Kapitel IX.

PLAN VON DER AFFAIREPLAN VON DER AFFAIRE,welche am 26. Dec. 1776 beiTRENTONzwischen einem Corps von 6000 Rebellen unter General Washington und einer Hessischen Brigade unter Oberst Rall stattfand.—

A.Trenton.B.Picket von 1 Offizier und 24 Mann (Wiederhold).C.Hauptmann Altenbocums Kompagnie vom Regiment von Lossberg, welches in der Nachbarschaft einquartiert war und sich vor dem Quartier des Hauptmanns formierte, während das Picket den Feind beschäftigte.D.Picket von 1 Hauptmann, 1 Offizier und 75 Mann.E.1 Offizier und 50 Jäger, die sich sofort über die Brücke zurückzogen (Grothausen).F.Detachement von 1 Offizier und 30 Mann, die sich mit Donops Korps vereinigten.G.Platz, wo die Regimenter nach Verlassen der Stadt Halt machten, und wo Oberst Rall den Versuch machte mit seinem und dem Regiment von Lossberg einen Angriff auf die Stadt zu unternehmen, der abgeschlagen wurde.I.Platz, wo er mit den Regimentern gefangen genommen wurde.K.Platz, wo das Regiment von Knyphausen, das die Flanke hatte decken sollen, sich ebenfalls übergeben musste, nachdem es versucht die Brücke zu erreichen. Die Geschütze vom Regiment von Lossberg waren bei dem Regiment von Knyphausen und unglücklicherweise im Sumpf stecken geblieben, und bei dem Versuch sie herauszuziehen war der Moment, die Brücke zu gewinnen, verpasst worden, infolge dessen der Feind sie stark besetzte.L.Geschütze vom Regiment Lossberg.M.Geschütze vom Regiment Knyphausen, die während der Affaire nicht beim Regiment waren.N.Geschütze vom Regiment Rall, gleich zu Anfang demontiert.O.Angriff des Feindes vom Wald aus.P.Vorgehen und Umzingeln der Stadt durch den Feind.Q.2 Bataillone des Feindes verfolgen das Regiment Knyphausen.R.Letzte Bewegung und Angriff auf das Regiment Knyphausen.S.Geschütze der Rebellen.T.Platz, wo General Washington sich postiert hatte und von dem aus er seine Befehle gab.

Die Wichtigkeit von Trenton für die Amerikaner darf nicht nur nach dem numerischen Ausweis an Toten, Verwundeten und Gefangenen berechnet werden. Es war ein neuer Beweis für die unerfahrenen und hülflosen Kolonisten, dass sie sich einigermassen zu Soldaten eigneten und dass ihre Sache nicht hoffnungslos war. Nach einer langen Reihe von Missgeschick und fortwährendem Zurückweichen feuerte sie dies mit neuem Mute an. Bunker Hill hatte die Amerikaner belehrt, dass sie den britischen Regulären widerstehen könnten. Trenton bewies ihnen in einer Stunde der Verzweiflung, dass die gefürchteten Hessen überwunden werden könnten.

Die hessischen Offiziere und Soldaten, welche in Trenton gefangen genommen waren, mussten am 26. Dezember 1776 denselben kalten und mit Schnee bedeckten Weg, auf welchem die Amerikaner zum Angriff vorgegangen waren, zurücklegen. Wir können sie uns in ihrenUniformen zitternd vor Frost vorstellen, während ihre zerlumpten und barfüssigen Bezwinger fröhlich neben ihnen her marschierten und in der Siegesglut den eisigen Wind vergassen. Wieder wurde der Delaware durch die schwimmenden Eisstücke hindurch überschritten, und man kann überzeugt sein, dass es nicht die zerlumpten Amerikaner waren, deren Zähne klapperten; aber eine Reaktion trat ein nach so viel Mühsal und Aufregung; am nächsten Morgen war die Hälfte der siegreichen Armee erschöpft und dienstuntauglich. 40 Stunden waren die Amerikaner ununterbrochen unter den Waffen gewesen und hatten marschiert und gefochten in Schnee und Eis eines Dezembersturmes, so dass nun die Natur Ruhe und Unterkunft für einige Tage forderte. Nur Washington war unermüdlich, und obschon die Dienstzeit eines grossen Teiles seiner Armee im Ablaufen begriffen war, schickte sich der grosse Feldherr an, aus dem errungenen Erfolg Vorteil zu ziehen.

Die hessischen Offiziere wurden mit grosser Höflichkeit von den Führern der Amerikaner behandelt. Washington drückte sein Mitgefühl mit ihnen unmittelbar nach ihrer Übergabe aus. Stirling, der erst vor kurzem nach seiner Gefangennahme auf Long-Island ausgewechselt war, erzählte den Offizieren, die ihn besuchten, dass Heister ihn wie einen Bruder behandelt habe, und dass er sie ebenso behandeln wollte. Er begleitete sie bei ihrem Besuch bei General Washington und lud einige von ihnen zum Diner ein. Washington erwies dieselbe Höflichkeit einigen von den anderen. Einer von seinen Gästen hat in seinem Tagebuch einen Vermerk über den Eindruck hinterlassen, den der berühmteste unter den Amerikanern auf ihn gemacht hat: »Diesem General sieht man in seinem Gesicht nicht die Grösse an, welche ihm im allgemeinen beigemessen wird. Seine Augen haben kein Feuer, aber die freundliche Art seines Ausdrucks, wenn er spricht, flösst Zuneigung und Hochachtung ein.«

Wiederhold schreibt: »Am 28. dinierte ich, wie gesagt, ebenso wie mehrere andere Offiziere, mit General Washington. Er that mir die Ehre an, sich viel mit mir über die unglückliche Affaire zu unterhalten, und da ich ihm frei heraus die Ansicht äusserte, dass unsere Massregeln schlecht gewesen wären, andernfalls wir nicht in seine Hände gefallen wären, fragte er mich, ob ich bessere Massregeln getroffen hätte und in welcher Weise. Darauf sagte ich Ja; erwähnte alle Fehler, welche begangen worden waren, und zeigte, was ich gethan haben und wie ich mit Ehren aus der Verlegenheit gekommen sein würde. Er billigte dies nicht nur, sondern sagte mir auch einiges Schmeichelhafte darüber, sowie auch über meine Wachsamkeit und den Widerstand, den ich mit meinen wenigen Leuten in der Postenlinie am Morgen des Angriffes gemacht hätte. General Washington ist ein zuvorkommender und eleganter Mann, aber scheint sehr polite und reserviert zu sein, spricht wenig und hat eine schlaue Physiognomie. Er ist nicht sehr gross, aber auch nicht klein, sondern von Mittelgrösse, und hat eine gute Figur.« Es ist interessant, sich diese Szene vorzustellen — das Wohnzimmer im Farmhaus, das Feuer aus dickem Scheitholz, die triefenden Lichter, die Bowle mit rauchendem Punsch und General Washington die Kriegskunst erörternd mit seinem Gefangenen, der, obwohl nur ein Lieutenant, ausländischen Kriegsdienst kennen gelernt hat und wohl wert ist, angehört zu werden.

Die Gefangenen wurden binnen Kurzem nach Pennsylvanien und Virginien befördert. Überall strömte das Volk zusammen, um sie zu sehen, und wenn den fremden Eindringlingen in ihrem Unglück manchmal mit Flüchen und Verwünschungen begegnet wurde, so dürfen wir diejenigen nicht zu scharf beurteilen, deren Söhne und Brüder von den Hülfstruppen umgebracht werden sollten.

Wir werden beinahe finden, dass die Wage sich zu Gunsten der Amerikaner neigt, welche bei vielen Gelegenheiten ihren Feinden mit Vergebung und Freundlichkeit begegneten. Die Begleitmannschaft der Gefangenen that beständig ihre Pflicht und gelang es ihr, diese vor allem Schlimmeren als Beschimpfungen zu bewahren. Die hessischen Offiziere und Leute wurden von einander getrennt, und es ist nicht uninteressant, ihren Wanderungen bis ins Einzelne zu folgen. Die Offiziere waren in Philadelphia und statteten General Israel Putnam am Neujahrstag einen Besuch ab. »Er schüttelte jedem von uns die Hand,« sagt einer in seinem Tagebuch, »und wir mussten Alle ein Glas Madeira mit ihm trinken. Dieser alte Graubart mag ein guter, ehrlicher Mann sein, aber niemand anders als die Rebellen würden ihn zum General gemacht haben.«

Die Offiziere wurden, nachdem sie in Dumfries und im Thal von Virginia einquartiert waren und viele kleine Beschwerden zu ertragen gehabt hatten, im Dezember 1777 nach Fredericksburg gebracht, wo sie mit grosser Gastfreundschaft und Güte behandelt wurden. Wiederhold wird förmlich pathetisch bei dem Gedanken, von seinen dortigen Freunden Abschied zu nehmen. Die Gefangenen hatten in grosser Gunst bei den Damen der Nachbarschaft gestanden, welche, wie der Lieutenant sagt, »schön, zuvorkommend, gütig, bescheiden und vor Allem sehr natürlich und ungezwungen waren.«

16 Damen »ersten Ranges« verabredeten sich nebst einigen Herren, den Kapitän in seinem Quartier zu überraschen, wovon er vorher heimlich unterrichtet worden war. Er erzählt uns, dass sie kamen und nur eine Stunde zu bleiben beabsichtigen, doch schliesslich von 1/2-4 bis 10 Uhr abends blieben. General Washingtons Bruder, Schwester und Nichte waren darunter. Die deutschen Offiziere regalierten ihre Gäste mit Thee, Kaffee, Chokolade, Claret-Wein und Kuchen, und unterhielten sie mit Instrumental- und Vokal-Musik, an welcher sich die Damen manchmal beteiligten. »In Europa würdenwir keinen grossen Beifall geerntet haben, aber hier galten wir für Meister. Sobbe spielte die Flöte, Doktor Oliva die Violine und ich die Guitarre. Wir wurden so mit Beifall überschüttet, dass wir ganz beschämt waren. Ihre Freundschaft für uns war zu gross. Einige von den amerikanischen jungen Herren wurden eifersüchtig.«

Alle diese Freundlichkeit machte Eindruck auf die Gefangenen. In Dumfries 9 Monate vorher, hatte Wiederhold in sein Tagebuch niedergeschrieben, dass er lieber ein kleines Gut in Hessen besitzen wolle, als die grösste Besitzung in Virginia und dass Amerika für solche Leute gut wäre, welche zu Hause dem Galgen entronnen wären. Nun ist er aber beim Verlassen von Fredericksburg ganz traurig, obschon es galt, zur Armee nach Philadelphia zurückzukehren. Indessen hatte er persönliche Gründe hierfür. »Es war sicherlich eine grosse Sache, sich so grosser Freundschaft, ja, ich möchte sagen, Liebe zu erfreuen von Leuten, deren Feinde wir waren und gegen die wir bald wieder als Feinde auftreten mussten.

Sagte doch eine Schöne zu mir, welche mir so innig zugethan war: »Wollte Gott, Sie könnten hier bleiben und dass ich niemals so unglücklich sein müsste von ihnen zu scheiden, so wie ich es morgen thun muss und vielleicht für immer. Aber gehen Sie, wo Ehre und Pflicht Sie hinruft und bleiben Sie glücklich!« Dies war Seelengrösse, wie sie nicht allen Rebellen innewohnt, denn sie war eine gute Amerikanerin in ihren Gesinnungen, schön und reich.« Kein Wunder, dass der Lieutenant die Meilen zählte, als er von Fredericksburg abmarschierte.

Die Soldaten erreichten Philadelphia einige Tage später als die Offiziere. Über ihren Empfang durch die Volksmenge schreibt ein Korporal in seinem Tagebuch: »Gross und Klein, Alt und Jung, standen da um zu sehen, was für eine Sorte Sterblicher wir wären. Als wir gerade vor sie kamen, sahen sie uns scharf an. Die alten Weiber schrien schrecklich und wollten unserwürgen, weil wir nach Amerika gekommen wären, um ihnen die Freiheit zu rauben. Einige Andere brachten uns trotz allen Schimpfens Schnaps und Brod, um es uns zu geben, aber die alten Weiber wollten es nicht erlauben, und uns obendrein noch erwürgen. Unsere amerikanische Begleitmannschaft hatte von Washington Befehl erhalten uns in der Stadt überall herumzuführen, damit Jedermann uns sehen sollte; aber das Volk drängte sich in uns hinein mit grosser Wut und überwältigte beinahe die Begleitmannschaft, so dass, als wir uns den Baracken näherten, unser kommandierender Offizier sagte: »Liebe Hessen, wir wollen in diese Baracken marschieren.« Wir thaten es, und das ganze amerikanische Detachement musste dem wütenden Volke Einhalt thun. Warum der amerikanische Offizier seine Gefangenen in so liebevoller Weise anredete, scheint nicht klar, aber ein grosser Grad von Vertraulichkeit scheint sich zwischen ihnen ausgebildet zu haben. Eelking erzählt eine Geschichte, die aber, cum grano salis, aufgenommen werden muss, dass, als der Transport im Herbst 1777 von Lancaster nach Winchester geführt wurde, und an die Grenze von Virginia kam, die pennsylvanische Eskorte sich weigerte, weiter zu marschieren und nicht den Fuss auf den geheiligten Boden setzen wollte. In der That zerstreuten sie sich, und alle gingen nach Hause. Die Eskorte, die von Winchester hatte kommen sollen, um sie zu treffen, war nicht angekommen. Der Kapitän, der das Kommando über die Pennsylvanier gehabt hatte, war ein Mann von grosser Geistesgegenwart und Menschenkenntniss. Er sagte zu den Hessen, deren Zuneigung er durch seine Menschlichkeit gewonnen hatte, dass sie ohne Eskorte weiter marschieren müssten, da er selbst nach Winchester vorauseilen müsste. Er vertraute den Gefangenen und versprach ihnen gute Behandlung bei ihrer Ankunft. Darauf verliess er sie. Die Gefangenen, wenn man sie überhaupt so nennen kann, denen Niemand wehrte, marschierten weiter in guter Ordnung.Am dritten Tage kam der alte Kapitän mit einer virginischen Eskorte zurück und fand alle Hessen durch Namensaufruf zur Stelle, nur einige gewissenlose Engländer waren verschwunden. Die Deutschen wurden darauf alle mit Branntwein traktiert, während die englischen Gefangenen ihren Marsch ohne diese Erfrischung wieder aufnehmen mussten. Die Hessen erhielten fortan viele Vergünstigungen.

Washington soll die Stimmung im Volke dadurch beruhigt haben, dass er bekannt gab, die Hessen seien gegen ihren Willen nach Amerika gekommen. Das Loos der Gefangenen scheint nicht übermässig hart gewesen zu sein. Viele der gemeinen Soldaten vermieteten sich als Knechte auf die Farmen und erhielten Verpflegung und Lohn.

So viele als von Washingtons kleiner Armee dienstfähig blieben, überschritten in den letzten drei Tagen des Dezember den Delaware wieder und wurden schleunigst unter Cadwaladers und Mifflins Kommando vereinigt. Dadurch wurde ihre Zahl auf ungefähr 5000 gebracht, von denen 3/5 des Militärdienstes unkundig waren. Gegen diese kleine Truppenmacht ging Cornwallis mit einer grösseren Zahl von britischen und hessischen Veteranen vor. Er kam mit seiner ganzen Streitmacht von Princeton über Maidenhead, trotz Donops Rat, in zwei Kolonnen auf beiden Seiten des Assanpink zu marschieren. Am 2. Januar 1777 fand ein Geplänkel statt, bei dem Lieutenant von Grothausen von den Jägern, welcher von Trenton 7 Tage vorher entkommen war, ohne seine volle Schuldigkeit gethan zu haben, wie behauptet wurde, fiel. Eelking erzählt, dass er von einigen Scharfschützen erschossen wurde, welche ihn unter dem Vorwande sich zu ergeben, anlockten.

Am Nachmittag des 2. Januar standen sich die englische und amerikanische Armee auf beiden Seiten desAssanpink-Flusses gegenüber. Vergeblich drängten unsere Offiziere Cornwallis, sofort anzugreifen. Die Sonne war im Untergehen, die Brücke war erfolgreich verteidigt worden, die englische Armee musste den Strom durchwaten, um an den Feind heranzukommen, und der Ausgang schien zweifelhaft. Der britische General entschloss sich, den Angriff auf den folgenden Tag zu verschieben. Washington wagte nicht, das Schicksal Amerikas auf die Widerstandsfähigkeit seiner undisziplinierten Milizen hin zu riskieren. Die Nacht war kalt und die Strassen in gutem Zustand für das Passieren der Artillerie. Es wurde Holz auf die amerikanischen Wachtfeuer gelegt und eine Wache zurückgelassen, um es zu unterhalten. Inzwischen marschierte die amerikanische Armee durch die helle Januarnacht ab, umging Lord Cornwallis linke Flanke und griff um 9 Uhr morgens 3 englische Regimenter zu Fuss und 3 Kompagnien zu Pferde bei Princeton an. Die Amerikaner warfen sie, töteten und verwundeten ungefähr 200 Mann und machten 230 Gefangene, unter denen 14 britische Offiziere waren. Der amerikanische Verlust an Leuten war gering, aber schwer an Offizieren infolge eines Unfalles bei Beginn der Affaire. Dieser Sieg bei Princeton war das letzte Ereignis des Feldzugs, welches den Namen einer Schlacht verdient. Die Briten verliessen den grössten Theil von New-Jersey und blieben nur in New-Brunswick, Amboy und Paulus Hook. Aber die Vorposten der beiden Armeen unterhielten ein Geplänkel den ganzen Winter hindurch. So wurde am 5. Januar 1777 eine Abteilung von 50 Waldeckern von einer an Zahl nicht stärkern Abteilung Milizen angegriffen, welche 8 oder 10 töteten und die Übrigen, einschliesslich 2 Offizieren, zu Gefangenen machten.

In dieser scharmützelnden Art der Kriegführung nahmen, so weit es die Hessen betraf, die Jäger oder Chasseurs, wie sie die Engländer und Amerikaner nannten, den Hauptanteil. Sie waren gelernte Schützen und rekrutierten sich aus den Jägern und Forstleuten von Deutschland. Eine Kompagnie derselben war mit von Heister im August 1776 nach Amerika gekommen, eine zweite unter Kapitän Ewald mit von Knyphausen im Oktober. Sie hatten sich als so nützlich erwiesen, dass ihre Zahl durch einen speziellen Vertrag mit dem Landgraf während des Winters 1777 auf 1067 Mann erhöht wurde, in 5 Kompagnien formiert, von denen eine zu Pferde war. Andere Kompagnien wurden von Hanau und Anspach besorgt. Nach dem Sommer 1777 war das Korps unter dem Befehl von Oberstlieutenant von Wurmb, aber die Kompagnien oder detachierten Teile fochten im Allgemeinen getrennt. Es gab wenige Operationen von einiger Wichtigkeit, an welchen die Jäger nicht Teil nahmen. Wir glauben gern, dass sie manche kühne und glückliche Streiche ausführten, müssen aber die Achseln zucken, wenn wir belehrt werden, dass die amerikanischen Milizen breitgeränderte Hüte trugen, welche sie über die Augen herunter gezogen haben sollen, um sie gegen Wind und Schnee zu schützen, so dass die Jäger imstande waren, sich bei hellem Tage an sie heranzuschleichen und sie niederzumachen oder zu entwaffnen, bevor sie eine Ahnung davon hatten. Diese Yankees sind gewöhnlich so sehr schläfrige Kerls (Eelkings »Hülfstruppen« I. S. 182).

Ewald erzählt uns, dass zu Anfang des Jahres 1777 Lord Cornwallis sich entschloss Boundbrook in New-Jersey, welches von 1000 Amerikanern unter Oberst Butler gehalten wurde, zu überraschen. Der Angriff sollte in 3 Kolonnen ausgeführt werden. Die erste unter General Mattheus sollte einen Scheinangriff auf die Front der amerikanischen Werke machen. Die zweite unter Cornwallis sollte über Somerset nach links Butlers Stellung umgehen und sie im Rücken fassen. Die dritte sollte rechts über Greenbrook marschierend, dem Feinde den Rückzug nach Morristown abschneiden. Ewald kommandierte die Avantgarde der 1. Division. Die Strasse vonRaritan Landing nach Boundbrook, welche in einer Länge von 2-1/2 Meilen an der linken Seite des Raritan River entlang führt, endigt in einen Damm über einen Morast. Durch diesen floss ein Bach, über welchen eine steinerne Brücke führte. Um die Brücke und den Damm zu beherrschen, hatten die Amerikaner eine Brücke gebaut.

Die Division brach ungefähr um 2 Uhr morgens auf. Halbwegs Boundbrook glaubte Ewald, der wie gewöhnlich an der Spitze war, er sähe etwas sich bewegen. In der Hoffnung, eine feindliche Patrouille zu überraschen, schickte er einen Mann mit dem Befehl zurück, dass der Rest seiner Leute leise nachkommen sollte. Er wurde indessen entdeckt und angerufen. Indem er seine Leute mit leiser Stimme heranrief, avancierte er bis dicht an den Feind heran, der sich als ungefähr 30 Mann stark herausstellte. Diese gaben eine Salve ab und verschwanden, Ewald hinter ihnen her. Entgegen den Befehlen gaben die Jäger auch einige Schüsse ab. Es würde besser gewesen sein, sagt Ewald, ihnen langsam zu folgen, da sie die Jäger für eine gewöhnliche Patrouille gehalten haben mochten, eine ebensolche, wie man auf dieser Strasse beinahe jede Nacht begegnete. Ewald hoffte indessen, über den Damm und in die Redoute gleichzeitig mit den Amerikanern zu gelangen, aber die Entfernung war zu gross und der Tag brach an. Er war seiner Nase nachgegangen und hatte vergessen, hinter sich zu sehen, bis er ungefähr 100 Schritt von der Redoute entfernt, sich einem heftigen Feuer ausgesetzt sah, durch welches einige seiner Freiwilligen verwundet wurden. Dann sah er sich um und bemerkte, dass seine ganze Truppe aus 1 Lieutenant und 7 Mann bestand. Mit diesen warf er sich auf die Brücke, die kaum 40 Schritt von der Redoute entfernt war und deckte sich hinter die steinerne Brustwehr. Er hoffte, dass mehr von seiner Abteilung zur Unterstützung kommen würden, aber es stellte sich heraus, dass General Mattheus der Kolonne befohlen hatte zu halten, da ernicht unnötig Menschenleben opfern wollte. Ewalds 7 Schützen unterhielten das Feuer auf die Schiessscharten der Redoute und ihr Feuer wurde lebhaft beantwortet, aber es wurde Niemand auf beiden Seiten getroffen. Nach kaum 1/4 Stunde hatten sie das Vergnügen, heftiges Feuer jenseits der Redoute zu hören, welche von Cornwallis im Rücken angegriffen war. Die Besatzung verliess das Werk, und Ewald mit seinem Lieutenant und 7 Mann ging vor um Besitz davon zu ergreifen, und nahm obendrein 12 Mann gefangen. »Aber«, sagt Ewald, »es war mein Fehler, dass Lord Cornwallis nur 150 Gefangene und 2 Kanonen machte anstatt 1000 Mann. Denn der Feind war durch das Feuer der Redoute geweckt und bekam Zeit, mit General Lincoln zusammen zu entkommen.«

Hier möge noch eine andere Anekdote von Ewald folgen, die diese Campagne betrifft: »Als wir zu Anfang des Jahres 1777 während des amerikanischen Krieges in New-Brunswick in Jersey lagen, hatte ich den Befehl über das äusserste Ende der Piquetlinie bei Raritan Landing an der Strasse nach Boundbrook. Dieser Posten konnte nur durch grosse Wachsamkeit und den guten Willen und die Liebe der Jäger zu mir gehalten werden. Wir schlugen uns täglich mit den Amerikanern herum, denn wir waren nur eine Meile von einander entfernt. Eines Morgens um das Frühjahr herum, krochen die Amerikaner unter dem Schutze eines dicken Nebels so nahe an einen meiner Posten heran, dass sie eins meiner Piquets in demselben Moment erreichte, wie eine Patrouille, die ich vorgeschickt hatte, und die geworfen wurde. Sie stürzten auf mich los so schnell sie innerhalb 200 Schritt von mir konnten. Glücklicherweise war ein tiefeingeschnittener Weg zwischen uns, in welchen ich mich mit 16 Jägern hineinwarf, indem ich Lieutenant Hinrichs zurief, meine rechte Flanke mit dem Rest der Leute zu decken, bis Kapitän von Wreden mit seiner Kompagnie heraufkäme. Gerade als ich den eingeschnittenen Weg erreichte, erhielt ich heftiges Feuer von einem Regiment leichter Infanterie unter Oberst Buttler, woraufhin meine Leute, welche sonst brave Burschen waren, den Kopf verloren und wegliefen. Erstaunt, wie man wohl glauben mag, rief ich hinter ihnen her: »Ihr mögt zum Teufel rennen, aber ich bleibe hier allein stehen.« In diesem Moment bemerkte ich, dass ein Mann, Jäger Bauer, bei mir stehen geblieben war. Er antwortete: »Nein, Sie sollen nicht allein bleiben,« und er rief den Jägern, welche sich fort machten, nach: »Jungens, halt, ein Schuft, der wegläuft!« Nachdem er diese Worte einigemal nachgerufen hatte, kamen sie alle zurück und kämpften als brave Burschen. Die Amerikaner, welche fortwährend ein ununterbrochenes Feuer unterhalten hatten, waren die schreckliche Verlegenheit, in der ich gewesen war, nicht gewahr geworden. Kapitän Wreden und die leichte Infanterie von der englischen Garde unter Oberst Osborne kam zu unserer Unterstützung, und die Amerikaner wurden mit grossem Verlust zurückgeworfen und beinahe bis nach Boundbrook getrieben.« Jäger Bauer, der bei dieser Gelegenheit bei Ewald stand, war ein unbedeutend aussehender Bursche aus dem Anspacher Distrikt. Ewald hatte sich erst geweigert, ihn in seine Kompagnie einzustellen wegen seines Äussern, doch hatte er sich durch die Vorzüglichkeit seines Schiessens bewegen lassen ihn einzureihen. Kurz nach der oben erwähnten Affaire gab Bauer einen andern Beweis seiner Verwegenheit. Am Morgen des 25. Mai fiel Ewald mit einer Abteilung von 11 Jägern und 30 Dragonern in einen Hinterhalt in der Nähe von Boundbrook. Sie wurden umzingelt und waren in Gefahr gefangen genommen zu werden, und gerade in diesem Moment stürzte Ewalds Pferd und der Kapitän lag auf dem Wege. Als die Jäger, die eine kleine Strecke entfernt waren, das Pferd ihres Kapitäns reiterlos auf sie loskommen sahen, erschien Bauer mit zwei Andern plötzlich, um den verletzten Offizier in Sicherheit zu bringen. Sie trugen ihn mitten im Kugelregen zurück, und als sie ihn an einen sicheren Ort gebracht hatten, bemerkte Bauer, dass Ewalds Hut fehlte. »Wir müssen ihn wiederkriegen, sagte er, »oder sie werden morgen den Hut unseres Hauptmanns im Triumph nach Boundbrook hineintragen.« Sie liefen wieder zurück und brachten wirklich den Hut trotz aller Kugeln zurück.

Ewald versichert, dass Oberst Reed vor dem Überfall von Trenton Donop zweimal besuchte, unter dem Vorwand, Gefangene auszuwechseln, aber in Wirklichkeit um zu rekognoszieren. Er erzählt darüber die folgende Geschichte:

»In derselben Weise kamen die beiden Obersten Hamilton und Schmidt mit einem Trompeter an den Posten, welchen ich bei New-Brunswick in Jersey im Anfang der Campagne von 1777 festhielt, nachdem General Howe von New-Brunswick nach Milztown vorgegangen und wieder zurückmarschiert war. Sie hatten unwichtige Briefe an General Grant von zwei englischen Offizieren seiner Brigade, welche am Tage vorher durch ihre eigene Schuld gefangen genommen worden waren, indem sie zum Vergnügen umhergeritten waren. Ich gab diesen beiden Herren, welche sehr elegante und höfliche Leute waren, zu verstehen, dass ich ihre Absicht wohl gemerkt hätte, und gab ihnen den wohlgemeinten Rat, sich so schnell als möglich fortzumachen und mich so bald nicht wieder zu besuchen. Hierüber schienen sie sehr erstaunt zu sein, befolgten aber meinen Rat mit grosser Eile. Ich würde sie sicherlich zur Verhaftung nach dem Hauptquartier mit verbundenen Augen geschickt haben, wenn ich nicht gewusst hätte, dass das Volk über eine so weise Massregel gegen Amerikaner gelacht haben würde. Das Beste wäre, wenn solche Herren zu unpassender Zeit mit Botschaften kommen, sie wenigstens für einen halben Feldzug mit sich zu nehmen.«

Ich glaube nicht im mindesten, dass Hamilton zu den britischen Vorposten mit der Absicht gegangen war, die ihm hier unterstellt wird, und ich glaube sicher, es geschah, wenn er es that, ohne Mitwissen von Washington. Indessen hat man keinen Grund zu bezweifeln, dass ihm Ewald argwöhnte und ihn in der beschriebenen Weise entliess.

Es wurden nun im Winter von 1776 auf 77 Unterhandlungen eingeleitet, infolge deren Generallieutenant von Heister abberufen wurde von dem Kommando über die hessischen Truppen und Generallieutenant von Knyphausen ihm folgte. Lord Suffolk hatte auf die Rückberufung gedrungen aus dem Grunde, weil Sir William Howe nicht zufrieden war mit Heister. Inwieweit Sir Williams Abneigung gegen ihn an rein persönlichen Gründen gelegen hat, oder in wieweit der Argwohn gerechtfertigt sein mag, dass Heister zu sehr »auf die Erhaltung der unter seinem Befehl stehenden Truppen« bedacht war, ist jetzt vielleicht nicht mehr möglich zu entscheiden. Aber wir wissen, dass Howe bereits vor der Affaire von Trenton mit Heister unzufrieden war, zu einer Zeit, als die englischen Verluste entschieden schwerer gewesen waren als die hessischen. Heister hatte durch den Vertrag zwischen dem König von England und dem Landgraf das Recht des unmittelbaren Befehls über ungefähr die Hälfte von Sir William Howes Armee. Die Abmachungen in dem Vertrage waren unbestimmt genug, um zu vielen Streitfragen Anlass zu geben. Heister soll widerspenstig gewesen sein. Jedenfalls kam er mit seinem Oberbefehlshaber nicht gut aus. Dies dürfte ein genügender Grund gewesen sein, um ihn abzuberufen.

Die englische Regierung zog es vor, nicht offen mit dieser Sache hervorzutreten, sondern die Rückberufung wurde durch den Landgraf veranlasst auf Grund von Heisters Gesundheit und Alter und nur »für eine gewisse Zeit«. Es war aber wohl begreiflich, dass der alte General in Ungnade von dannen ging. Der Landgraf schreibt anKnyphausen: »Nichts als die vollkommene Vernachlässigung aller Ordnung und Disziplin kann diese Schande (von Trenton) über uns gebracht haben. Ich halte es für sehr nötig, über die Sache mit Generallieutenant von Heister zu sprechen, und seine Gesundheit ist obendrein für das Klima dort drüben nicht stark genug. Ich schreibe ihm deshalb, hierher zu kommen für eine gewisse Zeit und übertrage das Kommando ad interim über meine Truppen in Amerika auf Sie.« Heister verstand vollkommen, dass er in Ungnade gefallen war und starb zwei Monate, nachdem er Cassel erreicht hatte, aus Kummer und Sorge.

Im Anfang des Frühjahrs 1777 beliefen sich die wirklichen Besitzungen des Königs von England auf amerikanischem Boden auf folgende: Im Staate New-York: die Insel im Hafen und etwa ein kleines Stück von West Chester County bei Kings Bridge. In New-Jersey: Amboy, New-Brunswick und Paulus Hook. In Rhode Island die eigentliche Insel. Aber die Wichtigkeit dieser Posten war ausser allem Verhältnis zu ihrer Ausdehnung. Sir William Howe kommandierte eine nach modernen Begriffen allerdings kleine Armee, die aber gross genug war um die von Washington an Zahl zu übertreffen, und die aus disziplinierten Truppen, darunter viele Veteranen, gebildet war, während die amerikanische Armee eine veränderliche, hauptsächlich aus Milizen bestehende Masse war. Der Kongress hatte an einem der letzten Tage des Jahres 1776 bestimmt, dass Washington bevollmächtigt sei, auszuheben, zu organisieren und mit Offizieren zu versehen: 16 Bataillone Infanterie, 3000 Mann leichte Kavallerie, 3 Regimenter Artillerie und ein Korps von Ingenieuren. Aber diese Truppen, die erste Armee der vereinigten Staaten, als solche, zusammen mit den 88 Bataillonen, welche gleichzeitig von den einzelnen Staaten aufgestellt werden sollten, existierten bis jetzt hauptsächlich auf dem Papier. Am 14. März 1777schreibt Washington an den Kongress: »Nach der genauesten Schätzung, welche ich machen kann, erreicht unsere Gesamtstärke in Jersey, welche augenblicklich dienstfähig ist, nicht die Zahl 3000. Diese, ausgenommen 981 Mann, sind Milizen und bleiben nur bis zum letzten dieses Monats zum Dienst verpflichtet. Die Truppen, die in der Ausbildung begriffen sind, belaufen sich, einschliesslich des Personals, auf ungefähr 1000.« Sir William Howes Armee kann zu dieser Zeit schwerlich weniger als 25 000 Mann betragen haben.

Die Handvoll Leute, welche die Sache der Freiheit Amerikas aufrecht erhielt, war ohne Geld, ohne Kredit, oft ohne Kleidung. Gegen diese wurde die Kriegsmacht eines grossen Reiches gesetzt, die Loyalität, angefeuert durch eine alte Monarchie, einen unbegrenzten Kredit, unberechenbare Hülfsquellen. Eine zweite britische Armee bereitete sich vor, von Kanada aus mit der von Sir William Howe zusammen zu operieren und, indem sie die Hudson-Linie besetzte, das Land in zwei Teile zu teilen. Die Amerikaner konnten nicht auf fremde Hilfe rechnen, bis sie nicht die Fähigkeit, sich selbst zu helfen, gezeigt hätten. Ihre Hoffnung konnte sich nur gründen auf die eigene Standhaftigkeit, und auf den Genius und die patriotische Tapferkeit ihres grossen Führers.

Das Braunschweigische Kontingent der deutschen Truppen, welches von England zur Unterdrückung der Revolte in ihren Nord-Amerikanischen Kolonien gedungen war, wurde von Baron Friedrich Adolph von Riedesel befehligt. Er stammte aus einer adeligen hessischen Familie und war im Jahre 1738 geboren. Im Alter von 15 Jahren war er nach Marburg geschickt worden, umRechtswissenschaft zu studieren, obschon er kaum schreiben konnte und nur einige wenige lateinische Brocken gelernt hatte. Ein Bataillon hessischer Infanterie stand damals in Marburg, und Riedesel sah lieber den Soldaten zu, als dass er den Professoren der Universität zuhörte. Der Major, der die Bekanntschaft des Jungen gemacht hatte, hoffte ihn als Rekruten zu bekommen. Er gab Riedesel den Rat, in seine Kompagnie mit der Aussicht auf Avancement einzutreten und sagte ihm obendrein, dass er mit seinem Vater gut bekannt sei und an ihn schreiben würde, um seine Einwilligung zu diesem Plane zu erbitten. Kurz darauf sagte der Major zu Riedesel, dass er von seinem Vater gehört, er habe in seine Einstellung eingewilligt. Der Junge war über diese Nachricht entzückt und wurde sofort für den Dienst gemustert. Indessen, als er seinem Vater schrieb, um sich zu bedanken, erhielt er eine sehr enttäuschende Antwort. Baron von Riedesel hatte nie etwas von dem Major gehört und hätte nie seinem Sohn die Erlaubnis gegeben, den für ihn gewählten Beruf zu verlassen. Nun aber, da der junge Mann in den Dienst eingetreten sei, erforderte es die Ehre, seinen Farben treu zu bleiben, aber er brauchte auf keine weitere Unterstützung von Seiten seines Vaters zu rechnen. Es blieb dem jungen Riedesel nichts übrig, als sich in sein Schicksal zu fügen. Die ganze Angelegenheit ist nur ein Beispiel von dem deutschen Rekrutierungs-System der damaligen Zeit.

Der Landgraf von Hessen-Cassel, hatte einige seiner Regimenter an England geliehen. Riedesel ging mit seinem Bataillon dorthin mit dem Rang als Fähnrich. Er war indessen nicht so lange dageblieben, um die Sprache vollkommen zu erlernen, denn sein Regiment war nach Deutschland zurückbeordert worden, um am siebenjährigen Kriege Teil zu nehmen, in welchem England mit Preussen und einige kleinere deutsche StaatenFrankreich, Österreich, Russland und Schweden gegenüberstand. Von dieser Zeit an war Riedesels Avancement rapide. Er wurde ein Günstling von Prinz Ferdinand und vertauschte den hessischen Dienst mit dem braunschweigischen. Beim Ausbruch der amerikanischen Revolution war er bis zum Range eines Obersten aufgestiegen und wurde General an dem Tage, an dem er an der Spitze des Kontingents aus Braunschweig nach Amerika ausmarschierte.

Riedesel sah nichts Entehrendes in der Thätigkeit, zu der er berufen war. Er war Soldat von dem Typus, der dem 18. Jahrhundert eigen ist, und in militärischen Dingen kannte er nichts anderes als seine Befehle. Er war überdies ein zärtlicher Gatte und Vater, und seine Frau und Kinder sollten ihm nach der Neuen Welt nachfolgen, sobald es die Gesundheit der ersteren erlauben würde. »Liebste Frau,« schrieb er von seinem ersten Halt, »nie habe ich mehr gelitten, als heute früh bei meiner Abreise. Mein Herz brach mir, und hätte ich zurückgekonnt, wer weiss was ich gethan hätte! Aber, meine Liebe, Gott hat mir diesen Beruf gegeben, ich muss ihm folgen; Pflicht und Ehre verbinden mich dazu; man muss sich also trösten und nicht murren.«

General Riedesel brach von Braunschweig am 22. Februar 1776 nach Stade an der Elbe auf, an der Spitze von 2282 Mann. Die Truppen wurden zwischen dem 12. und 17. März eingeschifft und gingen am 22. März in See. Es waren 77 Soldatenfrauen mit dieser Division. Der Rest des braunschweigischen Kontingents marschierte im Monat Mai nach Stade. Die einzelnen Teile zusammen beliefen sich auf die Gesamtsumme von 4300 Mann. Das Regiment von Hessen-Hanau, 668 Mann stark, schloss sich der Expedition in Portsmouth an. Die Braunschweiger wurden besichtigt und für den englischen Dienst gemustert durch den Oberst Faucitt, welcher von dem Aussehen der Soldaten nicht befriedigtwar. Viele waren zu alt, viele nur halbwüchsige Jungen. Die Uniformen der ersten Division waren so schlecht, dass die englische Regierung gezwungen war, Riedesel 5000 £ vorzuschiessen, um die Leute in Portsmouth neu auszurüsten. Er wurde von den englischen Lieferanten betrogen, denn als man die Kisten mit Schuhen auf der See öffnete fand man Damenschuhe darin enthalten. Für einen Feldzug in Canada waren keine Mäntel vorgesehen. Neue Uniformen für die erste Division wurden im Laufe des Sommers nachgeschickt.

Der General war von dem Geiste seiner Truppen sehr befriedigt. »Ich weiss die Zufriedenheit unserer Soldaten nicht genugsam zu beschreiben, — — alles ist munter und guter Dinge,« schreibt er von Bord des Schiffes aus an seinen alten Chef, Prinz Ferdinand von Braunschweig. Bald indessen gesellte sich die Seekrankheit zu der Unbequemlichkeit auf den vollgepfropften Schiffen. »Die Soldaten sind meistens alle seekrank gewesen. Die meisten sind es noch, wie auch meine Leute«, schreibt Riedesel an seine Frau von Dover aus. »Der arme Koch ist es so sehr, dass er gar nicht arbeiten, ja nicht einmal den Kopf aufheben kann. Das ist eine grosse Unbequemlichkeit für uns, denn Kapitän Foy und ich müssen unsere Küche selbst besorgen, welches Dich belustigen würde, wenn Du es sähest.« Vor Beendigung der Reise war das Wasser verdorben.

Die Flotte von 30 Schiffen lichtete die Anker in Portsmouth am 4. April und kam vor Cap Gaspé am 16. Mai an, vor Quebec am 1. Juni. Riedesel erhielt hier das Kommando über ein besonderes Korps, welches aus 1 englischen und 2 deutschen Bataillonen mit 150 Canadiern und 300 Indianern bestand und den St. Lawrence-Strom entlang zwischen Quebec und Montreal postiert war. »Das hiesige Land wird Dir sehr gefallen; es ist so schön, wie es nur sein kann,« schreibt Riedesel am 8. Juni an seine Frau; und weiter sagt er am 28.:»Du wirst die Gegenden hier herrlich finden, nur schade, dass die Kolonien noch in ihrer Kindheit sind, und man also Gemüse, Obst und andere dergleichen zu einem guten Tisch gehörige Sachen sehr selten findet; Fleisch, Geflügel und Milch aber hat man im Ueberfluss. Die Häuser sind alle nur von einem Stockwerk, haben aber inwendig viele Zimmer und sind sehr reinlich. Die Einwohner sind überaus höflich und dienstfertig, und ich glaube nicht, dass unsere Bauern bei einer ähnlichen Gelegenheit sich so artig bezeigen würden.«

Nachrichten bekam man zu jener Zeit so spät, dass die Niederlage von Montgomery und Arnold vor Quebec am 31. Dezember 1775 in England noch nicht bekannt war, als die Flotte von dort absegelte. Riedesel und seine Begleiter hörten erst davon auf ihrem Wege den St. Lawrence-Strom hinauf. Kurz nach ihrer Ankunft wurde Canada von den »rebellischen« Truppen bis zum Nordende von Lake Champlain gesäubert, auf welchem See die Amerikaner eine Flotte improvisirt hatten, bestehend aus 4 Schaluppen, 8 »Gondolas« und 3 Ruder-Galleeren. Den Sommer brachten die Briten damit zu, Kriegs- und Transportschiffe zu bauen, um den See hinauf vorzudringen. Die Truppen wurden einquartiert oder in Lager untergebracht den St. Lawrence- und Richelieu-Fluss entlang, und nur ein bedeutendes Scharmützel vermochte die gewohnte Thätigkeit des Drillens und Schanzenbaues und des gleichzeitig fortschreitenden Bootsbaues durch Rückwärtsmarschieren zu unterbrechen.

Am 23. Juni wohnte General Riedesel einer feierlichen Versammlung bei in der früheren Jesuitenkirche in Montreal von General Carleton, dem Gouverneur von Canada und den Häuptlingen der fünf Nationen. Alle höheren Offiziere der Armee waren dazu eingeladen worden und ungefähr 300 Indianer waren anwesend. Die europäischen Offiziere waren mit Stühlen auf dem Chor der Kirche versehen, der Gouverneur in der Mitte, den Hut aufdem Kopfe. Die Indianer sassen auf Bänken im Mittelschiff der Kirche und rauchten ihre Pfeifen. — Nachdem Reden gehalten und verdolmetscht waren, wurden die Dienste der Indianer durch den englischen General angenommen, und es wurden ihnen Stellungen angewiesen. Die Indianer reichten den europäischen Offizieren die Hände, und den Generalen Carleton, Burgoyne und Phillips wurden Skalpe von Rebellen geschenkt. Was die englischen Herren mit diesen reizenden Geschenken ihrer menschenfreundlichen Bundesgenossen thaten, ist nicht ersichtlich. Bei einer späteren Zusammenkunft, die General Carleton mit Indianern mehr von Westen her abhielt, erschien einer von diesen in der Uniform des General Braddock, welchen er getötet zu haben behauptete.

Von Montreal sagt Riedesel: »Diese Stadt ist in der That etwas feiner als Quebec und hat ungefähr 1600 Häuser. Sie ist von nichts anderem umgeben als einer Mauer mit Schiessscharten für Kanonen und Musketen, und was man Citadelle nennt ist ein Blockhaus in sehr schlechter Verfassung. Diese Werke waren im Jahre 1736 angefangen worden. Die ganze Insel Montreal, gleichwie auch die Stadt gehören dem Seminar.... In der Nähe dieses Seminars ist der beste Garten von ganz Canada, aber er ist nicht besser angelegt, als der von einer Privatperson bei uns zu Hause. Sie haben die meisten Arten der europäischen Pflanzen hier.« —

Schliesslich war am 9. September der Transport fertig, um auf dem Lake Champlain vorzudringen. Es war indessen notwendig, wegen der Kriegsfahrzeuge noch einen Monat länger zu warten. Sobald diese vollzählig waren, übertrafen sie die der Amerikaner um mehr als das doppelte, sowohl an Zahl als an Gewicht. Sie waren mit aufgegriffenen englischen Seeleuten bemannt, während die Schaluppen und Gondolas unter Benedict Arnold meistens von Nicht-Seeleuten bemannt und befehligt waren. Das Resultat war vorauszusehen. Arnold wählteam 10. Oktober 1776 eine unvorteilhafte Stellung zwischen Valcour Island und dem westlichen Ufer des Sees. Hier bestand er einen ungleichen Kampf am 11. und von da entwischte er in der folgenden Nacht, verwegen durch die Linie der britischen Flotte hindurchschlüpfend. Am 13. wurde er in der Nähe der Insel der vier Winde von Carleton eingeholt. Einige der Boote zertrümmerten, andere wurden auf den Strand gesetzt und verbrannt; nur fünf entkamen. Arnold und sein Haufe bewiesen die grösste Tapferkeit bis zu Ende; aber Tapferkeit allein konnte den Mangel an Seetüchtigkeit und die Minderzahl nicht ausgleichen. Einige von den Deutschen nahmen an dem Seegefecht vom 11. teil, und eins der Schiffe, auf dem die Hanauer Artillerie war, wurde durch das amerikanische Feuer zum Sinken gebracht. Die Soldaten und Seeleute, welche es bemannten, wurden indessen durch ein anderes Boot gerettet. —

Unmittelbar nach diesem Seekampf besetzte Carleton Crown Point ohne Gegenwehr. Streifparteien wurden bis in die Nähe von Ticonderoga vorgetrieben. Riedesel war am 22. oder 23. Oktober dieser Festung so nahe, dass er sie von einem Hügel aus vollkommen sehen konnte. Er dachte, sie könnte wohl leicht von der britischen Armee in Canada genommen werden, wenn die ganze Armee in Bewegung gesetzt werden würde, doch er rechnete die Stärke der eigentlichen Besatzung entschieden zu hoch. Sir Guy Carleton hielt es für zu spät, in diesem Herbst weitere Eroberungen zu unternehmen. Selbst Crown Point verliess er und zog sich nach der Nordspitze des Sees zurück.

Die Truppen wurden in Winterquartiere gelegt, die Deutschen den Riechelieu-Fluss entlang und in die Umgebung des Sees St. Pierre. Riedesels Hauptquartier war in Trois-Rivières. Man bemühte sich, die Anwesenheit der Soldaten nicht zu schwer auf den Einwohnern lasten zu lassen, abgesehen von denen, die Sympathien mit denRebellen gezeigt hatten. Eine strenge Disziplin wurde aufrecht erhalten. Die Soldaten empfingen ihre Verpflegung und fällten sich ihr Holz zum Feuern in den Wäldern. Die Arbeit des Tragens des Holzes, sobald es gefällt worden war und des Kochens scheint den Einwohnern obgelegen zu haben. Die Soldaten waren versehen mit langen Hosen von dickem Tuch, die bis hoch zum Leibe hinauf reichten, und mit warmen Fausthandschuhen und Kapuzen.

Die zweite Braunschweigische Division war im September nach einer langen und stürmischen Ueberfahrt in Canada angelangt. Offiziere und Leute waren schliesslich auf halbe Ration von verdorbenen Lebensmitteln gesetzt worden. Als die Division von ungefähr 2000 Mann in Quebec ankam, waren 19 Mann gestorben und 131 krank an Scorbut.

Der lange Canadische Winter brach unmittelbar darauf herein. Er wurde von Riedesel zur Ausbildung der Truppen verwendet wenn das Wetter es erlaubte, besonders zur Ausbildung im Schiessen. Er hatte bemerkt, dass die Amerikaner bessere Schützen als die Deutschen waren, und er bemühte sich eifrig, diesem Mangel bei seinen Soldaten abzuhelfen. Im Laufe des Winters reiste er über 1800 Meilen im Schlitten, um die zerstreut liegenden Detachements zu besichtigen, und um General Carleton in Quebec und Montreal seine Aufwartung zu machen. An ersterem Orte war er am 31. Dezember 1776, als ein feierlicher Gottesdienst in der Kathedrale gehalten wurde zum Andenken an die Befreiung der Stadt von Arnold und Montgomery an diesem Tag des vergangenen Jahres. Die Feierlichkeit wurde geleitet von dem Bischof, und 8 unglückliche Canadier mussten öffentlich Busse thun, mit Stricken um den Hals, und Gott, die Kirche und König Georg um Verzeihung bitten dafür, dass sie den Amerikanern beigestanden hatten.

Während des zweiten Teils des Winters gab Riedeselin Trois-Rivières jede Woche einen Ball, teils um sich die Zuneigung der Einwohner zu erwerben, teils um seine Offiziere von Thorheiten abzuhalten. Der 20. Januar, der Geburtstag der Königin von England, wurde mit grossem Pomp gefeiert. 40 Gäste waren zum Diner geladen. Gesundheiten wurden in Champagner ausgebracht, und eine kleine Kanone wurde nach jedem Toast abgefeuert wie im ersten Akte von »Hamlet«. Am Nachmittag und Abend war ein Ball, zu welchem nicht weniger als 37 Damen erschienen. Diesen wurde des Abends ein Souper serviert, wobei ihnen die Herrn aufwarteten. »Demoiselle de Tonnencour«, schreibt ein Augenzeuge, »erhöhte ihre Reize durch ihre Juwelen, aber die arme Demoiselle R—e, in ihrem schäbigen baumwollenen Kleid, wurde vor vielen von uns vorgezogen wegen ihrer natürlichen und angenehmen Art und ihrer schönen Stimme. Sie müssen wissen, lieber Herr, dass die kanadischen Schönen französische und italienische Lieder an der Tafel singen, und dass bereits mehrere Lieder zu Ehren von General Riedesel geschrieben und komponiert worden sind, und dass diese oft in Trois-Rivières gesungen werden«. Auf diese Weise, mit Dienst und Vergnügen, gingen die Monate dahin bis zu Anfang Juni 1777, wo sich eine ereignisreiche Campagne für die Braunschweiger eröffnete.

Die Baronin von Riedesel war aufgebrochen, um sich mit ihrem Gemahl zu vereinigen und hatte ihre drei kleinen Töchter mit sich genommen, von denen die Älteste erst 4 Jahre und 9 Monate alt war und die Jüngste ein Säugling von 10 Wochen. Die Reise von Deutschland nach Kanada war in jenen Tagen keine leichte Sache,sie war weder frei von unberechenbaren wie wirklichen Gefahren. »Man stellte mir nicht allein die Gefahren zur See vor, sondern sagte mir auch, dass wir besorgen müssten von den Wilden gefressen zu werden; dass man sich in Amerika mit Pferdefleisch und Katzen ernährte; und doch schreckte mich alles dieses noch weniger als der Gedanke, in ein Land zu kommen, wo ich die Sprache nicht verstand. Inzwischen war ich auf alles gefasst, und der Gedanke, meinem Manne zu folgen und meine Pflichten zu erfüllen, hat mich im ganzen Lauf meiner Reise aufrecht erhalten.«

Die Baronin verliess Wolfenbüttel in der Nähe von Braunschweig am 14. Mai 1776 und reiste über Calais nach England. »In Mastricht warnte man mich, auf meiner Hut zu sein, weil die Wege durch Strassenräuber sehr unsicher gemacht wurden, deren in vierzehn Tagen 130 teils gehängt, teils auf andere Art hingerichtet worden, welches aber noch nicht der vierte Teil von denen wäre, die sich noch da befänden; und dass man sie gleich ohne weiteren Prozess auf den Landstrassen und an den Orten aufhinge, wo sie ihr Wesen trieben. Diese Nachrichten setzten mich sehr in Furcht, und ich nahm mir vor, nicht bei Nachtzeit zu reisen; da ich aber sehr schlechte Pferde bekam, so musste ich doch in der Dämmerung durch einen Wald, wo etwas hängendes mir durch das offene Fenster in den Wagen hineinschlug. Ich fasste darnach, und als ich etwas rauhes fühlte, fragte ich was es sei? — Es war ein Gehängter mit wollenen Strümpfen. Noch ganz erschrocken darüber, wurde mir noch weit mehr angst, als man vor einem ganz einsam stehenden Hause in diesem nämlichen Walde stille hielt, wo die Postillons nicht weiter fahren wollten. Der Ort hiess Hune, ich werde es nie vergessen! Ein Mann von ziemlich verdächtigem Aussehen empfing uns und führte uns in eine sehr abgelegene Stube, wo ich nur ein Bett fand.

Es war kalt, ich liess also Feuer in einem grossenKamin machen; unser ganzes Abendbrod bestand in Thee und in sehr grobem Brode. Mein treuer Rockel (ihr alter Diener) kam zu mir mit einem sehr ängstlichen Gesicht und sagte mir: »Hier ist's nicht richtig! es ist da eine Kammer voller Gewehre, ich glaube die andern Leute sind aus; gewiss sind es Spitzbuben! Ich werde aber die Nacht vor ihrer Kammer mit meinem Gewehr sitzen und werde mein Leben teuer verkaufen. Der andere Bediente soll in der Kutsche sitzen auch mit seinem Gewehr.« Alles dieses machte natürlich meinen Schlaf nicht ruhig, ich hatte mich auf einen Stuhl gesetzt und den Kopf auf das Bett gelegt. Doch schlief ich endlich ein, und wie gross war mein Entzücken beim Erwachen, als man mir um 4 Uhr des Morgens zu sagen kam, dass alles zur Abreise fertig sei, und ich darauf den Kopf zum Fenster herausstreckte, und in dem Walde, worin wir uns befanden, eine Menge Nachtigallen um uns her bemerkte, welche durch ihren angenehmen Gesang mir alle meine überstandene Angst vergessen machten.«

Solcher Art waren die Unbequemlichkeiten einer Reise auf dem Kontinent vor 100 Jahren. Wir werden gleich sehen, was für unangenehme Abenteuer Fremde in England zu gewärtigen hatten. Die Baronin gelangte glücklich von Calais hinüber nach Dover und erreichte London mit der Post. Der Hotelbesitzer in Calais hatte ihr gesagt, dass es nicht sicher für sie sei, allein zu reisen und, nachdem er so gethan hatte, als wenn er eifrig gesucht hätte, stellte er ihr einen Mann vor, von dem er vorgab, dass er ein Gentleman sei, der eingewilligt hätte, die Begleitung zu übernehmen. Dieser begleitete sie bis London, wo sie in dem 4. Stock eines Hotels einlogiert wurde, obwohl sie gute Räume verlangt hatte. In ihrem Tagebuch sagt sie: »Den Tag darauf kam mein Hauswirt mit einer ganz verschämten Miene zu mir und fragte mich sehr ehrerbietig, ob ich den Menschen kenne, mit welchem ich gekommen wäre, und den ich ihm empfohlen so gut zu bewirten(denn ich hatte es für unschicklich gehalten, ihn in London mit mir essen zu lassen). Ich sagte ihm, dass es ein Edelmann wäre, der auf die Bitte des Herrn Guilhaudin, meines Wirts in Calais, mir die Gefälligkeit erzeigt hätte, mich auf der Reise zu begleiten. Ha! erwiederte er, dies ist einer von seinen Streichen! Es ist ein Lohnbedienter, ein Erzgauner, den er dazu gebraucht, seine Geschäfte zu machen; und wie ich Sie mit diesem Menschen im Wagen sitzen sah, als Sie ankamen, so muss ich Ihnen bekennen, dass ich nicht glaubte, dass Sie das wären, wofür Sie sich ausgäben, und also dafür hielt, dass diese Stuben gut genug für Sie sein würden; da ich jetzt, nach den Leuten, die zu Ihnen kommen, urteilen kann, dass ich mich geirrt habe: so bitte ich Sie sehr um Verzeihung, und ersuche Sie andere anzunehmen, für welche Sie mir nicht mehr bezahlen sollen, als für diese hier; so sehr wünsche ich mein Versehen wieder gut zu machen. Ich dankte ihm und bat, dass er mich doch sobald als möglich von dem Menschen befreien sollte, der mir aber doch noch 4 oder 6 Guineen (ich erinnere mir nicht mehr genau wie viel es war) für seine Begleitung abforderte.«

Baronin Riedesel hatte Bekannte in London getroffen unter anderen Schlieffen, den Gesandten des Landgrafen von Hessen-Cassel, den Mann, der das grösste Geschäft bei dem Verkauf von deutschen Truppen an England gemacht hatte. Sie verkehrte etwas in der Gesellschaft, war aber wegen ihrer kleinsten Tochter viel an das Haus gefesselt. »Eines Tages«, schreibt sie, »hatte ich eine unangenehme Geschichte in London. Man hatte mir gerathen, dass ich mir ein kleines Mäntelchen und Hut kaufen sollte, ohne welche ich nicht ausgehen könnte. Ich war zum Essen beim Herrn von Hinüber, dem hannöverischen Minister. Seine Frau schlug mir einen Spaziergang nach St. James vor, versäumte aber, mir vorher zu sagen, was in unserer Kleidung wider das englische Kostüm war. Gustchen war nach französischer Art gekleidet, trug einen kleinen Panier (Reifrock) und einen hübschen, kleinen, runden Hut. Ich bemerkte, dass man fast mit Fingern auf uns wies und fragte nach der Ursache. Sie sagte mir, ich hätte einen Fächer, welchen man mit einem Hut nicht tragen dürfe, und meine Kleine wäre zu geputzt, daher man uns für Franzosen hielte, die hier schlecht angeschrieben wären.«

»Den Tag darauf ging ich wieder dahin, und wir waren alle ganz auf englische Art gekleidet, also glaubte ich, dass man uns nicht bemerken würde; ich irrte mich aber, denn ich hörte wieder rufen: French women! pretty girl! (Französinnen! hübsche Mädchen!) Ich fragte den Lohnbedienten, warum man uns für Französinnen hielt, und erfuhr, dass es deshalb wäre, weil ich meinen Kindern Bänder angesteckt hatte. Ich riss sie ab und steckte sie in die Tasche, aber man begaffte mich immer noch, und ich hörte, dass es wegen der Hüte war, welche die Kinder in England von einer anderen Form trugen. Ich sah daraus, wie nötig es war, sich nach der Sitte des Landes zu richten, um mit Annehmlichkeit dort zu sein, denn der Mob (Pöbel) läuft gleich zusammen, und wenn man sich mit ihm in Wortwechsel einlassen wollte, so setzte man sich Beschimpfungen aus.«

Einige Tage später reiste die Baronin nach Bristol. Sie schreibt: »Gleich den Tag nach meiner Ankunft rief mich meine Wirtin zu einem (wie sie es nannte) allerliebsten Schauspiel. Wie ich ans Fenster trat, erblickte ich zwei nackte Menschen, die sich mit der grössten Erbitterung boxten. Ich sah wie ihr Blut floss und wie die Wuth in ihren Augen gemalt war. Zu wenig an einen solchen hässlichen Anblick gewöhnt, zog ich mich geschwind in den innersten Winkel des Hauses zurück, um nicht das Freudengeschrei zu hören, das die Zuschauer dabei machen, wenn einer einen Stoss bekommt. Während meines Aufenthalts in Bristol hatte ich einen unangenehmen Auftritt. Ich trug ein zitzenes Kleid mit einem Besatzvon grünem Taft. Dieses mochte den Bristolern als etwas zu Fremdes aufgefallen sein, denn wie ich eines Tages mit Madame Foy spazieren ging, versammelten sich über 100 Matrosen um uns, wiesen auf mich mit Fingern und riefen: French whore! (französische Hure!) Ich floh so geschwind als möglich in das Haus eines Kaufmanns, und nahm den Vorwand dort etwas zu kaufen; mittlerweile verlief sich das Volk wieder. Das verleidete mir aber mein Kleid, und wie ich wieder nach Hause kam, so schenkte ich es meiner Köchin, ob es gleich noch ganz neu war.«

Frau von Riedesel blieb 10 Monate in England. Ihr Gemahl hatte ihr gesagt, dass sie nicht ohne Begleitung einer andern Dame reisen sollte, und hatte ihr die oben erwähnte Mrs. Foy empfohlen, die sich auch in Canada mit ihrem Mann vereinigen wollte. Diese Dame liess die Baronin den ganzen Sommer 1776 hindurch warten und weigerte sich schliesslich mit ihr zu gehen. Es war spät im Herbst und der Baronin Riedesel war angerathen, die Überfahrt nicht zu wagen, da sie den St. Lawrence-Strom mit Eis gesperrt finden möchte. Sie kehrte infolgedessen nach London zurück, wo sie bei liebevollen Menschen gute Wohnung fand und den folgenden Winter zubrachte. Die Sorge für ihre Kinder zwang sie, ein ruhiges Leben zu führen. Indessen wurde sie bei Hof vorgestellt, von welcher Ceremonie sie folgenden Bericht macht: »Man riet mir, an Hof zu gehen, da die Königin geäussert hätte, dass sie mich gern sehen wollte. Ich liess mir also eine Hofrobe machen, und Lady George Germaine präsentierte mich. — Es war am Neujahrstage 1777. Ich fand das Schloss sehr hässlich und altfränkisch möbliert. Die Damen und Herren stellten sich alle in das Audienzzimmer; hierauf kam der König, welcher 3 Kavaliere vor sich gehen hatte, in das Zimmer. Ihm folgte die Königin links herum. Beide gehen keinen vorbei ohne ihm was zu sagen. Am Ende des Saals begegnen sie sich, machensich eine grosse Reverenz, und gehen dann ein jeder von ihnen dahin, wo der Andere hergekommen ist. Ich frug Lady Germaine, was ich zu thun hätte, und ob der König, wie ich gehört hätte, alle Damen küsste? Nein, antwortete sie mir, bloss die Engländerinnen und Marquisen, und man hat nichts weiter zu thun, als stille auf seinem Platz stehen zu bleiben. Wie nun der König an mich heran kam, war ich sehr verwundert, dass er mich küsste, und wurde darüber feuerrot, weil es mir ganz unerwartet kam. Er fragte mich sogleich, ob ich Briefe von meinem Mann hätte? Ich sagte: Ja, am 22. November. Er ist wohl, erwiederte er, ich habe mich express nach ihm erkundigt, jedermann ist mit ihm zufrieden, und ich hoffe, dass ihm die Kälte nichts schaden wird. Ich antwortete, ich glaubte und hoffte, dass, da er in einem kalten Klima geboren wäre, ihm die Kälte nicht so beschwerlich fallen würde. Ich hoffe es auch, sagte er; allein dieses versichere ich Ihnen, dass die Luft daselbst sehr gesund und klar ist. Hierauf machte er mir noch einen sehr freundlichen Gruss und ging weiter. Als er weg war, sagte ich der Lady Germaine, dass ich durch den Kuss des Königs nun naturalisiert wäre. Hernach kam die Königin, die auch sehr freundlich gegen mich war und mich fragte, ob ich schon lange in London wäre? Ich sagte »2 Monat«. »Ich glaubte schon länger«, erwiederte sie. Ich antwortete, »in London nur so lange, aber in England bereits 7 Monat.« Sie fragte, ob es mir hier gefiele? Ich sagte »ja; dass ich aber doch sehr wünschte, erst in Canada zu sein«. »Fürchten Sie sich denn nicht«, frug sie weiter, »vor der See? Ich liebe sie garnicht.« »Ich auch nicht«, erwiederte ich, »allein es ist kein ander Mittel, meinen Mann wiederzusehen, und ich werde mit Freunden reisen.« »Ich bewundere ihren Muth«, sagte sie, »denn es ist eine starke Unternehmung und sehr beschwerlich, zumal mit 3 Kindern.«

»Aus dieser Unterredung sah ich, dass sie schonmehr von mir gehört hatte, und es war mir daher lieb, dass ich an den Hof gegangen war. Nach der Cour sah ich alle königlichen Kinder, bis auf eins, das krank war. Es waren ihrer 10, die ich alle bildschön fand.«

»Ich ging nachher, da ich so gut aufgenommen worden, noch mehreremale hin. Als ich vor meiner Abreise nach Portsmouth, im Frühjahr, zu meiner Einschiffung von der Königin Abschied nahm, fragte sie mich nochmals, ob ich mich nicht vor einer solchen schrecklichen Reise fürchtete; und als ich ihr antwortete, dass, da mein Mann wünschte, dass ich ihm folge, ich es mit Mut und Vergnügen thäte, weil ich glaubte, meine Pflicht zu erfüllen und versichert wäre, dass sie an meinem Platz das nämliche thun würde; so sagte sie mir: »Ja, wie man mir aber schreibt, so thun Sie die Reise ohne Vorwissen ihres Mannes.« Ich erwiederte: »Da sie eine deutsche Prinzessin wäre, so würde sie wohl wissen, dass ich ohne den Willen meines Mannes dieses nicht hätte unternehmen können, weil mir das Geld dazu gefehlt haben würde.« »Sie haben Recht«, sagte sie, »ich billige Ihren Entschluss und wünsche Ihnen alles nur ersinnliche Glück. Wie ist der Name ihres Schiffes? Ich werde mich oft nach Ihnen erkundigen, und bei Ihrer Zurückkunft, hoffe ich, werden Sie mich besuchen.« — Sie hat Wort gehalten und sich oft nach mir erkundigt und mich oft grüssen lassen.« —

Baronin Riedesel schiffte sich am 15. April 1777 an Bord eines Kauffarteischiffes ein, welches in Gemeinschaft mit einer Flotte von 30 Transportschiffen durch zwei Kriegsschiffe begleitet wurde. Sie kam nach einer ereignislosen Reise am 11. Juni in Quebec an. Nach einem Aufenthalt von nur einem halben Tage in Quebec reiste die unermüdliche Frau mit ihren drei kleinen Kindern auf schlechten Wegen und stürmischen Flüssen nach Chambly, wo sie schliesslich am 14. Juni ihren Gemahl fand. Sie konnten nur zwei glückliche Tage mit einander zubringen,weil die Armee im Vormarsch war, und die Baronin war genötigt nach Trois-Rivières zurückzukehren. Am 14. August traf sie indessen wieder bei der Armee ein, deren darauffolgendes Schicksal sie teilte. Ich will nur noch eins von ihren Abenteuern anführen, bevor ich zur Betrachtung der militärischen Operationen des braunschweigischen Kontingents zurückkehre:

Die Baronin war von Trois-Rivières aufgebrochen, um sich mit ihrem Manne in Fort Edward am Hudson zu vereinigen. Die Gesellschaft reiste in 2 Booten, von denen das eine mit dem Gepäck beladen war. Sie schreibt: »Die Nacht überfiel uns, und wir sahen uns genötigt, auf einer Insel zu landen. Das andere Fahrzeug, da es mehr beladen und nicht so gut bemannt war, hatte uns nicht folgen können; wir hatten daher weder Betten noch Licht, und was das Schlimmste war, nichts mehr zu essen; denn wir hatten weiter nichts auf unser Schiff mitgenommen, als was wir den Tag über zu gebrauchen dachten; wir fanden auf dieser Insel weiter nichts als die vier kahlen Wände eines verlassenen und nicht einmal ausgebauten Hauses, welches voller Gesträuche lag, das uns zum Nachtlager diente. Ich bedeckte es mit unsern Mänteln und nahm die Kissen von der Barke zu Hilfe, so dass wir recht gut schliefen.

Den Kapitän Willoe konnte ich nicht bewegen, in die Hütte mit hereinzukommen und sah ihn sehr unruhig, welches ich mir gar nicht erklären konnte. Mittlerweile bemerkte ich einen Soldaten, der einen Topf ans Feuer setzte. Ich fragte ihn, was er darinnen hätte? »Kartoffeln, die ich mir mitgenommen habe.« Ich blickte lüstern nach ihnen hin; er hatte nur so wenig, dass ich es grausam fand, ihn derselben zu berauben, besonders da er so glücklich dabei aussah. Endlich aber siegte doch die Begierde, meinen Kindern davon zu geben über meine Bescheidenheit; ich bat also und erhielt die Hälfte, welches höchstens ein Dutzend sein mochten; dazu holteer aus seiner Tasche zwei oder drei kleine Enden Licht, die mich sehr glücklich machten, weil die Kinder sich fürchteten im Finstern zu bleiben. Ich gab ihm für das Alles einen grossen Thaler, da war er ebenso glücklich als ich. Inzwischen hörte ich Kapitän Willoe Befehl geben, dass man um das Gebäude Feuer anzünden, und dass seine Leute die ganze Nacht um dasselbe die Runde gehen sollten. Auch hörte ich während der ganzen Nacht Lärm machen, welches mich ein wenig am Schlaf hinderte. Als ich am andern Morgen beim Frühstück, welches ich auf einem breiten Stein, der uns zum Tisch diente, einnahm, den Kapitän, der in der Barke geschlafen hatte, nach der Ursache des Lärmes fragte, so bekannte er mir, dass wir in grosser Gefahr gewesen, indem diese Insel l'Isle aux Sonnettes (die Klapperschlangeninsel) wäre, welche von den vielen darauf befindlichen Klapperschlangen den Namen hätte, dass er es nicht gewusst und sehr erschrocken sei, als er es erfahren, und wegen der Strömung es doch nicht habe wagen dürfen, in der Nacht weiter zu fahren. Es wäre ihm daher nichts anderes übrig geblieben, als grosse Feuer und viel Lärm zu machen, um die Schlangen zu erschrecken und dadurch abzuhalten. Er habe aber die ganze Nacht aus Besorgnis für uns kein Auge zuthun können. Ich war über diese Erzählung sehr erschrocken und liess ihm bemerken, dass wir unsere Gefahr dadurch noch vergrössert hätten, dass wir uns auf das Gesträuch gelegt, in welchem sich die Schlangen gern verbergen. Er gab mir Recht und sagte mir, dass, wenn er es eher gewusst, wo wir wären, er alles Gesträuch vorher würde haben wegnehmen lassen oder uns gebeten haben würde, lieber auch in der Barke zu bleiben. Er habe es aber erst von einem der Leute von unserm andern Fahrzeuge erfahren, das uns später nachgekommen war. Wir fanden am Morgen noch allenthalben Häute und Schleim von diesen garstigen Tieren und eilten daher, mit unserm Frühstück fertig zu werden.«


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