III

Der Winter war ausnehmend mild, der Eisgürtel, der sich um die Insel gelegt, riß immer wieder und ließ die freie See herüberblitzen. Oft lag wochenlang kein Schnee, und die Hallig machte Miene, neu zu grünen im warmen Sonnenschein.

Doch diese launische Milde der Natur änderte nichts an den harten, knorrigen Menschen, welche gewohnt waren, eher eine neue Tücke dahinter zu vermuten.

Es war derselbe ernste, traurige Halliger Winter, der sich zwischen den engen Stuben und dem Predigerhaus abspielte.

Von der indischen Hexe war gar nichts zu sehen und zu hören, aber um so mehr gab es drüber zu munkeln und zu deuteln. Da brauchte man sein Auge ja nur auf die Götreks zu richten.

Nichts stimmte mehr in dem ganzen Hause, seit das Teufelskind die Diele betreten.

Der starke Knut schmolz förmlich zusammen wie ein Wachslicht, den Kopf, der ihm sonst so steif im Genick saß, trug er jetzt gebeugt, als habe er etwas verloren auf dem Wege, und der frohe Lars, der unermüdliche Sänger, ging jetzt schweigend umher, die Hände in den Hosentaschen, unsteten Blickes, ohne Gruß, ohne Lied, nicht mehr zu kennen. Mit der sprichwörtlichen Eintracht der Brüder war es auch vorbei, selten sah man sie mehr zusammen, und die Spinnabende bei Götreks waren abgeschafft, die gemütlichsten in der ganzen Runde, — die Alte könne den Lärm nicht mehr vertragen, hieß es.

Doch man wußte es besser: die schwarze Hexe war an allem schuld, die hat den Unfrieden gebracht in das Haus, in das erste und letzte Haus, das sie betreten, seitdem sie auf der Insel war.

Was sie nur trieb in der verfallenen Hütte auf Norderoog? Diese ständige Verborgenheitwar fast noch unheimlicher als ihre Gegenwart; mit geheimem Grauen blickte man oft hinüber auf den feinen Lichtstrahl, der in den langen Winternächten herüberzitterte.

Einige Male wollte man denselben sich fortbewegen gesehen haben, langsam in die Höhe steigen und dann plötzlich verschwinden, — dann ging sie wohl in den Turm, von dem allerlei unheimliche Gerüchte und Sagen gingen, zum Schatzgraben oder anderem teuflischen Unfug.

Nur einmal wagte sich ein Bursche in einer dunklen Nacht hinüber zum Kundschaften — und was sah er durch das niedere Fenster?

Die Schwarze lag auf einer Bank, das Haar gelöst, und auf ihrer Brust saß ein großer weißer Vogel mit feurigen Augen, wie man ihn hier zu Lande nie gesehen, der mit einer menschlichen Stimme in sie hineinsprach. Und sie lachte und spielte mit ihm. Der Nächste aber, der das Märchen nicht glauben wollte und sich vornahm, demselben auf den Grund zu kommen, fühlte sich, in dunkler Nacht die Hütte umschleichend, plötzlich mit rauhem Griffgepackt und so jämmerlich verprügelt, daß er, ohne nur den Versuch zu machen, sich nach dem Angreifer weiter umzusehen, die Flucht ergriff, — aber so etwas wie große Vogelkrallen waren es, das behauptete er fest, die er im Nacken gespürt.

Seit der Zeit hatte die Hütte in Norderoog Ruhe vor allen Spähern.

Lars aber nützte die wochenlang schneelosen Pfade, die seine Spur nicht verrieten, zu seinen heimlichen Besuchen, die der alte Henning schon aus Haß gegen die feindlichen Götreks und allen übrigen Widersachern seines Kindes eher unterstützte, als hinderte.

Nizam vergaß ganz, daß Winter war draußen.

Der weiße, blonde Knabe, der ganz in ihrem Banne war, ein Spielzeug in ihren übermütigen kleinen Händen, aus dessen wässerigen blauen Augen ein seltsames Feuer brach, gefiel ihr immer mehr. Sie blühte auf wie eine Wildrose in dem engen Raume mit seiner schwülen Treibhausluft, die dunkle Erinnerungenin ihr emportrieb, während sie Lars, den Nordseemann, immer mehr erschlaffte, seine Wangen bleichte, die sonst der Meersturm gerötet.

In dem abenteuerlustigen Henning, den das Geschick auf allen Meeren umhergetrieben, erzeugte diese Winterruhe die tollsten Pläne, und er zögerte nicht, sie mit dem jungen Paare zu besprechen. Da war nichts unmöglich, alles zu erringen, zu erreichen. Wenn er auch sein ganzes Leben lang Pech gehabt, er wolle den P.....er Schlafmützen schon noch zeigen, zu was er fähig sei. Alle Meere, alle Länder mit ihren geheimen Schätzen tauchten auf vor dem atemlos lauschenden Lars, nichts schien unmöglich, nichts zu gewagt, tausendfältig winkte das Glück, der Reichtum, und die Heimat erschien dagegen in grauer, hoffnungsloser Öde. Wenn das Frühjahr kam, ging es los. Hennings Schiffbruch war kein so vollständiger, als er den Leuten glauben machte, er hatte schon noch etwas gerettet, um von neuem anfangen zu können.

„Und Lars geht mit,‟ sagte dann Nizam,„oder willst du wieder die Gänse hüten und Krabben fangen mit deinem Knut?‟

Da stieg ihm das Blut in das Antlitz, und er schwur Henning, daß er ihm dienen wolle, wie ein Knecht, treu und ehrlich, wie je ein Halligmann. Oh, wenn nur das Frühjahr schon da wäre!

Und es kam jähe in wildem Ansturm, wie man es schon gewohnt hier zu Lande, mit Wogengischt und Sturmgebraus, als ob es gelte, den grimmigsten Winter auszupeitschen.

Neues Leben zog ein in P....., überall wurde gestrichen, geteert, frisch aufgetakelt, der Wandertrieb regte sich in all den breiten Männerbrüsten. Selbst Knut erwachte und pfiff und sang leise vor sich hin, rüstete seine Boote im Wattstrome, und Lars half ihm dabei, mit einem ihm fast ungewohnten Eifer. Das war's wohl, was Knut mehr freute, als Frühjahr und Meerfahrt.

An die Stelle des Zorns über den leichtsinnigen Lars, der sich von der Indierin den Kopf verrücken ließ, war längst das Mitleidgetreten mit dem Liebling, den er aufgezogen wie ein zweiter Vater, ein herber Kummer — hatte er es doch an sich selbst erfahren, wie rasch das Gift wirkt —; nun ist er glücklich Herr worden darüber, hat alle Luken davor sorgsam verschlossen — redete er sich ein — was konnte der arme Lars dafür, daß es ihm nicht so gelang, er war ja noch ein Kind gegen ihn.

Mit Gewalt war da nichts auszurichten, auch nicht mit Worten, das sah er bald ein. Wenn nur der Winter bald vorüber war, nichts Schlimmeres als das Nichtsthun und Träumen in solchem Falle, nichts besser als frischer Meerwind um Kopf und Herz, und Arbeit, — Arbeit. So hoffte er auf das Frühjahr, und es hatte ihn, wie es schien, nicht betrogen.

Er behandelte ihn, wie einen wiedergewonnenen Sohn, mit doppelter Liebe; ganz weich wurde der Knut, und Lars erwiderte die Liebe und that, als ob er etwas gut zu machen habe. Nur die Mutter, welche die böse Gichtan den Lehnstuhl fesselte, betrachtete ihn mit mißtrauischen Augen. Dieser Farb- und Stimmungswechsel gefiel ihr nicht an Lars, das war nicht Halligart. Sie wartete nur auf eines, auf Nachricht, daß die Hennings glücklich die Anker gelichtet auf Norderoog, eher war nichts zu machen mit dem Jungen. Das konnte aber nicht mehr lange auf sich warten lassen. Überall ging es schon an das Abschiednehmen, rüstete man die Fahrt, sei es im fremden Dienst, sei es auf eigene Faust.

Auch Lars sollte fort. So schwer es auch Knut und der Mutter ankam, es mußte sein, nur den Sommer über, auf kurze Fahrt. Knut hatte bereits mit einem Husumer Reeder Verhandlungen gepflogen. Er selbst mußte ja auf dem Anwesen bei der Mutter bleiben, so sehr es ihn auch, gerade heuer, hinausdrängte.

Ein warmer Regen war gefallen, das Meer frei vom Eise, soweit das Auge blickte. Lars war gestern nach Husum gefahren, um sich seinem künftigen Herrn vorzustellen und die nötigen Einkäufe zu machen für die Fahrt,heute abend sollte er mit dem Postschiff zurückkehren.

Der gute Junge weinte, als er von der kranken Mutter sich verabschiedete, als gelte es schon die große Fahrt, — das echte Nesthäkchen.

Knut erwartete ihn an der Landungsbrücke von P..... Kein Lars auf dem kleinen Dampfer. „Wird wohl den neuen Kameraden in die Hände gefallen sein, dem lockeren Völkchen. Wenn er so anfängt, kann es gut werden.‟ Knut packte die Unruhe. Der innige Abschied von der Mutter fiel ihm jetzt erst auf.

Unwillkürlich warf er einen Blick hinüber auf Norderoog; die sinkende Sonne vergoldete das kleine Häuschen am Strande. Schlimme Gedanken kamen ihm, eine fliegende Angst. Er bog vom Wege ab und eilte dem alten Turme zu, der jetzt purpurn erglühte im Glanz des scheidenden Lichtes; von da aus konnte er sehen, was er sehen wollte.

Die Fensterläden waren nicht verschlossen, und doch machte das Ganze den Eindruckvölliger Verlassenheit, kein Rauchwölkchen drang aus dem Kamin — plötzlich, was war das? Ein seltsames Geräusch drang bis herüber, unartikulierte, nie gehörte Töne, wie sie nur die Todesangst einem Geschöpfe erpressen kann — dazwischen, oder war es Täuschung? — es mußte Täuschung sein — „Lars! Lars!‟

Die Flut war noch aus, nur leichtes Gerinnsel drängte sich in verschlungenem Gezack durch den harten Schlick. Knut besann sich nicht mehr und watete hinein; teils trug er ihn, teils hielt er ihn mit zähem Griffe fest, — und immer näher drang das Geräusch, der verzweifelte Ruf: „Lars! Lars!‟

Jetzt kam ihm die Erinnerung, — eine böse, verhaßte Erinnerung. Damals in der Nebelnacht, als er den Bruder bei ihr traf, rief es gerade so heraus: „Ich hasse dich, wie ich deinen Bruder liebe!‟ rief sie, dann fiel die Thür zu hinter ihr.

Die Sorge um Lars hatte ihn hergetrieben, — die Sorge um Lars? Da mußte er stillehalten, der Schlick hielt seine beiden Füße umklammert.

Er lachte gell auf. „Betrüge dich nicht selbst, die Eifersucht, ein wildes Verlangen nach dem schwarzen Mädchen trieb dich her!‟

Und von neuem stieg es in ihm auf, glühendheiß, vom Herzen zum Kopf, wie damals. Gewaltsam riß er sich los und stampfte weiter. Und immer toller rief es: „Lars! Lars!‟ Jetzt ohne Unterbrechung.

Er stand vor der Thür, er mußte Atem schöpfen, — wenn sie doch drinnen wäre, allein, krank, vielleicht hilflos — verlassen. Der alte Henning wird oft schwer betrunken in Husum gesehen.

Da riß er schon an der Thür, — sie war nicht versperrt. Das ganze Haus erfüllte jetzt der kreischende Ruf nach Lars. Aus der Stube zur Rechten kam er.

Knut schämte sich der Angst, die ihn befiel, rasch öffnete er die Thür. Doch kaltes Grauen fesselte ihn auf der Schwelle.

In dem Dämmerlicht der niederen Stubeflatterte ein schneeweißes Gespenst kreischend auf ihn zu.

Weiße Flügel schlugen um sein Gesicht, und schon hakte es sich in seine Brust fest. Kleine rotglühende Augen glotzten ihn an. Er schlug danach mit beiden Fäusten, dann ließ es los, stieß gegen die niedere Decke, gegen die Wand, die Fenster, bis es zuletzt auf der Lehne eines Sessels zur Ruhe kam. Feuerrotes Tuch lag darauf, von dem sich das unheimliche Wesen in schneeiger Weiße abhob.

Knut schämte sich jetzt seiner kindischen Furcht. Es war ein Vogel, ein wirklicher Vogel, ein Köpfchen beugte sich weit vor, von einem herrlichen karmoisinroten Kamm gekrönt, der sich fächerartig spreizte; der gebogene schwarze Schnabel öffnete sich: „Lars!‟ Jetzt klang es wie eine drollige Frage, und die kleinen, jetzt kohlschwarzen Perlaugen blickten forschend auf ihn.

Er erkannte auch das rote Tuch, auf dem er saß, aber die Herrin war fort. Er durchforschte das ganze Haus — ein geleerterSchrank stand offen, — die alte Wanduhr stand still, — auch der nächste Raum war leer, der Herd in der Küche kalt, die Spuren des Einpackens ringsum auf dem Boden. Der Henning war fort mit seinem Kinde, auf Nimmerwiedersehen, ganz heimlich. Das wollte man ja, hoffte man ja, besonders er und die Mutter. Warum freute er sich denn nicht? Warum? Angst? — hatte er denn Angst?

„Lars! Lars!‟ tönte es durch das Haus. Da fuhr er sich an die Stirn, — Lars! Wenn er mit ihr —? Wenn er nicht mehr käme — nie mehr! Beide nie mehr? Ein unsäglicher Schmerz ging ihm durch das Herz. Aber das ist ja nicht möglich, sie muß ja wieder kommen, der Vogel ist ja da! Man läßt doch so ein Tier nicht hilflos zurück, — verhungern.

Er eilte in die Stube zu Babe; der zeterte von neuem und fauchte und schrie: „Lars!‟

„Zum Henker mit deinem Lars!‟ Knut griff danach und würgte ihn zwischen seinen Eisenfingern, daß die Federn stoben, doch Babe entwischte, kauerte sich ängstlich in eine Ecke derFensternische, Knut aber starrte auf das rote Tuch am Sessel, in dem die ersterbenden Lichter des Abends spielten, plötzlich fiel er auf die Knie, barg sein Haupt in den weichen Falten und schluchzte wie ein Kind.

Babe blickte erstaunt auf das fremde Wesen, dann reckte er das Köpfchen, hüpfte auf den Tisch, auf die breiten Schultern Knuts und kraute sein Haar.

Jetzt schlug dieser nicht mehr nach ihm, er nahm ihn sorgfältig in die beiden Hände und streichelte sein Gefieder, dann nahm er das rote Tuch, schlug es um den Vogel, warf noch einen Blick im Raum umher und verließ das Haus.

Ein dumpfes Rauschen drang von der See her, weiße Schaumrücken blitzten auf, weit draußen — Knut kannte ihre Bedeutung, es war höchste Zeit, zurückzukehren —, schon füllten sich die Rinnen im Schlick von schwellenden Wassern, die ihm die Knöchel umspielten.

Babes Herz pochte in seiner Hand, er drückte das warme Gefieder gegen seine Lippen undeilte dem jenseitigen Ufer zu, dicht hinter ihm füllte sich die Wasserstraße.

Mutter Götrek wartete bangen Herzens auf Lars. Wo blieben sie denn so lange, die bösen Jungen?

Endlich Schritte am Gange, — Lars' Schritte! Weil er nur wieder da ist, der gute Junge, oh, er darf überhaupt nicht fort. Der eine Tag hatte es ihr gelehrt, sie kann nicht leben ohne ihn. Die Thür geht auf, — „Lars!‟ Doch die ausgebreiteten Arme sanken leer zurück, Knut ist eingetreten.

„Wo hast du Lars gelassen?‟

Da flatterte es im roten Tuch, Babe hatte sich losgemacht, — schon sitzt er auf der Stuhllehne neben der Alten und kreischt sein: „Larrrs! Larrrs!‟

Knut lachte hell auf. „Hörst du? Sogar die Vögel rufen seinen Namen!‟

Mutter Götrek aber starrte offenen Mundes auf Babe, bleiches Entsetzen im Antlitz.

„Der Totenvogel!‟ schrie sie auf. „Aus dem Haus! Fort! Fort! Er hat Lars geholt.‟Sie hob den Stock auf, um nach Babe zu schlagen.

Knut hielt den Schlag auf. „Laß ihn, Mutter, deinen Lars hat ein anderer Vogel geholt. Oh, nichts weniger als ein Totenvogel, ein bunter, schöner Vogel — errätst es nicht? Die schwarze Dirne, die Henning — auf und davon, das ganze Nest leer, bis auf den Weißen dort. Sie haben ihn ganz vergessen in ihrem Eifer, den armen Teufel, — so nahm ich ihn mit, um doch eine Erinnerung zu haben an das saubere Paar. Na, Mutter, noch nicht zufrieden, — wenn er lebt, erst recht lebt, der süße Junge, — oder wäre es dir lieber, er hätte ihn wirklich geholt, der Totenvogel?‟

Die Alte nickte mit dem Kopfe. „Ja, tausendmal lieber — lieber.‟ Schwere Thränen rollten aus den starr geöffneten Augen über die gefurchten Wangen herab. „Tausendmal lieber, Knut.‟

Der Nebel war seit vier Wochen nicht gewichen, ein eisiger, salziger Nebel, der einen bitteren Geschmack im Munde zurückließ, Lippe und Zunge sprüngig machte. Das Meer hatte sich mit ihm völlig verbunden in trostloser Bewegungslosigkeit. Der Begriff des Flüssigen und Luftförmigen verwischte sich, eine schwere, unsichtbare Feuchtigkeit senkte sich unausgesetzt herab, stieg wieder auf aus der formlosen, in nichts zerfließenden Wasserfläche ringsum, deren Dasein nur ein leises, eintöniges Glucksen am Rande der Schiffswände verriet.

Um acht Uhr morgens erschien im Osten ein stumpfes weißes Licht, das sich langsam aufwärts bewegte, um Mittag sich dann und wann zu einer milchigen strahlenlosen Scheibe verdichtete, welche durch die Feuchte ringsum schwamm, um gegen drei Uhr wieder zu verschwinden. Das war der Tag, ihm folgte dieschmutzig-graue Nacht, die der Finsternis entbehrte, wie der Tag des Lichtes.

Inmitten dieser scheinbaren Wesenlosigkeit lag der Stockfischfänger „Halland‟, etwa fünfzig Seemeilen südlich der Lofodden. Die Segel waren eingerefft, die leeren Sparren verloren sich im Nebel, leise schaukelte sich der schwarze träge Rumpf; die Rauchwölkchen, welche sich aus dem Kamin zu erheben versuchten, wurden sofort von der feuchten Luft niedergedrückt und liefen als stinkende Schwaden über das Deck, auf welchem in langer Reihe schemenhafte Gestalten saßen und lagen — die Fischer.

Jeden Augenblick verriet ein klatschender Aufschlag auf dem Deck einen neuen Fang, eine Zahl wurde gerufen und die blitzende Beute kollerte in ein schwarzes Loch, das in den unteren Schiffsraum führte. Der dumpfe Ton eines Beilschlages tönte in gleichmäßigem Takte herauf. Der Fang war ein außerordentlicher in den letzten Wochen, man mußte auf eine Wanderherde geraten sein. Die Gelegenheit hieß es ausnützen.

Man fischte Tag und Nacht mit Ablösungen, während man zugleich draußen in der See lange Leinen mit Legangeln schwimmen hatte, welche leere Fässer oder lange Stangen auf der Oberfläche hielten. Ein beißender Geruch erfüllte ringsum die Luft, das Deck war glitschig von Fett und Blut, der Laderaum füllte sich zusehends. Henning, der Patron, und Kapitän Hanson machten frohe Gesichter, das Kompagniegeschäft machte sich. Es war aber auch ein Wunder, wie Henning, doch eigentlich ein Südseemann seinen früheren Fahrten nach, sich auf das Geschäft da droben verstand. Das ging alles am Schnürchen, und er selbst arbeitete mit Beil und Angel und kam seit Monaten nicht aus seiner fettigen Lederjacke.

Das hätte er auch nicht geglaubt: da heroben im Eismeer sollte er noch das Glück finden, dem er nachgejagt durch alle Zonen der Erde.

Der junge Mann am Hintersteuer, mit der braunen Wollmütze auf dem Blondhaar, war der eifrigste der Fischer, er verwendete keinen Blick von der Angel, versäumte keinen Wurfdurch ein Gespräch mit seinen Nachbarn, automatisch vollzog sich jede Bewegung, sein Geist war offenbar nicht bei der Sache.

Ein weiblicher Kopf erschien in der Luke, dicht hinter ihm, welche in den Kajütenraum führte; das offenbar lockige dichte Schwarzhaar war aufgelöst von der Feuchte, welche alle Winkel durchdrang, und hing in Strähnen die braunen Wangen herab. Ein purpurnes Tuch umhüllte dicht die zierliche Gestalt. Die Farbe wirkte grell in dem öden Grau ringsum.

„Lars! Wie lange läßt du uns noch warten?‟ rief eine Stimme, deren metallener Klang alle Köpfe sich wenden ließ.

Der junge Mann sprang auf, noch einen Fisch auf das Deck schleudernd. „Hundertundzwanzig!‟ zählte er. „Jetzt komme ich, Nizam, — ganz heiß ist mir geworden.‟

„Hu, und mir gefriert das Blut in den Adern. Nimmt es denn noch nicht bald ein Ende?‟

„Ein Ende? Du bist gut! Wenn es doch ein Jahr kein Ende nähme, — zwei Jahre —hei, das gäbe ein Geld, sechshundertmal einhundertundzwanzig — ein Schloß gäbe es, Nizam, wie wir uns oft ausgemalt im Turm zu P.....‟

„Was hilft mir ein Schloß, wenn ich erfroren bin.‟

„Erfrieren, du?‟ Der junge Mann sprang in die Luke und drückte das Weib an seine breite Brust. „Wie kannst du denn da erfrieren? Ist's da nicht schön warm, bei deinem Lars —‟

Nizam lachte, daß die weißen Zähne blitzten. „Da schon, — da — aber wie oft bin ich denn da — den ganzen Tag nicht —‟

„So, — und was ist denn mit den anderen ihren Mädchen und Frauen, die ein halbes Jahr auf solchen Platz warten müssen? Die müßten ja sterben vor Sehnsucht und Verlassenheit —‟

„Die, Lars, nein, die sterben nicht, — die frieren auch nicht, — die sind schon ausgefroren da drinnen. Komm' mir nicht immer mit den anderen, ich will nichts wissen von den anderen.‟Nizam warf zornig den Kopf auf. „Bin ich denn wie die anderen? Küsse mich, Lars, und sage mir, ob ich bin wie die anderen?‟

Ihre Lippen brannten ihm entgegen, die dunklen Augen waren feucht. Lars erfaßte der alte Taumel. Sie küßten und flüsterten in dem dunklen Raum, mitten unter dem feinen Sprühregen, der sich durch die offene Luke auf sie herabsenkte.

In der engen Kajüte saßen Henning und Hanson, der Kapitän; das Mahl stand unberührt vor ihnen. Sie rechneten und schrieben Zahlen um Zahlen auf die rohe Holzplatte des Tisches; ein vom Deckbalken herabhängendes Öllämpchen beleuchtete die bärtigen Köpfe der Männer.

„So und so viel hundert große Kabeljau, das Hundert zu neun Centner, und so und so viel Hundert Mittelware zu sechs, — im Ganzen etwa hundertundvierzig Tonnen, ein Drittel davon dem Reeder, ein Drittel dem Kapitän, ein Drittel Henning, das macht ein hübsches Geld aus, — das nächste Jahr rüstet mandann selbst ein Schiff aus, steckt das Drittel des Reeders selbst ein —‟

Die Köpfe wurden immer röter im Eifer der Rechnung.

„Henning, warum haben wir uns nicht früher getroffen?‟ meinte der Kapitän, „es wäre manches anders gekommen, — wir wären reiche Kerle geworden zusammen —‟

„Können wir ja noch werden, Kapitän,‟ erwiderte Henning lauernd, „wer hindert uns denn daran?‟

„Allerhand!‟ Hanson seufzte schwer auf und trommelte mit den Fingern auf dem Tische. „Wir hätten uns zusammengethan, — alle unsere Interessen verbunden. Das gehört dazu, sage einer, was er wolle —‟

„Na also, Kapitän, los! Thun wir uns zusammen, ich biete die Hand.‟ Henning reichte seine Hand über den Tisch.

Der Kapitän ergriff sie nicht. „Nützt nichts — gerade heraus — der Junge steht dazwischen, den Ihr Euch aufgebunden —‟

„Der Lars?‟

„Ja, der Lars, — der gehört doch einmal her, — der dritte aber will ich nicht sein, mit dem nicht, mit dem Buben. Hat es denn seine Richtigkeit mit der Heirat? Mir könnt Ihr's ja sagen, — die Leute glauben nämlich nicht daran, — seit wann traut man denn Kinder?‟

Hansons Stirn zog sich in zornige Falten, und der rote buschige Schnurrbart sträubte sich.

„Das müßt Ihr mit Eurem schwedischen Pastor ausmachen — bei uns wär's nicht so leicht gegangen. Wenn er nicht nachgiebt! Mein Gott, die Nizam, was wußte die davon! Ich habe keine Zeit gehabt, ihr Religionsstunden zu geben auf dem Schiff. Sie wollt' ihn einfach haben. Ins Wasser wäre sie mir gegangen, hätt' ich nein gesagt —‟

„Laßt Euch auslachen, — ins Wasser, die? Wegen dem Burschen? Hättet Ihr sie nur aufs Schiff gebracht ohne ihn, — sie wäre nicht ins Wasser gegangen, ich steh' Euch gut, — wäre nur der verdammte Pfaffe nicht gewesen, heut noch, Henning, kriegt' ich sie herum —‟

„Und Ihr hättet sie wirklich —?‟ Ein ärgerliches Erstaunen malte sich in Hennings Zügen.

„Zu meiner Frau gemacht hätte ich sie, was denn sonst, und alles wär' in schönster Ordnung.‟

„Verdammt! Kapitän Hanson! Das wäre freilich —‟ Henning preßte die Faust auf den Tisch und schüttelte den Kopf; „aber wer kann das wissen —‟

„Das muß man wissen, daß so ein Weib, wie Eure Tochter, zu gut ist für einen — wenn man Augen im Kopfe hat. Ich hasse den Tölpel, — gerade heraus.‟

Lars trat ein mit Nizam. Über ihr Antlitz war ein Schimmer von Glück gebreitet, sie lachte über die Zahlen auf dem Tische.

„Warum denn so ernst, Kapitän? Nach einem so glücklichen Tag, hundertundzwanzig Stück der Lars allein! Noch nicht lachen?‟

Nizam zupfte mit den kleinen Händen an den struppigen Rotbart. „So, jetzt sind Sie viel schöner, — wenn Sie erst keinen Bart hätten,— Lars darf nie einen Bart tragen. Leidet's denn Ihre Frau?‟

„Ich habe Ihnen schon oft gesagt, ich habe keine Frau.‟

„Nun ja doch, — Frau!‟ Nizam lachte sonderbar. „Ich kann ihn auch nicht ausstehen, den Namen, — also Ihre Freundin! Nicht wahr, Lars, ich bin auch nicht deine Frau, sondern deine Freundin —‟

„Sprich nicht so frevelhaft, du bist meine Frau vor Gott und der Welt, jawohl, Herr Kapitän, in Bergen war die Trauung, Birger hieß der Pastor —‟

„Was kümmert mich der Pastor, — ich bin doch deine Freundin. Das klingt viel schöner, nicht wahr, Kapitän?‟

„Viel schöner, finde ich auch. — Frau! Da läuft's mir ganz kalt über den Rücken, man sieht ein altes Gesicht und eine große Haube und hört zanken und streiten —‟

„Und ich muß immer an P..... denken, an das Predigerhaus, wenn sie beisammensaßenmit ihren steifen, blassen Gesichtern. — Hu, mich friert!‟

„Aber das ist ja sehr einfach, lassen Sie ihm die Frau, wenn er's nicht anders thut, die Freundin ist dann frei für mich.‟ Hanson lachte lärmend.

Nizam warf ihm einen schelmischen Blick zu.

„Einverstanden, Herr Götrek?‟

Ein heftiger Stoß erschütterte das Schiff, das sich ächzend auf die Seite legte.

„Das Wetter ändert sich,‟ ergriff Lars die Gelegenheit, ein Gespräch abzubrechen, das eine ihm peinliche Wendung nahm, und zur Bestätigung pfiff und knarrte es oben im Takelwerk, ein schwerer Gegenstand kam auf Deck ins Rollen.

Der Kapitän entfernte sich eilig; gleich darauf hörte man oben seine gellende Stimme, die Befehle austeilte.

Man befand sich in nächster Nähe der Fär-Oer-Inseln mit ihren Klippen und Bänken, da war nicht zu spaßen.

„Du mußt dich besser zum Kapitän halten,‟begann plötzlich der alte Henning, „ich hab' meine Gründe. Wenn er einmal einen Spaß macht, nicht gleich oben hinaus. Seeleute nehmen es nicht so genau, und am Ende gehört ein junges Weib einmal nicht an Bord —‟

„Wenn es aber einmal an Bord ist, hat er es in Ruhe zu lassen,‟ erwiderte Lars zorngerötet, „sonst kann er was erleben. Eine Frechheit, seine Freundin! Wie konntest du dazu lachen, Nizam?‟

„Spaß machen darf man doch noch. Soll er mich hassen? Warum denn?‟

„Ganz recht hat sie,‟ bemerkte Henning, mit einem gehässigen Blick auf Lars. „Der Kapitän ist ein Ehrenmann. Hätten wir ihn nur früher kennen gelernt, — alles wäre anders gekommen, wir hätten P..... nicht gesehen, das Unglücksnest —‟

„Das heißt, Ihr hättet Euer Kind verkauft um so und so viel Tonnen. Und was hättest du gesagt, Nizam?‟ Lars warf einen fragenden Blick auf sein Weib. „Die Sachemit dem Pastor in Bergen soll kein Hindernis sein —,‟ setzte er zögernd hinzu.

Da hing sie schon lachend an seinem Hals. „O du großes Kind du, mit deinem Pastor in Bergen — und wenn er mir alle Tonnen der Welt bieten würde, ich nähme ihn nicht, mit und ohne Pastor. Seid ihr's jetzt zufrieden alle zwei? Dann seid wieder gut. Gieb dem Vater die Hand, Lars.‟

Henning ergriff sie nicht, mürrisch wandte er sich ab, er müsse nach dem Wetter sehen.

Lars hatte Ablösung um zwei Uhr morgens, es war Zeit zum Schlafengehen. Doch die Reden Hennings beunruhigten ihn. Der Kapitän hatte ein Auge auf Nizam geworfen, er war reich gegen ihn, Kapitän, — wenn Nizam einmal anders dächte, — und er hatte die alte Mutter verlassen um sie, — Knut, den er geliebt. Die Mutter wird sterben vor Kummer, Knut ihn anklagen. —

Das Heimweh kam über ihn, die Gestalten der Verlassenen füllten den engen, schwülen Raum zum Ersticken — er mußte davon sprechen.

„Ich habe die kranke Mutter deinetwegen verlassen, meinen Bruder, alles! Vergiß das nicht, Nizam! Oft drückt es mich schwer —‟

„Und ich habe meinen Babe verlassen, den lieben, guten Babe, meinen einzigen Freund, das drückt mich auch schwer —‟

„Schäme dich! Wie kannst du das vergleichen, einen Vogel und eine Mutter — einen Bruder —‟

„Wenn der Vogel das Einzige war, was man lieb gehabt?‟ Nizam blickte starr auf die schwankenden Deckbalken dicht über ihrem Haupte. Lars sah deutlich eine Thräne glänzen, das Flämmchen der Öllampe spiegelte sich darin. Sie war doch noch ein größeres Kind wie er. Aller Groll war verschwunden.

„Beruhige dich,‟ tröstete er. „Knut hat mich jedenfalls gesucht bei euch und den verlassenen Babe mitgenommen —‟

„Knut! — Knut haßt mich ja, er wird sich gerächt haben an meinem armen weißen Freund.‟

Lars lachte. „Mit dem Haß ist es nicht soweit her. Wenn er nach Norderoog gekommen, hat er Babe mitgenommen und hält ihn warm, verlaß dich darauf.‟

„Wenn er das gethan, — dann — dann —‟

„Nun, und was dann?‟

„Dann bin ich ihm wieder gut. Ich war ihm überhaupt nie böse — er gleicht dir ja so —‟ Nizam schloß die Augen.

„Dann machen wir ihn zu unserem Thorhüter in unserem Schloß, das wir auf P..... bauen aus dem alten Turm,‟ flüsterte Lars, seinen Arm unter Nizams Haupt schiebend. „Und oben — ganz oben, — wo das Feuer brannte, ist das Prunkgemach, alles Gold und Samt, — draußen das weite Meer — die weißen Vögel, die Wolken —‟ Nizam träumte so halb — „Und Babe bekommt einen goldenen Käfig, —‟ fuhr Lars flüsternd fort, „und eine goldene Kette an den Füßen — und eine Goldschnur im Haar, — und die Sonne — die warme Sonne — die Blumen, große Blumen —‟

Nizam war eingeschlafen, Lars küßte sieauf die Stirn und löschte das Lämpchen. Eine rauhe Stimme weckte ihn, ein Pochen — „Ablösung‟!

Ein fahler Schimmer fiel herein durch die Luke, Nizam schlummerte tief, ein seliges Lächeln umspielte ihren Mund.

Lars mußte an das Gespräch denken, über dem sie eingeschlafen, an das Schloß am Meer.

Sorgsam kroch er aus der Koje, um sie nicht zu wecken.

Ein eisiger Wind fegte ihm entgegen, klatschend fiel der Regen auf die im Leeren rings zerfließenden grauen Gestalten — die Fischer in Reih' und Glied; und als er sich die Augen ausrieb, erblickte er, scheinbar dicht vor dem Schiffe, dunkle, riesige Umrisse — der „Halland‟ lag in einer Bucht der Far-Öl-Boro vor Anker.

Von der offenen See drang ein dumpfes Rollen, sogenannte Katzenpfoten liefen über die grünen Wasser und ließen fahle Lichter darin spielen, deren Herkunft man sich nicht enträtseln konnte; gegen die schemenhafte Felsmasse derKüste rückte schweres, tiefhängendes Gewölk durch die aschfahle Nacht.

Lars wollte mechanisch zur Angel greifen, — der Kapitän hatte heute ein anderes Geschäft für ihn. Ein Boot wurde eben freigemacht. Plätze für die Legangelleinen sollten der Küste entlang gesucht werden. Lars war zur Bemannung bestimmt. Er war dem Kapitän dankbar für die Wahl. Das Stillsitzen wäre ihm heute schwer gefallen. So war er der erste im Boote. Der vierte ließ auf sich warten; da kam Henning auf das Deck.

„Laßt mich mit, Kapitän! Habt mir den Schlaf vertrieben mit Eurem Gerede gestern.‟

Hanson lachte. „Wenn Ihr wollt, — Euer Kind ist in guter Hut —‟

Henning sprang in das Boot.

Lars hatte eine unangenehme Empfindung, es war ihm, als müsse er zurück zu Nizam, — da ertönte schon der Befehl zur Abfahrt; Henning stemmte das Ruder gegen die Schiffswand. Lars sah noch das rote Gesicht des Kapitäns sich über die Reling beugen.

„Gute Fahrt, Henning!‟

Die Gestalt wuchs riesengroß im Nebel, mit ihr das Schiff, ein spöttisches Lachen wie aus weiter Ferne, — die „Halland‟ war verschwunden, das Boot trieb ins Leere.

Lars legte sich mit aller Kraft in die Ruder, da denkt man wenigstens nicht.

Ein schmerzhafter Schlag gegen die Stirn weckte Nizam. Sie hatte sich an den gewölbten Deckbalken gestoßen, der in diesem Augenblicke fast senkrecht stand. Sie selbst lag mit dem Gesicht gegen die runde Luke, durch die ein verdächtiges Brausen und Gurgeln an ihr Ohr drang. Ein stoßweises Zerren und Reißen ging durch den ganzen Schiffskörper. Zu Häupten war die Hölle los, Fässer rollten, Ketten rasselten, geller Zuruf erscholl.

Nizam war geschmeidig wie ein Aal; rasch war sie in den Kleidern, sogar das wirre Haar vergaß sie nicht aufzubinden, dann rasch die eiserne Treppe hinauf und den Kopf herausgesteckt.— Puh, eine Sturzwelle überschüttete sie, — ringsum nichts als Gischt und Schaum, und der Sturm trommelte in den gerefften Segeln.

„Lars! Gieb doch Antwort, Lars!‟

Da stand der Kapitän vor ihr, der rote Bart triefte von der salzigen Flut, aus dem wetterharten, derben Antlitz sprach nichts weniger wie Unbehagen.

„Lars ist verreist, Madame.‟ Er ließ ein wieherndes Lachen vernehmen, doch Nizam that nicht mit.

„Wo ist Lars?‟ sagte sie in einem Tone, der auch Hanson den Spaß nicht fortsetzen ließ.

„Nur Geduld, Frauchen! Mit dem Vater ist er fort, die Küste ausspekulieren. Wird wohl wo unterkriechen bei dem Hundewetter.‟

„Mit dem Vater? Und beide haben Sie fortgeschickt?‟ Nizam stieg jetzt völlig aus der Luke heraus, ihre dunklen Augen ruhten drohend auf ihm.

„Ich, fortgeschickt?‟ Hanson machte eine ärgerliche Bewegung. „Vier Mann, darunterwar Lars, sehr einfach. Der Henning trat freiwillig ein für den vierten Mann. Das Wetter war völlig ruhig. Ich fortgeschickt — beide! Wie sich das anhört!‟

„Und wenn sie sich verirren im Nebel?‟

„Henning verirrt sich nicht; ehe es dunkelt, sind sie wieder da.‟

„Und wenn sie nicht da sind?‟

„Dann suchen wir sie, schießen wir — Herrgott!‟

„Und wenn wir sie nicht finden, wenn sie die Schüsse nicht hören?‟

„Ja dann, der Teufel — dann kann ich auch nicht dafür.‟ Der Kapitän wollte sich entfernen.

„Dann töte ich Sie.‟ Nizam war jetzt erdfahl im Antlitz und in ihren Augen schossen Blitze.

Hanson lachte gezwungen. „Sie töten mich nicht.‟

Das Schiff nahm seine Führung in Anspruch, es zerrte und stampfte an der Ankerkette.

Noch dichter senkten sich die Nebel. Draußenknallte und brüllte das Meer, der bleiche Tag erstarb. Kein Boot kam, kein Ruf ertönte. Der Kapitän hielt Wort, er löste die Kanone an Bord. Der Schall durchdrang nicht das Tosen des Meeres.

Nizam stand ganz vorn am Bug, triefend von Feuchte, das Haar sturmzerzaust, ihr Auge durch die Finsternis bohrend. Sie bat den Kapitän auf den Knien, den Anker zu lösen, die Verirrten zu suchen. Sie drohte, stieß gräßliche Verwünschungen aus, beschwor die Matrosen, wiegelte sie gegen den widerspenstigen Kapitän auf, der ihre Kameraden schmählich zu Grunde gehen lasse — alles umsonst! In stockfinsterer, stürmischer Nacht, umgeben von Klippen und Felsen-Eilanden, kann man nicht die Anker lichten, das hieße alle verderben. Der Henning wird irgendwo Schutz gefunden haben vor dem Unwetter, und morgen kehren sie zurück, das ist doch nichts Neues auf solcher Fahrt.

Der Morgen brach an, was man hier Morgen hieß. Der „Halland‟ steuerte diefelsige Küste entlang; man erblickte kaum die schwarzen Umrisse des Gesteins.

„Näher! Warum nicht näher?‟ fragte Nizam.

„Glauben Sie vielleicht, ich will mein Schiff in der Brandung opfern?‟ erwiderte der Kapitän.

„Sie müssen alles opfern, sie zu retten.‟

„Rette ich sie denn, wenn der ‚Halland‛ sich die Rippen einrennt an den Felsen? Nur Vernunft, Frau Götrek, und wenn das Schlimmste geschieht, ich verlasse Sie nicht.‟

Nizam sah ihm bei den letzten Worten scharf in das Gesicht. Er wandte sich rasch ab und zog die Hand zurück, welche sich um ihre Taille legen wollte.

Die Schüsse des „Halland‟ schreckten nur ein Heer von weißen Vögeln auf, welche kreischend wie ein Schneewirbel die Felsen umkreisten. Der Sturm nahm an Heftigkeit zu, es war wirklich unmöglich, ein Boot auszusetzen, und die Nähe der Küste war eine ständige Gefahr.

Nizam war ermattet vom Rufen. Die Seevögel verhöhnten sie nur. Da war es ihr, als würden die Umrisse der Felsen immer unklarer, entweder der Nebel wurde dichter, oder das Schiff entfernte sich davon. Sie eilte zum Kapitän am Steuer, beschwor ihn auf den Knien.

„Meine Pflicht ist, das Schiff zu halten, — bei ruhigem Wetter kehren wir zurück; außerdem bin ich nicht schuld, daß Ihr Vater mitsegelte, — ich habe ihn nicht dazu bestimmt.‟

„Und Lars, mein Lars, meinen Gatten, haben Sie den auch nicht bestimmt?‟

„Lars steht im Schiffsdienst wie jeder andere, — Seemannslos. Wir sind selber noch nicht heil zu Hause.‟

Nizam eilte von Matrose zu Matrose, schilderte die Qualen der Verlassenen, den furchtbaren Vorwurf der Überlebenden, forderte zum Widerstand gegen den Kapitän auf. Sie fand kein Gehör, im Gegenteil, man lachte, tröstete sie mit cynischen Worten. Die begehrlichen Blicke, die sie schon seit Monaten umlauerten, wagten sich immer frecher hervor.Das gab ihr den Rest, der Wahnsinn packte sie, man mußte sie vor sich selber schützen, sie hätte sich in das Meer gestürzt, — handfeste Arme ergriffen sie, trugen sie die Treppe hinunter, die Kojenthüre fiel in das Schloß, der Riegel wurde vorgeschoben, — vergebens tobte sie mit den Fäusten dagegen, bis ihr die Besinnung schwand.

Die „Halland‟ eilte mit Volldampf dem offenen Meere zu.

Der Barometer stand schlecht. Mit dem ruhigen Wetter und der Rückkehr, von der der Kapitän sprach, war es eine höchst fragliche Sache.

Als die alte Götrek einige Monate nach dem spurlosen Verschwinden ihres Sohnes mitten in der Sommerszeit sich zum Sterben legte, setzte sie ein Testament auf.

Es war das sonst nicht Sitte hier zu Lande, wenn Kinder im Hause, die sich auch ohne Geschreibsel friedlich in die kärgliche Hinterlassenschaftteilten, aber das war ein ganz besonderer Fall.

Dem Lars, dem Liebling, war nichts zu hinterlassen an irdischem Gut, er war den bösen Mächten verfallen, tot oder lebendig, da gab es nur eines, was noch nützen konnte, und das sollte sein Anteil sein, ein Sühnopfer, Gott wohlgefällig und den Menschen nützlich, auf daß sie den armen Sünder im Gebete nicht vergessen.

Schon lange ging die Rede davon, einen Leuchtturm zu errichten auf P....., dessen Sandbänke eine stete Gefahr für die Schifffahrt waren. Es knüpfte sich auch nach altem Seerecht allerhand Vorteil daran für die Gemeinde, Minderung der Steuer, Hafenrecht und dergleichen, es fehlte nur immer an Geld und Einigkeit.

Daran dachte die Sterbende; der alte Turm führte sie darauf, in dem der Teufel ihr armes Kind verführt, wie Knut ihr oft erzählt. Er war oft genannt worden in der Leuchtturmfrage, ja, er soll schon einmal solchen Dienstverrichtet haben, ging die Sage, aber zum Verderben nur, anstatt zum Segen, indem sein trügerischer Schein die Schiffe auf den Grund lockte, die dann den Räubern reiche Beute boten, — so war er doppelt geeignet zur Sühnstatt; und jeder Schiffer sollte des Lars gedenken und aller anderen armen Seelen, die der Böse hier geblendet.

„Was an barem Gelde in der blauen Truhe sich findet, das bestimme ich für den Bau eines Leuchtturms, und zwar soll der alte Turm von P..... dazu verwendet werden, wie im Gemeinderat schon oft beschlossen.‟

So stand es im Testament, das Knut in Gegenwart des Pastors öffnete.

Nun waren zweihundert alte Holsteiner Thaler, wie sie sich in der blauen Truhe vorfanden, keine Summe für solchen Bau, aber die Anregung war von neuem gegeben, auch wollte man des Geldes nicht verlustig gehen, das nur zu diesem Zwecke der Gemeinde bereit lag, weitere mildthätige Stiftungen schlossen sich daran; nach Jahresfrist begann der Umbaudes alten Turms, nachdem die obrigkeitliche Bewilligung eingeholt war, ein weiteres Jahr darauf ergoß sich ein greller gelber Lichtkegel von ihm aus, weit hinaus in die Nacht des Weltmeeres.

Als sein Wächter aber war Knut Götrek bestellt, der Sohn der wohlthätigen Erblasserin, der sich selbst zu dem beschwerlichen Dienst gemeldet. Von da an war er gar nicht mehr zu sehen, die Bewirtschaftung der kleinen Werft, die er ererbt, hatte er den Nachbarn überlassen; das Haus lag einsam, verlassen mit geschlossenen Luken, wie ein verlassenes Wrack.

Der Turm hatte nicht gewonnen durch die Neuerung, die mit ihm geschehen. Man fand seinen alten verwitterten Leib noch so trefflich gefügt und widerstandsfähig, daß man nicht daran dachte, ihn durch einen neuen zu ersetzen; so wurde ihm einfach ein neues, wetterfestes, blankes Haupt aufgesetzt, das sich gar seltsam heraushob aus dem zerschlissenen Gewand würdigen Alters, das ihn umflatterte. Tags erschien er drollig, einfach zum Lachen, wie einalter zerlumpter Bettler, der irgendwo einen neuen Hut aufgetrieben und damit sich brüstet. Nachts aber, wenn sein schwarzer, massiger Schaft sich aus dem Dunkel hob, die Lichtblitze aus dem behelmten Haupt ihr Spiel trieben in dem brüchigen Gestein, in den schwarzen ginsterüberwachsenen Höhlen und Fensterbogen, in den von ewiger Feuchte triefenden Quadern des Grundbaues, da erwachte er zu seltsamem Leben, da war er groß, eine stolze Leuchte des Meeres.

Dicht unter der Laterne war die Wachtstube Knuts; der gotische Fensterbogen mit den zerborstenen Drachenköpfen war frisch ausgeglast und bot weite Rundsicht dem Meere zu. Der Raum war groß und nahm fast den ganzen Turm ein, ein eiserner Herd, ein lederbezogenes Lager, ein eichener Tisch, die blaue Truhe der Mutter waren die einzigen Geräte. Eine Holztreppe führte hinauf in den Laternenraum. Schweres Gebälk verkleidete die Mauern; wo diese sichtbar waren, zeigten sich da und dort geschwärzte Stellen, die stammten von demBrande des Liebesnestes. Es war derselbe Raum.

Auf dem Holzgesimse lagen halbverbrannte Muscheln, Korallenzweige, buntes Meergestein. Auf einer Stange, dicht am großen Lugaus, saß Babe, der Kakadu.

Er stritt tagein tagaus mit den weißen Seevögeln, die sich in kühnen Bogen am Fenster vorbeischwangen, den seltsamen Vetter neugierig betrachteten und ob seiner Gefangenschaft verhöhnten. Des Nachts aber, wenn der Lichtschein herabfloß von der Höhe und weit hinaus über die Wogenkämme, da saß er ganz still an der Seite seines Herrn.

Tauchte aber ein Licht auf am Horizont, dann stellte er den Kamm auf und schüttelte sein Gefieder.

Knut war glücklich über seinen neuen Aufenthalt; die alte Hütte war ihm verhaßt, es knüpften sich zu schmerzliche Erinnerungen für ihn daran.

Gewohnt, den Tod die kraftstrotzende Jugend hinwegraffen zu sehen, hatte das Ende der altenMutter nichts Tragisches für ihn, aber den Lars konnte er nicht vergessen; der Zorn über seine schmähliche Flucht war längst verraucht, die Liebe war geblieben. Er verwandelte sich in seinen Augen immer mehr zum verführten Kinde, von einem bösen Zauber verführt, dessen teuflische Wirkung er ja selbst an sich verspürt.

Die Spur Hennings und seiner Tochter hatte er nach langem Suchen glücklich aufgefunden, bis auf den Namen des Schiffes, auf dem sie sich befanden. Daß Lars bei ihnen war, blieb immer noch Vermutung, nichts Bestimmtes ließ sich darüber erfahren. Aber Knut schwur darauf. Was auf der Welt hätte sonst seinen Lars ihm untreu machen können, als diese Hexe. Ja, das war sie, eine ausgemachte Hexe, wie man sie vor achtzig Jahren noch verbrannt hatte auf dem Markte zu P....., gerade so eine.

Seit einem Jahre bewohnte er jetzt diesen Raum. Er war doch völlig ausgebrannt damals, dann war er neu gezimmert worden, und noch immer roch es seltsam herinnen, wienach fremdländischen Spezereien, die einem zu Kopfe steigen und schwüle Bilder erzeugen im Hirn.

Oder war nur der Vogel daran schuld, den er zu sich genommen?

Seltsame Gedanken kamen ihm oft, Erinnerungen an in der Jugend Gehörtes, Gelesenes. Wenn in ihm der ganze böse Zauber steckte? Klug war er wie ein Mensch, und wenn er ihn im Dämmerlichte der Stube so starr anblickte mit seinen roten Augen, sprach wie ein Mensch, dann ward es ihm ganz unheimlich. Wiederholt hatte er schon seinen Tod beschlossen, — er fand nicht den Mut dazu, der Ausgang war immer, daß er ihn herzte und streichelte, seinen einzigen Freund.

Zum zweiten Male war der Herbst gekommen und kehrten die Fischerboote aus dem Nordmeere zurück. Knut las mit Eifer die Berichte, die Namen der Schiffe, der Reeder, von schweren Verlusten an Menschenleben, Schiffbruch und Verschollenerklärung.

Nichts von der „Halland‟.

Eine stürmische Novembernacht! Dichter, großflockiger Schnee fegte durch den undurchdringlichen Nebel und verklebte die Fenster. Außen pfiff und sang es um die Ecken, innen ächzte und stöhnte es durch den Schacht herauf, knarrten die schwankenden Dielen. Vom Meer her ertönte das wüste Geheul der Sirenen, dann und wann tauchte ein schwacher Lichtschimmer auf im brüllenden Chaos. Heute galt es sich bewähren für den Turm von P.....

Knut scheuerte unermüdlich an den Hohlspiegeln der mächtigen Laterne, welche, auf einen eisernen Rahmen gestellt, sich fortwährend gleichmäßig drehten, um das für den Turm vorgeschriebene intermittierende Licht zu erzeugen. Der ganze Turm schwankte, und das Uhrwerk, welches die Drehung des Rahmens besorgte, knarrte und ächzte in allen Fugen.

Er war das blendende Licht schon gewöhnt und die Glühhitze in dem engen Raum, nur wenn er dann die Wendeltreppe hinabstieg in den Wachtraum, überkam ihn oft ein Schwindel,und die sonderbarsten Sinnestäuschungen äfften ihn augenblicks.

Jetzt glaubte er Schritte zu vernehmen — von unten herauf — auf der Treppe — deutlich — ganz leise Tritte, — als ob man so etwas hören könnte in dem Unwetter, in dem Gestöhn und Geknarr ringsum. Er horchte gegen die Fallthür hinab. Wer sollte denn kommen in dem Wetter?

Da kreischte Babe auf — Knut kannte seine Sprache —, doch das waren ihm fremde Laute, nicht Zorn, nicht Freude, nicht Sehnsucht, — dann wieder die Stille —

Er riß die Fallthür auf, die Lichtfülle von oben stürzte herab in den Raum, er mußte sich an das Geländer halten — das war ein neues Phantom, das sich ihm zeigte, ein riesiger Schatten, der sich an der Decke brach, ein menschlicher Schatten.

„Wer da?‟ rief er rauh, von einer fremden Angst gepackt.

Ein unterdrücktes Weinen drang herauf, — der Schatten bewegte sich vor. Plötzlich flogBabe kreischend vorüber. „Larrrs! Larrrs!‟ Dann folgte das eigentümliche Kollern, der Ausdruck der höchsten Freude.

„Wer da?‟

Knut stieg hastig herab. Er hatte nicht mehr Zeit, die Fallthüre zu schließen, den Arm zu dem Zwecke erhoben, blieb er wie gebannt stehen.

Vor dem Eingange zum Wachtraum stand ein Weib, Schneeflocken hingen in dem schwarzen Haar, auf dem wollig bunten Shawl, in dem sie einen Gegenstand gehüllt trug; auf der Schulter des Weibes aber saß Babe, der Kakadu, mit den Flügeln schlagend, sein „Larrrs!‟ kreischend.

Es war Knut, als ob die Stufe unter der Schwere seines Körpers wankte, der ganze Turm.

„Nizam!‟ Er wagte sich nicht heraus mit dem Namen, flüsterte ihn nur.

Die Gestalt nickte mit dem Haupte. Da stand er schon vor ihr, die Arme ausgestreckt, ihr Antlitz durchforschend, — es war fahlund gelb, tiefe Furchen zogen sich darin hin, nur die Augen leuchteten wie einst, und das Haar erfüllte mit seltsamem Duft den Raum.

„Nizam!‟

Nochmals nickte sie mit dem Kopfe.

„Und Lars? Wo ist Lars?‟ Knut fragte drohend, Rechenschaft fordernd.

Da löste das Weib das Tuch, — blondes Gelock leuchtete im grellen Lichte, das herabfiel durch die Fallthür, ein Kinderantlitz wandte sich geblendet, die Fäustchen vor die Augen drückend.

„Sein Kind? Meines Lars?‟ Knut beugte sich über das holde Wunder, er vergaß einen Augenblick das Weib vor ihm, den Bruder. „Und er — er ist tot?‟ fragte er dann plötzlich mit unsicherer Stimme. „Was ist mit Lars? Sprich! Was habt ihr gemacht mit meinem Lars? Tot?‟

„Wer spricht von tot? Ich komme, ihn zu erwarten — er muß ja wiederkommen.‟

„Erwarten? Wiederkommen? Hat er dichzum Teufel gejagt, oder bist du ihm davongelaufen? Bringt dich die Not hierher?‟

Nizam nickte mit dem Kopfe. „Die Not! Nichts sonst, verlasse dich darauf, der Kleine hier, — mein Knut!‟ Das Weib sank in die Knie und drückte schluchzend das Kind an sich.

Knut preßte die Fäuste zusammen. „Knut heißt er? Wirklich Knut? Und Lars — Lars hat ihn so genannt? Ich bin ganz wirr — du mußt schon — komm, Nizam, — bei dem Wetter mit dem armen Kind?‟ Er hob mit bebenden Händen das Weib vom Boden auf und führte es zu dem Sitz am Herde.

„Jetzt erzähl' mir von Lars! Er lebt ja — sagst du, — der Lars —‟

Und Nizam erzählte von Lars, während der kleine Knut, von der behaglichen Wärme gelockt, aus der mütterlichen Hülle kroch und mit Babe sein Spiel trieb. Sie erzählte von der letzten Stunde, die sie mit Lars verlebt, wie er noch an die Mutter gedacht, und des Bruders, wie das Heimweh ihn beschlichen, vonihrem qualvollen Warten, von dem Kapitän, der taub gegen ihre Bitten, der sie eingeschlossen wie eine Wahnsinnige, von den furchtbaren Wochen, die nun folgten, verlassen, hilflos unter den rohen, lüsternen Männern, bedrängt von dem Kapitän, der sie als seine willkommene Beute betrachtete, — und sie immer festen Glaubens an Lars' Rettung. Die „Halland‟ selbst litt schwer Schaden im Sturme, nach Monaten liefen sie erst in einem kleinen Hafen Norwegens ein.

Da stand sie nun, entweder die Beute des verhaßten Mannes, oder des Elendes! Sie wählte das letztere. Der Winter stand vor der Thür. Sie verdingte sich als Magd. Im Frühjahr genas sie eines Knaben.

Jetzt mußte er ja zurückkehren, der Lars, oft kam es vor, daß das Eis verirrte Fischer den Winter über zurückhält, — aber er kam nicht, nur die Not kam, die bitterste Not! Niemand wußte etwas von Lars und dem Vater in dem Bureau der Reederei, zu welcher die „Halland‟ gehörte.

Im Sommer ging es. Sie arbeitete auf dem Felde, um den Kleinen zu ernähren. Lars kam immer noch nicht, — aber der Winter kam. Sie fühlte sich krank und schwach, jetzt galt es das Leben des kleinen Knut.

Es gab nur zwei Wege — zurück zu dem Kapitän der „Halland‟, er wird ihr nicht die Thür weisen, was er auch begehrt dafür, — es gilt das Leben ihres Kindes, — oder zu dem Bruder des Lars nach P.....

„Du siehst, wie ich gewählt, jetzt verstoße mich, liefere mich dem Gerichte aus, was du willst, nur den Kleinen nimm auf, das Kind deines Lars.‟

Knut verlor keinen Blick von Nizam. Sie erschien ihm jetzt wieder so blühend wie damals, als er sie zum ersten Male sah im Hause der Mutter, nur das Hexenhafte war völlig verschwunden, der sündhafte heiße Blick, der sein Blut damals sieden machte; es war nur noch Mitleid, liebevolles Mitleid, das er für sie empfand.

„Und du hoffst noch immer auf seine Wiederkehr?‟ fragte er.

„Ich muß hoffen, wenn ich leben will.‟

„Obwohl das zweite Jahr schon um?‟

„Und wenn das dritte und vierte um, ich werde noch immer hoffen und auf ihn warten.‟

„Das ist lange, Nizam, drei, vier Jahre warten.‟

„Lange?‟ Nizam sah Knut seltsam forschend an. „O, ich verstehe dich — ich will dir nicht zur Last fallen, — ich will hier nicht warten, —‟ sie erhob sich jäh, „nicht einen Tag — nur das Kind, —‟ Thränen erstickten ihre Stimme, dann färbten sich plötzlich ihre Wangen dunkelrot, und die Augen leuchteten wie damals, so drohend — „nein, auch das Kind nicht!‟ Mit hastigem Griffe nahm sie es auf und schlug das Manteltuch um die Schultern.

Doch Knut stand vor ihr in seiner ganzen Breite.

„So, meinst du, Nizam?‟ Er lachte zum ersten Male wieder, seit Lars ihn verlassen. „Und du glaubst, das geht dir so durch, mit deinem Trotzkopf? Ei natürlich, — hier habe ich allein zu befehlen, und ich befehle: dageblieben,Mutter und Kind, — das heißt, nicht hier, in einem Raum mit dem Knut, brauchst dich nicht zu ängstigen, — das — das möcht' ich selber nicht — gewiß nicht, — ginge auch gar nicht, schon wegen dem Dienst, — aber drüben auf der Werft — da kannst du hausen und warten, — ich — ich werde dir nicht oft lästig fallen, ich verspreche es dir. Was ich noch fragen wollte — ihr seid doch getraut, du und der Lars?‟

„Ja, das sind wir, — zu Bergen war es. Mir wär' es wohl gleich gewesen, aber der Lars wollte es nicht anders —‟

„Lästere nicht, Nizam, das war gut vom Lars. Jetzt mach' dir's bequem, dort auf dem Lager. Hier sind Decken und Kissen. Die Suppe steht am Herd. Ich muß nach oben sehen.‟

„Und wo schläfst du, Knut?‟ fragte Nizam.

Er wich ihrem Blicke aus. „Ich schlafe nicht heut nacht. Das Wetter ist stürmisch. Kümmere dich nicht um mich.‟ Er verschloß die Thür und stieg schweren Trittes die Wendeltreppe empor.

Nizam sah ihm starr nach. Wie er doch Lars glich! Die Lichtflut saugte ihn förmlich auf, die herabdrang zu der geöffneten Fallthür; dann schloß er sie.

Nizam war allein mit dem Kleinen und Babe.

Die wohlige Wärme des Raumes, die kräftige Suppe, die sie mit dem Bübchen teilte, das weiche Lager, das ihrer wartete, — schon lange fühlte sie sich nicht mehr so behaglich. Eine wohlige Müdigkeit überkam sie. Der kleine Knut schlummerte so süß, durch die Spalte der Fallthür brach es wie ein himmlischer Glanz. Auf der Lehne des Stuhles saß Babe, sie regungslos betrachtend. Sie dachte der kleinen Koje im „Halland‟, der letzten Worte des Geliebten: „Wenn er nach Norderoog kommt, hat er Babe mitgenommen und hält ihn warm, verlaß dich darauf.‟

„Dann bin ich ihm wieder gut, — ich war ihm überhaupt nie böse, — er gleicht dir ja so‟ — genau so sagte sie —, „und oben ist das Prunkgemach — alles Gold und Samt, —draußen das weite Meer, — die weißen Vögel, — die Wolken. Und Babe bekommt einen goldenen Käfig — und eine goldene Kette um die Füße — und eine Goldschnur ins Haar —‟

Neben dem Laternenraum war eine kleine Kammer, in der das Putzzeug lag, Haufen von Werg, krauses Handwerkszeug. Hier saß Knut, der Wächter, das Haupt in die Hände vergraben. Sie war das eheliche Weib seines Bruders, die Mutter seines Kindes, es war seine Pflicht, sie zu schützen. Wenn das die Mutter erlebt hätte, sie hier im Sühneturm, die Hexe von Norderoog! Unsinn! — Hexe! Aberglaube! Spricht der Böse aus diesen Augen? Und wie zärtlich sie mit dem Kinde ist, mit dem kleinen Knut, die beste Mutter! Armer Lars, solches Glück verscherzen! Und wenn er wiederkehrt, wenn er ihm alles geben kann, was er ihm sorgfältig verwahrt, Weib und Kind! Aber er kehrt nie wieder, niemehr, das Meer giebt keinen zurück. Zwei volle Jahre. Nie mehr!

Es litt ihn nicht mehr in dem engen Raume. Im Leuchtraum saugt das glühende Licht an seinem Gehirn, — so trat er auf die eiserne Galerie hinaus in das Freie. Da fiel ihn der Sturm an, wie ein Feind, und der feuchte Schnee umwirbelte seine heiße Stirne — draußen brüllte das Meer in der schwarzen Leere, und im Lichtkegel des Turmes bäumten sich weißleuchtende Fabeltiere, sich gegenseitig verschlingend, — dann und wann tönte der Klagelaut einer Sirene, oder das Tuten eines verirrten Fischers, — das stärkte seine arme irre Seele.


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