Wie sie jetzt einen Augenblick schwieg und beifallsuchend über die verlegene Tischgesellschaft hinsah, erwiderte Fräulein von Preller mit ruhiger Liebenswürdigkeit im Ausdruck:
»Ach nein, um solche Studien zu machen, bin ich keineswegs hergekommen. Es wäre mir zu unerträglich, derartige Zustände mit anzusehen, ohne da helfen zu können.
Ich könnte mir denken, daß einen das ganz mut- und kraftlos macht für jede gewohnte Thätigkeit, wenn man einsehen muß, daß man so machtlos davorsteht.
Ich wenigstens möchte einen solchen Versuch mir nicht zutrauen.«
Doktorin Obenauf lachte dröhnend. »Dasmüssen Sie sich aber abgewöhnen, wenn Sie Schriftstellerin sein wollen! Man muß alles sehen können! Leute mit Nerven taugen nichts!« schrie sie, so daß die kleine Musikschülerin entsetzt zusammenzuckte.
Ehrhard, Baron von Dunkelmann lächelte überlegen.
Als keine Antwort von seiten der Angeredeten erfolgte, knüpfte Doktorin Obenauf mit einer neuen Frage an:
»Sie können gewiß gar nichts vertragen, nicht wahr?
Da müßten Sie sich mal zur Abhärtung die Bilder in einem meiner medizinischen Werke betrachten! Donnerwetter, da würden Sie schön Ihre Nerven bekommen!
Die könnten Sie nicht ansehen – und da die Fräulein Franzenius auch nicht, – das versichere ich Ihnen!«
Die beiden also Zusammengestellten betrachteten sich unwillkürlich lächelnd. Dann wandte sich Fräulein von Preller zu der Doktorin.
»Sie könnten vielleicht in Ihren Voraussetzungen recht haben, Fräulein Doktor,« sagte sie. »Darin nämlich, daß es nicht das Ziel meiner Wünsche ist, physiologische Abnormitäten mit Wohlgefallen betrachten zu lernen. Im übrigen kann ich Sie aber über den Zustand meiner Nerven vollkommen beruhigen.«
Die Obenauf fühlte nun doch eine Zurückweisung durch und lenkte ein:
»Wie wollen Sie denn aber als Schriftstellerin das Leben, wie es nun einmal ist, richtig beschreiben, wenn Sie sich vor jedem dritten Eindruck fürchten?«
»Ich glaube, so viele Schriftsteller es giebt, aus so viel verschiedenen Gründen schreiben sie – und eben so verschiedenartig sind die Eindrücke, die sie dazu veranlassen. Ich kenne zum Beispiel ein junges Mädchen, der es möglich ist, sich jeden Kummer wegzuschreiben. Manchmal fängt sie weinend an und über dem Arbeiten wird sie ganz froh und ruhig. Ihren Sachen sieht man es aber keineswegs an, daß sie alle unter Thränen und Traurigkeit entstanden sind – sie reden alle von dem, wohin sich nur eines Menschen Sehnsucht gern verlieren mag.«
»Das ist aber nicht das richtige. So egoistische Leute, die nur für sich allein was schaffen, sind keine Künstler,« erklärte die Ärztin. »Die Kunst muß social sein in allererster Linie.«
»Es mag wohl sein, daß sie keine wirkliche Künstlerin ist,« sagte Fräulein von Preller. »Man kommt ja oft ganz von ungefähr zu seinem Titel – So verdanke ich ihn im Augenblick nur Fräulein Schulzes Liebenswürdigkeit die –«
»Aber gnädiges Fräulein!« rief hier Fräulein Schulze ganz ängstlich, »entschuldigen Sie doch, aber ich habe Ihnen heute selbst einen Brief gebracht, der so adressiert war!«
Fräulein von Preller lachte. »Ja dann wird am Ende so eine fremde Redaktion besser wissen, was ich bin, als ich selbst!
Den Titel aber überlasse ich trotzdem lieber denen, die sich einen Beruf aus dem machen, was mir etwa nur – Erleichterung ist.«
Da bekam die Ärztin ein ganz strenges Gesicht. Sie drückte ihren ausgestreckten Zeigefinger in die Schulter ihrer Nachbarin und fragte ausdrucksvoll: »Jetzt sagen Sie mir aber mal, mein bestes Fräulein, mit welchem Recht machen Sie mit ihren leichtsinnigen Anschauungen da denen Konkurrenz, die von nützlichen und angebrachten Dingen aus selbstgeschöpfter Erfahrung zu reden wissen, und die auch die Unannehmlichkeiten ihres Berufs nicht scheuen?«
Da bekam das junge Mädchen einen ganz eigen hoheitsvollen und abweisenden Ausdruck.
Es giebt Menschen, die ihre Wahrheiten in keiner Stunde der Intimität verraten, denen es aber nicht darauf ankommt, sie in freier Willkür gleichsam denen vor die Füße zu werfen, die ihnen mit unverständigen Angriffen begegnet sind. Es ist das ein unerklärliches Bedürfnis, sich gerade da auszusprechen, wo man gewiß ist, tauben Ohren zu begegnen.
So sagte sie: »Ich schreibe, weil es so viele Dinge giebt, nach denen ich mich sehne – Und ich schreibe, weil ich alles das loswerden will, was in meinem Leben traurig und verfehlt gewesen ist.
Zu lange und zu schwer an den Dingen tragen entkräftet – da wird man ihrer ledig – in der Kunst –
Und Ideale giebt es, die sind schön und zart über die Maßen – aber sie taugen nicht in das Leben – da trägt man sie hinüber in die Kunst.
Denn es gilt vor allem, das Leben zu hüten, weil nur von einem ganzen Menschen ganze Kunst kommen kann.
Aber sollte es dennoch eine Wahl geben zwischen Leben und Kunst, so würde ich immer sagen, ›das Leben ist das bessere – das Leben!‹«
»Welche Lästerung der Kunst!« schrie die Ärztin entsetzt, wandte sich ab und vertiefte sich fortan nur mehr in die Genüsse, die der Wald aus Petersilienkraut verbarg.
Esther konnte oft des Nachts nicht schlafen. Sie hörte dieses gequälte Husten des Schwindsüchtigen, und wenn es so ganz unerträglich wurde, fühlte sie sich immer versucht, aufzuspringen und irgendwie zu helfen.
Sie litt mit unter diesen entsetzlichen Anstrengungen des Atemholens. Sie machte jeden Anfall mit durch, der ihn mit einem leisen, keuchenden Husten durchschüttelte, und sie selbst atmete erleichtert auf, wenn sich endlich dieses verzweifelte Ringen nach Luft wieder legte. –
In einer Nacht, da mußte es wohl besonders schlimm sein. Sie hörte ihn nach der Verlobten rufen:
»Nancy! Nancy! Hilf –«
Und nach einer halben Minute wieder: »Kommst du nicht?« –
»Sei still, sei still!
Bleib nur ganz ruhig liegen. Ich bin schon da.«
Die Stimmen und Geräusche klangen mit einer hohlen Deutlichkeit durch die Stille der Nacht.
Esther konnte hören, wie Nancy ihm sein Morphium gab und sich dann ans Bett setzte und hüstelte.
»Ist dir auch nicht kalt, Nancy?«
»Bewahre, ich bin abgehärtet.«
Eine Weile war alles ruhig, dann: »Mir ist so gut jetzt – aber magst du noch ein bißchen dableiben?«
Esther verstand diesmal keine Antwort.
»Erzähle mir, Nancy, sprich davon, wie es sein wird, wenn wir verheiratet sind und drüben in Königs-Wusterhausen in dem kleinen Häuschen am Walde wohnen –«
»Ja, das wird gut sein,« sagte Nancy – »gut für uns beide. Dann haben wir uns ein nettes bißchen Geld zusammengekratzt und können auf die elende Hetzerei mit den Redaktionen pfeifen.
Dann schreibst du in aller Gemütsruhe an deinem Roman, und wenn die Hofjagden sind, dann verständigen wir uns mit ein paar Zeitungen und können in aller Bequemlichkeit das Material für die interessantesten Berichte sammeln.«
»Ach Gott ja, mein Roman! – Elend lange liegt der nun schon!«
»Na Schatz, dann hast du ja doch Zeit die schwere Menge!« –
»Famos ist Wusterhausen – findest du nicht?
Der Park mit den Linden –
Und so überall diese Ruhe –
Man sollte denken, da könnte eins in aller Geschwindigkeit wieder zu Kräften kommen!«
»Sprich nicht so viel. Ich erzähle dir lieber –
Weißt du noch, wie wir zum ersten Mal dort waren und über die Heide fuhren? So viele gelbe Blumen blühten gerade. Der Kutscher sagte, daß es Ginster wäre. Wir haben dann ja auch 'n ganzen Packen abgerupft, aber in der Bahn haben wir sie vergessen.
Und dann bei der Mühle. Da hingen die Zweige von den Kastanienbäumen bis ganz ins Wasser – höchst malerisch! muß man sagen. Man hätte 's gleich für 'n Gedicht verwenden können – wenn man nicht die Lyrik so schlecht bezahlt wäre.«
»Das elende, elende Geld!«
»Gut genug, wenn man's hat!«
»Nancy, rechne mal: wann haben wir genug zusammen?«
»Na, warte mal –
Wenn wir uns vielleicht an dem Preisausschreiben beteiligen – wir können ja gut zusammenarbeiten – und wenn wir dann vielleicht den dritten Preis zu 5000 Mark bekommen, dann steht doch überhaupt nichts mehr im Wege, dächt' ich?
Dann gingen wir vielleicht erst noch den Winter über nach Davos – Du weißt ja, da ist jetzt die großartige Einrichtung für unbemittelte Lungenkranke. Und wenn wir dann unser bißken los sind – und 's wird recht schön warm bei uns hier – so gegen Mai hin – dann siedeln wir über.«
»Nancy, weißt du's noch genau: wie heißen gleich die Bedingungen für das Preisausschreiben?«
»Ein moderner Stoff, der Tagesfragen berührt – nicht über 20.000 Zeilen –«
»Nicht über? – Das ist gut! Als ob jemand mehr schriebe, wenn nicht Zeilenweise bezahlt wird!«
»Tagesfragen – liegen uns ja nahe.«
»Können wir – mit Leichtigkeit.«
»M. w. – m. w.!« sagte Fräulein Nancy.
»Nancy – war nicht neulich in der ›Litterarischen Praxis‹ nicht auch ein Preisausschreiben zur Reklame für eine Strumpfwirkerei?«
»Jawohl: 300 Mark als erster Preis. M. w. ebenfalls.«
»Nancy – ich bin – jetzt – müde.«
»Na, dann gute Nacht, mein Schatz!«
Esther hörte Fräulein Nancy in ihr Zimmer zurückgehen. – – – –
Am nächsten Morgen kam Fräulein Schulze ganz verstört zu Esther hereingestürzt.
»Ach Gott, mein liebstes, bestes Fräulein,« rief sie, »ich möchte ja nicht, daß es jemand anders erfährt, aber zu Ihnen muß ich mich nun aussprechen – sie haben es auch am Ende so dicht nebenan schon selbst gehört: Ihr Zimmernachbar ist heute früh gestorben – an einem Blutsturz – so ganz auf einmal!«
Esther fühlte, wie sich ihr die Kehle zusammenschnürte vor Mitleid und Entsetzen.
»Weiß es denn schon die Braut?« fragte sie endlich.
»Jawohl, die sitzt bei ihm und will niemand bei sich haben. Sie sagt, daß sie ausziehen will, sowie er unter der Erde ist.«
»Kann man denn nichts für sie thun?« fragte Esther mechanisch. Und dann noch einmal voll Wärme: »Besinnen Sie sich doch, Fräulein Schulze, was man da thun könnte!«
»Da kann nur unser Herrgott helfen – für mich ist dieses ganze Vorkommnis ja auch sehr peinlich – wer weiß, ob niemand deshalb auszieht,« sagte Fräulein Schulze und wischte sich mit dem Taschentuch die Augen.
»Ach nein, vielleicht ist es doch möglich,« meinte Esther, »ich will jetzt gleich vor der Malstunde einmal hinübergehen.« –
Sie klopfte an und trat auf ein rauh hervorgestoßenes »Herein!« in das Zimmer.
Es war ein ganz winziges Kämmerchen – ungleich dürftiger noch als das ihre.
Der Tote lag ausgestreckt auf seinem Bett. Er hatte ein leidensverzerrtes Christusgesicht.
Esther ging auf Fräulein Nancy zu, die ihr feindlich entgegenstarrte. Sie wagte kein Wort des Beileids zu sagen, bot nur ganz schlicht ihre Hilfe an.
»Lassen Sie mich in Ruhe,« sagte Fräulein Nancy, »ich gehe Sie nichts an, und Sie gehen mich nichts an. Das hier ist allein meine Angelegenheit.«
Esther ging still wieder hinaus. Sie traf Fräulein Schulze im Gang. »Nun,« fragte die, »haben Sie was erreicht?«
Esther verneinte niedergeschlagen.
»Ich sagte es Ihnen ja, liebes Fräulein, da kann nur unser Herrgott helfen!«
In den Straßen ging die Luft weich und wehend. Esther spürte diesen feinen, durchdringenden Geruch des einbrechenden Frühlings, und da stieg es plötzlich in ihr auf wie eine leise Neugier nach fernen, fernen, halbvergessenen Dingen.
Wie ist doch das?
Man geht an Frühlingstagen wie durch ein Feld, auf dem Erwartung und Sehnsucht nach künftigem Genießen sproßt.
Ist es wohl so? –
Aber sie – sie gehörte doch zu denen, die für sich selbst nichts mehr zu erwarten haben – denen sich das Leben geweigert hat. Zu denen, die nur noch tapfer sein wollen.
Doch der Wind streifte sie wie ein verwehter Klang der Heimatssprache.
Wie träumend ging sie von dem gewohnten Rückweg aus der Malschule ab und verfolgte die Richtung nach dem Tiergarten.
Überall standen an den Straßenecken Blumenverkäufer mit italienischen Anemonen und Mimosenzweigen, deren linder Geruch gleichsam die Luft verjüngte.
Esther trat in einen Blumenkeller und kaufte ein paar Narzissen – ihre Lieblingsblumen. Sie trug sie sinnend vor sich her.
Über den Straßen des Tiergartenviertels glänzte weißes, trocknes Licht. Aus den Gärten herüber drang üppiger Blumenduft der ausländischen Pflanzen, vermischt mit dem herben Geruch von jung keimendem Grün.
Und dann war der Tiergarten erreicht.
Ein zartgrünes, durchdringendes Licht spiegelte von den jungen Blattknospen auf den Weg herab.
Wie schön das alles war. Ja, sie wußte, daß alles das schön war, was sie umgab – aber sie vermochte es nicht zu fühlen. Eine lähmende Starrheit lag über ihrer Seele, die der alte leichtbewegliche Schönheitssinn vergeblich zu durchbrechen suchte.
Wie Scham über ein heimliches Gebrechen empfand sie diese Starrheit plötzlich. Und sie quälte sich damit und suchte nach Gründen.
Sie dachte: Wie kann es nur sein, daß eine bloße Enttäuschung, die uns nicht einmal im tiefsten traf, so zu töten vermag, während ein großer, echter Schmerz lebenschaffend wirkt?
Sie erinnerte sich, wie sie einmal das Leid getragen hatte wie ein heimliches Glück. Wie ringsum alles zu Leben erstand – geheimnisreich und tief. Wie jeder Vorgang bedeutungsvoll wurde, weil er sich in einem heißen Herzen spiegelte.
Doch dann war jener Irrtum des Fühlens gekommen, der die Lebenskraft langsam, fast unmerklich in sich sog, der sie ganz im geheimen leer und unfähig machte, während ihr schien, sie habe kaum etwas daran gesetzt. – –
Sie ging an den Teichen entlang, dann über eine Brücke.
Schwäne kamen fauchend und mit erhobenen Flügeln angeschwommen. Wie ein hellgrünes Netz über schwarz-goldenem Grund spiegelten sich die jungen Knospen im Wasser.
Esther blieb stehen, senkte den Kopf immer tiefer, lehnte sich an den Brückenpfeiler.
Da kamen ihr ein paar Worte – arme, geborgte Worte – sie hatte wohl keine eigenen mehr: Verfehlte Liebe – verfehltes Leben – –
Und die Schwäne reckten sich zischend zu ihr herauf, und die Worte fielen wie eine geheimnisvolle Last in das golden schwarze Wasser. – – – –
»Fräulein Franzenius, da stehen Sie nun immer und unterhalten sich mit den Schwänen?«
Esther sah auf. Fräulein von Preller stand neben ihr.
»Ich habe Sie gar nicht gesehen,« sagte Esther mit einem scheuen Lächeln.
»Natürlich nicht,« meinte die andre und sah ihr mit einem sonderbar guten und warmen Blick entgegen.
Esther dachte: »Sie ist schön.« Und dann: »Hat sie mir auch jetzt eben gewiß nichts ansehen können?«
Nein, gewiß ahnte sie nichts dergleichen. Sie fragte ganz harmlos: »Darf ich nun mit Ihnen zurückgehen? Denn wir müssen doch gewiß recht pünktlich zum Mittagessen kommen, sonst machen wir das arme Fräulein Schulze ja unglücklich.«
»Gern, wenn Sie mögen.«
Esther war ganz erleichtert, daß sie sich nicht durchschaut fühlen mußte.
So gingen sie nebeneinander durch den Tiergarten zurück.
Fräulein von Preller machte kleine Bemerkungen über die Umgebung. »Schade, daß ich kein Brot für die Schwäne mithabe,« sagte sie. »Sie erwarten es eigentlich nicht anders von jedem Vorübergehenden. Sie stellen sich auf und fordern Zoll. Und wer nichts zu geben hat, den verfolgen sie höchst ärgerlich noch ein Stückchen auf dem Land, dort wo es ihnen eigentlich schon fast unmöglich ist, sich fortzubewegen. Alles das, weil sie sich recht sehr enttäuscht fühlen.«
Dann kam ein Kinderfräulein vorbei mit einer Schar kleiner aufgeputzter Judenkinder. Sie trippelten alle ganz vorsichtig in ihrem Staat einher und hatten traurige, müde Augen.
Fräulein von Preller sagte: »Es thut mir immer weh, wenn ich Kinder sehe, die nicht laufen und springen dürfen. Mir scheint, solche Kinder haben für ihre kleinen beständigen Entsagungen mehr zu dulden, als irgend ein Erwachsener über seinen reifen Kummer, den ihm das Schicksal auferlegt. Immer wenn ich solchen kleinen unglücklichen Wesen begegne, wünsche ich mir nichts mehr, als an Stelle dieser leeren Holzpuppen zu sein, und dann würde ich selbst mit den Kindern um die Wette Kinderstreiche machen. – Natürlich wäre ich dann bald genug von der betreffenden gnädigen Mama entlassen,« setzte sie lachend hinzu.
Esther hörte gern zu. Die alleralltäglichsten Sachen klangen gut und warm durch die Art, wie sie gesprochen wurden, und die etwas tiefliegende Stimme war wie von Leben durchzittert.
Da plötzlich nach einer kleinen stummen Pause brach Fräulein von Preller in die Worte aus: »Ich wollte, alle Geheimnisse wären so schön wie die eines Frühlingstages. Kein Mensch dürfte etwas Trauriges verbergen – dann würde ein jeder umhergehen und den andern glücklich machen mit dem, was er verschweigt.«
»Was kann ein Mensch dazu thun, wenn er trübe Geheimnisse tragen muß?« sagte Esther leise.
»Sie tot machen! Sie ganz ertöten und überwinden, und dann – ein neues Glück darauf bauen!«
»Glauben Sie nicht, daß es Verhältnisse giebt, die kein neues Glück zulassen – diedasGlück nicht zulassen?«
»Nein – nie!«
»Sie meinen?«
»– daß jedes Glück gewollt und erzwungen werden kann.«
»Glauben Sie nicht, das ergäbe eine recht billige Moral?«
»Ich weiß, daß sich das, was ich jetzt sagen will, sehr leicht mißverstehen läßt – trotzdem: ich glaube, daß für jeden Menschen, auch für den, der gewohnt ist, nie nach billigen Moralen zu handeln, einmal der Augenblick kommt, wo er sich jenseits der Moral stellt. Es ist für ihn der Ausnahmefall – das Zugeständnis an die Forderung des brutalen Lebens.Wanndiese Zeit aber gekommen ist, hat jeder anständige Mensch allein mit sich selbst abzumachen. Er allein muß wissen, wie viel Kampf und Schmerz er einzusetzen hat, ehe er sich sein Glück nimmt.
Man hat viel von einer Moral gesprochen, die im Namen der Schönheit und Freiheit verkleideten Häßlichkeiten das Wort redet. Darüber sind wir jetzt hinaus. Unsre ganze Zeit ist darüber hinaus. Wir wissen nur mehr von einer Ästhetik, die sich mit Ethik deckt.
Wir haben uns von den mißverstandenen Idealen der Freiheit entfernt und lassen wieder die Gesetze der Güte und Großmut über uns stehen, die im Grunde stets für den besseren Menschen gegolten haben. Und an wen es nun kommt, daß er abweichen muß, von dem, was er für gut hält, der hat einen strengen Kampf mit sich selbst zu führen – und er wird ihn hart kämpfen – nur sich nicht zerstören lassen.«
»Aber könnte es nicht einmal – die Pflicht eines Menschen sein, sich in diesem Sinn zerstören zu lassen!«
»Nie. – Allein schon darum nicht, weil ein gebrochener Mensch – ganz objektiv geurteilt – durch seine Person ebensoviel Unheil anrichten muß, wie er sonst Glück geben könnte. Sein Bestes kann ja nur noch Resignation sein.«
»Und das Unglück, das er anrichtet, wenn er sich nimmt, was ihm nicht zukommt?«
»Das – muß er als ehrlicher Streiter thun. Und noch einmal: Er muß wissen,wanner es thun darf – er allein.
Ein guter und ganzer Mensch wird immer von guten Instinkten geleitet – ein gebrochener kann nur noch Unheil anrichten – ganz unbewußt und ungewollt vielleicht.« –
Sie gingen nun das letzte Stück schweigend nebeneinander. Das helle Frühlingslicht floß zitternd an ihnen herab. Esther war es, als hörte sie ganz von ferne Glocken klingen. Feiertagsglocken waren das – wurde nicht das Leben eingeläutet?
Das alles drängte sich ihr so heiß zu Herzen. Und auch das Traurige wurde milde.
Esther dachte: »Das war es – ja, das war es: ich mußte Unheil anrichten – überall wohin ich kam. Ich hatte nichts Ganzes und Gutes einzusetzen, weil ich dort nicht kämpfen durfte, wo meine Seele begehrte. – –
»Mit meiner ganzen Seele begehre ich nach dir!«
Ja, mit diesen Worten dachte sie plötzlich an den alten Wunsch. Lebensvoll wie nur je trat er hervor aus langem, langem Schweigen.
Der Kampf war zu Ende.
So oft hatte Esther sich die Heimkehr in Gedanken vorgestellt, daß nun die Wirklichkeit für sie gar kein Leben gewinnen wollte.
Sie ging immer nur vor sich hin und dachte, ob es dies eine Mal auch gewiß kein Traum sei, wie so oft schon vorher.
Es war ein weicher Märztag gegen die Dämmerung zu, und überall lag noch ein Duft von Sonnenwärme. Kein bekannter Mensch begegnete ihr unterwegs. So kam sie bis an den Garten.
Sie konnte sich Zeit lassen. Niemand ahnte ja, daß sie schon hier war. Leise klinkte sie das Pförtchen auf und ging über die regenfeuchten Wege. Bräunlich war noch der Rasen von vergangenem Schnee, nur einzelne frischgrüne Lichter lagen darüber.
Aber da – hinter den großen Erlen wuchsen Schneeglöckchen!
Wie oft hatte sie sich den Garten vorgestellt und immer gemeint, so bis auf alle Einzelheiten noch alles genau zu wissen. Und nun wuchsen da Schneeglöckchen, an die sie nie mehr gedacht hatte.
Nein, es war kein Traum, diesmal!
Ein unendlich zärtliches Gefühl – eine kindliche, kindliche Freude erfüllte sie. Und sie meinte, es hätte ihr kein lieblicheres Erlebnis werden können, als daß daheim die Schneeglöckchen blühten.
Weich und fast heiter war sie, während ihr stille, warme Thränen über das Gesicht liefen. Alle großen, leidenschaftlichen und dunklen Empfindungen schwiegen vor der kleinen, kindlichen Freude.
Alles war gut und milde in ihr, und sie war bereit, unter glückliche Menschen zu treten. –
Sie ging langsam auf das Haus zu. Amseln rannten vor ihr über den Weg und versteckten sich zwitschernd in den kahlen Büschen. Das Haus lag stolz und feierlich vor ihr. Alles war ihrem Herzen ein weiches Entzücken.
Da trat jemand auf die Veranda heraus. War das Lydia? Sie schien so viel weiblicher, anmutiger.
Sie ging hin und her, dann blieb sie am Geländer stehen, und ihre Finger spielten in den dürren Weinranken.
Esther kam langsam auf sie zu. »Lydia!«
Das Mädchen griff sich nach dem Herzen. Dann schritt sie zögernd die Stufen hinunter in den Garten, während Esther unwillkürlich stehen blieb.
»Ach du, mir war es, als müßtest du da sein,« sagte Lydia. »Deshalb bin ich herausgekommen.«
Sie gaben sich die Hand, denn es waren nie nähere Zärtlichkeiten zwischen ihnen üblich gewesen. Aber Esther fühlte die ganze alte Treue in dieser einfachen Begrüßung.
Dann gingen sie miteinander, sich noch immer bei der Hand haltend, ins Haus hinein.
»Ich bringe sie Euch!« sagte Lydia, und Esther sah die beiden zusammen, die sie in Gedanken hatte trennen wollen.
Sie waren schöner noch geworden – beide. Und es schien, als könne man sich keinen ohne den andern denken. Sie paßten zusammen, wie ein Bildwerk, das der Künstler aus einem einzigen Marmorblock gemeißelt.
Fast schien es, daß eine körperliche Ähnlichkeit zwischen ihnen entstanden war.
Maria nahm die Schwester in ihre zarten Arme und küßte sie. Esther fühlte einen warmen, schmeichelnden Hauch im Gesicht.
Wie war es doch? War sie nicht gekommen, um dieser da das Glück zu rauben?
Das alles lag so fern.
Sie fühlte sich auf eine neue, feinere Art eins mit ihnen allen. Das tödliche Begehren schwieg.
»Wie schön, daß Sie gekommen sind, Esther,« sagte Lothar.
Esther fühlte etwas Fremdes an ihm – vielleicht, daß seine Freudigkeit leichter, harmloser als früher war. Er hatte ja auch im Glück gelebt.
»Ja, wir wollen es jetzt gut miteinander haben – und nie wieder gehst du fort, Schwesterlein, ja? Versprich uns das!«
Und Maria hob sich ein wenig auf die Fußspitzen, während ihre Hände auf Esthers Schultern ruhten. So waren sie gleich groß, daß sich die Gesichter gegenüberstanden. Maria lächelte zärtlich.
»Wenn du wüßtest, wie glücklich ich bin, wieder hier zu sein,« sagte Esther.
»Ja – nicht wahr? Ich habe nie begreifen können, daß du fort mochtest.«
Nun mußte Esther erzählen. Sie wunderte sich selbst, wenn sie so leicht über die vielen Kleinigkeiten reden konnte, die teils aus einem allzubedeutungsvollen Leben stammten, teils aus jener toten Zeit, wo alles Äußerliche an ihr vorüberging, wie ein gelesenes Wort, das nicht zum Herzen dringt.
Zuweilen begegnete sie Lydias gutem Lächeln.
»Aber ich will nun zum Vater,« sagte Esther.
Ach richtig, der Vater! Ihn hatte man ja ganz vergessen.
»Mein liebes Kind – mein liebes Kind,« sagte der alte Franzenius immer wieder und schüttelte seiner Tochter die Hand.
»Vater –« Esther sprach es ganz leise, gleichsam, wie um sich zu erinnern.
»Wie geht es dir denn, mein liebes Kind?« Er besann sich sehr, um etwas zu reden. Eigentlich gab es ja gar nichts zwischen ihnen, was sie sich mitteilen mußten. Sie hatten eben nur immer nebeneinander hergelebt und nur das besprochen, was der Alltag mit sich führte. –
Und dann saßen sie alle zusammen um den großen runden Tisch. Und Lydia hatte die Theemaschine vor sich und sah sehr hausmütterlich aus. Alle behandelten sie mit sehr viel Respekt und zugleich mit einer Art, als ob sie ganz schrecklich abhängig von ihr wären.
Lydia hatte Würde bekommen.
Es lag etwas Zufriedenes, Beglücktes über einem jeden von ihnen. Esther fühlte, hier war sie nicht entbehrt worden.
Am nächsten Tag ging sie mit Maria durch den Garten.
Maria ließ die knospenschweren Zweige durch ihre Finger gleiten. »Bald werden wir Blüten haben,« sagte sie. »Und auch heiraten können wir dann.«
Esther traf es so tief und schneidend. Sie hätte sich aufbäumen mögen, wie ein verwundetes Tier.
Sie blieb vor Maria stehen.
»Hör' mich, Maria, ich muß dir etwas sagen –«
Maria sah ihr ruhig und unschuldig ins Gesicht.
Nun mußte sie der Schwester gestehen, daß sie gekommen war, um ihr den Geliebten zu nehmen. Ja, das mußte sie jetzt, damit es ehrlich war, zwischen ihnen.
»Hör' mich, Maria, ich muß dir etwas sagen,« wiederholte sie zögernd.
Und dann zitterte ihr Blick fort von den klaren, fragenden Augen der andern – und sie ging wortlos weiter.
»Was war es, das du mir sagen wolltest?« fragte Maria neben ihr hinschreitend.
»Nichts – o, nichts von Bedeutung.«
»Arme Esther, du siehst so gequält aus – du mußt viel gelitten haben,« sagte die schöne Maria. Und über ihr wiegten sich segnend die blütenverheißenden Zweige, und die Blümlein freuten sich, wenn sie das Kleid der Allerschönsten streifte. –
Lothar kam in den Garten. Und wie von je suchten seine Augen Marias gesegnetes Angesicht. Aber nicht mit dem müden, schweren Ausdruck von einst kam er zu ihr – die Frohheit und Sicherheit des Glückes hatte auch ihn durchdrungen.
Esther dachte: wir sind uns so viel fremder geworden. Ich muß ihm ja nicht mehr wie damals mit Schmerzen folgen – er ist glücklich.
Und das Gefühl der Einsamkeit, das vor der ersten Heimatsfreude zurückgewichen war, durchdrang sie wieder.
Nie wird es sich aus einem Menschen löschen, wenn er einsam gewesen ist in jener bittern, schweren, sehnsüchtigen Einsamkeit, die zu keusch ist, um nach »Menschen« zu greifen.
Die lieber ihr Leid trägt, als sich an ihrer Schmerzen Heiligkeit vergreift.
Und die doch so arm und tiefgebeugt werden kann, daß sie sich sehnt, mit weggewandtem Gesicht die Hand auszustrecken, bettelnd, ohne den Geber zu sehen – um dann doch immer nur die Gabe verschmäht aus den Händen gleiten zu lassen.
Denn heiliger sind alle Schmerzen der Sehnsucht, als jede Erfüllung aus fremder Hand. –
Und sie dachte: Ich möchte dich hinabziehen zu meinen Schmerzen, zu meinen Entbehrungen und Kümmernissen. Nur daß ich dich für mich allein hätte.
Du bist mir fremd geworden in deinem Glück. Ich aber sehne mich nach Schmerz und Erdenschwere an deiner Seite.
Alle Güte war von ihr gewichen. Sie sah auch nicht die Lieblichkeit der Schwester mehr.
Sie sah Lothar mit einem dunklen Blick an. »Ich muß dich zu mir sehnen können,« dachte sie.
Seine Augen aber glitten an ihr vorüber. Und er verstand sie nicht. –
O sie wußte wohl, er war nicht von jener feilen Art, die sich durch ein Wohlgefallen von ihrer Liebe ablocken läßt, wie jener, an dem sie sich geirrt hatte –
Aber das was sie ihm bot, mußte er doch fühlen als das Kostbarste, was je ein Mensch dem andern bewahrte – die Sehnsucht eines ganzen Lebens –
Diese todesstarke Sehnsucht mußte ihn zu ihr zwingen. –
Und der Frühling kam so mit Macht!
Einmal noch hatte der Winter das frühe Grün überdeckt, aber nun tauten schon wieder die Wasser von den Bergen und schossen durch das Flußbett. Weidenruten wurden im raschen Vorüberbrausen ergriffen, bogen sich, wehrten sich, wurden von der Strömung in die Länge gezogen und schnellten das Wasser peitschend zurück. Die Wiesen aber glichen Teichen, aus denen das Erlengesträuch mit hilflos erhobenen Armen emporstarrte. Und fortwährend war ein Rauschen in der Luft, als stürme die Sehnsucht durch das Land.
Ja, alle Einsamkeit wollte sterben, und in jedem Auge war Hoffnung. –
Esther fühlte sich so eng verbunden mit ihrer Heimat, mit diesem Land, wo der Frühling so anders kommt als anderwärts. Wo er kommt wie ein plötzlicher starker Wille nach langer Beherrschung, wie ein Wille, der niedergekämpft lag in langen Zeiten – niedergehalten mit ehrlicher Kraft. Und nun steht er auf – wild und riesenstark geworden, während er gebändigt darniederlag.
Esther fühlte sich so eng verbunden mit ihrer Heimat, mit diesem Land. – – – –
Und das Wasser trat zurück und leuchtete in der stolzen schimmernden Ruhe der Blütenzeit.
Wie mit weißem Schaum bedeckt standen die Bäume. Und war es nicht, als hörte man die Erde knistern unter dem Hervorbrechen der Blumen?
Alle Farben waren blank und glatt vor Unberührtheit. Ein feiner, schwebender Duft ging wie Liebesahnung durch die Natur, wurde voller und stärker und strömte zuletzt wie ein einziger tiefer Klang über alles Land. –
Hätte jetzt jemand Esther gefragt: »Ist es so? Ist es das: Du gehst umher und suchst den mit Gewalt an dich zu reißen, den du liebst – du bist schön geworden, weil du siegen willst, ist es das, Esther?« – Hätte jemand so gesprochen, so würde sie antworten müssen: »Ja, so ist es.« Und sie hätte auch noch gesagt: »Sieht mir das nicht ein jeder an? Ich bin schön geworden, weil ich seiner begehre!«
Wie eine köstliche Gewißheit trug sie es in sich, daß er zu ihr kommen würde, kommen mußte eines Tages. Ihr schien, sie hätte nicht mehr gejubelt und nicht mehr geweint, wäre es so gekommen – sie hätte es souverän entgegengenommen, als das was ihr gebührte.
Da war kein Zweifel mehr und auch kein Zurückschrecken vor dem Leid, das sie der Schwester damit thun wollte –
Es gab nur noch das eine Recht, das sie sich kraft einer todesstarken Sehnsucht errungen hatte. – –
Sie ging im Garten und hörte auf seinen Schritt. Sie wußte immer im voraus, wenn er kommen würde. Sie brauchte sich nicht einmal nach ihm umzusehen – sie kannte ein jedes Geräusch, das mit seinem Kommen zusammenhing.
An den Fliederbäumen blieb sie stehen, die ihre kleinen Blüten noch wie Fäustchen ballten.
»Bis der Flieder blüht, sollst du mir gehören,« dachte sie.
Und wenn er vor ihr stand, sagten ihre Augen: »Komm zu mir! Komm zu mir!«
Und sie ging hinaus in die Berge. Und dort, wo alle verschwiegenen Plätze ihre alten Geheimnisse kannten, warf sie sich an den Erdboden – mitten hinein in die honigduftenden, sonnengelben Schlüsselblumen und dehnte ihre festen jungen Glieder und that die Augen weit auf vor dem Licht.
Und dann fühlte sie die Liebe wie ein leises Beben am Herzen und horchte – horchte hinein in den Frühlingstag. – – – –
Einmal aber, wie sie draußen vor dem Gartenzaun vorbeiging, hörte sie dort drinnen Lothar zu Maria sprechen. Und er sagte: »Esther ist so schön geworden – anders noch als früher. Man möchte immer von ihr denken, daß sie ein beglückendes Geheimnis in sich trägt.«
Und Maria lachte. Leicht und sorglos lachte Maria. Maria, die Schönste, Maria, die Geliebteste hatte keine Antwort als ein kleines Lachen.
Und es kamen die stillen, schweren Tage des Frühsommers.
Alles Blühen wurde farbenreicher und üppig, und die Luft stand zitternd und hell über der Erde.
Es war gegen Abend.
Esther saß mit der Schwester und Lothar im Garten.
Die Vögel stießen schrille, scharfe Locktöne aus, die in der unbewegten Luft wie erstickt abbrachen.
»Es ist noch immer so heiß,« sagte Maria. »Die Büsche sind so dicht geworden und halten die Tageshitze gefangen. Wollen wir nicht einmal nach dem Berggarten sehen?«
Und sie gingen den grünen Heckenweg hinter der Stadt hinaus und erstiegen einen Berg, an dessen Hang sich Weingärten hinzogen.
Es war schon ein wenig dämmerig im Thal, droben aber lag noch das weißliche, schon abgetönte Licht des Sommerabends.
Ganz hinauf stiegen sie, bis zu einem kleinen Steinbruch, der von Schlehengestrüpp durchwachsen war.
Da hatten sie unter sich den weiten, blühenden Hang, der einmal ein wohlgepflegter Weinberg gewesen. Jetzt aber wucherten die tiefen Farben der Akelei zwischen den Reben, und weiße, scharfduftende Rosen waren im Erblühen.
Weit, weit unten lag die Stadt, aus deren Dämmern sich kleine, unsichere Lichtfunken hoben, und aus den fernen bläulichen Kornfeldern, die sich mit dem Sinken des Abends entfärbten, roch es frisch herüber.
Das Schönste aber waren die weißen Irisblüten.
Hell und gleißend erhoben sie sich dicht vor ihnen gegen den Abendhimmel.
Der Mond kam leicht und durchsichtig hinter den jenseitigen Bergen hervor und strich zögernd über den Himmel.
Die Irisblüten waren wie weiße, flackernde Flammen. Esther beugte sich tief hinab zwischen die glatten, glänzenden Stiele, die sich knirschend aneinander rieben und atmete den kühlen, unsagbar feinen Duft. Von der Nachtluft leicht bewegt, flatterten die Blütenblätter mit einem sirrenden Ton, der wie Seidenrauschen klang.
Maria erhob sich von dem steinernen Sitz und trat unter die Schwertlilien. Sie bog die Stengel auseinander und legte sich mitten unter sie.
Esther sah hinüber zu Lothar. Der blickte weit hinaus in das nächtige Land.
Aber der Nachtwind strich vorbei wie eine Sehnsucht nach kühlen, rätselhaften Geheimnissen.
»Ich liebe dich,« dachte Esther. »Ich liebe dich – –
Dringt es denn nicht zu dir? Kann meine Liebe noch für dich schweigen in dieser Nacht?«
Doch er schwieg und sah weit hinaus in das nächtige Land.
Da war ihr, als müsse sie sich jetzt erheben und zu ihm gehen und seine Hand fühlen. Als müsse sie sagen: »Komm nun zu mir, denn du bist bei mir zu Hause – bei mir allein.«
Aber sie regte sich nicht, folgte nur seinem fernen Blick.
Und es wurde ganz ruhig in ihr, ruhig wie zu einem angestrengten Horchen. Und ihr war, als sehe sie dort draußen im unbestimmten Licht zwei Seelen zusammenfließen – dort draußen – weit – zwischen Himmel und Erde.
Und ein tiefes, geheimnistrunkenes Glück verschleierte alle Wirklichkeit. Sie gab sich ganz dem Entzücken des Traumes hin.
Sie dachte: »Was geht mich die Erfüllung an und die Ewigkeit der Seligen? Liegt nicht alle Ewigkeit in diesem Augenblick?« –
Maria richtete sich halb zwischen den Irisblüten auf. »Was denkst du jetzt?« fragte sie Lothar.
Der wandte sich wie zögernd ihr zu.
»Ich dachte, wie leicht es sei, auf die Ewigkeit zu verzichten, da man sie doch fühlen kann in einem Augenblick.«
Da wußte Esther, es gab keine Täuschung mehr: Fern von der Welt der Wirklichkeit und des Bewußtseins hatten sich ihre Seelen berührt.
Und sie weinte ganz still – sie weinte die wunderbaren Thränen um eine erste bräutliche Berührung. – – – –
Maria war es, die zuerst sagte: »Es wird spät, wir müssen heim.«
Und wie sie wieder den Weg hinabgingen, schmerzte es Esther gar nicht mehr, daß Lothar und Maria sich an der Hand hielten wie Menschen, die allein für einander bestimmt sind.
Die Schwermut des Verblühens lag über dem Land.
Im Garten beugten sich die Lilien, die Reseda wucherte in den Rosenbeeten, und das Grün der Blätter vertiefte sich.
Ein schwerer Duft rang sich aus der Erde los, und die Schatten waren sehr dunkel. –
In dieser Zeit traf es sich einmal, daß Esther mit Lothar allein war.
Sie gingen nebeneinander den Kiesweg auf und ab, der ganz unten im Garten an der Ligusterhecke entlang führte.
Und Esther fühlte die Zeit verrinnen, als sei sie kostbar wie das Wasser, das der Durstende in der hohlen Hand geschöpft, und das nun Tropfen um Tropfen zwischen den Fingern hindurchgleitet.
Endlich sagte Lothar: »Sie muß bald kommen.« Er dachte an Maria.
»Ja, sehr bald,« antwortete Esther. Sie dachte: Tropfen für Tropfen verrinnt – Tropfen für Tropfen. Aber was will ich denn noch? Ist nicht jeder Wunsch zur Ruhe gegangen in jenem geheimnisvollen Glück?
Und sie fühlte, wie ihr die schwermütige Lieblichkeit des Spätsommertages zu Herzen ging – sie gleichsam heimatlich berührte.
Lothar sagte: »Ich liebe diese Zeit in der Natur mehr als irgend eine andere. Sie ist mir näher, vertrauter als manche, die ich schöner finde.«
Esther lächelte nur, wie er ihre Gedanken aussprach. Sie sagte: »Es giebt so viele Dinge, mit denen es so ist. Wir gehen vielleicht von ihnen fort, um etwas anderes über die Maßen schön zu finden – aber dann treibt es uns eines Tages doch wieder zurück zu dem, was uns heimatlich ist.«
Lothar fiel ihr ins Wort. »Und dann das – es ist das Sonderbarste: Wir wissen uns verwandt mit irgend einer fernen Zeit – einer Zeit, die lange vor uns lag. Und alles, was uns im Leben von dorther berührt, macht uns Heimweh.«
»Ja,« sagte Esther, »ich habe auch zuweilen gedacht, daß es jene Zeit ist, der wir angehören sollten. Nun glaube ich aber mehr noch, es ist die Verlassenheit, die auf allem Zurückgebliebenen aus fernen Zeiten liegt, es ist die Vergangenheit an sich, die so bethören kann.
Dort suchen wir uns dann eine Heimat, wohin wir alle erträumte Schönheit tragen können – eine Heimat, die sie mit uns vor den Menschen verschweigt.«
Esther sprach nicht weiter und fühlte nun seinen Blick. Sie hörte auch seinen Atem wie in Erregung tiefer gehen, sah aber nicht auf zu ihm.
»Esther – Sie sagen das – was in mir ist –«
Seine Worte waren zögernd, wie eine Frage gesprochen.
Esther dachte: »Warum soll er es nicht wissen, daß wir einander ähnlich sind wie nie zwei Menschen zuvor? –«
Und sie erwiderte ihm nichts.
Da sagte er, und seine Stimme klang seltsam bewegt: »Ja, Esther, wir sind uns sehr gleich. Und es thut gut, einen Kameraden im Leben zu wissen, zu dem die Dinge kommen wie zu uns selbst.
Maria ist anders.
Marias Heimat liegt in dieser Zeit und doch in einer höhern Welt. Zu ihr kommen die Geschehnisse schon geläutert und vergeistigt – gleichsam wie mit Engelsflügeln.
Aber alles Frohe und Leichte bedarf der Schonung. Es giebt so viele Freudenzerstörer. Sie braucht jemand, der sie schützt vor allem Schmerz – einen von uns Schweren, die in der Erde wurzeln und die Heimat in irdischen Vergangenheiten suchen. Einen von uns, die wir noch die Sehnsucht als Schmerz und Vereinsamung empfinden – und eben deshalb lieben müssen, was strahlend und leicht und erdenfern ist.
Einen von uns, dem sie Erlösung und Erhöhung ist.
Niemand kann wie Sie meine Liebe zu Maria verstehen, Esther –«
»Ja, das kann ich,« sagte Esther so langsam und leise, daß ihre Stimme klang wie ein verwehter Ton. –
Marias weißes Kleid schimmerte schon durch die Büsche –
Und dann kam sie selbst – schön und gütig wie das Licht.
Da kam ein Brief aus Dänemark von Eliza.
Sie schrieb zuweilen diese kleinen Briefe, die klangen wie zärtliches Vogelgezwitscher. Und Esther waren sie immer eine schmerzliche Freude.
Als Esther den Umschlag öffnete, fiel aus dem zusammengefalteten Briefbogen eine Karte Adam Rudes. Die las sie zuerst, denn sie fürchtete schlimme Nachrichten.
Er schrieb: