Kapitel XII.

Die Operationen in Canada und auf dem Lake Champlain während des Sommers und Herbst 1776 waren von Sir Guy Carleton, dem britischen Gouverneur der Provinz, geleitet worden. Die Generale Burgoyne und Phillips und General Riedesel hatten unter seinem Befehl gestanden. Für den Feldzug von 1777 wurde indessen vom englischen Ministerium ein neues Arrangement getroffen. Carleton behielt die Statthalterschaft und das Kommando über die Truppen in Canada bei, aber die Expedition, welche über die Grenzen der Provinz hinaus gegen die Rebellen in New-York und Neu-England vorgehen sollte, wurde Burgoyne anvertraut.

Generalleutnant John Burgoyne war damals 55 Jahre alt. Lord Macaulay beschreibt ihn als »einen Mann von Verstand, feiner Sitte und Ehre, einen angenehmen dramatischen Schriftsteller, einen Offizier, dessen Mut nie in Frage kam und dessen Brauchbarkeit zu jener Zeit einen grossen Ruf hatte.«

Burgoyne war ein Liebling des britischen Ministeriums. Er stand sich nicht gut mit General Riedesel noch mit seiner Frau. Riedesel wurde sehr gut mit Carleton fertig, hatte aber kein Vertrauen zu Burgoyne, der wahrscheinlich zu sehr ein Mann des Vergnügens und Witzes war, um das Vertrauen des ernst angelegten deutschen Offiziers zu gewinnen. Riedesel beklagt sich, dass er niemals gefragt wurde, und dass Burgoynes Pläne ihm nicht anvertraut würden. Es ist klar, dass auf diese Weise Eifersucht zwischen den englischen und deutschen Truppen entstand, und dass Riedesel fühlte, dass ihm und seiner Truppe Ungerechtigkeit widerfuhr.

Der Operationsplan, dessen Grundzüge von Burgoyneselbst aufgestellt wurden, war sehr einfach. Das Gros der Armee sollte von Canada am Lake Champlain hinauf nach Ticonderoga vorrücken. Wenn dies Fort genommen sein würde, sollte die Armee noch weiter südlich vorgeschoben werden, um sich mit der Armee von Sir William Howe oder einem Teil derselben, von Newyork kommend, zu vereinigen. Ein Korps von leichten Truppen unter Oberst St. Leger sollte in gleicher Höhe mit Burgoyne operieren indem es über Oswego nach dem Mohawk River, und an diesem entlang bis zu seiner Einmündung in den Hudson oberhalb Albany marschieren sollte, dort sollte sich diese Expedition mit der Hauptarmee vereinigen.

Die Braunschweiger unter General Riedesels Befehl zählten am 1. Juni 1777 4301 Offiziere und Mannschaften nach den Rapporten, an Effektivstärke 3958. Das Hessen-Hanauische Regiment war im vorhergehenden Jahre in der Stärke von 668 Mann herübergefahren und war wahrscheinlich nicht unter die Zahl von 600 dienstfähigen Leuten herabgesunken. Somit würde sich die Gesamtstärke der Deutschen in Canada zu Beginn des Feldzuges auf 4558 Mann belaufen, von denen 667 unter dem Befehl von Sir Guy Carleton belassen wurden und 3891 sich der Expedition unter Burgoyne anschlossen. Diese Schätzung schliesst nicht die Hanauischen Jäger ein, da dieselben der St. Leger'schen Expedition zugeteilt wurden. Die Gesamtstärke von Weissen unter Burgoyne war grösser als 8000; von diesen waren ungefähr 250 Provinziale.

Einige 500 Indianer begleiteten die Armee und thaten in erster Zeit gute Dienste als Kundschafter; sie stellten ihren menschlichen Brotherren die Skalpe der amerikanischen Soldaten vor Augen. Der Anblick fand Gefallen in den Augen des fashionablen Herrn, welcher die Armee ihrer Majestät kommandierte. Er erliess einen Befehl, dass Deserteure von seiner eigenen Armee gefangen und ebenfalls skalpiert werden sollten. Man hielt aberdafür, dass die Wilden ihre liebenswürdigen Gebräuche zu weit getrieben hätten, als sie Jane Mc Crea töteten, ein junges Weib, das mit einem Tory von der britischen Armee verlobt war und den geheimen Auftrag gehabt hatte, zwei Deserteure bei sich aufzunehmen und zu beschützen. Burgoyne wagte es indessen nicht, die Mörder hinrichten zu lassen aus Angst »vor dem vollkommenen Abfall der Indianer«.

Bevor die Einrichtung der Eisenbahnen die Reiseroute verändert hatte, war die Hauptstrasse zwischen Canada einerseits und Neu-England und den mehr südlichen Kolonien andererseits die grosse Wasserstrasse, welche, indem man den St. Lawrence-Strom bei Lake St. Pierre verlässt, den Richelieu-Fluss hinaufführt, bei Fort St. John vorbei nach dem Lake Champlain, diesen See hinauf, Crown Point passierend, nach Ticonderoga. Bei Ticonderoga hatte der Reisende oder Eindringling zwischen zwei Wegen zu wählen. Entweder konnte er über die kurze Strecke bis zum Lake George, dann diesen schönen See hinauf bis zu seinem äussersten Ende und von hier nach einem Weg von 12 Meilen nach Fort Edward am Hudson gelangen. Dies war der gewöhnliche und leichtere Weg. Oder man konnte das schmale obere Ende von Lake Champlain hinauf fahren bis in die Gegend des heutigen Whitehall, in dem damaligen Distrikt Skenesborough genannt, hatte dann aber einen längern Landweg nach Fort Edward, bei Fort Anne vorbei, vor sich. Von Fort Edward führte der Weg den Hudson hinunter nach Albany und New-York. Die Hauptrichtung dieser Route geht von Norden nach Süden, und merkwürdig gerade, entsprechend dem natürlichen Charakter der Landschaft. Die ganze Entfernung von Lake St. Pierre bis New-York beträgt ein wenig mehr als 350 Meilen. Whitehall liegt ungefähr in der Mitte und Ticonderoga einige 20 Meilen nördlich von Whitehall.

Kein Punkt zwischen dem St. Lawrence und New-York wurde für militärisch wichtiger erachtet als Fort Ticonderoga. Dies war derartig angelegt, dass es die schmale Strecke zwischen Lake Champlain und Lake George deckte und die Passage nach der Südspitze des ersteren Sees beherrschte. Das Fort war im Jahr 1755 von den Franzosen gebaut worden und Fort Carillon von ihnen genannt worden. Es wurde im folgenden Jahre von Montcalm verstärkt und im Jahre 1758 widerstand es dem Angriff einer englischen Armee von 15000 Mann, der grössten europäischen Armee, die in Amerika unter Waffen gewesen war. General Abercrombie, welcher die englische Armee kommandierte, machte einen derartig fehlerhaften Angriff, dass sein Korps mit grossen Verlusten zurückgeschlagen wurde.

Im Jahre 1759 gaben die Franzosen bei Annäherung von General Amherst das Fort Carillon auf, dessen Werke von diesem erneuert wurden. Nun wurde es während beinahe 16 Jahren von den Briten gehalten, unbelästigt, bis am 16. Mai 1776 die kleine Besatzung überrascht und das Fort genommen wurde, und zwar von einer Abteilung Amerikaner unter Ethan Allan »im Namen des Grossen Jehovah und des kontinentalen Kongresses«. Während den zwei Jahren, welche das Fort in amerikanischen Händen gewesen war, wurden grosse Anstrengungen gemacht, um es zu verstärken, und es wurde sehr reichlich mit Waffen, Munition und Proviant versehen. Auch ein neues Fort wurde auf der Ostseite des Sees auf dem Mount Independence gebaut. Es möchte scheinen, als ob die Amerikaner in der Grösse ihrer Vorbereitungen über das Ziel hinausgeschossen wären. Die Werke, welche eine Länge von 2-1/2 Meilen hatten, waren viel zu gross für die Besatzung. Obendrein konnte das Fort vollkommen von Artillerie auf dem Mount Defiance beherrscht werden; dieser Berg war nicht in die Linien mit eingeschlossen.

Das Ergebnis dieser Fehler war ein sehr trauriges.Am 1. Juli 1777 erschien Burgoynes Heer vor der Festung. Riedesel war mit den Deutschen auf dem östlichen Ufer des Sees und operierte gegen Mount Independence. Ein nur kleines Gefecht fand statt. Der amerikanische Befehlshaber St. Clair trat, als er sich in Gefahr sah, umzingelt zu werden, mit der Besatzung von ungefähr 3300 Mann den Rückzug an und liess die Forts mit mehr als 70 Kanonen, 200 Stück Vieh und einem grossen Magazin von Munition und Proviant in den Händen der britischen Armee. Die Überbleibsel der amerikanischen Flotte, welche in der Richtung auf Whitehall floh, wurde sofort von den Briten verfolgt, die nur etwas aufgehalten wurden durch die Notwendigkeit, eine Brücke zu durchbrechen, welche über den See gebaut worden war. Zwei von den fünf Schiffen wurden genommen, die andern drei von den zurückgehenden Amerikanern verbrannt, die auf diese Weise alles Material verloren, welches sie zu retten sich bemüht hatten.

Das Gros von St. Clairs Korps ging auf der Strasse nach Hubbardton zurück. General Fraser blieb mit zwanzig englischen Kompagnien dicht auf den Fersen, unterstützt von Riedesel mit drei braunschweigischen Bataillonen. Fraser holte die Nachhut der Amerikaner unter Oberst Warner bei Hubbardton am 7. Juli ein, wurde schneidig angegriffen und in der Flanke gefasst. Er wäre geworfen worden, wenn ihm nicht Riedesel zu Hilfe gekommen wäre. Die Amerikaner wurden nun zurückgeworfen. Ihr Verlust ist nicht genau bekannt geworden, aber ungefähr 200 Nachzügler und Verwundete wurden an diesem Tage gefangen genommen. Die Braunschweiger hatten 22 Mann tot oder verwundet, die Briten 155. Dies war das erste Gefecht, welches Riedesel in Amerika mitmachte.

Am 8. Juli wurde ein britisches Regiment aus Fort Anne vertrieben, aber die Amerikaner liessen es wieder im Stich, nachdem sie es zerstört hatten.

Am 22. Juli erliess General von Riedesel einen Befehl gegen das Marodieren und drohte allen Soldaten, die dessen schuldig befunden wurden, in dem ersten Falle mit Prügeln, im zweiten mit vier mal Spiessrutenlaufen. Die Offiziere hätten zu entscheiden, was gesetzliche Beute wäre. Riedesel gab diesen Befehl auf Verlangen Burgoynes, welcher die Tory-Kolonisten der Umgegend ermutigen wollte. Die Gelegenheit, in Amerika zu plündern, war somit für die Braunschweiger beinahe vorüber.

Das Terrain zwischen Lake Champlain und dem Hudson war so rauh, dass Burgoyne einen Monat gebrauchte, um seine Armee die 25 Meilen vorwärts zu bringen, welche zwischen Whitehall und Fort Edward lagen. »Die Schwierigkeit zu marschieren war gross, wurde aber in der besten Stimmung überwunden,« schreibt Burgoyne am 30. Juli 77 an Lord George Germaine. »Das Land ist vollständige Wildnis und beinahe überall hatte der Feind mit grossen Baumstämmen die Wege gesperrt, so dass sie quer und längs mit den Zweigen ineinander herübergefallen waren. Die Truppen mussten nicht nur an vielen Stellen, die man unmöglich umgehen konnte, dieselben hinwegräumen, sondern auch über 40 Brücken bauen und andere wieder herstellen, die eine davon, aus Bauholz bestehend, über einen Morast von 2 Meilen Ausdehnung.« Wir finden einen Brief von Burgoyne an Riedesel vom 18. Juli, in welchem er diesem zuredet, seine Offiziere die Bagage verringern zu lassen. Viele englische Offiziere, sagt Burgoyne, sind auf ein kleines Zelt und einen Reisesack reduziert worden.

Die Armee begegnete nur geringem Widerstand auf ihrem Wege, obschon kein Tag verging, ohne dass geschossen wurde. Die Amerikaner hatten sich auf Saratoga zurückgezogen. Jedoch nicht vor dem 9. August konnte Brigade-General Fraser die Avantgarde bis Fort Miller, 7 Meilen jenseits Fort Edward vorschieben. Oberstlieutenant Baum folgte ihm mit den braunschweigischenDragonern zu Fuss und leichter Infanterie, einigen canadischen Freiwilligen und 2 kleinen Kanonen. Zuerst hatte Riedesel vorgeschlagen, und Burgoyne hatte es gebilligt, dass Baums Korps eine Expedition in das Connecticut-Thal machen sollte, um Pferde und Zugvieh aufzutreiben. Das herzoglich braunschweigische Dragoner-Regiment wurde auf diese Weise auf Kosten der Amerikaner beritten gemacht, und die britische Armee sollte mit Packpferden versehen werden. Um die drängende Notwendigkeit von Lasttieren zu verstehen, müssen wir bedenken, dass die Armee mit Brot aus englischem Mehl und Fleisch verpflegt wurde, welches in England gesalzen war, und dass diese Vorräte von Lake Champlain oder Lake George nach dem Hudson auf den Rücken von Menschen transportiert werden musste. Indes, der Plan wurde geändert bevor die Kolonne Fort Miller passiert hatte, und anstatt nach Manchester zu marschieren, wurde die Expedition nach Bennington dirigiert, wo man annahm, dass die Amerikaner ein grosses Lager von Vorräten hätten. Riedesel nahm sich die Freiheit, gegen diese Befehlsänderung Einsprache zu erheben, aber Burgoyne hielt aus folgenden Gründen daran fest: Erstens würde es von grösstem Vorteil für die Armee sein, 10 oder 12 Tage lang von den Vorräten zu leben, welche man in Bennington finden würde. Zweitens wollte er (Burgoyne) mit der Haupt-Armee nach Stillwater vorgehen, so dass Arnold nicht im Stande sein würde, ein starkes Detachement abzuschicken, um Baum aufzuhalten. Drittens hatte er erfahren, dass St. Leger Fort Stanwix am oberen Lauf des Mohawk-River belagerte, und dass es wichtig sei, Arnold zu verhindern, ein starkes Korps zu dessen Entsatz zu entsenden. Infolgedessen brach Oberstlieutenant Baum am 11. August 1777 nach Bennington auf mit ungefähr 550 Weissen, von denen 374 Deutsche waren. Ungefähr 150 Indianer schlossen sich der Expedition an. Dies gefiel dem Tory nicht, welcher als Führer diente.Er sagte Burgoyne, dass wenigstens 3000 Mann nötig wären, um des Erfolges gewiss zu sein, aber Burgoyne wollte und konnte auch in der That nicht so viele erübrigen.

Am 12. erbeutete Baum einige Vorräte und Vieh in Cambridge.

Am Morgen des 14. fand er einige Vorräte in Sancoik und machte 5 Gefangene. Er meldete Burgoyne, dass Bennington von 15 oder 1800 Mann besetzt sei, aber dass diese wohl bei seiner Annäherung abziehen würden. Er wollte soweit vorgehen, dass er am andern Morgen in der Frühe den Feind überfallen könnte und wollte nach den eingegangenen Nachrichten die notwendigen Dispositionen treffen. Leute strömten in Menge herbei und verlangten bewaffnet zu werden. Die Indianer konnten nicht mehr im Zaum gehalten werden und zerstörten und nahmen alles was ihnen beliebte. Baum, der nicht englisch sprechen konnte, war offenbar auf die Versicherungen des Tory-Gouverneurs Skene angewiesen, der als eine sehr glaubwürdige Persönlichkeit geschienen haben mochte. Burgoyne scheint nicht ganz die irrigen Ansichten seines Untergebenen geteilt zu haben, denn er antwortete mit dem Befehl, Baum sollte nicht weiter vordringen, wenn er den Feind in zu grosser Stärke vorfinden würde, und sollte den Plan aufgeben, einen riskierten Handstreich zu unternehmen. Später an demselben Tage meldete Baum noch, dass er von einer 700 Mann starken Abteilung Rebellen angegriffen worden sei, die er mit ein paar Kanonenschüssen vertrieben hätte, dass aber 1800 Mann in einem günstig gelegenen, befestigten Lager bei Bennington ständen, und dass er auf Verstärkung warten wollte. Diese Meldung bekam Burgoyne während der Nacht, und um 8 Uhr morgens des 15. marschierte Oberstlieutenant Breymann auf seinen Befehl mit 642 Deutschen zu Baums Unterstützung ab. Breymann brach ohne Zelte, Bagage oder genügende Munition und nur mit 2 kleinen Feldgeschützen auf. Er hatte nur 24 Meilen zu marschieren, doch legte er nur etwas mehr als die Hälfte der Entfernung zurück, bevor ihn die Nacht zum Biwakieren zwang. Es war ein regnerischer Tag und der Weg war schlecht, trotzdem scheint eine solche Langsamkeit einer Abteilung Soldaten in leichter Marschordnung, die zur Unterstützung ihrer Waffenbrüder vorgehen, unglaublich. Ich habe keine vollkommene Beschreibung der Uniform der braunschweigischen Infanterie gefunden. Riedesel hatte einige Änderungen eingeführt, welche der Dienst und das Klima erfordert hatten, aber sie war doch noch viel zu schwer. Ein grosser Teil von Baums Leuten waren Dragoner zu Fuss. Sie waren mit kurzen, dicken Flinten und schweren Säbeln bewaffnet. Man erzählte sich in der Armee, dass ihr Helm und Säbel allein mehr wog als die ganze Ausrüstung eines englischen Soldaten. Ein so ausgerüsteter Mann möchte zu Pferde auf einem ebenen Grunde furchteinflössend sein, aber zu Fuss, im August, auf einem Marsche durch den dichten Wald war er kaum einem amerikanischen Farmer oder Jäger in Hemdsärmeln gewachsen.

Es ist klar, dass sich niemand, auch Baum selbst nicht, des Ernstes der Situation bewusst war. Am Vormittag des 15. schrieb Burgoyne, dass, wenn ein Rückzug nöthig werden sollte, er so angeordnet werden müsse, dass dem Feind keine Gelegenheit zu einem Erfolg gegeben werde, damit die Indianer nicht entmutigt würden. Deshalb musste alles erbeutete Vieh und die erbeuteten Wagen weggeschafft werden, und alles Mehl und Korn, welches man nicht mitnehmen konnte, sollte unbrauchbar gemacht werden. Erst später kam Burgoyne auf den Gedanken, dass man wohl besser Breymann ohne Artillerie vorgeschoben hätte.

Oberstlieutenant Baum brachte den 15. August 1777 damit zu, sich auf einem Berge 4 Meilen nördlich Bennington einzugraben. Ungefähr um 9 Uhr morgens am 16. bemerkte er kleine Abteilungen von Leuten, zum grossen Teil in Hemdsärmeln und mit Vogelflinten auf der Schulter, schnell und geräuschlos hinter seinem verschanzten Lager vorbeipassieren. Der gute Offizier hielt diese Leute in Hemdsärmeln für Tories, welche seinen Schutz suchen wollten. Man sagt, dass viele Leute in jenem Teile des Landes dem Könige den Eid geleistet hätten. Im Laufe des Morgens wurde ein Angriff gemacht, aber mit Leichtigkeit abgeschlagen. Schliesslich um 3 Uhr nachmittags wurden die Deutschen vollständig umzingelt, und der Kampf begann mit ziemlichem Ernst. Die meisten Indianer, Canadier und Tories machten sich aus dem Staube. Die Braunschweiger hielten 1 oder 2 Stunden aus, bis ihre Munition anfing auszugehen. Die Amerikaner fochten mit Verzweiflung. Sie näherten sich bis auf 8 Schritt den Kanonen, die mit Kartätschen geladen waren und feuerten ihre Gewehre auf die Kanoniere ab. Stark, der sie kommandierte, hatte sie durch seinen Mut angefeuert. »Kommt nur, meine Jungens,« soll er vor dem Gefecht gesagt haben, wie berichtet wird, »entweder schlagen wir die Briten oder Molly Stark wird diese Nacht Witwe sein.« Schliesslich schlief das Feuer der Deutschen ein. Die Yankees stürmten noch einmal die Schanzgräben. Es ging Gewehrkolben gegen Säbel. Baum wurde tötlich verwundet und die Braunschweiger gefangen genommen.

Das Gefecht mit Baums Truppen-Abteilung war vorüber, als Breymann in der Nähe des Gefechtsfeldes anlangte. Er giebt an, dass er die Amerikaner vor sich her getrieben und nur die Verfolgung abgebrochen hätte aus Mangel an Pulver und Blei; aber sicher ist, dass er sofort zurückging und in der Nacht sich ohne seine Kanonen auf und davon machte, mit einem Verlust von mehr als einem Drittel seiner Leute. General Burgoyne, der in der Frühe des 17. Nachricht von dieser unglücklichen Affaire erhielt, brach um 6 Uhr mit der ganzen Armee auf, um Breymann zu retten. Das Gros ging indessen nicht weiter als Battenkill vor, während Burgoyne selbst an der Spitze eines englischen Regiments soweit vordrang, bis er die auf dem Rückzug befindlichen Deutschen traf.

Beinahe 780 Gefangene, von denen ungefähr 400 Deutsche waren, fielen in die Hände der Amerikaner. Von Baums Korps kehrten 365 Deutsche nicht wieder zurück: Breymanns Korps hatte 231 Tote, Verwundete und Vermisste.

Dies Gefecht war der Anfang von Burgoynes Ende. Es bewies ihm die Unmöglichkeit auf Kosten des Landes zu leben und verwies ihn wieder auf sein englisches Ochsenfleisch und Mehl und auf seine Abhängigkeit von den Vorräten, die er mitzuführen im Stande war.

Das Fehlschlagen der Expedition St. Legers am Mohawk ereignete sich ungefähr zu derselben Zeit. Oberst St. Leger hatte Montreal Anfang Juli mit ungefähr 750 Weissen und 1000 Indianern verlassen. Unter den ersteren befand sich eine Jäger-Kompagnie von Hessen-Hanau. Dieses Korps nahm seinen Weg am St. Lawrence und Lake Ontario entlang nach Oswego und von da am Oneida Lake nach Fort Stanwix am Oberlauf des Mohawk-River. Dies Fort war ein gut konstruiertes Erdwerk mit einer Besatzung von einigen 6 oder 700 Milizen unter Oberst Gansevoort. St. Leger sollte dies Fort nehmen und dann dem Lauf des Mohawk bis zu seiner Vereinigung mit dem Hudson folgen und auf diese Weise die Flanke von Gates Armee bedrohen. Aber das Fort wollte nicht genommen sein. Ungefähr 800 Bewohner des Mohawk-Thales, meist von deutscher Abstammung, unter General Herkimer, waren im Begriff, zu seinem Entsatz vorzugehen. Diese wurden am 6. August 1777 im Walde von einer Übermacht von Provinzialen und Indianern überfallen. Nach der ersten Panik fand ein verzweifelter Kampf statt. Die Milizen wussten wohl, dass sie von ihren wilden Gegnern keinen Pardon erwarten durften.Es schien ihnen besser unter ihren Pfeilen oder dem Tomohawk zu fallen als dem qualvollen Messer ausgeliefert zu werden. Herkimer, der am Bein verwundet worden war, war gegen einen Baumstumpf gelehnt und leitete die Verteidigung, während er ruhig seine Pfeife weiter rauchte. Die Leute hatten paarweise sich hinter Bäumen postiert, sodass immer einer schoss, während der andere lud. Diese Anordnung wirkte günstig, und die Miliz begann die Oberhand zu gewinnen. Darauf kam noch ein Haufe von Tories aus dem Thale den Indianern zu Hilfe. Dies steigerte noch mehr die Wut der Amerikaner, denn diese neuen Feinde waren ihre Nachbarn und waren ihre Freunde gewesen. Der verzweifelte Kampf wurde fortgesetzt. Er hatte schon länger als ein und eine halbe Stunde gedauert, und 160 Milizen waren bereits tot, verwundet oder gefangen, als plötzlich in der Richtung von Fort Stanwix her Feuer gehört wurde. Oberst Gansevoort, der von Herkimers Annäherung unterrichtet war, hatte 250 Mann von dem Fort entsendet, um eine Diversion auszuführen. Diese fielen in das englische Lager ein und plünderten einen Teil davon. 5 Flaggen und viele Bagage fiel in die Hände der Abteilung von dem Fort. Durch den Kanonendonner in ihrem Rücken fürchteten die Tories und Indianer zwischen zwei Feuer genommen zu werden. Sie zogen sich zurück unter Mitnahme von einigen Gefangenen, die den Schrecknissen der indianischen Folterqualen entgegengingen, doch liessen sie viele Tote auf dem Gefechtsfelde. Was von den Milizen übrig blieb, zog sich nach Fort Schuyler zurück, da wo jetzt die Stadt Utica steht. Diese blutige Affaire ist das Gefecht von Oriskany genannt worden. Sie besiegelte das Schicksal von St. Legers Expedition und trug in Gemeinschaft mit Bennington dazu bei, das Schicksal von Burgoyne und der Braunschweiger zu entscheiden. Diese zwei kleinen Begebenheiten bilden einen Wendepunkt in der amerikanischen Geschichte.

Der tapfere Herkimer erlag seinen Wunden zehn Tage nach dem Gefecht. Aber nach kaum einer Woche hob Benedict Arnold mit einer kleinen Truppenabteilung und den wieder gesammelten Milizen des Thales die Belagerung von Fort Stanwix auf, und St. Leger, den viele von den Indianern verliessen, zog sich mit den Überbleibseln seines Korps nach Oswego zurück, indem er seine Zelte und eine beträchtliche Bagage im Stich liess.

Burgoyne war durch die Niederlage von Baum und St. Leger etwas niedergeschlagen, aber er setzte seine Hoffnung auf Hilfe von Süden her und fühlte sich durch die Befehle, die er von England bekommen hatte, gebunden.

Nach der Niederlage von Bennington blieb Burgoyne noch beinahe einen Monat in der Umgegend von Fort Edward und hinter der Linie des Battenkill. Diese Zeit wurde benutzt, um Vorräte anzuhäufen und Boote vom Lake Champlain nach dem Lake George zu schaffen. Am 13. September 1777 ging die Armee bei Schuylerville über den Hudson und verliess die rückwärtigen Verbindungslinien um einen kühnen Stoss auf Albany zur Vereinigung mit Sir William Howe zu machen. 180 Boote begleiteten die Armee, deren linke Flanke sich an den Hudson anlehnte. Diese Boote führten für einen Monat Lebensmittel mit sich. »Jetzt fingen wir wieder an in unserem lieben gesalzenen Pökelfleisch und Brot zu arbeiten,« schreibt ein deutscher Offizier. »Liebe Freunde, verachtet diese königlichen Gerichte nicht, die wirklich einen königlichen Preis kosten, denn der Transport von England ist gewiss nicht billig gewesen. Pökelfleisch Mittags und Abends. Pökelfleisch warm und kalt. Freunde! ungeachtet Eurer grünen Erbsen und Krebsschwänze würdet Ihr unser Pökelfleisch mit Ekel angesehenhaben, und doch war es für uns ein herrliches Gericht, ohne welches wir umgekommen sein würden; und wenn wir später genug Pökelfleisch gehabt hätten, hätte uns unser Unglück nicht nach Boston geführt.« Während dessen strömten die Amerikaner, ermutigt durch ihren Sieg bei Bennington und ihren Erfolg im Mohawk-Thale, in das Lager von Gates bei Stillwater. Sie hatten keine Uniformen, waren aber zum grössten Teil gut bewaffnet mit Büchsen und Jagdgewehren, welche sie von Jugendzeit an fortwährend geführt hatten. Es wurde Burgoyne am 7. September gemeldet, dass ihrer 14 oder 15000 wären. Da gab es keine andere Wahl als anzugreifen oder den Feldzug aufzugeben.

Die Armee trat ihren Marsch nach Süden in drei Kolonnen an. Die rechte war unter Brigade-General Fraser, dem stürmischen Befehlshaber der leichten Truppen. Das Zentrum wurde von Burgoyne selbst kommandiert, und die linke, am Hudson, von Riedesel. Die britische Armee konnte nur langsam vorgehen wegen der wiederherzustellenden Wege und Brücken. Die Marschleistung betrug durchschnittlich 2 Meilen den Tag. Am Nachmittag des 19. September wurde Burgoynes mittlere Kolonne bei Freeman's Farm, nördlich Stillwater energisch angegriffen. Die Engländer besetzten mit einigen Kanonen ein ausgerodetes Stück Land. Die Amerikaner hatten keine Artillerie. Das Gefecht dauerte den ganzen Nachmittag, und wurde auf beiden Seiten mit grosser Tapferkeit geführt. Gegen Einbruch der Nacht kam Riedesel mit 7 Kompagnien deutscher Infanterie und 2 Kanonen Burgoyne zu Hilfe, griff die rechte Flanke der Amerikaner an und überschüttete sie mit Kartätschen. Die Engländer schlossen sich wieder zusammen und feuerten, und die Amerikaner wurden geworfen, nahmen aber ihre Verwundeten mit und ungefähr 100 Gefangene. Sie hatten ungefähr 320 Mann verloren, die Briten annähernd zweimal soviel. Die Letzteren behaupteten zwar das Feld und mögen daherden Sieg beanspruchen, aber es war ein nutzloser Sieg, den sie nicht im Stande waren auszubeuten. Am 20. fing Burgoyne an seine Stellung zu befestigen. Die Aussicht auf Erfolg war von nun ab nur durch das Zusammenwirken mit der Armee von Süden her bedingt — eine Hilfe, die niemals kam.

Die Deutschen leisteten Burgoyne im Laufe dieses Tages die wichtigsten Dienste. Breymann mit den Grenadieren und der leichten Infanterie zeichnete sich früh am Nachmittag aus, indem er einem englischen Regiment, das im Weichen begriffen war, zu Hilfe kam. Kapitän Pausch von der Hanauschen Artillerie mit seinen zwei Sechspfündern entschieden die Schlacht. Breymann und Pausch wurden beide von Burgoyne öffentlich belobt.

Inzwischen war die Armee ernstlich im Rücken bedroht worden. Oberst Brown, der unter dem Befehl von General Lincoln operierte, hatte einige der Aussenwerke von Ticonderoga mit ungefähr 300 Gefangenen genommen, war aber von dem Haupt-Fort zurückgeworfen worden.

Baronin Riedesel hatte die Armee auf ihrem Marsche begleitet. Sie war ermutigt worden, sagt sie, als sie General Burgoyne hat sagen hören, dass Engländer niemals zurückgingen. Jedoch wurde sie misstrauisch, als sie merkte, dass alle Offiziers-Frauen, die bei der Armee waren, alle Operations-Pläne kannten, und sie erinnerte sich, dass in der Armee des Prinzen Ferdinand im 7jährigen Krieg alles sehr geheim gehalten wurde. Nun aber waren den Amerikanern alle feindlichen Absichten bekannt und sie erwarteten die Engländer, wohin sie sich auch immer wandten.

Frau von Riedesel war Augenzeugin der Schlacht am 19. September und zitterte bei jedem Schuss für das Leben ihres Gemahls. Drei verwundete Offiziere wurden in das Haus gebracht in dem sie wohnte, und einer von ihnen, der Neffe von Leuten, die in England sehr gütig gegen sie gewesen waren, starb wenige Tage darauf anden Folgen einer Operation. Die Baronin konnte seine letzten Seufzer durch die dünne Wand hören.

Der Zustand der Armee wurde bald ein sehr bedenklicher. Die Lebensmittel wurden knapp, Wein und Kaffee schrecklich teuer. Uniformen und Kleider zerrissen in den Büschen und durchweichten bei dem Kampieren auf dem feuchten Boden, und neue konnten um keinen Preis geschafft werden. Das amerikanische Lager, welches man von 12 000 Mann besetzt glaubte, war so nahe, dass man die Trommeln und die Rufe der Soldaten deutlich hören konnte. Der Wald war aber so dicht, dass man es nicht sehen konnte. Die Engländer hatten eine Schiffbrücke über den Hudson gebaut, und es wurden Kundschafter hinübergeschickt, die versuchen sollten, das Lager vom andern Ufer aus einzusehen; dies war aber nicht möglich gewesen.

Ein von Sir Henry Clinton in Geheimschrift geschriebener Brief, der vom 10. September datiert war, langte am 21. an. Clinton kündigte seine Absicht an, in 10 Tagen Fort Montgomery am Hudson anzugreifen. Burgoyne sandte den Boten sofort zurück mit einem Briefe, der in eine silberne Kugel eingeschlossen war, welche Sir Henry direkt eingehändigt werden sollte. Dieser Brief sollte Clinton zur Eile antreiben und ihn veranlassen, eine Diversion zu Gunsten Burgoynes herbeizuführen. Der Bote nahm seinen Weg durch das feindliche Land nach Fort Montgomery, aber hier scheint ihn seine Geistesgegenwart verlassen zu haben. Er soll nämlich amerikanische Truppen für englische gehalten, nach General Clinton gefragt und nicht eher seinen Irrtum gemerkt haben, als bis er — nicht vor Sir Henry, sondern vor den amerikanischen General geführt wurde. Darauf schluckte der Unglückliche die Kugel hinunter, doch wurde ihm ein Brechmittel verordnet, die Depesche wurde gefunden und der Bote als Spion gehängt.

Am 6. Oktober wurden die Forts Clinton und Montgomery von Sir Henry Clinton gestürmt. EinAnspachisches Regiment, ein Hessisches und 2 Kompagnien hessischer Jäger, welche letztere erst vor kurzem von Europa angekommen waren, hatten an dieser Waffenthat teil genommen. Der Hudson stand nun den Briten vollkommen offen. Dies würde der richtige Moment gewesen sein, um zu Burgoynes Unterstützung einen Vorstoss zu machen, aber Sir William Howe hatte den grösseren Teil seiner Armee nach Philadelphia dirigiert und nur ein kleines Korps unter General Vaughan kam sengend und plündernd den Hudson hinauf.

Burgoynes Situation wurde mit jedem Tage kritischer. Am 4. Oktober wurde die Ration der Soldaten um 1/3 heruntergesetzt. Desertionen waren häufiger vorgekommen trotz strenger Strafe; selbst die Todesstrafe verhinderte sie nicht. Kleinere Scharmützel kamen häufiger vor. Das Wetter war furchtbar heiss und die Armee verging vor Unthätigkeit.

An dem Tage, an welchem die Leute auf kleinere Ration gesetzt worden waren, berief General Burgoyne einen Kriegsrat. Die Generale Phillips, Riedesel und Fraser waren zugegen. Burgoyne schlug ihnen vor, die Gegend am Fluss zu verlassen und zu versuchen, die amerikanische linke Flanke zu umgehen. 800 Mann sollten zum Schutz der Boote und Vorräte zurückgelassen werden. Der Rest der Armee sollte sich an der Unternehmung beteiligen. Man entgegnete aber, dass die Strassen und Stellungen der Amerikaner nicht bekannt wären, dass drei oder vier Tage nötig sein würden, um die amerikanische Flanke zu umgehen, und dass während dieser ganzen Zeit die Vorräte unter einer schwachen Bedeckung zurückgelassen werden müssten. Man kam zu keinem bestimmten Entschluss am 4., es wurde daher für den Abend des 5. ein zweiter Kriegsrat befohlen. In diesem erklärte Riedesel, dass die Lage der Armee von einer Beschaffenheit wäre, dass, wenn sie nicht in einem Tage den Feind erreichen, ihn angreifen und die Sache zurEntscheidung bringen könnte, es dienlicher wäre, sich wieder über den Hudson hinter den Battenkill zurückzuziehen, um dort die Annäherung Clintons zu erwarten. Dort könnte die Armee nicht von Fort George abgeschnitten werden. Fraser stimmte Riedesel bei. Phillips wollte keine bestimmte Meinung aussprechen, und Burgoyne dem es zu hart ankam, eine rückwärtige Bewegung zu machen, erklärte, er wollte am 7. eine Rekognoszierung vornehmen, und, wenn sich bei dieser zeigte, dass der Feind nicht mit Erfolg angegriffen werden könnte, den Rückzug antreten.

Am 6. Oktober 1777 wurde für 4 Tage Verpflegung ausgegeben, und am 7. um 10 Uhr morgens rückten 1500 Mann, unter denen 500 Deutsche waren, mit 8 Bronze-Kanonen und 2 Haubitzen zur Rekognoszierung aus dem Lager. Die vier Generale beteiligten sich daran, die Expedition war aus allen Teilen der Armee zusammengesetzt. Sie gingen bis auf eine Anhöhe ungefähr 3/4 Meilen von dem amerikanischen linken Flügel entfernt vor — nach Riedesel eine sehr schlechte Stellung, wo man nichts vom Feinde sehen konnte. Brigade-General Fraser kommandierte den rechten Flügel, die deutschen Detachements waren im Zentrum, Major Ackland mit den englischen Grenadieren auf dem linken Flügel. Es wurde beschlossen, den Angriff abzuwarten, und Brigade-General Fraser unternahm es, die Fourage von zwei Scheunen wegtransportieren zu lassen. Kleine feindliche Detachements erschienen von Zeit zu Zeit, und man ergötzte sich daran, Kanonen auf sie abzufeuern, bis plötzlich ein heftiges Musketenfeuer auf dem linken Flügel gehört wurde, und unmittelbar darauf Acklands Grenadiere zurückgelaufen kamen, indem sie ihren Führer verwundet zurückliessen.

Der deutsche linke Flügel wurde auf diese Weise entblöst und in Unordnung zurückgeworfen, die hessischen Kanonen in Gefahr gebracht. Diese blieben noch einige Zeit in Thätigkeit, wurden aber schliesslich genommen.Der britische rechte Flügel scheint länger als der linke und der übrige Teil der Linie ausgehalten zu haben, aber nach einiger Zeit wurde General Fraser tötlich verwundet und seine Leute zurückgedrängt, hielt sich jedoch in besserer Ordnung als der linke Flügel. Auch die Deutschen gingen in ziemlicher Auflösung zurück unter Zurücklassung aller zur Rekognoszierung mitgenommenen Kanonen.

Die zurückgehenden Abteilungen warfen sich in eine Redoute und behaupteten ihre Stellungen bis zum Ende des Nachmittags trotz der wiederholten und verzweifelten Angriffe der Amerikaner.

Oberstlieutenant Breymann hielt sich in einer kleinen Redoute auf dem äussersten rechten Flügel der diesseitigen Stellung. Sein Korps war durch die bei Bennington und am 19. September erlittenen Verluste auf ungefähr 500 Mann zusammengeschmolzen; 300 von diesen hatten an der Rekognoszierung teilgenommen und waren nun mit den übrigen in die grosse Redoute auf dem rechten Flügel zurückgeworfen. Der Teil der britischen Linie, welcher Breymanns Redoute mit der Hauptstellung verband, war frei von Besatzung. Die Amerikaner nahmen ihren Weg durch diese Lücke in der Linie, Breymann und seine 200 Mann wurden in Rücken und Flanke angegriffen, der Oberstlieutenant totgeschossen und die Leute entweder durch die Flucht gerettet oder gefangen genommen.

Als die Nachricht hiervon zum Hauptkorps drang, murrten einige Engländer über die Haltung ihrer deutschen Bundesgenossen. Aufgebracht hierüber, sammelte Oberstlieutenant von Specht 4 Offiziere und ungefähr 50 Mann um sich, brach mit diesen auf durch den dunkeln Wald, um Breymanns Redoute wiederzunehmen. Er verlor den Weg und wurde durch einen verräterischen Führer in die Hände der Amerikaner geliefert.

Die Amerikaner fochten an diesem Tage mit grosser Tapferkeit und hatten den Vorteil der Überlegenheit anZahl, aber waren ohne einen hinlänglichen Führer. Weder Gates noch Lincoln erschienen auf dem Felde. Benedict Arnold, welcher kein besonderes Kommando hatte, focht mit seinem gewöhnlichen, keine Gefahr achtenden Mut, aber er hatte nicht das Talent eines Strategen. Er wurde bei der Einnahme von Breymanns Redoute schwer verwundet; es wäre ein Glück für ihn gewesen, wenn seine Wunde tötlich gewesen wäre.

Es blieb Burgoynes Armee nichts anderes übrig, als sich zurückzuziehen. Einige Eile würde vielleicht ihr Entkommen gesichert haben, aber überall war Unordnung und Langsamkeit. Früh am Morgen des 8. Oktober 1777 wurden die Briten und Deutschen auf den Höhen, von denen man den Hudson übersieht, gesammelt. Hier wurde am Abend desselben Tages General Fraser beerdigt, an einer Stelle, welche er sich selbst als Ruheort ausgewählt hatte. Er war schwer verwundet in das Haus, welches Baronin Riedesel inne hatte, gebracht; er hatte mit ihrem Gemahl zusammen am siebenjährigen Kriege teilgenommen. Die Baronin hatte die Absicht, am 7. ein kleines Diner zu geben. »Der General Fraser,« sagt sie, »und ich glaube, auch die Generale Burgoyne und Phillips sollten denselben Tag bei mir zu Mittag essen. Ich sah viel Bewegung unter den Truppen. Mein Mann sagte mir, es sollte eine Rekognoszierung gemacht werden, welches mir nicht auffiel, weil dieses öfters geschehen. Auf meinem Rückweg nach Hause begegneten mir viele Wilde in ihrer Kriegskleidung und mit Flinten. Auf meine Frage, wo sie hingingen, riefen sie mir zu: »War! War!« das hiess, dass sie zur Schlacht gingen, welches mich ganz zu Boden schlug, und kaum war ich zurückgekommen, so hörte ich auch plänkeln, und nach und nach immer stärker feuern, bis endlich das Lärmen gar arg wurde. Es war eine erschreckliche Kanonade, und ich war mehr tot als lebendig. Gegen 3 Uhr nachmittags, anstatt dass meine Gäste hätten sollen zu mir zum Essen kommen, brachteman mir auf einer Trage den armen General Fraser, einen der erwarteten Mittagsgäste, tötlich verwundet. Unser Esstisch, der schon gedeckt war, wurde weggenommen, und man setzte an dessen Stelle ein Bett für den General. Ich sass in einer Ecke der Stube, zitternd und bebend. Der Lärm wurde immer stärker. Der Gedanke, dass man mir meinen Mann so bringen könnte, war mir entsetzlich und quälte mich unaufhörlich. Der General sagte dem Wundarzt: »Verschweigen Sie mir nichts! Muss ich sterben?...« Ich hörte ihn oft seufzend ausrufen: »Oh bad ambition! poor General Burgoyne! poor Mistress Fraser!««

Der General kämpfte die Nacht hindurch mit dem Tode und starb am folgenden Morgen. Das Haus war derartig überfüllt, dass die Baronin ihre Kinder auf den Hausflur bringen musste, damit sie durch ihr etwaiges Schreien dem sterbenden Manne nicht beschwerlich fallen möchten. Sein Leichnam lag den ganzen Tag in ihrem Zimmer. Als sein Stab und die Generäle sich um sein Grab versammelt hatten, schossen die Amerikaner, die hiervon nichts ahnten, auf die Trauer-Versammlung. So wurde, unter dem Feuer der feindlichen Kanonen als Trauersalut, der tapfere Führer der leichten Truppen zur letzten Ruhe gebettet.

Um 10 Uhr abends des 8. brach die Armee nach Norden auf. Riedesel kommandierte die Tête der Kolonne. Das Lazareth mit seinen 800 Insassen wurde zurückgelassen. Die Boote mit dem, was an Vorräten noch übrig war, nahmen ihren Weg langsam stromaufwärts. Die Wachtfeuer liess man brennen, um die amerikanischen Feldwachen zu täuschen.

BURGOYNE'S ÜBERGABE.October 1777.

General Burgoynes Armee legte nur eine kurze Strecke in jener Nacht zurück und hielt dann bis zum folgenden Nachmittag. Am Abend des 9. besetzten die Briten das Dorf Saratoga. Während der Nacht durchwateten sie den Fishkill und lagerten auf der Höhe indem Winkel zwischen diesem Fluss und dem Hudson. So hatte vom Abend des 7. bis zum Morgen des 10. Burgoyne, für welchen Zeitgewinn von allergrösster Wichtigkeit war, nur etwas mehr als 8 Meilen sich zurückgezogen.

In dem Lager nördlich des Fishkill machte Burgoyne Halt und nahm seinen Marsch von hier aus nicht wieder auf. Oberstleutnant Southerland war vorgeschickt worden, um eine Brücke über den Hudson bei Fort Edward zu bauen, wurde aber sofort wieder zurückberufen. Bei Tagesanbruch am 11. machte eine amerikanische Brigade einen Vorstoss über den Fishkill, nahm sämtliche Boote und viele Vorräte, machte einige Gefangene und zog sich vor einem heftigen Kartätschfeuer zurück. Den ganzen Tag lang wurde die englische Armee in Front und Rücken mit Kanonen beschossen.

Am Abend beschied General Burgoyne die Generäle Riedesel und Phillips zu sich, um sich mit ihnen über das Wohl und Wehe der Armee zu beratschlagen. Burgoyne selbst hielt es für unmöglich, den Feind anzugreifen oder die eigene Stellung zu halten, wenn er im Zentrum und auf dem rechten Flügel angegriffen werden würde. General Riedesel machte deshalb den Vorschlag, in der Nacht unter Zurücklassung der Bagage abzuziehen, den Hudson 4 Meilen unterhalb Fort Edward zu durchwaten und durch die Wälder nach Fort George zu gelangen zu suchen. Es wurde aber keine Entscheidung getroffen.

Ein anderer Kriegsrat wurde unter Hinzuziehung von zwei Brigade-Generälen am folgenden Nachmittag gehalten. General Riedesel bestand auf seinem Plan vom Tage vorher »sehr emphatisch und mit eindringlichenWorten«, und man stimmte dem Plan bei. Aber es war vergessen worden, Verpflegung an die Truppen auszugeben, und so wurde der Abmarsch auf abends spät verschoben. Um 10 Uhr liess Riedesel Burgoyne sagen, dass alles zum Abmarsch bereit sei, aber er erhielt zur Antwort, dass es bereits zu spät sei, um noch irgend etwas zu unternehmen. So wurde die letzte Chance preisgegeben, denn am andern Morgen war die Armee vollkommen umzingelt.

Am 13. Oktober wurde ein dritter Kriegsrat, dem auch die Regiments-Kommandeure beiwohnten, zusammenberufen. General Burgoyne setzte die Hoffnungslosigkeit der Situation auseinander. Nur noch für fünf Tage wären Vorräte vorhanden. Das ganze britische Lager könnte von den feindlichen Kartätschen und Flintenkugeln erreicht werden. Gates Armee hätte hinter einem morastigen Hohlweg Stellung genommen, und zwar so, dass, wenn Burgoyne angreifen wollte, er sich so weit vom Hudson entfernen müsste, dass die Amerikaner den Fluss überschreiten und ihn im Rücken angreifen würden. Selbst wenn man den Feind erfolgreich angegriffen und durchbrochen haben würde, so wären doch nicht Lebensmittel genug vorhanden, um nach Fort George zu gelangen. Die Stellung, welche die Armee nunmehr einnähme, wäre im Zentrum und auf dem rechten Flügel unhaltbar. (Dies war die Terrainstrecke, welche hauptsächlich von den Deutschen besetzt war.)

Burgoyne erklärte, dass niemand anders als er selbst für die Lage, in der sich die Armee gegenwärtig befände, verantwortlich gemacht werden könnte, da er niemand um Rat gefragt, sondern nur Befolgung seiner Befehle gefordert habe. Riedesel dankte Burgoyne für diese Erklärung, da hierdurch jedermann überführt würde, dass er keinen Anteil an der Leitung der von der Armee ausgeführten Bewegungen gehabt hätte, und bat daher alleenglischen Offiziere, ihm dieses zu bezeugen, wenn er jemals zur Verantwortung gezogen werden sollte.

Hierauf legte Burgoyne dem Kriegsrat folgende Fragen vor:

1. Ob in der Kriegsgeschichte Beispiele wären, dass eine Armee in dieser Lage kapituliert hätte.

2. Ob in einer solchen Lage eine Kapitulation entehrend sei.

3. Ob die Armee wirklich in der Lage sei, kapitulieren zu müssen.

Auf die erste Frage antworteten alle, dass die Lage der sächsischen Armee bei Pirna, des Generals Fink bei Maxen und des Prinzen Moritz von Sachsen nicht so schlimm und hülflos gewesen wäre, als die, worin sich gegenwärtig die Armee befände; und dass niemand die Generäle hätte tadeln können, die, um ihre Armeen zu retten, in solcher Lage kapituliert hätten; ausser, dass der König von Preussen den General v. Fink, jedoch hauptsächlich aus persönlicher Ungnade, kassiert hätte.

Auf die zweite Frage antworteten alle, dass aus den eben angeführten Gründen die Kapitulation nicht entehrend sein könne. Und auf die dritte Frage stimmten alle darin überein, dass, wenn der General Burgoyne die Möglichkeit sähe, den Feind anzugreifen, sie bereit wären, ihr Blut und Leben aufzuopfern; wenn dies aber nicht thunlich sei, so hielten sie es für besser, durch eine ehrenvolle Kapitulation dem Könige die Truppen zu retten, als durch ein noch längeres »Anstehen« Gefahr zu laufen, wenn alle Lebensmittel aufgezehrt wären, sich auf Diskretion ergeben zu müssen; oder aber, bei einem Angriff in dieser fehlerhaften Position gesprengt und dann einzeln aufgerieben zu werden.

Nach dieser Erklärung setzte General Burgoyne den Entwurf zu einer Kapitulation auf, welcher vorteilhaft schien und daher einmütig gebilligt wurde. Hierauf wurde ein Tambour ins feindliche Lager geschickt um anzuzeigen, dass man am andern Tag einen Stabsoffizier hinüberschicken wolle, um mit General Gates Sachen von Wichtigkeit zu verhandeln, und während dieser Zeit um Waffenstillstand zu bitten. Dies wurde von General Gates bewilligt.

Am 14. vormittags 10 Uhr wurde der Major Kingston in das amerikanische Lager hinübergeschickt, um die Vorschläge Burgoynes zu überbringen, welche in der Hauptsache darin bestanden, dass seine Armee sich zu Kriegsgefangenen, jedoch nur unter der Bedingung ergeben wolle, dass sie nach Boston geführt und von da nach England eingeschifft werden sollte, nachdem sie sich verpflichtet haben würde, in diesem Kriege, oder bis zu ihrer Auswechselung, nicht gegen die Amerikaner zu dienen.

General Gates nahm aber diese Vorschläge nicht an, sondern setzte einen andern Kapitulations-Entwurf in 6 Artikeln auf, welcher besagte, dass, »da General Burgoynes Armee durch wiederholte Niederlagen, Desertion, Krankheit etc. zusammengeschmolzen sei, die Vorräte erschöpft, die Dienstpferde, Bagage, Zelte genommen oder zerstört seien, ihre Rückzugslinien verlegt und ihr Lager umgezingelt sei, sie sich kriegsgefangen ergeben sollte.«

Der sechste Artikel besagte, dass »sobald dieser Vertrag gebilligt und unterzeichnet sei, die Truppen unter dem Befehl Seiner Exzellenz des Generals von Burgoyne in den Retranchements, in denen sie jetzt stünden, das Gewehr strecken und sodann nach dem Orte ihrer weiteren Bestimmung marschieren sollten.«

General Burgoyne liess den Kriegsrat zusammenrufen und las diese Propositionen des General Gates vor. Die Offiziere erklärten alle einmütig, dass sie lieber Hungers sterben, als solche entehrenden Artikel eingehen wollten. Major Kingston wurde wieder zu General Gates zurückgeschickt, um ihm sagen zu lassen, dass, wenn er nichtvon dem 6. Artikel ablassen würde, die Verhandlungen sofort abgebrochen würden; die Armee würde eher wie ein Mann einen Verzweiflungs-Coup ausführen, als sich diesem Artikel unterwerfen. Der Waffenstillstand wurde hierauf aufgehoben.

Zu aller Erstaunen langten am folgenden Morgen (15. Oktober 1777) neue Vorschläge von General Gates an, worin er alle von Burgoyne vorgeschlagenen Artikel der Hauptsache nach billigte; es wurde nur noch ausgemacht, dass die Armee schon an demselben Tage nachmittags um 2 Uhr aus ihrer Position abmarschieren sollte.

Diese plötzliche Veränderung erregte bei den englischen und deutschen Offizieren Misstrauen. Der Kriegsrat beschloss, Gates Vorschläge anzunehmen, wollte aber versuchen Zeit zu gewinnen. Eine Kommission, bestehend aus zwei Stabsoffizieren von jeder Seite, wurde ernannt, und diese verhandelte über verschiedene Kleinigkeiten, die den Artikeln noch hinzuzufügen waren, bis 11 Uhr nachts. Die Amerikaner bewilligten alles, was man von ihnen verlangte. Die Engländer ihrerseits versprachen, dass am andern Morgen die Kapitulation von General Burgoyne unterzeichnet und General Gates übersandt werden würde. Der Waffenstillstand sollte fortdauern.

Dieselbe Nacht kam ein Überläufer und sagte aus, dass er durch dritte Hand erfahren habe, der englische General Clinton habe nicht allein die Verschanzung von den Highlands erobert, sondern sei auch schon vor 8 Tagen bis nach Esopus vorgerückt und müsse aller Wahrscheinlichkeit nach schon in Albany angekommen sein. Burgoyne sowohl, wie verschiedene andere Offiziere wurden durch diese Nachricht so begeistert, dass sie grosse Lust bekamen, die Kapitulation zu brechen. Es wurde noch einmal ein Kriegsrat zusammenberufen, welcher folgende Fragen beantworten sollte:

»1. Ob ein Traktat, der von bevollmächtigtenKommissarien finaliter arrangieret sei, noch nach dem Versprechen des Generals, solchen, sobald die Kommissarien alles applanieret, zu unterzeichnen, mit Ehren gebrochen werden könne?

2. Ob die eingegangenen Nachrichten so hinlänglich sicher wären, dass sie ein Bewegungsgrund sein könnten, einen in unserer Lage so vorteilhaften Akkord zu brechen?

3. Ob die Armee wohl noch munteren Geist genug hätte, ihre jetzige Stellung bis auf den letzten Mann zu verteidigen?«

Auf die erste Frage erklärten 14 Offiziere gegen 8, dass ein solcher Traktat ohne Verletzung der Ehre nicht gebrochen werden könne. Über die zweite waren die Stimmen geteilt. Die Verneinenden stützten sich darauf, dass der Überbringer der Nachricht alles nur vom Hörensagen hätte, und dass, selbst wenn General Clinton wirklich in Esopus wäre, die Entfernung von da doch noch so gross sein würde, dass er ihnen in ihrer gegenwärtigen Lage doch nicht mehr helfen könnte. Auf die dritte Frage war die Antwort aller Offiziere vom linken Flügel bejahend; die Offiziere vom Zentrum und rechten Flügel antworteten aber, dass zwar alle Soldaten den grössten Mut bezeigen würden, wenn es zum Angriff des Feindes gehen sollte, dass aber, da ihnen allen das Fehlerhafte ihrer Position zu gut bekannt wäre, zu befürchten stände, sie würden einen feindlichen Angriff nicht ebenso aushalten. Da die braunschweigischen Truppen hauptsächlich das Zentrum und den rechten Flügel einnahmen, so bezieht sich auf diese Erklärung ihrer Offiziere wahrscheinlich eine Bemerkung Burgoynes in einem Privatbrief »die Deutschen entmutigt und bereit, bei dem ersten Feuer die Waffen zu strecken.«

Um doch noch Zeit zu gewinnen, wurde ein letztes Mittel versucht. Burgoyne schrieb nämlich am 16. früh an General Gates einen Brief, worin er ihm erklärte, dass er in der vergangenen Nacht von Deserteuren dieNachricht erhalten habe, dass er, General Gates, einen ansehnlichen Teil seiner Armee nach Albany detachiert hätte und zwar im Laufe der Unterhandlungen; dies wäre ganz gegen Treue und Glauben und er, Burgoyne, würde die Kapitulation nicht eher unterzeichnen, bis sich nicht ein Offizier seines Stabes davon überzeugt haben würde, dass die amerikanische Armee drei bis viermal der englischen überlegen sei. Gates scheint schliesslich dieses Herumführen an der Nase müde geworden zu sein. Er liess als Antwort sagen, dass seine Armee noch dieselbe Stärke wie vorher und sogar noch Verstärkung bekommen hätte; dass er es ebenso wenig für politisch wie vielmehr seiner Ehre nachteilig halten würde, die Stärke seiner Armee einem von General Burgoynes Offizieren zu zeigen, und dass der General wohl bedenken möchte, was er thäte, wenn er sein Ehrenwort bräche; er würde für die Folgen verantwortlich sein. Gates fügte hinzu, dass, sobald die Kapitulation unterzeichnet sein würde, er bereit sei, dem General Burgoyne seine ganze Armee zu zeigen, und er stände mit seiner Ehre dafür, dass er sie viermal so stark als die Britische finden würde, ungerechnet die Truppen, die jenseits des Hudson postiert wären. Er könne aber jetzt nicht mehr länger als eine Stunde Zeit zur Antwort gestatten, und würde nach Verlauf derselben sich genötigt sehen, die strengsten Massregeln zu ergreifen.

Hierauf wurde der Kriegsrat noch einmal zusammenberufen, und Niemand fand sich mehr, der dem General zum Brechen seines Wortes geraten hätte. Burgoyne zog die Generale Phillips und Riedesel allein auf die Seite und bat um ihren freundschaftlichen Rat. Beide schwiegen anfänglich stille, bis endlich der General Riedesel erklärte, dass wenn der General Burgoyne in England zur Verantwortung gezogen werden sollte, er nur für die Bewegungen, die die Armee in eine solche Lage gebracht hätten, verantwortlich sein könnte, und vielleicht wegen der ersten Eröffnung einer Kapitulation und deswegen, weil er nichtfrühzeitig genug den Rückzug so weit gemacht, dass man Herr der Kommunikation mit dem Fort George geblieben wäre. Nun aber nach allen gethanen Schritten hielt es Riedesel noch viel gefährlicher, den Tractat auf eine ungewisse und unzuverlässige Nachricht hin zu brechen.

Gleicher Meinung war der Brigadier Hamilton, der hinzu kam und auch darüber befragt wurde. General Phillips sagte nur, dass die Lage der Dinge eine derartige sei, dass er weder Rat noch Hilfe ausfindig machen könne. Nach vielem Überlegen hin und her entschloss sich Burgoyne schliesslich zu unterzeichnen, und hierauf wurde die unterzeichnete Kapitulation an General Gates gesandt.

Es übergaben sich im Ganzen 5791 Mann. Riedesel hat festgestellt, dass nicht mehr als 4000 von diesen dienstfähig waren. Die Zahl der Deutschen, die sich ergaben ist von Eelking auf 2431 festgestellt worden, von denen die getötet, verwundet und vermisst wurden vom 6. Oktober an auf 1122. Der Gesamt-Verlust der Briten und ihrer Hilfstruppen an Toten, Verwundeten, Gefangenen und Deserteuren während dieser Kampagne, einschliesslich der Verluste von St. Legers Expedition, betrug annähernd 9000 Köpfe.

Die Tage, welche der Uebergabe vorausgegangen waren, waren Tage der Verwirrung gewesen. Baronin Riedesel sagt, dass sie am Abend des 9. Oktober in Saratoga, nachdem sie während des ganzen Tages nur eine halbe Stunde zurückgelegt hatten, den General Phillips gefragt habe, warum sie denn den Rückzug nicht fortsetzten, da es doch noch Zeit wäre. Der General bewunderte ihre Entschlossenheit und wünschte, sie hätte den Befehl über die Armee. Dieselbe Dame erwähnt, dass Burgoyne die Hälfte jener verhängnisvollen Nacht singend und trinkend zugebracht und sich mit seiner Maitresse amüsiert habe.

Die Armee war dem Elend und der Unordnung anheim gefallen. Am 10. verpflegte die Baronin mehr als30 Offiziere aus ihren Privat-Vorräten, »denn wir hatten einen Koch, der, ob er gleich ein Erzschelm war, doch zu allem Rat wusste, und oft des Nachts kleine Flüsse passierte, um den Landleuten Hämmel, Hühner und Schweine zu stehlen, die er sich nachher gut bezahlen liess von uns, wie wir erst in der Folge erfahren haben.« Diese Vorräte waren nun erschöpft, und die Dame in ihrer Verzweiflung rief den General-Adjutanten, der ihr gerade in den Wurf kam, zu sich heran, er möchte Burgoyne über den grossen Mangel, an dem die in Dienst verwundeten Offiziere litten, in Kenntnis setzen. Der kommandierende General nahm dies gut auf, kam selbst zu ihr und dankte ihr, dass sie ihn an seine Pflicht erinnert hätte, und gab Befehl, dass Lebensmittel verteilt werden sollten. Die Baronin glaubte, dass Burgoyne ihr nie diese Einmischung verziehen habe. Es scheint mir, nach den Aufzeichnungen Beider, dass eher sie und ihr Gemahl als Burgoyne einen heimlichen Groll hegten. Die Denkschrift, welche General Riedesel verfasste und von seinen Offizieren gleich nach der Übergabe unterzeichnet wurde, ist eine lange Anklage gegen Burgoyne und legt die üblen Folgen dar, dass man den Schreiber nicht um Rat gefragt oder seine Pläne nicht pünktlich zur Ausführung gebracht habe. Es ist klar, dass Riedesel Burgoyne für das Unglück der Armee verantwortlich machte, das Unglück, welches ihm so zu Herzen ging, dass sein Körper und seine Gemütsstimmung längere Zeit ernstlich darunter litten. Burgoyne schrieb im Frühjahr 1778, bevor er Amerika verliess an den Herzog von Braunschweig und pries Riedesels grosse Fähigkeiten und die Art, wie er die Befehle seines vorgesetzten Offiziers ausgeführt hätte. — Hieraufhin schrieb Riedesel einen sehr freundlichen Brief an Burgoyne, in welchem er ihm in seinem und seiner Offiziere Namen für die ihnen bewiesene Güte dankte. »Wenn auch unsere Bemühungen nicht vom Glück gekrönt worden sind«, fährt er fort,»so wissen wir doch wohl, dass es nicht Ihr Fehler war, sondern dass die Armee ein Opfer der Wechselfälle des Krieges geworden ist.« Dieser einzige Ausdruck des Vertrauens ist mit dem, was Riedesel zu andern Zeiten und an anderer Stelle sagt, nicht in Einklang zu bringen. Die oben erwähnte militärische Denkschrift, die in dem Buch der Baronin veröffentlicht ist, ist ein genügender Beweis dafür. In demselben Sinne sind Riedesels Bemerkungen über Burgoynes Feldzugs-Bericht aufgefasst. Diese Bemerkungen, welche an den Herzog von Braunschweig und an seine Landsleute gerichtet waren, sind datiert Cambridge, 8. April 1778, etwas mehr als einen Monat später als der oben erwähnte Brief. Sie beklagen ausdrücklich, dass General Burgoyne, während er von Riedesel selbst mit Anerkennung spräche, über die Leistungen der Truppen leicht hinwegginge. Die Klagen des deutschen Generals in dieser Beziehung sind aber, Burgoynes Bericht nach, nur wenig gerechtfertigt.

Doch wir müssen zur Baronin zurückkehren. Am Nachmittag des 10. Oktober nahmen die Amerikaner das Feuer auf die Engländer wieder auf. »Mein Mann liess mir sagen, dass ich mich unverzüglich nach einem Hause begeben sollte, welches nicht weit von da war. Ich setzte mich in die Kalesche mit meinen Kindern, und kaum sind wir im Begriff bei dem Hause anzukommen, so sehe ich an dem jenseitigen Ufer des Hudson-Flusses sechs bis sieben Menschen mit Flinten, die auf uns zielen. Fast unwillkürlich werfe ich die Kinder in den Fond der Kalesche und mich über sie; in demselben Augenblick schiessen die Kerle und zerschmettern hinter mir einem armen englischen Soldaten, der schon blessiert war und sich auch nach dem Hause retten wollte, einen Arm. Gleich nach unserer Ankunft begann eine fürchterliche Kanonade, welche grösstenteils nach dem Hause, worin wir Schutz gesucht, gerichtet war, vermutlich weil die Feinde glaubten, da sie viel Leute dorthin strömen sahen,dass die Generalität sich dort befände. Ach, es waren nichts als Verwundete oder Frauen! Wir wurden endlich genötigt, in einem Keller unsere Zuflucht zu nehmen, wo ich mich in eine Ecke unweit der Thür lagerte. Meine Kinder lagen auf der Erde, mit ihren Köpfen auf meinem Schooss. So blieben wir die ganze Nacht. Ein entsetzlicher Geruch, das Geschrei der Kinder, und noch mehr als alles dieses, meine Angst, verhinderten mich ein Auge zuzuthun.

Den andern Morgen ging die Kanonade wieder an, aber von einer andern Seite. Ich riet, dass alle aus dem Keller ein wenig herausgehen möchten, während dessen ich ihn wollte reinigen lassen, weil wir sonst alle krank werden würden. Man folgte meinem Rat und liess von Vielen Hand anlegen, was bei der weitläufigen Arbeit höchst nötig war. Wie alles heraus war, besah ich mir unsern Zufluchtsort; es waren drei schöne Keller, die recht gut gewölbt waren. Ich that den Vorschlag, dass in den einen die am gefährlichsten blessierten Offiziere gebracht werden sollten; die Frauen sollten in dem andern sein, und alle Übrigen in dem dritten, der dem Ausgang am nächsten war.

Ich hatte gut auskehren und mit Essig räuchern lassen, und man fing bereits an, jeder seinen Platz einzunehmen, als neue entsetzliche Kanonenschüsse alles wieder in Alarm brachten. Mehrere, die kein Recht hatten hineinzugehen, stürzten nach der Thüre. Meine Kinder waren schon die Kellertreppe hinunter, und wir hätten Alle können erdrückt werden, wenn Gott mir nicht Kräfte geschenkt hätte, mich vor die Thür zu stellen und mit ausgebreiten Armen allen den Eingang zu verwehren; sonst wäre gewiss jemand von uns zu Schaden gekommen. Elf Kanonenkugeln gingen durchs Haus und wir konnten sie deutlich über unsere Köpfe hinwegrollen hören. Einem armen Soldaten, dem man ein Bein abnehmen wollte und dieserhalb auf den Tisch gelegt hatte, nahm eine Kanonenkugel mittlerweile das andere Bein fort. Seine Kameraden waren alle davon gelaufen, und wie sie wieder zu ihm kamen, fanden sie ihn in einer Ecke der Stube, wo er sich vor Angst hingerollt hatte, und kaum noch athmend. Ich war mehr tot als lebendig, doch nicht so viel über unsere eigene Gefahr, als über die, in welcher mein Mann schwebte, der jedoch oft fragen liess, wie es uns ginge, und mir sagen liess, dass er wohl wäre.

Der Major Harnich und seine Frau, eine Madame Rennels, die schon ihren Mann verloren hatte, die Frau des guten Lieutenants, der den Tag vorher seine Bouillon so gutherzig mit mir geteilt hatte, die Frau des Kommissars und ich, wir waren die einzigen Damen, die bei der Armee waren. Wir sassen eben zusammen und beklagten unser Schicksal, als jemand hereinkam und man sich in die Ohren flüsterte und sich einander traurig ansah. Ich bemerkte dieses und dass auf mich Blicke geworfen wurden, ohne dass mir weiter etwas gesagt ward. Dieses erweckte in mir den schrecklichen Gedanken, dass mein Mann geblieben sei. Ich schrie laut auf; man versicherte mich aber, dass dieses nicht sei, sondern winkte mir zu, dass den Mann der armen Lieutenantin dieses Unglück betroffen habe. Diese wurde auch einen Augenblick nachher herausgerufen. Der Mann war noch nicht tot, aber eine Kanonenkugel hatte ihm den Arm oben an der Schulter weggenommen. Wir hörten die ganze Nacht sein Winseln, welches doppelt und desto grausender in diesen Kellergewölben wiederhallte; und der Arme starb erst gegen Morgen. Wir brachten übrigens diese Nacht wie die vorige zu. Indessen kam mein Mann, mich zu besuchen, welches meinen Kummer linderte und mir wieder Mut gab.

Den Morgen darauf fingen wir an, uns ein wenig besser einzurichten. Der Major Harnich und seine Frau und Madame Rennels machten sich in einer Ecke eine kleine Stube und Gardinen davor. Man wollte mir eineandere Ecke ebenso zurecht machen, ich zog aber vor, nahe an der Thür zu bleiben, da ich auf den Fall von Feuersgefahr daselbst eher herauskonnte. Ich liess eine Streu machen und legte meine Betten darauf, wo ich mit meinen Kindern schlief, nicht weit von uns schliefen meine Frauen. Gegenüber waren drei englische Offiziere einquartiert, die, zwar blessiert, jedoch entschlossen waren, im Fall des Rückzuges nicht zurückzubleiben. Einer derselben war ein Kapitain Green, Adjutant des Generals Phillips, ein sehr schätzbarer und artiger Mann. Alle drei versicherten mich mit einem Eide, dass sie im Fall eines schleunigen Rückzuges mich nicht verlassen und ein jeder von ihnen eines meiner Kinder mit auf sein Pferd nehmen wollte. Für mich stand eines von meines Mannes Pferden immer gesattelt bereit. Öfters war mein Mann Willens, mich, um mich der Gefahr zu entziehen, zu den Amerikanern zu schicken; ich stellte ihm aber vor, dass es noch ärger als alles, was ich jetzt ausstehen müsste, sein würde, mit Leuten zu sein, denen ich mit Schonung würde begegnen müssen, während dass mein Mann sich mit ihnen herumschlüge; er versprach mir also, dass ich ferner der Armee folgen sollte. Manchmal bekam ich jedoch in der Nacht die Angst, dass er fortmarschiert wäre, und kroch aus meinem Keller, um zuzusehen; wenn ich dann die Truppen in den schon kalten Nächten um die Feuer herumliegen sah, so konnte ich wieder ruhiger schlafen.

Auch die mir anvertrauten Sachen verursachten mir viel Unruhe. Ich hatte sie alle vorne in meinem Corset stecken, weil mir immer so sehr angst war, etwas davon zu verlieren, und ich nahm mir fest vor, in Zukunft mich nicht mehr mit dergleichen zu befassen. Den dritten Tag fand ich erst Gelegenheit und einen Augenblick, um die Wäsche zu wechseln, da man die Gefälligkeit hatte, mir einen kleinen Winkel hierzu einzuräumen; während der Zeit standen meine drei vorerwähnten Offiziere nicht weitdavon Schildwache. Einer dieser Herrn konnte sehr natürlich das Brüllen einer Kuh und Blöken eines Kalbes nachahmen: und wenn meine kleine Tochter Fritzchen des Nachts weinte, so machte er es ihr vor, sie ward wieder stille und wir mussten lachen.

Unser Koch verschaffte uns Essen, aber es fehlte uns an Wasser; und ich war öfters genötigt, um nur den Durst zu löschen, Wein zu trinken und auch den Kindern welchen zu geben. Es war auch fast das einzige, was mein Mann zu sich nahm; welches endlich unsern treuen Jäger Rockel ängstigte, so dass er mir eines Tages sagte: »Ich befürchte, dass der General aus Besorgnis, in Gefangenschaft zu geraten, des Lebens überdrüssig ist, weil er so viel Wein trinkt.« Die beständige Gefahr, in welcher mein Mann schwebte, setzte mich in ewige Angst. Ich war die einzige unter allen den Frauen, deren Mann nicht geblieben war oder sonst ein Unglück gehabt hatte, und sagte mir daher oft: »Sollte ich die einzige Glückliche sein?« besonders, da mein Mann Tag und Nacht so sehr der Gefahr ausgesetzt war. Er kam keine Nacht in das Zelt und lag alle Nächte draussen beim Wachtfeuer. Das alles konnte schon sein Tod sein, da die Nächte so nasskalt waren.

Da so grosser Mangel an Wasser bei uns war, so fanden wir endlich eine Soldatenfrau, die den Mut hatte, Wasser vom Flusse zu holen, was keiner mehr unternehmen wollte, weil der Feind alle Männer, die nach dem Flusse gingen, auf den Kopf schoss. Dieser Frau thaten sie nichts aus Achtung vor ihrem Geschlecht, wie sie uns selbst hernachmals sagten.

Ich suchte mich dadurch zu zerstreuen, dass ich mich viel mit unsern Blessierten beschäftigte. Ich machte ihnen Thee und Kaffee und bekam dagegen tausend Segenswünsche. Oft teilte ich auch mein Mittagsessen mit ihnen. Eines Tages kam ein canadischer Offizier in unsern Keller, der sich kaum noch aufrecht erhaltenkonnte. Wir kriegten endlich von ihm heraus, dass er fast Hungers stürbe. Ich fand mich sehr glücklich, ihm mein Essen anbieten zu können, welches ihn wieder zu Kräften brachte und mir seine Freundschaft erwarb. Bei unserer nachmaligen Zurückkunft nach Canada lernte ich seine Familie kennen. Eine unserer grössten Beschwerden war der Geruch der Wunden, wenn sie anfingen zu eitern.

Einst unternahm ich die Kur eines Majors Plumfield, Adjutanten des Generals Phillips, dem eine kleine Flintenkugel durch die beiden Backen gegangen war und ihm die Zähne zerschmettert und die Zunge gestreift hatte. Er konnte gar nichts im Munde behalten; die Materie erstickte ihn fast, und er war nicht im Stande, andere Nahrung zu sich zu nehmen als ein wenig Bouillon oder sonst etwas Flüssiges. Wir hatten Rheinwein. Ich gab ihm eine Bouteille, in der Hoffnung, dass die Säure des Weines seine Wunde reinigen würde. Er nahm immer etwas davon in den Mund, und das allein that so glückliche Wirkung, dass er geheilt wurde, wodurch ich wieder einen Freund mehr bekam. Und so hatte ich mitten in meinen Leiden- und Kummerstunden Augenblicke freudigen Genusses, die mich sehr glücklich machten.

An einem dieser Tage wünschte General Phillips mich zu besuchen und begleitete meinen Mann, der täglich ein- oder zweimal mit Gefahr seines Lebens zu mir kam. Er sah unsere Lage und hörte mich meinen Mann flehentlich bitten, mich im Fall eines schleunigen Rückzuges nicht zurückzulassen, er redete mir selbst das Wort dabei, wie er meinen grossen Widerwillen sah, in den Händen der Amerikaner zu sein. Beim Weggehen sagte er zu meinem Manne: »Nein, um zehntausend Guineen komme ich nicht wieder hierher, denn mein Herz ist ganz zerrissen.«

Indessen verdienten nicht alle, die bei uns waren, Mitleid. Es waren auch Feige darunter, die um nichts in dem Keller blieben und nachmals, als wir in die Gefangenschaft gerieten, sich recht gut in Reihe und Glied stellen und paradieren konnten. Wir blieben sechs Tage in dieser schrecklichen Lage. Endlich sprach man von Kapitulieren, da man zu lange gezaudert hatte und der Rückzug nun abgeschnitten war. Es wurde ein Waffenstillstand gemacht, und mein Mann, der ganz erschöpft war, konnte in dem Hause zum erstenmal seit geraumer Zeit sich wieder einmal zu Bett legen. Damit seine Ruhe gar nicht gestört wurde, hatte ich ihm in einer kleinen Stube ein gutes Bett machen lassen und legte mich mit meinen Kindern und meinen beiden Frauen in einem Saal daneben schlafen. Aber ungefähr um 1 Uhr in der Nacht kam jemand und verlangte ihn zu sprechen. Mit dem grössten Widerwillen sah ich mich genötigt, ihn aufzuwecken. Ich bemerkte, dass ihm die Botschaft nicht angenehm war, dass er den Mann sogleich nach dem Hauptquartier abfertigte und sich dann verdriesslich wieder niederlegte. Bald darauf liess der General Burgoyne alle andern Generale und Stabsoffiziere zu einem Kriegsrate, der gleich am frühen Morgen abgehalten werden sollte, zusammenberufen, in welchem er auf einen erhaltenen falschen Bericht vorschlug, die Kapitulation zu brechen, die bereits mit dem Feinde gemacht worden. Es wurde aber endlich entschieden, dass dieses weder thunlich noch ratsam sei; und dieses war ein Glück für uns, denn die Amerikaner sagten uns nachher, dass, wenn wir die Kapitulation gebrochen, wir alle massakriert worden wären, welches sie desto leichter thun konnten, da wir nicht über 4 bis 5000 Mann stark waren und wir ihnen Zeit gelassen hatten, über 20 000 zusammen zu bringen.

Am 16. Oktober des Morgens musste mein Mann wieder auf seinen Posten und ich nochmals in meinen Keller.

An diesem Tage wurde unter die Offiziere, welche bis dahin nur gesalzen Fleisch bekommen, das die Wunden der Blessierten sehr verschlimmerte, viel frisches Fleischverteilet. Die gute Frau, welche uns immer Wasser geholt, machte eine treffliche Suppe davon. Ich hatte allen Appetit verloren und die ganze Zeit nichts zu mir genommen als eine in Wein getunkte Brotrinde. Die blessierten Offiziere, meine Unglücksgefährten, schnitten das beste Stück Rindfleisch ab und präsentierten es mir mit einem Teller Suppe. Ich sagte ihnen, ich wäre nicht vermögend etwas zu essen; da sie aber sahen, wie nötig es für mich war, etwas Nahrung zu mir zu nehmen, so erklärten sie, dass sie selbst nicht einen Bissen anrühren würden, bis ich ihnen das Vergnügen gemacht hätte, davon zu nehmen. Ich konnte ihren freundschaftlichen Bitten nicht länger widerstehen, worauf sie mir versicherten, dass es sie sehr glücklich mache, mir das erste Gute, was sie gehabt, anbieten zu können.

Den 17. Oktober wurde die Kapitulation vollzogen, Die Generale verfügten sich zum amerikanischen General en chef Gates, und die Truppen streckten das Gewehr und ergaben sich zu Kriegsgefangenen. Nun bekam die gute Frau, welche uns mit Gefahr ihres Lebens Wasser geholt, den Lohn ihrer Dienste. Jeder warf ihr ganze Hände voll Geld in ihre Schürze, und sie bekam zusammen über 20 Guineen. In solchen Augenblicken scheint das Herz für Gefühle der Dankbarkeit empfänglich zu sein.«


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