The Project Gutenberg eBook ofDie Kakomonade

The Project Gutenberg eBook ofDie KakomonadeThis ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.Title: Die KakomonadeAuthor: Simon Nicolas Henri LinguetRelease date: March 4, 2012 [eBook #39043]Language: GermanCredits: Produced by Jens Sadowski*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE KAKOMONADE ***

This ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.

Title: Die KakomonadeAuthor: Simon Nicolas Henri LinguetRelease date: March 4, 2012 [eBook #39043]Language: GermanCredits: Produced by Jens Sadowski

Title: Die Kakomonade

Author: Simon Nicolas Henri Linguet

Author: Simon Nicolas Henri Linguet

Release date: March 4, 2012 [eBook #39043]

Language: German

Credits: Produced by Jens Sadowski

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Anmerkungen zur Transkriptionfinden sich am Ende des Buches.

Anmerkungen zur Transkriptionfinden sich am Ende des Buches.

als ein Supplementdes Kandide,vonLinguet.

Nach der zweiten vermehrten Ausgabe übersetzt.

Berlin, 1786.

Es leben zwo berüchtigte Schwestern in der Welt, welche mit voller Gewalt auf derselben regieren. Man ist gesinnet, von der Einen derselben die Geschichte ihres Lebenslaufes hier vorzulegen. Dem Leser wirds gar nicht schwer fallen, zu errathen, wer die sei, von der man spricht, sobald er weis — was wir ihm eben sagen — daß man jene, von der die Rede nicht ist, nach unserer französischenMundart gemeinhin die petite vérole nenne1).

Diese nun hat sich vor undenklicher Zeit in Europen ausgebreitet; der andern aber gelang es nur erst um viele Jahrhunderte später, in diesem Welttheile festen Fuß zu fassen; indessen mag man sie für Zwillingsschwesternansehen, und ihr Alter beinah so weit hinaussetzen, als das Alter der Welt. Es ist wahrscheinlich, daß sie bei ihrer Geburt zu einer Zeit mit Noe sich in das Universum theilten. Die Eine nahm die linke, die Andere die rechte Seite desselben in ihren Besitz. Sie zogen mit den Söhnen dieses Patriarchen herum, und schlugen in Wüsten, denen es an nichts, als an Bewohnern fehlte, ihren Wohnsitz auf.

Die Kleine nahm das größte Stück für sich: Das ganze feste Land des Alterthums ward ihr Reich; Afrika, Asien, und Europa fielen unter ihre Bothmässigkeit. Ihre vornehmste Beschäfftigung war, dieMenschengestalten, die sich da befanden, zu verderben; aber vorzüglich übte sie sich in ewigen Kriegen gegen die Schönheit.

Die Andere trieb Anfangs ihren Ehrgeiz nicht so weit: sie begnügte sich, den Zepter über Amerika zu führen: Da pflegte sie des Umgangs mit den Schlangen, und allem kriechenden Ungeziefer, welche diesen schönen Theil der Welt verheeren: allein der Theil, auf welchen sie ihre Gewalt ausbrechen ließ, war nicht das Gesicht; sondern sie griff unmittelbar das an, was die Schönheit nützlich, oder schätzbar macht.

So lebten sie über fünf tausend Jahre, einsam, jede in ihrem Aufenthalte. Nur erst im fünfzehnten Jahrhunderte kam sie die Lust an, sich zu besuchen, da sie zu ihrer Reise die spanischen Flotten sehr gemächlich fanden. Sie mußten keine Ursache gefunden haben, es sich gereuen zu lassen: von dieser Zeit an scheinen sie den Entschluß gefaßt zu haben, sich nimmer wieder zu verlassen. Sie verglichen sich, ihre Schätze gemeinschaftlich anzulegen. Ohne Unterschied, und ohne Eifersucht herrschen sie nun beide zusammen über die vier Theile dieser unteren Welt, wo, wie es ein Haufen erlauchter Philosophen beweist, alles gut ist. Der Vergleich dieser beiden Schwesternhat die Masse des allgemeinen Guten um ein Ansehnliches vermehrt; ob man gleich gestehen muß, daß einige einzelne Uibel daraus erwuchsen.

Diese zu mildern, ja zum Theile gar zu unterdrücken, scheint die Absicht gewesen zu sein, welche sich der Verfasser dieses Werkes durch dasselbe zu erreichen bestrebet hat. Wir glaubten wahrzunehmen, daß er hierzu eben so sichre, als leichte Mittel an die Hand gab; und man wird sich von der Sache sogleich gute Begriffe machen, sobald man wissen wird, der Verfasser sei der Herr Doktor Panglos, Feldprediger des Freiherrn von Donnerstrunkshausen, und Hofmeister des Kandide.

Seine Abentheuer sind Jedermann bekannt, aber Niemand weis Etwas von seinen Schriften. Man weis, daß er eben sowohl, als sein Zögling, auf den Befehl der heiligen Hermandad den Staupbesen bekam, und, was noch mehr ist, gehangen wurde. Seine Unglücksfälle sind, Dank sei es der Feder des berühmten Herrn Ralph, seines Mitbruders in der Metaphysik, zum Besitze der Unsterblichkeit gelangt; hingegen zweifelte man nicht, daß es ihm nicht am Kützel, oder an der Zeit gefehlet habe2), ein Autor zu werden; dennochist dieß eine unläugbare Wahrheit; und hier theilen wir eine seiner Arbeiten mit, die uns würdig genug schien, die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich zu heften.

Es hält schwer, ihren Zeitpunkt genau zu bestimmen; unterdessen ist es doch ziemlich wahrscheinlich, daß sie der Doktor damal verfaßte, als er sich bei dem Wiedertäufer Jakob aufhielt3). ohne Zweifel wars diese heilsame Einsamkeit, wo Herr Panglos sichs zum Geschäfte, machte,über die Ursache nachzudenken, von der er da die Wirkungen empfand. Voll von seinem Gegenstande, machte er sich das Vergnügen, die treffenden Bemerkungen, die ihm sein Zustand darboth, zu Papier zu setzen. Er kam dabei, wie man weis, um ein Aug, und um ein Ohr. Doch rettete er sein Manuskript, und dieses kostbare Stück Werk kam in der Folge unter allen dem Stürmen, die das Leben dieses großen Philosophen verfolgten, mit heiler Haut davon.

Diese Stürme waren mit der Epoche, womit Herr Ralph seine Geschichte beschließt, nicht, wie man etwa denken konnte, vorüber. Die mühsame Vereinigung, welche dieNoth unter allen Gefährten Kandidens veranlaßt hatte, war von kurzer Dauer. Die kluge Alte war das Band der Gesellschaft: sie starb, und das Gebäude, zu dem sie so viel beigetragen hatte, zerfiel mit ihrem Tode.

Kunegunde, ihres guten Rathes beraubt, begieng eine Thorheit auf die andre. Die letzte davon war, daß sie bei Barzellona mit einem Korsaren auf dem mittelländischen Meere kreuzen schiffte. Bald darauf machte sich auch Kandide, bloß von Martinen begleitet, unsichtbar, ohne Zweifel nicht so viel, um seiner theuern Hälfte wieder habhaft, als um des Verdrusses, daß er sie geheurathet hatte, los zu werden.

Der Bruder Giroflee gieng einige Zeit vorher unter die Janitscharen. Panglos reiste mit Paquetten ab, um, falls er ihn treffen konnte, seinem Zöglinge Trost einzusprechen. Die kleine Mayerei blieb das Eigenthum des einzigen Kakambo, der zufolge des Kaim Akan von Konstantinopel, nachher Oberrichter geworden ist, aber trotz dieser Würde, sich so gut, als seine Herrschaften, neuen Unglücksfällen ausgesetzt fand.

Der Doktor, und seine Gefährtinn bestanden ein klein griechisch Kaufmannsschiff, um darauf nach Smirna zu fahren, wo sie sich Rechnung machten, einige Schiffe zu finden, um nach Europa zu kommen, in der Hoffnung,daß Kandide diese Strasse eingeschlagen hätte. Unglücklicherweise hatte an der Küste von Mar di Marmora Paquette wieder Lebhaftigkeit, und Farbe gewonnen. Der Patron würdigte sie seiner Aufmerksamkeit. Dieser eifrige Muselmann fand sie weiß, wie eine Lilie, und frisch wie eine Rose, und sah sie für eine Zirkassierinn an, die aus irgend einem Serrail entwischet wäre. Er trug Bedenken, so viele Reize den Unbeschnittenen zuzuführen. Statt also, sie zu Smirna ans Land zu setzen, führte er sie in Aegypten, wo er sie um tausend Zekine an den Bascha von Kairo verkaufte.

Mittels einer sehr sinnreichen, und der Schule eines Leibnitz ganz würdigen Verkleidung fand Panglos den Weg, sie zu entführen. Sie durchstrichen hierauf ganz Asien. Die Kette ihrer Begebenheiten zog sie bis nach China, wo sie Kunegundens Bruder, Herrn Baron von Donnerstrunkshausen wieder fanden. Der war noch immer der alte Starrkopf, der alte Jesuite. Er gab sich hier, wie man im Verfolge dieses Werkes sehn wird, mit dem Gewerbe nützlicher Künste ab. Endlich trafen sie nach einer Menge neuer Märsche, und mehr, oder minder trauriger Trennungen zu Paris wieder zusammen. Paquette gab sich hier einen indianischen Namen. Durch diesen Kniff,und durch die Neugierde, die sie gegen sich erregte, machte sie in kurzer Zeit ihr Glück, trotz dem, daß ihre Reisen sie etwas gebräunet hatten.

In ihrem Glücke verlor sie Panglosen nicht aus dem Gedächtnisse. Sie gab ihm bis zu seinem Tode, der sich den 11ten Dezember des vorigen Jahres ereignete, seinen Unterhalt. Er hatte ziemlich schnell das Französische begriffen, und das Werk, das wir hier herausgeben, selbst in diese Sprache übersetzt. Er hat es, wie man sehen wird, seiner Wohlthäterinn zugeeignet, und diese hat uns das Mannuskript davon mitgetheilt.

Man fand unter seinen Papieren viele andere Bemerkungen, in sehr guter Ordnung. Sie enthalten alle seine Reisen von der ersten von Konstantinopelaus angefangen.

Fräulein Paquette übernahm selbst die Sorge, sie durch sichre Hände an Herrn Ralph gelangen zu lassen; und wir wissen ganz zuverläßlich, daß dieser Gelehrte des Vorhabens ist daraus einen Zweiten Theil zur besten Welt zu verfassen, dessen Ausgabe nicht lange ausbleiben wird. Hierbei bedienen wir uns mit Vergnügen der Gelegenheit, das Publikum aus einem Irrthume zu ziehn. Man hat bei einigen nachgedruckten Ausgaben der besten Welt auf den Titelgesetzt, daß Herr Ralph gestorben wäre. Ja man führte sogar den Ort und das Jahr dieses Vorfalls an, der, wie man sagt, sich zu Minden im Jahre Christi 1759. ergeben hat.

Ohne Zweifel kömmt dieses Gerücht von des Herrn Doktors Feinden her. Sie gaben vor, er hätte sein Leben auf einem Schlachtfelde geendigt, gewiß nur, um verstehen zu geben, daß er vor Furcht gestorben. Diese Nachricht ist falsch. Der unsterbliche Herr Ralph befindet sich, zum Verdrusse seiner Neider, noch bei den besten Kräften. Die Herausgabe des zweiten Theils seines Werkes wird davon eine Probe seyn. Umihn erscheinen zu lassen, erwartet er nur noch die Landkarten, womit er ihn versehen will; eine Vorsicht, deren Außerachtlassung beim ersten Theile er sehr bedauert.

Vom Verdienste des Doktor Panglos, als Schriftstellers, wird das Publikum das Urtheil sprechen. Wir zweifeln nicht, daß man dieses Werk seines Ruhmes würdig finden werde. Was uns Anfangs befremdete, war nur der Gegenstand desselben. Herr Ralph nannte das Kind, das sein Held aus seinen Versuchen in der Experimentalphisik erhielt, ohne Umschnitte beim rechten Namen. Allein selbst dieser soll, nachdem er es im Französischen zu einer vollständigen,Kenntniß gebracht, und die Doppelsinnigkeiten, und die falsche Delikatesse dieser Sprache näher eingesehen hatte, es, wie man uns versicherte, nie gewagt haben, sich die Freiheit seines Geschichtschreibers zu erlauben. Er suchte Wendungen, und gab seinem Buche den ehrbaren Namen, den wir ihm hier beibehalten haben.

Man kann sich einbilden, daß diese Herabstimmung, ihm vieles kostete. Wir haben in seinen Schriften davon Proben gefunden. Er hatte sogar gegen diese sogenannte Delikatesse eine Abhandlung angefangen, wobei wir sehr bedauern, daß er sie nicht zu Ende bringen konnte. DerHerr Doktor machte sich darinnen mit einem seiner würdigen Nachdrucke gegen diese lächerliche Wohlanständigkeit auf, welche die Artigkeit mehr in den Worten, als in den Dingen sucht, und sich über Ausdrücke, aber nicht über die Begriffe entrüstet. Er legte lebhaft seine Befremdung an den Tag, daß rechtschaffne Leute in Europa sich nicht getrauen, eine Ursache, von der sie alle Tage die Wirkung zu befahren haben, bei ihrem Namen zu nennen. Er sprach über diesen Gegenstand als ein erfahrungsvoller Philosoph, und als ein vollkommener Leibnizianer.

Unterdessen wollen wir zur Rechtfertigung der Franzosen, bemerken,daß sie nicht die Einzigen sind, die sich auf diese unvernünftige Gewissenhaftigkeit etwas zu Gute thun können. Die Italiäner haben beinahe die nämliche Schwachheit: sie nennen die größere Schwester der kleineren Pocke mal Francese, obgleich sie unstreitig weder an der Seine, noch an der Rhone bürtig ist. Wahr ists, sie besucht diese Flüsse öfters, und unterhält sich vorzüglich mit den Nymphen, die diese Gestade verschönern; aber doch ist sie da nicht geboren, und die wälsche Paraphrase ist weder richtig an sich selbst, noch artig im Bezuge auf die benachbarten Völker.

Die Spanier sollten mit dem Namen und der Sache besser bekannt seyn; indessen weichen sie dem Begriffedavon so viel möglich aus. Sie bezeichnen sie mit dem feinen Ausdrucke purgacion. Wenn man daher jenseits der Pyrenäen spricht: el señor marqués, el señor conde, el señor duque tiene las purgaciones, so will dieß nicht sagen, daß diese Herrn Arzneien eingenommen, sondern daß sie ihrer sehr nöthig haben. Diese kleine Untreuheit ist doch verzeihlicher, als jene, deren man sich im Lande des Vesuvs bedient.

Uibrigens ist diese abgeschmackte Kleingeistigkeit nicht bei allen Völkern die Folge eines vagen Vorurtheils, wovon man nie versuchet hätte, einen Grund anzugeben. Große Schriftsteller haben sich bemühet, sie zu heben,und sogar zu rechtfertigen. Unter andern kann man hierüber den berühmten Herrn Abbé Desfontaines in seinem ein und sechzigsten Briefe seiner Beobachtungen über die Schriften unsrer Zeit anführen.

Der Herr Abbé untersucht sehr sorgfältig, und mit all dem kritischen Geiste, den er besaß, worinn die sogenannte Keuschheit unsrer heut zu tägigen Sprachen ihren Grund habe. „Das Christenthum, und die Moral der Europäer,“ sagt er, „machen sie so gewissenhaft in ihren Worten, da im Gegentheile das Griechische und Latein, welches von heidnischen Völkern gesprochen wurde, weit freier ist.“

Wir bitten den Herrn Abbé um Vergebung; allein wir sind nicht seiner Meinung; und was noch mehr ist, wir haben so gar sehr gute Gründe, es nicht zu seyn.

Der erste ist das Ansehn des Herrn Panglos, der sich ganz öffentlich für die entgegengesetzte Meinung erklärt, wie man in der Sammlung seiner Werke sehn wird, wenn man anders jemal das Fragment, von dem wir sprachen, darinnen mit heraus giebt. Der zweite Grund ist der, daß die Moral der Heiden nicht lockerer war, als die unsrige. Die wahren Begriffe von Schande, und Ehre findet man eben sowohl in ihren guten Schriften, als in unsern Kasuistenentwickelt. Uiberdieß haben die Moral und Religion nur auf unsre Handlungen Einfluß. Es ist ausgemacht, daß die Sprache nicht ihr Gegenstand ist, oder daß sie wenigstens sehr wenig darauf achten. Gott selbst hat, wie bekannt, sich gewürdigt, die hebräische Sprache anzunehmen; und dennoch ist diese unter allen Sprachen die unfläthigste, will sagen, die einfacheste in ihren Begriffen, und die nachdrücklichste in ihren Ausdrücken.

Der Journalist denkt nicht, daß die Väter der beiden Kirchen Eingebungen vom heiligen Geiste hatten, und wenigstens eben so gut, als wir, in der christlichen Moral unterrichtetwurden. Indessen erlaubten sie sich doch, Zergliederungen zu machen, denen das Geschraubte unserer Sprache bei einer Uibersetzung den Schein einer Unlauterkeit giebt, da sie doch an sich selbst nichts mehr, als natürlich, sind. Die Tugend zeigt sich in ihren Schriften manchmal mit einer Rüstung, wovor in den unsrigen das Laster erröthen würde. Sollten sich die Bürger in Paris, die sich in Kupfer stechen lassen, darum getrauen, zu glauben, über diese großen Männer erhaben zu sein?

Sehen wir uns ja vor, die scheinbare Grobheit der Alten, und selbst der Heiden, zu verachten. Wir haben einen heiligern Gottesdienst;aber unsre Sitten sind darum nicht reiner. Lassen wir uns ja nicht den dummen Stolz einkommen, zu glauben, daß es die Erhabenheit unserer Glaubenslehren sei, die der Freiheit unserer Gespräche einen Zaum anlegt. Man müßte erstaunen, wenn die Moral Stärke genug hätte, die Sprache zu reinigen, und dennoch nichts über die Sitten vermöchte; daß es der Religion gelungen habe, den wahren Namen der Heldinn des Herrn Panglos zu verbannen, daß sie aber ihrem Laufe kein Hinderniß setzen konnte.

Weit gefehlt, daß die Sittsamkeit der kauderwälschen Europäer die Frucht einer ächten Sittsamkeit wäre,so ist sie vielmehr der Beweis einer tiefen Verderbtheit. Man schont der Ohren, weil man sonst nichts mehr zu schonen übrig hat. Die heiligen Väter, welche die Gottheit, deren Geschichte wir bekannt machen, nicht zu fürchten gehabt hätten, würden sich erlaubet haben, von ihr ohne Umschweife, und ohne Bedenklichkeiten zu sprechen. Unsre Leute von Welt, die fast unaufhörlich unter ihrem Zepter stehn, zittern, wenn sie nur ihren Namen hören; So, wie die Einwohner von Siam es nicht wagen, den Namen des Despoten über die Zunge zu lassen, der sie mit der unbeschränktesten Gewalt beherrschet.

Doch muß man, wenn man für sie schreibt, auf diese alberne Delikatesse Rücksicht nehmen. Man muß einen Gegenstand, vor dessen nackten Anblicke sie sich scheuen, mit einem durchsichtigen Schleier überdecken. Man muß sich zufrieden geben, die furchtbare Macht, deren Thaten man lesen wird, unter einem allegorischen Namen aufzuführen. Diese Nothwendigkeit wars, die den Herrn Doktor veranlaßte, den geheimnißreichen Ausdruck: Kakomonade zu ersinnen.

Man erkennt daran den Eifer des Lehrmeisters Kandidens für die Lehre des größten Metaphysikers von Deutschland. Das blosse Wort Monade,erinnert uns auf den Ruhm seines Erfinders zurück, und, wenn der selige Liebhaber von Fräulein Paquette auf den Gedanken fiel, es mit dem Beiworte Kako, das, wie man sieht, von dem Griechischen κακος herkömmt, und soviel, als böse, unbequem heißt, zu verbinden; so ist dieß ein Merkmaal von dem Scharfsinne seines Geistes, und von der Richtigkeit seiner Urtheilskraft. In der That ist auch von allen Leibnitzischen Monaden keine lästiger, als diese, und das Beiwort ist also mit ganz vorzüglicher Richtigkeit ausgewählt.

NB. NB. Bei dieser zweiten Ausgabe hat man dem Werke einenBrief beigerückt, der sich auch unter den Schriften des Herrn Doktors vorgefunden hat, und über den nämlichen Gegenstand lautet. Er ist ebenfalls von eben den Absichten der Menschlichkeit, und Wohlthätigkeit ganz voll, und wir glaubten daher, ihn dem Publikum nicht vorenthalten zu dürfen.

Sie zwingen mich also, Fräulein, und ich soll Sie durchaus verunsterblichen? Sie wollen, meine Erkenntlichkeit soll Ihren Namen auf die Nachwelt übertragen? In einem dicken philosophischenBuche, gedruckt in unsern Tagen, haben Sie gelesen, daß die Phrynen, und die Aspasien ganz leicht die Sokraten, und Platone aufwogen; und mit Rechte hat Ihnen dieser artige Ausspruch Muth eingeflößt.

Wahrscheinlich war Aspasia nicht so schön, als Sie, und Phryne hatte nicht die Geschicklichkeit, die Grazie. Sie kehren die Köpfe zu Paris, wie jene zu Athen oder Theben, um; und also haben Sie Recht, sich für eine Erbinn dieser berühmten Schönen zu halten. Und sie verlangen den Besitz ihres Ruhmes, wie ihrer Talente; ihres Rufes, wie ihrer glücklichen Unternehmung für sich.

Die Eine derselben gab, wie man weis, den Philosophen ihres Zeitalters Unterricht in der Beredtsamkeit. Sie lehrte sie die Kunst, mit Sanftheit den Geist der Menschen zu regieren. Der berühmte Lehrmeisterdes Alcibiades studirte unter ihr, und er schämte sich nicht zu gestehn, wie viel Dank er ihr wisse. Sie wars, von welcher Sokrates die erhabenen Lehren empfieng, die er in der Folge mit so vieler Sorgfalt seinem jungen Schüler einprägte.

Die Andere verlangte von ihren Liebhabern, daß sie, wenn sie zu ihr kämen, ihr einen harten Stein behändigten. Der war das Zeichen, auf welches ihre Thüre sich öffnete. Auch verwahrte sie, sagt man, sehr sorgfältig die Modelle davon. Aus dieser wunderbaren Sammlung ließ sie, zum Zeitvertreibe in ihrem Alter, eine sehr hohe Pyramide bauen, und die Reisenden haben dieses Denkmaal mit Rechte unter die sieben Weltwunder gezählet.

Sie, mein Fräulein, Sie gebrauchen sich keiner Worte, um die Kunst zu lehren, die Herzen zu besiegen. Wenn Sie diesengroßen Unterricht ertheilen, so ertheilen Sie ihn Ihren Gespielinnen, so ertheilen Sie ihn durch Ihr Beispiel. Sie fordern von denen, die es nach Ihrer Huld verlangt, eben keinen Stein ab; nicht als ob Sie vielleicht weniger, als eine andere, auf Pyramiden achteten, oder als ob Sie weniger Geschick besässen, eine zu errichten; nein, sondern das Klima in Frankreich ist von jenem in Griechenland verschieden.

Attika, und Beotien waren dürre und unfruchtbare Länder, die Steine wuchsen da im Uiberflusse. Ein artig Frauenzimmer durfte nur die Hand ausstrecken, um welche zu finden. Der Marmor dehnte sich, um so zu sagen, demselben von selbst entgegen.

Sie leben in einem glücklicheren Erdstriche, und dennoch haben Sie eben diese Vortheile nicht. In Paris, und in dessen Umkreise nehmen die Steine mit jedem Tageab. Die Menge, welche man in den Palästen dieser Hauptstadt täglich verbraucht, macht die ganze Art dieser Naturprodukte zu nichte. Brächte man ihrer nicht von Zeit zu Zeit aus dem Schatze der Provinzen einige dahin, so ist zu vermuthen, daß sich diese Stadt derselben bald ganz beraubt sehen würde.

Sie, mein Fräulein, halten sich weislich an die allgemeinen, und unausweichlichen Gesetze der Natur. Wie viele Andre sind eigensinnig genug, hartnäckig gegen ihre Schwäche zu kämpfen! Sie haben keine andere Sorge, als wie Sie sich für dieselbe entschädigen können. Gerne lassen Sie den Männern den Stein nach, wenn Sie Ihnen diesen nur mit recht viel Gold ersetzen.

Auch wissen Sie sich hierbey so zu nehmen, daß Sie nie was verlieren. Man weis, welche Kunst Sie gebrauchen, die Opfer,die man Ihnen macht, miteinander zu vereinbaren. Niemanden ists unbekannt, mit welcher Einsicht Sie die verschiedenen Gattungen derselben zusammen auswählen. Sie ahmen jenen geschickten Wirthen nach, die aus mehrern mittelmäßigen Weinen ein vortrefliches Getränke bereiten.

Sie mäßigen die Schwachheit eines Parisers durch den Trotz eines Provenzalen, und die Schaalheit eines Einwohners von Marais durch den Saft eines Burgunders. Sie verbinden den brausenden Schaum des Champagners mit Amerika’s Wärme, und die Dumpfheit des Deutschen mit der Feinheit des Italiäners. Da Sie so die Fehler jeder Nazion durch die Zumischung der entgegengesetzten Tugenden verbessern, da Sie die Ungeschmacktheit der Einen durch das Beißende der Andern lindern, so sind Sie so glücklich, sich eine Reihe höchst angenehmer Lebenstage, und eine ununterbrocheneFortdauer von Vergnügungen zu verschaffen.

Ihre Bescheidenheit will der Nachwelt die Denkmaale Ihrer Triumphe gerne schenken; jedoch, müßte man die Anzahl all derer, die Sie ihr noch hätten hinterlassen können in die Rechnung bringen; so glaube ich, alle Phrynen des Alterthtums würden sich nicht beygehen lassen, Ihnen das Geringste streitig zu machen; so viele Gründe also berechtigen Sie, sich über die alten und neuen Sokraten erhaben zu glauben!

Indessen muß man gestehen, dieser so große Ruhm wird von einigen Ungemachen etwas aufgewogen, und verliert von seinem Glanze. Mit Vergnügen sehen Sie die Ankunft der Schätze, die der Geiz den Bergen der neuen Welt entwühlt, und welche die Thorheit auf den Sopha’s von Europa zerstreuet, bey sich. Eine Danae, öffnen Sieden Schooß diesem kostbaren Regen, dessen Werth und Nutzen Ihnen so wohlbekannt ist.

Unglücklicherweise macht er öfters in der alten Welt gewisse Vollkommenheiten aufzusprossen, welche die Natur bloß für die neue bestimmet hatte. Die kostbare Pflanze derselben brachte uns 1493. der Genueser Christoph Kolombo mit dem Gold aus San Domingo, und, wie wir wohl wissen, seit dieser Zeit haben sie sich mit einer verwundernswürdigen Fruchtbarkeit ausgebreitet.

Die jüngere von zwoen Schwestern, die beynahe einerley Namen führen, scheint es am weitesten gebracht zu haben. Seit fast zweyhundert Jahren arbeitet sie ohne Unterlaß an der Ausbreitung ihres Reiches; und daß ihr alle Unternehmungen glückten, hat sie vorzüglich ihrer verschwenderischenFreygebigkeit zu danken. Gleich den staatsklugen Eroberern gewann sie eine Menge Landes, weil sie mit ihren Geschenken nicht haushälterisch war.

Nicht, als ob man im Grunde so erpicht darauf wäre. Wenige Personen sind aufgelegt, sie freywillig sich zu wünschen; allein sie verbindet, wenn sie sie anbeut, damit einen so verführerischen Reiz, daß die mißtrauischsten Herzen manchmal genug zu thun haben, sich dagegen zu verwahren. Man empfängt sie, ohne es fast nur gewahr zu werden; und was dabei das verdrießlichste ist, wenn man sich damit beschwert fühlt, so ist man nicht immer im Stande, sie sich vom Halse zu schaffen.

Man bringt sie nicht einmal los, wenn man ihren Kreislauf befördert. Sie haben die Eigenschaft, sich zu vervielfältigen, ohne die Quelle, aus der sie entsprungen sind, zuschwächen; gerade, wie eine brennende Wachsterze tausend andere anzuzünden dienen kann, ohne im mindesten von ihrem Licht, und dem Feuer, das sie verzehrt, zu verlieren.

Gewiß, mein Fräulein, ein schreckliches Mißgeschick! Sie wünschten wohl, man möchte ihm abhelfen können. Auch ich wünsch es von ganzem Herzen. Suchen wir miteinander die Mittel auf. Die Ehre davon will ich Ihnen gerne lassen.

Die griechischen Lustmädchen zeichneten sich, die Eine durch den Zauber ihres Verstandes, die andre durch die Anmuth ihres Tanzes, und diese durch ihre Schönheit aus. Was Sie betrift, so wünsche ich, daß Sie Ihren Namen durch der Menschheit geleistete Dienste verewigen. Ihre Gefälligkeit gegen sie, kennt man bereits zur Gnüge. Man wird sich nicht befremden, daß Sie, zum Tempeldes Ruhmes zu kommen, diesen Weg gewählet haben.

Wie viel man nicht von dieser Menschheit redet! Unsre philosophischen Tage geben ihr ein so herrliches Licht! Sie sehen sie von Stockholm bis Lissabon, von den Gränzen des Mogol bis London sich mit so großem Glanz entwickeln. Es sind nur eben sieben volle Jahre, während deren wir uns mit aller nur möglichen Artigkeit, und Leutseligleit herumgeschlagen haben; und alle Menschen, welche diese ganze Zeit hindurch in den Land- und Seegefechten verstümmelt, erschossen, gebraten, oder zermalmet worden, beliefen sich doch nicht höher, als auf eine Million.

Die Krankheiten, Mühseligheiten, und Siechenhäuser nahmen ihrer nicht mehr, als zwo Millionen weg. Von Berlin an der Spree bis Villa-Veilha, an den Gestaden des Tagus, rechnet man nicht ganz zwanzigtausend Quadratmeilen, die in jedem Betrachte mit fünfzehn oder zwanzig Millionen zweifüssiger federloser Geschöpfe verwüstet, und von Helden in Jammer oder Verzweiflung gebracht worden sind.

Unsre Untersuchungen hätten in keiner Zeit erscheinen können, wo die Menschheit größere Fortschritte gemacht hätte. Unmöglich hätte man dazu günstigere Umstände wählen können. Eilen wir also, sie ans Tageslicht zu bringen; warten wir nicht, bis wieder die Barbarei zurückkehrt. Wollen wir von ihren Rasereien gegen das Menschengeschlecht aus dem Zustande urtheilen, in dem es sich in einem erleuchteten, und philosophischen Jahrhunderte befindet, so würden wir Gefahr laufen, auf der Erde keine Menschen mehr zu finden, die uns anhören könnten.

Vergeben Sie mir, Fräulein, wenn ich in der Folge dieses Werkes mich nicht mehr an Sie verwende. Sie sind es, denen ich es zueigne; aber die Menschheit ists, der sich es heilige. Ich hab es mit dem Unterrichte der Völker, mit der Heilung der Menschen von ihren Irrthümern zu thun. Es kömmt darauf an, den Dienst der Venus zu reinigen, die gefährliche Luft, die ihre Tempel erfüllt, zu zerstreuen, und sogar ihre Altäre zu säubern.

In der Behandlung der zur Erreichung dieses Zweckes nöthigen Sühnopfer, werde ich nicht mehr von Ihnen reden; aber denken an Sie werd’ ich unaufhörlich. Ich werde dem Anscheine nach Ihre Reize aus dem Gesichte verlieren; aber mein Gegenstand wird mich immer zur Gnüge auf dieselben zurückführen.

Ich will mit aller Bedachtsamkeit untersuchen, welche Mittel uns zum Ziele führen könnten, die Macht des Feindes, über den wir uns beklagen, zu stürzen. Es wird nicht übel gethan seyn, zuvor ein paar Worte von seiner Natur und Geburt zu sagen. Ich werde bis auf seinen Ursprung zurückgehn, und einen Auszug seiner Geschichte geben müssen. Die Medaillen dieser Begebenheit bestehen noch; aber die Epoche derselben scheint in Dunkel gehüllt. Es wäre sehr nützlich, sehr rühmlich, wenn es uns, sie festzusetzen, gelänge.

Uibrigens wird sie weder Befremden, noch Furcht befallen bei dem Namen Kakomonade, dessen ich mich bedient habe, um diese grausame Feindinn umzukleiden, sie, die ich mich nicht getrauet hätte, anders zu nennen. Wahr ist es, dieses Wort ist ganz griechisch; allein die Sache, die es bezeichnet, ist ganz französisch, und also unserenDamen so wenig unverständlich, daß sie viel mehr ein wichtiges Ingredienz guter Gesellschaften ist. Uiber dieß sind Sie auch mit Leibnitzens Sprache bekannt. Ich habe Sie gelehrt, was in dem Verstande dieses unvergleichlichen Mannes eine Monade sey. Von Ihnen Ihrerseits habe ich gelernt, diesen Namen durch das Beiwort Kako zu verlängern, das ich ohne Sie nie erfunden hätte. Sie werden mich also ohne Schwierigkeit verstehn, und ich gehe ohne Besorgniß zur Sache.

Was ist die Kakomonade? Wo kömmt die Kakomonade her? Zwo große, und erhabene Fragen! Lange schon haben trefliche Gelehrte die Tiefsinnigkeit, und den Nutzen derselben gefühlet. Sie haben sich bestrebet, sie aufzulösen. Vielleicht krönte ihre Bemühungen noch kein sehr glänzender Erfolg; allein wenigstens führten sie doch uns auf diese Strasse. Nur an uns liegt es nun, auf ihren Pfaden in dem Lande, das sie durchliefen, fortzuwandeln, und, wenn wir können, darinnen weiter zu gehen, als sie.

Erste Beobachtungen haben sie gelehrt, daß die Kakomonade ein Gift4)sey. Uiber den Sinn dieses Wortes in dieser Anwendung ist man nicht ganz einig. Allein, wo man keine deutlichen Begriffe haben kann, da ists bei allen Arten Wissenschaften viel, daß man sich einen Ausdruck auffinde, der nichts sagt. Man hat weit weniger Mühe, ihn auf alle möglichen Sisteme passend zumachen, und daher ist die Kakomonade ein Gift.

Noch mehr: dieses Gift ist phlogistisch, korrosiv, gerinnend, und fix5). Phlogistisch, denn es verursacht Entzündungen. Als korrosiv greift es die Haut an, frißt sie auf, und trennt ihren Zusammenhang. Als gerinnend, stillt es den Lauf der Feuchtigkeiten, welche die Natur zu freiem Umlaufe bestimmet hatte. Endlich, weil es fix ist, läßt, es sich so schwer vertreiben. Und dieß ist die ganze Theorie von der Kakomonade, von einem ihrer besten Historiker entwickelt. Sie ist, wie man sieht, deutlich, bündig, und faßlich.

Die Quacksalber mischten sich manche mal ins Spiel, und gaben eine andre an.So erschien Anno 1727 ein sehr berühmter zu Paris. Dieser behauptete, alle menschlichen Schwachheiten, und die, mit denen wirs zu thun haben, wie alle andere, würden durch kleine Thierchen erzeugt, die sich ins Blut eindrängen. Seinem Sisteme zufolge war das, was wir Arzneimittel nennen, ein Kompositum von andern kleinen Thierchen, als unversöhnlichen Feinden der ersten. Diese jagten ihre Gegner tapfer fort.

So war der Körper eines Kranken ein Schlachtfeld, wo Wunder der Tapferkeit geschahen. Das Fieber führte darauf seine leichten Geschwader an; die Kakomonade ihre gerinnende Infanterie. Bald sah man die Fakultät heranrücken in schwerer Rüstung, mit Bataillonen von Quecksilber, und Chinarinde. Sie ließ die verschiedenen Korps dieser fürchterlichen Miliz allmälig aufmarschiren. Man schlug sich lange mit Lebhaftigkeitherum, bis die Thierchen der Chinarinde über die des Fiebers die Oberhand erhielten, oder bis die korrosiven Würmchen durch die metallischen Insekten vertrieben wurden, wenn anders nicht, welches zum öftersten geschah, sich das Schlachtfeld selbst, unter dem Drucke von so heftigen Gewaltthätigkeiten erliegend, in die Erde versenkte, welche Uiberwinder und Uiberwundene sammt ihnen verschlang.

Hatte diese Idee keine Wahrheit zum Grunde, so war sie wenigstens unterhaltlich. Aber die Steifheit der regierenden Doktoren hat sie verbannt. Entrüstet, daß sie sich durch sie dahin gebracht sahen, nichts weiter, als die Obersten über ein Regiment Sensblätter und Rhabarbar zu sein, machten sie allen diesen kleinen Armeen, die man ihnen anzuführen gab, den Garaus. Sie wollten lieber die Oberhäupter einiger blinden Körperchen bleiben, als zahlreiche undbeseelte Legionen kommandiren. Sie wollten die Harmonie in den Feuchtigkeiten dem Zufalle lieber mit ganz materiellen Werkzeugen, als nach einer guten Ordnung, unter einer Bedeckung von thätigen, wohldisziplinirten Truppen einräumen. Heißt das nicht, wie man ihnen vorwirft, die Unthätigkeit der Bewegung, den Tod dem Leben vorziehen?

Man kann dieses System nicht genug bedauern: es hätte Gelegenheit zu den unterhaltendsten Hypothesen gegeben. Die Metaphysik, die Physik, die Philosophie und Arzneykunde haben ungereimtere, aber keine angenehmere aufzuweisen. Indessen muß man sich über dessen Verlust eben wohl trösten, und sich mit einer Menge grosser Männer daran halten, nämlich, daß die Kakamonade ein korrosives, gerinnendes, phlogistisches, und fixes Gift sey.

Vom Ursprunge der Kakomonade sind wir nicht sowohl unterrichtet, wie von ihrer Natur: die Wirkung kennen wir besser, als die Ursache. So viel ist gewiß, daß jene heut zu Tage nur das Resultat der Vergemeinschaftung mit einer unbehutsamen, oder unglücklichen Person ist. Den Keim davon bringen wir nicht schon bey unserer Geburt mit. Die Natur gab uns nur bloß das Vermögen, ihn anzunehmen.

Dennoch muß sie sich einstens in dem ersten Menschen, der sich davon ergriffen fühlte, von selbst hervorgebracht haben. Daß Gott, da er den Adam schuf, ihn nicht ausseiner Hand damit ausstattete, ist wohl außer Zweifel. Das höchste Wesen bildete ihn zur Zeugung, und gab ihm somit so gesunde, so vollkommene Organe, als es seine Bettgenoßinn nur wünschen konnte.

Trug sich dießfalls hierinn eine Veränderung zu, so ists wahrscheinlich ein unglückliches Individuum von seiner Nachkommenschaft, das die Erstlinge derselben bekommen haben wird. Aber was kann von dieser sonderbaren Entwicklung die Ursache gewesen seyn? Die Luft? die Nahrungsmittel? oder der Mißbrauch des Vergnügens?

Das Klima derjenigen Länder, die man für das Vaterland der Kakomonade ansieht, ist nicht ungesünder, als das in den Gegenden, wo sie sich nur durch den Vorschub der Menschen eingeschlichen hat. Ihre Produkte, weit gefehlt, daß sie gefährlich wären, so sind sie für uns vielmehr sichere Hilfsmittelgegen manche Krankheit; und die Ausgelassenheit ist nur eine Tochter der Prasserei und des Reichthums. Nun wußte man von diesen beiden Geißeln unseres Geschlechtes gewiß nichts in jenem Lande, wo wir unsere Geißel holten, welche in dem unsrigen oft auf sie folgt, und sie bestrafet.

Dennoch sind diese drei Ursachen, die einzigen, welche auf ihre Entstehung Einfluß gehabt haben können. Jede derselben fand warme Vertheidiger. Einige sagten, die Luft allein sei genug gewesen, in der Insel Hispaniola das Gift hervorzubringen, das heut zu Tage in allen andern Ländern die Zeugungen angreift; allein es ist einleuchtend, daß sie sich geirret haben.

Seit zweyhundert Jahren, und darüber, giebt die Erfahrung den Beweis, daß man zu San Domingo diese Frucht nicht anders ärnte, und säe, als wie in Frankreich. Siewächst dort, wie hier, im Schooße des Vergnügens. Man behält da ein freyes, reines Blut, so lange man sich begnügt, frische Luft zu schöpfen. Hätte diese ja was Pestisches an sich, so würde sie es seit der Eroberung den Europäern eben sowohl, als den Eingebohrnen des Landes haben zu fühlen gegeben. Dieß findet sich nicht, und also ist dieses Sistem nicht anzunehmen.

Andere behaupteten, diese Eigenschaft wäre ausschließlich den Menschenfressern vermöge ihrer Nahrungsmittel gegeben, gleich als ob das menschliche Fleisch schon von selbst ein Gift wäre. Die Völker, welch dergleichen minder höfliche Feyerlichkeiten halten, sind viel seltener, als man sichs einbildet. Uiberdies muß ihnen ihre Lebensart viele Stärke, und hiemit Gesundheit geben. Daher es denn sehr ungereimt ist, zu denken, daß ihr Fleisch, wenn es durch den Magen ihrer Feinde wandert, da die Kraft, sie zu vergiften, annehmen könne.

Zwar wäre dieses eine ziemlich erlaubte Rache; allein, wenn man am Bratspieße steckt, pflegt man sich nicht mehr zu rächen. Sollte der Hinterschlägel eines Karaiben den ehrlichen Leuten, die sich einander damit beschenkten, Nachwehen haben erregen können, so müßten nur die ihm benachbarten Theile sich nicht in gutem Stand befunden haben; ein Umstand, der, wie man sieht, die Schwierigkeit nicht aufhebt.

Ein geschickter Arzt hat in einem dicken Buche über diesen Gegenstand das dritte Sistem ergriffen. Seiner Meinung nach ist es das Uebermaaß der Vergnügungen in warmen Ländern, und die wenige Wahl in den zu derer Genuße geeigneten Augenblicken, welche die Kakomonade auf der Welt eingeführet haben. Er erzählt über diese Materie sehr sonderbare Geschichten.

„Die Weibsleute im Königreiche Melinda,“ sagt er nach Tavernier, „sind einmal im Monate so gefährlich, daß, wenn ein Europäer das Unglück hat, sich an einem Platze aufzuhalten, wo eines derselben in dieser fatalen Zeit gepisset hat, er davon das Fieber, Kopfschmerzen, und manchmal die Pest bekommt.“ Ich gestehe, da ich die Stelle las, wünschte ich von Herzensgrunde, es möchte sich nie ein melindisches Frauengimmer beigehen lassen, sich unter meinem Fenster aufzuhalten.

Zum Glücke gesteht H. A., da er diesen Zug anführt, selbst ein, daß er auf unsre Klima nicht passet; dennoch beharret er nichts destoweniger auf der Meinung, daß zwischen dem Ursprunge der Kakomonade, und zwischen dem pestischen Einflusse dieser gebräunten zanguebarischen Schönheiten ein sehr genaues Verhältniß Statt haben müße. Er besteht hartnäckig auf der Behauptung, daß dieserder zureichende Grund des andern war. Man kann auch in seinem Werke selbst sehen, mit welcher Stärke und Bündigkeit er darüber räsonnirt.

Nur ist es wunderbar, daß man durch das Gebäude ähnlicher Sisteme dahin kommt, die Kakomonade zu verbannen; wie wenn die barbarischen Worte, mit denen man sie erklärt, helle, und unbestreitbare Wahrheiten bedeuteten.

Just so berechnet man die Finsternißen, indem man die Planeten als kleine Theilchen betrachtet, welche die Sonne ausschneuzte, da zur Zeit der Schöpfung ein grosser Komet an derselben sich rieb. So benützt man den Kompaß durch die Erklärung der Abweichungen seiner Nadel, die an einem Ende mit dem Magnete bestrichen ist. So ermüdet man nicht, in dem Magen einen guten Saft hervor zu bringen, unter beständigem Streite,ob er durch Auflösung, oder Gährung, oder Vertreibung entstehe.

Man muß es gestehen, wir haben leicht machen. Die Fortschritte des menschlichen Geistes in jeder Art stecken sich selber ihre Gränzen aus: eine Wahrheit, über die sich nicht streiten läßt. Allein so einleuchtend sie ist, so muß mans nicht bey ihrer Erwägung bewenden lassen; man muß nicht unterlassen, in den Kalender zu sehn, wenn man den Sonnenstand wissen will, und auf den Kompaß, wenn man die Küsten aus dem Gesichte verlohren hat. Man muß nicht anstehn, seinen Magen zu füllen, wenn man hungerig ist, und sich an die Zubereitung des Quecksilbers zu wenden, wenn man einer Aehnlichkeit zwischen unserm Klima, und jenem von Amerika gewahr wird.

Wenn ja irgend etwas dem Anscheine nach den Menschen das Recht geben kann, über die Natur zu murren, so ist es gewiß diese Geißel, mit welcher sie sie schlägt. Sie hat sie mit Vergnügungen vereinbart, von denen sie die Fortdauer ihres Geschlechtes abhängen läßt. An die Seite der größten aller Reizungen hat sie die größte aller Gefahren gestellet. So setzte sie uns auf den Zweiweg, entweder ihre Absichten nicht zu erfüllen, oder dafür, daß wir sie erfüllten, immer in der Furcht zu sein, bestrafet zu werden.

Bei den andern Empfindnissen hat sie die Strafe wenigstens nur mit dem Uibermaaße verbunden. Der Wein macht kein Kopfweh, außer man trinket zuviel. Der Magen leidet nicht, so lange man mäßig ißt. Das Auge wird nicht verwundet, außer es heftet den Blick an zu schimmernde Gegenstände.

Aber das nothwendigste, das schätzbarste Sinnglied, das Sinnglied, welches dem Menschen eines der Gerechtsame der Gottheit mittheilt, dieß ist eben dasjenige, dessen auch mäßiger Gebrauch die größte Reue, und das empfindlichste Nachweh, verursachen kann. Nur einen Augenblick braucht es, um das ordentlichste Leben zu vergiften.

Das höchste Wesen, sagen die Dichter, hat das Gute und Böse in zwoen Tonnen bei sich. Aus diesen schöpft es mit vollen Händen, so wie ihm die Laune kömmt, die Geschenke,die es unter unser kleines Ameisenhäufchen austheilt. Die Kakomonade war unstreitig mit von den Hefen in der Tonne des Bösen; und an dem Tage, wo wir sie erhielten, leerte Jupiter das eine seiner Fässer aus.

Dennoch müssen wir, bevor wir gegen die Natur Klage stellen, und sie ungerecht nennen, einen Blick auf die Geschichte werfen. Hätte diese zärtliche Mutter die Absicht gehabt, uns die Geißel, über die wir seufzen, zu ersparen; hätte sie sich bestrebt, sie in einem kleinen Winkel eines unbekannten Landes zu verbergen; hätte sie zwischen uns, und dieses traurige Land fünfzehnhundert Meilen stürmische Meere geworfen; hätte sie sich Mühe gegeben, uns alle erdenklichen Mittel, dahin zu kommen, zu entziehn; so wären wir ihr für so weise, so liebvolle Vorsichten unsre Dankbarkeit schuldig.

Hätte in der Folge bloß unser unruhiger Geist diese Vorsichten vereitelt; wären wir mitten durch fast unüberwindliche Hindernisse zu dem bittern Becher, der das Gift, wovon sie uns abhielt, in sich schloß, eingedrungen; wäre es wahr, daß, wir geeilet hätten, darinnen unsere Lippen zu netzen, ungeachtet aller der schrecklichen Gegenstände, die uns davon hätten entfernen sollen; so würde ganz gewiß von unserer Seite die Natur keinen Vorwurf verdienen.

Wir allein würden strafbar seyn, daß wir ihre Verordnungen verletzt hätten. Wir würden billig gestrafet werden, daß wir ein Geheimniß entdecket hätten, welches ihre Nachsicht uns verbergen wollte. Dieß nun wird uns die Geschichte lehren. Da werden wir vielleicht die Rechtfertigung der Vorsehung erblicken.

Die Erzählung der Begebenheiten der Vorzeit wird uns zeigen, wie sehr sie für uns ob der Unglücksfälle besorgt war, die uns nun drücken. Wir werden gezwungen seyn, einzugestehn, daß, um uns so unglücklich zu machen, als wir es sind, wir sie in ihrem letzten Wehrplatze dazu nöthigen mußten. Wir werden bekennen, daß ihre Sorgfalt hinlänglich gewesen wäre, um unsere Ruhe zu gründen, wenn nicht unsre Vermessenheit in jeder Art weiter gienge, als ihre Güte.

Man hat sich gewaltig ermüdet, die eigentliche Epoche dieser Begebenheit aufzufinden. Die Kakomonade hat in mehr als einem Verstande die Geduld, und den Scharfsinn der Kommentatoren auf die Probe gesetzt. Einige davon eignen die Ehre, sie auf uns gebracht zu haben, den Griechen und Römern zu. Sie sehen sie in geraden Linien aus Asien in Europa, von Athen nach Rom, aus Wälschland in Frankreich übergehn.

Sie legen ihr verschiedene Masken bei, derer sie sich nach und nach bedient habe, bissie auf diejenige kam, in der sie bei unsern Tagen erscheint. Ihrem Sisteme zufolge mußte sie sich bei dieser wohl befunden haben; denn sie trägt sie schon in die dreihundert Jahre, ohne daß sie zu abgenützt schiene. Doch, man muß gestehn, daß diese Meinung nicht zuzugeben sey. Man sieht offenbar, daß die Alten, glücklicher und weiser, als wir, oder wenigstens den Absichten der Natur getreuer, nie die Strafe empfanden, die wir erdulden.

Homer ist genau, sogar bis zu Kleinigkeiten. Er brachte in sein Gedicht alles, was er von der Medizin, Anatomie, Geographie, und Physik wußte. Er berichtet uns, daß man zu seiner Zeit ein Leckergetränk aus in Wein geriebenem Käse machte. Er spricht oft von der Venus. Er erzählt, wie sie Diomedes mit einer Lanze tief verwundete. Hätte er an dieser Göttinn das Geheimniß gekannt, das sie seit dem in Amerika besaß;ohne Zweifel hätte er sie davon Gebrauch machen lassen, um sich an dem Helden zu rächen. Er hätte den Gott Merkur mit seinen goldgeflügelten Füssen aufgeführt, wie er sie mit der Heilung beschäftigte.

Diese Allegorie würde nicht die unsinnreicheste seines Gedichtes gewesen seyn. Sie wäre uns soviel richtiger gewesen, da Merkur wirklich von der Gegenpartei der Venus war. Kann man wohl glauben, daß dieser göttliche Dichter die Gelegenheit versäumet hätte, sie an den Ufern des Simois Angesichte der Griechen und Trojaner sich schlagen zu lassen? Wäre das nicht eben der Fall gewesen, wo er hätte vorstellen können, wie die Erde und das Meer in der Erwartung des Erfolges erschüttert wären, und die ganze Natur bei dem Anblicke eines Kampfes sich theilte, der ihr Schicksal entscheiden sollte?

Wie Schade doch, daß nicht Homer selbst in Person über diese Materie auf einer der zykladischen Inseln Erfahrungen machen konnte? Er hätte seine beiden Gedichte damit bereichert. Madame Dacier wäre uns erschöpflich gewesen, in ihren Noten über diesen interessanten Gegenstand. Eine derlei Erdichtung, in die Iliade verwebt, wäre für die Kommentatoren der vorigen und künftigen Jahrhunderte eine ewige Quelle von Zusätzen, Anmerkungen, und lehrreichen Gezänken geworden.

Es ist offenbar, daß es Homer angebracht haben würde, wenn er es gekonnt hätte. Hätten die Götter oder die Menschen zu seiner Zeit die Kakomonade gekannt, so würde er davon gesprochen haben. Sein Stillschweigen ist ein unstreitiger Beweis, daß bei der Belagerung Trojens, und lange Zeit darnach, Venus noch unschuldig war: sie ließ sich selbst verwunden, ohne wieder zu verwunden.

In den spätern Jahrhunderten lebten Hyppokrates, und nach ihm Galen in eben der Unwissenheit. Das Quecksilber schien ihnen nur in Rücksicht seiner Schwere, und seiner Flüssigkeit ihrer Aufmerksamkeit würdig. Die Helden, derer Gesundheit sie zu regieren hatten, waren nicht vernünftiger, als die unsern. Sie waren eben so lustig, eben so prächtig. Man hat uns das Detail ihrer Thaten in jeder Art aufbewahret. Wir wissen, wie sie ihre Liebesromane spielten, und wie sie ihre eisernen Lanzen schwangen. Aber wir sehen nicht, daß sie das andre Metall gebrauchten, zu welchem unsere Krieger so oft ihre Zuflucht nehmen.

Cäsar war ohne Widerspruch ein großer Mann. Man nannte ihn den Ehemann aller Weiber, und das Eheweib aller Männer. Wären diese vorübergehenden Beilager damal einem Ungefähr unterworfen gewesen; kann man wohl glauben, daß man, nachdemer derselben so viele gefeyert hatte, gefunden haben würde, daß er damit nichts anders, als nur die fallende Sucht, gewonnen habe?

Vom August sagt man wohl, daß er sich oft vor dem Feuer frottiren ließ; dieses könnte verdächtig scheinen. Aber es war ein Striegel, womit man ihn frottirte; und der ists nun nicht mehr. Er fand, wie Suetonius sagt, kein anders Mittel, um seine Gesundheit zu erhalten, und seine Haut zu jücken.

Weder Tibor, noch Kaligula, noch Nero, noch alle jene Wunder der Geilheit, denen die Beherrscherinn der Nazionen so lange unterworfen war, haben sich je des Quecksilbers gebraucht. Man sieht keinen, griechischen, oder römischen Dichter, seine Kraft besingen. Sogar diejenigen, die sich durch ihre Ausschweifungen verewiget haben,nennen keine Strafe, die mit ihren Unmäßigkeiten verbunden gewesen wären.

Ovid, in seiner Kunst zu lieben, zeigt alles an, was man von der Seite einer Buhlinn zu fürchten haben kann, er spricht von den Gefahren, die mit dem Umgange mit einer herumstreifenden Schönen verknüpfet sind. Ohne Zweifel war hier der Augenblick, der Kakomonade, wenn sie auf ihn gekommen war, eine Stelle einzuräumen. Indessen sagt er kein Wort davon.

Horaz entrüstet sich über einen Knoblauch, der ihn in die Zunge gebissen. Hätt’ er wohl vergessen, in einer schönen Schreibart eine Verwünschung auf das Quecksilber zu machen, wenn er davon gejückt worden wäre? Voll Nervigkeit, und ohne Umschweife sagt er einem alten Mütterchen Grobheiten, die sich die französische Politesse nicht einmal zu Sinne kommen lassen kann; hätteer ihr nicht die Kakomonade angewünscht, wenn sie zu seiner Zeit bei guten Gesellschaften im Gebrauch gewesen wäre?

Eben das kann man von den Tibullen, den Katullen, den Gallussen sagen, welche die schädlichen Orte besangen, und besuchten, und also ohne Zweifel die Gefahren derselben, wenn sich deren gefunden hätten, beweinet haben würden. Sie theilten in sanfter Ruhe sich in die Gunstbezeugungen ihrer Mätressen mit dem Publikum; und klagten sie zuweilen über ihre Unbeständigkeit, so kam es nicht daher, weil sie für sie unangenehme Folgen gehabt hat.

Es ist daher klar, daß die Korinnen, die Lesbien, die Lykorissen, sonst weit unter den, * * * und den * * *, diesen dennoch in einem Punkte überlegen waren. Es bedurfte vielleicht nicht größerer Mühe, um sie sich zu unterwerfen; aber gewiß weniger,um sie zu vergessen. Wenn man sich an ihre Gunstbezeugungen erinnerte, so dachte man nur an das Vergnügen, sie genossen zu haben. Man suchte keine Spezifika auf, um leichter das Gedächtniß zu verlieren, und man sah keine heilreichen Geschöpfe mit ihren Rezepten die Mauern Roms tapeziren.

Da man dieser Heldinn die Ehre nicht zueignen konnte, mit den Helden der weltlichen Geschichte zu thun gehabt zu haben, so gab man sich Mühe, sie dadurch zu entschädigen, daß man sie unter die Helden der heiligen Geschichte aufnahm. Ein erlauchter Benediktiner verfaßte ihr einen sehr ehrwürdigen Stammbaum. Er schreibt ihr eine sehr nahe Verbindung mit dem berühmten Job zu, und läßt in gerader Linie sie von demselben absteigen.

Ohne Zweifel würde man nicht erwartet haben, diesen Zug seiner Erudizion in einem Kommentar über die Bibel zu finden. Indeß, da der Jünger des heiligen Benedikt so eine Materie in einem ganz zur Erbauung bestimmten Buche ohne Skrupel behandeln konnte; muß man mirs erlauben, in dem meinigen seine Schlüsse auseinander zu setzen. Wenn so ein Gegenstand unter seiner Feder, und an der Stelle, wohin er ihn setzte, kein Skandal verursachet hat, muß man sich nicht befremden, ihn hier zu erblicken, wo er sich viel natürlicher findet.

Der gelehrte Bruder Dom Calmet also, setzte in die Reihe der Ahnen der Kakomonade den tugendhaften Job, der sie seiner Seits von seiner Frau hatte, und die sie ohne Zweifel vom Teufel bekommen haben mochte. Aber wahrhaftig, es wäre wirklich genug für einen so heiligen Mann, daß er eine so böse Frau gehabt hat; wozu die Vermuthung,daß er über die Verhöhnungen von ihr auch noch ein ander Ding empfieng?

Es ist wahr, er saß auf einem Misthaufen, und fühlte sich seine Säfte nicht recht in Ordnung. Er sagt selbst, sein Fleisch wäre mit Geschwären bedeckt, seine Haut wäre ganz ausgedörret, sein Blut wäre geronnen wie Käse; welches nach Hrn. A. — — — — mit den drei Hauptsimptomen übereinkömmt, von welchen er uns seine Beschreibung gemacht hat.

Wahr ist auch, daß, um den Job zu trösten, drei von seinen Freunden sieben Tage und sieben Nächte lang, ohne nur ein Wort zu sprechen, bei ihm blieben.

Wahr ist ferner, daß nach diesem langen Stillschweigen Eliphaz, einer von ihnen durch Seitenwendungen seinen lieben Freund beschuldigt, er habe sich der Ungerechtigkeitergeben, und den Schmerzen gesäet, dessen Frucht er nun ärnte. Er wirft ihm in figürlichen Ausdrücken vor, er habe Häuser von Koth geliebt, derer Grundfesten nichts taugten, und habe da etwas sehr dem Aussatz ähnliches erbeutet.

Unterdessen erweist dies alles noch nicht, daß der Teufel vor vier tausend Jahren nach Amerika reiste, sich da ein Körnchen von der Kakomonade zu holen, um damit einen armen Tropf van Kaldäer zu inokuliren. Man sieht wohl, daß die Krankheit desselben korrosiv, phlogistisch und koagulirend war; aber es ist ja doch nicht ausgemacht, daß diese drei Eigenschaften ausschließlich nur mit einer einzigen Art Mißbehagens verknüpft sind.

Würde wohl der Geschichtschreiber Jobs vergessen haben, vom Gifte zu sprechen, wenn ers damit zu thun gehabt hätte? Würde er nicht den Standpunkt der Krankheit angezeigthaben? Er berichtet uns, daß der Leidende seine Wunden mit Scherben trocknete. Ich berufe mich auf alle, welche zu unsern Zeiten ihre eigene Erfahrung in derlei Fällen aufgekläret hat, ob sie sich je beygehen ließen, so eine Scharpie zu brauchen.

Ueber dieß scheint es nicht, daß sich Job der Bestrafung, von der die Rede ist, ausgesetzt habe. Seine innigsten Freunde, nachdem sie ihm allerley Unbilden gesagt, und ihren stummen Trost gegeben hatten, gestehen ein, daß er mit unverheuratheten Frauenzimmern wenig zu schaffen hatte: Viduas dimisisti vacuas; woraus erhellet, daß er ein behutsamer Mann war.

Er selbst ruft auf: wo ist die Zeit, da ich meine Füße wusch? wo ich über mein Haupt meine Leuchte setzte? wo die Jugend, wenn sie mich sah, vor Schaam sich verbarg? Wo die Greise vor Verwunderung stehen blieben?Hat sich da mein Herz um ein Weib betrogen; habe ich getrachtet, mich in eine Thüre zu schleichen, die meinem Freunde gehörte; so möge meine Gattinn die — — — eines andern werden; mögen alle meine Nachbarn — — — — ! — Wahrlich! das ist gar nicht die Sprache eines Ausschweiflings, der verdient hätte, an den Schätzen von Amerika Theil zu haben.

Was den Kommentator hintergangen haben kann, mag dieses seyn, daß dieses Muster der Geduld bekennt, daß die Fäulniß sein Vater, und die Würmer seine Mutter, und seine Schwester seyn. Der gelehrte Benediktiner glaubte vermuthlich, die Kakomonade konnte in so einer Familie wohl an ihrem Platze stehn. Allein das ist nur eine Wahrscheinlichkeit; und sie ist nicht wichtig genug, uns zu bestimmen, daß wir denken sollten, Job habe sich jemal in dem Falle befunden, der Flüßigkeiten des Barometers zu bedürfen.

Leute, welche in der Geschichte der Kreuzzüge sehr bewandert sind, weil sie sahen, mit welcher Hitze diese ungestümmen Krieger auf dem Schutte von Jerusalem die Töchter der Sarazenen geschändet haben, und über dieß ungehalten über den Anblick, daß das Reich der Kakomonade so beschränkt seyn sollte, kamen auf den Gedanken, ihr zum Wohnplatze Palestinen anzuweisen. Sie wollten sie mit dem Aussatze vermengen, der, wie man weis, der ganze Nutzen war, den man aus den auferbäulichen, aber grausamen Feldzügen des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts davon trug.

Der Aussatz war eine kleine Unpäßlichkeit, die sich über die Haut verbreitete. Er veränderte ihre Farbe, ohne doch Narben nachzulassen. Er übersäete die Außenseite des Leibes mit grossen Blasen, die in der That so weiß waren, wie der schönste Alabaster, die aber nur ein heftiges Jücken, und eine starke Begierde verursachten sich zu kratzen.

Er war weder unter den Griechen, noch unter den Römern, weder bei den Galliern, noch Deutschen, weder bei den Asiaten, Persern, Siriern &c. bekannt; sondern er scheint eine ausschließlich eigene Krankheit in Palestina gewesen zu seyn. Die Einwohner dieses Landes allein sind es, welche die Natur selbst mit diesem Vorzuge ausgestattet hatte, wobei sie ihnen zugleich das Vermögen ließ, ihn den vorwitzigen Proseliten, so, wie die Beschneidung, mitzutheilen.

Die Juden hatten schon die Gewohnheit, unter beständigem Kratzen, in die verschiedenen Gegenden der Welt herum handeln zu gehen; allein sie scheinen nichts außer ihren Waaren unterlassen zu haben. Sie waren schon damal eben so säuisch, eben solche Wucherer, eben so verachtet, wie sie es heutiges Tages sind. Sie waren die einzigen, denen die Religion aus der Reinlichkeit eine Pflicht machte. Sie waren die einzigen, die sie vernachläßigten; und nur bey ihnen allein auch fand man Menschen, welche mit weissen Flecken, die den Kützel reizten, überdecket waren.

Entgegengesetzte Sitten sicherten die Fremden vor den Folgen, welche ein ordentlicher Umgang mit dieser Nation haben könnte; Die Römer verbrannten den Tempel, erwürgten die Priester, schleiften Jerusalem, und hatten dennoch keinen Theil an diesem Jucken: der häufige Gebrauch des Bades,und die Reinlichkeit, auf welche sie grosse Stücken hielten, verwahrte sie davor.

Sie giengen nach Europa damal über, als unsere Vorfahren sich im Jordan zu waschen giengen. Sie giengen bei dem Oelberge sich die Brust zu schlagen. Sie blieben kurze Zeit, aber doch lange genug, um so gut, als die Kinder Israel, sich kratzen zu lernen. Sie kamen nach Frankreich zurück ganz bedeckt mit Palmen und Aussatz.

Da sie viel schwitzten, sich selten badeten, und ihre Oekonomie ihnen nicht erlaubte, öfters ihre grobtüchenen Kleider zu waschen, so übermachten sie auf lange Zeit ihrer Nachkommenschaft die Gewohnheit, einen milchfärbigen Grind an der Haut zu tragen, und ihn fein manierlich mit den Fingerspitzen zu kratzen. Dieß war damal der Wohlstand der Leute von feinerer Welt, wie heut zu Tage einen Taback zu präsentiren, oder mit den Stockquästchen zu spielen.

Der allgemein gewordene Gebrauch der Leinwand machte, daß diese kostbare Gewohnheit verschwand. Sie erneuert sich nur noch an gewissen vorübergehenden Ungemächlichkeiten, wie zum Beispiel in der P — — — dergrössern Gattung. Man könnte sie sehr billig für einen Abkömmling, oder wenigstens für eine sehr nahe Verwandte des Aussatzes halten. Und hiermit ists alles, was uns die Geschichte von dieser Krankheit, welche die Kreuzzüge in Europa so empor gebracht haben, berichtet.

Nach den Merkmalen, die sie karakterisiren, kann man sie durchaus mit der Kakomonade nicht vermengen. Die weissen Flecken, das Jucken begleiten diese nicht; und es scheint auch nicht, daß sie sie je begleitet haben. Wenn diese einiges Jucken verursacht, so ists innerlich, und ein wenig an den Lenden; zeigt sie sich von außen, und nimmt eine Farbe an, so weiß man zur Genüge, daß es nicht die ihrerWesenheit nach der Jungferschaft geheiligte Weiße ist.

Weiter, so griff der Aussatz nicht die Erzeugung an. Wenn er ihr nicht günstig war, so ist wenigstens gewiß, daß er ihr keinen Schaden that. Es scheint sogar, daß er die Zeugungsorgane stärkte. Es gab in dieser Zeit Frauen, die es nach jenen der Aussätzigen lüsterte, und man sah sich das Sprichwort bewähren, das Sprichwort: Unglück ist doch zu etwas gut.

Man liest in einem gereimten Gedichte des zwölften Jahrhunderts diese zween Verse:


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