Chapter 3

Ich liebe Dich von ganzem Herzen, fuhr er fort, und der Herr wird mir Kraft geben, Dich so glücklich zu machen, wie Du es verdienst und wie ich es so gern möchte.

Gretchen neigte den Kopf und dachte: ich bin ja nicht werth solches Glückes.

Jetzt wollen wir zur Tante gehen, sprach er weiter, legte Gretchens Arm in den seinen, nahm ihre Hand mit beiden Händen; so gingen sie durch den Garten. Da öffnete sich oben ein Fensterlein, der Staarmatz hupfte auf das Brett und schnarrte: Jungfer Braut! – Ja, Du alter Benjamin steckst Deine Nase immer zuerst in alle Dinge. Diesmal zankte sich Gretchen nicht mit dem Matz; sie lächelte hinauf und Beide blieben stehen, denn die weiße Mütze mit dem fröhlichen Angesicht schaute auch zum Fenster hinaus. Der Herr segne Euch! rief er herunter, dann neigte er den Kopf hin und her vor dem Dompfaffen, und der begann sogleich: »Lobe den Herrn, o meine Seele« – ja da konnten es Fritz und Gretchen nicht lassen, mit heller Stimme stimmten sie ein und Benjamin ebenfalls:

Die Tante kam gerade zur rechten Zeit heraus, um die letzten Strophen mit zu singen, dann aber mußte ihr weiches Herz erst einige Freudenthränen weinen. Und als nun Vater Buchstein drüben in seiner Hausthür erschien, ward beschlossen, augenblicklich einige Latten vom Stacket zu nehmen und eine Oeffnung zur Thür zwischen beiden Gärten zu machen. Benjamin kam flugs herunter und brachte dem Fritz das Handwerkszeug entgegen, und mit fröhlichen Worten und Mienen half die ganze Gesellschaft bei der Arbeit. Während der alte Buchstein am Krückstock langsam herangeschlichen kam, um den sonderbaren Lärm zu untersuchen, war die Oeffnung schon fertig, und Fritz führte Braut und Schwiegermutter dem Vater entgegen.

Klärchen verlebte ihre Flitterwochen in ungetrübtem Vergnügen. Günther suchte ihr den ersten Tag vergessen zu machen. Er führte sie in Kaffeegärten,in Conzerte, in das Theater. Im Hause hatte sie fast gar nichts zu thun, nur Kaffee und Thee mußte sie kochen, und dies, so wie die übrige wenige Hausarbeit, that die Mutter gern, weil sie dafür mittrinken und mitessen konnte. Das Mittagsessen bekam Klärchen aus dem Hotel mit Erlaubniß des Herrn Reinhard, dem es auf eine Person mehr oder weniger nicht ankam, und Günther schien dafür nur um so dienstfertiger und seinem Herrn um so mehr zugethan. Klärchen hätte jetzt schöne Zeit zum Flicken und Nähen gehabt, aber es fehlte ihr an Lust dazu. An ihren alten Sachen, meinte sie, wäre nichts mehr zu flicken, und die wenigen neuen, die sie zum kleinen Haushalt angeschafft, waren neu in einem Laden gekauft. Später, sagte Günther, würde er doch das ganze Inventar eines Hotels annehmen, jetzt könnten sie sich behelfen.

Daß er gegen Weihnachten hin öfter als gewöhnlich nicht nach Hause kam, wunderte sie nicht, da jetzt mehr Besuch als gewöhnlich drüben, und Günther sehr beschäftigt war. Auch daß er zuweilen sehr hohläugig aussah und ihm die Hände leise zitterten, schob Klärchen auf die großen Anstrengungen. Ueberdem hatte ihr Mann sich so sehr in seiner Gewalt, daß, so wie er sich beobachtet glaubte, eine Lebendigkeit und Festigkeit in sein ganzes Wesen fuhr, die Klärchen wieder beruhigte.

Eines Abends kam sie gegen zehn Uhr von der Mutter zurück, die seit einigen Tagen krank war. Im Vorbeigehen wollte sie sich etwas Geld vom Manne holen, den sie schwerlich heut zu Hause erwartenkonnte. Im Hotel war es noch ziemlich lebendig, auf dem Flur traf sie den kleinen Laufburschen, der im Sommer ihrem Manne den Thee besorgen mußte, und der auch jedenfalls damals das Zwiegespräch mit einem Kameraden gehalten.

Wo ist mein Mann? fragte Klärchen.

In seiner Stube, ich muß ihm wieder Thee kochen, sagte der Junge spöttisch.

Erschrocken lief Klärchen dahin und fand ihren Mann in einem Zustande, wie sie ihn noch nie gesehen hatte. Er saß vor dem Tisch, schlug mit beiden Fäusten darauf und lallte: Zehn tausend Thaler, – fünf tausend Thaler, – das soll gehen, – das muß gehen. – Klärchen schloß schnell die Thür hinter sich. Um Gottes Willen, Günther! rief sie: Du bist betrunken!

Betrunken? wiederholte Günther erschrocken und wollte sich in gewohnter Weise zusammennehmen, aber es ging nicht, er fiel zusammen und lallte wieder unverständliche Worte. Jetzt klopfte es an der Thür. Klärchen fragte, wer da sei.

Ich bringe den Thee, rief der Laufbursche, und Herr Reinhard will den Herrn Eduard sprechen.

Klärchen verließ die Stube, nahm dem Burschen den Thee ab und wechselte mit Herrn Reinhard einige Worte. Der schien die Fabel von dem Unwohlsein zu glauben und entfernte sich. Klärchen aber warf ihrem Mann einen Paletot um, setzte ihm den Hut auf und führte ihn, nachdem sie gelauscht, ob Niemand auf der Treppe und auf dem Flur sei, zum Hause hinaus. In ihrer Wohnung aber brachen ihreAngst und ihr Zorn in heftige Worte aus. Er glotzte sie mit starren Augen an und sagte kein Wort. Sie ward immer heftiger und verlangte, er solle sich zu Bett legen. Sie faßte ihn an, um ihn dahin zu führen, da machte er sich mit einem mal los, gab ihr einen tüchtigen Stoß und sagte grimmig: Sei ruhig und mach nicht solchen Lärm! Wer heißt Dich raisonniren? Hier, zieh meine Stiefeln aus! – Klärchen stand erschrocken, aber unmöglich hätte sie sich zu solchem erniedrigenden Dienst hergeben können. – Willst Du bald! rief er noch grimmiger, oder soll ich Dich gehorchen lehren? Dabei trat er dicht vor sie, starrte sie an und schüttelte mit seiner schweren Hand ihr Kinn gar unsanft. Klärchen schrie laut auf. – Allons! sagte er, warf sich auf einen Stuhl nieder und streckte ihr die Füße entgegen. Klärchen sah, daß mit dem betrunkenen Menschen nicht zu spaßen sei, daß sie Mißhandlungen erwarten könne, und entschloß sich zu der Arbeit, aber mit lautem Weinen. Er gab ihr noch einen Tritt mit dem Fuß, und schlug dann wieder mit beiden Fäusten auf den Tisch. Zehntausend Thaler! lallte seine Zunge, – zehntausend Thaler – und dann links um kehrt! – Klärchen hatte sich in eine dunkle Ecke gesetzt; er hielt noch ein langes Selbstgespräch, aber seine Worte wurden immer unverständlicher, bis er sein Haupt senkte und laut schnarchte.

Klärchen legte sich mit den Kleidern auf das Bett, aber an Schlaf war nicht zu denken, sie fürchtete sich vor ihrem Mann, es war ihr grausig mit ihm allein zu sein, in ihrer Hülfslosigkeit waren Thränenihr einziger Trost. Sie weinte und weinte, bis sie vor Ermüdung einschlief.

Gegen Morgen wachte sie auf. Als sie die Thür nach der Wohnstube öffnete, regte es sich auch, ihr Mann tappte in der dunkeln, eiskalten Stube umher. Sie machte Licht; Günther sah sie scheu an, zugleich aber flogen seine Glieder vor Schwäche und Frost, er sah wirklich jämmerlich aus, und Klärchen hätte fast Mitleiden mit ihm gehabt; aber Zorn und Kummer überwogen jedes andere Gefühl. Auch war sie selbst von der entsetzlichen Nacht matt und elend. Gewiß wird er sich entschuldigen und wieder süße Worte machen, dachte Klärchen; aber das vergebe und vergesse ich nicht; ich werde es ihm sagen, wenn noch einmal Aehnliches passirt, gehe ich von ihm. Als sie schweigend nach dem Ofen ging, um Feuer zu machen, begann er zu reden.

Warum hast Du mich gestern hier in der Stube sitzen lassen?

Klärchen sah ihn verwundert an. Weißt Du, was gestern Abend passirt ist? fragte sie mit zitternder Stimme.

Freilich weiß ich das, und es ist schlecht genug von einer Frau, wenn der Mann krank und aufgeregt nach Hause kommt, ihn wie eine Xantippe zu behandeln. Du hast gelärmt und getobt, anstatt mich sanft zu beruhigen, wie es einer ordentlichen Frau zukommt.

Weißt Du denn, daß ich Dich herüber geholt habe? fragte Klärchen mit von Thränen erstickter Stimme, daß Herr Reinhard Dich sprechen wollte, daßdie Kellner Dich höhnten wegen Deiner Betrunkenheit, und daß ich Dich nur heimlich fortgebracht habe?

Das weiß ich Alles! entgegnete Günther kalt. Das war sehr weise von Dir, Du hättest nur hier so fortfahren sollen.

Klärchen konnte nicht weiter reden, der Kummer schnürte ihr die Kehle zu. Er bereute also nicht einmal seine Unthaten, er klagtesiean. Das war das erste Mal, daß er im nüchternen Zustande unfreundlich war; jetzt mußte sie jede Hoffnung, ihn je anders zu sehen, aufgeben. Er legte sich zu Bett, sie mußte ihn bedienen, sie mußte die abgesandten Boten des Hotels abfertigen, und als später die Mutter kam, dieser ihre Stimmung verbergen. Sie hätte sich geschämt, ihr Unglück merken zu lassen; trotz ihrer Klugheit, trotz ihres Hochmuthes war sie jetzt eben so weit als die Mutter.

Nachdem das Ehepaar acht Tage nicht mit einander gesprochen, Günther sich fast gar nicht oder nur mürrisch gezeigt hatte, und Klärchens Augen fast nicht trocken geworden waren, schien er endlich wieder besserer Laune zu werden. Er brachte mehr Geld, denn auch das hatte sie in den letzten acht Tagen fast gar nicht gehabt. Er fing an zu schmeicheln, ja, sein Unrecht einzusehen, und Klärchen hielt es für das Beste, nicht zu unversöhnlich zu sein. So war äußerlich das Verhältniß wieder hergestellt, aber der Stachel saß in Klärchens Herzen, unmöglich konnte sie sich über ihr Schicksal noch leichtfertige Phantasien machen, die Wirklichkeit war zu sprechend.

Weihnachten kam, und Günther schien es darauf abgesehen zu haben, Klärchens leicht bewegliches Herz wieder ganz zu gewinnen. Der Weihnachtstisch prangte von schönen Sachen. Ein seidener Mantel, ein Sammethut, wie ihn nur die vornehmste Dame wünschen konnte, lagen darauf, und außer andern Kleinigkeiten auch ein Zwanzig-Thaler-Schein, um Kinderwäsche zu kaufen. Klärchen war guter Hoffnung. Auch Frau Krauter hatte Günther mit manchen hübschen Sachen bedacht, – so gab es nur fröhliche Gesichter.

Am Weihnachtsmorgen mußte Klärchen in die Kirche gehen, um ihren Staat zu zeigen. Dieser Triumph sollte nach den vielen trüben Tagen eine Erquickung sein. Aber hauptsächlich lag ihr daran, sich der Tante und Gretchen zu zeigen. Die hatten gegen die Mutter so manche bedenkliche Worte, auch wegen ihrer äußeren Lage, fallen lassen; darüber sollten sie beruhigt werden. Sie mußte freilich zu dem Pietisten in die Stephani-Kirche gehen, aber das war ihr gleich; des Wortes Gottes wegen ging sie doch nicht hin. Ja, in der letzten Zeit hatte sie sich noch mehr als je gescheut, an den Herrn zu denken; es überfiel sie zuweilen eine Ahnung, als ob die Worte der Tante Wahrheit werden und der Himmel ihren Leichtsinn strafen könnte. Heute war sie aber zu vergnügt, um so ernste Gedanken haben zu können.

Sie hatte eigentlich die Absicht gehabt, sich so in der Kirche zu setzen, daß sie von allen Seiten gesehen ward, aber im Hineintreten gewann ihr besseres Gefühl die Oberhand, sie schämte sich und setzte sich in eine entfernte Ecke. Als nun die Orgel in vollenTönen die Kirche erfüllte, als viele hundert Stimmen sich damit vereinten, und »Vom Himmel hoch da komm' ich her« laut daher schallte, da ward es ihr wunderbar zu Muthe. Sie vergaß Mantel und Hut, und konnte es nicht lassen, die Worte aufmerksam mit zu lesen und zu singen:

Einen Führer aus aller Noth! ob du den auch noch nöthig haben wirst? dachte Klärchen. – O wie glücklich war ich unverheirathet! ein Tag immer heller und lustiger als der andere, die Welt so lachend, – warum bin ich nur in mein Unglück gelaufen? wer weiß, wie es mir noch gehen wird? und ich habe keinen Helfer aus der Noth. Der Heiland, den Tante Rieke und Gretchen haben, ist nicht dein Heiland, du kennst ihn nicht und magst ihn auch nicht kennen, setzte sie muthlos hinzu. Die Stimme des Predigers zog sie wieder von ihren Gedanken ab.

»Dies ist der Tag, den der Herr machet, lasset uns freuen und fröhlich darinnen sein,« so begann er die Rede. Das Evangelium folgte, dann redete er so warm und eindringlich vom Christkindlein, warum es herab gekommen von seinem hohen Himmel, was es uns gebracht, was es wieder von uns verlange,daß Klärchen unwiderstehlich seinen Worten folgen mußte. – »Wie groß und unaussprechlich ist die Gnade für uns arme Sünder, die wir so elend und so bloß, die wir im Dunkel des Todes sitzen und bangen vor dem ewigen Gericht, – unser Gewissen sagt es uns, daß das Gesetz den Stab über uns gebrochen, daß wir dem Zorne der Verdammung zugehören. Da erscheint ein Licht in der Finsterniß, ein Trost in der Angst, der liebe Heiland kommt, verkündigt uns Freiheit von allen Sünden, Erlösung von Tod und Hölle, giebt uns die Hoffnung der ewigen Seligkeit. O wie ist doch die Liebe so groß, o wie müssen wir ihr entgegen jauchzen! O du liebliches Kind in der Krippe, du kömmst in unsere armselige Welt, nimmst auf Dich alle unsere Schmerzen, stirbst für uns den bittern Tod, den Tod am Kreuze. Du kommst, Du suchst mich, Du kannst es nicht lassen, mich armen elenden Sünder an Dein Herz zu nehmen. O so nimm mich denn hin, umfasse mich, halte mich, ich will Dein sein auf ewig!« –

Klärchen war ergriffen, so etwas hatte sie noch nie gehört. Oder hatte sie nicht hören wollen? war ihr Herz hart gewesen, und hatte der Herr es jetzt weich gemacht? Ja, der Herr kann Gnade geben, wie es ihm beliebt, und aus Gnaden sollen wir selig werden. – Doch bestürmten heut auch heiße Fürbitten seinen Thron. Fritz Buchstein hatte oben vom Chor Klärchen erkannt, und hatte Segen für sie, für diesen Gang vom Himmel herab gefleht. Gretchen und ihre Mutter saßen auch nicht fern und mit brünstigem Gebetflehten sie des Herrn Geist auf das verlassene Klärchen.

Als diese zur Kirche hinaus ging, kam sie mit der Tante zusammen. Sie schämte sich fast ihres Weihnachtsstaates, und mit einem sanften und demüthigen Ausdruck, wie ihn Niemand an ihr gewohnt war, bot sie den Verwandten einen guten Morgen und ein fröhliches Fest. Die Tante und Gretchen reichten ihr Beide freundlich die Hand. Klärchen ging im Gespräche, aber sehr verlegen, neben ihnen her, bis vor Bendlers Haus. Beim Abschied sagte sie: Ich habe Euch längst besuchen wollen, und wenn Ihr es erlaubt, komme ich bald. – Bei den letzten Worten traten ihr die Thränen in die Augen und sie eilte hinweg.

Am Sylvester-Abend ließ man bei Frau Bendler wieder Schiffchen schwimmen, Gretchen aber war ohne Angst, daß sich ihr Schiffchen mit Fritzens vereinigen möchte; sie war fröhlich und guter Dinge, es ward erzählt und gescherzt und auch ernsthaft gesprochen und gelesen und gesungen und gebetet, bis der Wächter das neue Jahr verkündete.

Bei Günthers sah es anders aus. Seit Weihnachten schon war er in ganz besonders fröhlicher Aufregung, und am Sylvestermorgen sagte er zu Klärchen: Heut muß es hoch bei uns hergehen, es wird der letzte Sylvester sein, den wir hier verleben, wer weiß, wo wir im künftigen Jahre sind! Wohl in weitläuftigeren Räumen, und Du hast Kuchen undZucker nicht selbst zu holen. Aber heut hole ihn nur! – Dabei legte er einen Fünfthalerschein auf den Tisch. – Hole nur Alles, was zu einem feinen kalten Abendbrod nöthig ist, und dann sei eine vernünftige Frau. Ich sehe nicht ein, – wenn ich mich alle Tage vom Morgen bis Abend quälen muß, will ich auch mein Vergnügen haben. – Ist denn das was so Schlimmes, wenn es mal ein Paar Stunden drunter und drüber geht? Sieh die Frau Rendantin an, die lacht, wenn ihr Mann ein Bißchen angetrunken ist, läßt ihn den Rausch ausschlafen und dann geht das Leben wieder seinen gewöhnlichen Gang. Man ist darum kein Trinker, aber bei besonderen Gelegenheiten sich an einem Gläschen Wein erfreuen, ist wohl erlaubt.

Klärchen sah ein, wenn sie allen Zank und Streit vermeiden wollte, müßte sie sich in diese Theorien fügen, und wollte es einmal in Güte versuchen. Auch hatte die Mutter das Gespräch mit angehört, und war ganz auf des Schwiegersohnes Seite. Klärchen hat zu viel Romane gelesen, sagte sie weise, sie hat sich vom Leben sonderbare Bilder gemacht, denkt alle Menschen sollen Engel sein, und sie ist doch selbst kein Engel. – Günther stimmte lachend ein, und es war sehr gute Stimmung im Haus.

Die Gäste kamen; erst ging es scheinbar sehr fein und anständig her, doch Frauen und Männer wurden gemüthlicher, dann lebhafter und lebhafter und das neue Jahr ward mit tollem Lärmen begrüßt.

Nur Klärchen war schweigsam, so viel sie auch von den Andern geneckt und gereizt ward. Sie gab Unwohlsein vor, was in ihrem Zustande sehr glaublichschien. Im Grunde aber ekelte sie dies rohe Wesen an, ihre Natur war zu edel, um sich in solcher Gemeinheit wohl zu fühlen. Ihr leichtfertiger Sinn hatte wohl nach Lust und Vergnügen, nach vornehmen und hohen Dingen gestrebt, hatte sich auch schlechter Mittel dazu bedient; aber die Gesellschaft, in der sie sich jetzt befand, diese Art und Weise zu leben, konnte ihr durch kein Schlaraffenleben angenehm gemacht werden. Auch war sie in der letzten Woche sehr nachdenklich gewesen. Der Kirchgang am Weihnachtsmorgen, die Gefühle, die er angeregt, hatten seine Weihe ausgegossen auch noch über die nächsten Tage; eine Unruhe hatte sie erfaßt, daß sie selbst nicht wußte, wie ihr war; aber das fühlte sie, in Essen und Trinken, in schönen Kleidern fand sie die Befriedigung dieser Unruhe nicht.

Als der Rendant sein Maaß getrunken hatte, und die anderen Männer auf dem Höhepunkte der Ausgelassenheit waren, da verfügte die Frau Rendantin die Auflösung des Gelages und Niemand hatte etwas dagegen. Günther legte sich ohne Weiteres zu Bette, schlief seinen Rausch aus, und als er am anderen Morgen bleich und mit zitternden Händen kaum die Kaffeetasse halten konnte, demonstrirte er seiner Frau, wie unschuldig ein solches Vergnügen sei, und wie es nur auf die Frauen ankäme, daß die Männer vernünftig blieben, und so mehr. Klärchen schwieg, die Erinnerung an den gestrigen Abend und der zitternde Mann vor ihr waren ihr schrecklich, und immer und immer wieder mußte sie an den verlebten Sylvesterabend bei Tante Rieke denken, an Fritz Buchstein –welch ein Mann er war gegen die Männer, die jetzt in ihre Nähe kamen, wie getrost und ruhig Gretchen sein konnte, das hausbackene Gretchen, und wie sie selbst trotz des seidenen Mantels und des Sammethutes in Angst und Schrecken lebte. Daß die Zukunft ihr nichts Besseres bringen könne, war sie sicher. Ja, ihr bangte vor dieser Zukunft, und das bitterste Gefühl dabei war, daß sie ihr Schicksal selbst verschuldet. Wie sie jetzt noch sich retten könne, wußte sie nicht; an den Helfer und Retter dort oben sich zu wenden, fehlte ihr Glauben und Muth; ihr Leben war nun einmal so, sie mußte sehen, wie es abliefe.

Der Januar ging Klärchen mit Nähen von Kindersachen sehr schnell dahin, sie lernte da einen Genuß kennen, der ihr ganz neu war, den Genuß des Stilllebens und des Fleißes. Ihre Gedanken waren bei dem Kindchen, das einst in diesen Kleidern stecken sollte, und süße Freude durchströmte ihr Herz. Diese Freude des Stilllebens aber sollte ihr nicht lange bleiben. Günther, der in der freudigen Aufregung, in der er sich seit Wochen befand, öfter als je eine Flasche guten Weines trank, that das in seiner eigenen Wohnung, um ungestört und sicher seinen Rausch auskuriren zu können. Oft ging das ganz still ab, oft aber tobte er und lärmte und Klärchen hatte Mühe und Noth, ihn zur Ruhe zu bringen. So war es Anfang Februars geworden. Seit acht Tagen war Klärchen unwohl und die Mutter Tag und Nacht bei ihr, um die Hausarbeit zu verrichten, daneben aber auch um den oft angetrunkenen Schwiegersohn zu bedienen. Sie verstand das besser als die Tochter, sie hatte Erfahrungdarin von ihrem verstorbenen Manne her, und ihr Gefühl war abgestumpft. Er dagegen war erkenntlich auf jede Weise gegen sie, und darum redete sie immer gegen die Tochter das Wort für ihn, entschuldigte ihn und beschönigte sein Laster, wo sie nur konnte. Zur Fastnacht bestimmte Günther, trotzdem Klärchen erst wieder einige Tage aus dem Bett war, eine Gesellschaft, und zwar wollte er für diesmal nur die Herren haben. Klärchen war es zufrieden, sie konnte mit der Mutter in der Schlafstube bleiben, und der Anblick von den betrunkenen Männern wurde ihr erspart. Daß es wild hergehen würde, war vorauszusehen.

Und es ging wild her, wilder als da die Frauen dabei gewesen. Klärchen ward angst und bange, wenn sie das Toben und Brausen im Nebenzimmer hörte, und die Mutter hatte genug zu beruhigen. Aber selbst diese machte bald ein bedenkliches Gesicht, denn Teller und Gläser klirrten durch einander, und das Geschrei war nicht mehr das des Uebermuthes, sondern das des Zornes. Beide Frauen stürzten heraus, zwei Männer gingen eben zur Thür hinaus, der Rendant lag an der Erde, und Günther schlug mit beiden Fäusten auf ihn los. Klärchen versuchte es seine Arme fest zu halten, denn schon floß Blut über des Rendanten Stirn, die Mutter war dem Blutenden behülflich sich aufzurichten, und mit Hülfe beider Frauen kam er zur Thür hinaus. Jetzt aber richtete sich die Wuth des Betrunkenen auf Frau und Schwiegermutter; blindlings schlug er zu, und beide konnten sich nicht schnell genug in die Schlafstube flüchten. DemRiegel waren seine Kräfte nicht gewachsen und er begnügte sich jetzt, seine Tobsucht an Gegenständen in der Stube auszulassen. Klärchen saß weinend und mit blutender Nase, – dahin gerade war ein Faustschlag gefallen. Die Mutter hielt ihr schweigend das Waschbecken vor. Diese Mißhandlungen wußte sie freilich nicht zu entschuldigen. Ja sie mußte es jetzt geduldig hören, wie Klärchen sie mit Vorwürfen überschüttete, das Laster ihres Mannes so beschönigt zu haben. Klärchen machte in ihrer Heftigkeit viele Pläne. Jedenfalls wollte sie von dem Manne, vor dessen Mißhandlungen sie keine Minute sicher sei. Sie wollte wieder Schneiderin werden, wollte lieber Salz und Brod essen, und so weiter. Sie ließ sich endlich von der Mutter bereden, sich zur Ruhe zu legen, und da Günther nebenan laut schnarchte, konnten sie für jetzt ruhig sein.

Am andern Morgen selbst konnte Klärchen den Mann nicht sehen, die Mutter aber wollte neutral bleiben und wenigstens für eine warme Stube und für Kaffee sorgen. Günther sah sie mit bösem Gewissen an; er hatte wohl eine Ahnung von dem, was er gestern gethan, aber Worte der Versöhnung wollte er nicht sprechen. Er fand es viel bequemer, die Schuld auf beide Frauen zu schieben. Künftig sollten sie ihre Nase nicht in Sachen stecken, die sie nichts angingen, der Rendant hätte ihn schändlich beleidigt und seine Prügel verdient. So ungefähr sprach er. Die Mutter konnte es doch nicht lassen, ihn an Klärchens Zustand zu erinnern, und außerdem, daß sie solche Behandlung nicht gewohnt sei. Günther aberließ sich auf nichts ein, er war grob und wegwerfend und wollte sein Betragen als ganz gerecht hinstellen. Klärchen hörte durch die offene Thüre jedes Wort, und ihr Herz wollte brechen. MitdemMann konnte sie nicht zusammen bleiben. Aber wie von ihm los kommen? Sie hatte ja Niemand in der Welt, der ihr rathen und helfen konnte. An Tante Rieke dachte sie; aber hatte die sie nicht gewarnt und ihr Unglück vorhergesagt? Zu der wagte sie sich nicht. Aus Furcht auch hatte sie den am Weihnachtsmorgen versprochenen Besuch von Woche zu Woche aufgeschoben, und, da sie die Entschuldigung gehabt, daß ihr Mann es verboten, sich dabei beruhigt.

Jetzt kamen für Klärchen trübe Tage. Daß Günther sich fast gar nicht bei ihr sehen ließ, war ihr ganz recht, aber sie war doch zu verlassen, selbst die Frau Rendantin und die anderen Frauen hatten sich seit dem Fastnachtsabend zurück gezogen. An Gelde fehlte es ihr oft, aber zum Glück war die Mutter immer bereit, Günthern etwas abzubetteln; so waren sie wenigstens nie in äußerer Noth. Dies letzte hob die Mutter immer besonders als Trost hervor. Dein Mann ist wohlhabend und darum hat er seine Eigenheiten, die Du tragen mußt. Dein Vater hat mich weit schlechter behandelt, und dabei wußt' ich nicht, wovon ich uns satt machen sollte. Du kannst in allen Stücken ohne Sorgen leben und brauchst die Hände nicht zu rühren. – Klärchen entgegnete, sie wollte lieber Salz und Brod essen, ja verhungern, als solche Behandlung dulden und überhaupt solch ein Leben führen. – Du wohl! sagte dann die Mutter wieder,aber Dein Kind? Ich kenne das, ich habe auch so gesprochen; wie ich Dich aber erst hatte, und wie ich schwach und elend wurde, da kriegt' ich andere Gedanken. – Ja, das Kind! seufzte Klärchen. – Und das war es auch, was sie geduldig machte. Wohin sollte sie mit dem Würmchen? Sie hätte kaum sich allein ernähren können, wie sollte sie dazu das Kind noch pflegen und ernähren? Sie verschluckte darum manchen Aerger, sie gewöhnte sich sogar, freundlich zu scheinen, weil sie merkte, daß so mit Günther noch am besten fertig werden war. Daß er oft schimpfte, sie auch wohl in der Betrunkenheit stieß, mußte sie sich gefallen lassen.

In der Kirche war sie einmal wieder gewesen, in der trübsten Zeit, bald nach Fastnacht. Und zwar in die Stephani-Kirche zog es sie. Der wunderbare Eindruck von Weihnachten war ihr wieder vor die Seele getreten. – Aber der Prediger sprach diesmal sehr ernst. Er schilderte die Leiden unseres Herrn und Heilandes, die er erduldet, um uns arme elende Sünder zu erlösen vom ewigen Tode. Dann sprach er vom Zustande eines unbekehrten Sünders, von seiner Angst und Unruhe in der Gegenwart, von der Strafe und dem Gerichte der Zukunft. – Klärchen ward durch diese Predigt so ergriffen, daß sie sich mehrere Tage nicht beruhigen konnte und froh war, als die Zeit den Eindruck zu verwischen schien. Sie war seitdem nie wieder in der Kirche gewesen.

Der Winter verging, der Frühling kam mit seinen schönen Tagen, wo die Luft lau, wo die Veilchen blühen, die Lerchen singen und die Saaten grünen.Klärchen sah von alle dem nicht viel. Um die Freuden der schönen Natur zu genießen, war sie nie gewohnt spazieren zu gehen, und in Kaffeegärten führte sie Günther nicht mehr; er schämte sich ihrer Schwerfälligkeit und ging lieber allein seinem Vergnügen nach. Das war freilich auch anders, als sich Klärchen in romantischen Phantasien die Liebe ihres Mannes gedacht hatte; gerade in diesen Zuständen wollte sie mehr als je auf Händen getragen und vergöttert werden. Aber die gewöhnliche Flitterliebe ohne den wahren festen Grund im Herzen hält nicht weiter hinaus.

Eines Sonnabends Abends –, es war Anfangs Mai –, da saß Klärchen am offnen Fenster und schaute auf die rein gekehrte Straße und sah dem fröhlichen Spiel der Kinder zu. Eine Nachbarin drüben kam eben mit zweien von einem Spaziergange zurück. Sie waren ganz mit Blumen beladen. Weißdorn, Primeln und Tulpen blühten lieblich in den kleinen Händen. Klärchen ward bewegt von diesem lieblichen Anblick. Wenn du erst ein Kind hast, dachte sie, gehst du auch mit ihm spazieren, pflückst ihm Blumen, machst ihm Kränze. Ihr Herz schlug froh bei diesen Bildern, und überhaupt hing das Glück ihrer Zukunft jetzt eben so leidenschaftlich an dem Kinde, das sie unter ihrem Herzen trug, als früher an anderen Phantasiegebilden. – Doch spazieren gehen könntest du zuweilen auch ohne Kind und dir so schöne Blumen holen! Ja, heute war es zu schön! sie nahm Hut und Umschlagetuch und wanderte zum Thore hinaus.

Ihr Weg führte sie zu einem Gärtner, einem weitläufigen Verwandten, den sie in ihrer Jugend,ehe sie in Kaffeegärten und Conzerte ging, oft mit der Mutter, mit Tante Rieke und mit Gretchen besucht hatte. Es war ihr wohl, wie lange nicht, zu Sinne, als sie dem Grasrain entlang der blühenden Weißdornhecke entgegen ging. O wie die Lerchen dem blauen Himmel entgegen jubelten, und Duft und Lieblichkeit überall und tiefer Frieden! – Sie trat in den Garten. Lichtblaue Irisstreifen begrenzten die Rabatten, vor dem Haus blühten Tulpen, blaue Männertreue, Ranunkeln und Hyazinthen. In den blühenden Bäumen, dem jungen Grün der Spiräen und Flieder hüpften und sangen Vöglein, und hoch drüber in einem knospenden Kastanienbaume schlug eine Nachtigall in langen, weichen, gehaltenen Tönen. O wie schön ist des lieben Gottes Welt! mußte Klärchen sagen und seufzend hinzusetzen: wenn er doch auchdeinlieber Gott wäre! Sie wollte in einen Seitenweg einbiegen, trat aber erschrocken zurück, – in einer Fliederlaube saßen Fritz und Gretchen traulich neben einander. Fritz hatte seinen Arm um Gretchen geschlungen und schaute ihr warm in die Augen, diese hatte einen weiß blühenden Spiräenzweig um das Haar geschlungen und sah ganz wie eine Braut aus. Jetzt erst dachte Klärchen daran, daß morgen Gretchens Hochzeitstag war. Das bewegte sie sehr. Sie suchte sich in dem Bosquet einen einsamen Platz und ließ den Thränen freien Lauf. Nicht aus Neid weinte sie, nein, aus Reue und Kummer über das eigene Unglück. Wie glücklich mußte Gretchen sein, zur Seite solch' eines rechtschaffenen Mannes! Ja, Rechtschaffenheit geht über alle Galanterie, dachte sie jetzt. Wenn ich auchrechtschaffen und fromm sein könnte, vielleicht ginge es mir dann besser. Wie fange ich es aber an? Ich weiß es nicht. Und ob mir der liebe Gott helfen kann? ich weiß es auch nicht. Wer soll mir rathen? Wenn ich an die Fastenpredigt denke, wird mir angst, ich kann sie immer nicht vergessen, und kann mir doch auch nicht helfen. – Sie schlich sich aus dem Garten, brach sich einige Weißdornzweige von der Hecke und ging mit weichem Herzen und feuchten Augen durch den dämmernden Abend. Morgen früh wollte sie in die Stephani-Kirche gehen; und wenn sie auch morgen keine Lust dazu haben sollte –, denn sie kannte den Wechsel ihrer Stimmungen –, sie wollte doch gehen und wenigstens dem lieben Gott dies Versprechen halten.

Und sie hielt Wort und nahm ihren alten Platz in der Stephani-Kirche ein. Der Prediger hielt diesmal eine Frühlingspredigt, er schilderte so warm die Liebe und Freundlichkeit des Herrn und die Schönheit des Frühlings, und knüpfte daran den Frühling einer Seele, die auch dem Herrn entgegenblüht und sprosst und nur von seinem Segen und Gnadenschein Gedeihen erwartet. Klärchen ward durch diese Predigt viel getröstet und gestärkt. Der Herr ist sehr freundlich und gütig gegen die Menschen, vielleicht erbarmt er sich auch deiner und wendet noch das selbstverschuldete Unglück von deinem Leben ab. Er ladet alle Sünder ein, er wird auch dich nicht zurückstoßen! Aber wie sollst du es anfangen, zu ihm zu kommen? Und wie soll er dir helfen? – Klärchen meinte, wenn sie an Hülfe dachte, immer nur die äußere, siefühlte, daß Günther einem Abgrund entgegen ging, in den er sie mit hinein ziehen würde. Angst in der Gegenwart, Furcht vor der Zukunft trieb sie Hülfe zu suchen, und da sie recht gut wußte, daß ihr Menschen nicht helfen konnten, wollte sie es mit dem Himmel versuchen. Die Predigt heut machte ihr neuen Muth dazu, und der Prediger, der so mild und liebreich geredet, hatte ihr ganzes Herz gewonnen; ihm näher zu kommen und sich ihm anzuvertrauen, war ihr höchster Wunsch. Menschen wußte sie außerdem nicht, die ihr hätten rathen können; der Tante Rieke ernste Reden und Ermahnungen hatte sie stets mit Gleichgültigkeit, Widerspruch und Lachen aufgenommen;derihr Unglück aufzudecken und ihr Unrecht zu gestehen, fühlte sie eine unüberwindliche Scheu.

Als der letzte Vers gesungen war, leerte sich die volle Kirche, nur im Chor sammelte sich eine kleinere Anzahl, um das Brautpaar trauen zu sehen. Auch Klärchen trat hinzu, aufrichtige Theilnahme an Gretchens Schicksal veranlaßte sie dazu. Freilich kamen ihrem Herzen gar sonderbare Gedanken. Wo Gretchen steht, könntest du auch stehen, und was ist das für ein Mann! Sie hatte ihn immer schon bewundert und zu gut gefunden für Gretchen, aber in ihrer eignen Thorheit war sie verblendet und hatte seines Herzens Sprache mit Verachtung erwidert. Jetzt stand er da, so schön und männlich, mit so mildem, liebevollem Ausdruck. Klärchen traten die Thränen in die Augen und ihr Herz war so bewegt. Als der Prediger die Versammlung aufforderte, für das junge Paar mit zu beten, faltete sie die Hände und brachte zumerstenmal in ihrem Leben etwas wie ein ernstliches Gebet vor den Herrn. Als beim Hinausgehen Fritzens Augen ihrem weichen, theilnehmenden Blicke begegneten, fuhr ein freudiger Schreck in sein Herz, und wenn er dies Herz auch ganz und gar seinem Gretchen geschenkt, so war es doch immer, als ob er Klärchens Seele mit auf seiner Seele tragen müsse. Die heißen Gebete seiner Jugend konnte er nicht verloren geben.

Klärchen dachte darauf, wie sie Bekanntschaft mit dem Prediger machen könne. So geradezu hinzugehen war ihr unmöglich, es mußte sich eine Gelegenheit darbieten, und diese hoffte sie am leichtesten in der Taufe ihres Kindes zu finden. Zu Günther sprach sie noch nicht davon, obgleich sie fühlte, ein jeder Prediger würde ihm gleich sein. Sie fürchtete doch seinen Widerspruch und wollte eine gelegenere Zeit abwarten. Aber mit trostvollen Hoffnungen und Plänen beschäftigte sie sich in den stillen Wochen bis zur Geburt ihres Kindes.

Ende Juni genas sie glücklich eines kleinen Mädchens. Günther war sehr erfreut und sehr aufmerksam gegen Mutter und Kind. Klärchen hatte zwar schon in den Wochen vorher eine freudige, wenn auch oft unruhige und zerstreute Stimmung an ihm bemerkt, jetzt kam aber unzweifelhaft die Freude an ihr und dem Kinde dazu. Sie war schöner erblüht als je, und das Kind hatte die großen, blauen Augen und feinen Züge der Mutter. Günther war aufmerksam wie in den ersten Tagen seiner Liebe, schöne Geschenke brachten seine Hände und schmeichlerische Worte entglittenseinem Munde, ja, in einer einsamen Stunde bat er sie sogar um Verzeihung wegen der Vergangenheit und versprach ihr eine goldene Zukunft. Er deutete dabei an, daß sie bald ihren Wohnsitz ändern würden, und forschte dann, wie alt wohl ihr Kindchen sein müsse, um mit ihm eine weitere Reise zu unternehmen. Klärchen hätte sich jetzt ganz glücklich träumen können, aber die gemachten Erfahrungen ließen sich nicht aus ihrem Gedächtniß verwischen; auch waren Günthers Augen zuweilen so unstet, seine Worte so geheimnißvoll, daß sie Angst vor seiner Nähe hatte. Als das Kind fünf Wochen alt war, ward es in der Stephani-Kirche getauft, Günther hatte nichts dagegen, er hörte kaum hin, als ihm Klärchen den Vorschlag machte. Aber daß Gretchen Gevatter stehen sollte, schlug er rund ab, er wollte mit den Leuten nichts zu thun haben. Nur das setzte sie durch, daß die Kleine Gretchens Namen bekam.

Zu Klärchens Geburtstag war das kleine Gretchen sechs Wochen alt, und lag süß schlummernd neben der Mutter in der Wiege. Vor dem Sopha stand der Geburtstagstisch, den Günther am Morgen mit Kuchen und Blumen geschmückt. Außerdem hatte er ihr 30 Thaler in Scheinen geschenkt mit dem geheimnißvollen Bemerken: sie sorgsam zu bewahren; sie würde bald Gebrauch davon machen müssen. Klärchen hatte schon zu oft solche Bemerkungen gehört, und hatte das Geld, ohne weiter darüber zu forschen, in ihr Nähkästchen geschlossen. Jetzt war es bald Abend, sie saß am offnen Fenster, die Luft in der Stube war ihr zu eng geworden, aber auch außen war es nicht besser,es war ein schwüler Tag gewesen. Klärchen hatte ernsthafte Gedanken, sie war plötzlich so weit glücklicher als früher, Günther wie umgewandelt, – sollte der liebe Gott wirklich ihre Gebete erhört haben? Ihr Herz war dankbar gestimmt, und sie machte sich das Gelübde, fromm und rechtschaffen zu werden, knüpfte daran aber unwillkürlich die Bedingung des Glücklichseins, und dies Glücklichsein suchte sie immer noch in äußeren Dingen.

Verwundert sah sie mit einemmal Herrn Reinhard mit noch zwei Männern aus dem Hotel und eilig zu ihr hinüber kommen. Erstaunt ging sie ihnen entgegen. Herr Reinhard fragte ernsthaft nach ihrem Manne.

Ich meine, er ist drüben, sagte Klärchen unbefangen, und erwarte ihn jeden Augenblick. Es ist heut mein Geburtstag, fügte sie, indem sie auf den Festtisch zeigte, hinzu, und er wollte noch mit mir spazieren gehen.

Der Schurke! murmelte Reinhard, und Klärchen fuhr erschrocken zusammen. Sie müssen erlauben, daß wir den Sekretair öffnen, fuhr Reinhard fort, und sogleich machte er sich mit Hauptschlüsseln an das Werk.

Klärchen bat den Herrn Reinhard mit Thränen, ihr zu sagen, was vorgefallen, und Herr Reinhard erzählte nicht mit den feinsten Worten, wie Günther ihn wenigstens um zehntausend Thaler betrogen, wie er schändlicher Weise sein Vertrauen gemißbraucht, seine Handschrift nachgemacht, sein Siegel benutzt, falsche Wechsel ausgestellt, und jetzt wahrscheinlich nach Amerikagegangen sei. Klärchen, überwältigt von diesen Nachrichten, saß laut jammernd neben der Wiege, Frau Krauter kam dazu, jammerte mit und vermehrte die Verwirrung. – Im Schranke fand man nichts. Klärchen erzählte, daß Günther vor kurzer Zeit viele unnütze Papiere, wie er sie genannt, verbrannt habe. Während sich zu den genannten Personen noch Wirthsleute und Mitbewohner des Hauses eingefunden hatten, und das kleine Gretchen, vom Lärmen aufgeweckt, laut dazwischen schrie, kam der Postbote und brachte einen Brief für Klärchen. Hastig erbrach sie ihn und las:

Liebes Klärchen! Ich schreibe in großer Eile. Wenn Du diese Zeilen liest, bin ich bald in Hamburg und besteige gleich nach meiner Ankunft ein Dampfschiff, das mich nach London und dann weiter nach Amerika bringt. Packe schnell Deine Sachen, Deine Ausstattung kann Dir Niemand streitig machen, und komm nach Hamburg mit unserem kleinen Gretchen. In der Vorstadt St. Pauli Nr. 10. wirst Du, wenn Du Deinen Namen sagst, freundlich aufgenommen, wirst alles Uebrige erfahren und eine bequeme Ueberfahrt nach Amerika haben. Ich beschwöre Dich, laß mich nicht im Stich, ich kann nicht leben ohne Dich und ohne unser liebes Kind, ich werde Dich mit offenen Armen empfangen und in unser Hotel führen, da sollst Du fürstlich leben und die Bettelwirthschaft, die Dich jetzt drückte, bald vergessen. – Du kommst! ich zweifle nicht und bin ewig Dein Eduard Günther.

Klärchen ließ es willenlos geschehen, daß auch Herr Reinhard den Brief nahm und las. Er wardnoch zorniger, als er erfuhr, daß der Betrüger ihm entgangen sei, und fragte Klärchen mit beißenden Worten, was sie zu dem Vorschlag sage. Diese erklärte, sie wolle lieber mit ihrem Kinde verhungern, als dem Manne folgen. Als Herr Reinhard merkte, daß Klärchen ganz unwissend in der Sache sei, als er ihren Schmerz darüber sah, ward er etwas milder gegen sie gestimmt, aber die Wohnung mußte sie räumen und die ganze Einrichtung ihres Haushaltes zurücklassen, denn sie konnte nicht leugnen, daß Günther Alles angeschafft hatte; nur ihre eigenen Kleidungsstücke und Leibwäsche, das Bettchen und Zeug des Kindes nebst einigen Kleinigkeiten wurden ihr mitzunehmen erlaubt.

Klärchen saß wieder in der kleinen Stube ihrer Mutter. Die zwei Jahre ihrer Abwesenheit waren ihr wie ein Traum, ein Traum, der in Lust und Herrlichkeit begonnen und geendet in Jammer und Noth. Dem schwülen Tage war ein Gewitter gefolgt, das jetzt in einen leisen Landregen endete. Die Mutter war trotz des Regens ausgegangen, um Einkäufe zu machen, denn ihr Haus war ganz leer; und seitdem ihr Klärchen die 30 Thaler im Nähkästchen gezeigt, war sie guten Muthes. Sie lebte nur in der Gegenwart und sagte, wenn es ihr gut ging: der liebe Gott wird weiter sorgen. Denn sie führte den lieben Gott wenigstens im Munde, wenn sie ihn auch nicht im Herzen hatte. Klärchen war nicht guten Muthes, sie saß in der dämmernden Stube am Fenster, sah auf die grauen, naßgewaschenen Häuser und auf die fallendenTropfen, und ihre Augen tropften ebenfalls. Was werden die Nachbarn sagen, dachte sie, wenn sie dich hier wieder sehen, und nun in Schande und Noth; was Gustchen Vogler, die sie manchmal in ihrer vornehmen Wohnung besucht und ihr Loos gepriesen und beneidet hatte? Was wird Tante Rieke sagen, die ihr das Alles vorher gesagt? Aber Mitleiden wird sie doch mit dir haben. Hat sie doch neulich ganz freundlich zur Mutter von Klärchen gesprochen, hat sich gefreut, daß sie ihr kleines Mädchen Gretchen genannt hat, und daß sie Klärchen einigemal in der Stephani-Kirche gesehen. Ja, die Stephani-Kirche! – dachte Klärchen weiter, es hat dir auch nichts geholfen; der liebe Gott hat deine Gebete nicht erhört, er hat dir die Strafe für dein früheres Leben bald geschickt, er ist ein strafender Gott. Klärchen konnte nicht zu ihm aufsehen, aber ihr vergangenes Leben ging jetzt vor ihrer Seele vorüber, die zwei letzten Jahre kamen ihr wie ein langes Leben vor. Es war jetzt Jahreszeit, als Fritz Buchstein zurückkam, als sie mit Geringschätzung auf ihn schaute und um den Studenten buhlte. Was hätte sie denn gehabt, wenn sie den errungen? O sie wußte jetzt, daß rohe, gottlose Männer eben so gegen ihre Frauen sind, wenn sie auch in den Liebesmonaten eine sanfte Sprache führen. Sie hatte es erfahren, daß schöne Kleider und ein vornehmes, bequemes Leben keine Freude sind, wenn das Herz an Kummer und Verdruß zehren muß. Sie dachte weiter an ihr Leben bei der Generalin, wohin der Leichtsinn sie dort geführt, und hielt beide Hände vor das Gesicht vor innererSchaam. Wie ganz anders dachte sie jetzt über den Grafen, diesen leichtfertigen, wortbrüchigen Menschen, der sie beinahe in den Abgrund getaumelt. Ja, sie fühlte so etwas wie Fügung Gottes, daß sie vor noch tieferem Fall und äußerster Schande bewahrt geblieben. Mit welchem Leichtsinn aber hatte sie sich ihrem Manne in die Arme geworfen! Sie hatte gewußt, daß er leichtfertig, ja sie zweifelte eigentlich nicht an der Tante Aussage, daß er schlecht und herzlos sei; aber sie meinte damals, wenn es ihr äußerlich wohl ginge, wäre sie glücklich. Und wie unglücklich und trostlos hatte sie sich an seiner Seite gefühlt, wie war jetzt ihre ganze Zukunft zerstört! Ob dir der liebe Gott dennoch helfen könnte? kam ihr ein heller Gedanke in der Nacht ihres Herzens. Die Tante hatte oft gesagt: Aeußere Noth ist kein Unglück, der Herr kann uns dabei doch Frieden und Freude schenken. Sie schaute auf ihr Gretchen, das so sanft in der Wiege schlief, und fühlte eine Ahnung höherer Freude, als alle irdischen Genüsse ihr bis jetzt geboten. Für das Kind leben, arbeiten, das soll mein Trost sein! O wie süß es jetzt seine Aermchen streckte und dehnte und seine Aeuglein aufthat! Klärchen nahm das Kind an ihre Brust und vergaß allen Kummer. Sie nahm sich vor, alle Schaam zu überwinden und morgen gleich neue Kundschaft als Schneiderin zu suchen, die dreißig Thaler wollte sie sparen und für Nothfälle aufheben, damit es ihrem Kinde nie am Nöthigsten gebräche.

Aber es sollte anders sein. Klärchens noch zarte Gesundheit war von den letzten Stürmen so erschüttert,daß sie am anderen Morgen ihr Bett nicht verlassen konnte; ja, nach einigen Tagen hatte sich ein so heftiges Nervenfieber entwickelt, daß sie besinnungslos dalag. So vergingen vierzehn Tage, sie wußte nichts davon, wenn man ihr das Kind an die Brust legte, sie wußte nicht, daß Tante Rieke und Gretchen oft pflegend an ihrem Bette saßen, sie hörte nichts von den Todesbefürchtungen, die der Arzt in ihrer Nähe aussprach. Endlich kam die glückliche Krisis, Klärchen erlangte ihr Bewußtsein wieder, die Tante und Gretchen nahten sich ihr vorsichtig; Klärchen konnte vor Schwäche nicht reden, aber lächelte dankbar. Man mußte ihr das Kind zeigen, sie nahm es an ihr Herz, sie war so glücklich und fühlte einen Himmel in diesen Umgebungen. Von Tage zu Tage ward sie kräftiger und fühlte sich bald wie neugeboren.

Aber auch für ihre Seele begann ein neues Leben. Eine Genesungszeit ist oft eine segensreiche, da ist der Boden locker und der Same findet eine gute Statt. Frau Bendler wußte das, und benutzte es. Sie sprach ihr Trost und Muth zu; Klärchen hörte gern, denn kein Vorwurf, kein hartes Wort traf ihre Vergangenheit, nur der Gegenwart, der Zukunft sollte sie jetzt leben. Auch der Stephani-Prediger kam, sie hatte der Tante von ihrer früheren Sehnsucht nach ihm gesagt. Warm und eindringlich sprach er von der Liebe und Gnade unseres Herrn, und seine Worte machten immer tieferen Eindruck auf Klärchens Herz. Ja, der Herr gab dem Samen, der hier gesäet wurde, ein gnädiges Gedeihen. Klärchen lernte ihren Heiland kennen, sie fühlte, daß sie trotz ihrer vielen Sündensich ihm doch nahen dürfe, sie fühlte, daß alle Lust und Herrlichkeit der Welt nichts ist gegen den Frieden, den er uns beut. Dieser Frieden ward nur gestört durch die Erinnerung an die Vergangenheit. Ihre Schuld kam ihr oft gar groß vor, aber wenn sie sah, wie die Tante und Gretchen, schwache Menschen wie sie selbst, ihr nur mit Liebe und Theilnahme ihren Leichtsinn, ihre Lieblosigkeit und Verspottung vergalten, wie vielmehr mußte sie bei dem Herrn Verzeihung finden. Ja, der Herr nimmt an ihr reuevolles Herz. Aber auch allen Menschen, denen sie Unrecht gethan, möchte sie ihre Reue sagen. Vor allen zogen ihre stillen Gedanken sie zu Fritz Buchstein hin; sie hätte wissen mögen, ob er sie nicht gar sehr verachte und gering schätze, ob sie Gretchens Worten trauen und je sein Haus besuchen dürfe, sie hätte ihm gern ihr demüthiges Herz gezeigt und ihn um Verzeihung für ihr liebloses Betragen gegen ihn gebeten. Doch nach ihm zu fragen wagte sie nicht, und als Gretchen einst erwähnte: Fritz warte nur auf Erlaubniß, seinen Krankenbesuch zu machen, konnte sie kaum vor innerer Bewegung diese Erlaubniß geben.

Bald darauf, – Klärchen war allein mit ihrem Kinde im Zimmer, – öffnete sich die Thür und Fritz trat ein. Klärchen hatte eben sinnend in den letzten Abendschein geschaut und gedacht, ob Fritz wirklich kommen würde, als er plötzlich vor ihr stand. Sie erhob sich erschrocken vom Stuhl, er aber nöthigte sie zum Sitzen und bot ihr einen freundlichen guten Abend. Als er ihr so mild und theilnehmend in die Augen sah, ging ihr das Herz über, sie konnte keine Wortefinden, nahm seine Hand mit beiden Händen und weinte bitterlich. Das war zu viel für Fritz, er machte sich los und trat schweigend an das Fenster. Die Hand, die sie mit Thränen benetzt, legte er auf sein klopfendes Herz und flehte um Kraft. Fest und ernst setzte er sich dann zu ihr, sprach tröstliche Worte zu ihr, aber berührte mehr ihr äußeres Leben. Klärchen, die da meinte, sie hätte zu heftig ihre innere Bewegung kund gethan und ihn dadurch verletzt, nahm sich zusammen und versuchte ruhig und gelassen zu sprechen. Das kleine Gretchen ward der Gegenstand der Unterhaltung. Fritz sagte, wie er und Gretchen auch solcher Freude entgegen sähen, wie dann die Kinder zusammen spielen und groß werden könnten. Die Tante und Gretchen kamen jetzt hinzu, und Klärchen athmete leichter, die Unterhaltung ward ganz unbefangen. Die Tante sprach zu Fritz von Klärchens Wunsch, die Scheidung von Günther so schnell als möglich gerichtlich zu machen, was bei den vorliegenden Umständen nicht schwer sein konnte. Klärchen sprach dann von ihren Lebensplänen, daß sie wieder nähen wolle und mit Gottes Hülfe ihr Kind ernähren und erziehen. Sie drückte bei diesen Worten ihr Gretchen innig und zärtlich an das Herz und bemerkte nicht, wie der Tante Blicke wehmüthig auf dem Kinde ruhten, dessen Augen so groß aus dem kleinen weißen Gesichtchen herausschauten. Der Mutter schwere Krankheit hatte natürlich auch das Kind halb verkommen lassen; alle Sachverständige fürchteten für sein Leben, und nur Klärchen ahnete nichts von dem gefährlichen Zustande.

Am nächsten Sonntag ging sie zuerst in die Stephani-Kirche. Ihr Herz war voll seliger Dankbarkeit und voll heißen Gebetes. Das war ein segensreicher Morgen. Sie konnte getrost dem Herrn nahen und erwartete ihren Frieden nicht mehr von äußerem Wohlergehen, sondern nur in der Gnade und Liebe des treuen Herrn.

Nach der Kirche rüstete sie sich zu ihrem ersten Gang in die Stadt. Es war ein schwerer Gang. Sie sagte Niemandem wohin, sie ging zur Generalin. Diese Frau, gegen die sie sich am schwersten vergangen, deren Güte und Freundlichkeit sie mit schmählichem Undank belohnt hatte, mußte sie um Verzeihung bitten. Mit klopfendem Herzen stieg sie die Treppe hinauf, zog sie die Klingel. Der alte Bediente, der ihr eigentlich immer gut Freund gewesen, machte ihr jetzt durch seinen freundlichen Gruß den besten Muth. Als er ging, sie zu melden, stand sie allein in dem ihr wohlbekannten Vorzimmerchen. Der Nähtisch, vor dem sie so oft gesessen, stand noch an demselben Platz, der wohlbekannte Arbeitskorb darauf. Sie sah sich dort im Geiste sitzen mit all ihrer Eitelkeit, mit ihren tollen Gedanken und wunderlichen Plänen für die Zukunft. Ein schnelles Roth flog über ihre Wangen. Wie schämte sie sich der Vergangenheit, wie schnell hatte sich die Zukunft strafend für sie enthüllt, wie bangte ihr vor den ernsten Worten der Generalin, und wie trieb es sie doch wieder, ihr Herz zu erleichtern!

Die Generalin war indessen sehr schwankend, ob sie Klärchen annehmen sollte oder nicht. Sie hatte von ihrem Schicksale gehört, fand es wohl verdientund glaubte, daß jetzt nur äußere Noth und Bitte um Unterstützung Klärchen hergetrieben. Sie schämte sich aber fast vor dem Bedienten, der hatte so theilnehmend Klärchen genannt, der schien gar nicht zu zweifeln, daß sie vorgelassen würde, und sie gab die Erlaubniß.

Klärchen konnte vor Bangigkeit erst nicht reden, sie nahm nur der Generalin Hand und küßte sie. Diese sagte mit etwas kaltem Tone: Ich habe von Ihrem Unglück gehört, und bedaure Sie.

Ich bin jetzt nicht unglücklich, gnädige Frau, unterbrach sie Klärchen schüchtern, nicht so unglücklich, als da ich bei Ihnen war. – Die Generalin machte ein verwundertes Gesicht, und Klärchen fuhr fort: Ich bereue meinen Leichtsinn, und hoffe, ich werde mit Gottes Hülfe anders werden, ich konnte es nur nicht lassen (bei diesen Worten wurde ihre Stimme zitternd und Thränen traten in ihre Augen), ich konnt' es nur nicht lassen, vor allem erst Ihre Verzeihung zu erbitten; ich wage es kaum, es war zu schlecht, o Gott! ich habe Sie ja bestohlen. – – Klärchen konnte nicht weiter reden, und die gutmüthige Frau Generalin war so bewegt von dieser unerwarteten Scene, daß sich ihre Gefühle plötzlich wandten, und sie die bleiche, junge Frau in den herzlichsten Worten ihrer Verzeihung versicherte. Sie unterhielt sich noch weiter mit ihr, fragte nach ihren Plänen für die Zukunft, und als sie hörte, daß Klärchen wieder schneidern wolle, erbot sie sich, ihr selbst Arbeit zu geben und ihr auch Kundschaft zu verschaffen. Klärchen war gerührt von dieser Güte. Sie pries es als eine Gnade Gottes und als die Erhörung ihres Gebetes von heutMorgen in der Kirche, wo sie zum Herrn so dringend gefleht, ihr doch die Theilnahme und Liebe guter Menschen wieder zuzuwenden, weil sie doch noch ein gar zu schwankendes Rohr sei und leicht muthlos werden könne; aber die Freude, bei der Frau Generalin im Hause arbeiten zu dürfen, müsse sie erst mit der Zeit verdienen, sie müsse sich jetzt noch zu sehr schämen und fürchten, ihre Wohlthäterin könne ihr noch nicht trauen.

Diese aufrichtige Reue machte die Generalin immer gütiger, und Klärchen schied von ihr, das Herz voller Trost und froher Hoffnungen. Aber der Herr wollte sie lehren, gar keinen Trost bei Menschen, sondern bei ihm allein zu suchen, und führte sie noch schwere Wege.

Als sie nach Hause kam, hatte ihre Mutter das kleine Gretchen auf dem Arm, und Klärchen bemerkte zum erstenmal, daß ihr Kindchen nicht so aussah wie andere Kinder dieses Alters. Ein jäher Schreck fuhr durch ihre Seele, sie nahm es, sah ihm in die großen, blauen Augen, faßte die welken Hände und sah flehend zum Himmel auf. Nein, das kann der Herr nicht thun, das könntest du auch nicht ertragen! dachte sie. Vielleicht will er nur deinen Glauben prüfen, und du willst nicht aufhören zu bitten.

Sie forschte bei der Mutter und bei der Tante und anderen Bekannten nach deren Meinungen über das Kind, und es war ihr Balsam, zu hören, wie schwächliche Kinder oft leichter über die ersten Jahre hinkämen, als starke und vollsäftige. Ach, dachte sie, du willst es sorgsam pflegen und hüten, und der liebe Gott wird das segnen.

Daß sie, als sie wieder zum Nähen ausging, Gretchen der Pflege ihrer Mutter überlassen mußte, wurde ihr sehr schwer; doch die dreißig Thaler waren zu Ende, und die Tante und alle vernünftigen Menschen erwarteten, daß sie ihre hergestellten Kräfte zur Arbeit benutzen würde. Es wurde ihr nicht schwer, sich einen Wirkungskreis zu verschaffen; ja bald ward er so groß, daß sie nicht allen Anforderungen genügen konnte. Frau Krauter war sehr glücklich darüber; zwar reichte das Geld gerade nur von der Hand in den Mund, sie war aber gewohnt, nicht weiter zu denken. Klärchens Tage gingen einförmig hin: in der Woche nähte sie in den Häusern, jeden Sonntag ging sie in die Stephani-Kirche, die Feierstunden, die ihr blieben, widmete sie der Pflege ihres Kindes. VoneinerSorge, die auf ihrem Herzen ruhte, der Scheidung von ihrem Manne, hatte sie der Herr selbst befreit. Das Schiff, auf welchem Günther sich eingeschifft, war im Kanal gescheitert, und er selbst hatte den Tod und das Ende seiner Pläne in den Wellen gefunden. So hätte sie sich in ihrem Stillleben ungestört und mit jedem Tage glücklicher fühlen können, wenn nur ihr Kind frisch und gesund gewesen; aber die bange Sorge saß ihr wie ein Stachel im Herzen, und ihr Glaube war noch zu jung und schwach, um willig ihr Liebstes zu opfern und wie Abraham zu rufen: Herr, hier bin ich.

Es war am ersten Adventssonntag. Klärchen war früh in der Kirche gewesen und noch erfüllt von der herrlichen Predigt, erquickte sie sich an der sonntäglichen Ruhe. Ihre Mutter war zu Tante Rieke gegangen,sie saß allein in der Stube, ihr schlummerndes Gretchen auf dem Schooße. Schneeflocken fielen leise nieder, Klärchen schaute still hinein, es war ihr, als ob sie durch die weiße Decke doch die ganze Herrlichkeit des Himmels sähe; sie fühlte eine Glückseligkeit von da oben sich in ihr Herz hinabsenken, wie sie nie gefühlt. Sie faltete die Hände: O Du lieber himmlischer Vater, halte mich so wie Du mich in diesem Augenblicke hältst, ich fühle mich an Deinem Herzen, ich könnte Dir Alles geben, ja auch das Liebste hier. Sie sah auf ihr bleiches Kind, aber fühlte eine selige Verklärung im Herzen. Da schlug das kleine Gretchen die matten Augen auf, die Mutter drückte es heiß an ihr Herz und schluchzte: O Herr, aber gieb Du Kraft! ich bin schwach, sehr schwach! Sie fühlte die Verheißung vom Tode ihres Kindes, und ihr Herz konnte sich beugen.

Aber dieser seligen Stunde folgten viele bange, sie fing wieder an zu zagen, zu ringen, zu hoffen, auf Mittel zu sinnen, wie dem Kinde zu helfen sei. Besonders glaubte sie, daß ihre eigne Pflege nöthig sei, und ging deswegen nicht zum Nähen aus, wie auch Frau Krauter darüber böse war; denn wenn Klärchen meinte, im Hause eben so viel verdienen zu können, merkten sie bald an der Kasse, daß dem nicht so war. Stundenlang trug sich Klärchen mit dem Kinde, oder saß von Kummer und Wachen ermattet mit müßigen Händen. Bis vierzehn Tage vor Weihnachten ging es leidlich, der Hausstand hatte noch nicht Mangel gelitten, da trat aber statt des bisherigen milden Wetters strenge Kälte ein, und Holzmangelmachte sich bitter fühlbar. Tante Rieke wagte Klärchen nicht anzusprechen, weil sie ja durch eigne Schuld in diese Verlegenheit gekommen war, und auch die Mutter hatte nicht Muth dazu, weil Tante Rieke ihr Weihnachten schon die Miethe geben mußte. So ward denn für jetzt beschlossen, Klärchens Flitterstaat zu verkaufen, den sie um Alles in der Welt doch nicht wieder getragen haben würde. Frau Krauter war sehr zufrieden damit. Wir helfen uns noch einige Wochen hin, dachte sie, länger kann das Würmchen nicht mehr leben, und dann ist Klärchen doppelt fleißig und die Noth hat ein Ende. Der schwarze seidene Mantel und der Sammethut machten den Anfang, dann folgten allerhand Kleinigkeiten, für die aber sehr wenig eingenommen wurde, und da Tag und Nacht geheizt werden mußte, auch außer Essen und Trinken noch Medizin und allerlei andere Dinge zu beschaffen waren, so war bald die Kasse wieder so leer wie zuvor, und Klärchen stand am dritten Weihnachtstage trostlos vor den leeren Kommodenkasten. Noch fand sich einiges Unbedeutende, das sie sich eigentlich schämte auszubieten, aber die Mutter brachte einen Thaler dafür. Das Schlimme bei diesem Verkaufen war nur, daß Klärchen für den Flitterstaat nichts Derbes und Festes in der Stelle hatte. Ein Deckentuch war ihr einziges warmes Kleidungsstück und hatte auch bei dem milden Wetter ausgereicht; jetzt hatte sie weder einen Mantel, noch ein warmes Kleid, und konnte kaum die warme Stube verlassen. Aber auch diese Stube war nicht mehr warm zu machen; am Sylvester-Morgen blieb Frau Krauter im Bett liegen, um nicht zu frieren,und Klärchen ging in den Holzstall, um noch einmal Nachlese zu halten, obgleich sie gestern Abend schon sehr genau eingesammelt hatte. Sie fand einige Splitterchen, kochte noch einmal Kaffee und für Gretchen einen Brei. Die Stube ward kaum warm. Klärchen fragte nichts nach der Kälte, aber Hülfe mußte nun geschafft werden, das Kind durfte nicht frieren. Vor allen Dingen zog sie selbst ihren einzigen wollenen Unterrock aus, machte eine Kappe davon, hüllte das Kind da warm hinein und trug es so im Deckentuch in der kalten Stube. Um noch etwas unter dem dünnen wollenen Mousselin-Kleide zu haben, hatte sie den weißen Unterrock mit der Frisur angezogen, der aus ihrer Mädchenzeit, jetzt aber dünn und verwaschen, kaum noch zu Futter nutzbar, in einer Ecke lag. Sie kämpfte lange, ob sie zu Tante Rieke gehen sollte, oder vielmehr zu Buchsteins; denn schon seit acht Tagen war die Tante dort, weil Gretchen an einer bösen Grippe niederlag. Sie entschied sich zum Gehen, die Noth war zu groß, ihre Stube ward immer kälter, die Mutter jammerte nach Essen, und sie selbst und ihr Kind waren hungrig. O wenn sie nur Kraft zum Beten gehabt hätte! Aber sie war matt und schwach, konnte sich nicht erheben und trug all dies Elend als eine wohlverdiente Schuld.

Der Nordwind pfiff durch ihre dünnen Kleider, an allen Gliedern bebend trat sie zu Buchsteins in das Haus. Fritz nahm eben dem Lehrjungen einen Korb mit Spähnen und Holzabfällen ab, die er in der Werkstatt aufgeräumt. Klärchens Blicke sahen unwillkürlich verlangend darauf. Fritz, der für KlärchensAugensprache immer noch ein feinfühlendes Verständniß hatte, verstand auch diesen Blick. Ein heißes Weh ging durch sein Herz. Sie ist in Noth, dachte er, sie sieht bleich und kümmerlich aus, und ihr habt sie vergessen. Er führte sie in die Stube. Gretchen hatte zum erstenmal das Bett verlassen und saß in Betten und Mäntel gehüllt im Lehnstuhl, Vater Buchstein und die Tante saßen neben ihr, freueten sich ihrer Genesung, der sie mit einiger Besorgniß entgegen sahen, weil der sehr heftige Husten in Gretchens Zustande was Angstvolles hatte. Die Tante erschrak, als Klärchen als ein so sprechendes Bild des Jammers und des Elendes in die Stube trat. Fritz stellte ihr einen Stuhl an den Ofen, sie setzte sich, aber immer noch flogen ihre Glieder vor Frost.

Wie geht's Euch denn? fragte die Tante besorgt.

Die Mutter liegt im Bett, und mein Gretchen – hier stockte Klärchens Stimme.

Warum hast Du keinen Mantel um? – fuhr die Tante fort – was hast Du denn an? Sie hob unwillkürlich das dünne Kleid und den wohlbekannten Frisurenrock auf. Ach Gott! nichts weiter? sagte die Tante erschrocken, warum denn keinen wollenen Rock?

Klärchen legte beide Hände vor die Augen. Ich habe keinen, schluchzte sie, und habe nichts, nichts! Fritz trat an das Fenster, er konnte seinen Augen nicht gebieten. Gretchen bat die Tante, welche Kleidungsstücke sie für Klärchen holen sollte; aber Klärchen sagte leise weinend:

O nichts für mich, nur etwas Holz und Essen für meine Mutter und mein Kind.

Fritz eilte hinaus. Der Korb mit dem Holze stand noch dort, alles mögliche aus der Speisekammer packte er hinzu und eilte nun voran in Klärchens Wohnung. Wie fand er es hier! öde und kalt, das Kind weinend, die Großmutter klagend. Mit zitternden Händen machte er selbst Feuer, stellte Wasser dabei, und als Tante Rieke mit dem eingekleideten Klärchen in die Stube trat, hörte diese wenigstens das tröstliche Knistern im Ofen. Sie sah ihn so demüthig und dankbar an, er konnte den Blick nicht vertragen, sein Gewissen machte ihm Vorwürfe, daß er sie darben ließ; freilich war sein Gretchen in den Tagen schwer krank gewesen, und seine Zeit durch die Pflege hingenommen, aber daran dachte er jetzt nicht, sondern nur an seine Schuld.

Als er darauf den Abend allein saß und dem neuen Jahr entgegen wachte, – denn sein alter Vater war jetzt sehr kränklich und auch die Tante von den vorhergegangenen Nachtwachen angegriffen, – da gingen seine Gedanken zurück in die Vergangenheit. Es waren zwei Jahr, daß er zu Klärchen die warnenden Worte gesprochen, – wie hatte sich seitdem alles geändert! Er fühlte dankbar, daß der Herr seine Gebete erhört, an der Seite seines treuen Gretchens war er von aller Unruhe des Herzens geheilt, und wenn auch die Jugenderinnerung zuweilen wunderlich durch seine Seele klang, so hatte das nichts Schmerzliches mehr. Klärchen war der Welt entfremdet und dem Himmel gewonnen; Fritz flehte zum Herrn, daß er alle ihre Herzen verklären möge, daß er sieeinenWeg führezum himmlischen Jerusalem und dort oben ewig selig vereinigt halte.

Während Fritz so mit seinen Gedanken allein war, saß Klärchen ebenso an der Wiege ihres hinwelkenden Kindes. Sie war matt und krank, ihre Glaubenswelt schwach und ohne Halt, das Leben war ihr trüb' und der Himmel fern, ihr einziger Trost war das Kind, ihr einziger Gedanke: so grausam kann Gott nicht sein, dir dies zu nehmen. Und doch kann er es, dachte sie angstvoll, und du hast es verdient! – Das Leben lag wie eine schwere Schuld hinter ihr, und der erlösenden Liebe wagte sie sich nicht zu nahen. In die Kirche war sie nicht gekommen, die Tante und Buchsteins hatte sie lange nicht gesprochen, so fehlte es ihr an jedem stärkenden Zuspruch, und innerlich und äußerlich welkte sie dahin.

Am anderen Morgen stand Frau Krauter trotz der warmen Stube nicht auf, sie fühlte sich wirklich krank, und als es in den nächsten Tagen zunahm, schickte die Tante einen Arzt. Der erklärte es für eine nervöse Grippe. Klärchen hatte nun doppelt zu pflegen, und da die Tante immer wieder an Gretchens Krankenbette gebunden war, stand sie ganz allein. Nur Fritz kam zuweilen; aber ernst und schweigsam war er, Klärchen hielt das für eine verdiente Nichtachtung, wagte ihn kaum anzusehen und zu danken für Alles, was er ihr zur Erleichterung that und schickte. So gingen ihr die Tage wie im dumpfen Traume hin. Nach drei Wochen erklärte der Arzt den Zustand der Mutter für besser, zugleich aber ward sein Gesicht beim Anschauen des Kindes immer bedenklicher. Klärchenempfand große Qualen; je mehr sie das Kind hegte und pflegte, je furchtbarer ward ihr der Gedanke seines Todes. Eines Abends wollte es die Brust nicht mehr nehmen und hing matt das Köpfchen; wie ein Schwert fuhr der Schmerz durch Klärchens Brust. Sie wußte in der Angst nicht was beginnen; der liebe Gott will nicht helfen, vielleicht können es Menschen. Sie stürzte zur Tante, aber bei Buchsteins war Angst und Verwirrung, der alte Benjamin stand mit gefalteten Händen im Hause, Gretchen lag in schweren Kindesnöthen. Klärchen lief zu Gustchen Vogler, lief zum Arzt; der fand das Kind freilich sehr krank, er hatte es aber nicht anders erwartet. Gustchen blieb die Nacht, machte Thee, wärmte Tücher und hörte Klärchens Klagen an. Die Nacht war so lang, dichte Schneeflocken hielten die Dämmerung am Morgen noch länger auf. Endlich ward es Tag. Klärchen hielt laut jammernd das sterbende Kind auf dem Schooße, als die Thür sich öffnete und Tante Rieke eintrat.

Eben stirbt mein Kind! rief Klärchen verzweiflungsvoll.

Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, sein Name sei gelobt ewiglich, – sagte die Tante bewegt.

Nein, nein, rief Klärchen und küßte den letzten Athemzug von des Kindes Lippen.

Ja, ja, sagte die Tante. Klärchen, laß uns beten, wir sind jetzt beide kinderlos, – Thränen erstickten ihre Stimme, – auch mein Gretchen ist hinübergegangen.

Klärchen starrte sie an. Ja, fuhr die Tante fort, laß uns den lieben Herrn im Himmel bitten, daß er uns Kraft giebt, daß er uns tröstet.

Der liebe Herr im Himmel? stöhnte Klärchen; aber ihre Hände falteten sich, die seligen Stunden, die sie mit diesem Herrn schon verlebt hatte, nahten sich ihr plötzlich wie ein Trostes-Engel. Am ersten Advent hatte ja ihr Kind eben so bleich auf ihrem Schooße geruht; damals hatte sie Kraft, es dem Herrn willig hinzugeben. O Herr, hilf mir! flehte sie, und der Herr half. Ja wunderbar, schnell, augenblicklich! eine selige Erhebung fühlte sie im Herzen, der düstere Traum, die Angst war vorüber. Sie konnte mit der Tante beten, sie konnte mit ergebenem Herzen heiße Thränen weinen.

Und diese Thränen flossen noch oft, aber sie lösten die Last ihres Gewissens und machten sie zum Kinde Gottes.

Klärchens äußeres Leben war bald wieder im alten Geleise. Sie ging aus zum Nähen; weil sie gesund war, und nichts sie mehr an's Haus fesselte, wollte sie auch wieder arbeiten. So still und einförmig ihre Tage aber auch äußerlich hingingen, so warm und lebendig war es ihr im Herzen: ihre Gedanken zogen immer mehr dem Himmel zu, dahin, wo ihr Kindchen mit den Engeln spielt, und der Himmel kam zu ihr hernieder mit seinem Frieden, seiner Seligkeit. Sie verlangte und hoffte von diesem Leben nichts weiter, ja, wenn sie des Abends oder des Sonntags beider Tante war, diese sie mit Liebe und Vertrauen überhäufte, und wenn gar Fritz dazu kam, mit ihnen sprach, ihnen vorlas, und sie einen theilnehmenden Blick von ihm erhaschte, da meinte sie, so glückliche Tage nicht verdient zu haben, und bat Gott, sie ihr bis zum Lebensende so zu erhalten.

Der Sommer ging vorüber, auch der halbe Winter. Am Sylvester-Abend saßen Klärchen, Fritz und die Tante beisammen, es wurde nicht gescherzt und fröhlich geplaudert, aber alle drei waren im Herrn selig vergnügt. Fritz, obgleich er es nicht wagte, die Wünsche seines Herzens in die Wirklichkeit hinaus zu denken, ahnete doch, was der Herr mit ihm vorhätte. Unter schweren Kämpfen hatte er ihm einst sein thörichtes Herz und seine Jugendliebe übergeben, verklärt sollte er diese Liebe aus seiner Hand zurück erhalten. Als er Klärchen gute Nacht wünschte und den Segen des Herrn zum neuen Jahr, da konnte er seiner Stimme nicht gebieten, und Klärchen fühlte den Ton in ihrer Seele. O Gott! sie wagte es ja kaum, in seine reinen, lichten Augen zu schauen, sie hatte ihn nur in ihr Gebet eingeschlossen und ersehnt, er möchte ihr nicht länger zürnen.

Frau Krauter, die seit der schweren Krankheit sich nie wieder ganz erholt und immer gekränkelt hatte, mußte sich nach Neujahr legen, und Klärchen durfte sie nicht verlassen. Doch ward ihr eine lange Krankenpflege diesmal erspart, ein Lungenschlag machte der Mutter Leben schnell ein Ende.

Klärchen war nun eine Waise. Und doch nicht, – die Tante nahm sie nicht allein an ihr Herz, auch in ihr Haus, und ward ihr eine wahrhafte Mutter. Als der Frühling draußen sproßte, saß Klärchen in Gretchens Fenster neben blühenden Schneeglöckchen. Der alte Benjamin hatte sie ihr gebracht; ja, seine Liebe zu Gretchen war auf Klärchen übergegangen, und Klärchen hatte mit ihm wieder scherzen und plaudern und fröhlich singen gelernt. Der Staarmatz rief: »Klärchen, so recht«, und mit dem Dompfaffen sang sie: Lobe den Herrn, o meine Seele! – Fritz arbeitete rüstig in der Werkstatt, lauschte zum Fenster hinaus, und sein Herz schlug hoch auf, wenn er Klärchens blaue Augen sah, so rein, so kindlich und verklärt, wie sie ihm auf seinen Wanderungen vorgeschwebt. Als aber der Frühling immer schöner hervorbrach, Blüthen und Blumen sich entfalteten, konnte sich auch Fritz nicht länger halten, und Klärchen durfte den ganzen Himmel seiner Liebe schauen.

Sie ist jetzt Frau Meisterin, sie ist stolz auf ihren Stand und trägt nur dunkle Strümpfe, feste Lederschuh und ein einfaches Kleid. Sie ist neu und schöner erblüht, ist die Freude ihres Mannes und der Segen ihres Hausstandes. Der alte Buchstein sitzt im Lehnstuhl und wiegt sein jüngstes Enkelchen auf den Knieen, Benjamin führt ein kleines blondes Gretchen zur Tante hinüber, Klärchen sitzt unter dem offenen Fenster der Werkstatt und singt mit schöner Stimme:

Druck von Ed.Heynemannin Halle.


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