Chapter 2

Und wenn ich mich auch ein wenig verliebte, entgegnete Alfred, Du fürchtest doch nicht –

Nein, ich fürchte nicht, daß Du leichtfertig genug wärest, ein Mädchen thörichter zu machen, als es schon ist, aber Deinen Freunden traue ich nicht.

Alfred lachte. Sie sind alle außer sich über diese Schönheit, und Graf Bründel, glaube ich, früge allerdings nicht viel danach, ob er ein thöricht Mädchen thörichter mache.

So bitte ich Dich, vermeide es, daß er sie sieht, – entgegnete die Mutter besorgt. Und Du, lieber Alfred, bist vorsichtig, – fügte sie zögernd hinzu.

Gewiß, sagte Alfred treuherzig und reichte der Mutter die Hand; und sollte es wirklich gefährlich werden, da bitte ich Dich, mich fortzuschicken, – schloß er scherzend.

Diese Unterredung hatte Klärchen durch das Schlüsselloch mit angehört, denn Horchen war in den zehn Geboten nicht verboten. Sie haben sich Alle in dich verliebt, und Alfred ist doch der Schönste und Edelste. Seinen Spaß würde er nie mit dir treiben: zeigt der dir Liebe, so wäre es Ernst. Sie seufzte. Ja, hätte sie mit dem Mediziner noch nicht angefangen, sie hätte es wahrlich jetzt gelassen; aber sie hatte sich küssen lassen, hatte eine Liebschaft an der Treppe gehabt; Frau von Trautstein konnte sie nicht werden. Also nur kühn den Mediziner festgehalten, er ist auch ein Mann von Bedeutung und so sehr verliebt, es läßt sich Alles mit ihm machen.

Mit solchen Gedanken machte sie in ihrer Mutter Stube die Vorbereitungen zur Verlobung. Zwei Lichter brannten außer der kleinen Lampe, Tassen und Kuchen standen auf dem Tisch, die Theekanne in der Röhre, die Mutter saß im Lehnstuhl am Ofen, und Klärchen mit der Guitarre am Arm saß im Sopha. Der Student kam, die Thür ward verschlossen und nun ward geplaudert, gescherzt, gekoset. Die Mutter war ganz glücklich. Der Mediziner hatte schon eine volle Börse deponirt zu Sachen, die für Klärchen nothwendig angeschafft werden sollten. Sie mußte sich gestehen, daß Klärchen es weit klüger angefangen als sie: Klärchen that spröder und vornehmer und kommandirte mehr. Sie bedachte nur nicht, daß das Ende einer klugen Sünderin ein gleiches ist, als das einer dummen. Klärchen kam zuletzt mit Vorschlägen zur Veröffentlichung ihrer Verlobung heraus, die für heute darin bestanden, noch zu Tante Rieke zu gehen. DerMediziner sah sie erst verblüfft an und brach dann in ein helles Lachen aus. Er hatte schon viel Liebschaften gehabt, das aber war ihm noch nie passirt.

Närrchen! sagte er, wie kannst Du ein solcher Philister sein! Bei uns ist wohl von Lieben die Rede, aber nicht von Verloben. Wenn die Welt erst zusieht, hört aller Spaß auf.

Klärchen stand auf, sie zitterte an allen Gliedern. Wenn es so gemeint ist, sind wir geschiedene Leute, sagte sie in höchster Erregung.

Der Student war wieder verblüfft, lachte darauf aber nicht. Er merkte, daß er mit dem Mädchen anders verfahren müsse, als er es bisher gewohnt gewesen, und da er unglaublich in sie verliebt war, begann er zu kapituliren. Das aber half ihm nichts, sie war zu klug und durchschaute seine gleißenden Worte. Dazu liebte sie ihn eigentlich gar nicht mehr, sie dachte an den Lieutenant, an den Grafen, sie konnte ja nur zugreifen; ja, mit einemmal war es ihr, als müsse sie sich von dem Studenten losreißen, um einem höheren Geschicke entgegen zu gehen. Das gab ihr Muth, jetzt die Tugendheldin zu spielen. Sie hielt die schönsten Reden; selbst als er versicherte, Ostern wolle er mit seinen Eltern reden und nur bis dahin müsse die Sache geheim bleiben, blieb sie standhaft, – und als er sie bestürmen wollte mit seiner Liebe und seinem Unglück, verschloß sie sich in die Kammer. Die Mutter spielte eine traurige Rolle dabei, ihr Herz war weicher, als das der Tochter, sie hätte den Unglücklichen gern glücklich gemacht, – dazu die schöne volle Börse auf dem Tisch, – und versuchte ihn zuberuhigen, versprach mit der Tochter zu reden, und entließ ihn so nicht ganz ohne Hoffnung. Klärchen aber that stolz wie eine Königin. Siehst Du, sagte sie zu ihrer Mutter, so muß man es machen, spaßen lasse ich nicht mit mir! Und weil sie doch im Inneren eine große Demüthigung fühlte, daß ihr der Mediziner entschlüpfte, wie der Mutter Rechtsgelehrter, so that sie mit Worten besonders groß, ließ ihr Glück bei den adeligen Herren ahnen, und um die Mutter vollständig mit dem ersten Abenteuer auszusöhnen, duldete sie es, daß diese die volle Geldbörse des Mediziners in Verwahrung nahm.

Auf ihrem Stübchen aber brach sie in Thränen aus, nicht Thränen der Reue über ihren Leichtsinn, nein, sie weinte über ihre Dummheit, sich mit diesem rohen Menschen so weit eingelassen zu haben. Wenn es die Generalin, wenn es der Lieutenant wüßte! Aber sie wissen es nicht und werden es nie erfahren, war ihr Trost; du willst vorsichtiger sein, dich nie mit so rohen Menschen einlassen. Um sich vollständig zu trösten, wiederholte sie sich die Unterredung der Generalin mit ihrem Sohne. Es konnte ihr nicht fehlen, – sie taumelte sich in einen neuen Himmel der Zukunft und schlief beruhigt ein.

Ihr Rouleau kam nun den ganzen Tag nicht mehr in die Höhe, und die Köchin, die schon angefangen, aufmerksame Augen auf sie und den Mediziner zu werfen, ward wieder ganz ruhig.

Die Generalin aber war nicht ruhig, sie sah die Augen ihres Sohnes fortwährend auf Klärchen gerichtet, und diese war ganz besonders sanft und holdselig.Der Graf hatte gesagt: das Mädchen sei ganz verteufelt stolz und spröde, und Alfred hatte das mit Triumph der Mutter erzählt und dabei fallen lassen, daß ihre Bildung eigentlich über die eines Kammermädchens hinausgehe. Klärchen hatte das glücklicherweise wieder erlauscht, denn wenn Mutter und Sohn allein in der Stube waren, kam sie nicht viel vom Schlüsselloch fort. Das waren selige vierzehn Tage, und ihr Kopf war voll der tollsten Pläne und Träumereien.

Aber die Tage vergingen und die Zeit der Trennung kam; ja, der Lieutenant war eines Morgens abgereist, ohne daß Klärchen etwas davon geahnet. Sie war plötzlich eine andere, sie war zerstreut und träge, erst der Generalin ernste Blicke mußten sie wieder etwas zu sich bringen.

Nach einigen Tagen saß die Generalin einen ganzen Morgen am Schreibtisch mit Schreiben beschäftigt; dazwischen ging sie sinnend in der Stube auf und ab. Klärchen kalkulirte richtig: sie schreibt an ihren Sohn. Um Alles in der Welt hätte sie den Brief gern gelesen. Wenn er nur heut nicht fortgeschickt wird, so ist's möglich, dachte sie. Und wirklich ward er nicht fortgeschickt; der Nachmittag war unruhig, den Abend war die Generalin in Gesellschaft, sie fand nicht Zeit, ihn zu vollenden. Mit klopfendem Herzen hörte Klärchen ihre Dame fortfahren, der Bediente hatte sie begleiten müssen, so war jetzt die beste Zeit, ihren Plan auszuführen. Was sie an kleinen Schlüsseln finden konnte, suchte sie zusammen und versuchte das Schloß zu öffnen. Ihre Hände zitterten, und zehnmal wohllief sie nach dem Vorsaal, um zu hören, ob auch Niemand komme. Sie fühlte zum erstenmal eine heftige Gewissensangst, aber zum erstenmal auch ging sie von der Stufe der Thorheit und des Leichtsinns eine weiter hinunter zum Verbrechen. Gleich einem Diebe stand sie zitternd vor dem verschlossenen Tisch, sie war ja wirklich im Begriff zu stehlen.

Doch das Schloß wollte nicht weichen, der Wagen der Generalin kam zurück, Klärchen verließ hastig und scheu das Zimmer.

In ihrem Stübchen überlegte sie sich die Sache ruhiger, ja sie machte sich Vorwürfe über ihre Angst, beredete sich, daß es gar nichts Großes sei, einen fremden Brief zu lesen, und hätte gern gleich ihre Versuche wiederholt. Sie mußte aber warten, bis der Bediente fort fuhr, um seine Dame wiederzuholen. Jetzt ging sie schon getroster daran. Uebung macht bei solchen Dingen bald den Meister, darum heißt es: Hüte dich vor dem ersten Tritte, mit ihm sind bald die anderen Schritte zu einem nahen Fall gethan! Aber auch jetzt bei größerer Ruhe ging das Schloß nicht auf, und Klärchen mußte die auf's Höchste angeregte und unbefriedigte Begierde mit zu Bett nehmen.

Am andern Morgen ging sie, wie gewöhnlich, im Schlafzimmer der Generalin einzuheizen. Wie gewöhnlich lag auf dem Tischchen neben der Nachtlampe der Schreibtisch-Schlüssel. Ruhig hatte ihn Klärchen immer dort liegen sehen, heute trieb sie der Teufel an, sie nahm den Schlüssel, verließ das Schlafzimmer, schloß die Thür hinter sich, auch die nach dem Vorsaal, obgleich der Bediente nie um diese Zeit hier etwaszu thun hatte, und nun schloß sie mit Leichtigkeit das Schlößchen auf. Da stand ein volles Geldkästchen, daneben lag der Brief; das Geld reizte sie nicht, wohl aber der Brief. Sie durchflog ihn mit Hast, aber erfuhr genug. Die Mutter warnte den Sohn vor dem eignen Herzen: sie möchte ihn vor einer Liebe bewahren, die ihn, wenn auch nicht für Jahre, doch für Tage unglücklich machen könne. Darauf schilderte sie Klärchens Wesen und Gedanken mit solcher Wahrheit, daß Klärchen feuerroth beim Lesen dieser Worte wurde. Ja, die kluge Frau hatte sie in ihrem koquetten Treiben und verdrehten, überbildeten Träumereien durchschaut. »Sie ist ehrlich und treu, geschickt und fleißig,« schloß die Generalin diese Schilderung, »darum werde ich sie jetzt nicht gehen lassen, ich werde es mir aber zur Pflicht machen, sie besser zu überwachen, was mir bei meinem jetzigen stilleren Leben nicht schwer werden soll.«

Klärchen war in großer Aufregung. Sie legte den Brief wieder an dieselbe Stelle, schloß den Kasten und legte den Schlüssel zurück an seinen Platz. Die Sache war herrlich geglückt, und wenn sie auch manches Unangenehme aus dem Briefe erfahren, so doch auch das Erfreuliche: der Lieutenant liebte sie, die Mutter fürchtete. Ihre größte Begierde war von jetzt an, die Antwort des Sohnes zu lesen; mit höchster Aufmerksamkeit kontrollirte sie die Briefe, die zu ihrer Dame kamen. Acht Tage vergingen, da endlich entdeckte sie das Postzeichen von Berlin und das Familienwappen. Die Generalin nahm den Brief in höchster Spannung aus Klärchens Hand und erbrach ihnschnell. Klärchen aber räumte den Frühstückstisch ab, ordnete hier, wischte dort, und warf dabei manchen forschenden Blick auf die Leserin, deren Züge erst sehr ernst waren, aber immer freundlicher wurden und sich endlich in eine fröhliches Lächeln auflösten. Dies Lächeln war ein Dolchstoß in Klärchens Herz, und noch nie war ihr ein Tag so lang geworden als dieser, denn vor dem anderen Morgen konnte sie das Kunststück mit der Eröffnung des Tisches nicht wiederholen.

Doch der Morgen kam, Klärchen heitzte eine halbe Stunde früher als gewöhnlich ein, die Generalin lag noch im ruhigen Schlummer. Klärchen nahm den Schlüssel, der Brief lag ganz oben in der Mappe, sie öffnete schnell und las:

»Wenn ich Dir, theuerste Mutter, Sorge machte, so thut es mir herzlich leid, ich kann Dir aber mit festem Herzen versichern, daß es unnöthig war. Ich leugne nicht, daß mich im Anfange das hübsche Mädchen interessirte und ich neugierig war, ob wirklich hinter der schönen Hülle das verborgen sei, was man wünschen und vermuthen mußte. Ich stimme aber ganz mit Dir im Urtheil über ihren Charakter ein; in den letzten Tagen habe ich Blicke in ihr Wesen gethan, die mich von einem gemeinen und koquetten Sinn überzeugten. Ich fürchte fast, es wird Dir schwer werden, sie zu überwachen. Graf Bründel ist ernstlich verliebt und wird nicht Geld und Mühe sparen, ein Verhältniß anzuknüpfen,« –

Jetzt regte es sich im Nebenzimmer, Klärchen fuhr erschrocken zusammen. Sie lauschte, es schien ihr wiederstill; aber ihre Angst war groß und sie sah nur noch nach dem Ende des Briefes:

»Ja, liebe Mutter, mein Herz war schon leise beschäftigt, ehe ich zu Dir kam. Die edle Reinheit meiner Adelheid hat mich von neuem überwältigt, ich hoffe Dir bald eine würdige Tochter« –

Hier regte es sich abermals im Schlafzimmer der Generalin, Klärchen legte den Brief schnell in die Mappe, schob den Geldkasten wieder zurecht und schloß eiligst den Kasten. Welch eine Entdeckung war das!

Schmerz und Zorn bewegten Klärchens Herz. Hier war also nichts zu machen, der Mensch war nicht poetisch, nicht romantisch genug, um etwas Ungewöhnliches der Welt gegenüber zu thun! Alle Qualen unglücklicher Liebe, die sie je in einem Romane beschrieben gefunden, kamen über sie. Zum Glück nicht für sehr lange.

Es war ein sehr kalter Winter. Selbst Mitte Februar begann er noch einmal mit aller Strenge zu regieren. Der Himmel war klar, die Sonne glitzerte hell auf den weißen Dächern, die Leute trippelten an einander vorüber, konnten sich der rothen Ohren und Nasen nicht erwehren, und die Blumen an den Fenstern thauten kaum um Mittag ein wenig ab.

Gretchen verlebte hinter den Eisblumen stille Tage. Sie saß ihrer Mutter gegenüber und spann, und spann und sann, und hauchte sich zuweilen ein Fensterchen in den Eisgrund, schaute, daß der Himmel blau, die Sonne golden war, dachte an den Frühling, an Blüthen,Bäume und Vögelgesang und andere schöne Dinge, und das Herz schlug ihr warm hinter den kalten Eisblumen. Zuweilen entdeckte sie auch durch ihr Fensterlein das rothe Gesicht eines Handwerksburschen, der sie bittend anschaute, da reichte sie ihm eine Gabe; oder ein Vogel hüpfte auf dem Fenstersims, dem streute sie Krümlein hin. Aber auch die Vögel im Garten wurden gefüttert; ein Stückchen Brod war ja immer übrig vom Frühstück und auch vom Mittag, und jedesmal wenn sie hinaus kam, rief Benjamin einen »guten Tag« aus dem Schiebfensterchen, oder sonst ein gutes fröhliches Wort.

Seit zwei Tagen aber hatte sich das Schiebfensterchen nicht geöffnet, und die Eisblumen regten und rührten sich nicht. Gretchen sagte es der Mutter, es wurde Rath gehalten; Benjamin war jedenfalls krank, man mußte sich nach ihm erkundigen. – Der Verkehr mit dem Nachbarhause war leider diesen Winter sehr eingeschlafen; Frau Bendler empfand es schmerzlich, daß Fritz Buchstein sich ihrem Gretchen gar nicht nähern wollte. Ihr Zartgefühl erlaubte es nicht, von ihrer Seite nur die leiseste Andeutung zu geben; aus dieser Aengstlichkeit erfolgte dann fast das Gegentheil. Der alte Buchstein, der sonst so eifrig die Freundschaft betrieben, war jetzt verlegen. Fritz wich seinen Aufforderungen aus, und sehr zureden wollte er dem Jungen nicht, und wußte nur nicht, was zur Frau Nachbarin sagen, mit der er früher die Sache in allen Einzelheiten besprochen hatte. – Heute aber war von all' den Rücksichten nicht die Rede, Benjamin mußte gepflegt werden und Gretchen sich auf den Weg zuihm machen. Sie that es so gern, und doch hatte sie Scheu zu gehen, denn ihr Weg führte durch die Werkstatt. Während dem sie eine warme Suppe kochte, schaute sie wohl zehnmal auf die Straße, ob sie nicht Jemand vom Nachbarhause sähe; und wirklich es glückte, die alte Magd kam daher und Gretchen konnte ihre Erkundigungen einziehen.

Benjamin sei wirklich krank, berichtete die mürrische Magd, er verlange aber gar nichts, er wolle die Sache ausschwitzen. Das hielt Gretchen nicht ab, sich zu rüsten. Das Näpfchen mit der warmen Suppe unter dem Mantel ging sie hinüber zu dem alten Freunde. Die Sonne schien so hell in die Werkstatt, die Blumen von den Fenstern waren etwas abgethaut, Fritz in weißen Hemdsärmeln und schwarzer Tuchweste stand mit Gesellen und Lehrburschen rüstig bei der Arbeit. Als die Thür sich öffnete und Gretchen mit dem frischen Gesicht und der schwarzen Sammetmütze hineinschaute, erschrak er fast, aber er trat ihr entgegen und reichte ihr freundlich die Hand.

Ich will zum kranken Benjamin, sagte Gretchen etwas scheu.

Zum kranken Benjamin? wiederholte Fritz und seufzte: ja er ist krank, und es ist recht schlecht von mir, ich habe ihn ganz vergessen. Soll ich das Näpfchen tragen? setzte er mit weicher Stimme hinzu.

Gretchen ließ es sich gefallen und folgte ihm nun die Treppe hinan. Aus der warmen Werkstatt traten sie in eine eiskalte Stube; Benjamin steckte tief in den Federn, der Staarmatz stand auf dem Tisch vor demBett mit trauriger Miene, der Dompfaff pickte eben vergebens am zugefrorenen Trinknäpfchen.

Armer Schuster! schnarrte der Matz, als die Thür sich öffnete, – armer Schuster!

Benjamin's Nachtmütze bewegte sich jetzt, und sein freundlich Gesicht kam zum Vorschein.

Dacht' ich's doch, daß Du kommen würdest, sagte er zu Gretchen, und nun gieb erst den Vögeln Futter. Dorthe ist schlechter Laune und ist seit gestern Abend nicht herauf gekommen.

Gretchen sah sich nach ungefrorenem Wasser um, aber vergebens; Fritz merkte, was sie suchte, und verließ das Zimmer. Eilig kam er wieder mit einem Töpfchen voll warmem Wasser und einer Schippe Kohlen. Schweigend reichte er ihr das Wasser, schweigend machte er Feuer in den Ofen und sah dann, wie Gretchen die Trinknäpfe der Vögel aufthaute, wie sie ihnen frisches Futter gab, wie sie dem Benjamin die Kissen zurechtlegte, ihm den Tisch vor dem Bette deckte und die Suppe darauf stellte. Fritz sah sinnend und traurig aus, und als Benjamin jetzt das Tischgebet sprach und Gretchen mit gefalteten Händen dabei stand, faltete auch er die Hände und betete mit. Nachdem sie geendet, trat er zu Benjamin, reichte ihm die Hand und sagte mit bewegter Stimme:

Benjamin, verzeihe mir, daß ich Dich so vergessen konnte, ich bin recht traurig darüber.

Benjamin nahm seine Hand in beide Hände und drückte sie herzlich. Dann wandte sich Fritz zu Gretchen:

Verzeihe auch Du mir, Gretchen, ich schäme mich vor Euch und vor Gott, daß ich so lieblos seinkonnte und nach dem armen Benjamin nicht einmal fragen.

Eben fiel ein feiner Sonnenblick durch eine thauende Fensterscheibe und auch ein Lichtblick fiel in Fritzens Herz. – Herr, dein Wille geschehe! – Gretchen stand vor ihm so frisch und hold und rein, mit so versöhnlichem Blick. Fritz fühlte seine Zukunft entschieden, er fühlte, wohin der Herr ihn haben wollte und wo er seinen Frieden suchen sollte. Die wilden Ranken seines Herzens mußte er abschneiden. Schade um die Zeit, die er sie hatte wuchern lassen!

Gretchen nahm Abschied von ihrem alten Freunde, mußte aber das Versprechen geben, wieder zu kommen.

Ja, darum bitte ich Dich auch, sagte Fritz, Du sollst nicht kommen, um Benjamin zu pflegen, nein, Du sollst Dich nur überzeugen, daß ich meinen Fehler gut gemacht habe.

Benjamin machte Scherz aus der Sache, Gretchen stimmte ein und die jungen Leute verließen ihn. Unten in der Werkstatt sagte Fritz noch in aller Eile, um doch etwas zu sagen: Ich habe schon längst einmal zu Euch kommen wollen, – aber das böse Wetter, – man ist so eingeschneit.

Bei uns wird jeden Tag gekehrt, entgegnete Gretchen.

Ja, es ist auch meine Schuld, fuhr Fritz fort; und als nun Gretchen im Vorbeigehen ihre Finger auf einen halb vertrockneten und vernachlässigten Geranientopf legte, ward er noch verlegener. – Den armen Topf habe ich auch vergessen, aber ich will ihn doch begießen. – Gretchens Hand fuhr erschrockenzurück, sie hatte ihn ja nicht von neuem beunruhigen wollen. In diesem Gefühle ließ sie auch ein Bierglas dicht an der Tischkante stehen, obgleich es ihr in den Fingern zuckte, es sicherer zu stellen. Der geringste Anstoß mußte es hinunter stoßen.

Fritz aber, als sie an der Wohnstubenthür vorbei kamen, nöthigte Gretchen, den Vater zu begrüßen. Er machte die Thür auf, der Alte lag im Lehnstuhl mit geschlossenen Augen. Heller Sonnenschein lag auf dem friedlichen Gesichte, er schlug die Augen auf, und als er Gretchen und Fritz vor sich stehen sah, meinte er, sein Lieblingstraum sei Wirklichkeit geworden; sein Gesicht verklärte sich. Ach Gretchen! rief er aus und streckte ihr beide Hände entgegen. Fritz aber wandte sich zum Fenster. Sein Vater hätte ja schon so glücklich sein können, wer weiß denn, wie viele Tage er noch zu zählen hat! Aber er soll glücklich sein, Gretchens Hand soll seines Lebensabends pflegen. Ja, ja! sprach sein Herz, und sein Auge folgte dem Sonnenstrahle hinan zum blauen Himmel, und alle Qual und Unruhe war aus seinem Herzen verschwunden.

Daß Fritz in den letzten Tagen besonders unruhig, zerstreut und traurig gewesen war, hatte seinen Grund. Eines Nachmittags hatte er in einer der Hauptstraßen neue Meubel abzuliefern. In demselben Hause war unten ein Buchladen, und als Fritz oben sein Geschäft beendet, trat er unten in den Laden. Die Herren darin kannten den jungen Tischlermeister wohl, und sahen es gern, wenn er sich hin und wieder hübsche Bücher ansah, denn nicht selten kaufte erauch davon. Heute hatte er sich besonders festgeblättert und festgelesen, und es war schon tiefe Dämmerung, als er den Laden verließ. Sein Weg führte ihn vor dem Schauspielhause vorbei. Trotz der Kälte war es hier ziemlich belebt, und zu seinem Schrecken erkannte er zwischen den Leuten Klärchen am Arme eines Mannes. Er konnte nicht widerstehen, er mußte erfahren, wer das sei. Nach einigem Hin- und Herwenden gelang es ihm, das Gesicht des Mannes zu sehen, er war jung und schön mit dunkelblondem Haar und einem großen Schnurrbart. Plaudernd ging das Paar in das Haus, Fritz folgte ihnen, er schämte sich, aber er konnt' es nicht lassen. Vom Parterre aus entdeckte er bald Beide in einer halbdunkeln Parquetloge. O wie vertraulich sie mit einander waren! Er blieb nicht lange, er hatte bald genug gesehen. Im Hinausgehen fragte er einen Zettelträger, wer der blonde Herr mit dem Schnurrbart sei. Graf Bründel, war die Antwort. Graf Bründel! wiederholte sich Fritz. Den Namen hatte er wohl gehört: es war der leichtsinnigste, tollste Offizier der Garnison, – Klärchen seine Geliebte! – Diese Gedanken hatten ihn in den Tagen beschäftigt, als Benjamin krank war; darüber hatte er Alles um sich her vergessen. Aber sein Herz sollte nun geheilt werden, und er sann nur auf Mittel, wie der Armen wohl noch zu helfen sei.

Klärchen aber fühlte sich nicht arm, nein, unendlich reich, sie liebte und ward wieder geliebt – und von einem vornehmen Manne ward sie geliebt. Wie schön, wie fein und galant war ihr Graf; erhing an ihren Blicken, sie hatte nur über ihn zu bestimmen! – Als der Sohn der Generalin sie damals so plötzlich aufgegeben, war sie – wie schon erzählt – sehr unglücklich, doch nicht lange. Sie sah sich bald nach Trost um, ihr Herz war einmal des leichtfertigen Spiels gewohnt, es konnte jetzt nicht mehr ohne dasselbe bestehen. In dieser Stimmung traf sie der erste Brief des Grafen Bründel. Mit Entzücken ward die Sache angeknüpft, ihr heißes Herz war lange nicht so spröde, als mit dem Mediziner, sie meinte es diesmal auf eine andere Weise versuchen zu müssen, und hatte die feste Ueberzeugung, es könne ihr diesmal nicht fehlen. Vier Wochen waren im süßen Taumel vergangen. Frau Krauter machte sich kein Gewissen daraus, die Zusammenkünfte der jungen Leute zu begünstigen. Der Graf hatte meistens eine volle Börse, und sie führte ein herrliches Leben dabei. Er hatte auch versprochen, sich mit Klärchen trauen zu lassen, und Mutter und Tochter glaubten daran; ja, Klärchens Klugheit war dem Sinnenrausche ganz gewichen. Sie dachte nicht an die Zukunft, sie wollte nicht an die Zukunft denken, die Gegenwart war zu süß. Im Theater war sie öfters gewesen, und in künftiger Woche wollte der Graf sie auf eine Redoute im Theaterlokale führen. Das war der Höhepunkt alles Vergnügens. Seit vierzehn Tagen studirte Klärchen in allen Modeblättern und durchstöberte Läden, wo Maskenanzüge verliehen wurden. Endlich hatte sie sich für eine Diana entschieden, aber unbedingt mußte dazu ein grüner Sammetüberwurf angeschafft werden, der eigens ihrer schlanken Gestalt angemessen war. Woheraber das Geld dazu nehmen? Es war gerade Ebbe in allen Kassen, die Mutter hatte schon einige Male nach neuen Zuschüssen geseufzt, aber der Graf hatte keine Anspielung verstanden, weil er gerade selbst nichts hatte. Borgen konnte Klärchen nicht mehr, denn in allen Läden fast hatte sie Plemperschulden, auch Auguste Vogler bekam beinahe zwei Thaler. Die Schulden machten ihr weiter keine Sorgen, sie hätte es längst bezahlen können und würde auch bald wieder Geld die Fülle haben, es war nur diese augenblickliche Verlegenheit. Den ächten Sammetüberwurf hatte sie schon aufgegeben, es brauchte auch nur ein unächter zu sein, und dazu gehörten kaum einige Thaler. Bei diesem Grübeln führte ihr der Teufel immer den vollen Geldkasten im Schreibtisch der Generalin vor. Stehlen? nein! sie entsetzte sich vor dem Gedanken. Vermissen würde freilich die Generalin eine so kleine Summe nicht, denn schon öfter hatte sie mit Klärchen gesonnen, ob sie nicht einige Posten in ihr Haushaltsbuch einzutragen vergessen hätte, und sich bald beruhigt, wenn sie die Summe nicht finden konnte. Der Gedanke kam wieder und immer wieder, je näher die Zeit der Redoute heranrückte. Für einige Tage wenigstens könntest du das Geld nehmen und legst es wieder hinein, flüsterte ihr der Böse zu. Sie widerstand nicht, was hätte auch in ihr widerstehen sollen? Die Klugheit, ihre einzige Waffe, mit der sie sich vor Sünde und Untergang schützen wollte, rieth ihr gerade den Schritt. Du entlehnst es nur, du nimmst es nicht, sagte diese Klugheit; dazu erfährt es Niemand, und das grüne Sammetgewand ist nothwendig zu deinemGlücke. Am anderen Morgen machte sie das bekannte Manöver mit dem Schlüssel. Ihre Hände zitterten, als sie in den Kasten griff, und angstvoll schlug ihr Herz. Doch als sie den Abend bei der Mutter war und vor dem Spiegel den grünen Sammet probirte, zitterte sie nicht mehr. Ja, als sie einige Tage darauf an des Grafen Arm durch die Reihen flog, als ihre Gestalt laut bewundert, ihre Schönheit gepriesen ward, da schwieg das Gewissen ganz und gar. Der Graf gab ihr den Abend noch einiges Geld, denn sie gestand ihm, daß sie Schulden hätte, und Gustchen Vogler war schon ungeduldig geworden. Zuerst sollte aber die Summe in den Schreibtisch der Generalin gelegt werden, so war es ihre Absicht. Da sie am andern Morgen später als gewöhnlich aufstand, mußte sie es bis zum nächsten verschieben. Den Tag aber überlegte sie sich die Sache noch einmal. Die Generalin hatte nichts gemerkt, sie war gleich freundlich und gütig, vonderSeite war Klärchen sicher. Sie nahm sich daher vor: lieber erst die kleinen Schulden in den Kaufläden zu bezahlen, um bei nächster Gelegenheit wieder borgen zu können. Als sie mit dem Rest ihrer Summe im letzten Laden stand, bemerkte sie mit Schrecken, daß diese Summe nicht ausreiche. Noch dazu hatte sie groß gethan, von Bezahlen gesprochen, und der älteste Diener gerade hatte ihr die Summe ausgezogen, mit der höflichen, aber doch ernsten Bemerkung: daß es eigentlich nicht erlaubt sei, Damen in ihrer Stellung solche Vorschüsse zu machen. Klärchens Hochmuth regte sich gewaltig, die Summe mußte um jeden Preis bezahlt sein. Sie, diekünftige Gemahlin eines Grafen durfte sich so etwas nicht gefallen lassen. Sie nahm die Rechnung und versicherte, in einigen Minuten wieder da zu sein. Zu Gustchen Vogler ging ihr Weg. Gustchen mußte das Geld geben. Sie versprach heilig, es ihr am anderen Morgen um zehn Uhr wieder zu übergeben. Gustchen war gutmüthig; sie gab das Geld, versicherte aber, wenn sie am anderen Morgen es nicht wieder bekomme, mache sie Lärm bei der Generalin. Mit Triumph bezahlte Klärchen die Rechnung und bemerkte schnippisch: es gäbe Läden, wo Damen ihrer Stellung ganz gern gesehen würden. Darauf schrieb sie gleich bei der Mutter einen Brief an den Grafen, den diese eiligst besorgen mußte. Es war das erste Mal, daß Klärchen Geld forderte, aber Noth bricht Eisen, und dieser Aufforderung konnte er gewiß nicht widerstehen. Mit klopfendem Herzen wartete sie auf der Mutter Rückkehr; diese aber brachte den traurigen Bescheid: der Graf sei nicht zu Hause. Die Mutter versprach: so oft hinzugehen bis sie ihn spreche, und bis morgen früh um zehn das Geld anzuschaffen. Der Abend verging, der Morgen verging, die Mutter kam nicht. Endlich brachte sie den Bescheid, der Graf sei gestern spät Abends nach Haus gekommen, aber heut früh verreis't. Klärchen war außer sich, Gustchen kam dazu und wurde mit den heiligsten Versprechungen bis morgen vertröstet. Noth bricht Eisen, dachte Klärchen, morgen früh hole ich Geld aus dem Schreibtisch; hat sie es einmal nicht gemerkt, wird sie es das andere Mal auch nicht merken. Den Abend mußte die Mutter noch einmal nach dem Grafen aussehen. Er warnoch nicht zurück, und Klärchen ging am andern Morgen mit großer Bestimmtheit an ihr Werk. Diesmal war sie kühner. Sie nahm nahe an drei Thaler und wollte eben den Kasten wieder schließen, als sich die Thür hinter ihr öffnete, und die Generalin herein trat. Klärchen schrie laut auf. – Also doch! sagte die Generalin. Klärchen hielt beide Hände vor das Gesicht. Ihre Sinne wollten schwinden.

Klärchen! sagte die Generalin, ich habe schon vor acht Tagen gemerkt, daß Jemand bei meiner Kasse gewesen; ich war aber meiner Sache nicht gewiß und besonders wollte ich nicht glauben, daß Sie der Dieb seien.

Dieb! schluchzte Klärchen, ich wollte nicht stehlen, ich wollte das Geld wieder hineinlegen.

Thörichte Reden! entgegnete die Generalin bestimmt. Sie haben gestohlen, haben auf ganz abscheuliche Weise mein Vertrauen gemißbraucht; nichts kann Sie jetzt vor einer gerichtlichen Untersuchung retten, als wenn Sie mir ganz der Wahrheit gemäß Ihren Frevel gestehen und auch die Beweggründe dazu. Ueberhaupt muß ich jetzt Ihren ganzen Lebenswandel kennen lernen, von dem sich in der letzten Zeit sehr schlimme Gerüchte verbreitet haben.

Klärchen war in einer entsetzlichen Lage. Aller Hochmuth, aller Stolz war dahin. Die Sünde ist feig, Furcht folgt ihr auf den Fersen. Furcht war es, die Klärchens Wesen durchzitterte; sie dachte an ihre Liebe, an den Grafen, freilich ihm zu Liebe war sie ja eine Diebin geworden; sie dachte aber an ihre Freundinnen, an Tante Rieke. Ja sie bekannte, sieschilderte ihre erhabene Liebe zum Grafen. Wenn er nicht verreist war, hätte sie das zweite Geld nicht genommen, ja sie würde das erstgenommene Geld wieder hinzugelegt haben. Seine Liebe war so großmüthig gegen sie. Alles, was ihm gehörte, war auch das Ihre; ja er hatte versprochen, sie zu heirathen.

Die Generalin erwiederte ihr, daß sie ein armes, getäuschtes Mädchen sei, daß es aber allen Leichtsinnigen so gehe. Wie würde ein achtbares Offiziercorps es je dulden, daß der Graf ein Mädchen heirathe, wie sie!

Klärchen sah die Sprecherin groß an bei diesen Worten. Wie ich? fragte sie leise.

Ja wie Sie! wiederholte die Generalin. Sie haben sich des Abends auf der Straße umhergetrieben, Sie gelten in der Stadt als eine leichtfertige Koquette, und der Graf ist nicht Ihre erste Liebe.

Klärchen ward roth. Sollte die Generalin vom Mediziner wissen? Oder wollte sie nur versuchen, die Wahrheit zu erfahren? Zu jeder andern Zeit würde sie geleugnet haben, jetzt aber war sie von der Furcht beherrscht: sie schwieg zu dieser Beschuldigung und begann nur, die Generalin wegen ihres Fehlers, wie sie die Entwendung des Geldes nannte, um Verzeihung zu bitten.

Die Generalin hielt ihr eine lange Rede, stellte ihr die Folgen eines solchen Lebenswandels vor, die allerdings anders ausschauten, als Klärchens Bilder von der Zukunft. Zugleich aber versprach die nachsichtige Dame, von der Sache nicht zu reden und Klärchen bis Ostern ruhig im Dienst zu behalten. DaSie aber wahrscheinlich zu schwach sind, schloß sie diese Unterredung, das Verhältniß mit dem Grafen aufzulösen, soll das von seiner Seite geschehen; er soll es erfahren, wohin sein Leichtsinn ein armes unglückliches Mädchen gebracht hat, er soll es erfahren, daß er Sie zur Diebin machte.

Dies Letzte brachte Klärchen fast zur Verzweiflung, sie flehte, sie bat, – aber vergebens, die Generalin blieb bei ihrem Vorsatz, und Klärchen mußte endlich das Zimmer verlassen. Ihr Erstes war nun, selbst an den Grafen zu schreiben; sie schilderte ihr Unglück, ihre Liebe, ihre Verzweiflung, wenn er sie verließe. Sie benetzte den Brief mit Thränen, daß die Schrift kaum zu lesen war, und gerade als sie ihn gesiegelt hatte, trat ihre Mutter ein.

Du kommst wie ein Engel des Himmels, sagte Klärchen, Du mußt schnell den Brief zum Grafen tragen.

Ist nicht nöthig, schmunzelte die Mutter, ich habe das Geld schon.

O Gott, stammelte Klärchen, so wäre es gar nicht nöthig gewesen! Sie bedeckte das Gesicht mit beiden Händen und weinte heftig. Hätte sie doch nur noch eine Stunde gewartet, so wäre das Unglück nicht über sie gekommen! Die Mutter war außer sich über den Schmerz der Tochter, sie forschte, sie tröstete, sie erzählte, wie sie gestern Abend noch spät zum Grafen gelaufen, wie sie ihn auch da nicht gefunden, wie sie ihn aber heut früh im Bette getroffen, und er das Geld habe herausrücken müssen. Er brummte freilichein Bißchen (setzte die Mutter hinzu), und meinte, das ginge über seine Kräfte.

Sagte er das? entgegnete Klärchen heftig. O trage ihm das Geld wieder hin, und meinen Brief dazu; sage ihm: ich wolle nichts weiter, als seine Liebe, und er solle gleich antworten. Aber geh' gleich, Mutter, und komm gleich wieder.

Die Mutter verstand von Allem nichts, sie schüttelte den Kopf, sie wußte nur: Guste Vogler würde kommen, um das Geld zu holen, und die würde nicht wenig Lärm machen, wenn sie nichts bekäme. Sie redete also der Tochter zu. Ihr Liebesleute, sagte sie, da zankt Ihr Euch nun und macht Euch unnöthig Noth. Nimm ruhig das Geld und bezahle Deine Schulden, ich will ihn heut Abend zu uns bestellen, da könnt Ihr Euch versöhnen. Klärchen, laß Dich die Liebe nicht verblenden! Der Graf entschlüpft Dir noch wie mein Rechtsgelehrter.

Klärchen wollte eben auffahren, als es an der Thür klopfte. Guste! sagte sie leise und sah dabei unwillkürlich auf das Geld in der Mutter Hand.

Soll ich? fragte diese.

Ja, entgegnete Klärchen seufzend, bezahle nur, aber geh' vor die Thür, sag', ich sei krank.

Die Mutter ging und die Sache war bald abgemacht. Jetzt aber mußte sie die Besorgung des Briefes an den Grafen übernehmen; sie versprach, gewiß nicht ohne Antwort wieder zu kommen.

Aber sie kam doch ohne Antwort. Der Graf war schon im Dienst gewesen, und Frau Krauter zum Nachmittag wieder hinbestellt. Klärchen verlebte qualvolleStunden, sie hatte sich zu Bett gelegt, um nur nicht Leuten in das Gesicht sehen zu müssen. Hier lauschte sie jedem Fußtritt auf der Treppe. Sie machte sich wunderliche Phantasien. Wenn er ihren Brief lies't, wird sein Herz zerschmelzen, er wird ihr Unglück nicht ertragen können, er wird selbst zu ihr kommen, er wird trotzen der Welt und der Generalin und wird sie selbst trösten, beruhigen und ihr aus dem Wirrwarr helfen. – Aber wie ward ihr, als die Mutter in der Dämmerung zu ihr eintrat mit dem kalten Bescheid: Der Graf sei sehr verdrießlich gewesen, er habe von einem zweiten Briefe gesprochen, von schrecklicher Unvorsichtigkeit, von kaum zu lösenden Unannehmlichkeiten, er müsse sich die Sache überlegen und wolle morgen Bescheid schicken.

Das war ein Todesstoß für Klärchen. Sie fühlte sich in einer solchen Nacht des Unglücks, daß sie keinen Gedanken fassen konnte, sie fühlte nur, die Sache mit dem Grafen sei aus. Sie blieb auch den folgenden Morgen im Bett liegen, sie konnte nichts anders thun, als weinen und das sollte Niemand sehen. Zuweilen kam der Hoffnungsschimmer: die Mutter könne doch noch einen tröstlichen Brief bringen, sie dachte wenige Tage zurück, wie seine Liebe da so heiß, seine Versprechungen so heilig, so für die Ewigkeit gewesen; aber sie bedachte nicht, daß alle solche Betheurungen nur Teufelswerk sind, die wie Seifenblasen verwehen; sie gehörte zu den Tausenden von thörichten Jungfrauen, die solchen Versicherungen trauten.

Doch lange blieb sie nicht in Ungewißheit. Die Mutter kam mit dem Briefe, und der war wie siebei solchen Gelegenheiten auch zu Tausenden geschrieben werden. Noch Versicherungen heißester Liebe, aber man muß der Nothwendigkeit, der Pflicht, der Ehre weichen, wenn auch das Herz darüber bricht. – Klärchen las und weinte, und weinte und las wieder, und blieb den Tag im Bett liegen. So viel Besinnung nur hatte sie, den größeren Theil der Goldstücke, die der Graf mitgeschickt, für sich zu behalten und der Mutter nur den kleineren zu geben.

Der März war gekommen, der Schnee geschmolzen, und die warme Frühlingssonne schien auf die belebten Straßen. Klärchen hatte unter dem Vorgeben, sie sei krank, das Haus 14 Tage lang nicht verlassen; eigentlich aber fürchtete sie sich ihren Bekannten zu begegnen, und besonders der Tante Rieke. Die Mutter hatte vorläufig der Tante vom Dienstwechsel sagen, und als Grund dazu angeben müssen: Klärchen könne das Sitzen nicht vertragen, sie hätte sich darum nach einem Dienst umgesehen, wo sie mehr Bewegung hätte.

Eines Tages nun ging Klärchen aus, um Besorgungen für die Frau Generalin zu machen. Die Sonne schien so warm, Kinder spielten lustig auf der Straße, vom nahen Exerzierplatz klang laute Musik zu Klärchens Ohren. Klärchen aber war betrübt und verbittert; gerade das fröhliche Treiben überall, das lustige Aussehn der ganzen Welt war ihr unangenehm. Noch unangenehmer aber war es ihr, daß Tante Rieke ihr entgegen kam. Ausweichen konnte sie nicht, siemußte sich also auf eine ernste Unterredung gefaßt machen. Die Tante war aber nicht so schlimm, als sie gefürchtet.

Du siehst recht blaß aus, sagte sie theilnehmend, mußt doch recht krank gewesen sein.

Klärchen erzählte so gut wie möglich und fügte hinzu, daß der neue Dienst im Hotel Reinhard gewiß passender für sie sein würde.

Aber ein Gasthof! sagte die Tante.

Ich habe mit dem Gasthofsleben gar nichts zu thun, entgegnete Klärchen, ich bin die Mamsell, die allen Kaffee und Zucker unter sich hat, ich habe das Frühstück auf die Zimmer zu schicken, und die Wäsche unter mir. Dazu bekomme ich 60 Thaler Gehalt und viele Geschenke.

Es ward ihr nicht schwer die Tante zu beruhigen. Im Sprechen hatten sie der Tante Haus erreicht. Klärchen mußte mit eintreten. Gretchen stand in der Stube und haspelte. Was ist das langweilige Arbeit, wenn die Sonne so warm in das Fenster schaut und einen immer in das Freie ruft! sagte sie; aber es ist nun das Letzte und wir machen Schicht mit dem Spinnen. – Bei den Worten beugte sie sich über einen Topf mit blühenden Schneeglöckchen, als ob ihr der Anblick neue Kraft zu ihrer Arbeit geben solle.

Wo hast Du denn schon die hübschen Blumen her? fragte Klärchen.

Von Benjamin, entgegnete Gretchen, und ward roth dabei, denn sie wußte, daß Fritz Buchstein die Blumen in den Topf gesetzt hatte, und das war ihr das Schönste daran. Benjamin ist wieder gesund, erhat die Blumen in seiner Stube zur Blüthe gebracht und sie mir dann geschenkt. Und sieh nur die weißen Blümchen, wie sie so rein und zart dastehen und ihre Köpfchen so still niederbeugen. Ich mag keine Blumen lieber, als die Schneeglöckchen, und Benjamin hätte mich durch nichts mehr erfreuen können.

Klärchen stimmte mit Worten ein, aber ihr Herz war matt, sie konnte sich nicht über Blumen freuen.

Jetzt bin ich fertig! sagte Gretchen fröhlich, nun hilf mir, Klärchen, Erbsen legen und Salat säen. Ein Hauptspaß ist es, die Sachen alle recht früh zu haben. – Sie setzte einen Nankinghut auf, nahm den bereit stehenden Samen und ging der Tante und Klärchen voran.

Der Himmel war lichtblau, weiße Frühlingswölkchen zogen daran, der Erdboden war braun und frisch, die Veilchen legten ihre seidenen Blättchen auseinander, die Stachelbeerbüsche hatten einen grünen Schimmer, der Buchfink schlug, Spatzen lärmten, Tauben girrten auf den Dächern, und in den Nachbarsgärten ward gearbeitet, geplaudert und gesungen. Auch Benjamin schaute zum Fenster hinaus, der Matz saß ihm auf der Schulter und rief: »Jungfer Gretchen, so recht.« Gretchen rief: er solle schweigen, seine häßliche Stimme passe nicht zum Frühling. Benjamin aber flüsterte dem Vogel etwas zu, und der schnarrte sein »Racker, Spitzbub« mit so vielem Eifer, daß selbst Fritz Buchstein das Fenster seiner Werkstatt aufmachte und Ruhe gebot. Doch er trat auch in den Garten und sah über das Staket hinüber, Gretchenbei der Arbeit zu. Daß Klärchen dabei war, zog ihn wohl auch hinaus, aber es machte ihn nicht mehr verlegen, nein, der Herr hatte seine Gebete erhört und seinem Herzen Ruhe gegeben; nur eine Theilnahme für das arme unglückliche Mädchen fühlte er noch. Er wußte ihr Schicksal mit dem Grafen ziemlich genau. Wenn sie doch jetzt noch umkehrte! dachte er, ihre Blässe und ihr Stillsein waren ihm eine Beruhigung.

Doch Gretchen ließ ihn nicht lange bei diesen Gedanken, sie war so frisch und fröhlich, sein Herz freuete sich über sie. Als Benjamin sie neckte wegen der schiefen Reihen auf dem Erbsenbeete, schwang sich Fritz am alten Fliederbaume über das Staket und übernahm selbst das Amt des Reihenziehens. Frau Bendler stand glücklich dabei, und der alte Buchstein, der am Stock gestützt, sich von der Frühlingssonne wärmen ließ, schien sich noch mehr zu erwärmen am Anblick seines glücklichen Sohnes und des braven Gretchens.

Klärchen konnte es nicht aushalten zwischen diesen glücklichen Menschen. Fritz Buchstein liebt die Grete, das ist richtig. Gretchen kam ihr heut ordentlich hübsch vor. Und Fritz? den hatte sie längst zu gut für die Grete gefunden. In dieser Stimmung wandelte sie fast etwas wie Reue an, den Fritz so schnöde behandelt zu haben. Daß er sie erst geliebt, fühlte sie zu bestimmt, und jetzt, wo ihr Glück in der vornehmen Welt gescheitert, konnte sie sich das Leben in einem stattlichen Bürgerhaus an der Seite eines Fritz schon möglich denken. Freilich müßte sie ja dann ein frommes,fleißiges, ordentliches Mädchen wie Gretchen sein, flüsterte eine Stimme in ihrem Innern, und ihr Gewissen regte sich, Thränen liefen ihr über die blassen Wangen.

Wieder einige Monate waren vergangen, der Sommer war herrlich. Gretchen freute sich erst an den Blüthenbäumen, dann an den duftenden Rosen. Fritz hatte auch in seinem Garten Blumen gepflanzt und gesäet, daß Alles lustig durch einander blühte. Benjamin hatte seine Freude an dem Paar, er neckte sie aber auch und war kühn in seinen Neckereien, denn nach einem schönen, warmen Sommerregen brach plötzlich ein F. und G. aus der braunen Erde heraus und war bald in krauser grüner Kresse sehr deutlich zu lesen. Seinen Staarmatz lehrte er heimlich eine neue Rede, und sein Dompfaff sang lieblicher als je: Lobe den Herrn o meine Seele.

Auch Klärchens Thränen waren wieder getrocknet, ihre Wangen wieder aufgeblüht. Das Gasthofsleben gefiel ihr wohl. Sie ward von den Fremden bewundert, man war galant gegen sie, man schmeichelte ihr. Daß dies keinen weiteren Einfluß auf ihr künftiges Leben haben würde, wußte sie, es waren Fremde, die nach ein oder zwei Tagen abreisten, und sich nur amüsiren wollten. Sie war daher sehr zurückhaltend und wollte überhaupt mit vornehmen Leuten nichts zu thun haben. Ihre Phantasien waren aus dem Hochromantischen zur Idylle hinabgestiegen. Nur ein fühlendes Herz und Bildung mußte der Mann haben, mit demsie in einem kleinen Stübchen leben sollte. Und einen solchen Mann hatte sie bald gefunden. Es war der Oberkellner des Hotels; seine Bildung war untadelhaft, er sprach englisch und französisch, ging immer in schwarzem Frack und weißer Halsbinde, und hatte in seinem Wesen etwas überaus Vornehmes. Daß sie gerade mit ihrer Liebe Schiffbruch gelitten, kam Herrn Eduard zu gute, denn bald war er ihrer Liebe gewiß. Natürlich hatte er ihr vorher seine Verhältnisse klar auseinander gesetzt. Eigentlich konnten sie jetzt schon heirathen, er hatte 200 Thaler Zinsen und stand sich beinahe ebenso viel im Dienste: aber sein Streben ging nach einem eigenen Hotel, seine Kenntnisse, seine Bekanntschaften mußten es ihm leicht machen eines zu erhalten, ja, er war schon nach verschiedenen Seiten hin in Unterhandlungen gewesen. Er malte Klärchen die herrlichste Zukunft. Sie, die Dame des Hotels, sollte ein Leben wie eine Prinzessin führen, und schalten und walten nach Wohlgefallen. Klärchen vergaß ganz die Vergangenheit und ward wieder kühn in ihrem Auftreten, und sehr selbstgefällig und mit sich zufrieden. Zum 10. August, Klärchens Geburtstag, hatten sie sich vorgenommen, die Verlobung zu veröffentlichen. Der Bräutigam hatte ihr im Voraus einen rosa Taffethut und eine schwarze Atlasmantille geschenkt. Beides lag auf dem Sopha in ihrem Stübchen, ein ächtes Batisttuch und gelbe Glaceehandschuh daneben. Es war am Vorabend des Geburtstages, schon ganz spät dämmerig, ihre Stubenthür war nur angelehnt, – da hörte sie zwei flüsternde Stimmen auf dem Korridor.

Thee will er haben, so mach doch nur! Er ist besoffen, hat aber noch so viel Verstand, daß er weiß, was ihm noth thut.

Der kann was vertragen! entgegnete die andere Stimme, ein anderer ehrlicher Mensch wäre den ganzen Tag besoffen, wenn er so viel tränke wie der.

Und ein Spitzbube ist er dazu, sagte wieder die erste Stimme; alle Monat hundert Thaler schlägt er gewiß unter, und der alte Esel merkt's nicht und hat den Narren an ihm gefressen.

Die Stimmen entfernten sich jetzt, Klärchen war in besonderer Aufregung. Wen meinten sie? Wer war der Spitzbube, der Betrunkene? Eine schreckliche Ahnung ging durch ihre Seele. Sollte es Eduard sein? Schon einigemal hatte er so nach Wein geduftet, daß sie ihn darauf angeredet; er aber hatte gelacht und gemeint, er wäre ein schlechter Kellner, wenn er den Wein nicht probiren wolle, auch wäre es durchaus nothwendig bei seiner anstrengenden Lebensweise, sich zuweilen mit einem guten Schluck zu stärken. Daß der Wein aber auch nur die geringste Wirkung auf ihn geübt, hatte Klärchen noch nie gemerkt. Sie fing an sich zu beruhigen: er ist es doch wohl nicht. Nun gar der Spitzbube! das konnte ja nicht auf ihn gehen, er sah so nobel aus, er sprach so schön. Freilich leichtfertig konnte er auch zuweilen reden, und näher kannte sie ihn nicht, und wußte nicht, wie es mit seiner Moral beschaffen. Dazu schlug ihr eignes Gewissen; ihre eigne Moral war doch eigentlich auch: wenn es nur die Leute nicht wissen. Dieß, daß es die Leute wußten, daß gewiß zwei Kellner die Redendengewesen, war das Unangenehmste bei der Sache. Sie mußte den Grund dieses Gespräches wissen, sie mußte aus ihrer Ungewißheit kommen, und verließ deshalb ihr Zimmer. Im Vorbeigehen faßte sie an ihres Bräutigams Thür, die war verschlossen. Darauf sah sie in den Salon. Hier war er nicht. Sie ging in die Küche und erkundigte sich, für wen der Thee bestimmt sei. Für Herrn Eduard, sagte die Köchin unbefangen. Der Laufbursche, der mit dem Brett und der Tasse dabei stand, grinsete bei diesen Worten die Küchenmagd sehr verständlich an. Klärchen mußte sich sehr zusammen nehmen, um ihre Bewegung nicht merken zu lassen; sie konnte den Abend auf ihrem Lager keine Ruhe finden. Wie entsetzlich, wenn er trinkt! Sie dachte an ihren verstorbenen Vater, wie der die Mutter dadurch so unglücklich gemacht hatte, sie sah um sich noch lebende Beispiele genug. Selbst der alte Vogler, der sonst im Haus Alles gehen ließ, wie es wollte, – wenn er betrunken nach Hause kam, war die kranke Frau und die verzogene Tochter nicht vor seinen Schlägen sicher. Und wie mag es vielleicht mit dem Gasthof stehen? Ob die vorgespiegelten Hoffnungen wohl Wahrheit sind? So allein mit der Nacht und mit ihren Gedanken, ward ihr ganz bange, und – wunderlich genug, – Fritz Buchstein und Tante Rieke standen Beide mit ihren ernsten Gesichtern und strafenden Worten vor ihrer Seele. Wenn der Gott, von dem sie so viel reden, dich doch für dein leichtsinniges Leben strafen könnte? Wenn die Tante Recht hätte mit ihrem Sprüchwort: Wie man's treibt, so geht's? – Aber was sollte sie machen? Jetzt wiederzurücktreten – das war unmöglich, ihr Ruf würde darunter noch mehr leiden und ihre Zukunft ganz verloren sein. Auch wird Eduard sie nicht lassen, er liebt sie zu sehr, und sie liebt ihn auch zu sehr. Ja, das ist ihr Trost. Diese Liebe muß ihn, sollte er wirklich Fehler an sich haben, bessern. O, wie erhebend ist der Gedanke! Er ist so weich, so nachgebend, sie kann ihn um den Finger wickeln, er wird ihr Alles zu Liebe thun, sie wird einen Engel von Ehemann aus ihm machen. Dieser Gedanke hat schon manche Mädchen zu unglücklichen Frauen gemacht. Sie wollen ihn bessern, ihn ändern, sie trauen ihrer schwachen Kraft gar Großes zu. Solche Liebe hat noch keinen Mann geändert; und je weichlicher und schwächer sie dieser Liebe zu Füßen liegen, je weichlicher und schwächer geben sie sich wieder den alten Sünden hin. Einen Menschen ändern, dazu gehört eine andere Macht, gehört die Kraft von oben.

Klärchen aber hatte sich mit diesen Gedanken beruhigt, und als am anderen Morgen Eduard mit seiner gewöhnlichen Gewandtheit und Liebenswürdigkeit vor ihr stand, war sie wieder frischen Muthes. Aber sagen mußte sie ihm von dem Gespräch – zur heilsamen Warnung, rieth ihre Klugheit. Auch gab es ihr eine Art von Uebergewicht über ihn, wenn sie um seine Fehler wußte. Sie erzählte es zwar in dem Sinne, als ob sie nicht an die Möglichkeit solcher Dinge glaube; aber er mußte jedes von den erlauschten Worten hören. Eduard ward feuerroth und sichtbar verlegen, aber Zornesworte mußten die Verlegenheit verbergen; er wollte die Schurken verklagen, er wollteihnen den gottlosen Mund stopfen, es sei Neid, und so weiter. Im Grunde aber war er recht froh, daß ihm Klärchen die Personen nicht nennen konnte. Eine genaue Untersuchung wäre ihm doch nicht gelegen gewesen. Die Anschuldigung des Betrinkens erklärte er damit, daß er gestern Wein abgezogen habe, und daß die kalte Kellerluft, nach der Schwüle oben im Haus, ihm nicht wohl gethan, sodaß er schwindlich und ohnmächtig geworden. O, er that so erzürnt und erboßt, daß ihm Klärchen die schönsten Worte geben mußte, um ihn wieder zu beruhigen. Er ließ sich auch beruhigen, und Beide unterdrückten durch süße Worte ihre gegenseitigen beängstigenden Gefühle.

Gegen Mittag wanderten Beide zu Tante Rieke. Klärchen hatte die Freude, daß man ihnen überall nachsah, – wirklich ein schönes Paar! Er sah wenigstens aus wie ein Baron, und sie nicht minder vornehm. Was wird die hausbackene Grete, was Fritz Buchstein sagen? Grete wird gewiß verlegen dem vornehmen Manne gegenüber, und Tante Rieke macht einen etwas tieferen Knix.

Aber sie irrte sich. Tante Rieke war allerdings verwundert, Klärchen am Arme eines fremden Mannes zu sehen; und als diese den Namen nannte und ihn als ihren Bräutigam vorstellte, machte sie ein sehr ernsthaftes Gesicht. Gretchen aber sah dem Bräutigam erst forschend und dann ganz erzürnt in die Augen. Dieser ward sichtlich verlegen dadurch und wandte sich ab. Klärchen bemerkte das und wußte gar nicht, woran sie war. Die Tante unterbrach zuerst die peinliche Pause.

Klärchen, ich hätte geglaubt, du hättest uns nicht so sehr überrascht mit einer so wichtigen Sache, sagte sie mit einem leisen Vorwurf im Tone.

Klärchen entschuldigte sich damit, daß es so schnell gekommen, und mit Aehnlichem. Der Bräutigam hatte während dessen seine Fassung vollständig wieder gewonnen und spielte den Beleidigten.

Ich hoffe, daß Sie gegen meine Person nichts einzuwenden haben, – sagte er gereizt, – und daß ich Ihnen ein willkommener Neffe bin. Meine Verhältnisse sind von der Art, daß ich mich Ihnen getrost als solcher nahen darf.

Verzeihen Sie, Herr Günther, entgegnete die Tante sanft, ich wünschte nur, Klärchen hätte mehr Zutrauen zu mir gehabt. Gegen Sie bin ich ganz unpartheiisch, denn ich versichere Sie, daß Sie uns ganz unbekannt sind; weder ich noch meine Tochter haben je Ihren Namen gehört.

Ich kenne den Herrn wohl, – sagte Gretchen jetzt leise, aber mit unverkennbarem scharfem Ausdruck.

Ich wüßte nicht, stotterte Eduard; vielleicht so vorübergehend, vielleicht im Theater oder in einem Kaffeegarten.

Gretchen schüttelte den Kopf und schwieg, und Eduard ging leicht darüber hin und knüpfte eine lebhafte Unterhaltung an. Tante Rieke aber blieb ziemlich schweigsam, und Gretchen und Klärchen schwiegen auch, bis zu aller Erleichterung der Besuch ein Ende hatte.

Auf der Straße konnte Eduard seinen Zorn nicht verhalten. Das mußt Du versprechen, sagte er eifrig, mit diesen rohen, ungebildeten Leuten darfst Du keinen Verkehr haben. Sie haben mich unter aller Würde behandelt, und was dieser Stockfisch, dies Gretchen von mir wollte, begreife ich nicht.

Klärchen war auch ganz außer sich. Wo waren die Triumphe, die sie erwartet hatte? Von Gretchen ward sie nicht beneidet, das fühlte sie, – eher bemitleidet; und dahinter mußte etwas stecken. Und daß auch die Tante so wenig Freude über den vornehm aussehenden Bräutigam gezeigt, war ihr entsetzlich, ja das Weinen war ihr nahe; und doch mußte sie sich vor dem zornigen Bräutigam jetzt zusammen nehmen.

Es war den Tag sehr unruhig im Hotel, so daß Beide wenig Gelegenheit fanden, sich zu sprechen. Klärchen war sehr damit zufrieden. Sie wartete nur auf eine passende Zeit, um zur Tante schlüpfen zu können und den Grund von Gretchens sonderbarem Wesen zu erforschen. Als Eduard bei der sehr zahlreichen Abendtafel beschäftigt war, führte sie ihr Vorhaben aus. Sie fand die Tante und Gretchen in der dämmernden Stube. Erst wußte sie nicht recht, wie sie beginnen sollte, aber es half ja nichts und sie bat mit etwas stockender Stimme, ihr zu sagen, ob sie etwas Unrechtes von ihrem Bräutigam wüßten. Gretchen sah verlegen vor sich nieder.

Klärchen! begann die Tante, vor allen Dingen möchten wir es Dir recht begreiflich machen, daß wir es gut mit Dir meinen. – Bei diesen Worten nahm sie Klärchens Hand und sah sie mit den sanften braunenAugen recht herzlich an. Klärchens Herz war leichtfertig, aber für die Stimme der Wahrheit hatte sie doch noch Gefühl. Ich glaube es, entgegnete sie und erwiederte der Tante Händedruck. Diese fuhr fort:

Kennst Du Deinen Bräutigam genau?

Ich kenne ihn seitdem ich im Hotel bin, versetzte Klärchen. Ich weiß, daß er dem Herrn des Hauses Ein und Alles ist, daß er eigentlich das ganze Geschäft führt und in Kurzem selbst einen Gasthof übernehmen wird. Er hat Konnexionen, Vermögen, dazu ist er gebildet und von Allen, die im Gasthofe aus- und eingehen, geachtet und geliebt.

Das ist wohl gut, sagte die Tante; aber es sind nur äußere Dinge, und Du könntest bei alle dem kreuzunglücklich werden. Weißt Du, ob er ein rechtschaffener Mann ist, ob er ein braver Mann ist, der Gott mehr fürchtet, als die Menschen?

Freilich hoffe ich, daß er ein rechtschaffener Mann ist, und habe keine Ursache, das Gegentheil zu glauben. Und wißt Ihr etwas von ihm, so ist's Eure Pflicht und Schuldigkeit, es mir zu sagen.

Der Tante gefielen diese Worte wohl, sie meinte, Klärchen liege ihres Bräutigams Rechtschaffenheit gar sehr an der Seele; aber von der war es nur die brennende Begierde, etwas zu wissen, zu hören; ihr Stolz war gedemüthigt, sie war innerlich erboßt, sie hätte mit der ganzen Welt hadern mögen.

Ich will Dir nun erzählen, was wir von Deinem Bräutigam wissen, begann die Tante, Du kannst dann überlegen, was Du zu thun hast. Im vorletzten Winter, als ich am gastrischen Fieber lag, mußteGretchen für mich manche Krankenbesuche übernehmen. Unsere schwerste Kranke war damals ein Mädchen, die ein Vierteljahr vorher ein Kind gehabt hatte und jetzt an der Auszehrung elend darnieder lag, so arm und verlassen, daß es ihr am Allernothwendigsten fehlte, und unser Verein kaum anschaffen konnte, was sie gebrauchte. Bei ihrer äußeren Noth hatte sie aber auch innerlichen Jammer, sie sprach viel von dem Vater ihres Kindes, was der ihr vorgespiegelt und versprochen, und wie er sie jetzt in Hunger und Kummer umkommen lasse. Oft hat Gretchen ihre Klagen über den Menschen mit anhören müssen, und die Urtheile und Schilderungen von ihm waren nicht fein. Als das Mädchen immer elender ward und ihren Tod vor Augen sah, war ihr größtes Verlangen, ihren Geliebten, wie sie ihn denn doch in manchen Stunden noch nannte, nur einmal noch zu sehen. Eine Frau, die schon früher die Unterhändlerin des Liebespaares gewesen, ward zu wiederholten Malen abgeschickt, aber immer vergebens. Als nun Gretchen eines Tages hinkömmt und die Kranke besonders schwach findet und ihr Trost und Theilnahme zuspricht, ist diese untröstlich und sagt nur immer, sie müsse Günthern noch einmal sehen. Gretchen hatte den Namen des Mannes nie gehört und auch nie viel von der Geschichte wissen wollen. Als sie ihr nun vorstellt, wie ihr Herz an einem Menschen hängen könnte, der sie so schmählich verlassen und verstoßen habe, wie sie sich lieber dem Himmel zuwenden solle und dem Heilande, der sie nicht verstoßen und verschmähen würde, und so Aehnliches, um ihren Sinn zu bewegen, da kömmtdie Frau herein, die immer an Günther abgeschickt war, und ruft: Er kommt, er kommt! Gretchen will schnell gehen, aber der Mann steht in der Thür, ehe sie sich dessen versieht. Er geht an das Bett, die Kranke hat sich zu ihm gewendet und sagt: Ich sterbe nun, – und dazu weint sie bitterlich. – Das ist meine Schuld nicht! entgegnet er barsch, und ich bin heute gekommen, damit die Lauferei endlich ein Ende hat. Was willst Du nun? ich habe nicht viel Zeit hier zu stehen. – Du hast mich so elend umkommen lassen, schluchzt die Kranke wieder. – Ich? ruft er da und setzt ihr auseinander, was er alles gegeben; seine Schuld sei es nicht, daß sie krank geworden, und sie habe Verwandte, die mehr hätten als er, die sollten sich nur um sie bekümmern. – Die Kranke kann vor Weinen nicht sprechen, sie will seine Hand nehmen, er aber zieht sich zurück. Da kann sich Gretchen nicht mehr halten, tritt zu ihm, nimmt seine Hand und legt sie in die der Kranken und sagt: Das sind Alles unnütze Reden, die Arme wird nicht lange mehr leben und wollte nur Trostworte, und nicht so harte Worte von Ihnen hören. – Er ist ganz erschrocken, denn er hat Gretchen im ersten Eifer nicht gesehen, und führt nun eine andere Sprache und läßt auch einiges Geld dort. Nach zwei Tagen war das Mädchen todt.

Die Tante schwieg. Klärchen war in höchster Aufregung. Sprechen konnte sie nicht; sie reichte der Tante die Hand und stürzte zum Zimmer hinaus. Die Tante wollte ihr nachrufen, aber sie hörte nicht, sie lief mit eilenden Schritten über die Straße undverschloß sich dann in ihrem Zimmer. Hier brach sie in Thränen aus. Ein abscheulicher Mensch! solch ein Verhältniß vorher zu haben! Sie wollte augenblicklich mit ihm brechen, sie wollte einen Mann haben, der geachtet und geehrt ward von der ganzen Welt und der besonders weit über Tante Rieke und über Greten stand. – So gingen ihre Gedanken anfänglich durch einander. – Als sie aber eine halbe Stunde geweint, und ihre Thränen versiegten, ward sie ruhiger. Und wenn die ganze Geschichte wahr wäre, dachte sie, was hat er eigentlich verbrochen? Daß ich seine erste Liebe nicht bin, konnt' ich mir vorher denken. Er ist ja auch deine erste Liebe nicht, entgegnete ihr Gewissen, und du hast ihm auch von allen Abenteuern nichts gesagt. Das ist eben der Fluch der Sünde: um die eigene zu beschönigen, mußte sie auch die des Andern entschuldigen und so die Last beider tragen. Daß das Mädchen so dumm war, sich verführen zu lassen, fuhr sie fort, ist traurig, und es ist schändlich von ihm, die Arme so im Stich zu lassen; aber gewiß war sie ein ganz unbedeutendes Wesen, die ihn nicht fesseln konnte, dir hätte so etwas nie passiren können. Das einzige Unglück dabei ist nur, daß es nicht verborgen blieb, und daß gerade ihre Verwandten so tief hinein blicken mußten. Ihrem Glücke konnte die Sache nicht mehr hinderlich sein, Mutter und Kind sind todt. Wenn sie einst Herrin eines großen Hotels ist, es bequem wie eine Prinzessin hat, dazu von dem Manne geliebt und angebetet wird, was sie Alles nicht bezweifelte, so fehlte ihrem Glücke nichts. Die Sache mit dem Aufgeben mußte doch überlegt werden, undwer konnte denn wissen, ob in Wahrheit die Begebenheit so schwarz war, wie die Tante sie vorgetragen? Die Tante sieht Alles mit so strengen Blicken an; in den Stücken war ihr nicht zu trauen. Aber beichten sollte ihr Bräutigam, erfahren, daß sie Alles wisse, und um so demüthiger werden und ergebener. Als er wie gewöhnlich nach den beendigten Geschäften zu ihr kam, fand er sie so getröstet, aber die Thränen flossen von Neuem bei seinem Anblick. Er, mit dem bösen Gewissen, war besonders weichherzig, forschte nach den Thränen und erfuhr nun die ganze Geschichte. Da schien sein Zorn keine Grenzen zu haben, er nannte Alles die abscheulichste Verleumdung, und Gretchen sammt der Tante maliziöse Personen, die absichtlich eine Sache so verdreht hätten, um ihm Klärchen abspenstig zu machen. Wer weiß, in welchen Winkel sie sie stecken möchten; sie ärgern sich, sie vornehmer und schöner zu sehen, und so mehr. Von der Kranken erzählte er: sie sei Hausmädchen hier gewesen, und er habe allerdings ein kleines Liebesverhältniß mit ihr gehabt, später sei sie fortgekommen, sei liederlich geworden und so herab gekommen. In ihrer Noth habe sie sich zu ihm gewandt, und er habe sie hin und wieder unterstützt, ja, er habe sich durch seine Gutmüthigkeit verleiten lassen, einmal hinzugehen, weil die Person ihm keine Ruhe gelassen. – Und das ist die Geschichte, die Deine vortreffliche Cousine so verdreht hat! schloß der Erzürnte. Du mußt mir jetzt aber heilig versprechen, mit den abscheulichen Menschen ganz und gar zu brechen, denn bei ihrer Schlechtigkeit sind sie auch roh und ungebildetund passen für uns nicht. Es ist mir eigentlich recht lieb, daß sie die Veranlassung zu diesem Bruche gegeben haben. Nun sind wir sie los. Nach dem, wie sie mich behandelt haben, können sie nicht verlangen, daß ich je wieder einen Fuß über ihre Schwelle setze. – Hierauf begann er seine Pläne für die nächste Zukunft zu entwickeln. Die malte er so glänzend, so herrlich, daß Klärchen sich völlig befriedigt fühlte und in alle seine Vorschläge einging. Um allen ferneren Intriguen zu entgehen, wollten sie noch vor dem Winter heirathen und die Annahme eines eigenen Hotels gar nicht abwarten. Günther hatte sich eine kleine neue Wohnung gerade gegenüber schon angesehen, die sollte mit Mahagoni-Meubeln und allen möglichen Luxussachen ausgestattet werden, und Klärchen sollte da allein ihre Wirthschaft haben. Vierhundert Thaler sollte sie jährlich bekommen, außer den Sachen, die hin und wieder aus der Gastwirthschaft abfielen. Als Klärchen erwähnte, daß die Tante ihr, im Falle sie sich mit deren Genehmigung verheirathe, eine Ausstattung versprochen, brausete Günther von Neuem auf. Wir brauchen Deiner Tante Ausstattung nicht, ich werde ihr schreiben: ich bedankte mich sowohl für ihre Verleumdungen, als für ihre Hochzeitsgeschenke, ich könnte ganz und gar ohne sie bestehen, ich würde sie nie wieder belästigen, würde aber auch meiner Frau nicht erlauben ein Haus zu betreten, das so hinterlistig meine Ehre angegriffen. – Klärchen machte einige Einwendungen dagegen. Wenn sie die Tante auch immer mehr gefürchtet, als geliebt hatte, auf diese Weise wollte sie sie doch nicht beleidigen, weil die Tantees immer gut mit ihr gemeint. Günther versprach den Brief nicht ganz so arg zu machen, aber, setzte er hinzu, wenn wir sie bei dieser Gelegenheit nicht los werden, wird sie uns das ganze Leben plagen. In dem Sinn sprach er noch Mancherlei. Klärchen ließ sich bereden, und die Sache schien abgemacht. Am anderen Abend aber kam Frau Krauter mit sehr bedenklichem Gesichte. Tante Rieke hatte sie zu sich kommen lassen, ihr das Vorgefallene erzählt und ihr den Brief mitgegeben, den Günther heut Morgen an die Tante geschickt. Klärchen ward heiß und kalt beim Lesen dieses Briefes; der war wenigstens so grob, als Günther gestern Abend sich vorgenommen hatte zu schreiben. Frau Krauter trug den Mantel auf beiden Schultern; bei Tante Rieke hatte sie geklagt über das Unglück und über den Leichtsinn der Welt; hier redete sie anders, weil ihr im Grunde diese Verheirathung der Tochter sehr erwünscht kam. Schon jetzt kam mancher Bissen aus dem Hotel zu ihr hin, schon jetzt hatte sie zeitweise ein herrliches Leben geführt, sie erwartete nun den Himmel von Klärchens eigenem Hotel. Als sie die Tochter böse auf den Bräutigam sah, redete sie gütlich zu. Jeder Mann hat seine schwache Seite, und die Tante wird nicht ohne Schuld sein. Wenn Du auch einen Andern genommen hättest, sie wäre doch nicht zufrieden gewesen; denn ihr Geschmack ist nicht Dein Geschmack, und Du mußt es mit Deinem Manne halten. Klärchen seufzte, und mußte der Mutter doch theilweise Recht geben. Entweder! oder! hieß es jetzt, und da sie den Bräutigam nicht fallen lassen wollte, mußte sie von der Tante lassen. DieMutter mußte ihr aber versprechen, zur Tante zu gehen und ihr zu sagen, wie unglücklich sie über ihres Bräutigams Brief gewesen; aber da sie ihn zu sehr liebe und auch das Beste von der Zukunft hoffe, müsse sie sich in seinen Willen fügen und den Umgang mit der Tante für jetzt abbrechen, – doch nicht für lange, denn er werde gewiß bald seinen Fehler einsehen und die Tante um Verzeihung bitten.

Es war der 25. September. Klärchen stand vor dem Spiegel und legte die rosa Schürze um den weißen Mullrock, setzte ein rosa Häubchen auf und war nun bereit, die Gäste zum Chokoladenfrühstück zu empfangen. Gestern hatte sie Hochzeit gehabt, war stolz im weißen Atlaskleide zur Kirche gefahren und war als schönste Braut bewundert. Herr Reinhard hatte darauf seinem Oberkellner ein Diner gegeben, und die Nachfeier dieses Diners war eine Abendgesellschaft in der Wohnung der Neuvermählten. Ein Privatsekretair mit seiner Frau, ein Detailhändler mit seiner Frau, ein Rendant, Gustchen Vogler, einige Handlungsdiener und Mutter Krauter waren die Mitglieder der Gesellschaft. Klärchen mußte sich gestehen, daß diese Leute nicht zu ihren eleganten Zimmern paßten, aber auch Günther war in dieser Gesellschaft ein Anderer, als gegen die vornehmen Leute im Hotel. Er lachte anders, er sprach anders und ließ sich in seinem ganzen Wesen auf eine unangenehme Weise gehen. Freilich hatte er den Tag ungewöhnlich viel getrunken, und das ist bei so seltenen festlichen Gelegenheiten nicht zuumgehen, tröstete sie sich. Dieselbe Gesellschaft sollte heut Morgen ein Chokoladenfrühstück nehmen. Klärchen hatte Alles auf's Schönste vorbereitet, die feinen Tassen standen bereit, auf gemalten Tellern war Kuchen und Torte servirt, und sie selbst ruhte jetzt wie eine vornehme Dame im Sopha und erwartete ihre Gäste. Die Mutter war die erste, die kam; sie sah schmunzelnd auf Kuchen und Chokolade, setzte sich wohlgefällig in die andere Sophaecke und sagte:

Hätt' ich doch im Leben nicht geglaubt, daß es Dir noch so glücken würde, Du kleiner Brausekopf. Immer wenn ich dachte, es war so weit, dann ging Dein heißes Blut wieder durch. Gott sei Dank, daß wir nun eingelaufen sind in den Hafen!

Klärchen lächelte. So hatte sie doch wenigstens die Mutter, die ihrem Schicksal Weihrauch streute, da selbst das eigne Herz sich nicht recht dazu bequemen wollte. Günther trat etwas bleicher als gewöhnlich, aber guter Laune ein. Die Gäste folgten bald, es ward Chokolade getrunken, Frau Krauter ließ es sich von Allen am besten schmecken; dagegen verschmähte der Schwiegersohn ganz und gar dies süße Getränk. Mir ist heut mehr wie Weintrinken, sagte er scherzend, verließ das Zimmer und kam bald mit einem Arm voll Flaschen wieder. Die Herren schmunzelten, die Frauen neckten auf nicht sehr feine Weise, und Klärchen sah ängstlich auf ihren Mann. Jedenfalls war er schon im angeregten Zustande herüber gekommen, denn sie sah, daß beim Einschenken der Chokolade ihm die Hände zitterten. Sie hätte gern Einspruch gethan gegen das neue Trinkgelage, aber erstens scheute siesich, als Wirthin etwas zu sagen, und dann wußte sie, daß Günther in solchen Dingen sich nichts sagen ließ. Die Herrengesellschaft ward immer lauter, die Frauen sahen sich bedenklich an. Klärchen klagte, daß ihr Mann schon seit einigen Tagen unwohl sei und daß ihm der Wein sehr schlecht bekommen würde. Er ward auch immer bleicher, seine Hände zitterten auffallend, seine Zunge lallte. Doch war er nicht der Schlimmste. In der Ecke des Mahagonisopha's schlummerte der Rendant, und einer von den jungen Kaufmannsdienern hatte sich schon entfernt. Die Frauen drangen jetzt auf die Auflösung der Gesellschaft. Das war mit den angetrunkenen Männern nicht leicht zu bewerkstelligen, aber es gelang ihnen endlich, und Klärchen war mit dem Mann und der Mutter allein.

Günther hatte sich nicht besinnungslos getrunken, weil er viel vertragen konnte; er wußte, daß ihm Schlafen jetzt das Beste sei und legte sich zu Bett. Die Mutter ging nach Haus, weil sie nicht Lust hatte, Tassen und Gläser zu waschen und aufzuräumen, und Klärchen saß nun in der eleganten Stube allein. Sie hatte aber auch nicht Lust zum Aufräumen, sie mußte sich erst besinnen von der vielen Unruhe, setzte sich auf den Sitz im Fenster und schaute hinaus auf die Straße. Der blaue Himmel und helle Sonnenschein lockte Spatziergänger in das Freie, auch vor dem Hotel war es sehr lebendig, Wagen fuhren, Wagen kamen, und es war ganz unterhaltend, das anzusehen. Ja unterhaltend, aber nicht für Klärchen. Ihr Herz war schwer, ohne daß sie recht wußte, was sie wollte. Sie war nun am Ziel ihrer Wünsche, sie konnte herrlichleben und die vornehme Dame spielen. Die Mahagoni-Meubel, der Sopha-Teppich, die gewirkte Tischdecke, die Blumenvasen, die goldgerahmten Bilder, sie hätte sich nie eine schönere Wohnung träumen können, – und doch war sie nicht befriedigt und das war ihr so unerträglich, sie hätte weinen können. In dieser Unlust an der ganzen Welt griff sie zu einem Roman, der auf dem Arbeitstisch lag und aus ihrer Stube im Hotel mit herüber gewandert war, und suchte sich wenigstens zu zerstreuen.

Als Günther nach einigen Stunden wieder zum Vorschein kam, murrete er etwas, noch Alles so in Unordnung zu finden. In seinem Kellner-Eifer räumte er selbst gleich Flaschen und Gläser bei Seite. Klärchen versicherte, im höchsten Grade angegriffen zu sein, und sein böses Gewissen hieß ihn schweigen, aber der eheliche Himmel hing nicht ganz voller Geigen.

Fritz Buchstein ging im Garten auf und ab. Die Sonne warf ihre letzten Strahlen nur noch an das blaue Schieferdach des Kirchthurmes, aber herrliches Abendroth, wie es den Herbstabenden eigen, flammete über der Scheuer hinauf. Zwischen gelbem Laub und verkommenen Zweigen blühten noch allerhand liebliche Blumen, die Pflaumen hingen blau an den Bäumen, Aepfel- und Birnenbäume senkten die schweren Zweige und sahen der Ernte entgegen, auf dem Nachbarshofe ward ein Fuder Kartoffeln in den Keller geladen, und Kinder hockten im Garten um ein Häufchen Kartoffelstroh, dessen blauer Rauch über die Nachbarsgärten hinzog.Fritz schaute das Alles mit den Augen seiner Seele an, und Freude und Friede durchzitterten sein Herz. Hier war seine traute Heimath und hier sollt' es ihm vergönnt sein, seinen Heerd zu bauen und dem Herrn zu Ehr' und Liebe Bürger und Hausvater sein.

Gestern hatte er Klärchen trauen sehen. Klärchen im weißen Kleide, grünen Kranze, mit den schönen, blauen, kindlichen Augen hatte sein Herz noch einmal in Erinnerung und Theilnahme bewegt. Der schwarze, bleiche Mann neben ihr schien ihm der Böse zu sein, dem sie sich übergab, und sein Herz konnte es nicht lassen, wiederum zu bitten: Herr, verlasse sie dennoch nicht, führe sie, halte sie; Weg hast du aller Wege, an Mitteln fehlt's Dir nicht.

Auf dem Heimwege war er mit Frau Bendler und Gretchen zusammen getroffen, und als er Gretchen sah, war Glück und Friede in seine Brust gezogen. Gretchen hatte ihn angeschaut mit den treuherzigen Augen und der vielen Liebe darin, und auch seine Augen sprachen seine Gedanken aus. Ehen werden im Himmel geschlossen. Gretchen, das fühlte er, war ihm vom Himmel bestimmt, mit ihr wollte er wallen den Weg hinan, seine Liebe sollte sie führen, trösten, ihr dienen auf dem beschwerlichen Weg, und ihr treues, starkes Herz sollte ihn tragen mit allen seinen Fehlern. Ja, ihr wollte er auch die Schmerzen seiner Jugend sagen, jetzt wo er sie überwunden, wo Liebe und Freudigkeit zu Gretchen sein Herz beseelte. In Sehnsucht schaute er hinüber in den Nachbarsgarten, da trat Gretchen singend drüben aus der Thür. Sie grüßte hinüber und schüttelte dann an einem Pflaumenbaum, daßdie blauen Früchte über sie herfielen. Fritz schwang sich über das Stacket. Soll ich Dir helfen? fragte er. Gretchen nickte, und er suchte die Pflaumen mit in ihre Schürze. Als sie mit ihrer Arbeit fertig waren, nahm Fritz Gretchens Hand, sah ihr bewegt in die Augen und sagte: Gretchen, Du weißt schon längst die Gedanken meines Herzens. – Gretchen nickte.


Back to IndexNext