mantel um ihre Schultern zusammenzog.

»Ist Krieg ausgebrochen?« war das erste, was sich rauh ihrer Kehle entwand, während sie mit einer raschen Bewegung aus dem Bett glitt. Ganz nah stand sie dem Manne jetzt gegenüber, von dem sie sich blitzartig entsann, daß erDimitri heiße, ihre Hände hielt sie unter dem Hals zusammengefaltet, und ihre langen hellen Haare fielen ihr über die Schulter.

Auch der Russe stand ohne sich zu rühren, nur die Nasenflügel bebten ein wenig, und in seinen Blick drang etwas Unsicheres, das zu seiner gewohnten vornehmen Überlegenheit nicht völlig paßte.

»Ist Krieg ausgebrochen?« stieß Johanna noch einmal hervor, und ihre in der matten Beleuchtung fast dunklen Augen umspannten aufmerksam die nahe Tür, als begänne sie bereits jetzt zu berechnen, wie man den Ausgang gewinnen könne. »Uns ist von einer Erklärung nichts bekannt,« setzte sie schon etwas anklagender hinzu, denn ihr Gerechtigkeitssinn klammerte sich selbst in diesem Weltuntergang an Ordnung und Herkommen.

Der Offizier jedoch zuckte verbindlich die Achseln und riß sich mit einem entschuldigenden Murmeln die durchnäßte grüngraue Mütze von seinem Lockenhaupt, denn jetzt, da die große blonde Nemza so kühl und frostig, wie er sie im Gedächtnis bewahrte, vor ihm aufragte, da erinnerte sich sein anerzogener Takt daran, daß er immerhin vor einer Dame stände und zwar in ihrem Schlafgemach.

»Gnädigste,« sagte er rasch, indem er die kleine Schußwaffe in die Manteltasche gleiten ließ, um sein Gegenüber nicht unnötig zu ängstigen, »ich bedaure es außerordentlich, daß ich für Sie der erste Bote der bereits seit gestern begonnenen Streitigkeiten sein muß. Ob diese Differenzen vorher angekündigt wurden oder nicht, bin ich leider nicht in der Lage zu übersehen. Jedenfalls bringt der rasche Einbruch für uns Vorteile, die ich wahrzunehmen gezwungen bin.«

In dem Bestreben, die Gutsherrin zu beruhigen, wollte der Dragoner augenscheinlich noch etwas anfügen, als sichhinter ihm ein Poltern und Schreien erhob. Ein paar völlig mit Kot bespritzte, vom Regen beinahe durchweichte Soldaten waren die Treppe heraufgestürmt. Sie hielten eine brennende Stallaterne vor sich und starrten neugierig in das offene Stübchen, mit einem heimlichen Schmunzeln, das Johanna, obwohl sie jetzt erst den vollen Ernst ihrer Bedrängnis erkannte, innerlich empörte.

»Durchlaucht,« wandte sie sich ohne noch eine Spur von Beängstigung zu verraten, an den Offizier, und ihre Stimme klang streng und ernst wie immer, »bitte schicken Sie Ihre Leute fort, denn ich bin nicht so bekleidet, um mich vor Fremden zeigen zu können. Das gilt auch für Sie. Und dann bitte sagen Sie mir, was Sie von mir wünschen und welches Schicksal mich und die Bewohner von Maritzken erwartet.«

Der Russe wandte sich erst zur Tür, warf die Hand gebieterisch vor und rief ein einziges fremdartiges Wort. Aber seine Weise, Befehle zu erteilen, schien von der Gewöhnung diktiert, Gehorsam zu erzwingen. Sofort krümmten sich die durchnäßten struppigen Gestalten auf dem dunklen Flur zusammen und tappten lautlos die Treppe herunter. Nur ein starker Mann, der wohl die Charge eines Wachtmeisters einnahm, raffte den Säbel militärisch an sich und erstattete eine kurze Meldung. Daraufhin flog ein Schatten über die Züge des Fürsten, er wandte sich ein paarmal unentschlossen hin und her, um dann von neuem auf die Besitzerin des Hauses zuzutreten. Diesmal jedoch klang seine Anrede nicht mehr so devot und rücksichtsvoll, sondern sie war beherrscht von dem Willen eines Machthabers, der für seine Wünsche Beachtung zu finden gesonnen ist.

»Meine Gnädige,« begann er, »ich hätte es sicherlich vorgezogen, Ihnen erst morgen meine Aufwartung zu machen, wenn ein Unfall uns nicht zwänge, Ihre tätige Mitwirkungzu erbitten. Ich brauche ein gut eingerichtetes Zimmer für einen Verwundeten,« fuhr er knapp und berechnend fort. »Drinnen in der Stadt ist einem meiner Offiziere von einer bekannten Persönlichkeit ein Empfang bereitet worden, wie wir ihn von einem uns freundschaftlich nahestehenden Herrn nicht erwarten durften.«

»Um Gottes willen, von wem reden Sie?« rief Johanna von einer Ahnung durchschlagen.

Der Offizier jedoch schüttelte diesmal abweisend das Haupt. »Ich bedaure, darüber keine Auskunft erteilen zu können,« lehnte er mit einer leichten Verbeugung ab. »Dagegen muß ich Sie noch einmal ersuchen, für meinen verwundeten Kameraden die umfassendste Sorge tragen zu wollen. Er glaubte, hier eine unserer Sanitätskolonnen erreichen zu können, aber dieses Vorhaben ist uns leider mißgeglückt. Bitte wollen Sie deshalb, mein Fräulein, sofort ein geräumiges Zimmer aufschließen lassen und uns sodann die etwa vorhandenen Leinen- und Verbandstoffe anvertrauen.«

»Darf ich mich erst umkleiden?« drängte die Älteste von Maritzken gepreßt.

Der Offizier bewegte bedauernd die Hand.

»Ich vermag Ihren Unwillen vollkommen zu begreifen,« wandte er immer noch mit seiner konzilianten Haltung ein, »allein wie ich schon betonte, unser Fall verlangt die größte Eile. Bitte, wollen Sie vorantreten,« forderte er dann noch zielbewußter, »und seien Sie überzeugt, Ihnen wird nicht nur von mir, sondern auch von allen meinen Untergebenen jeder Respekt entgegengebracht werden!«

Damit ergriff der Russe ohne weitere Erlaubnis die kleine Petroleumlampe, trat an die Schwelle der Tür und hob die Leuchte hoch in die Höhe. Johanna aber durchdrang, während sie schweigend an ihm vorüberschritt, zum erstenmaldas peinigende Gefühl des Unterworfenseins. Es war ja eigentlich eine ganz lächerliche Veranlassung, aber als der fremde Mann, der sie doch mit ausgesuchter Höflichkeit behandelte, den Porzellangriff des Lämpchens umklammerte, mit einer Selbstverständlichkeit, als hätte von nun an alles, was zu diesem Hause gehörte, unbedingt und ohne Widerrede seinen Wünschen zu dienen, da schnitt dem Landfräulein etwas ins Herz. Etwas, das nie wieder heilen sollte und wodurch in ihr Denken ein Verlangen hineingetragen wurde, das sie sich vorläufig noch nicht zu deuten vermochte, vor dessen Gewalt aber ihr ruhiges Gleichmaß schließlich in die Knie brach. Eilfertig, wie ihr geheißen war, stieg sie die Treppe herunter, ihre Hände zogen noch immer instinktiv die leinene Hülle fest unter ihrem Halse zusammen, aber während sie bereits kühl und folgerichtig überlegte, welche Anordnungen nun zunächst zu treffen wären, und ob nicht etwa Knechten und Mägden bereits ein Unheil widerfahren sein könnte, da spürte sie in den Tiefen ihres Wesens ein unheimliches wildes Klopfen und Drängen, ein Fluten, das wie ein unstillbares Fieber von nun an ihren Leib umhüllte, auch wenn ihr Mund lächelte. Mit leichten Tritten war ihr Fürst Fergussow gefolgt. Sie hörte seine Sporen noch auf den Stufen klirren, als sie bereits zu ebener Erde vor einer breiten Tür stehen blieb, um dann durch einen Schlüssel des mitgebrachten Bundes das Schloß zu öffnen. Allein noch war das Räuspern und Winden des Schlüssels nicht ganz verklungen, als hinter der Abgewandten eine hohle Stimme sich bemerkbar machte, die mit größter Anstrengung Mark und Tiefe in ihr Organ zu zwingen suchte.

»Ahbon soir, schönstes Fräulein,« röchelte es in gebrochenen Lauten.

Johanna kehrte sich betroffen um, und bei dem trübenLampenlicht, das vor der einströmenden Luft zuckte und flimmerte, fing sie mit Schauder auf, wie neben dem Eingang ein bärtiger Mann zusammengesunken auf einem alten zerfetzten Bauernstuhl hockte, den die Russen scheinbar von weit her mitgeschleppt hatten. Über dem grauen Mantel hatte sich ein verkrustetes Blutrinnsal gebildet, und aus dem breiten Gesicht, das einen fahlen Widerschein von sich gab, leuchteten ein paar funkelnde, bösartige Augen.

»Diese Schweine,« fuhr die hohle Stimme mit zitternden Schwankungen fort, »Sie haben mich festgebunden, sonst würde ich aufstehen. Ganz gewiß. Leo Konstantinowitsch Sassin weiß, was er schönen Damen schuldet.« Und dann versickerten die schwächlichen Laute, und Johanna fühlte beschämt, wie die brennenden Augen des Verwundeten spürend an ihrem weißen Gewand herumtasteten. »Aus dem Bett geholt?«, keuchte der Blutende und richtete einen seltsamen Blick auf den Fürsten Fergussow. »Dieser verfluchte Krieg, wir wünschen ihn nicht.« Aber gleich darauf warf sich der Rittmeister so gut er konnte, zu den ihn umstehenden Soldaten herum und schrie wütend, so daß es jetzt wirklich durch das Haus gellte: »Schert euch endlich zu einem Arzt, ihr Müßiggänger. Wollt ihr mich hier noch länger anstarren? Und Sie, Durchlaucht, verschaffen mir vielleicht durch Ihre vorzüglichen Verbindungen ein Sofa oder eine Chaiselongue. Ich brauche nur ein paar Stunden Schlaf. Sie sollen sehen, nichts weiter. Oh, dieser verwünschte deutsche Heuchler, wenn ihm doch heimgezahlt würde!«

Wie ein Traum, rasch, schemenhaft, wesenlos, glitt von nun an alles an der Gutsherrin vorüber. Sie sah, wie der Kranke auf seinem Stuhl von zwei Soldaten in das geöffnete Zimmer getragen wurde und spürte die schwere stickige Luft, die aus dem Raum herausschlug, weil es einesjener Staatsgemächer war, die mit verhängten Fenstern fast das ganze Jahr unbenutzt in dunklem Schlafe lagen. Ihr war es so, als ob der Verwundete auf das veilchenblaue Samtsofa gebettet würde, und vorüberfliehend preßte die Erwägung ihr hausmütterliches Herz zusammen, wie sehr das kostbare alte Ebenholzmöbel unter der beschmutzten Kleidung des Mannes sowie vom herabrinnenden Blute leiden müßte. Ihr schien es, als ob die junge Frau des Verwalters Baumgartner, die ihr halbwüchsiges Töchterlein an der Hand führte, von ein paar rohen Männerfäusten zur Bedienung des Kranken über die Schwelle gestoßen wäre, und für einen hinzuckenden Moment erkannte sie die bleichen Züge der beiden halb Bekleideten, in denen ein starres Entsetzen lauerte. Dann fand sie sich selbst vor dem mächtigen Bauernschrank auf dem Flur, aus dem sie Leinenstoffe und allerlei Verbandzeug herausgab.

Aber plötzlich wurde alles still, der Lichtschein entschwand hinter der geschlossenen Tür, und nur ein paar nahe, regelmäßige Atemzüge verrieten ihrem herumtastenden Bewußtsein, daß sie jetzt mit dem Fürsten Fergussow allein in der Finsternis weile. Empfindlich schauerte sie zusammen, denn sie glaubte den fremden Atem ganz dicht an ihrem Nacken zu spüren.

Da lief unvermutet ein neuer Lichtbach die Treppe herunter, und in dem huschenden Schein sah Johanna, wie der Russe sich zusammenraffte, um grüßend die Hand an die Mütze zu führen. Über die obere Galerie beugte sich Marianne herab, und aus ihrem Nachtkleid dämmerten die entblößten Arme voll und wohlgeformt hervor, so daß selbst die widerstrebende älteste Schwester innerlich zugeben mußte, selten ein lockenderes Bild erschaut zu haben. Allein nur eine Sekunde konnte bei der Umsichtigen eine derartige Erwägung dauern, denn kaum hatte sie festgestellt, mitwelch bewunderndem Glanz sich die Augen des fremden Offiziers erfüllten, da klang es bereits hart aus ihrem herrischen Munde hervor:

»Marianne!«

»Was willst du?«

»Du siehst, wir haben Einquartierung erhalten. Begib dich auf dein Zimmer zurück und schließe hinter dir zu.«

Aber der verbindliche Gruß des fremden Offiziers mußte auf das schöne Geschöpf in dem losen Nachtkleid dort oben durchaus die gewünschte Wirkung hervorgebracht haben. Um ihren Mund huschte ein wohlgefälliger Zug, sie schien weit davon entfernt, auch nur die winzigste Vorstellung von dem Jammer zu besitzen, der nicht allein ihre bisherige Wohnstätte, sondern doch sicherlich auch die ganze Umgegend betroffen hatte. Mit einer feinen Biegung verneigte sie sich zum Abschied vor dem fremden Eindringling, und während sie sich bereits von der Galerie abkehrte, da warf sie über die Schulter noch einen ihrer samtweichen Blicke zurück. Es war ganz die Art, wie wenn sich eine Tänzerin nach dem Ball von ihrem Kavalier zögernd und vielsagend trennt. Gleich darauf klang langsam und ohne sonderliche Eile die Tür. Es wurde wieder dunkel.

»Ich werde Licht holen,« äußerte die klare, grobe Stimme Johannas.

Fürst Fergussow griff in seine Manteltasche, zog eine kleine elektrische Laterne hervor und drückte den Knopf. Sogleich strahlte ein runder, goldiger Kreis auf, in dessen Mitte das starre Haupt der Nemza in einer steinernen Weiße hervorschimmerte.

Und als der elektrische Blitz sich in den Augen der vom blendenden Licht Umrahmten spiegelte, da fuhr der Beobachter zurück vor der eisernen Grausamkeit, die dort unversteckt funkelte und glitzerte.

»Pfui Teufel, zwei beleuchtete Messer,« dachte der Fürst widerwillig.

Und seit dieser Erkenntnis hegte er nur den lebhaften Wunsch, die unwillkommene Gesellschafterin rasch von sich abzuschütteln. Ohne weitere Überlegung sagte er deshalb in seinem in Höflichkeit erstarrten Ton:

»Ich würde es mir nie verzeihen, Sie noch länger aufzuhalten. Gute Nacht.«

Auch Johanna verbeugte sich und wollte aus der halbangelehnten Eingangstür in die Dunkelheit herausschreiten, der Offizier jedoch vertrat ihr plötzlich den Weg.

»Gestatten Sie, daß ich noch eine Form erfülle. Mein Wachtmeister hier wird Sie auf Ihren Gängen zu Ihrem Schutz begleiten.«

»Ich bin also eine Gefangene?« stockte Johanna mit bitterem Lächeln.

»Wie gesagt, es geschieht nur zu Ihrer Sicherheit. Alles Nähere werden wir dann morgen erörtern. Bis dahin, gute Nacht, meine Gnädige, und nochmals verzeihen Sie die Störung Ihrer Ruhe.« Und achselzuckend setzte er hinzu: »Der Krieg ist leider ein Handwerk, das sehr gegen meinen Geschmack mit groben Mitteln arbeitet.«

Er verbeugte sich leicht, und Johanna bemerkte noch im Zurückblicken, wie die schlanke Gestalt in das bereits erleuchtete Zimmer schritt und achtlos ihren durchnäßten Mantel über einen Schaukelstuhl schleuderte. Dann entzündete der Fürst sich eine Zigarette und begann flüchtig in den auf dem Tisch herumliegenden deutschen Journalen zu blättern. Die weißen Dampfwolken umschwebten ein apollinisch geschnittenes Antlitz.

Die Älteste von Maritzken saß in ihrer leichten Kleidung wieder auf dem Bettrand, um mit Aufbietung aller Sinne jedem Geräusch nachzuspüren, das von Hof und Haus zu ihr heraufschlug. Und die Nacht verschärfte und verzerrte alle Töne, die sonst für die Lauschende keinen Sinn aufgewiesen hätten und schob ihnen eine schreckhafte Deutung unter. Bald quoll ein wüstes Ächzen und Fluchen durch die Dielen des Fußbodens empor, und Johannas aufgeregter Geist malte sich aus, wie der Rittmeister Sassin, nur durch ein paar dünne Planken von ihr getrennt, jetzt gewiß schon mit einem tobenden Wundfieber rang. Herrgott, die Frau ihres Verwalters Baumgartner war ja gezwungen worden, dort unten hilfreiche Hand zu leisten. Und hatte die notdürftig Bekleidete nicht auch ihr blutjunges Töchterchen bei sich gehabt? Wenn nun den Beiden von rohen Soldatenfäusten etwas Beschämendes widerführe!?

Wild begann ihr das Herz bis in den Hals zu schlagen, jedoch ehe sie diese aufregende Gedankenreihe noch erschöpfen konnte, da wurde sie durch die Erinnerung an ihren Verwalter schon wieder auf eine neue Bahn gehetzt. Ob Baumgartner noch immer nicht zurückgekehrt war? Sie beugte sich über die kleine Uhr auf dem Nachttisch und fuhr zusammen, als sie bemerkte, daß bereits die zweite Stunde des Morgens angebrochen sei. Durch die Vorhänge stahl sich schon ein mattes Grauen und Dämmern herein. Der Frühwind sauste in den Eichenkronen, und hier und da erhob sich das vorzeitige Zirpen eines träumenden Vogels. Aber durch all diese Anzeichen des Erwachens drang etwas anderes hindurch, etwas so Fernes, Verschwommenes, daß sich die Einsame aufs äußerste anstrengen mußte, um überhaupt das in der Weite vollkommen versickernde und verschwimmende Geknister unterscheiden zu können. Abermals griff sie in die Kissen, jedoch mehr um sich festzuhalten,und starrte unverwandt auf die geschlossene Gardine, als ob das leise sich bewegende Leinen kein Hindernis für sie böte. Wenn sie ihr Gehör bis zur Schmerzhaftigkeit spannte, dann schlug von draußen ein gedämpftes Rasseln bis an ihr Lager, rasch aufeinanderfolgende Laute, die sich wie das Klappern über Treppenstufen herabrollender Erbsen anhörten. Großer Gott, das kämpfende Weib begriff plötzlich, was das gleich bleibende Geknatter zu bedeuten habe. Nun, da sie das weiße Kissen in ihren arbeitsgewohnten Fäusten zerkrampfte, jetzt, wo sie lauschte und lauschte, atemlos, jeder Bewegung beraubt, gleich einem Sünder, dem man die letzte Stunde verkündet, da stürzte es plötzlich zerschmetternd auf sie herab. Die ganze unnennbare Erkenntnis von Zerfleischen, Untergang, Mord, Umpflügen und der entsetzlichen Wertlosigkeit des bisher so ängstlich behüteten Einzeldaseins. Vor Wut und Grauen hätte sie laut aufheulen mögen. Ihr gestraffter Körper warf und spannte sich, als müßte sie ihn zur Verteidigung von etwas Letztem, Kostbarstem, einem anstürmenden Bedränger entgegenschleudern.

Das erste Mal in ihrem Leben barst der Panzer von Vernunft und Sitte schallend über ihrer Brust auseinander. Es war ein anderes Weib, das, ohne eine Ahnung davon, wie es im Moment mit den frei gewordenen, zur Rache erhobenen Armen gleich einer Verkörperung ihres vergewaltigten Landes dasaß, es war ein anderes, wutgeschütteltes Geschöpf, das da, keinen Blutstropfen im Antlitz, mit unheimlich hervorblitzenden Zähnen zu dem schönen Männerkopf hinaufstierte.

Das Bild sah mit seinen heißen, lebenshungrigen Augen auf das frostgeschüttelte Geschöpf herab. Laut aufschreiend strauchelte sie und stürzte so wie sie war, quer über das Bett. Das letzte, was sie hörte, war das immer heftigerwerdende Zischen und Schwärmen der wilden Bienen, die mit den Köpfen summend gegen die Fensterscheiben taumelten.

Eine Uhr schlug. Und zur gleichen Minute richtete sich Johanna auf, um sich die Augen zu reiben. So geregelt verfloß ihr Dasein, daß sie sich sogar aus Schauer und Krampf pünktlich um die fünfte Morgenstunde emporraffte, denn es war die Zeit, wo sie die Mägde beim Melken zu beaufsichtigen pflegte. Erstaunt, ungläubig schüttelte sie das Haupt, als sie ihre sonderbare Lage bemerkte. Im hellen Licht des Tages fehlte ihr bereits jedes Verständnis für das schwächliche Nachgeben einer überwältigten Natur. Derartige Dinge verachtete sie heimlich und hatte sie stets für die Anzeichen einer überfeinerten und kränkelnden Epoche gehalten. Und jetzt wollten ihre eigenen Nerven versagen?

Lächerlich!

Dazu war sie nicht geschaffen. Es traten jetzt soviel neue, eiserne Aufgaben an sie heran. Mußte sie nicht versuchen, durch das Ansehen ihrer Person die Zerstörung ihres Besitztums zu verhindern? Bildete sie nicht den letzten Halt für ihre Untergebenen, die nur im Vertrauen auf ihren Schutz nicht schon längst ihr Heil in einer eiligen Flucht gesucht hatten? Während sie sich ankleidete, stieß sie unhörbar das Fenster auf und beugte sich hinaus. Dort drüben über den dichten Weizenfeldern wallte ein bläulicher Qualm. Schwer und massig dampfte er über die Flächen, wo früher das Gewoge der gelben Frucht das Auge der Besitzerin erfreut hatte. Und Johannas geschärfter Blick entdeckte sofort, daß dies bleigraue Brodeln nicht die silbernen Gespinste des Frühnebels waren. Nein, dortdraußen unter der dichten Decke verbarg sich etwas, das ihr Herz mit Grauen, aber auch mit lichter Hoffnung erfüllte. Vielleicht hatten die Männer ihrer Heimat dort unten auf dem Felde bereits eine furchtbare Ernte gehalten. Vielleicht war das Unkraut, das über Nacht aufgeschossen war, von schwieligen Händen ausgejätet und fortgesichelt, und das Stück Erde, auf dem sie groß geworden, der weiße Hof, dem ihr unermüdliches Wirken gegolten, sie waren womöglich schon wieder erlöst von ihren unheimlichen, nächtlichen Gästen. Noch gab sie sich solchen schimmernden Wünschen hin, als vom Hof ein lautes Gepolter und fremdartiger Lärm zu ihr heraufdrangen.

Welch ein Bild! Wie packte es mit rauhem Griff ihr aufpochendes Herz und stieß es hin und her. Warum hatte sie den tollen Tumult, der dicht unter ihr fessellos durcheinander quirlte, auch nur für eine Sekunde übersehen können? Oh nein, die fremden Einlagerer waren weder versprengt noch abgezogen. In unordentlichen Haufen, die meisten erst halb bekleidet, standen sie gröhlend und lachend umher, und das Heu, das in Strähnen an ihren grün-grauen Uniformstücken herumhing, bewies, wo die Mannschaften diese Nacht eine Ruhestätte gesucht hatten. Schmerzlich verzog die Hausherrin den Mund, als sie mit ansehen mußte, wie die feste Tür des Kuhstalles von ein paar herkulischen Gestalten durch derbe Fußtritte aufgestoßen wurde, und ihre Brust hob sich rascher, als sie sah, wie vier bis fünf Kälber, jung geborenes Vieh, ohne weiteres aus ihrer warmen Behausung herausgetrieben wurden. Jämmerlich blökten die Tiere und dann verschwanden sie unter der dunklen Halle einer Scheune, aus der sich den Widerstrebenden bereits blutgefärbte Fäuste entgegenreckten. Aus der Küche erscholl lautes Zetern. Fluchende Männerstimmen schienen dort etwas zu fordern, was sich in derEile gewiß nicht so schnell herbeischaffen ließ, und die Lauscherin zuckte zusammen, als das furchtsame Aufschreien aus Mädchenkehlen an ihr Ohr schlug.

Oh, hier war die Hölle los. Alle Ordnung, jeder Respekt vor dem Hergebrachten, den die Älteste von Maritzken in ihrem Kreise mit soviel Mühe und Selbstaufopferung errichtet, alles das schien unter Hohnlachen von fremden Fäusten umgestürzt und in den Kot geworfen, als hätte es niemals das ganze Sein und Treiben hier beherrscht. Und mit einer Gebärde des Ekels und der Verachtung stürzte Johanna an ihren Schrank, um sich ein Gewand überzuwerfen. Eine flüchtige Minute strichen ihre Finger zögernd und prüfend über das zarte Geriesel eines waschseidenen Stoffes, denn eine ferne Vorstellung befiel sie von einem vornehmen Herrn und der möglichen Pflicht, ihr Haus stattlich zu vertreten. Aber gleich darauf schnürten sich ihre Augenbrauen unwillig zusammen, und mit einem kurzen Entschluß und ohne auch nur einen Blick an den Spiegel verschwendet zu haben, streifte sie ihr gewöhnliches blau und weiß gepunktetes Kattunkleid über, schnallte den schwarzen Ledergürtel fest über den Hüften zusammen und eilte mit einem einzigen Sprung bis zur Treppe. Allein schon auf der ersten Stufe besann sie sich. Gewaltsam zwang sie ihre alte Ruhe und Besonnenheit zurück. Sie strich sich eine Strähne ihres blonden Haares aus der Stirn und stieg mit ihrem gewohnten gebieterischen Gang die Treppe hinunter. Unten auf der Diele, dicht neben der Ausgangspforte, blitzte der Hausherrin im Morgenlicht ein metallischer Schein entgegen. Ein russischer Infanterist, dessen langer, rötlich-blonder Bart fast bis auf die Brust herabhing, hielt dort mit aufgepflanztem Bajonett die Wacht, während er einem struppigen Hund, den er an eiserner Kette hielt, zärtlich das Fell kraute.

»Treten Sie hier zurück, damit ich herunter kann,« herrschte Johanna den Mann mit ihrer festen Stimme an.

Der Russe hob das verschwommene gutmütige Haupt, und aus seinen verkniffenen blinzelnden Augen brach ein Strahl von Respekt und bedingungslosem Gehorsam. Einer solch imponierenden Frauengestalt, die so befehlend und deutlich ihre Wünsche durch ein Zeichen der Hand auszudrücken verstand, mußte der Slawe in seinem heimatlichen Garnisonsnest niemals begegnet sein. Demütig hob er die zerbeulte Mütze von seinem wilden Schopf, beugte sich und ließ klirrend das Gewehr auf den Steinen der Diele aufstampfen. Selbst der Hund kroch murrend unter die Stufe der Treppe.

»Ist Fürst Fergussow zu sprechen?« fragte die Blonde.

Verlegen wandte sich der Wachtposten hin und her. Sein Deutsch war so mangelhaft, daß er sich fast nur durch Zeichen zu verständigen vermochte. Deshalb hielt er das Bajonett auf den Hof hinaus und zeigte damit durch das Tor.

»Weit,« sagte er.

Johanna atmete auf, und doch ergriff sie ein leichter Schrecken.

»Ist der Fürst schon abgerückt?« drängte sie weiter.

Jetzt kraute sich der Wachtsoldat hinter den Ohren, und da seine Unfähigkeit, sich verständlich zu machen, immer mehr wuchs, so verlegte er sich völlig auf die den Slawen so geläufige Weise der pantomimischen Darstellung. Schallend warf er sein Gewehr an die Wange, nahm eine drohende Miene an und tat so, als ob er mit einem fernen Gegner Schüsse wechsle. Gleich darauf stach er mit dem Bajonett kräftig in die Luft, warf den Oberkörper vor und stampfte so schrecklich mit den Füßen, daß sein zottiger Hund unter dem Treppenabsatz furchtsam aufzuwinseln begann.

Johanna hatte begriffen. Sie faßte rasch nach dem Geländer der Treppe und warf hastig hin:

»Es findet also hier in der Nähe ein Treffen statt, nicht wahr? Ist Fürst Fergussow dabei?«

Der Russe nickte lebhaft und befriedigt.

»Schon zu Ende,« stoppelte er mühsam aneinander. »Nemzows alle hin« – er schlug mit dem Kolben auf die Erde, schloß die Augen und streckte die Zunge heraus – »spitze Mützen viel zu wenig – viel zu wenig.«

Die Gutsherrin ließ ihren Halt fahren und richtete sich auf. Nun wußte sie, was die geschäftigen Bienen bei Tagesgrauen vor ihren Fensterscheiben gesummt hatten. Eine kleine Schar deutscher Männer, die es versucht hatte, die widerrechtlich Eingedrungenen zu vertreiben, sie war der Übermacht, der stupiden Masse, erlegen. Und Fürst Dimitri, der elegante Liebling der Petersburger Salons, der Träger der letzten und überfeinertsten Kultur, hatte es sicherlich nicht verschmäht, seinen Degen in das Blut der halb Wehrlosen zu tauchen. Wie selbstgefällig und von eigener Bewunderung geschwellt er jetzt wohl dort draußen über ihr zerstampftes Weizenfeld reiten mochte, unter dessen Halmen die verstummten Landsleute sich zum letzten Schlafe verkrochen hatten.

Ein heftiges Gefühl des Widerwillens durchfuhr die Nachdenkende. Und mit einer entschiedenen Bewegung wandte sie sich zur Tür, als ob sie den Infanteristen, dessen darstellerischem Geschick ihr quälender Wissensdurst soviel verdankte, ohne weiteres beiseite zu schieben gedächte. Indessen der Russe bewegte wiederum bedauernd sein plumpes Haupt, knickte zusammen und streckte in seiner kauernden Stellung sein Gewehr quer vor den Eingang.

»Was heißt das?« widersprach Johanna ungehalten, »sehen Sie nicht, daß ich auf meinen Hof hinaus will?«

Der Posten aber schüttelte seine dichte Mähne noch stärker. »Nix,« suchte er zu erklären, »keiner heraus.«

Da stieg eine feurige Röte in die sonst so blassen Wangen der Gutsbesitzerin, und sich verächtlich abwendend, schritt sie ohne ein weiteres Wort der Entgegnung an die Tür des kleinen Salons, den sie am verflossenen Abend für den Verwundeten geöffnet, und klopfte laut an das dunkle Holz. Zu ihrer größten Verwunderung rief Mariannes immer gleichmäßige und ruhige Stimme: »Herein.«

Was war das?

Unwillkürlich lauschte die große Blonde, als wünschte sie den entschwundenen Laut noch einmal zu erhaschen. Das war doch nicht möglich?! Wie konnte das unbesonnene Geschöpf es wagen, ohne die Erlaubnis der Ältesten den verwundeten Krieger in seinem Zimmer aufzusuchen, und zwar zu einer Zeit, zu der die sonst immer Müde und Phlegmatische noch lange der Ruhe zu pflegen gewohnt war? Allmächtiger Gott, war denn alles, was bis dahin als unverbrüchliches Gesetz galt, mit dem Einrücken der Fremden über den Haufen geworfen? Gab es nichts mehr, was in einer deutschen Wirtschaft unverrückbar feststand, nichts Solides und Sicheres, dem man sich williger beugte und unterwarf, als der dummen zufälligen Macht der Hereingeschneiten?

Festen Schwunges öffnete Johanna die Tür, und so groß war die Gewalt ihres Armes, daß das zurückfallende Holz einen schneidenden Luftzug verursachte, vor dem der Verwundete auf dem Sofa gestört das bärtige Gesicht verzog. Aber wie seltsam hatten sich die Züge des robusten Rittmeisters verwandelt. Die glänzende Rundung seiner Wangen dunkelte hohl und eingefallen, unter der aufgerissenen Uniform hob sich die entblößte Brust schwer und rasselnd, und der schlaff herabhängende Arm zeigtedie innere Ermattung deutlicher, als alles andere. Nur die großen blauen Augen blitzten noch ebenso wild und unstet, wie am Abend zuvor.

Dicht vor ihm, tief in einen mattblauen Samtsessel zurückgelehnt, schlug Marianne ihre Füße gefällig übereinander und schien eben aus einer jener leichten Plaudereien aufgestört, die sie so heiter und zugleich so inhaltslos zu führen wußte. Hinter dem Kopfende des Sofas jedoch verharrten, wie in wachem Schlaf und mit halb geschlossenen Augen die Frau des Verwalters Baumgartner sowie ihr halbwüchsiges Töchterchen, obwohl sie sich vor Mühe, Angst und Anstrengung kaum noch auf den Füßen zu halten vermochten. Wahrlich, für die Hereintretende lag ein empörender Unterschied in dem völligen Zerfall dieser beiden arbeitenden und geplagten Geschöpfe und der unbekümmerten Behaglichkeit ihrer eigenen Schwester. Jedoch die Verletzte bezwang sich und hob, nachdem sie »guten Morgen« geboten, nun in ihrer kurzen und sehr verständlichen Weise an:

»Wie kommt es, daß du heut schon so früh zu sehen bist, Marianne?«

Die Schwarze lächelte trotzig. Jetzt, da eine andere, eine fremde Gewalt hier im Hause herrschte, da schien es ihr Vergnügen zu bereiten, sich dem Willen der älteren Schwester immer mehr zu entziehen. Und in ihrer spöttischen und selbstbewußten Art versuchte sie, es der Großen, die ihr so wenig Freiheit ließ, deutlich zu zeigen. Ohne ihre lässige Stellung aufzugeben, warf sie gleichgültig hin:

»Oh, ich sitze schon etwa eine Stunde hier. Ich hörte unseren Gast ein paarmal laut rufen, und da meinte ich – –«

Doch die Ältere ließ sie nicht zu Ende gelangen.

»Unseren Gast?« unterbrach sie scharf und richtete ihrestrengen Augen wenig erfreut auf das blutleere Antlitz des Mannes, der ihr schönes blaues Samtsofa so unbarmherzig zerdrückte.

Von dem harten Ton getroffen schlug auch der Rittmeister erstaunt und weltenfremd seine blauen Augen auf, die er für einen Moment kraftlos geschlossen. Unwillkürlich stützte er sich mit der Rechten krampfhaft auf das Polster der Seitenlehne, während er sich bemühte, selbst in seiner jetzigen traurigen Verfassung eine seiner gewohnten Verneigungen auszuführen. Allein er brachte es nur bis zu einem ruckartigen Vorstrecken des zerzausten Hauptes, um gleich darauf in ein nur schwer verhehltes Stöhnen auszubrechen.

»Bon jour, Gnädigste,« rasselte er in dumpfen Tönen, »hoffe, daß nicht gestört worden sind. Ich selbst vortrefflich geruht, ganz vortrefflich,« und er schlug sich mit der flachen Hand auf die nackte Brust, so daß es ein merkwürdiges fleischiges Geräusch verursachte. »Pompöses Quartier,« fuhr er fort, wobei er müde und ausdruckslos seinen Blick über die Samtmöbel fortgleiten ließ, bis er an der prachtvollen Gestalt von Marianne haften blieb. »Damen bemühen sich um unbedeutende Unpäßlichkeit gar zu aufopfernd. Darf ich fragen,« hauchte er und dehnte sich von Schmerzen zerrissen hin und her, »ob Arzt – Arzt schon benachrichtigt wurde? Handelt sich zwar nur um Kleinigkeit – versichere Sie, um absolute Bagatelle – aber man möchte sich doch möglichst bald wieder an lustigem Herumstreifen beteiligen.«

Jetzt gab Marianne ihre ruhende Stellung auf, und während sie sich über ihr welliges Haar strich, da äußerte sie recht warm und bedauernd, als ob ihr das Leiden des fremden Reiters besonders nahe ging:

»Herr Rittmeister, vor einer halben Stunde hat IhrWachtmeister bereits gemeldet, daß Herr Doktor Küster, unser Landarzt, leider nicht mehr aufzufinden wäre.« Und unbekümmert und ohne auf die schreckensstarre Schwester zu achten, setzte sie noch hinzu: »Das Haus des Doktors soll vollständig herabgebrannt sein.«

»Herabgebrannt?!« stieß Johanna, die ihren Platz an der Tür noch immer nicht aufgegeben hatte, sich vergessend hervor, und ihre Fäuste ballten sich. »Herr Rittmeister, haben Sie gehört? Wie wollen Sie eine solche Schandtat verantworten?«

Inzwischen hatte sich Leo Konstantinowitsch mühsam in die Höhe gerichtet, und sein Bewußtsein gelangte allmählich zu größerer Klarheit. Bedauernd zuckte er die Achseln.

»Sicherlich nur Zufall, Gnädigste,« beschwichtigte er. »Unter meiner Führung wäre gewiß nicht geschehen. Aber Fürst Fergussow, der hier kommandiert,« fuhr er berechnend und immer mehr aufwachend fort, und ein heimtückischer Zug verbreitete sich um seine groben Lippen, »Fürst Fergussow von Petersburger Garde steht viel zu hoch und – wie sage ich – denkt viel zu liberal, als daß er gemeinen Soldaten ein so harmloses Pläsier verwehren sollte.«

»Aber das ist ja nicht möglich,« schnitt Johanna verächtlich ab. »Wie können Sie einem Aristokraten Ihres Landes Freude oder gar Duldung für ganz gewöhnliche Brandstifterei, für Raub und Diebstahl nachreden?«

Der Russe verbeugte sich wieder und schlug mit der Hand abwehrend durch die Luft.

»Pah, unsere Aristokraten,« zischte er, und seine unerträglichen Schmerzen rissen das letzte Bedenken nieder, über dasjenige herzufallen, was ihm in besseren Zeiten so oft den Weg versperrt hatte. Auch zwang ihn fressender Neid, jenen schönen Kameraden, von dem er immer argwöhnte, daß er sich ohne Mühe alle Weiber dienstbar zu machenwisse, gerade vor diesen beiden prangenden Geschöpfen herunterzureißen und zu besudeln. »Setzen sich, schöne Damen, – setzen sich Gnädigste.« Er schob mit dem freien Fuß krachend und ohne Verständnis für die Unschicklichkeit, der Ältesten von Maritzken einen Samtsessel hin. »Setzen sich,« schrie er ungeduldig, als er sie zögern sah.

Und erst, als Johanna, um den Kranken nicht zu heftigerem Toben zu reizen, seinen Wunsch befolgt hatte, da sprach der Leidende in gieriger Verkleinerungssucht weiter. Aus jedem seiner Worte tröpfelte bitterer Haß. Der Bauernsohn, der todgezeichnete, schlug mit der Faust gegen das goldene Schild des hoch Gefürsteten, von dem er wußte, daß er selbst für ihn immer nur ein freigelassener Leibeigener geblieben sei.

»Oh, Damen kennen nicht,« fiel es giftig und neidisch von seinen Lippen, und vernehmlich redete sein brennendes Fieber mit: »wie wenig reiche Hofherren sich um ihre Untergebenen kümmern. Wir existieren gar nicht für sie. Wir sind nur Namen, Namen, die man in Listen schreibt oder wieder wegstreicht. Und besonders Dimitri Fergussow. Glauben mir, ich sage Ihnen, um Sie vor dieser glatten Maske zu warnen. Denn ist ja möglich, daß mich lächerlicher Ritz dorthin befördert, wohin wir gestern schon eine Anzahl von uns versteckt haben. Eingeschaufelt, verstehen Sie? Ich bitte um Vergebung, ist sehr häßlicher Gedanke, aber Teufel hält uns alle am Halskragen. Ja, besonders dieser Fergussow trägt Stein in der Brust. Wie könnte er sonst leben, wie könnte er ruhig schlafen? Ist ein Mörder, glauben Sie mir, ein Frauenschlächter, natürlich nicht mit Messer. Aber an seinen Händen klebt mehr heißes Blut, als hier an Säbel, den ich gestern noch munter hin und her tanzen ließ.«

Da reckte sich Johanna und machte Miene sich zu erheben.

»Das interessiert mich nicht,« lehnte sie frostig ab. »Mich gehen die Schicksale Ihres Vorgesetzten nichts an.«

»Doch, doch,« widersprach Sassin eifrig, als ob er fürchte, der heimlich gehaßte Kamerad könnte ihm auch jetzt wieder entwischen, »Sie wissen nicht. Aber ist schändlich, schreit zum Himmel. Ganz Petersburg beklagt noch heute kleine Kroniatowska.«

»Lassen Sie das,« befahl Johanna halblaut, und doch rührte sie sich nicht, ja sie wandte gegen ihren Willen das blonde Haupt dem Liegenden zu, als Marianne neugierig näher rückte.

»Wer ist die kleine Kroniatowska?« warf die Schwarze gespannt dazwischen, und ihr dunkles Antlitz belebte sich. In diesem Augenblick waren die letzten Reste der Erinnerung an die Not und das Grauen, die sich über Nacht auf das Land herabgesenkt hatten, von der Leichtsinnigen vergessen. »Ich erinnere mich, es wurde auch während unseres Besuches bei Ihnen von der Dame gesprochen. Es muß ein sehr junges Mädchen gewesen sein.«

»Sehr jung? Sagen Sie Kind?« stieß Leo Konstantinowitsch hervor, und die Sucht, seinen Gefährten in einem möglichst ungünstigen Lichte erscheinen zu lassen, verlieh ihm eine vorüberblitzende Spannkraft. »Vollkommenes Kind, meine Damen,« rief er mit kräftigerem Ton als bisher, »fünfzehnjährig. Wie man sagt, zweifelhafter Nachkömmling von großer Katharina.«

»Bitte, das wünschen wir nicht zu hören,« verwies hier Johanna ernstlich entrüstet und machte Miene aufzustehen.

Allein der Kranke faltete beinahe flehend die Hände und stammelte inbrünstig:

»Bleiben Sie, bleiben Sie, vergesse mich nicht wieder. Wollte Ihnen nur erzählen, wie durch betrügerischen Halunken von Mönch guter Dimitri mit kleiner ahnungslosenPrinzessin bekannt wurde. Eifer von Herrn Adjutanten soll damals in Glaubenssachen so überwältigend und überzeugend gewesen sein, daß armes Ding in dem demütigen und zerknirschten Bekenner einen Erweckten, – haha – einen Erleuchteten sah. Ist nicht hübsch? Einem solchen Heiligen gegenüber durfte man natürlich keinen eigenen Willen besitzen.«

»Hören Sie auf,« befahl Johanna von Grauen geschüttelt und starrte ihn an.

»Soll brausende Glut zwischen Beiden gewütet haben. Natürlich nur himmlische. Was weiß ich? Einige Monate später freilich lag Kleine aufgebahrt zwischen Wald von weißen Lilien. – Vergiftet. – Seine Durchlaucht aber weinte und schluchzte, klagte sich des gräßlichsten Verbrechens an, und Kammerdiener soll ihm zweimal Revolver entwunden haben. Ja, ist gutmütige und mitfühlende Seele, und beruht gewiß auf Verleumdung, wenn Klubgenossen einige Wochen darauf behaupteten, Fürst Dimitri hätte jeden Zusammenhang mit der fatalen Affäre schroff abgelehnt, ja achselzuckend geäußert, man könne doch nicht verlangen, daß zu seinen übrigen Hofämtern noch Charge von Kinderbonne übernehme. Witzig, meine Damen, nicht wahr? Treffend! Kavalier, dem alle Herzen zufliegen. Leo Konstantinowitsch Sassin kann sich natürlich nicht messen, ist nur armer Bauernsohn. Aber Teufel hole all diese wahnsinnigen Unterschiede! Man bekommt sie satt, wenn man so da liegt, wie ich.«

Der Rittmeister schwieg und sank zurück. Die übermäßige Anstrengung brachte ihn um den Genuß, den Erfolg seiner Boudoir-Geschichte beobachten zu können. Und doch wäre er vielleicht mit der Wirkung, die er bei den beiden Mädchen erzielt hatte, zufrieden gewesen. Denn Marianne unterdrückte kaum ihr vielbedeutendes üppiges Lächeln, undihr Geist, der nur bei derartigen Intrigen eine Teilnahme verriet, wo es auf den Kampf zwischen Mann und Weib ankam, er schien durch das Geheimnisvolle dieser sündigen Affäre angenehm erregt. Auch Johanna lächelte. Aber es war die kalte Befriedigung eines Menschen, der sich wohl fühlt, weil seine Abneigung und sein Haß endlich einen gesicherten Grund gefunden. Ein müdes, schlaffes Schweigen breitete sich in dem kleinen Gemache aus. Man hörte nur noch das Plätschern des Wassers, so oft das schlaftrunkene Weib des Verwalters dem Verwundeten eine neue Kühlung auf die Brust legte. Und eine ganze Weile saß die Älteste von Maritzken, die sonst für jede Minute des Tages eine besondere Beschäftigung wußte, teilnahmlos und stumm, gemartert von der unbeschreiblichen Leere der Zwecklosigkeit, da ihr Wirken und Schaffen von einer brutalen Gewalt unterbunden war.

Plötzlich fuhr sie auf. Wie lange sie so vor sich hingesonnen, wußte sie nicht mehr. Jetzt sah sie, wie Marianne eilfertig das Fenster aufriß, und zu gleicher Zeit klang ein Trompetensignal über den Hof. Das Getrappel vieler Rosse, sowie das laute Gewirr sich verschlingender Stimmen erfüllte die Morgenluft.

»Fürst Fergussow kommt eben durch das Tor,« meldete Marianne, als ob es sich um einen längst ersehnten Befreier handle, »welch einen schönen Schimmel er reitet.«

»Arabische Zucht,« murmelte von seinem Sofa Leo Konstantinowitsch, obwohl er sich seinem Dämmerzustand nicht mehr entwinden konnte. »Zarengeschenk – verwünschte Bande!«

»Komm, Johanna,« drängte Marianne noch einmal und winkte lebhaft mit dem Finger, »denke nur, Durchlaucht hat mich schon bemerkt und ist schon vom Pferde herunter. Jetzt wirft er die Zügel einem anderenzu und nähert sich direkt unserem Fenster. Willst du ihn nicht begrüßen?«

Von der Lagerstatt des Kranken drang ein Schnauben herüber. Die Blonde aber regte sich nicht, sie sank nur noch tiefer in ihren Stuhl zurück, als könnte sie sich auf diese Weise vor den Blicken des jungen Mannes verbergen, der sich soeben mit einem höflichen Gruß in die Fensterhöhlung hineinbeugte.

»Guten Morgen,« rief die wohlklingende Stimme, indem sich der elegante Reiter über die glatte Mädchenhand neigte, die ihm ohne Zögern überlassen wurde; in demselben Augenblick jedoch erfaßten seine scharfen Augen auch schon die hohe Gestalt in dem Dunkel des Zimmers. »Ah, ich sehe, die Damen betätigen sich bereits in ihrem schönsten Metier, Sie bringen Trost und Hilfe ohne Ansehung der Person. Ich bin Ihnen zu größtem Danke verpflichtet, weil Sie sich um den armen Kameraden so sorgsam bemühen.«

»Ja, ausgezeichnet, fabelhaft,« rief der Verwundete vom Sofa aus dazwischen, und man wußte nicht, ob seine Wut oder sein Dankbarkeitsgefühl überwog, »fühle mich wie im Himmel.«

»Das ist gut, Leo Konstantinowitsch, das ist gut,« begrüßte ihn der schlanke Oberst nun mit einem lebhaften Winken der Hand, »Sie sehen schon viel besser aus, lieber Kamerad.«

»Ganz sicherlich,« schrie der andere, »Wohlbefinden steigert sich mit jeder Minute.«

»Das freut mich, Leo Konstantinowitsch, das freut mich wirklich ungemein.« Auf seinem schönen Gesicht strahlte es auf, die Besserung in dem Ergehen des Kameraden bedeutete offenbar für ihn eine Erleichterung. »Denken Sie, lieber Freund,« fuhr er eifrig fort, indem er sich mit der Hand auf das Fensterbrett stützte, »ich habe auch endlicheinen Stabsarzt aufgetrieben, einen vortrefflichen Mann, Korsakow mit Namen, den ich von einem Aufenthalt in der Krim her kenne, wo er sich merkwürdigerweise mit der Züchtung junger Haifische abgab.«

»Gut, gut,« stöhnte Sassin, »dann ist er gerade für mich der passende Mann.«

Der Fürst mußte lachen, und Johanna, die noch immer unbeweglich in ihrem blauen Samtsessel verharrte, entdeckte mit einigem Unbehagen, wie unglaublich frisch und unberührt das Antlitz des Aristokraten leuchtete, sobald er offen seine Freude äußerte. Es wollte zu ihrem Bilde nicht stimmen. Und sie schüttelte sich leicht. Dann lauschte sie gespannt weiter.

»He, Korsakow,« rief der Fürst inzwischen laut über den Hof, »hier ist Ihr Patient.«

Und als sich aus dem Getümmel der zum Teil abgesattelten, zum Teil vor einer Brunnentränke sich erfrischenden Pferde eine kugelrunde schwarzbärtige Gestalt mit einer ungeheuren zerbeulten Schirmmütze abgelöst hatte, da eilte ihm der Oberst elastisch entgegen, um den Arzt ohne weiteres an der Achselklappe bis dicht vor das Fenster zu ziehen.

»Hier drinnen, lieber Doktor,« erklärte er, »finden Sie Ihren Patienten. Machen Sie schnell, daß Sie hereinkommen.«

Allein zu Johannas Verwunderung rührte sich die dicke Kugel nicht. Der Mann zupfte vielmehr an seinem verworrenen schwarzen Bartgekräusel, rückte sich die merkwürdig großen Horngläser auf der plumpen Nase zurecht und starrte den Verwundeten auf dem Sofa unverwandt an.

»Was wollen Sie?« schrie Sassin wütend.

»Wundfieber,« murmelte der andere und zog sich von dem Fenster ein wenig zurück, als ob er sich vor einer ansteckenden Krankheit zu hüten hätte. »Der Einschußsitzt zwei Zentimeter rechts von der Lunge, und die Kugel behindert die Atmung.«

»Herr,« sagte Dimitri, ihn verblüfft musternd, »Ihr Kombinationstalent auf diese Distanz ist erstaunlich. Aber hegen Sie nicht das Verlangen, sich etwas dichter in die Nähe meines verletzten Freundes zu begeben? Ich bitte um Verzeihung, wenn ich mich in fremde Angelegenheiten mische, aber mir scheint, in einem solchen Fall pflegt von Ihren Kollegen die Sonde angewendet zu werden.«

»Ganz recht, die Sonde, ganz recht,« stotterte der Schwarzbärtige und tastete nach einem Instrumententäschchen, das ihm quer über den Bauch herabhing; als es jedoch drinnen klirrte, erschrak er sichtlich. »Sie müssen nämlich wissen, Durchlaucht,« offenbarte er sich endlich, während ihm der Schweiß unter der großen Mütze hervorlief, »daß ich bisher nur auf dem Katheder stand. Es ist nicht mein Wunsch, mich so plötzlich in die Praxis versetzt zu sehen. Aber immerhin, immerhin,« setzte er sich zusammenraffend hinzu, »es wird gehen, man wird sich Mühe geben. Schließlich« – er zuckte die Achsel – »eine gute Natur muß uns unterstützen, sonst vermögen wir alle nichts. Ich werde den Kranken untersuchen.«

Eine halbe Stunde später war Leo Konstantinowitsch Sassin bereits in das verlassene Zimmer Isas geschafft. Und nachdem der umfangreiche Stabsarzt unter Aufbietung des äußersten Mutes zu seinem eigenen Erstaunen die Kugel leicht und ohne große Hindernisse, nur unterbrochen durch ein häufiges Aufbrüllen des Verwundeten, aus dem verletzten Körper entfernt hatte, da lag nun der Rittmeister in dem schneeweiß angestrichenen Bett des jungen Mädchensund erzählte seinem Helfer zu dessen drückendster Verlegenheit wirre und krause Geschichten.

»Verwünschte Bande, am Hofe, lieber Doktor – wir Bauern nichts als Leibeigene für die Herren. – Sagen Sie, Teurer, haben Sie vielleicht üppige schwarze Nemza gesehen, wie sie unter Wald von Lilien lag? – Zum Teufel, halte nicht aus, Durchlaucht.«

Zu derselben Zeit klopfte Johanna mit harter Hand gegen die Tür des kleinen Eßzimmers, das Fürst Fergussow sich für seinen persönlichen Gebrauch vorbehalten hatte.

»Entrez,« rief eine helle, klangreiche Stimme.

Und als der im Zimmer erregt auf und nieder Wandelnde seine blonde Gastgeberin in dem einfachen blau und weiß gepunkteten Kattunkleid gewahrte, da knöpfte er gewandt die halb offene Uniform zusammen, und blickte hilfsbedürftig nach dem Tisch, wohin er seine Mütze, Säbel, einen Revolver und mehrere Karten achtlos übereinander geworfen hatte.

»Sie müssen vergeben,« begann er rasch und schüttelte sich leicht; »man ist doch ein wenig außer Fassung, wenn man, wie ich, zum erstenmal mit dem Sensenmann Karten spielte. Das peitscht auf die Nerven zuerst mächtig ein,« atmete er, trat an den Tisch und ließ die Säbelscheide verloren durch seine Hand gleiten. Aber gleich darauf hielt er inne, bezwang die eigene Unrast, und während er energisch sein verwirrtes braunes Gelock zurückwarf, blieben seine dunklen Augen an der aufrechten Gestalt der Deutschen haften, und er fragte sich, warum sie wohl so bestimmt und fordernd vor ihm aufrage. »Darf ich fragen, ob ich Ihnen mit irgend etwas dienen kann, Gnädigste?« begann er in seinem verbindlichen Ton, obwohl die Floskel im Moment etwas müde klang.

»Ja, Fürst Fergussow,« entgegnete Johanna, »Sie müssen mir jetzt einige Fragen beantworten.«

»Muß ich? Mit Vergnügen! Bitte sprechen Sie offen.«

»Nun gut, dann entdecken Sie mir, ob Sie wirklich an Ihre Wachtposten den Befehl erteilten, mich nicht mehr aus meinem Hause zu lassen.«

Der Fürst verzog die Augenbrauen und sah in die Luft. Er schien sich auf seine eigene Anordnung nicht mehr ganz sicher zu besinnen. Dann glitt ein gewinnendes Lächeln um seinen fein geschnittenen Mund.

»Ich errate, mein Fräulein,« sagte er liebenswürdig. »Ihre Wirtschaft, der Sie sich zu meiner Bewunderung so umsichtig widmen, leidet offenbar Schaden, wenn Sie die Baulichkeiten auf Ihrem sauberen weißen Hof nicht mehr inspizieren können, nicht wahr?«

»Jawohl,« nickte Johanna.

Der Fürst stieß achtlos unter die Generalstabskarten auf den Tisch: »Das möchte ich selbstverständlich vermeiden. Mir liegt Ihnen gegenüber jede Härte vollkommen fern. Nein, bitte halten Sie dies nicht für ein Kompliment, ich tue dies schon aus Respekt vor meiner eigenen Rasse. Ihnen steht also von heut an der Aufenthalt auf Ihrem Hof frei, vorausgesetzt, daß Sie auch mir eine kleine Bedingung erfüllen.«

»Worin besteht die?« forschte Johanna kühl. »Sie haben ja die Macht, Durchlaucht,« setzte sie bitter hinzu, »alles zu erzwingen.«

Dimitri Fergussow wurde ungeduldig. Die ernsthafte Unterhaltung schien seinen vibrierenden Nerven lästig zu fallen.

»Sie werden mir also das ehrenwörtliche Versprechen geben,« erklärte er leichthin, »die Grenzen Ihres Hofes auf keinen Fall zu überschreiten. Auch für Ihre Familienangehörigensowie für Ihre Angestellten bin ich gezwungen, von Ihnen diese Bürgschaft zu verlangen.«

»Ich soll mich verpflichten ...?« rief Johanna zurücktretend.

Jetzt leuchtete es in den schönen Männerzügen abermals auf. Es war ganz das sonnige Strahlen, das das arbeitsgewohnte Mädchen so schwer begreifen konnte. Aber in dem halbdunklen Zimmer wurde es förmlich hell davon.

»Sie müssen mich nicht mißverstehen,« sagte der Offizier, leicht auf sie zuschreitend, »ich habe nämlich den Eindruck, als wenn Ihr fester Wille hier von allen geehrt und gefürchtet würde. Auch von dem Fräulein Schwester; übrigens ein sehr erfreulich lebhaftes Temperament,« setzte er hinzu. »Empfangen Sie mein Kompliment zu dieser graziösen, ganz undeutschen Erscheinung.«

Da runzelte die Blonde schwer die Stirn, ihre Figur straffte sich, so daß die kräftigen Glieder hervortraten, und ihre Wangen flößten durch ihre Marmorblässe dem Beschauer ein erneutes Befremden ein.

»Das ist mir unlieb zu hören,« warf sie frostig hin. »Aber darüber schulde ich Ihnen keine Rechenschaft.«

»Gewiß nicht,« lenkte der Russe betreten ab und schüttelte den Kopf.

»Im übrigen gebe ich Ihnen, wenn auch ungern, das verlangte Ehrenwort. Ich werde also den Verkehr mit der Außenwelt vermeiden,« hob sie deutlich hervor, um ihrem Gegenüber zu zeigen, daß sie seine Absicht verstanden hätte. Dann aber wurde sie unruhig, und die Finger ihrer Rechten irrten tastend auf ihrem Gewand herum. »Verzeihen Sie noch eine Frage, Herr Oberst,« rang sie sich endlich ab, »das Gefährt, das meine Schwester Isa gestern abend auf das benachbarte Gut Sorquitten bringen sollte, ist nicht zurückgekehrt. Wäre es Ihnen vielleicht möglich, eine Erkundigungnach dem Verbleib unserer Jüngsten einzuziehen?«

Der Fürst blinzelte ein wenig und maß die Gutsherrin, die ihm in ihrer Sorge weiblicher als bisher erschien, von den Blondhaaren bis zu den Füßen.

»Sie sehen mich so an,« stotterte Johanna immer verwirrter, und eine Ahnung stieg ihr auf, in ihrer Frage könnte für den Russen etwas Verdächtiges enthalten sein. »Sehen Sie,« suchte sie sich zu entlasten, »es handelt sich um ein ganz junges, unerfahrenes Ding. Ich vertrete Mutterstelle bei ihr.«

Der Fürst wiegte noch immer bedenklich das Haupt, und seine Augen gruben sich unausgesetzt und prüfend in die des großen Mädchens. Endlich sagte er vorsichtig:

»Ich bin in der Tat in der Lage, Ihnen, auch ohne Erkundigung, eine Angabe über den Verbleib des Fräuleins zu machen, denn ich habe die junge Dame selbst gesehen.«

»Sie? Um Gottes willen, Durchlaucht, wo? Ist sie gesund? Ihr ist doch nichts Schlimmes widerfahren?«

Jetzt schien der schlanke Offizier mit sich einig zu sein. Er bettete die Hände leicht auf den Rücken und schritt hinter dem Tisch auf und ab. Leise klirrend begleiteten die Sporen seinen federnden Gang.

»Verehrtes Fräulein,« meinte er, – aber Johanna war es doch, als ob er jedes seiner Worte besonders prüfe und wäge – »Sie brauchen sich über die Lage Ihrer Jüngsten, soweit ich es beurteilen kann, keinen Befürchtungen hinzugeben. Die junge Dame befindet sich in der Stadt, im Hause eines befreundeten Herrn – –«

»Konsul Bark,« fiel hier Johanna atemlos ein.

Der Russe nickte und warf ihr einen verständnisinnigen Blick zu. »Ganz recht, und ich hoffe, daß der Ausfall der kriegsgerichtlichen Untersuchung es dem Fräulein ermöglichenwird, recht bald in Ihre schützenden Arme zurückzukehren.«

»Untersuchung?«

In Johannas Wesen verwandelte sich etwas. Wo blieb die gemessene frostige Zurückhaltung, die den eleganten Offizier bisher stets in der Meinung befestigt, es hier mit etwas ganz Unpersönlichem, Abgestorbenem zu tun zu haben? Alle Wetter! Dimitri Fergussow wurzelte fest und vergaß im Moment seine eigene Ermüdung und das zuckende Tanzen seiner Nerven, die das Fest des Blutes noch immer nicht überwunden hatten. Alle Wetter, wie die Glieder der Nemza sich dehnten, wie die Fäuste sich ballten und die Arme schwollen, als wollten sie die enge, blau und weiß gepunktete Hülle sprengen. Dazu das dunkle Blitzen der Augen, das feine Rosenrot, das über die weiße Haut jagte, – der Fürst stand still, atmete tief und verwandte keinen Blick mehr von der aufgeregten Germanentochter. Ein seltsames Geschöpf, schoß es ihm durch den Sinn.

»Fürst Fergussow,« fiel es endlich von den herrischen Lippen Johannas, und es erregte die Bewunderung des fremden Offiziers, wie die doch von Leidenschaft Durchbebte ihr Organ in der Gewalt hatte; es klang sicher, bestimmt und ein wenig befehlshaberisch, wie immer; »Sie werden einsehen, daß Sie mir jetzt eine weitere Aufklärung nicht mehr verweigern dürfen.«

Fürst Dimitri regte fast unmerklich die Hand. Es war eine jener formvollendeten Bewegungen, die bei diesem äußerlich so gefälligen Menschen eine deutlich vernehmbare Sprache redeten. Und Johanna begriff sie sofort.

»Sie schlagen mir diese natürliche Bitte ab?« fuhr sie auf.

Der Russe sah ihr starr in das reine Antlitz, dessen Züge ihm immer mehr wie die einer belebten Marmorstatue erschienen.

»Es fällt mir sehr schwer,« suchte er sich ihr beinahe schmerzlich zu entziehen, »Ihnen gegenüber bei meiner Pflicht zu bleiben, indessen – – –« und wieder folgte die Drehung der fein geformten Hand.

»Wenn ich Sie nun aber bitte,« stieß Johanna hervor, und sich vergessend verließ sie zum erstenmal ihren Platz, schritt an den Obersten heran und streckte den Arm gegen ihn aus, so daß Dimitri Fergussow gar nicht anders konnte, als diese weißen Finger zu ergreifen; sie waren kalt wie Stein. »Wenn ich Sie nun aber inständigst bitte?« jagte die große Blonde weiter. »Nicht wahr, dann werden Sie einsehen, daß ich nichts Unrechtes verlange? Hier handelt es sich ja gar nicht um die Feindschaft unserer Länder, um Russen und Deutsche, hier geht es ja lediglich um eine arme versprengte Familie. Um meine Ruhe, begreifen Sie das?«

Der Fürst hielt die weißen Finger in seiner Hand, beugte sich und wollte, einem raschen Trieb nachgebend, seine Lippen auf die festen Gelenke drücken. Allein mitten in der Bewegung befiel ihn ein Zaudern und Schwanken. Zu ernst und flammend sprühten die dunklen Augen auf ihn herab, die sein Vorhaben verständnislos begleiteten. Er wollte scherzen, er gedachte allerlei flatterhafte Bedingungen zu stellen, doch vor diesem großen und wahrhaften Geschöpf fiel ihm durchaus nichts Leichtes und Gewandtes ein. Sehr fatal – fast schmerzlich verzog er den Mund, als er sich so von einem fremden Wesen, von einer anderen ihm rätselhaften Kultur gefangen und verpflichtet sah. Und nur mühsam preßte er zwischen den Zähnen hervor:

»Sie dürfen es wirklich als ein Zeichen meiner Achtungnehmen, wenn ich mich von Ihnen so leicht zu Konfidenzen verleiten lasse, die der Dienst sonst streng verwehrt. Also kurz: Ihr Fräulein Schwester ist leider Zeuge gewesen, wie sich Herr Konsul Bark in einem Moment des Zornes oder des Leichtsinns zu einer unüberlegten Handlung gegen einen unserer Offiziere hinreißen ließ.«

»Gegen Rittmeister Sassin,« warf Johanna schwer atmend dazwischen.

Jetzt zuckte der Oberst ablehnend die Achsel. »Sie müssen sich mit meinen Andeutungen begnügen. Aber ich füge noch hinzu, da das kleine Fräulein nach meiner Meinung wahrscheinlich nur die Ursache des Streites war, so dürfte man sie nach dem Verhör ungekränkt entlassen.«

»Herr Oberst,« forderte Johanna klar und rasch, die aus ihrem geschäftlichen Wirken gewöhnt war, alle Vorteile sofort wahrzunehmen, »würden Sie sich in dieser Richtung selbst für Isa verwenden?«

»Ich? Nun bei der heiligen Mutter von Kasan –«

Der schlanke Mann, der sich unmittelbar nach seinem ersten Waffengang selbst in einem so sprühenden Rausch befand, er stand dicht vor der Bittenden, und in seinem sprechenden Antlitz, das er im Moment nicht beherrschte, zuckten die widerstrebendsten Neigungen durcheinander. Die Sucht, sich nicht zu einer so auffälligen Bevorzugung mißbrauchen zu lassen, das Mißfallen an der so plump und klar vorgetragenen Bitte, und daneben doch die heimliche Begierde, diese Vertraulichkeit gegen die majestätische Göttin auszunützen. Allein plötzlich brach er in ein helles jugendliches Lachen aus. Gesund klang es, frisch und überzeugt, hervorgerufen durch den seltsamen Gegensatz, er, der hohe Aristokrat, der gewesene Adjutant des Zaren, solle für den pikanten Rotkopf an hoher Stelle ein erlösendes Wort einlegen!Wie man das dort wohl auffassen würde? Sehr eindeutig. Fraglos. Und er gab sich von neuem seiner liebenswürdigen Heiterkeit hin, ließ sich in den Stuhl hinter dem Tisch fallen, und indem er Papier und Feder ergriff, rief er zu der über den plötzlichen Wechsel Fassungslosen herüber:

»Ja, was vermag ich gegen die gestrenge Quartiermacht auszurichten?Rien du tout!Es geschieht also auf Ihre Gefahr, mein verehrtes Fräulein! Ich werde mein eigenes Zeugnis für die Unschuld der jungen Dame anbieten, und wir wollen hoffen, daß ich für einen unverfänglichen Beobachter gehalten werde.«

Seine Feder flog hurtig über das Papier, und von Zeit zu Zeit warf er von der Seite einen schalkhaften Blick der blonden Nemza zu. Wie warm und ehrlich sie sprechen konnte, als sie jetzt mit mühsam erkämpfter Fassung hervorbrachte:

»Das kann ich Ihnen niemals vergelten, Durchlaucht!«

»Oh doch, doch, Sie müssen es nur versuchen. Ich wäre zum Beispiel für einen kleinen Imbiß jetzt ganz besonders dankbar. Und wenn ich hoffen dürfte, daß die beiden Damen später beim Diner meine etwas« – er zeigte auf seine toll übereinander geworfenen Monturstücke – »meine etwas wirre Tafel zieren möchten, so würde ich darüber ein ungemessenes Vergnügen empfinden. Natürlich,« setzte er hinzu und verbeugte sich höflich, »soll dies nur geschehen, sobald es sich ohne Überwindung bewerkstelligen läßt. So, meine Gnädigste, jetzt bitte ich noch um etwas Siegellack. Das von Ihnen mit soviel liebenswürdiger Energie verlangte Dokument ist fertig.Voilà!«

Das Dokument aber lautete:

»Mein lieber Oberst Geschow!

Ich beglückwünsche Sie zu dem kecken Handstreich, der die erste Stadt unserer Gegner – zu dem Worte ›Feinde‹ vermag ich mich aus Geschmacksrücksichten immer noch nicht aufzuschwingen – so überraschend in Ihre Hand spielte. Alle Kriegsgötter schützen Sie ferner! Auch wir haben hier ein kleineres Detachement Preußen eiligst still gemacht. Tapfere Leute, von einer wunderbar ausgebildeten Disziplin, die für mich, offen gesagt, etwas Unheimliches und Störendes besitzt. Eine fleischgewordene Idee, ein wild gewordener Schulmeister kämpft gegen uns. Das Einmaleins schlägt gegen den Analphabeten. Für mich eine sehr lästige Vorstellung. Aber Sie wissen ja, ich bin auch als Soldat nur Dilettant und schließe mich gern dem allgemeinen Glauben an, daß die Heuschreckenschwärme auch das bestbestellteste Feld zu fressen vermögen.

Und nun, bester Fedor Juliewitsch, lächeln Sie über mich, tadeln Sie mich, aber bedenken Sie, es ist mein gutes Herz, das mich antreibt, mitten im männermordenden Streite eine Bitte für eine Dame auszusprechen. Es handelt sich um das rothaarige Fräulein, das man, wie auch Ihnen wohl bekannt ist, im Hause des Herrn Konsul Bark festnahm. Ich kann mir nicht denken, daß die rote Hexe etwas Ernsthaftes gegen die Sicherheit und das Glück des Zaren ersann. Und da ich im Hause ihrer Schwester, einer überlebensgroßen blonden Walküre, hier draußen im Quartier liege, so würde es für mein Wohlbefinden und meine Verpflegung, die Ihnen als einem Organisator des Sieges sicherlich auch nicht unwichtig erscheinen, von großem Werte sein, wenn man das schmale Frauenzimmerchen recht bald wieder laufen ließe. Könnten Sie zu diesem Zwecke irgendetwas beitragen, so würde dies meine freundschaftliche Bewunderung für Sie, wenn es möglich ist, noch erhöhen. Wenn nicht, –mon dieu, dann werde ich der verminderten Beköstigung seitens der marmornen Landsmännin Richard Wagners unsere durch alle Welt so berühmte slawische Genügsamkeit entgegensetzen.

Herr Oberst, ich bin Ihr Ihnen in unauslöschlicher Freundschaft verbundener

Dimitri Sergewitsch Fergussow.«

Es gab Johanna einen Stich ins Herz, als sie zuerst den prachtvoll gedeckten Tisch wahrnahm, für dessen Ausschmückung Marianne zu sorgen übernommen hatte. Da funkelte das alte schwere Familiensilber, das von der Ältesten nach dem Zusammenbruch Stück für Stück zurückgekauft war, um nun von ihr wie ein Heiligtum gehütet zu werden. In schneeiger Weiße leuchtete das glänzende feine Leinen auf der Tafel. Und als die Blonde gar noch die schlanken Flaschen des seit Jahren abgelagerten Rheinweins ins Auge faßte, als sie das Klingen der dünnwandig-geschliffenen Gläser auffing, da tat es ihr in ihrem grübelnden Sinnen weh, weil sie selbst an jenem Tisch Platz genommen, der für heute sicherlich nicht ihr eigener war. Reue und Beschämung befielen sie, weil sie geduldet, daß ihre sorglose Schwester ein festliches weißes Gewand angelegt, als ob es sich um eine strahlende Siegesfeier handele.

Und wahrlich, wurde nicht eine Siegesfeier begangen?

Horch, von dem halbzerschossenen Holzkirchlein trug der Wind unaufhörlich zerrissene und unregelmäßige Glockentöne herüber, als ob von ungeschickten Händen und zum Spiel an den Strängen gezerrt würde. Und die Gutsbesitzerinerriet mit einem kurzen Zusammenschauern, wie die fremden Reiter, die in dem Gotteshause ohne Scheu und Achtung ihre kotbespritzten Rosse untergebracht haben sollten, nun auf diese kindliche Weise ihrer wilden Freude über das erste blutige Treffen Ausdruck zu verleihen suchten.

Ungern hob sie den niedergeschlagenen Blick, um ihren fröhlichen Gast zu mustern, der so sprudelnd und blendend heiter mit der sichtlich von seiner vornehmen Art entzückten Marianne plauderte. Nein, die Beobachterin täuschte sich nicht. Die Melancholie aus seinen Augen war verschwunden. Ein sprühendes Leuchten und Blitzen lebte in ihnen, ein gesteigertes Wohlbefinden, ein lachender Übermut, sie bekundeten sich in jeder Bewegung. Ganz sicher, auch er beging in diesem Augenblick seinen ersten Sieg, berauscht, hingerissen, und von seinem Erfolg betäubt, wenn er auch zu viel Erziehung besaß, um seinen Triumph vor den deutschen Damen nicht soweit als möglich zu verbergen. Allein schon daß er den Wunsch geäußert, gegen den es ja kein Widerstreben gab, die Angehörigen der im Moment vor ihm unterlegenen Rasse an seiner heimlichen Siegesfeier teilnehmen zu lassen, dieser kaltblütige und grausame Sinn empörte die große Blonde innerlich und ließ es ihr geraten erscheinen, die erzwungenen Pflichten der Wirtin kühl, abgemessen und beinahe wortlos zu erfüllen. Sie erteilte dem aufwartenden Mädchen wohl hier und da einen Wink, dem fremden Offizier diese oder jene Schüssel zu reichen, aber nie hätte sie es über sich gewonnen, dem strahlenden Mann das Glas mit dem klaren Wein zu füllen, denn dies hielt sie für ein Zeichen rückhaltsloser deutscher Bewillkommnung. Und doch mußte sie manchmal an sich halten, um der hinreißend frischen Unterhaltungskunst des Fremden nicht doch endlich mit wärmerem Gefühl zu erliegen. Eines war ganz klar, und die kühle Beobachterin konnte es keineswegsübersehen: an ihrem Tisch saß ein Hochgeadelter, der Liebling eines Hofes, ein Fürst, der gewiß über fabelhafte Reichtümer gebot, die mächtige Vorfahren aus dem Fleiß zahlloser Leibeigener aufgespeichert. Und dieser Verwöhnte versagte es sich dennoch, den beiden einfachen Mädchen den weiten Abstand seiner Geburt fühlbar zu machen. Ja noch mehr, ja noch viel erstaunlicher, aus seinen Urteilen, aus seinen witzigen Bemerkungen konnte man deutlich die überlegene Kritik eines hohen Herrn heraushören, der die Schwächen und Schäden weder seiner Umgebung, noch seines Landes zu schonen gewillt war. Mit welch lässigem Spott der glänzende Offizier gelegentlich die ihm so wohlbekannten Personen seines Hofes streifte. Mit welchem achselzuckenden Fatalismus er sich über die Unzuverlässigkeit der Beamtenschaft aussprach! Das alles zeigte einen Geist, der sich zu hoch dünkte, um an kleinlichen Unwahrheiten teilzunehmen. Und diese Offenheit, diese Wahrheitsliebe interessierten die Gutsherrin von Maritzken, denn ihre eigene Natur wurzelte ja in ähnlichen Neigungen, und ihr schuldloses Gemüt ahnte nicht, daß der vornehme Herr, der ihr gegenüber saß, mit demselben gleichgültigen Achselzucken auch seine eigenen Laster und Verfehlungen entschuldigt haben würde, als Schickungen, gegen die es sich nicht lohne anzukämpfen.

Während sie so nachsann, entging es ihr, wie die Unterhaltung der beiden anderen jungen Menschen immer ungezwungener und entfernter von beengenden Rücksichten dahinfloß. Die Feuer des Weines hatten die Wangen Mariannes mit einem dunklen Hauch überglüht, und unter ihren langen Wimpern spritzten kleine züngelnde Flammen hervor.

Johanna erschrak. Was mußte sich der Russe von dem sinnlosen, dem unpassenden Benehmen einer solch Ungebändigtendenken!? Und mit Grauen stürzte plötzlich eine Erinnerung auf sie herab: der Fürst war ja ein ›Frauenschlächter‹, wie der verwundete Rittmeister sich ausgedrückt hatte. Gewöhnt, mit allen Mitteln seine Opfer zu umstricken. Nein, hier mußte sie Halt gebieten.

Während sie sich entschlossen aufrichtete, vernahm sie, wie ihre beiden Gefährten sich eifrig über deutsche Musik unterhielten. Aber es kam ihr vor, als ob dies alles nur einen Vorwand bildete, als ob hier ohne laute Worte über etwas ganz anderes geredet würde. Und mit einer herben Bewegung erhob sie sich und stand nun in ihrer vollen Höhe da. Das Mittagsmahl war aufgehoben, und der Fürst, der die Plötzlichkeit dieser Zeremonie wohl nicht ganz begriff, war liebenswürdig genug, um der Blonden sein gefülltes Glas entgegenzuhalten, und sich dann in seiner gefälligen Art vor ihr zu verneigen.

»Mein Fräulein,« sagte er, »Sie gestatten mir, Ihnen auf diese Weise meine Dankbarkeit zu bezeigen. Ich würde glücklich sein, wenn ich an Ihrer Tafel als ein wirklich geladener Gast hätte sitzen dürfen. Wir wollen hoffen, daß die Begebnisse der Zeit eine solche Möglichkeit nicht ausschließen.«


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