Plötzlich begann er ganz unvermittelt und vor unterdrückter Bewegung fast automatenhaft redend: »Wir sprachen neulich einmal über die Möglichkeit eines immateriellen Fortbestehens, Fräulein Esther.
Wissen Sie noch, ich leugnete das Jenseits und die Seele? – Ich habe Unrecht gehabt. Ich weiß jetzt, daß ich Unrecht hatte.
Es giebt eine Seele, und es giebt einen Himmel, in dem uns wird, was wir auf Erden entbehrt haben. Das läßt sich nicht mit Sätzen der Wissenschaft beweisen – das muß man gefühlt haben.
Man muß nur einen Menschen über alles lieb haben, dann will man auch mit ihm die Ewigkeit. Dann will man nichts von der ewigen Seligkeit, als diesen einen Menschen – dann glaubt man an das Jenseits und die ewige Vereinigung der Seelen – trotz aller Erkenntnisse der Wissenschaft.«
Er schwieg und sah sie erwartungsvoll an. Doch als sie nichts sagte, nur den Kopf tiefer senkte, fragte er wie mit zugeschnürter Stimme: »Fräulein Esther, wollten Sie keinen Himmel?«
Sie sah ihn nicht an, antwortete nur still vor sich hin: »Menschen wie ich bin, wollen keinen Himmel. Es ist ihnen kein Verzichten auf Erkenntnis – es giebt ja zu viele unerklärliche Dinge, an die sie glauben, als daß nicht auch der Traum von einem Jenseits zur Wirklichkeit werden könnte. – Wir wollen nur keinen Himmel, weil wir dort drüben nicht zu leben verstünden. Denn wir sind nicht zur Freude geschaffen – wir würden den Kampf entbehren – und den Schmerz – und die Einsamkeit. Denn das alles haben wir lieben gelernt, als uns die Erde nichts anderes zu bieten hatte.
Wir können nie mehr in der Freude zu Hause sein.«
Und wieder war es still zwischen ihnen, bis auf das heimliche, bebende Leben über den Gräbern. Ein leichter Wind rührte die Blätter des Nußbaums. Das war wie ein Aufseufzen der Toten, die Rede begehrten.
Doch zwischen den Lebenden blieb das Schweigen. Nur war es Esther plötzlich, als würde sie weit fortgetragen – weit, durch ein stürmisches, sonniges Land. Felsen sah sie ragen und rote, heiße Blumen an Abhängen blühen. Und das wilde Lied des Lebens klang um sie. –
Sie sah auf und in ein bleiches, vor Erregung verzerrtes Gesicht.
»Esther! Esther! Sie wissen, was ich sagen will – Esther, deine Seele will ich – –«
Sie sah ihn starr und wie ganz aus der Ferne an. »Meine Seele?« sagte sie, und langsam gingen Thränen aus ihren Augen. Sie vergaß in diesem Augenblick den Menschen neben sich.
Doch der sprach weiter: »Esther, ich glaubte zu wissen – ja, Sie haben es mir gezeigt, daß ich Ihnen nicht gleichgültig bin – Esther – –«
Sie sah plötzlich wieder sein gequältes Gesicht über sich – und da legte sie ganz leise den Arm um seinen Hals und sagte: »Ja, ich habe dich lieb.«
Und sie küßten einen leisen, zitternden Kuß.
Und keines von ihnen wiederholte die Zärtlichkeit. Schweigend gingen sie nebeneinander zurück über die Heide, die purpurn schillerte vor lauter Sonnenlicht.
Purpurn schillerte die Heide vor lauter Sonnenlicht.
Sie gingen nicht mehr zusammen auf den kleinen Kirchhof – sie suchten alles auf, was froh und leuchtend war.
Wie die Kinder gingen sie miteinander Hand in Hand. Und sie machten Entdeckungen in der altgewohnten Umgebung, ihre Blicke waren so sonderbar für alle Außenwelt geschärft, und sie fanden auf einmal wundersam schön, was sie früher gar nicht beachtet hatten.
In den Wald kamen sie am oftesten. Es gab da so viel Buschholz, daß man sich schon verirren konnte, oder sich doch auf Augenblicke der aufregenden Vorstellung hingeben, man wüßte nicht mehr den Heimweg zu finden, und wenn auch das einmal nicht möglich war, so konnte man wenigstens dem andern diese Möglichkeit vortäuschen.
Esther gab sich in dieser Zeit ganz der Gegenwart hin.
Eine übermütige Knabenlust, ihre Körperkräfte zu erproben, überfiel sie manchmal. Dann forderte sie Arne zum Ringkampf heraus und sie balgten sich miteinander wie Gassenbuben.
Dann lagen sie wieder ausgetobt und beschaulich geworden am Waldsaum.
»Ach wenn ich doch lieber ein Mann wäre!« seufzte Esther.
»Dann wärst du kaum erst mit dem Gymnasium fertig – ein Student in den ersten Semestern!«
»Ja, das ist wahr: man kommt sich als Frau älter vor.
Eine Zeitlang war ich ganz alt. Nun ist es aber wieder, als sollte alles erst anfangen – fast als ob ich noch nicht mitrechnete unter den ›Erwachsenen‹.
Weißt du noch, wie man als Kind die Erwachsenen sieht: so unendlich weise und interessant und eingeweiht in die Geheimnisse des Lebens.
Und man denkt daran, wie an eine ferne bevorstehende Ehrung, daß man auch einmal zu ihnen gehören wird.«
Er sah sie an mit seinem strahlenden, frohgemuten Blick. »Mir ist es nun doch lieber, du bist eine Frau und kein Mann,« sagte er mit recht viel Überzeugung.
Sie wurde nachdenklich. »Hast du noch nie eine Frau vor mir geliebt?« fragte sie ernst.
»Nie,« sagte er. »Und wenn ich es wagte zu dir zu kommen, so ist es nur, weil du die erste bist.«
Da beugte sie sich nieder und küßte seine Hand.
Adam Rude hatte wieder seine Tage, wo er in »böser Laune« umherging.
Des Vaters »böse Laune« war ein nahezu geheiligter Zustand. Keinem fiel es ein, nach ihrer Ursache zu fragen – man nahm einfach die Thatsache hin, beugte sich darunter wie unter das Schicksal.
Mit finsterem Gesicht wanderte Adam Rude durch das Haus. Den größten Teil des Tages schloß er sich in dem Zimmer ein, wo das Bild seiner Frau hing – gleich einem Priester, der sein Leben im Marienkult verzehrt.
Auch zu der Verlobung seines Sohnes mit Esther hatte er erst kein Wort geäußert. Kaum wußte man, ob er wirklich verstanden hatte, bis er plötzlich bei Tisch auf eine zugleich feierliche und finstere Art den beiden zutrank.
»– und dann ist es jetzt wohl an der Zeit,« fuhr er fort, »daß man auch mich nicht mehr ausschließt, wenn alle sich du nennen.«
Er blickte zürnend um sich. Esther hatte im ersten Augenblick diese wunderliche Ausdrucksweise nicht verstanden, bis Arne über den Tisch rief:
»Der Vater möchte dich du nennen, Esther!«
Esther errötete. Sie sah Adam Rudes Blicke so unbegreiflich zornig und schmerzlich auf sich gerichtet, wurde davon ganz verwirrt und wußte keine Antwort. Sie hob nur in schweigender Erwiderung ihr Glas gegen ihn.
Eine quälende Stille wurde nur ab und zu durch Arnes ungedämmte Fröhlichkeit unterbrochen. Eliza duckte sich ganz verstört zusammen wie ein Vogel im Gewitter.
Nach Tisch ging Esther dem Alten nach. Sie sagte: »Sie sollen mir nicht böse sein, ich wollte ja so gern, daß Sie mich Du nennen – aber ich habe es lieber, wenn ich zu Ihnen Sie sagen darf.«
Vielleicht sah sie recht hilflos aus mit ihrer Bitte. Auf jeden Fall war etwas in ihrer Art, das seine Ritterlichkeit hervorrief.
Er sagte: »Wie du willst, Kind – wie du willst.«
Und als sie nicht gleich wieder ging, beugte er sich mit einem seltsamen Ausdruck von Güte und Wehmut über sie und berührte mit den Lippen ihre Schläfe. – Dann sagte er: »Wie du es willst, so wird es gut sein.«
Danach aber versank er wieder in seine »böse Laune«.
Sie saßen allein zusammen in der Abenddämmerung und machten Zukunftspläne.
Fast vergaßen sie die Gegenwart über den Gedanken an das Kommende. Esther sagte: »Du mußt erzählen, wie es dann sein wird.«
»Dann« war nach der Hochzeit.
Sie wollte immer hören, wie es »dann« wäre – sie hatte eine feste und gläubige Zuversicht in dieses zukünftige Ereignis gefaßt, als ob damit durch eine magische Gewalt die letzten zögernden Vergangenheitszweifel vernichtet werden müßten.
Ja, sie wollte ihm gehören – sich ihm so mit allem Willen hingeben, daß einmal jenes letzte, seligste Wort auch zwischen ihnen zur Wahrheit werden könnte. – – – –
»Du mußt erzählen, wie es dann sein wird!«
Er hatte die Hände in die Hosentaschen versenkt und lehnte sich zu ihr hinüber, so daß sie sein Haar roch, aus dem irgend ein künstlicher Wohlgeruch stieg. Er senkte die Stimme zu einem Flüstern, das Esther ein wenig affektiert klang, und erzählte die Geschichte mit den Worten, wie er sie jedesmal begann: »Am Abend kommen wir in Kopenhagen an – und am andern Morgen zeige ich dir die Stadt.«
Sie verspürte so eine unwiderstehliche Lust, über ihn zu lachen. Durch die Dämmerung sah sie aber, daß er jenen aus Zufriedenheit und Sentimentalität gemischten Ausdruck hatte, den zu unterbrechen man nicht leicht einem Menschen gegenüber genug Grausamkeit aufbringt.
Sie bemühte sich also ernst zu bleiben, während er, an ihre Schulter gelehnt, lispelnd und mit gefühlvoller Betonung ein gefühlvolles Glück unter den Sensationen der Großstadt beschrieb.
Nein, sie konnte es nicht mehr aushalten, ohne zu lachen! Sie griff irgend einen kleinen motivierenden Einfall auf, lachte und sagte: »Weißt du noch, Arne, was für kluge Dinge in deiner Novelle standen, die du mir neulich zeigtest?«
»Welche?« fragte er unwillig über die Unterbrechung.
»Sie hieß ›Moderne Frauen‹. Und die moderne Frau – sie trug einen ›high life-Gürtel‹, weil die Novelle im Jahre 95 geschrieben war – war so ungehalten über die ungesellschaftliche Pose, in der sie ihren Ehemann überraschte – ich glaube, er saß rittlings über einer Stuhllehne –, daß sie sich von ihm scheiden ließ.«
Er fuhr aus seiner nachlässigen Haltung auf und setzte sich kerzengerade. »Unsinn! Das hast du ganz falsch verstanden!« berichtigte er scharf. »Deshalb war es doch nicht, daß sie sich scheiden ließ!«
»Ich dachte!« meinte Esther und trat leise vor sich hinsummend zum Fenster.
Er ging ihr nach, und nun sah sie im hellen Mondlicht, daß er ein überaus beleidigtes Gesicht machte. Ja doch – sie hatte ja seine Dichterwürde gekränkt!
Wenn sie doch nur dieses dumme Lachen überwinden könnte! – Sie sah ja, wie es ihn immer mehr reizte.
Sie trug einen weißen Shawl; den schlang sie jetzt in nervöser Hast bald um die Schultern, bald um den Kopf. Das Heliotrop im Fenster roch stark zu ihnen herauf. Dicht vor ihr war das helle, nun durch den Zorn ein wenig ins Antike veredelte Gesicht Arnes.
Fortwährend wurde sie von dem Gedanken gepeinigt, er werde nun gleich in Worte des Vorwurfs ausbrechen – sein Schweigen begann sie schon zu quälen – aber trotzdem zwang diese Erregtheit sie, immer weiter zu lächeln.
Sie zog den Shawl wieder über die Augen, so daß nur noch ihr lachender Mund im Mondlicht stand. Und da – fühlte sie plötzlich seine schweren und heißen Lippen auf ihrem Mund – fühlte sie ganz unerwartet und wie eine unerhörte Beleidigung seinen Kuß. Und er ließ sie nicht los, preßte seine Zähne nur fester gegen ihre Lippen, so daß sie aufstöhnte vor Schmerz und Empörung.
Und sie riß sich los und lief in ihr Zimmer. Dort fing sie an sich zu waschen – wusch sich immer wieder den Mund – rieb und wusch, als wäre der Kuß eine äußerliche Verunreinigung gewesen.
Am andern Morgen begegneten sie sich mit einer zornigen Scheu. Esther versuchte anfänglich den Vorgang des letzten Abends zu ignorieren und ging mit ihm, wie sie sonst immer gethan, den alten Weg über die Heide nach dem Walde zu.
Aber sie fanden kein zusammenführendes Wort – gingen nur immer schneller, wie hastend nach einem rätselhaften Ziel.
Da, wo Wald und Heide sich scheiden, ruhten sie nach alter Gewohnheit.
Vielleicht suchte er nach einem versöhnenden Wort – vielleicht sie –
Aber beide vermochten sie das Schweigen nicht mehr zu entwirren, und wie von einem dumpfen Schicksalszwang getrieben warf er sich über sie und drückte ihren Kopf nieder in das Heidekraut und seine Lippen wühlten an ihrem Mund.
Und da kam es, daß sie seine Küsse erwiderte, und ihr Körper zitterte unter ihm. –
Und dann lösten sie sich langsam und sahen mit bethörten Augen weit, weit hinaus, wo sich die Heide vor ihnen hinstreckte – purpurn schillernd vor lauter Sonnenlicht –
Gleich dem lockenden Bild der Leidenschaft.
Graue Tage kamen. Über der Heide hob und senkte sich der Nebel wie Atemzüge.
Arne legte seinen Arm um Elizas Schulter und sah ihr in das kleine blasse Gesicht. »Was fehlt unserm Kleinsten?« fragte er zärtlich.
»Es geht umher und friert.« Das Kind lächelte müde zu seinen Worten.
»O nein, frieren lassen wir es doch nicht!« meinte Arne. »Wir wollen uns einmal recht amüsieren, daß wir die häßlichen Regentage ganz unvermerkt überspringen; dann wird dir auch schon wieder schön warm werden.«
»Was wollen wir denn thun?« fragte Eliza zweifelnd.
»Nun – spielen wir vielleicht Theater? Wir bitten die Bewohner von Villa Marina dazu und spielen ein nettes, lustiges Stück.«
Eliza war wie umgewandelt. »Ja! ja! Theater spielen wir!« rief sie und schlenkerte vergnügt mit den Armen durch die Luft.
»Sind Ihrer Majestät, der Königin Esther, unsre Pläne angenehm?« wandte sich nun Arne zu Esther. Seine Augen leuchteten immer so zärtlich, wenn er mit ihr sprach.
Ja, Ihre Majestät genehmigte den Vorschlag, und nun schleppte man alles herbei, was das Haus an dramatischer Litteratur bergen mochte.
Vor allem mußte der gute alte Holberg herhalten, dem sein unvergleichlicher Humor nun einmal die ewige Jugend verliehen hat. Die große Schwierigkeit blieb nur, daß kein Stück die gebührenden Rollen für die Bewohner beider Häuser vereinigte. Man verfügte zwar recht kategorisch über die Abwesenden, kam aber doch zu keinem befriedigenden Beschluß.
»Wenn wir nun ein paar Akte aus einem modernen Drama spielten und danach eine kürzere Holberg-Komödie?« meinte Esther endlich.
Ja, so ging es.
Man wählte ein Stück aus Hedda Gabler, das sich ganz gut außer Zusammenhang spielen läßt, und danach Holbergs »Der verwandelte Bräutigam«.
»Ich bin Pernille!« bestimmte Eliza eifrig. Die andern mochten ihretwegen sehen, wie sie auskamen. Eliza begann im kokettesten Kammerzofenschritt umherzuwandeln, schon jetzt ihre Rolle vorkostend.
»Aber wer ist Hedda Gabler?« meinte Esther nachdenklich.
»Die bist du – und er ist Ejlert Lövborg, der Dichter, natürlich!« erklärte Eliza.
»O nein, dann bin ich schon lieber dein Tesmann, Frau Hedda – du sollst mir auch im Spiel mit keinem andern verheiratet sein!«
Eliza sagte: »Aber Ejlert ist doch er, den sie liebt!«
»Aber Tesmann ist es, der sie hat,« entschied Arne selbstzufrieden.
Esther dachte: geht denn auf einmal alles im Gleichnis?
»Ich mag nicht Hedda Gabler sein!« sagte sie plötzlich.
»Aber Esther! liebe, kluge Esther, verdirb es uns jetzt nicht!« bat Eliza.
»Nun – wenn Ihr es denn wollt – –«
Mit dem Spiel kam Leben und Heiterkeit nach Eriksgaard.
Da waren die vielen Proben, die wechselseitig in den beiden Häusern abgehalten wurden. Man spielte flüchtig die beiden Stücke durch, denn es war doch gewiß nicht nötig, daß sie schon so bald in untadeliger Glätte gingen und diesen angenehmen Zusammenkünften durch die Aufführung ein Ziel gesetzt wurde. Und nach den Proben kam erst noch die eigentliche Unterhaltung.
Das weite Zimmer mit dem Spinett wurde zum Tanzsaal. Da klangen nun nicht mehr die alten sehnsüchtigen Liebeslieder unter verträumten Mädchenhänden – Es war jetzt das Fräulein Luise, die junge wohlerzogene Dame, die ihre gut eingeübten Walzer der tanzlustigen Gesellschaft zum besten gab.
Und spät in der Nacht dann fuhr man heim. In diesen kalten Spätherbstnächten, wo man die Sterne zucken sieht, so kalt ist es, und wo der Atemdampf des Pferdes den ganzen Wagen einhüllt, und wo die Töne scharf klingen und kurz abbrechen. – –
Ja doch – man spielte »Hedda Gabler.«
Da gab es einen neuen Gast bei Bergsös, das Fräulein Thora Ingermann. Zart und zierlich war sie und trug eine hellgelbe Lockenmähne – darunter ein keckes freundliches Gesicht. Sie war wie geschaffen für die Rolle der Frau Elvsted.
Und dann führten sie diese Scene auf, in der Hedda, die den Mann ihrer Liebe verloren hat, zusieht, wie sich ein leises, noch so harmloses Verständnis zwischen dieser kleinen harmlosen Frau und dem ehrbaren, allerharmlosesten Tesmann anspinnt. Wie auch der, dem sie die Treue eines Lebens geben wollte, ihren Händen entgleitet. – – – –
Fräulein Thora Ingermann war verlobt. Sie hatte eine Menge Bilder ihres Verlobten mit. Er war ein Seeoffizier mit prächtigem Schnurrbart.
»Tesmann! Sehen Sie, ist er nicht einzig? Haben Sie schon je einen so schönen Mann gesehen?«
Tesmann-Arne betrachtete das Bild und stimmte freundlich, wenn auch vielleicht nicht aus überzeugtem Herzen, zu.
Das Fräulein machte ein schmachtendes Gesicht und sah Arne verführerisch an. »Ich liebe ihn so!« sagte sie. »Sie können es nicht begreifen, wie ich ihn liebe!« – –
Auf dem Rückweg meinte Arne zu Esther: »Ist es nicht ein liebes kleines Ding, der neue Besuch bei Bergsös? Sie hat so eine schöne rührende Liebe für ihren Verlobten.«
»Ja, es ist rührend,« sagte Esther.
Arne suchte zwischen seinen Manuskripten. Sie lagen schön geordnet in einer geschnitzten Eichentruhe und waren stoßweise mit goldenen Schnüren umwickelt.
Er war sehr eifrig. – »Esther, was rätst du mir Fräulein Thora zu geben?«
»Gieb ihr doch dein letztes Buch.«
»Das will sie eben nicht. Sie sagt, sie möchte etwas Handschriftliches von mir lesen. Da wühle ich nun immerzu in meinen Sachen und weiß wirklich nichts Passendes zu finden!«
»So schreibe ihr etwas Passendes.«
»Ja, meinst du, daß ich das kann?«
»Warum nicht, wenn du es willst?«
Arne besann sich. »Ich werde etwas über sie und ihren Verlobten schreiben,« sagte er endlich.
»Thu das, lieber Arne.«
Arne zog sich für ein paar Stunden zurück. Dann kam er erhitzt und triumphierend mit einem kleinen Manuskript herein, das bereits recht sauber mit einer Goldschnur geheftet war.
Esther las:
»Im Frühsommer.
»Eine ganze Bucht von Heckenrosen hängt über den Rand des Hohlweges, bauscht sich in blühender Fülle und wölbt lange, geschmeidige Zweige von einer Wand hinüber zur andern – ganz, als sei für den einziehenden Sommer ein Triumphbogen errichtet. – Und so zahllos sind die Blüten – sie wetteifern mit dem Abendhimmel, wer das köstlichste Rot aufweisen kann.
»Aber da, wo der Sommer einziehen sollte, kommt jetzt ein junges Menschenpaar. Wie im Traum gehen sie beide, und er hat ganz zaghaft den Arm um ihre Schulter gelegt. So leise berührt er sie, daß bei jedem Schritt seine Hand ein wenig zittert – denn sie haben sich ja eben zum erstenmal von Liebe gesprochen. Nun wissen sie plötzlich nichts mehr zu reden. Es ist, als ob ringsum alles Stimmen bekommen hätte: Von den Rosen tönt eine ganz leise, feine, süße Melodie, und das Gras zu ihren Füßen seufzt – nur die Luft im Hohlweg hält den Atem an und staut sich in dichten, berauschenden Duftwolken.
»Und jeder Schritt, den sie vorwärts thun, führt tiefer – tiefer in diese seltsame Märchenwelt hinein.
»Nun kommt das Ende der Rosenhecke, schon sehen sie das Korn, welches dahinter steht, in blausilbernem Schimmer hindurchblinken – und dazwischen die feurigen Mohnen. – Ein leichtes Zurückschauern durchbebt das Mädchen – –: der brennend, brennend rote Mohn – – –
»Dann gehen sie ruhig weiter – zwischen dem sommerduftenden Korn mit den heißroten Blumen – immer noch schweigend – nur seine Hand hat sich fester um ihre Schulter gelegt.«
Esther gab es ihm zurück. – »Ich dachte, du wolltest von Fräulein Thora und ihrem Verlobten schreiben?«
Er lächelte verlegen. »Ja, aber von dem Verlobten weiß ich doch nichts Genaues – so habe ich nur an Fräulein Thora gedacht – und wie sie wohl sein könnte, wenn ein Mann sie liebt.
Und dann ist nur so ganz im allgemeinen ein Bild der Liebe daraus geworden.
Aber wie gefällt es dir?«
Er sah mit herausfordernder Selbstgefälligkeit um sich. Sie hatte ihm sagen wollen, es sei das beste, was sie von ihm kannte. Zum erstenmal war er ihr seelisch nähergetreten durch seine Kunst – fast als ob er mit ihren Worten spräche – Nun war sie plötzlich unfähig, das verlangte Lob zu geben.
»Es wird Fräulein Thora schon gefallen,« sagte sie nur.
Er runzelte die Stirn: »Aber dein Urteil, Esther – hast du auch daran wieder etwas auszusetzen?«
»Du meinst, ob ich es fehlerlos finde?«
»Nun?« Er sah sie mit der spöttischen Überlegenheit eines Handlungsgehilfen an.
Sie hielt eine heftige Antwort zurück und gab dafür nur eine kühle Verstandeskritik.
»Es stört mich nur eine Kleinigkeit – das ist diese Zusammenstellung von Mohn und Heckenrosen, die in Wirklichkeit recht schlimm aussehen würde.«
Arne wurde immer gereizter. »Du verstehst mich nicht. Ich brauche Heckenrosen und Mohn ja nur als Allegorie für die zarte Brautliebe und die Ahnung künftiger Leidenschaft.«
»Ich weiß wohl – aber ich meine, daß man auch beim Schreiben ein wenig die malerische Wirkung beachten müßte – das heißt, wenn man Bilder gebraucht, muß man sie sich so vergegenwärtigen, daß man die Wirkung voll beurteilen kann.«
Er antwortete nicht gleich, stand erst eine Weile mit gesenktem Kopf und klimperte nervös an seiner Uhrkette.
»Es ist eben nur das eine, daß dir schon im vorhinein nichts gefällt, was ich arbeite,« sagte er dann mißmutig und verließ das Zimmer.
Eliza hatte dem Gespräch schweigend zugehört. – »War es denn so schlecht, was er geschrieben hatte?« fragte sie.
»Nein – es war gut.«
»Und warum sagtest du ihm davon kein Wort?«
Esther schwieg.
»Du solltest ihm ein wenig Anerkennung geben. Er braucht das, glaube ich.«
Esther antwortete wieder nicht. Sie wußte es ja – er brauchte das. Er brauchte Bewunderung oder – Nachsicht. Doch immerLob.
Sie sahen einander an, und ihre Augen hielten und verstanden sich.
Esther dachte: Woher weißt du es nur – weiß ich es denn schon selbst? Muß ich mich nicht schämen, daß du es weißt?
Und plötzlich stand Eliza auf, hängte sich Esther um den Hals und weinte. Ganz stumm – bis die Dämmerung sank.
»Kommst du wieder zu mir, mein Liebling?« fragte Esther leise.
Das Kind sagte: »Ja, weil du wieder traurig bist.«
»Hast du mich denn nur lieb, wenn ich traurig bin?«
»Ich weiß nicht –
Ich verstehe alles Traurige –«
Arne kam herein – jung, strahlend, liebenswürdig.
»Seid Ihr denn schon zurück?« fragte Esther.
»Ja; zu schade, daß du zu dieser Probe nicht mitfahren konntest! – Aber wie geht es deinem Kopfschmerz?«
Esther lächelte ein wenig müde. »Komm, setze dich zu mir und erzähle, wie es war.«
»O, so lustig sind wir gewesen! Bis es Fräulein Luise zu viel wurde. Findest du nicht, daß sie ein bißchen altjüngferlich ist? Vor der Zeit – so ein klein wenig?«
»Das habe ich nie gefunden.«
»Na – ja – freilich. Ich mag nun die Leute nicht, die keinen kleinen Scherz vertragen können.
Da ist Fräulein Thora ganz anders. Temperament hat sie – das reine Zigeunerblut – und ist doch zart und fein und rührend, wie ein kleines Kind!«
»Hat sie wieder von ihrem Verlobten erzählt?«
»Diesmal nicht. Wir machten nur lauter Tollheiten. Zuletzt war sie so müde davon, daß sie neben mir saß und beinahe schlief. Fast wäre sie gegen meine Schulter gesunken und eingeschlafen!«
»Was sagte sie denn zu deinem Manuskript?«
»Sie fand es schön. Sie sagte nicht viel, aber ich sah es an ihrem Gesicht.
Aber etwas anderes hat sie gesagt. Wir sprachen von meinen andern Sachen, und sie hat alles gelesen. Und da sagte sie: ›Ich bin gewiß ein schlechter Kritiker – aber mir gefällt alles so unmäßig, was Sie schreiben‹.«
Er saß eine Weile ganz ruhig und sah vor sich hin. Dann redete er plötzlich wie aus einem Traum, und seine Stimme hatte einen gebrochenen Ton. »Ist das nicht das Zeichen, daß sie mich ganz verstanden hat,« sagte er, »daß sie es ist, die mich so ganz versteht –«
Esther erhob sich und trat dicht zu ihm hin. In ihr war eine eigentümliche, fast unpersönliche Liebe.
»Du mußt zu ihr gehen,« sagte sie. »Ihr gehört zusammen.«
Er sah sie an. Es war, als könnte er nicht verstehen, als fühlte er nur hinter einem Verstehen das Entsetzen dämmern.
»Was – was sagst du da?
Ja, ist es denn, daß du mich nicht mehr willst? Schickst du mich denn fort?«
Und plötzlich kniete er vor ihr, und seine Arme schlangen sich zuckend um ihren Körper. »Geh nicht fort von mir! Geh nicht! – Ich kann nicht ohne dich leben!«
Sie war ganz ratlos. Alles schien ihr plötzlich unverständlich. Sie fühlte nur immer seine Küsse auf ihren Händen – und dann auf dem Mund –
Und unter diesen Küssen wurde sie so seltsam kühl und gleichgültig. – –
Die Aufführung war überstanden. Man hatte auch getanzt und Bowle getrunken, bis die allgemeine Stimmung ihren Höhepunkt erreichte. Jeder beschäftigte sich nun nur noch mit sich selbst, und wenn es hoch kam, mit seinem Nachbar.
Herr Nyblom aus Hönegaard stand neben Esther in der Fensternische.
»Ihre fremdartige Aussprache paßte so gut für die Rolle der Hedda,« sagte er. »Sie haben sie noch anziehender und eigenartiger dadurch gemacht, gnädiges Fräulein.
Überhaupt liebe ich so den deutschen Accent und alles Ausländische. Sie sind viel feuriger dort unten im Süden, als wie hier oben.
Ho! Sie haben Feuer für Blut – Wir sind Fische dagegen!
Aber ich bin auch einmal in Deutschland gewesen – bis hinunter nach Heidelberg. Meine Frau und ich, wir haben unsre Hochzeitsreise dorthin gemacht.
Und die Studenten gaben gerade ein Fest – mit Pechfackeln zogen sie vorbei – und da schielten sie nun immer herüber zu meiner Frau – hahaha! – –«
Esther bemerkte, daß die Geschichte von Herrn Nybloms Hochzeitsreise nach Heidelberg sich auch ohne nachhelfende Antworten abzuwickeln vermochte und wandte ihre Aufmerksamkeit mehr der übrigen Gesellschaft zu.
Nicht weit entfernt saß Arne neben Fräulein Thora auf einem Ecksofa. Sie hatten traurige Gesichter und schwiegen beide. Aber ihre Augen hingen ineinander.
Dann sagte Fräulein Thora: »Ja, das ist es wohl – es ist nun wohl das letzte Mal. Wir werden uns nie wiedersehn.«
»Wir werden uns nie wiedersehn,« sprach Arne wie mechanisch nach und senkte seinen hellen Lockenkopf.
»Ich hätte Ihnen noch etwas zu sagen,« fing Fräulein Thora wieder an, »wenn wir nur in andern Verhältnissen wären –
O Gott! Ich werde selbst nicht aus mir klug – es ist alles so wunderlich – –!«
Arne nickte stumm und sah mit einem demütig-sehnsüchtigen Ausdruck zu Fräulein Thora auf – mit diesem rührenden Blick eines treuen Hundes, den Esther so wohl an ihm kannte. –
»Ist das nicht komisch?!« hörte Esther Herrn Nybloms amüsierte Stimme neben sich. Und gleich darauf wiederholte er: »Gnädiges Fräulein, finden Sie das nicht auch recht toll?«
»Ja, es ist toll,« sagte Esther und wandte sich langsam nach dem Fenster um.
Und drüben lag das Meer – weit und schwerdunkel – nur nach den Ufern zu schäumten die Wellen weiß auf im Mondlicht.
Lange stand sie so und sah hinaus, und als sie die Augen wieder zurückwandte, war alles so klein und vergänglich um sie her geworden, wie ein kurzes Komödienspiel. – Und sie sah auf diese Menschen mit denen sie lebte – und alles war fremd und ferngerückt. – Und sie fühlte ihr Herz leer – aber weit vor Sehnsucht zum Unbekannten. – –
Und sie sprach noch einmal mit Arne.
Sie sagte: »Zwischen uns ist ein Mißverständnis, Arne, wollen wir es nicht fortthun?
Wir waren bestimmt Kameraden zu sein – gute Kameraden, die einer am Leben des andern teilnehmen, aber nicht das Leben teilen. Wir haben uns geirrt.«
Arne sah finster zu ihr auf. »Was willst du mir denn sagen – mit deinen schöngewählten Worten – du?«
Das Blut stieg ihr heiß ins Gesicht. Er hatte sie so getroffen mit seiner verborgenen Anklage: sie wählte die Worte, weil sie nichts mehr fühlte.
Sie sah ihn hilflos an und wartete, ob er noch sprechen wollte – aber er schwieg.
Zwischen beide drängte sich wie entschleiernd das helle, kalte Licht des Vormittags. Esther konnte jeden Zug seines Gesichtes deutlich unterscheiden – und er wurde ihr immer fremder. Zuletzt sah sie nur noch die malerische Wirkung der Linien.
»Ich habe es ja gesehen – gestern abend –« sagte sie endlich nur unter dem Gefühl, daß eine Antwort von ihr erwartet würde. Ihre Stimme war fast tonlos.
»Was hast du gesehen?
Du hast gesehen, daß mir jemand Kamerad und Freund wurde, weil du es nicht sein wolltest. Weil du mir nichts gegeben hast von deiner Seele – und für meine kein Verstehen.
Und trotz alledem ist mir noch jetzt ein gutes Wort von dir lieber, als die ganze Seele jeder andern Frau –
Verstehst du das? Es ist, weil ich dichliebe! – Und nur, weil ich weiß, daß ich deine Liebe nicht habe, war ich fortgegangen.«
Da fühlte sie, wie seine Worte eine Schuld auf sie luden. Und sie preßte die Hände ineinander und wagte nicht mehr aufzusehen. Ja, das war es: ihre Liebe war der seinen nicht ebenbürtig.
»Ich fühle mich so arm vor dir,« sagte sie endlich ganz leise und demütig.
Er starrte sie an – ohne zu begreifen. Ganz überrascht und entsetzt sah er aus, wie jemand, der ganz unvorbereitet etwas Unglaubliches erfährt.
Esther sah das und dachte: So hat er nur seine Vorwürfe gemacht, um widerlegt zu werden? – hat gar nicht daran geglaubt, daß alles dieses, was er sich selbst und mir zur Entschuldigung vorbringt, sich wirklich so verhalten könnte?
Und sie erkannte ihn plötzlich, wie er sich unter der stets bereiten Selbstverzeihung einem Wohlgefallen hingegeben hatte, das bald der Liebe glich. Und dann war er plötzlich nach beiden Seiten gebunden, denn er konnte weder ihre Liebe, noch Thoras Bewunderung entbehren. Und – er würde nicht lange einsam bleiben, wenn sie ihn jetzt verließ.
Sie sah ihm ruhig, wie einem Fremden in das verstörte Gesicht. Eine leichte, fast mehr physische als seelische Abneigung stieg in ihr auf.
»Also du – du liebst mich nicht? Du hast mich nur in dieser ganzen Zeit betrogen?!« brach er gegen sie aus.
Sie fühlte gar nicht seinen Zorn und die Absicht zu beleidigen – »Ich habe dich nicht mehr betrogen, als mich selbst,« sagte sie. »Denn ich habe dich zu lieben geglaubt. Und ich habe keinen andern Willen gehabt, als die Liebe zu dir. Aber ich habe mich in mir selbst getäuscht.«
»Das siehst du ein bischen spät ein!« fuhr er sie herausfordernd und höhnisch an. Er war ganz kampfbereit.
Sie sah fremd und verwundert auf ihn und ging still aus dem Zimmer.
Nun kamen noch wenige Tage von jener quälenden, niederdrückenden Trostlosigkeit, wo wir das Leben ohne den Maskenstaat der Wünsche und Hoffnungen nur mehr in seiner plumpen Alltäglichkeit sehen – wo wir uns fürchten aufzublicken, weil uns alle Dinge mit fremden, verzerrten Gesichtern anschauen könnten – wo uns vor der köstlichsten Speise graut, weil wir den Ekel dahinter spüren. – – – –
Esther erwartete nur die Antwort einer Berliner Pensionsdame vor ihrer Abreise.
Gleichgültig und ohne den kleinsten Aufschwung der Phantasie hatte sie den Beschluß gefaßt, sich dort im Malen auszubilden.
Selten wohl ist jemand mit so geringen Erwartungen der Kunst entgegengegangen. – –
»Ich kann dich nicht halten, Kind – ich weiß, daß ich dich hier nicht festhalten darf,« sagte der alte Rude zu Esther – und dabei sah er sie doch suchend an, als könnte sie ihm jetzt noch sagen: alles soll gut werden.
Und wie sie stumm blieb, wiederholte er sein altes Wort: »Wie du es willst, wird es schon recht sein.«
Da trat sie mit einer leichten scheuen Bewegung zu ihm hin und lehnte sich an ihn. Und er legte seinen Arm um ihre Schulter und zog sie an sich, bis sie ganz leise weinte an seiner Brust. Es war jedoch nicht lange gewesen, dann machte sie sich schon wieder los.
Er sagte aber: »Ich danke dir.«
Eliza kam am letzten Abend zu ihr. Sie schlüpfte zu Esther ins Bett, weinte viel und ließ sich gerne trösten. Sie wollte immer neue Liebkosungen von Esther haben und spielte stundenlang eine kleine, sanfte Komödie des Schmerzes. Es war so schön, wenn Esther sie küßte und ihr gute Worte sagte! –
So kam es, daß sie erst im letzten Augenblick die Trennung wirklich begriff. Und nun stand sie, mit ihren seltsamen Augen, die alles Traurige verstanden, starr vor sich hinblickend in stummer Erschütterung.
Es wird erst kommen, wenn ich fort bin, dachte Esther, und ihr Herz zog sich bei dem Gedanken zusammen, daß sie nun nicht mehr dieses Kind schützen und trösten dürfe – daß diese Seele mit der frühen Todesahnung dem Leben preisgegeben war. –
Neben ihr im Wagen saß Arne. Er hatte darum gebeten, sie nach der Bahn fahren zu dürfen. – Adam Rude hatte sich eingeschlossen und durch Arne einen Brief geschickt, den Esther erst unterwegs lesen sollte. »Es steht alles drin,« mußte Arne ausrichten.
Arne hatte den hellen Kopf die ganze Zeit gesenkt, und Esther wunderte sich plötzlich, warum es ihr früher nie aufgefallen sei, daß seine Traurigkeit etwas so Unreifes, Knabenhaftes hatte – es war jene Traurigkeit, für die ringsum die ganze Erde ein Garten des Trostes bleibt.
Und sie wünschte ihm, schon wie aus der Ferne, ein künftiges Glück, als sie sich mit einem einfachen »Lebewohl« trennten. Sie saß schon im Zug und sah noch einmal zum Fenster hinaus, da wollte er noch etwas sagen – aber die Thränen nahmen seine Stimme. »Leicht getrocknete Jugendthränen,« dachte Esther. Und plötzlich sah sie ihn wieder, wie er mit seiner warmen, strahlenden Jugend zu ihr gekommen war – zu ihr, die nur Schmerz und Schweigen kannte. Und ihr Herz füllte sich mit einem Dank, der ohne Bitterkeit war. –
Neben ihr saß als einzige Reisegefährtin eine Pflegeschwester. Sie las erst aus einem kleinen, schwarzen Gebetbuch, wobei sie die Lippen bewegte und andächtig vor sich hinsah.
Dann begann sie ein Gespräch. – »Reisen Fräulein weit?«
»O ja,« sagte Esther zerstreut.
Die Schwester ließ sich nicht einschüchtern. »Wohl gar bis Kopenhagen?« fragte sie.
»Bis Berlin.«
Die Schwester machte andächtige Augen. »Ja, waren Sie denn schon einmal in Deutschland, und können Sie die Sprache verstehen?«
»Ich bin Deutsche,« sagte Esther.
Da drückte sich die Schwester ängstlich in eine Wagenecke und sah erschrocken und unentwegt auf das junge Mädchen. –
Esther nahm den Brief des alten Rude heraus und öffnete ihn – und las:
»Mein einzig liebes Kind!
Nun gehst Du fort, und ich konnte Dir nicht Lebewohl sagen. Ich konnte es nicht, weil ich meiner nicht sicher war, weil ich mich vielleicht verraten hätte. Und was soll die Liebe eines alten Mannes zu einem Kind?
Du bist durch mein Leben gegangen wie ein lichter Traum; das ist es, was ich Dir zu danken habe.
Zuerst sah ich Dich wie ein Kind – ein schönes, liebes Kind, an dem ich meine Freude haben durfte. Aber Du bist vor mir gewachsen – mit jedem Tag gewachsen zu dem einzig begehrten Weib.
Du bist mir alles geworden, und ich hätte alles für Dich hingegeben, wenn ich nicht immer gewußt hätte, wie vergeblich solche Liebe ist. Und ich wollte Dir nichts anthun, Dich nicht damit erschrecken, mein einzig liebes Kind, darum habe ich immer geschwiegen.
Aber heute, nun Du gehst, will ich Dir meine Liebe mitgeben wie einen Dank, und Du darfst sie nehmen, weil sie so ganz anspruchslos ist und nichts will, als Dich feiern.
Lebe nun wohl, Du, die alles Glück zu vergeben hat – und mögest Du den finden, der dieses Glückes würdig ist.
DeinAdam Rude.«
In einem kleinen schleswigschen Grenzort wollte Esther nach der zehnstündigen Bahnfahrt übernachten.
Es war ein langer, mühseliger Weg von der Bahnstation bis zum Gasthof. Esther ging ihn ganz allein, eine verschneite Landstraße hinauf, die nur durch Räderspuren kenntlich war. Sie trug ihre kleine Reisetasche bald in der einen, dann in der andern Hand. In der Kälte schmerzte der metallene Griff ihre Finger.
Weithin über dem Schneeland stand ein purpurner Mond.
Ein schwacher, gläserner Klang kam aus dem Dorf herüber: die Turmuhr schlug eine späte Abendstunde.
Esther ging immer langsamer. Eine schwere, herabziehende Müdigkeit erfüllte sie mehr und mehr. Sie konnte kaum mehr denken, empfing nur dumpf die Außeneindrücke, an die sich zerflatternde Reflektionen knüpften.
Neben der Straße lief ein halb zugeschneiter Graben. Da mußten im Sommer die vielen Feldstiefmütterchen wachsen – so immer zu hunderten auf einem Fleck, daß es aussah, wie ein großer, schwellender Strauß. Aber jedes Blümchen hat sein eignes ernstes Gesicht unter der violetten Haube – und wenn der Wind ja einmal durch den Graben fährt, dann reiben sie sich rischelnd aneinander, wie Kinder, die sich in die Ohren flüstern – – – –
Dicht und hoch lag jetzt der Schnee – – So ein paar Schritte zur Seite machen und sich da hinein fallen lassen – –
Kein Mensch würde wissen –
Und was ging sie überhaupt irgend ein Mensch an?
Doch – das ist ja nicht wahr –
Wie ein fremdes Heiligtum stieg die Liebe Adam Rudes vor ihr auf. Doch ihr war, als müßte sie in Ehrfurcht wegsehen. Als dürften auch ihre heimlichsten Gedanken nicht daran rühren. –
Eine ferne Sehnsucht kam über sie – kam und ließ sich schwer niedersinken auf ihr Herz –
Und dann war wieder alles wie einem andern Menschen angehörend – oder so wunderlich vereinzelt, ohne inneren Zusammenhang.
Und wieder kam eine lange, bittere und kummervolle Sehnsucht nach Eliza, dem Kind. Wie hatte sie es nur fertig gebracht sie allein zu lassen? Wenn sie schnell umkehrte? Morgen noch zurückreiste?
Ein Ruck ging durch ihren Körper: Adam Rude! – Aber das war ja Wahnsinn – Unmöglichkeit! –
Sie griff nach dem Brief, den sie in der Kleidertasche trug –
Und dann war plötzlich wieder alles Begreifen ausgelöscht – nur noch eine träge dämmernde Sehnsucht nach diesem Haus, das sie lieb hatte, in das sie hätte zurücklaufen mögen, wie eine Katze, die man fortgetragen hat. –
Und immer ging sie mechanisch weiter, den endlosen zugeschneiten Weg hinauf.
Dann kam das Gasthaus.
Sie mußte die Wirtsleute erst herausklopfen. Es waren freundliche Bauern, die sich in ihrem rauhen jütischen Dialekt nicht genug über die Ankunft einer Dame erstaunen konnten. Es schien, als gäbe es für diese Wirtschaft nichts Verwunderlicheres, als einen Gast!
Esther wurde in die Familienwohnstube geführt. Dort mußte sie sofort ein paar riesige Filzsocken für die nassen Stiefel eintauschen. Die Wirtin befahl das mit einer Autorität, die jeden Widerspruch vergeblich machte. Dann wurde ihr ein Kübel voll schwarzbraunem Thee zudiktiert.
Über dem Sofa hing das Bild des deutschen Kaisers neben einem andern, das die Photographie eines jungen Soldaten, wahrscheinlich der Sohn des Hauses, umgeben von allerlei »Scenen aus dem Soldatenleben« enthielt. Als Überschrift prangten die Worte: »Aus meiner Soldatenzeit.«
Die Frau folgte Esthers Blicken, dann erklärte sie entschuldigend, er, der Sohn, wollte »das« dort haben. Und voll Groll und Verachtung: »Seit er gedient hat, ist er ja ein Deutscher!«
Der Wirt, der mit einer langen Pfeife jenseits des Tisches saß, zog die Stirn in kummervolle Falten. Er sagte: »Die dort in Berlin, die werden sich freuen, daß sie ihn herumgekriegt haben! Bei der Leibgarde ist er gewesen – so 'ne Schande!«
Esther bekam ein ganz böses Gewissen, daß sie sich nicht als Deutsche eingeführt hatte; ganz gedankenlos hatte sie noch dänisch gesprochen. Sie fühlte sich recht bedrückt im Gedanken an die warmen Filzsocken und das Wohlwollen der Wirtin, die sie immer schlechtweg »Kind« anredete, – das alles wäre der Deutschen gewiß nicht zugefallen!
Und am nächsten Morgen gar, wie die Alte gehört hatte, daß Esther auch der entsetzlichen Stadt patriotischer Verführung zureiste, gab es so viele gute Wünsche und Ermahnungen, daß Esther vor Beschämung nicht mehr die Augen aufzuschlagen wagte.
Aber sie konnte doch wirklich nicht jetzt auf einmal mit ihrer Enttäuschung herauskommen?
Und gegen Abend gelangte Esther an ihr Reiseziel.
Die Droschke hielt vor einem hohen, eingezwängten Haus, dessen Eingang in der Pracht verschiedenster Imitationen strahlte. Eine imitierte Eichenthür öffnete sich in eine imitierte Marmorhalle, die mit imitierten Gobelins und imitierter Glasmalerei ausgestattet war.
Der Hausmeister bemächtigte sich des Koffers, und in feierlich langsamer Fahrt hob sich der Lift zu seinem Endziel, der fünften Etage.
»Also hier wohnt Fräulein Schulze?«
»Jawoll, klingeln Sie man!«
Nach einer Weile kam ein ältliches, verblaßtes Mädchen und öffnete. Sie führte Esther über einen kurzen, düsteren Flur, der nur in einer Ecke durch ein kleines stark riechendes Lämpchen erhellt wurde und dann durch ein langgestrecktes Zimmer.
»Bei uns müssen wir immer durch die Berliner Stube gehn,« erläuterte das Mädchen.
Eine große, starke Dame in Lahmannkleidung sah Esther mit unverhohlener Neugier nach und erwiderte ihren Gruß mit einem resoluten Nicken.
Dagegen bemerkte sie erst im Hinausgehen, daß sich ein kleines, dunkelgekleidetes Geschöpf auf sie zu bewegte.
»Verzeihen Sie – ich bin Fräulein Schulze,« sagte die kleine Dame und sah Esther fragend unter einem spanisch drapierten Kopfputz hervor an.
»Ich bin Esther Franzenius.« Esther mußte unwillkürlich dem kleinen fragenden Gesicht der Spanierin zulächeln.
Fräulein Schulze machte ein paar ratlose Bewegungen nach rechts und links, dann kam es ihr wie eine Erleuchtung: »Darf ich Sie nach Ihrem Zimmer führen?« Und sie trippelte Esther und dem Kofferträger voran, zur Thür hinaus, über einen langen und niedrigen Korridor, den man gar nicht in dem prunkvoll imitierten Marmorpalais erwarten durfte, und öffnete die Thür zu einem kleinen viereckigen Zimmerchen, das durch ein winziges schräges Dachfenster nach dem Hof hinaus lag.
Während Fräulein Schulze noch ein paar Fragen über die »gute Reise« an Esther richtete, bemühten sich das Mädchen und der Dienstmann, für den Koffer einen Platz zu ermöglichen.
Endlich waren alle Ankunftsfeierlichkeiten bewältigt, und auch die Spanierin verließ das Zimmer.
Esther nahm den Leuchter mit der dünnen übelriechenden Kerze und beleuchtete ihre Umgebung. Da gab es nur die allernötigsten Gebrauchsgegenstände, denen allen es wie ein Ausdruck schamhaftester Dürftigkeit anhing. Und jedes Ding schien sich zu bemühen, etwas anderes zu imitieren. Sogar das Bett hatte die Aufgabe, tagsüber ein Sofa darzustellen, und der Waschtisch war unter dem Äußern einer Komode verborgen. Als der Koffer untergebracht war, konnte man sich nur noch in einer kleinen Schlangenlinie durch das Zimmer winden. Esther lehnte sich unwillkürlich weit zum Fenster hinaus – dort sah man in den Hof hinab, wie in einen spärlich beleuchteten Schacht. Dann führte sie das Licht an den Wänden entlang – die Tapete trug ein Muster von lauter Lilien.
Eine stumpfe Trostlosigkeit überkam Esther in diesem imitierten Liliengarten.
»Nancy! Nancy!«
Esther erwachte. Wer rief denn da? Und wo war sie?
Weshalb verflog doch so schnell der Traum von einem Frühlingsgarten und dem weißen Haus im Mondlicht? – Sie wollte so gern weiterschlafen. Sie fürchtete das Erwachen. –
»Nancy! Nancy! Schläfst du noch?«
Das war wieder diese rauhe Stimme, und nun folgte ein endloser Hustenanfall.
Esther sah sich um. Das war ja das Lilienzimmer. Diese kahlen und dürftigen Gegenstände, die aussahen, als seien unzählige verschwiegene Sorgen in sie gebettet, schienen ein kraftloses Grauen auszuströmen.
Nancy mußte inzwischen geantwortet haben, denn die gequälte Stimme des Zimmernachbars begann von neuem: »Hast du gut geschlafen, Nancy? Wie fühlst du dich heute?«
Und wieder nach einer Weile, während der Esther aufzustehen begann: »Mußt du nicht über die Hofjagd referieren? Wir könnten zusammen einen Wagen nehmen, wie?« – Hier eine Pause für Nancys Antwort – Und wieder: »Nancy! Nancy! Mir fällt etwas Köstliches ein! Paß auf: Ein Wagen kostet 10 Mark – zu zahlen von meiner löblichen Redaktion! Ein Wagen für dich zu 10 Mark – haben deine Braven zu blechen. Daß wir uns zusammenthun, geht niemanden was an. – Bin ich nicht ein Rechengenie?! Hahaha!!«
Und wieder ein gräulicher Hustenanfall.
Esther machte ihre Anwesenheit bemerkbar und die nachbarlichen Stimmen verhandelten gedämpfter.
»Wer wohnt da nebenan?« fragte Esther das Mädchen, das Feuer machte. Es baute mit virtuoser Vorsicht ein paar Holzspähne aneinander und deckte das spärliche Flämmchen mit den drei für »eine Heizung« abgezählten Preßkohlen.
Ida warf über die Schulter einen verächtlichen Blick auf das Nachbarzimmer. »Ach, das ist man bloß Redakteur Engel,« sagte sie im Ton würdevollster Herablassung.
»Ist der Herr sehr leidend?«
»Ja – er hat es auf der Brust. Seine Verlobte, das Fräulein Maceday auch. Schon den ganzen Winter. Und wie sie zu uns gekommen sind, sahen sie auch halbverhungert aus. Das Fräulein wohnt ja doch neben ihm, und sie pflegen sich immer nur einer den andern.«
»Aber das ist ja schrecklich,« sagte Esther in bedauerndem Entsetzen unwillkürlich vor sich hin.
Das Mädchen mißverstand die Worte. Es wurde plötzlich vertraulich und gesprächig. »Ja, nicht wahr, Fräulein? Uns ist das auch recht peinlich. Verlobt sind sie und wohnen Thür an Thür! – Und dann wollen sie sich immer noch das Essen allein besorgen! Sie können es gar nicht billig genug kriegen. Und was für Sachen sie dann kochen! Ach Gotte doch! puh!«
Ein unbestimmter Ekel – vor diesem Geschwätz – vor ihrer ganzen Umgebung – vor der Lage, in der sie sich befand, erfüllte Esther. Sie verließ die Stube und ging nach dem Eßzimmer, um zu frühstücken. Auf dem Gang begegnete ihr eine kleine abgehärmte Person mit den glühroten Backenknochen der Schwindsucht. Sie sah auf Esther mit glänzenden, argwöhnischen Augen.
Und Esther hätte ihr etwas Gutes sagen mögen – irgend eine kleine, gleichgültige Freundlichkeit erweisen. Sie grüßte höflich. Die andere dankte kurz, abweisend, höhnisch.
Esther fiel eine kleine Begebenheit aus ihrer Kindheit ein: Wenn sie zur Schule ging, kam sie immer an einem vergitterten Hof vorüber, an dessen Thür ein mageres, jämmerliches Hündchen stand und giftig auf die Vorübergehenden bellte. Dann warfen die Jungen mit Steinen nach ihm, reizten und höhnten es; das nahm es aber nur wie die gebührende Antwort auf sein Gebell entgegen. Das Tier that Esther so leid. Sie versuchte es einmal, sich ihm freundlich zu nähern, es zu streicheln. Da geriet es aber ganz außer sich vor Wut. Und jedesmal, wenn Esther wieder vorüberging, wußte es sich in seinem Zorn gar nicht mehr zu lassen. Es hatte die Freundlichkeit augenscheinlich als unvergeßliche Beleidigung empfunden. –
»So 'ne einjebildte Jöhre!« hörte Esther das Fräulein Nancy noch in der Stube des Verlobten in accentuiertem Berliner Jargon ausrufen. – – – –
Das war der Beginn der freiwillig angetretenen Epoche der Arbeit und Entbehrung.
Später gab es Stunden, in denen Esther sich fragte, warum sie nicht einmal den Versuch gemacht hatte, diese besonders antipathische Umgebung mit einer andern zu vertauschen. Und sie kam auf die wunderliche Erklärung, daß die Macht des Ekels sie fesselte.
Ja, wir haben diese seltsam kraftlosen Zeiten, in denen wir wie gelähmt vom Abscheu und unfähig zur Gegenwehr, auf eine krankhafte Weise angezogen auf das starren müssen, was unsern Ekel erregt.
Wir sind unfähig, uns durch einen Entschluß loszureißen, ja irgend einen Entschluß zu fassen vermögen wir nicht einmal. Nur noch ein alter Wille leiert sich mechanisch in stumpfen Handlungen ab. Wie im Traum gehen wir da – und das kraftlose Entsetzen des Traumes bedrückt uns, während wir ganz im geheimen eine andere Wirklichkeit wie die Ahnung des Erwachens in uns tragen. Und so versäumen wir die Empörung gegen das Traumschicksal.
Arbeit – Arbeit –
Trübe, matte Tage schleppen sich in sinnloser Gleichförmigkeit vorüber. Es ist wie das Abschnurren eines aufgezogenen Rades.
Die Seele schweigt. Nur kleine Erinnerungen ziehen vorbei – der Zeitbegriff ist von ihnen genommen – Begebenheiten aus der Kindheit scheinen ebenso nahe zu liegen, wie eben erlebte Geschehnisse. Doch ihre Verbindung mit der eignen Persönlichkeit ist gleichsam abgeschnitten.
Arbeit – Arbeit –
Ein stumpfes, langsames Vorwärts – ohne Kampf, ohne Ehrgeiz, ohne Zielbewußtsein. –
Viele andere sind Esther voraus. Auch welche, die zu gleicher Zeit angefangen haben. Sie arbeiten so merkwürdig reinlich und abgerundet. Es ist, als wären sie schon mit dieser gewissen Manier zur Welt gekommen. So tadellos fertig sieht alles aus, was unter ihren Händen hervorgeht. Fast scheint es, sie verlieben sich in diese eintönigen mechanischen Schwierigkeiten der Anfangsgründe. Und das ist ihr gutes Recht. Es muß sie im voraus entschädigen für alle späteren Enttäuschungen. Denn sie werden versagen, sobald die Beweglichkeit der Natur im Gegensatz zu der methodischen Steifheit der Musterblätter sie zu verwirren beginnt.
Arbeit – Arbeit –
Nicht zur Seite schauen. Stumpf abgeschlossen nach innen – gleichgültig nach außen. Ein langsames, zähes Vorwärtskriechen – ohne Kampf, ohne Ehrgeiz, ohne Zielbewußtsein. – – – –
Esther benutzte jede freie Zeit, besonders die langen Abende zu Zeichenstudien.
In ihrem Lilienzimmer saß sie bei einer kleinen Stehlampe, die fortwährend Petroleum aus dem Behälter schwitzte. Vom Nachbarzimmer herüber drangen zuweilen vorsichtig gedämpfte Unterredungen des schwindsüchtigen Brautpaars.
Fräulein Nancy schminkte sich jetzt seit einiger Zeit, und Herr Engel lebte nur noch von Morphium.
Wenn sie miteinander sprachen, so schien es sich stets um irgend welche Berechnungen zu handeln, die sie mit ihren rauhen, kranken Stimmen aufstellten.
Esther mußte daran denken, daß sie einmal »halbverhungert« hier aufgetaucht waren. Woher mochten sie kommen? Welchen Weg durch Entbehrungen mußten sie gegangen sein?
Mißtrauisch und argwöhnisch zeigten sie sich gegen jeden, der sich ihnen nicht feindlich näherte, denn sie glaubten sofort, der wollte etwas von ihnen. Warum sollte er denn sonst auch freundlich sein?
Unter jenen hatten sie gelebt, die sich auf den Fußbreit Erde drängen, den einer unter ihnen strauchelnd verliert. Sie hatten jeden Glauben an uneigennützige Güte verloren. Güte war ihnen nichts als Dummheit oder Verstellung. Selbst Fräulein Nancys Toilettenkünste mochten nicht weiblicher Gefallsucht, sondern einzig dem Ehrgeiz entspringen, noch als vollzählige Konkurrentin zu gelten – vollwertig an Kraft und Gesundheit, eine nicht zu übersehende Nummer unter denen, die neiden und beneidet werden. Sie wollte bis zuletzt als Rivalin im Kampf um die Arbeit mitrechnen.
Und doch gab es einen Funken von Güte auch unter ihnen. Das war die seltsame Liebe, die sie für einander hatten, diese rührende, oft grotesk wirkende Zärtlichkeit, deren unfreiwilliger Zeuge Esther zuweilen wurde. Die Besorgnis, die einer für das Wohlsein des andern hatte, und die sich oft im allernaivsten Materialismus ausdrückte.
Esther beschäftigte sich so viel mit dem möglichen Schicksal dieser Nachbarschaft, daß sie es zuletzt förmlich noch zu allem andern sich selbst auflud – zu allem Dumpfen und Erdbedrückten, was sie schon zu tragen hatte.
Mit den andern Bewohnern der Pension kam sie selten außer den Mahlzeiten zusammen.
Da gab es ein »Fräulein Doktor«, die nächst dem Baron Ehrhard von Dunkelmann den Stolz des Hauses bildete. Ja hier war sowohl der Geburtsadel wie der Adel des Geistes vertreten, wie Fräulein Schulze Esther gleich anfangs versicherte. Außerdem erschien noch eine kleine, zarte und sehr bescheidene Musikschülerin bei Tisch, die Fräulein Schulzes Wohlwollen unter der unausgesprochenen Voraussetzung besaß, daß sie sehr wenig aß.
Fräulein Doktor Obenauf, Assistentin an der Frauenklinik des Professors D., führte zumeist die Unterhaltung. Sie war sehr aufgeklärt und benutzte gewöhnlich die mittäglichen Zusammenkünfte, um auch der übrigen Tischgesellschaft den Segen geistiger Freiheit zu gewähren.
»Stellen Sie sich einmal vor,« schrie sie mit ihrem weithintönenden Organ, »wo sollte denn eine Seele sich verstecken? Das ist alles Humbug, alles!
Glauben Sie nicht, ich habe genug Menschenleiber zersäbelt, um wissen zu können, wo eine Seele Raum haben könnte? Da ist ganz einfach kein Platz sage ich Ihnen, kein Platz!«
Fräulein Schulz, die eine Pastorentochter war, machte hier einen Einwand: »Es glauben aber doch so viele Leute daran,« sagte sie und machte eine abwartende schiefe Kopfbewegung.
»Glauben! Hahaha glauben! Als ob das nur der allergeringste Beweis wäre!« trompetete die Obenauf. »Ich als Ärztin sage Ihnen, daß kein Platz für eine Seele ist, und damit Punktum.«
»So, so – ja gewiß,« sagte Fräulein Schulze und kroch in sich zusammen. »Als Ärztin müssen Sie das natürlich wissen.«
Esther hielt sich gern von solchen Debatten fern. Die kleine Musikschülerin schwieg, weil sie sich vor der Stimme der Ärztin zu fürchten schien, und weil sie sich vielleicht auch noch nicht weiter über seelische Angelegenheiten beunruhigt hatte. Der wirkliche Baron aber lächelte vielsagend.
Man wußte sehr wenig über das Leben des Barons. Er hatte jedoch einmal den Ausspruch gethan, daß ein Künstler die moralische Verpflichtung habe, sich nie durch eine Ehe zu binden, denn in diesem Falle würde er durch den heiligen Egoismus des Genies sowohl sich als seine Frau unglücklich machen, denn er sei infolgedessen nicht fähig, die Verantwortung auch noch für eine andre Individualität zu übernehmen.
Er sah sehr bewegt aus bei dieser Erklärung, und so schloß man fortan, daß er selbst zu jenen leidgekrönten Egoisten gehöre. Sobald die Rede auf eine Streitfrage der Kunst kam, mußte seine Autorität zur Entscheidung aufgerufen werden.
Und er hatte dann eine ganz eigenartig rätselhafte Art, in der er seine Aussprüche hervorbrachte.
»Die Dekadence vergleiche ich mit dem müden, rosigen Licht der Ampel,« sagte er. »Und ist dieses gedämpfte Licht der Nacht nicht sinnberückender als der grelle, plumpe Sonnenschein?«
Fräulein Schulze horchte andächtig auf, wagte aber nichts zu antworten, weil sie befürchtete, es möchte vielleicht nicht zart genug ausfallen.
Zuweilen kamen die Briefe aus Dänemark. Esther öffnete sie immer wie unter einer dumpfen Angst.
Es war kaum die Furcht vor schlimmen Nachrichten. Sie wußte ja, daß dort alles in dem lieben alten Gleichmaß vor sich ging. Aber die Erinnerung war es, die mit der Zeit immer mehr etwas unsäglich Bedrückendes für sie hatte – ein unbestimmtes Schuldbewußtsein kam nach und nach an Stelle jenes Gefühls, nur nach einer Notwendigkeit gehandelt zu haben.
Aber hätte es denn für sie eine andere Möglichkeit überhaupt gegeben? Hätte sie die Pflicht gehabt, dieses Verhältnis weiter zu tragen, weil sie es einmal eingegangen war?
Ihre Begriffe begannen unsicher und schwankend zu werden.
Und doch:Hierlag nicht das Verfehlte – aber dann wo? – –
Heftete sich das Unglück an ihre Person wohin sie trat? Gehörte sie zu den Vom-Schicksal-Gezeichneten, die überall das Unheil mit sich führen – ungewußt und ungewollt? – –
Ein Brief von Eliza kam, einer ihrer süßen unschuldigen Briefe, die ihre Art so unvermittelt übertragen konnten.
Und sie erzählte diesmal von einer großen Neuigkeit in Eriksgaard: Arne hatte sich verlobt.
Esther unterbrach sich im Lesen. Das war ja wie eine Erlösung!
Also war sie doch im Recht gewesen, wenn sie geglaubt hatte, daß eine noch unbewußte Liebe zu Thora ihn in jene zwiespältige Lage gebracht hatte! Sie selbst war nur zur rechten Zeit gegangen, wo das Ende sich schon vorbereitete.
Sie griff wieder zu dem Brief und las weiter –
Aber was war denn das?
»Seine Verlobte ist ein Fräulein Ingeborg Peersen, die er diesen Winter in Fredensborg kennen gelernt hat.«
Esther ließ den Brief sinken.
Sie schämte sich plötzlich. Es war kein großes, quälendes Schamgefühl – nur ein peinliches Erröten – jenes Empfinden, unter dem ein anständiger Mensch immer den Wunsch hat, zur Seite zu sehen. –
Esther war jetzt über die mechanischen Vorübungen hinausgekommen. Die Arbeit fing an ein tieferes Eingehen zu beanspruchen.
Ihre Gedanken konnten nicht mehr wie bisher beständig die alten, ausgetretenen Wege, an toten und niedergehaltenen Empfindungen vorüber, gehen. Sie brauchte den ganzen Intellekt für ihre Thätigkeit, der sie sich mit immer größerem Eifer hingab.
Fast unwillkürlich gewann sie sich aus den Eindrücken ihrer Umgebung nur mehr Studien über Licht- und Farbenwirkungen und beobachtete die Gesetze der Plastik, die so eigentümlich von der Beleuchtung abhängig sind.
Erst jetzt verstand sie, wie viel Drangabe des reinen Intellektes jede Kunst beansprucht, die sich der Dilettant immer als eine mühelose Himmelsgabe vorstellt, wie viel Arbeit vor allem dazu gehört, den Zufall zu beherrschen.
Denn was ein einziges Mal unwissend wohlgelungen ist, soll wieder und wieder gelingen können unter der Leitung eines bewußten Willens. Das erst ist Können – Kunst!
Und so kam es, daß sie nach und nach mit ihrer ganzen Persönlichkeit überging zur Arbeit.
Ihr Gefühlsleben schrumpfte gleichsam zusammen bis zu jenen kleinen Alltagsempfindungen, die sozusagen zu den Anstandspflichten des Herzens gehören.
Sie war Zuschauer, nichts als Zuschauer gegenüber dem Leben.
Und das Leben rächte sich, so daß ihr jeder menschliche Eindruck zur hohlen, seelenlosen Karrikatur wurde.
In den freien Zeiten schlenderte sie oft durch die Straßen, ohne viel zu denken. Zuweilen erregten die Vorübergehenden ihre Aufmerksamkeit. Dann dachte sie noch einen Augenblick über sie nach, bis diese lässige Müdigkeit alles mit Gleichgültigkeit zudeckte.
Und doch war es in diesen Stunden körperlicher und geistiger Abspannung, daß ein Erlebnis an sie herantreten wollte.
Sie kam an einer der großen Kunsthandlungen vorüber, in deren Schaufenstern an jedem Sonnabend eine neue Ausstellung für die kommende Woche arrangiert wird.
Nach ihrer Gewohnheit blieb sie stehen, um die Bilder zu betrachten.
Und heute –
Sie sah und sah –
Und da war alles vergessen, was schwer auf ihr gelegen.
»Die Schönheit,« dachte sie nur, »die Schönheit!«
Auf der Höhe des Berges küßt der Mann in der Tracht eines fahrenden Sängers das Weib. Ganz zart berührt er ihre nackte Schönheit. Seine Augen sind geschlossen, um den Mund die Keuschheit des Betenden. Und über allem der stille, ruhende Ausdruck der Erlösung.
In dichter Fülle schlingen sich Rosen unter der goldenen Leiste hin, die den Abschluß des Bildes angiebt. Schwere brokatene Vorhänge, die in ihrer massigen Farbenauftragung den Vordergrund bilden, sind wie vor einem Heiligenbild zurückgezogen.
»Auf freier Höhe« heißt das Bild.
Und Esther stand davor und sah bald in den zart verblassenden Himmel, von dem sich eine kleine zitternde Birke abhebt – und dann auf die ruhige Schönheit der Frau, die mit einem entrückten Ausdruck ins Weite sieht, und sie betrachtete das Gesicht des Mannes, in dem noch die Qualen verflossener Jugendzweifel zu kennen sind hinter der Ruhe der Befreiung.
Endlich riß sie sich los.
Und es war, als sei noch einmal ihre Seele im Erblühen gewesen unter dem tiefen Eindruck der Schönheit.
Sie sagte sich: das ist es, was ich einmal können will – Aber giebt es denn noch etwas zu wollen, wenn das geschaffen ist? Ist nicht alles damit ausgesprochen, so daß jedes, was noch kommen kann, nur ein Stammeln und Nachbeten bleibt?
Und dann kam eine kurze Zwischenzeit, die ein scheues Glück für sie brachte.
An jedem Tag ging sie zu den Schaufenstern der Kunsthandlung. Und dort stand sie vor dem Bild, das in ihr die Sehnsucht geweckt hatte, auf die freien Höhen der Kunst zu gelangen.
Immer wieder ging sie dorthin und träumte von einem kühlen, lichten Glück – von der klaren, sanften Erlösung aus bedrückendem Menschentum – durch die Kunst. –
Aber die Kunst will die freie Lust und den heißen Lebenswillen eines übervollen Herzens, und es heißt ihre Göttlichkeit beleidigen, wenn man ihr auf den Trümmern eines zerbrochenen Schicksals den Tempel erbauen will. –
Als einmal das Bild nicht mehr im Fenster hing, sank Esther müde in sich zusammen – wie beim Erlöschen des Lichts.
Noch in den ersten Tagen des März erweiterte sich Fräulein Schulzes Pension um einen neuen Gast.
Um seinetwillen hatte man eine Tafel in den alten Ausziehetisch eingefügt, und der Braten erschien fortan auf einer noch pomphafteren Schüssel als bisher und lag in einem förmlichen Wald von Petersilienkraut versteckt, der seine Blätter üppig über den Schüsselrand hängen ließ.
Ja, Fräulein Schulze wußte, was sie dem Rufe ihrer Pension schuldig war.
Ihr kleines, bleiches Gesicht unter dem Spitzentuch erstrahlte förmlich bei der Vorstellung: »Fräulein von Preller – Schriftstellerin.«
Fräulein von Preller hatte ihren Platz zwischen Esther und der Ärztin bekommen.
Esther sah flüchtig auf und begegnete dunklen Augen mit einem guten Blick, die den Haupteindruck in dem etwas fahlen Gesicht machten. Der Mund war stark und tiefgekerbt in den Winkeln. Es war eine ursprünglich rohe Form, die beim Sprechen durch den Ausdruck von Grazie und Lieblichkeit veredelt wurde.
Die Doktor Obenauf nahm gleich Beschlag von ihrer Tischnachbarin.
»Sie kommen hierher, um Studien in der Großstadt zu machen, nicht wahr? O, da könnte ich Sie mit Verhältnissen bekannt machen – mit Verhältnissen –!«
Sie ließ durch einen Augenaufschlag die Art dieser Verhältnisse ahnen, fuhr jedoch, als keine Nachfrage entstand, von selbst mit einer Schilderung fort:
»Ich sage Ihnen, da kommt man manchmal in Häuser – Menschliche Wohnungen – nein! menschliche Wohnungen ist nicht der passende Ausdruck für solche Viehställe!
Denken Sie mal, da hat man kürzlich ein Gesetz erlassen, daß es verboten ist Schweine und Geflügel auf der Etage zu halten. Denn es ist vorgekommen, daß man in einem Zimmer den Hausherrn, die Hausfrau, zwei erwachsene Töchter, einen Zimmerherrn und ein Schwein einquartiert fand –
Faktisch, ich sage Ihnen: das alles ganz gemütlich in einem Zimmer!
Es lohnt sich wirklich, so was anzusehen!«