Noch einmal hob er das Glas und trank dann die spiegelnde Flüssigkeit in langsamen Zügen aus. Noch waltete Schweigen in der so unvorhergesehen gestörten Runde, als plötzlich hart an die Tür gepocht wurde. Der herkulische Wachtmeister trat ein, salutierte und überbrachte dem Oberst ein gestempeltes Schreiben. Dieser erbrach es hastig, las und ließ das Papier allmählich aus seiner Rechten herabgleiten. Dann atmete er tief, bis er mit seinem gewohnten Achselzucken eine Last oder zum mindesten etwas Unwillkommenes von sich abzustreifen schien.
»Meine Damen,« sagte er ruhig, und doch zitterte seine Stimme leicht, »ich habe die Ehre Ihnen mitzuteilen, daß mit dem heutigen Morgen die Kriegserklärung zwischen unseren Regierungen offiziell gewechselt wurde.« Und mit einem erzwungenen Lächeln setzte er hinzu: »Sie können jedoch überzeugt sein, daß, soweit es in meiner Macht liegt, diese reine Förmlichkeit keinerlei Veränderungen in Ihrem jetzigen Dasein hervorrufen wird. Erlauben Sie gütigst, daß ich mich zu meinen Offizieren begebe. Ich danke Ihnen.«
Konsul Bark raffte sich von dem niedrigen Holzschemel empor, auf dem er die lange finstere Nacht verhockt hatte. Ungläubig ließ er seinen Blick über die vielen Menschen dahinschweifen, die gleich ihm in der engen Kammer des Stadtgefängnisses eingepfercht waren, und sein verwöhnter Geruchssinn empfand mit Schaudern die vergiftete, bleischwere Luft, die bereits in Fäulnis übergegangen zu sein schien. An allen Gliedern zerschlagen, richtete sich der Großkaufmann auf, strich sich mit den Händen sein braunes Haar zurecht, das zum erstenmal seit langer Zeit am frühen Morgen nicht von seinem Kammerdiener Pawlowitsch mit wohlriechenden Bürsten geglättet wurde, und gewöhnt, auch den widrigsten Umständen eine besonnene und überlegte Arbeit entgegenzusetzen, schüttelte er seine Müdigkeit gewaltsam ab und drängte sich durch die auf dem blanken Erdboden herumliegenden Leidensgefährten bis an die dunkle, eisenbeschlagene Tür, gegen die er mit beiden Fäusten zu donnern begann.
»Um Gottes willen, Herr Konsul Bark,« zischte der fette Tischler Majunke durch die klaffende Zahnlücke, die ihm der gestrige Nachmittag eingetragen, und zugleich hob der Handwerker ein paar fleckige Hemdsärmel in die Höhe, um sich von seinem breiten kahlen Schädel einen Strom perlenden Schweißes herabzuwischen, »um Gottes willenHerr Konsul Bark, – Sie entschuldigen wohl, wenn ich als einfacher Mann – aber die dort draußen, die verfluchten Breitmützen, sie könnten uns einen solchen Spektakel übelnehmen.«
Und aus einer Ecke richtete sich der Pferdehändler Kowalt mit seiner rot und schwarz karierten Weste auf und schwenkte über den Häuptern der anderen wütend einen langen Peitschenstock, den man ihm bei seiner Verhaftung merkwürdigerweise gelassen.
»Unsinn,« schimpfte er drohend und riß die blutunterlaufenen Augen auf, »alles mit Ordnung – Unsinn – bei dieser Hitze haben wir doch wenigstens Kaffee oder Wasser oder so was Ähnliches zu verlangen. Habe ich nicht recht, Herr Konsul Bark, ist es nicht Unsinn?«
Doch der Kaufmann kümmerte sich um die Meinung seiner Gefährten nicht im geringsten, er hörte sie wohl gar nicht, sondern hämmerte mit rücksichtsloser Wut weiter.
Die Tür rasselte auf. Ein allgemeines Ah und ein Atmen der Erleichterung folgte. Draußen auf dem halbfinsteren Korridor stand ein untersetzter Kosak, eine schmutzige Lammfellmütze auf dem plumpen Haupt, und in der schwieligen Rechten, unachtsam herabhängend, ein Gewehr mit aufgepflanztem Bajonett. Der Kerl schien sich gleichfalls eben erst seiner Nachtruhe auf den Steinfliesen entrissen zu haben, denn auf seinen faltigen Röcken zeichneten sich deutlich die roten Streifen der Ziegel ab. Auch gönnte sich sein schwülstiger Mund ein umfangreiches Gähnen.
Der Konsul aber fuhr ihn an, als ob es ganz selbstverständlich wäre, daß der Kriegsknecht ihm unbedingten Gehorsam schulde.
»Heda, Sie Mensch, ich verlange sofort Ihrem Höchstkommandierenden vorgeführt zu werden. Zeigen Sie ihm diese Karte und bringen Sie mir ohne Aufenthalt Nachricht.«Zu gleicher Zeit griff der so sicher und furchtlos Sprechende in seine Tasche und warf ein Talerstück klirrend vor den Wächter auf die roten Ziegel.
Die anderen horchten hoch auf. Ein Raunen des Beifalls und der Bewunderung ging durch ihre gedrückten Reihen. Ja, das war die richtige Art, mit diesen Halbwilden Geschäfte abzuwickeln. Der Konsul verstand's! Ja, wenn man bloß so in die Tasche zu langen brauchte – fein, fein! Ein großer Herr!
Auch der Kosak billigte diese Form der Verständigung. Umständlich kniete er in seinen faltigen Gewändern nieder, lehnte das Gewehr an die Wand, und nachdem er das Talerstück in seine schlappe Hosentasche versenkt, blieb er liegen und grinste in die offene Tür hinein.
»Haben Sie nicht gehört, Ihren Höchstkommandierenden wünsche ich zu sprechen,« rief der Konsul, indem er sich mühsam der russischen Sprache bediente.
Der Kniende jedoch schüttelte lebhaft die wirren Haare, dann aber, als er ernstlicher über das Verlangen seines vornehmen Gefangenen nachgedacht hatte, streckte er den Zeigefinger vor die Stirn, sprang auf und schmetterte mit einem Fußtritt die Tür wieder ins Schloß.
»Solch eine Bande,« keuchte der Pferdehändler Kowalt und führte einen schallenden Schlag mit dem Peitschenstiel gegen das eisenbeschlagene Holz. »Unsinn – wer wird uns hier zu unserem Recht verhelfen? Glauben Sie etwa, wir werden verhört? I wo, morgen nehmen sie uns zwischen die Pferde und dann – hui nach Sibirien. Unsinn!«
Und der Produktenhändler Manasse, ein Mann, dem noch nach alttestamentarischer Weise graue Ringellocken über die Ohren fielen, streichelte unaufhörlich seinen Filzhut, ließungeniert dicke Tränen auf seinen schwarzseidenen Rock herabrinnen und seufzte schwer in sich hinein:
»Sibirien ganz gut, aber Hände und Füße abschlagen – Gott, Gott, meine arme Frau hat – – –«
»Sst, sst, die Hauptsache ist, daß wir uns ruhig verhalten,« begütigte der ängstliche Tischlermeister Majunke und stellte sich quer vor die Tür, als wolle er jedes verdächtige Wort abwehren und auffangen.
Ein allgemeines gedämpftes Gemurmel erhob sich. Nur der Konsul äußerte nichts mehr. Er verzog die blasse Stirn, dachte nach und schritt mit seinem elastischen Gang an den verlassenen Holzschemel zurück. Hier schlug er die Arme untereinander, und während er zum erstenmal seine Gefährten eingehender musterte, fiel es kühl und geschäftlich wie immer von seinen Lippen:
»Bitte wollen Sie mir jetzt der Reihe nach mitteilen, wie Sie hierher gekommen sind. Da ich alles daran setzen werde, um mir Gehör zu verschaffen, kann es für Sie nur nützlich sein, wenn ich auch Ihre Angelegenheiten vor die geeigneten Stellen bringe. Also Herr Kowalt, wie war's?«
In dem engen Raum, in dem schon am frühen Morgen eine feuchte brütende Hitze um die vielen Menschenköpfe herumwogte, zog nun vor aufhorchenden Ohren Schicksal um Schicksal vorbei. Eintönig und gleichlautend.
Konsul Bark aber saß und zeichnete über die Anfänge all dieses Trübsals kurze schlagkräftige Bemerkungen in seinen winzigen goldenen Notizblock. Immer heißer und stickiger wurde es, Hunger und Durst begannen die eng Zusammengedrängten empfindlich und quälend zu plagen, und die Unruhe, ob sie Gehör und Gerechtigkeit bei den fremden Gewalthabern finden würden, zehrte an ihnen, wie ein gefräßiges Tier.
Ob sich nun nicht bald die schwere Tür öffnete? VergeblicheHoffnung. Stunde auf Stunde verging, und aus den Schlägen der Kirchturmuhr von St. Sebaldus, die als einzige Stimmen ihrer früheren Welt zu den Eingekerkerten sich hineinschwangen, erkannten die aus dem lebendigen Getriebe Herausgerissenen die enteilende Zeit.
Herrgott, Herrgott, es mußte schon der Nachmittag angebrochen sein.
»Ruhe, Ruhe, nur nicht laut werden, man darf sie nicht reizen!«
»Unsinn, – wenn sie nicht bald was zu trinken bringen, dann stoß ich die Tür ein. Alles andere ist ja barer Unsinn.«
»Weh, weh, Herr Nachbar, wie können Sie nur so schreien? Ich sag' Ihnen, mich haben sie gestern schon mit ihren Knuten geprügelt, und meine arme Frau hat – –«
Unaufhörlich fuhren die Laute aus den vertrockneten Kehlen durcheinander, als wollten sie sich selbst den schwachen Trost gönnen, daß sie noch nicht erstorben seien. Dem Konsul jedoch war die klare Erkenntnis für all diese kleinmütigen Äußerungen längst versunken. Ein Bein lässig über das andere geschlagen, saß er auf dem einzigen Holzschemel, den ihm die anderen aus altgewohnter Ehrfurcht willig überlassen, starrte über die schweißnassen Häupter der kleinen Handwerker hinweg in eine Ecke hinein, und manchmal kam es ihm vor, als ob er dort hinten an der schmutzigen, spinnwebigen Wand einen hellen Schein gewahre und auf dieser belichteten Stelle sich selbst und das rote Mädchen und die verdämmerten Mosaikgestalten der Evangelisten in dem beleuchteten Refektorium, das eigentlich sein elegantes Privatkontor war. Und hinter seinem Schreibtisch sah er, wie die gewaltige bunte Holzstatue des Apostelfürsten Petrus den halbzerbrochenen goldenen Hirtenstab hob, um ihn, kupferrot vor Zorn, gegen eine hereinstampfende Russenhorde zu schwingen, die RittmeisterSassin befehligte. Er legte sich die Hand vor die Stirn, und ein heftiges Mißtrauen wurde geweckt. Wie waren die Eindringlinge in das fest verschlossene Haus hineingelangt? Wer hatte ihnen geöffnet? Und erlaubte sich sein teurer Freund Leo Konstantinowitsch nicht, in seinem offenbar trunkenen Zustande den Arm um die Taille des zitternden Mädchens zu schlingen? Bei Gott, er hob die Zappelnde hoch empor. In den Gedanken und Bildern des Konsuls überschlug sich etwas. Wirr, trunken tastete er umher, als ob er nach der kleinen Schießwaffe suche. Dann ein Knall, und ein grauer Flor umschleierte wieder die sengend-klaren Gestalten. Wollten sie in ihren Nebel zurückkehren? – Wie war denn das alles?
Unbegreiflich schnell war die slawische Woge in die erste deutsche Grenzstadt geschlagen. Eben stritt man sich darüber, ob überhaupt eine ernsthafte Gefahr vorläge. Emsig suchte man nach beruhigenden Gründen, warum die preußische Garnison an einem Morgen bis auf den letzten Mann verschwunden war. Noch hielt man in unerschütterlichem Ordnungssinn daran fest, daß an eine kriegerische Austragung vorläufig gar nicht zu denken wäre, weil ja über die Grenze keine rechtsmäßige, von dem weißen Zaren gesendete Absage geschickt sei, noch gab man sich tausenderlei widersprechenden Vermutungen hin, ob man die großen Speicher, die Fabriken, die Kontore, Läden und Handwerksstuben räumen und ohne Aufsicht lassen sollte, da tauchte eines Tages in der Stunde zwischen Nacht und Dämmerung der Hausmeister Pawlowitsch in seinem blauen Frack mit den goldenen Knöpfen in dem englischen Schlafgemach seines Gebieters auf und zupfte hastig an den weißen Kopfkissen.
»Herr Konsuhl, – verzeihen Sie – wachen Sie auf – auf den Chausseen vor der Stadt streift russische Kavallerie herum.«
Der Großkaufmann, dessen Stolz es nicht gelitten hatte, das von den Vätern ererbte Geschäft zu verlassen, fuhr auf und rückte an dem eleganten Nachtanzug.
»Du bist verrückt, Pawlowitsch.«
Der Frack verbeugte sich. »Vorzüglich, Herr Konsuhl.«
Selbst in dieser Minute der sichtlichsten Angst, – denn das schneeweiße Männchen zitterte auffällig am ganzen Leib – mußte das Halbblut sein Entzücken über jede Äußerung des Chefs dartun. Der Kaufmann jedoch gelangte immer mehr zu klarer Erkenntnis seiner Lage. Er stützte sich auf den Ellbogen, und seine kühlen Augen hefteten durch die Schatten der Nacht einen spähenden Blick auf seinen Diener. Dann versuchte er, die elektrische Flamme über seinem Lager anzudrehen, allein das Licht blieb aus.
»Was ist das, Pawlowitsch?«
»Ich weiß es nicht, Herr Konsuhl,« stotterte das Faktotum, und es war, als ob seine Zähne leise gegeneinander klapperten, »ich glaube, sie haben die Drähte bereits zerschnitten.«
»So, so, – aber eines ist doch seltsam, wie hast du mitten in der Nacht die russischen Patrouillen auf der Chaussee feststellen können?«
Dabei streckte der Liegende seinen Arm aus und faßte kräftig in die Brustfalte des Alten. Der Herangezogene wandte sich und setzte mehrfach zum Sprechen an, bevor er auf diese klare Frage eine Antwort erteilen konnte.
»Verzeihen Sie, Herr Konsuhl – ich konnte nicht schlafen – die Hitze – ich mußte in den letzten Nächten immer spazieren gehen – die Angst – –«
»Donnerwetter, höre endlich mit dem dummen Zeug auf. Bringe mir sofort meine Kleider. Wir sind deutsche Kaufleute und haben nach unserem Eigentum zu sehen.«
»Ja gewiß, Herr Konsuhl.«
»Sind dir die Adressen unserer jungen Leute bekannt?«
»Alle.«
»Dann begibst du dich jetzt unverzüglich, da dir ja soviel an nächtlicher Bewegung liegt, zu jedem Einzelnen und bestellst, daß heute früh, wie an jedem anderen Tage hier gearbeitet wird. Sie sollen sich durch die Hintergasse in dem Lokal einfinden, denn vorn wirst du sofort das Tor verschließen und die eisernen Stangen vorlegen. Hast du mich verstanden, Pawlowitsch?«
»Vorzüglich, Herr Konsuhl. Hier ist auch schon der Anzug von gestern abend.«
Der Kaufmann sprang aus dem Bett. »Gut, gut, du brauchst mir nicht zu helfen. Aber Licht muß ich haben. Hier hast du die Schlüssel, lauf rasch in das Detailgeschäft und hole ein paar Pfund Kerzen herauf. Davon stellst du auch einige in mein Arbeitszimmer. Dalli, dalli!«
»Herr Konsuhl,« jammerte plötzlich der Hausmeister, der, anstatt sich zu entfernen, unschlüssig an der mit Fries gepolsterten Tür stehen geblieben war, um nun krampfhaft die Hände umeinander zu reiben, »Herr Konsuhl,« rief er in wirklich ausbrechendem Schmerz, »darf ich nicht wenigstens noch das Service mit heißem Kaffee in das Arbeitszimmer bringen?«
»Jawohl, du Dummkopf,« gab sein Herr, der so schnell wie noch nie in seine Kleider gefahren war, etwas versöhnter zurück. »Aber nun, Mensch, wirf endlich die Beine um die Ohren. Heute ist keine Zeit zu Rasiergesprächen.«
»Ja, ja, gewiß, vorzüglich, Herr Konsuhl – guten Morgen – die Jungfrau Maria behüte Sie.«
Mit wirrem Haupthaar, kaum ein wenig von dem abgestandenen Wasser befeuchtet und erfrischt, stieg der Prinzipal in sein altertümliches Büro herab. Merkwürdig, die Kerzen brannten schon überall auf Tischen und allen erdenkbaren Vorsprüngen und erleuchteten den weiten Raum mit seltsam schwebenden Schatten. Ein Weben und Gleiten ging unter den weißen gotischen Bogen dahin, und die starren blassen Gesichter der Evangelisten in den Mauernischen, sie schienen sich zu neigen und zu drehen, als wenn auch sie furchtgeschüttelt von dannen schweben wollten. Auf dem Sockel der großen Petrusstatue stand eine alte Blechlaterne aus dem Geschäft, und die in ihr brennende Kerze sandte einen flackernden Qualm zu dem hölzernen Riesen empor. Weihrauch der Angst.
Als sich der Herr all dieser Schätze umblickte, befiel ihn etwas wie ein Schütteln und Schneiden, ein nicht abzuwehrender Frost. Es war doch gut, daß der alte Mann an einen Trunk heißen Kaffee gedacht hatte. Aber wo blieb Pawlowitsch? Ungeduldig eilte der Konsul an seinen Schreibtisch und drückte auf den elektrischen Knopf. Die Klingel ließ ihr feines Rasseln ertönen. Doppelt schrill klang es in dem verlassenen Haus. Allein der Geforderte ließ sich nicht herbeirufen. Wie war denn das zu verstehen? Sollte der Hausmeister, der doch ein verschlagener und zäher Patron war, diesmal wirklich so aus der Fassung gebracht worden sein, daß er sogar den Wunsch seines Herrn nach einem Morgenimbiß vergessen haben konnte? Von einer unerklärlichen Ahnung durchschlagen, ergriff der Herr des Goldenen Bechers die kleine Blechlaterne, um sich über das merkwürdige Fernbleiben seines Verwalters auf alle Fälle Gewißheit zu verschaffen. Durch die altertümlichen Gänge des schlafenden Hauses glitt er dahin, geschmeidig, mit unhörbaren Schritten, über Treppen undschmale Altane, und nichts Lebendiges fand er, als seinen eigenen Schatten, der ihm überlebensgroß voraufeilte. So gelangte der Suchende in das Erdgeschoß, wo sich noch von Klosterszeiten her die geräumige, weiß getünchte Küche befand. Die Tür stand offen, drinnen alles leer. Ungläubig streckte der Konsul die Laterne in den verlassenen Raum, bis ihm ein kalter Luftzug das qualmende Lichtlein zu verlöschen drohte. Dabei nahmen seine leidenschaftslosen Züge einen immer herberen und kühleren Ausdruck an. Deutlich offenbarte ihm sein geschäftlicher, von allen Äußerlichkeiten unbeeinflußbarer Sinn, mit dem Verhalten seines Faktotums müsse es eine ganz eigene Bewandtnis besitzen. Aber welche? Ein heftig um sich greifendes Mißtrauen erfüllte ihn ganz und gar. Ob der Alte wenigstens für die Sicherheit des Hauses gesorgt hatte? In ein paar kurzen Sprüngen fuhr der Chef die breite knarrende Holztreppe in die Höhe, erreichte sein Arbeitszimmer und lief über die drei grünen Porphyrstufen auf die pflastersteinbelegte Einfahrt hinaus, um sich von dem Verschluß der mächtigen Eisentür zu überzeugen. Im ungewissen Schein der Laterne sah er, wie die beiden mächtigen Eisenquerbäume ordnungsgemäß vorgelegt waren, auch den ungeheuren eisernen Schlüssel mit dem wunderlich verschnörkelten Kopf aus einer frühen Zeit der Technik fand seine fühlende Hand fest im Schloß. Beruhigt atmete er auf. Durch die oberen eisenvergitterten Butzenscheiben, die sich wie herausgeschlagene Boden grüner Weinflaschen ausnahmen, stahl sich bereits ein schwächliches Dämmern des neuen Tages. Schwalben schossen dort draußen zirpend durch die Luft, und ganz von fern meldete sich ein eigentümliches Poltern und Rasseln, wie wenn ungefüge Karren eine Ladung von Eisen über unebene Straßen zu schaffen hätten. Der Kaufmann zog seine goldene Uhr und hielt sievor das rauchende Licht: ein Viertel auf drei. Wer konnte zu dieser frühen Stunde eiserne Gerätschaften in die Stadt transportieren? Oder sollte sich die Meldung von Pawlowitsch im Ernst bestätigen? Und der elegante Mann tat etwas, was er sich vor einer Stunde gewiß noch nicht hätte träumen lassen. Er legte das Ohr an die kalte Platte der Tür und lauschte angestrengt auf das nervenerregende Geräusch, das sich dort draußen in der Weite immer mehr verstärkte.
Da – was war das? Ein leichtes Rollen fuhr über den Markt, das gleichmäßige Getrappel von Wagenpferden verkündete sich und brach wie auf einen Schlag ab. Unmittelbar vor seiner Tür schien ein Wagen zu halten. Gleich darauf wurde an dem Schloß der Einfahrt gerüttelt, aber es klang mehr wie ein hastiges Kratzen und stammte von einer schwächlichen Hand. Der Konsul räusperte sich. Dann nahm er sich zusammen und rief mit seinem gemütskalten Ton:
»Heda, wer ist dort draußen?«
Wer aber konnte das Erstaunen des Mannes beschreiben, als die wohlbekannte Stimme des Rotkopfes von Maritzken durch das Schlüsselloch hindurchflüsterte:
»Herr Konsul – ich bin es – Isa – schnell machen Sie auf, ich bin in großer Gefahr.«
In der nächsten Minute poltern die Querbäume herab, ächzend schiebt sich ein Spalt des mächtigen Tores auseinander, und im Dämmergrauen des Morgens wirft sich ein junges Geschöpf, um das ein zerzauster Regenmantel flattert, völlig haltlos in die Arme des Mannes.
Draußen wirft der Wagen herum und stäubt wie ein Unwetter davon.
»Isa, um alles in der Welt, was bedeutet das? Wie kommst du hierher?«
Der von Schrecken Gepeinigte vergißt im Moment alle Erziehung und Höflichkeit und sieht in dem bebenden Wesen nur das schutzbedürftige Kind, dessen fröhliches Heranwachsen er wie ein Vater beobachten durfte. Jetzt klammert sie sich wortlos an seine Brust, mit einer irren, befremdlichen Kraft, und ihre feine Hand deutet schwankend auf die nahe Pforte des Arbeitszimmers. Da besinnt sich der Kaufmann nicht länger. Mit der Rechten wirft er auf einen Schlag die Querbäume vor das Tor, und ohne weitere Frage trägt er das Mädchen, das sich nicht mehr rührt, in das Refektorium.
Wieder gleiten die Schatten hin und her, die Evangelisten bewegen sich und schütteln die Häupter, und die blauen Holzaugen des Himmelspförtners wetterleuchten im Glanz, als sie gewahren, wie unbeholfen der Kaufmann seine Last in den geräumigsten der Kirchenstühle niedersetzt. Ganz sacht und behutsam. Er bettet sogar, ohne sich dabei etwas zu denken, den Regenmantel über die Knie der Kleinen zusammen. Dann zieht der Herr des Goldenen Bechers für sich selbst einen Klubsessel heran und setzt sich so, daß er dem Mädchen in das feine blasse Antlitz schauen kann. Geduldig wartet er, bis sich in dem verstörten Gesicht die dichten Wimpern heben. Kaum aber trifft ihn der erste Blick aus diesen klugen frühreifen Augen, da besinnt sich Rudolf Bark auf das eigentümlich väterliche Verhältnis, das zwischen ihm und dem zusammengekauerten Ding waltet, er entreißt sich seinen eigenen Sorgen, beugt sich vor und klopft ihr wohlwollend, herablassend die weiche Wange.
»Um Gottes willen, Mariellchen, Ihr Besuch ist zwar ehrenvoll, aber doch leidlich früh. Wenn ich nicht zufällig wie mein eigenes Gespenst durch das Haus schlürfte, ja, dann hätten Sie mich höchstens aus kummervollen Träumenwecken müssen. Aber nun im Ernst, liebes Kind, was treibt Sie her? Wie steht es in Maritzken? Was macht Johanna?«
Und dann kommt der Moment, wo die Heimatlose seine Hand ergreift und sich auf die Lehne seines Fauteuils niederläßt, als müsse sie aus Furcht vor der großen, leeren, fremdartig beleuchteten Stube dem Freunde ihres Hauses all die Schrecknisse der Nacht ins Ohr raunen. Dicht aneinandergeschmiegt sitzen sie, und in überstürzter Schilderung entwirft der feine Mund dem immer gespannter Aufhorchenden die düstern Schattenbilder, die diese furchtbarste Nacht ihres Daseins durchrast. Knappe Fragen wirft der Mann zwischen die ängstliche Rede, ihm liegt namentlich daran, die einzelnen Gegenden zu wissen, an die sich für Isa so schreckhafte Erinnerungen knüpfen, er wirft ein, daß das Mädchen wohl nur einem Patrouillentrupp begegnet sein könne, der die Stadt in weitem Bogen umgangen, er fragt nach Zahl, Bewaffnung und Sprache der Uniformierten, und allmählich quillt der Verschüchterten aus der gleichgültigen Ruhe des Kaufmannes eine neue Sicherheit zu. Ganz gewiß, es kann nicht so schlimm stehen, das Ganze bildet vielleicht nur ein abenteuerliches Mißverständnis, denn Rudolf Bark lehnt ja vor ihr in seinem modischen Anzug, der nichts von seiner tadellosen Glätte eingebüßt, und im Vollbesitz seiner sachlichen Nüchternheit, deren kühles Gleichmaß für den Rotkopf stets das Ziel einer sie erregenden Bewunderung gewesen.
»Herr Konsul, glauben Sie, daß nun die Stadt und die Umgegend von diesen schrecklichen Menschen überschwemmt wird?«
»Ja, Isachen, damit wird man leider rechnen müssen.«
Ein schnelles Atmen.
»Und wird das für Sie und für Johanna und auchfür mich mit Gefahr verknüpft sein? Sie können es mir ruhig sagen. Nach dem, was ich heut nacht erlebt, bin ich auf alles vorbereitet. Kann es uns ans Leben gehen oder werden wir verschleppt werden?«
»Liebes Kind« – der Kaufmann sah seiner Gewohnheit gemäß auf die Kappen seiner Lackschuhe, die ihm der Hausmeister, dem langjährigen Brauch folgend, hingestellt, und blickte dann in das blasse Gesicht seiner Gefährtin empor; in der gleichen Minute aber war er mit seinen blitzschnellen Erwägungen auch schon am Ende angelangt – »liebes Kind, ich denke, daß die fremden Gewalthaber voraussichtlich alles mögliche aufbieten werden, um bei der kommenden Besetzung die Ordnung und die Sicherheit aufrecht zu erhalten. Da man bei unserer Bevölkerung doch einen guten und harmlosen Eindruck zu erwecken wünschen muß, so werden sie nach meiner Meinung hier mehr als die guten Naturburschen auftreten, mit denen es sich leicht und gemütlich verkehren läßt. Ich hoffe also, eine persönliche Gefahr wird uns nicht drohen. Nur geschäftlich werden ungeheure Summen verloren gehen.«
»Auch Ihnen, Herr Konsul?«
»Auch mir. Da wir für die nächste Zeit abgeschnitten sind, so werden alle geschäftlichen Beziehungen zerreißen, auf denen der Handel beruht, und es wird bald eine traurige Lähmung eintreten, eine sehr traurige.«
Er sieht wieder auf seinen schmalen Fuß herunter und doch verzieht sich in dem gefaßten Antlitz nicht eine Miene.
Da fühlt der Rotkopf, es müsse doch noch höhere Interessen geben, als die unverhüllte Sorge um Leben und Wohlergehen, und urplötzlich fliegt ein helles, huschendes Rot über ihr verstörtes Gesicht.
Rasch springt sie auf und zaust geräuschvoll an ihrem steifen Regenmantel:
»Herr Konsul Bark.«
Der Ruf klingt in der trüben Gegenwart und mitten in der langsam vorüberkriechenden Nacht so frisch und lebenshell, daß der Geschäftsmann unvermutet den ihn umblitzenden Zahlen entrissen wird, um sich ganz verwundert an seine jetzige Lage zu erinnern. An das befremdliche Fortbleiben seines Verwalters, an das leere verschlossene Haus voller Vorräte, und an sein Zusammentreffen mit dem jungen Mädchen, das er irgendwie behüten muß, wenn ihm auch augenblicklich jedes Machtmittel dazu fehlt. Draußen klirren die unheimlichen Wagen mit ihrer rasselnden Eisenladung immer näher. Und als er jetzt seinen Blick umherschweifen läßt, als er innen hinter den vergitterten Fenstern die fest geschlossenen Holzläden prüft, und indem er erwägt, wie lange die halb herabgebrannten Kerzen noch ihr Licht spenden können, da erfaßt ihn die merkwürdig zerstreuende Erkenntnis, daß mitten in all dieser schlimmen, eisengeschüttelten Erwartung ein junges hübsches Mädchen steht, mit dem er sich allein in einem festungsähnlich verbarrikadierten Hause befindet. Es ist zwar lächerlich, jetzt über derartiges nachzudenken, aber in dem bangen Harren tanzen die Gedankenreihen so wild und glitzernd durcheinander, wie sonnenbeschienene Telegraphendrähte, wenn der Zug donnernd vorüberbraust. Nein, er muß sich auf etwas Wirkliches, auf etwas Vorhandenes beschränken. Rasch erhebt er sich, und während er fühlt, wie ihm die Mädchenaugen auf seinem Weg folgen, da unterdrückt er gewaltsam eine ihn umspinnende Schlaffheit, die wohl von der Aufregung und der unterbrochenen Nachtruhe herrührt. Und wieder schwingt und glitzert und sticht eine ganz unvorhergesehene Idee durch das nüchterne Hirn. Donnerwetter ja, er ist zweiundvierzig Jahre alt. In dem biegsamen Körper, der wie eine Stahlklinge jedemDruck nachzugeben weiß, ist bisher nie die Überlegung aufgetaucht von Einhalten und Schonung und herannahendem Alter. Aber wie er jetzt an dem Schreibtisch steht, um noch einmal entschlossen auf den elektrischen Knopf zu drücken, in der Hoffnung, sein Hausmeister könnte sich vielleicht doch wieder eingefunden haben, da muß er, obwohl ihm ein Ärger dabei aufsteigt, das junge blühende Geschöpf mit den rotleuchtenden Haaren messen und mitten in der Bedrohung und Not findet er es dumm und verächtlich, solch albernen Erwägungen nachzuhängen. Er ist eben ein älterer Mann und hat sich vor allen Dingen darum zu kümmern, das mit Waren bis unter das Dach vollgestopfte Geschäftshaus, an dem seine ganze Existenz hängt, zu hüten bis zum Äußersten. Teufel, unten lagern zum Unglück lauter Waren, die das rohe Volk, das hier bald herrschen soll, von jeher mit gierigen Augen angestarrt hat. Tee und Wein, Kaffee und Zucker, Reis, Tabak, Schokolade und ungeheure Mengen lockender Konserven. Wenn seine Leute nur zur Zeit kämen! Es gibt hier unten in dem ehemaligen Kloster einige Löcher und Winkel, die man schon nicht mehr Keller, sondern unterirdische Gänge nennen kann. Dort muß ein großer Teil der Vorräte verborgen werden.
Durch das Haus schmettert die Klingel, gellt und schrillt und der Prinzipal merkt erst jetzt, wie es schon minutenlang vergeblich läutet. Pawlowitsch bleibt verschwunden, aber der Durst nach etwas Warmem, Stärkendem meldet sich immer ungestümer.
Da plötzlich ein befreiender Einfall. Ganz ernsthaft wendet er sich an seinen Gast und fragt so dringend und kurz, wie er seine Angestellten anzureden gewohnt ist:
»Verzeihen Sie eine sonderbare Frage, Isa, können Sie Kaffee kochen?«
»Ich?« das Mädchen starrt ihn verblüfft an. »Ja gewiß, Herr Konsul Bark. Wünschen Sie denn zu trinken?«
Hastig wird die Abwesenheit des alten Dieners zu erklären versucht, und unmittelbar darauf huscht die Kleine schon, die Laterne in der Hand, über Treppen und wurmstichige Holzgänge in die Küche hinab. Wie die Furcht ihre Glieder dabei mit eisiger Hand anfaßt, wie hohl ihre Tritte auf den alten Dielen schallen, wie kühl die Zugluft um die vorspringenden Mauerecken herumstreicht, und vor allen Dingen, wie unheimlich ihr eigener Schatten an den Wänden hin und her hüpft! Und doch – das ängstliche Geschöpf hat die Begleitung des Hausherrn weit von sich gewiesen. Was würde er denken, wenn sie sich jetzt kindisch benähme. Nein, weiter, weiter, trotz Grauen und häufigem bangen Zurückschauen.
»Sieh da,« ruft Konsul Bark nach einer Weile, als er den Rotkopf auf einem gewaltigen Tablett eine ganz unwahrscheinlich irdene Kanne, umgeben von ein paar eilig zusammengerafften Tassen, daherschleppen sieht, »wo haben Sie denn diese Kostbarkeiten aufgelesen, Isachen? Aber das tut nichts, die Hauptsache ist, daß es aus dem braunen Ding hier sehr vertrauenerweckend dampft.« Er beugt sich ein wenig herab und schnuppert herum. »Also wirklich ein großartiges Aroma! – Tischzeug? Nein, mein Kind, das vermag ich jetzt nicht aufzutreiben. Sehen Sie, ich decke ein nagelneues Taschentuch hier über dieses Tischchen, und passen Sie auf, der Trank wird uns auch so munden. Es ist eben Belagerungskaffee.«
Und nun sitzen die beiden vor dem groben Gesindegeschirr, schlürfen von dem brennend heißen Getränk und beginnen an ihrer trostlosen Vereinsamung beinahe ein romantisches Gefallen zu finden.
Wieder wähnen sich beide auf eine winzige Insel verschlagen,und hingegeben an den wohligen Schauer der immer näher rückenden Gefahr, horchen sie auf die wilden Geräusche, von denen draußen die Straße widerhallt. Es klirrt und rasselt, galloppiert, schreit und tobt, gröhlende Lieder, in einer fremden Sprache gebrüllt, schlagen zu ihnen herein, und plötzlich schmettert etwas durch die Eisengitter der Fenster hindurch, und klirrende Glasscherben spritzen innen gegen die geschlossenen Holzläden.
»Ruhig, ruhig,« beschwichtigt der Kaufmann und fährt wieder mechanisch über die bebende Mädchenhand.
Doch Isa rührt sich nicht. Still, wie bisher, sitzt sie auf der Lehne des Stuhles, hält den Atem an, und die Nähe ihres Gefährten wirkt so stark auf sie, daß sie sogar versucht, das rasche Jagen ihrer Brust zu bezwingen.
Ein Augenblick der Stille tritt ein. Scharf und schreckhaft hebt sich die lähmende Ruhe des großen Gemaches ab von dem dröhnenden Toben der Straße. Und so schmerzend sicher schlürft das bis aufs Äußerste angestrengte Gehör der beiden Einsamen jeden Ton in sich hinein, daß nicht allein die schneidenden Schwingungen der fremdartigen Hornsignale, die dort draußen den Lärm übergellen, ihr Innerstes durchstoßen, sondern auch das Knistern und Zucken der vielen Lichter bis an ihre zum Zerreißen aufmerksamen Sinne dringt.
Da –
»Herr Konsul,« fährt Isa auf.
Auf den Pflastersteinen der Einfahrt hallt es von unzähligen Fußtritten.
Ist es möglich? Der Konsul erhebt sich langsam. Ein törichter Kindertraum däucht ihm das Ganze, denn das schwere Eingangstor ist ja bis jetzt nicht dem geringsten Angriff ausgesetzt gewesen. Oder sollte etwa – –
Allein alle diese Zweifel und Bedenken gelangen nicht mehr an ihr Ende.
Sieh – sieh, es ist wirklich, als ob durch brennende Fiebergesichte alle möglichen bekannten Gestalten taumeln. Jetzt wird die Tür über den drei grünen Porphyrstufen aufgerissen, draußen in der gewölbten Einfahrt drängt sich Kopf an Kopf. Lauter breitrandige Mützen schieben sich durcheinander, Säbelgehänge, die über den Schultern befestigt sind, gleiten über grün-graue Uniformen herab, rauhe, unbearbeitete Reiterstiefel scharren auf den Fliesen.
Doch wie kann es geschehen, daß sich aus dem dunklen Schwarm eine so überaus vertraute Figur ablöst? Ja, er ist es, er ist es wirklich!
Breitspurigen Trittes, mit etwas nachgebenden Knien, drängt sich Rudolf Barks ›bester Freund‹ Leo Konstantinowitsch Sassin in das Gemach. Ein kotbespritzter grauer Radmantel hängt schief eingehakt um seine breiten Schultern, die Mütze sitzt ihm schräg auf dem linken Ohr, und auf dem brutalen Antlitz glüht eine sonderbare Hitze. Zwischen zwei Brustknöpfen seines Waffenrockes lugt der schwarze Kolben eines Revolvers hervor. Als der Russe des Paares ansichtig wird, das fast regungslos unter dem zersplitterten Fenster weilt, da reißt der Offizier seine hervorquellenden Kinderaugen auf, und um seine blondumbarteten Lippen fliegt ein sonderbar befriedigter Schein. Was hier Ausdruck gewinnt, ist nicht die Freude des Wiedersehens. Es bedeutet vielmehr eine dumm-dreiste Überlegenheit, wie sie Ungebildeten eignet, wenn sie plötzlich über Höherstehende Macht erlangen.
»Ah, guten Abend, Rudolf Bark, mein Kompliment für das junge Fräulein von Maritzken,« poltert der Dragoner in einem rohen Lachen hervor. »Nicht fürchten – keine Ursache – gut Freund. So lange hier keineDummheiten macht, werden Euch vorzüglich behandeln. Was stieren mich so an, Rudolf Bark? Mein bester Freund?! Wundern sich, wie zu Ihnen hereingekommen? Hehe, zweiunddreißigsten Dragoner verstehen durchs Schlüsselloch zu reiten. Haben unsre kleinen Geheimnisse.«
Damit tritt der Redende nicht ganz sicher an den Tisch, hebt die braune Kanne in die Höhe und läßt sie aus Ungeschicklichkeit oder mit Absicht auf den Teppich niederstürzen. In einer breiten Lache ergießt sich die braune Flüssigkeit aus den zersprungenen Scherben über das dunkle orientalische Gewebe.
»Wie, was – Kaffee? Seit wann, Rudolf Bark, sind Sie ein altes Weib? Es muß hier doch Wein im Hause sein. Bei der Mutter von Kasan! Tausende von Flaschen, ganze Fässer. Ich kenne Ihre Gastfreundschaft, bester Freund. Natürlich, wer sollte sie besser kennen?! Weiß, brennen darauf, arme, müde Soldaten des Zaren – wie sagt man –à régaler.«
Und sich zur Tür und zu den Haufen seiner Reiter wendend, schreit er in russischer Sprache, die der Prinzipal des »Goldenen Becher« sehr wohl versteht, hinaus:
»Lauft, ihr durstigen Kinderchen, sucht, meine braven Söhne! Habt ihr verstanden, ihr pfiffigen Spitzbuben? Hier unten in den Kellern gibt es Wein. Alkohol ist euch verboten, aber Wein hat der große Zar erlaubt. Und mein Freund Rudolf Bark ist kein Knauser. Er ist glücklich, uns bewirten zu dürfen. Macht, daß ihr fortkommt! Aber nicht betrinken. Hört ihr? Der Rausch ist für einen russischen Soldaten unanständig.«
Nach dieser mit wildem Triumph gehaltenen Rede läßt Leo Konstantinowitsch die Flügeltüren zurückfallen und schwankt ziemlich unsicher an den Tisch, wo er krachend in den nächsten Stuhl fällt. Seine glitzernden Augen aber,die bebenden Nasenflügel und der kurze Atem bekunden deutlich, wie er selbst das Alkoholverbot seines Gossudars durchaus nicht für verbindlich erachtet hat. Eine müde Handbewegung ladet die beiden anderen zum Platznehmen ein.
»Setzen Sie sich, Rudolf Bark,« sprudelt er herablassend, »und hier neben mich das schöne Fräulein. Ohne Angst. Leo Konstantinowitsch ist Ihnen freundlich gesinnt. Sie glauben gar nicht, wie gut Sie es bei uns haben werden. Und nun schaffen Sie ein paar Flaschen Champagner an, Rudolf Bark, ich schlafe heute bei Ihnen.«
Und dann rast alles, wie von irrsinnigen Geistern gehetzt vorüber. Von unten aus den Kellergewölben dringen dumpfe Schläge herauf, ein wildes Geheul der Freude kreischt dazwischen und ehe noch der Kaufmann Zeit finden kann, seinem Bedränger auseinanderzusetzen, wie mitten in der Nacht natürlich keine Dienerschaft vorhanden sei und daß die Schlüssel der Vorratskammern jetzt ebensowenig aufzutreiben wären, da drängen sich bereits ohne weitere Förmlichkeiten ein paar russische Dragoner an den Tisch. Unter den Armen allerhand Weinflaschen und in den Händen eiligst zusammengerafftes groteskes Trinkgeschirr. Bierseidel, Weingläser, Kaffeetassen und Milchtöpfe, alles toll und wüst durcheinander.
»Gut, gut,« schreit Sassin, und dabei schleudert er Mantel und Mütze mitten in die Stube, »sehen Sie, Rudolf Bark, wie treulos Sie sich benehmen? Sie verwickeln sich in Widersprüche, bester Freund. Wozu Dienerschaft? Wozu Schlüssel? Ich habe alles bei mir. Das weite Russland braucht nichts Fremdes, es besorgt sich alles selbst. Vorwärts, meine guten Jungen. Jeder drei Flaschen! Rudolf Bark gibt es euch gern. Seht, wie er sich freut. Fehlt euch noch etwas, meine guten Söhne?«
»Nein, es lebe Väterchen Rittmeister!«
»Ich danke euch, ich weiß, daß ihr mich liebt. Und nun packt euch hinaus, seht ihr nicht, daß ich hier mit vornehmen Nemzows sitze?«
Wieder befinden sich die drei allein, immer wiehernder schallt das Gelächter des Trunkenen durch den großen Raum, immer ungebändigter werden seine Scherze. Empört erhebt sich der Konsul. Er ist kaum noch imstande, seinen Zorn und seine Verachtung gegen den halb der Besinnung Beraubten zu unterdrücken. Nur ein Blick auf das Mädchen, das mit weit aufgerissenen Augen die widerwärtige Trinkorgie verfolgt, flößt dem Kaufmann noch Beherrschung und Zurückhaltung ein.
»Herr Rittmeister,« ruft er, indem er mit zusammengekrümmtem Zeigefinger nervös auf die Tischplatte pocht, »wünschen Sie dies Gelage noch lange fortzusetzen? Ich finde, Ihr Zustand erfordert es, daß Sie sich eiligst zur Ruhe begeben.«
»Ich?« Der Russe spreizt die Beine von sich und lehnt sich weit zurück. Die stieren blauen Augen quillen ihm dabei immer mehr aus dem Kopf. »Zustand? Wieso, Rudolf Bark? Pah, ich kenne keinen Zustand. Wenn Sie wüßten, wie frisch ich mich fühle! Acht Stunden im Sattel gesessen. Keine Ader schlägt mir danach.« Hier brüllt er laut auf und stößt mit der Faust vor die Brust. »Solch einen Ritt wünsche ich Ihnen, Rudolf Bark. Herrlich, herrlich! Grenzwache haben wir überritten, ehe sie sich besann. Unter meinem Pferd lag etwas Zappelndes. Können Sie sich diese weichliche Nachgiebigkeit vorstellen, wenn man zum erstenmal über einen Menschen reitet? Man hört das Aufschmettern des Hufes, man fühlt das Einsinken – es ist aufregend!«
»Hören Sie auf,« ruft der Konsul sich vergessend, »Sie wissen nicht mehr, was Sie reden.«
»Wie? Was?« Der Russe versucht sich aufzurichten, allein er vermag es nicht mehr. Die Geister des verschwenderisch genossenen Weines reißen ihn auf seinen Sitz zurück. »Wie sprechen mit mir, teurer Freund? Sollten vielleicht vergessen, daß wir hier als Herren einzogen? Hat ein Ende mit der Unverschämtheit der Germanen. Wer sind Sie, wenn ich meine Hand jetzt von Ihnen abziehe? Kein Hahn kräht nach Ihnen. Aber lassen wir diese Dummheiten.«
Schwerfällig wendet er sich zu Isa, bemüht, eine Verneigung auszuführen, allein der Versuch wirft ihn nach vorn, so daß sein flammendes Haupt haltlos gegen die Schulter des Mädchens sinkt.
Hei, welche Wärme, welch eine zuckende Haut, welch eine atmende Rundung! Das betäubte Hirn des ungebildeten Bauern verliert darüber die letzte Spur angelernter Lebensart.
»Kommen Sie,ma chère,« flüstert er, wobei er der Zurückschaudernden immer näher rückt und beide Arme um sie schlingt, »wir trinken noch ein Gläschen. Wissen Sie auch, daß Sie scharmant sind? Der Teufel hole Ihre Schwestern. Sie sollen leben, ich habe immer für schlanke Glieder geschwärmt. Nicht wahr, Rudolf Bark, Sie können es bezeugen?«
Roh, zudringlich, in einer gemeinen Vertraulichkeit schließen sich die Fäuste des von Gier und Rausch Bezwungenen hinter dem Hals des Mädchens zusammen. Von Starrheit geschlagen, rührt sich Isa kaum. Keine Bewegung wagt sie auszuführen aus Scham oder aus Angst, und nur einen einzigen hilflosen, beschwörenden Blick sendet sie zu dem vor Wut verzerrten Antlitz desHausherrn empor. Sie sieht noch, wie sich die Zähne des Konsuls in seine Unterlippe graben, schauernd fühlt sie, daß das kleine Tischchen, einem Fußtritt des durch ihn genierten Russen nachgebend, polternd und klirrend zu Boden stürzt, und gleich darauf zischt etwas vor ihren Ohren. Ein blendender Strahl zwingt sie, ihre Lider zu schließen, so daß sie kaum noch merkt, von wessen Hand sie jetzt emporgerissen wird.
Entsetzen!
Für eine Sekunde fassen die drei Ernüchterten dasselbe Bild in schonungsloser, peinigender Klarheit auf. Elegant, geschmeidig, tadellos angezogen wie immer, lehnt Rudolf Bark hinter dem hohen Kirchenstuhl. In dem hübschen glatten Gesicht verrät keine Blässe, kein nervöses Zucken auch nur eine Spur von Abscheu vor seiner eigenen Tat. Nein, neugierig fast beobachtet der Kaufmann, dessen Finger noch immer die Waffe umspannen, die er seinem Gastfreunde aus dem Waffenrock gerissen, wie Leo Konstantinowitsch Sassin mitten in der Stube über seinem eigenen Mantel auf dem Rücken liegt, um mit der Rechten unter Lachen und einem schmerzlichen Brüllen an den Uniformknöpfen oberhalb der Brust herumzureißen. Draußen unter der Einfahrt drängt es sich schon wieder Kopf an Kopf, obwohl keiner, von der Furchtbarkeit des Geschauten gelähmt, es wagt, die tolle Stätte dieses blutigen Gerichts zu betreten. Stumm recken sie die Hälse vor, um auf das zu horchen, was sich niemand erklären kann.
»Oh du verfluchter deutscher Hund, du Vieh, du hinterlistiges Schwein, so behandelst du deinen Freund? Pfui, man möchte weinen! Warte nur, du widerlicher Affe, wie sauber dir unser Profoß die Schlinge um den Hals legen wird. Was steht ihr hier und haltet Maulaffen feil? Hat man nicht euer Väterchen ermordet? Schnell,nehmt ihn fest, die Rothaarige auch. Und mir gebt zu trinken. Einen Topf Champagner. Mir ist ein wenig schlecht. Oh, Rudolf Bark, mein bester Freund, ich wollte, ich könnte dich selbst zappeln lassen. Ich gäbe den ganzen Feldzug darum. Pfui, du treulose, deutsche Spinne, ich trete dir den Kopf ein.«
In der Gefängnistür rasselte ein Schlüssel. Und das Geräusch unterbrach den auf dem Schemel hockenden Kaufmann in seinen rückwärts gerichteten Gedanken. Er fuhr auf und sah nach der Uhr: es war hoch am Spätnachmittag. Aus der Schar der vor Müdigkeit Eingeschlafenen erhob sich der kahle Schädel des Tischlermeisters Majunke, und seine befleckten Hemdsärmel sägten aufgeregt durch die Luft.
»Um Gottes willen, sie kommen,« zischte er durch die Zahnlücke, »schnarcht nicht, Kinderchen, sie könnten es uns übelnehmen. Herr Kowalt, verstecken Sie Ihre Peitsche, man kann nicht wissen, was sie dazu denken.«
Langsam drehte sich das schwere Holz, und auf dem rot gepflasterten Ziegelflur stand neben dem ehrfurchtsvoll geduckten Kosaken eine schmächtige Jünglingsgestalt in grauer Uniform, dessen blasses kränkliches Antlitz der Konsul sich besann, schon einmal gesehen zu haben. Richtig, das war einer der beiden Fahnenjunker, der im Hause Sassins erzählt hatte, welch ein freimütiges Testament er für seinen Vater, den Polizeioberst in Kiew aufgesetzt hätte. Der glatt rasierte Knabe hielt einen Bogen Papier in der Hand und sah kurzsichtig und mit blinzelnden Augen in den dumpfen Raum, aus dem eine Wolke schwüler Hitze herausschlug. Dann trat er auf die Schwelle, zog sich den grauen Waffenrock zurecht, und indem er ein wenig mit derDegenscheide klirrte, gab er sich den Anschein einer amtlichen Würde.
»Rudolf Bark,« rief er mit seiner gebrochenen Knabenstimme, in die er vergeblich einen militärischen Kommandoton zu legen suchte, »ist hier der Konsul Rudolf Bark anwesend?«
Der Prinzipal des »Goldenen Becher« erhob sich.
»Was steht zu Diensten?« fragte er kurz.
»Sie sind es? Ach ja,« erinnerte sich das uniformierte Kind und errötete leicht; dann aber besann es sich und verbeugte sich förmlich. »Unterleutnant von Karström,« stellte er sich vor.
Und Rudolf Bark erriet nicht allein aus dem Namen, sondern vor allem an der flüssigen Aussprache des Deutschen, daß er einen Balten vor sich habe.
Der Unterleutnant blinzelte flüchtig in sein Papier und fuhr fort:
»Sie werden mir folgen. Ich habe den Befehl, Sie auf das Rathaus zu unserem Kommandanten zu bringen.« Und einen Blick auf den eleganten hellen Sommeranzug seines Gefangenen heftend, setzte er mit einer Rücksicht, die er durchaus nicht verleugnen konnte, höflich hinzu: »Bitte bedecken Sie sich mit Ihrem Hut.«
Hier zuckte der Konsul die Achsel. Und nachdem er erklärt, daß man ihn barhäuptig hierher transportiert, da errötete der junge baltische Adlige von neuem und schüttelte ratlos das schmale, kränkliche Haupt. Selbst den Konsul rührte diese kindliche Unbeholfenheit.
»Ich werde mir mit Ihrer Erlaubnis, Herr Unterleutnant,« half er deshalb rasch ein, »einen Hut von einem meiner Mitgefangenen ausborgen. Nicht wahr, Herr Kowalt, Sie sind so freundlich?«
»Ja allerdings, bitte tun Sie das,« atmete der Balteganz erleichtert auf. Dabei verbeugte er sich unwillkürlich, als der Kaufmann nun mit dem abgetragenen fettigen Hut des Pferdehändlers in der Hand an ihm vorüberschritt.
Auf der Diele hatte der Kosak inzwischen von einem Stuhl einen handfesten Strick genommen, mit dem er sich nun dem Konsul geschäftig näherte.
»Was soll das?« fragte der Leutnant, wobei er sichtlich zusammenschrak.
Grinsend deutete der Kosak auf die Hände des Gefangenen. Da warf der junge Offizier wie beschwörend die Rechte vor.
»Keineswegs,« stammelte er, »davon steht kein Wort in meiner Instruktion. Der Herr ist nicht fluchtverdächtig. Auf der Stelle wirfst du den Strick fort.« Und sich zu dem gelassen dastehenden Rudolf Bark wendend, versuchte der junge Mensch eine Entschuldigung anzubringen. »Bitte vergeben Sie, mein Herr,« sagte er trotz seiner Kindlichkeit mit einer Haltung, die ganz zweifelsfrei die gute Erziehung eines halbdeutschen Adelshauses verriet, »das war keineswegs beabsichtigt.« Und indem er mit dem Haupte auf den wieder zusammengesunkenen Kosaken deutete, warf er noch eifrig hin: »Der Mann stammt aus den Donschen Steppen. Die Leute haben dort eine ganz eigene Gerichtsbarkeit, die von der unsrigen erheblich abweicht. Sie sollten daraus keine allgemeinen Schlüsse ziehen, mein Herr.«
»Gewiß nicht,« beruhigte ihn Rudolf Bark mit einem kaum merklichen Lächeln.
Dann schritten sie gemeinsam die Steinstufen herunter und befanden sich bald in einer der nüchternen Gassen der Vorstadt. Aber wie hatte sich das Gepräge dieses sonst so regen Handelsplatzes verändert! Es versetzte dem Kaufmann, in dem doch selbst die Sorge vor der Zukunft brütete, einen Stich ins Herz, als er die auffallende Verwandlungfeststellte. Obwohl noch lange nicht die Stunde des allgemeinen Ladenschlusses angebrochen war, hatten die kleinen Gewerbetreibenden überall Jalousien und Lattenverschläge vor ihre Auslagen gezogen, und die Straßen selbst schienen von den Eingeborenen wie ausgestorben. Kein bekanntes Gesicht wollte sich zeigen. Dafür wimmelte jedoch die fremde Soldateska gleich einem schwarzen Ameisenhaufen durcheinander, immer neue Truppen zogen singend von den Landstraßen aus herein, und man sah es den befriedigten Gesichtern an, daß ihnen die Besetzung dieser ehemaligen Festung, die längst ihre Bedeutung verloren hatte, als ein nicht zu unterschätzender Erfolg galt. Lange Züge von Infanterie wechselten mit Munitions- und Artilleriekolonnen, und von dem Klirren der schweren Geschütze auf dem schlechten Pflaster bebten die kleinen leichtgebauten Häuschen. Aber auch andere Fuhrwerke kamen ihnen aus der Stadt entgegen, deren Ladung, obwohl die Wagen von Soldaten gelenkt wurden, durchaus nicht dem kriegerischen Bedürfnis entsprach und deshalb die regste Verblüffung von Rudolf Bark hervorrief. Ohne um Erlaubnis zu bitten, hielt der Kaufmann plötzlich in seinem Weg inne und wies mit der Hand auf einen mächtigen Leiterwagen, auf dem die tollsten Dinge widerspruchsvoll übereinander gepackt waren. Seidene Möbel, eiserne Geldschränke, ein umfangreicher Benzinmotor, ungeheure Berge bescheiden angefertigter Konfektionsanzüge, Mehlsäcke, ja sogar ein Klavier hatte man zwischen die Leiterbäume gepreßt, und die drei kutschierenden Soldaten beschäftigten sich eben damit, vorn auf dem Bock die Keule eines rohen Schinkens gemeinschaftlich mit ihren starken Zähnen zu benagen und zu zerreißen.
»Was ist das?« stieß der Prinzipal des »Goldenen Bechers« beinahe der Sprache beraubt, hervor.
Doch der junge Russe antwortete nicht. Flammend rot waren seine blassen Wangen übergossen, und in seiner Scham und Bestürzung vermochte er nur fast bittend hervorzubringen:
»Mir sind die Gewohnheiten der Intendantur unbekannt, ich weiß nicht, was das bedeutet. Aber bitte, mein Herr, wollen Sie mir rasch folgen, denn ich habe Sie bis um sieben Uhr auf dem Rathause abzuliefern.«
Eiligst schritt der gedemütigte Knabe voran, und so wild entfernte er sich durch ein Seitengäßchen von der großen Fahrstraße, daß dem Konsul bereits der Gedanke an Flucht durch den Kopf schoß. Freilich, ein Blick auf das viele Militär, das da und dort unbeschäftigt vor den Häusern herumlungerte, ließ ihn einen solchen Plan als gänzlich aussichtslos sofort wieder verwerfen. So gelangten sie vor das Gebäude des Magistrats, das mit seinen mittelalterlichen, im Artus-Stil gehaltenen Lauben und Bogengängen fast gänzlich die eine Schmalseite des Platzes einnahm. Vor dem Haupteingang schilderten zwei russische Infanteristen. Sie hatten ihre Uniformen der noch immer herrschenden Hitze wegen über der Brust aufgerissen und unterhielten sich laut und ungeniert miteinander. Aber das war es nicht, was dem Konsul das ungeheure Erlebnis, das seit gestern über die Stadt dahingebraust war, so schmerzhaft zur Erkenntnis brachte. Es war etwas anderes. Unwillkürlich zuckte er zurück und griff sich an die Stirn. Nein, er träumte nicht; – oben von der Krönung des Torbogens war das Wappenschild des preußischen Adlers herabgerissen und lag jetzt auf dem Fahrdamm in der Gosse, wo das schwarzgelbe Spülwasser schwammig über das Symbol der Staatshoheit hinweggurgelte. Hunderte von Malen war Rudolf Bark achtlos an dem schwarzen Wappentier vorübergeeilt. Ja, wenn man ihn genau befragthätte, so hätte er nicht mit absoluter Sicherheit angeben können, ob dort oben über den gotisch gerillten Bogen überhaupt eine derartige Verkörperung des Staates gethront habe. Jetzt aber, wo absichtliche Geringschätzung, wo eine gemeine Freude an der Erniedrigung anderer das alte Ideal in den Kot geschleudert, da krampfte es sich in seiner Brust zusammen, und etwas von jenem ihm bisher ganz fremden Haß wuchs atemraubend empor, von jenem wilden, unerbittlichen Völkerhaß, der fortan über den Gemeinschaften der Erde wie ein riesenhafter, alles Licht überschattender, Geier schweben sollte. Mit geschlossenen Augen schritt er unter der grün-weißen Fahne hindurch, die jetzt die Stelle des alten Wappens einnahm, und während er mit seinem jungen Führer die breiten, ausgetretenen Steinstufen heraufstieg, da errechnete sich sein zählender Verstand, daß er jetzt selbst an der Pforte der Vernichtung angelangt sei. Was war da noch lange zu überlegen? Wozu nach Auswegen suchen? In der ersten Stunde dieses niederträchtigen Überfalls hatte er auf einen bei ihm einquartierten Offizier der Besatzungstruppen gefeuert. Möglicherweise war der Verwundete sogar schon seinen Verletzungen erlegen. Da wurde er eben vor ein Kriegsgericht geschleppt, und wie das in dem Machtbereich des weißen Zaren seines Amtes zu walten pflegte, darüber gab sich der Kaufmann keinem Zweifel hin. Vielleicht erwartete ihn schon hier der fertige Spruch. Nun gut, da nahm er wenigstens die Genugtuung in das Unbetretene mit hinüber, auch ohne eine militärische Charge seiner Mannespflicht gegen ein schutzloses deutsches Mädchen genügt zu haben. Ein wärmendes Gefühl der Befriedigung überkam ihn, als er jetzt vor der bunten Glastür des Beratungssaales an Isa dachte. Wahrhaftig, er hatte recht wie ein Vater gehandelt. Wie ein zurückhaltender reiferMann einem kleinen zierlichen Mädchen gegenüber. Und er genoß ein seltsam prickelndes Wohlbehagen, als er sich vorstellte, wie der Rotkopf mit den leuchtenden Goldaugen später, viel später, wenn er längst unter einem Galgen vermodert war, Kindern und Kindeskindern dankerfüllt von ihrem Retter erzählen würde.
»Herr Konsul Bark, wir sind an der Reihe,« riß Unterleutnant von Karström den Achtlosen aus seinen Gespinsten.
Ob man Isa auch hierher transportiert hat? blitzte es Rudolf Bark noch durch den Sinn.
Dann reckte er sich, strich, seiner Gewohnheit gemäß, über den gut sitzenden hellen Anzug und trat an der Seite des jungen Balten in den Saal. Gemessen verbeugte er sich, dann blickte er sich um.
In dem mit bunten Holzmalereien geschmückten Raum zogen sich an beiden Längsseiten, hintereinander ansteigend, die Schranken der Stadtverordneten hin. Das Kopfende der Halle wurde von den Sitzen des Magistrats eingenommen, zu dessen Wirkungsstätte drei mit grünem Tuch überspannte Stufen hinaufführten. Im Moment aber saßen auf den Bänken der Stadtverordneten, von einem Pikett russischer Feldgendarmen bewacht, der weißbärtige erste Bürgermeister der Stadt und neben ihm fünf der angesehensten Senatoren, denen die Niedergeschlagenheit über eine mit dem Kommandanten soeben geführte Unterhaltung aus den müden, übernächtigten Gesichtern abzulesen war. Der russische Befehlshaber selbst, dem jetzt an Stelle der Stadtväter jede Machtbefugnis zustand, wanderte indes in seiner grau-grünen Uniform mit auf dem Rücken verschränkten Händen sporenklirrend auf der grünen Plattform des Magistrats auf und ab, hatte die Stirn gerunzelt und zuckte mehrmals im Selbstgespräch die Achsel, als wenn es ihm unmöglich wäre, eine soeben getroffene Verfügungwieder zurückzunehmen. Es war eine untersetzte männliche Gestalt mit schlichtem, graugescheiteltem Haar. Und trotz der ihm von seinem Amte auferlegten Kürze, ließen die klugen, hellen Augen doch ahnen, daß er die unglückliche Lage dieser Stadtbürger nachzuempfinden wisse. Jetzt wandte sich der Kommandant rasch herum, und in demselben Moment durchzuckte den Konsul ein kurzer, beinahe freudiger Schreck. Es war Oberst Geschow, derselbe Offizier, dessen noble Ritterlichkeit Rudolf Bark schon bei seinem Ausflug über die Grenze schätzen gelernt hatte. Auch der Oberst erkannte den Kaufmann auf der Stelle. Er spreizte die Beine, setzte die Fäuste in die Hüften und rief mit kräftiger Stimme herunter:
»Herr Konsul Bark, welcher Teufel hat Sie geritten?Mille tonnères, sehen Sie denn nicht, Herr, daß Sie sich nicht allein selbst, sondern die ganze Bürgerschaft durch Ihr wahnsinniges Benehmen ins Unglück gestürzt haben? –«
»Herr Oberst – –«
»Ruhe, jetzt spreche ich. Ich möchte Ihnen von vornherein bemerken, daß es für Ihre Handlungsweise keinerlei Entschuldigungen gibt. Muß ich Ihnen erst sagen, was es auf sich hat, wenn in Kriegszeiten ein Offizier von einem Zivilisten angefallen wird?«
»Herr Oberst, bitte mir gütigst eine Frage zu gestatten: Ist für die junge Dame, die sich gestern abend in meinem Hause befand, gesorgt worden? Und darf ich hoffen, daß sie als Augenzeugin vernommen wird?«
Der Oberst gab seine breitbeinige Stellung nicht auf, sondern beugte sich vielmehr noch etwas weiter nach vorn. Aber die erste Erkundigung seines Gefangenen schien ihn nicht unangenehm zu berühren.
»Darüber kann ich Sie beruhigen,« herrschte er denKaufmann an. »Ihre Landsleute werden sich schon daran gewöhnen müssen, uns nicht als Halbwilde zu betrachten. Gleich nachdem mir gestern der Vorfall gemeldet war, habe ich mich selbst in Ihr Haus zu einer Visitation begeben. Die junge Dame, die mir persönlich bekannt ist, hat mir an Ort und Stelle ihre Angaben gemacht, und sie befindet sich noch jetzt in Ihrer Wohnung, und zwar unter guter Obhut. Sie sehen also, meine Herren,« rief der untersetzte Befehlshaber auch zu den Stadtvätern auf den Holzbänken herüber, »daß uns der gute Wille, Sitte und Anstand zu erhalten, keineswegs fehlt.«
Bei den Senatoren erhob sich ein gedrücktes Gemurmel. Rudolf Bark jedoch verbeugte sich leicht. Er atmete auf. Also Isa in verhältnismäßiger Sicherheit!
Inzwischen hatte sich Oberst Geschow abgekehrt und begann wieder klirrend auf der Plattform auf und nieder zu schreiten. Dabei warf er von Zeit zu Zeit unter seinen grau überbuschten Augenbrauen einen ungehaltenen Blick auf den Störer jenes bürgerlichen Einvernehmens, an dem dem Kommandanten augenscheinlich so viel gelegen war. Plötzlich trat er an einen Tisch voll Akten, Listen und Papieren und riß einen Brief hervor, um das Schreiben, sobald er es überflogen, heftig in kleine Stücke zu zerreißen.
»Sie kennen den Fürsten Dimitri Fergussow also persönlich?« warf er gereizt hin.
»Ich habe den Vorzug,« entgegnete der Konsul aufhorchend.
Jetzt klirrte der Oberst die Stufen herunter und pflanzte sich ganz dicht neben Rudolf Bark auf. Hastig riß er an seinem starren grauen Schnurrbart.
»Zu unangenehm,« schimpfte er halblaut, und man sah es ihm an, wie sehr er diese Amtshandlung verwünschte.»Ich mache kein Hehl daraus, verehrter Herr, mir liegt nichts an dem Wirtschaften mit Pulver und Blei oder mit Strick und Galgen hinter der Front. Aber ist es nicht schändlich,« fuhr er grimmig auf und stampfte mit dem Fuß, »daß Sie die kaum warm gewordene Behörde zu solchen Maßnahmen zwingen? Glauben Sie vielleicht, Ihre Leute würden anders handeln? Es mag ja möglich sein, daß für Sie gewisse Milderungsgründe in Betracht kommen – ich gebe es zu,« schrie er empört und schlug mit der Faust durch die Luft – »abersacré nom de dieu, das alles erspart Ihnen keineswegs das Kriegsgericht. Es tut mir leid, Herr Konsul, Ihnen das ankündigen zu müssen, und Sie sind sich wohl auch über die Folgen klar.«
»Ja,« sagte der Konsul ruhig und sah zu Boden.
Der Oberst maß ihn eine kurze Weile und riß von neuem an seinem Bart, bis er endlich, knurrend und fluchend, die drei grünen Stufen abermals hinaufstieg. Kaum aber war er an dem Aktentischchen angelangt, so schlug er mit der Faust unter die Papiere und wandte sich ruckartig zurück. Im nächsten Moment ließ er sich in einen der Magistratssessel sinken, schlug die Arme untereinander und sah starr nach oben auf die bunt bemalte Decke.
»Ein weiteres Eingreifen von mir ist ausgeschlossen,« preßte er sich zum Schluß ab. »Das einzige, was ich in diesem besonderen Falle tun konnte, das ist bereits erledigt. Ich habe bei unserem Auditoriat veranlaßt, daß Ihre Angelegenheit hinter der Front, in unserer nächsten Gouvernements-Stadt verhandelt wird.« Und als er eine stumme Frage in den Augen des Konsuls wahrzunehmen glaubte, fuhr er in seiner kurzen Weise fort: »Sie haben dort den Vorteil der gründlicheren Untersuchung, was bei der Schwere Ihres Vergehens hier nicht möglich ist.«Damit hob er den Arm und revidierte die kleine Armbanduhr auf seinem Handgelenk. »Es ist jetzt ein Viertel nach sieben,« stellte er fest. »Ist der Wagen für die Herrschaften bereits vorgefahren?« wandte er sich an den jungen Unterleutnant.
Dieser öffnete die bunte Glastür, rief etwas heraus und meldete darauf, daß das Gefährt schon vor dem Tor des Rathauses hielte.
»Nun gut, ich danke Ihnen.« Der Oberst erhob sich, und ohne seinen gesenkten Blick von den herumliegenden Akten abzulenken, sprach er mit mehr innerer Bewegung als bisher: »Dann fahren Sie alle mit Gott, meine Herren. Ich hoffe, daß Sie die Berechtigung meiner Maßnahmen einsehen, und ich wünsche, wir könnten uns alle als zufriedene Untertanen des Zaren und als Bürger eines beruhigten Staatswesens wiederfinden. Für Ihre Verproviantierung ist gesorgt. Sie sind entlassen.«
Ein Leiterwagen, dessen beide Innenseiten man mit zwei langen Sitzbrettern versehen, das war die würdige Equipage, die man für die als Geiseln bestimmten Magistratsherren ausgesucht hatte. Der Fußboden war kräftig mit Stroh beschüttet und sowohl vorn neben dem uniformierten Kutscher, als auch auf dem letzten quergestellten Sitzbrett hockten ein paar Infanteristen mit aufgepflanztem Bajonett.
»Bitte, nehmen Sie Ihre Plätze ein, meine Herren,« forderte der junge Balte auf, der als Führer des Transportes zu dienen schien; und mit einem gefälligen Lächeln wandte er sich an Rudolf Bark: »Herr Konsul, Sie wünschen vielleicht neben der Ihnen bekannten jungen Dame zu sitzen? Ich habe nichts dagegen.«
Dem Angeredeten schlug das Herz. Herr im Himmel, dort am Ende des Wagens, direkt vor der Wachmannschaft, da lehnte Isa in ihrem grauen Regenmantel, und der schwarze Lackhut krönte so kleidsam ihr feines, schmales Haupt, als ob es Gott weiß zu welcher Lustfahrt ginge. Als sie ihres Freundes ansichtig wurde, da warf sie sich herum, musterte ihn von Kopf bis zu den Füßen und winkte dann lebhaft mit der Hand. In dem blassen Antlitz zeigte sich nicht mehr eine Spur von Furcht oder Bedrückung, ja, sie lächelte sogar, da der Kaufmann nun auf die Deichsel sprang, um dann über das raschelnde Stroh bis an ihren Sitz zu gelangen. Und das erste, was der Rotkopf äußerte, das war in der Tat eine Bemerkung, die darauf schließen ließ, wie das gestern noch so zitternde Ding sich bereits an Gefangenschaft, Druck und Gefahr gewöhnt habe.
Ach, diese ahnungslose Jugend, dachte Rudolf Bark unwillkürlich, als er sich mit einem herzlichen Händedruck neben dem Mädchen niederließ und nun gewahrte, wie sie den Zeigefinger ihrer Rechten voller Abscheu gegen seine Kopfbedeckung ausstreckte.
»Aber um Gottes willen, Herr Konsul, wie kommen Sie zu diesem fürchterlich fettigen Schmalztopf?«
Und wirklich, sie lachte hell auf, was von den drei russischen Infanteristen hinter ihr mit gutmütigem Kopfnicken begleitet wurde. Allein der Konsul ging auf den Scherz nicht ein.
»Isa,« flüsterte er hastig und sah ihr voll in das Gesicht, »sind Sie heil und gesund? Und hat man Sie ordentlich verpflegt, mein Kind?«
»Vollkommen, Herr Konsul.« Und ohne die geringste Befangenheit setzte sie hinzu: »Denken Sie sich, man hatmich sogar in Ihr Bett stecken wollen, ich habe es aber höflich dankend abgelehnt.«
Rudolf Bark maß das frische, unbekümmerte Gesicht von neuem. Er wollte eigentlich so etwas erwidern, wie: »es wäre auch für mich zuviel der Ehre gewesen,« aber die bange Erwägung, daß er an dem Ungemach der Kleinen die Hauptschuld trüge, schlug die aufspringende Lebenslust sofort wieder zu Boden. Zu weiteren Eröffnungen blieb keine Zeit, denn inzwischen hatten die Geiseln unter der Führung ihres weißbärtigen Bürgermeisters auf den gegenüberliegenden Bänken Platz genommen, ein Korb mit Eßvorräten und eine Laterne wurden noch in den Wagen verladen, und nachdem als letzter Unterleutnant von Karström das Gefährt bestiegen, da drohte der Soldat, der die beiden kräftigen Pferde lenkte, unter Schreien und wildem Rufen gegen die Volksmenge, die den traurigen Transport von Anfang an umlagert hatte.
»Sehen Sie, Herr Konsul,« zeigte Isa, »da haben sich auch die Frauen und Verwandten der Senatoren eingefunden. Pfui, sie weinen und schreien. Ich möchte mir die Ohren zuhalten.« Und sie wandte sich ab und sah starr und hochmütig auf die Zacken und Giebel der Sebaldus-Kirche, um die das Abendrot seinen glühenden Mantel schlang.
Wiehernd zogen die Pferde an, rasselnd und in heftigen Stößen ging es über den Marktplatz. Aber gerade, als sie in die Hauptverkehrsader der Stadt einlenkten, wo der Konsul sich noch einmal zurückwandte, um mit einem ernsten, abschiednehmenden Blick nicht nur sein Geschäftshaus, sondern auch das herrliche ehrwürdige Bauwerk der Kirche mit ihren grün-schwarzen Dächern zu umfangen, da bemerkte Isa befremdet, wie der Gefährte neben ihr plötzlich zusammenschreckte. Unvermittelt beugte er sichnach rückwärts, legte die Hand über die Augen und spähte aus, wie jemand, vor dem eine ganz unerwartete, schreckhafte Gestalt emporsteigt. Nur eine Sekunde. Dann schwenkte der Leiterwagen völlig in die Seitengasse herum, und Platz und Kirche versanken hinter gleichgültigen Mauern.
»Lieber Freund,« fragte das Mädchen, das sich nicht länger zurückhalten konnte, warm, und ihre Stimme klang teilnehmend und eindringlich, »sahen Sie dort etwas Unangenehmes?«
Der Kaufmann saß schon wieder ganz ruhig, nur die verzogene Stirn und das Nagen an der Unterlippe verrieten noch eine nicht überwundene innere Bedrängnis. Dennoch lächelte er wegwerfend, wie es seine Art war.
»Nicht das geringste, mein Kind,« versicherte er mit angenommener Gleichgültigkeit, »ein ganz bedeutungsloser Bekannter fiel mir auf, nichts weiter.«
Nach dieser Ausflucht, deren hohle Fadenscheinigkeit das Mädchen sofort durchschaute, schwiegen beide, und der Konsul beugte sich herab und sah angelegentlich auf die Strohhaufen zu seinen Füßen nieder. Aber auch auf den gelben Halmen kehrte die Erscheinung, die den Kaltblütigen so außer Fassung versetzt hatte, in winzigem Ausmaß und doch grell und farbig zurück. Eine rote Ziegelnische der Sebaldus-Kirche buchtete sich dort aus, und hinter einer schwarz verräucherten Ecke tauchte vorsichtig, behutsam ein weißgescheiteltes Haupt hervor. Trotz der großen Entfernung erkannte der Herr des »Goldenen Becher« ganz deutlich dieses stechende, schwarze Augenpaar, das sich sofort betroffen senkte, als es sein Ziel erreicht zu haben glaubte. Unmutig scharrte der Kaufmann mit dem Fuß über das raschelnde Stroh, als könnte er seine eigene Beängstigung damit fortwischen. Allein seine ausschwärmendenGedanken ließen sich weder binden noch fesseln. War der Mann hinter der Kirchenmauer wirklich der Kammerdiener Pawlowitsch gewesen? Gar kein Zweifel. Aber aus welchem Grund hatte sich der Mensch gerade beim Hereinbrechen der Gefahr aus dem Hause entfernt, um es nicht wieder zu betreten? Und weshalb suchte er sich auch jetzt zu verbergen? Nur aus Feigheit? War es denkbar, daß diese Slawen ihren Rasseverwandten an goldenen Banden zu sich herübergezogen hatten? Hastig hob Rudolf Bark das Haupt und ließ seinen forschenden Blick eine kurze Weile auf den plumpen unintelligenten Gesichtern der drei Wächter auf dem Rücksitz ruhen.
Die Gesellschaft arbeitete ja mit solchen Mitteln. Aber welche Gegenleistung konnte ihnen eine so untergeordnete Persönlichkeit wie Pawlowitsch bieten? Oder sollte die Bestechung und Unterwühlung der unteren Volksschichten hier bereits ganz gewöhnlich und allgemein geworden sein?
Er schauerte ein wenig zusammen, denn ein Luftzug von den nahen Landseen strich mit plötzlicher Kälte über die Fahrenden dahin. Zu gleicher Zeit glitt Isas Hand an seinen Arm entlang.
»Frieren Sie, Herr Konsul?« fragte sie besorgt.
»Ich?« Der Kaufmann raffte sich zusammen. »Keine Spur, liebes Fräulein, obwohl eine größere Reichhaltigkeit unserer Toiletten ja nicht ganz von der Hand zu weisen wäre.«
Von der langen Seitenbank wurde eine schüchterne Stimme laut:
»Ich werde an unserem Bestimmungsort für den Bedarf der Herrschaften an Kleidungsstücken, soweit es mir möglich ist, zu sorgen versuchen,« warf der russische Unterleutnant, der dem Paar gegenüber saß und das letzte wohl aufgefangen hatte, höflich dazwischen.
Und dann hörte man eine lange Zeit nichts als das Rollen der Räder und das Knallen der Peitsche. Auf den Feldern rechts und links von der Fahrstraße schwamm noch der Abglanz eines glühenden Sonnenunterganges. Die hohen reifen Halme senkten ihre schweren Häupter der Erde entgegen, und ein leichter Nebel tanzte um die Ufer der fernen Landseen. An dem noch mattblauen Himmel stand die volle goldene Scheibe des Mondes, und aus den Feldern drang stark und unablässig das tausendfältige Singen und Schwingen der Heimchen.
Es war der Friede eines deutschen Sommerabends, wie man ihn oft achtlos durchwandert und genossen. Aber den Vorüberfahrenden bedrückte all diese süße Heimlichkeit ahnungsvoll das Herz. Noch eine kurze Weile des Schweigens und dann durchrasselten sie den kleinen Marktflecken Schorweiten. Gottlob, all die winzigen schindelgedeckten Häuschen zeigten sich noch unversehrt, das struppige Strohdach des uralten Kirchleins senkte sich noch immer fast bis auf den Boden herab, nur statt der spielenden Kinder liefen auf dem Kirchplatz viele kleine, herrenlose Hunde kläffend durcheinander. Scheuchend schlug der russische Kutscher mit der Peitsche nach ihnen. Aber wo waren die Bürger, die bisher hier geweilt hatten? Nicht ein einziger war mehr zu entdecken. Statt ihrer, die die Windsbraut des Krieges längst in das Innere der Heimat geschmettert hatte, sah man überall die russischen Besatzungsmannschaften vor den offenen Türen auf Bänken und Stühlen sitzen, und die Vorüberfahrenden gewahrten, wie die Fremden das zurückgebliebene Gerät der Abwesenden rücksichtslos benutzten.
Vorbei.
Dunkler und dunkler wurde es. Aus den Pappeln und den Kirschbäumen des Weges rief nur noch die Schwarzdrossel ihren vollen kräftigen Schlag, und im Lichte desMondes warfen das Gefährt und seine Insassen bereits huschende Schatten. Seltsam, einer der Ratsherren sprach halblaut ein paar Strophen aus dem Lenauschen Gedicht »Der Postillon«: