Gleich rechts vom Eingang saß schon einer: der alte Porphyrio Pães. Sauer war es ihm geworden, endlich seine dreißig Millionen ins Trockene zu bringen. Einmal war er der „Rebell“ gewesen, dann wieder der andre; ewig wechselnd. Oft auf der Flucht, hatte er sich schließlich aber doch darauf verstanden, daß im kritischen Moment immer seine Gegner von ihm abgeschnitten wurden „in Bezug auf die Köpfe“, wie es im spanischen Satzbau gebräuchlich ist.
Neben ihm hingen Sir Osmond Cadogans Beine als Schwebebrücken über die Hall zum fernen Kamin; der Verkehr wickelte sich unter ihnen klaglos ab. Seine schimmernden Pumps, offenbar heliotropisch, suchten so automatisch das Feuer, wie die Blüte das Licht. Er saß — die Schultern auf dem Sessel — nur der rechtwinklig abgebogene Kopf stand einsam in die Lehne hinauf und gab ihm das Aussehen eines sehr soignierten Jahrmarktautomaten — gleich würde er Lotterienummern zu spucken anfangen. Der ganze Sitzvorgang war bei ihm gleichsam um ein Stockwerk verlegt.
Die Hall barst von Stimmen. Unwillkürlich horchte Horus hin.
„Genia, waren wir schon in Rom?“
„Rom? —Oh mommo, das war doch dort, wo wir die hübschen seidnen Strümpfe zu 14 Frs. 75 gekauft haben,“ und Genia Waanebeeker wechselte zum Kamin, das kühle Gelee ihres Temperaments erzitterte leise, denn dort zerfloß schon allzulange Linda Bordone neben dem schönen Archangelo Cavadini.
14 Frs. 75, das ist doch 3 Dollar 5 Cent, oder verwechsle ich es wieder mit Fahrenheit — aber meine Liebe — bei Debenham und Freebody bekommen Sie dochfirst class hosieryfüreleven six pence, das ist nur 13 Frs. 90! — überhaupt London: da haben Sie Harrod’s und Jay’s und Selfridge — und ... Aber ein Gegenchor stand auf: nein, es gibt nur einplace for shopping: dieGaleries Lafayette— die Transformationen dort, die „blouses“ und alles versank endgültig in dem Rachen des großen Pofels.
Er war sehr begehrenswert, sehr anders, wie er im makellosen Abendanzug durch den Saal schritt, sogar die Mütter tauchten einen Moment aus den „Galeries Lafayette“, wo es am tiefsten ist, und berieselten ihn gierig mit ihren Lorgnons.
Er fühlte: eine stilisierte Sehstörung in Brillanten an einer byzantinischen Nabelschnur. Wie kann man etwas für jedes halbwegs gesunde Empfinden so Beschämendes, wie einen Defekt am edelsten Sinn: dem Auge, noch durch Edelmetalle und Steine unterstreichen — wie kann man sich mit einem Körperfehler schmücken? Da bemerkte er, angewidert und belustigt zugleich, daßja auch manche Lorgnons in Fingern ruhten, die Ringe an Gichtknoten trugen.
„Warum hängen sich die alten Frauen in Europa nicht lieber einen Scheck in gleicher Höhe um den Hals, wäre das nicht optisch erfreulicher, als Perlen über häutige Hälse holpern zu lassen?“ Und die traurige Frage ward groß in ihm: „Werden die Menschen im Alter um so viel häßlicher hier, weil sie sich selbstähnlicherwerden?“
Getrennt von der kompakten Trabrennhorde trieb sich ein scheinbar wildlebender Jobber: Drilling aus Roßtäuscher, Schmierenkomödiant und Galopin ständig in der Nähe der Separées herum. Träufelten dann Privatgesellschaften heraus und zerflossen in die Hall, versäumte es die Gastgeberin fast nie, gerade diesen etwas von oben herab — und doch wieder ängstlich — in ein Gespräch zu verwickeln. Als Horus vorbeiging, stand eben eine Dame, nach dem Kanon des Öltanks gebaut, bei ihm:
„Prinz Strasyboulos Argyropoulos führte die Hosteß Mrs. Beermann aus Chicago, die in einer höchst kleidsamen Kreation von Cheruit besonders faszinierend aussah. — Nein, schreiben Sie lieber: Der Marqueß of Kar and Kinstone führte die Gastgeberin Mrs. Beermann aus Chicago, die ...“ Ganz am Ende kam noch eine Reihe wohlklingender Gäste.
„Kein Mr. Beermann — keine Miß Beermann anwesend?“ Der Drilling frug es mit sardonischem Grinsen.
Sie zauderte. Sollte diese makellose Dinnerfassade durch weitere Beermanns Abbruch leiden? „Nein,“ entschiedsie, „die Liste ist vollständig; aber daß es sicher morgen im Herald erscheint.“
Und die so jäh dem Schoß ihrer Familie Entbundene versuchte sich mit gnädigem Nicken zu entfernen.
Da sagte der Roßtäuscher von der andern Fakultät, dort wo sie schon an Kunst und Literatur grenzt: „Bedaure, wir sind mit Notizen ‚aus der Gesellschaft‘ für eine Woche komplett. Wir mußten schon Lady Cadogan zurückstellen. ‚Lady Eveline,‘ sagte ich zu ihr, ‚es ist mir nicht möglich, selbst einer so alten Freundin ...‘.
„Ich werde Ihnen sofort Mr. Beermann schicken, um das zu regeln.“
Und Mrs. Beermann jagte ihren über das ganze Hotel ausgeronnenen Gästen nach. Nur Mr. Beermann stand noch da und schielte zum Erschrecken in seine eigene Brieftasche hinein. Mit Bedauern und Geringschätzung sah Lizzie Beermann zu ihrem eisblonden Tischherrn hin, nun saß er wieder, sichtlich befreit, bei seiner eigenen „set“. Wie eine verpflanzte Blume war Lizzie zwischen den bleckenden Stiefeln, den Schlachthäusern und goldenen Gebissen Chicagos syrisch ausgeblüht, litt und zersehnte sich nach dem, „dessen Kehle süß und der ganz lieblich ist.“
Am Ende des Abends ergab sich aus dem Notizbuch des Drillings, daß der Marqueß of Kar and Kinstone im ganzen acht Hostesses und Prinz Strasyboulos Argyropoulos deren sieben heute zu Tisch geführt hatte.
Horus glitt an lungernden Baronen, an Epheben von den Aasfeldern der Zivilisation vorbei, quer durch den Raum zum Kamin, wo Linda Bordone wie hingeweht saß, neben dem schönen Archangelo Cavadini.
Die gebauschte Gaze ihres Kleides strebte in Flatterschlägen eines jungen Huhnes an ihm hinauf:
„450000 Tausend bar, mehr kann ich von Onkel Barnabas nicht herauspressen,“ und sie versuchte in der trockenen Spannung dieses eisigen Schlußschachers nach vier verpürschten Saisons ihrem armen Stimmchen das arglose Zwitschernde zu wahren, zu dem jungfräuliches Dahinblühen, eine noch aufrechte Forderung aus der verflossenen Generation her, sie verpflichtete.
„Die Differenz ist ja nur 50000,“ ihre hübsche zitternde Hand berührte leicht seinen Arm.
Wie eine gereizte Maus ließ er seinen Bizeps unter ihren Fingern aufschnellen. Dann fiel ihm ein, wie er das hier doch eigentlich gar nicht mehr nötig gehabt hätte. Verschwendung. Aber er konnte es nun einmal nicht lassen.
„500000 bar,“ und seine Stimme war um so kälter und härter.
„Als angehender Politiker,“ fuhr er fort, „wäre es überhaupt für mich vorteilhafter, noch nicht gebunden zu sein — aber sollte ich mich entschließen — wir, die wir für ein größeres Italien kämpfen, für den Genius der Rasse ...“
„Ist denn Genia der Genius der Rasse,“ zischte sie plötzlich kalt wie Metall.
„O, wie töricht sind unsre Männer, immer auf diese Fremden hereinzufallen. All ihr Geld brauchen sie für sich allein, der Mann darf nicht einmal das Auto mitbenützen, und raucht er im Schlafzimmer eine Zigarette, so lassen sie ihn verhaften.“
„Quadrupedescu hat gestern nacht beim BakkaratMonseigneur 200000 Frs. abgenommen,“ meldete Genia Waanebeeker. Von den Raeburngirls lange aufgehalten, denen ihre Eile verdächtig gewesen, hatte sie erst jetzt den Kamin zu erreichen vermocht.
„Welch bezauberndes Kleid — wo ist es her?“ Und sie verschob dabei mit zärtlicher Hand ein ganz klein wenig die Garnierung, die in Lindas Rücken ein Feuermal verdecken sollte.
„Callotsœurs,“ und Linda erhob sich, um in die Garderobe zu gehen. Ohne Doppelspiegel konnte sie das im Rücken nicht richten, und ihr Lächeln war auch schon ganz durchgewetzt. Einen Augenblick zischten sie maskenlos gegeneinander an; das latent Megärenhafte, heraufgespien in ihre jungen Gesichter: zwei fletschende Gorillaweibchen mit schleifenden Vordergliedern unter Talkumpuder — bekleidet von Callotsœurs.
Wie Linda hinausschritt, betrachtete Horus die gerühmte Toilette. Sie schien ihm eine überaus verzwickte Angelegenheit: vorne schief, rückwärts gewickelt, mit der halben linken Brust auf der rechten Schulter und einer gestickten Geschwulst ohne ersichtliche Existenzberechtigung um den Nabel; es sei denn, das Ganze stilisiere einen verwachsenen Knaben im fünften Monat einer Gravidität.
„O, Callot“ — Genia sprach es Kéllo — „ich gebe meinen untersten Dollar bei Kéllo aus!“ Daß auch Europäerinnen in Paris arbeiten ließen, fand sie eigentlich anmaßend.
Sie trug den Kopf sehr hoch. Teils als Bürgerin der „grandest nation of the world“, teils der leisen Drohung des mütterlichen Doppelkinns sich bewußt. Sie mußte sich beeilen, ehe Linda zurückkam:
„Eine Rente; Kapital zahltdadnicht heraus, aber er ist eine Million Dollar wert, und damommosich sicher scheiden läßt, bin ich einzige Erbin.DadsLeber ist auch gar nicht in Ordnung.“
Archangelo wandte langsam die schweren Spiegeleieraugen nach der Richtung, wo Josua Washington Waanebeeker, rosa und springlebendig, Ohren und Hände vital behaart, nicht einmal Whisky, sondern das bekömmliche Selters trank.
„600000 bar,“ sagte er. „Wir, die Nachkommen des alten Rom — die wir für ein größeres Italien kämpfen — für den Genius der Rasse ...“
Ihr Stolz bockte auf — „Von einem Mann ohne Titel verlangen wir Amerikanerinnen mit Recht, daß er sich selbst erhalten könne, übrigens entspricht meine Rente kapitalisiert ...“
Horus ging weiter. Tief herauf aus der Gegend der Privatkomptoirs: Apisgräbern mit Safes, drang „machtvoll dreischlündiges Bellen“. Schüchtern schienen Beteuerungen, Beschwichtigungen ihren Diplomatenschleim drüber streichen zu wollen. Elihu Lincoln Rosenbusch, einer der gefährlichsten Aasgeier von Wallstreet, mit einem kalten Cherubkopf, hatte eine Flasche Gingerale im Werte von sechzig Centimes zu viel auf seiner Wochenrechnung gefunden.
Alle vier Direktoren hatte er sich daraufhin kommen lassen, sein eigener Privatsekretär — er hatte den Irrtum übersehen — zerfloß in Schlotterschweiß, und nun ging der Alte daran, gewaltige Abzüge herauszuschinden. Dafür war er berühmt. Einer der wenigen so Reichen, daß sein Name nur mehr in Anfangsbuchstaben in denhead linesder Zeitungen zu erscheinen brauchte, gab sein als Sport betriebener Geiz in persönlichen Ausgaben fast jede Woche den Journalisten Stoff zu Überschriften:
„E. L. R. erwirbt eine rosa Unterhose bei Giles und Smallweed um zwei Dollar 5 cent. Findet einen Webfehler, fordert Schadenersatz, gleicht sich aus, indem er das Warenhaus übernimmt, verkauft die rosa Unterhose in eigener Regie weiter, trägt nun wieder seine alte Gelbe auf.“ Oder:
„E. L. R. verdient an der Instandhaltung seines Golfplatzes jährlich 7680 Pfund Hammelspeck! Schickt Gärtner und Mähmaschinen fort, läßt diegreensvon Schafherden kurzfressen.“
Pausierte denn der Schacherkrampf nie und nirgends? Und wo er nicht in den Worten, da zog er sich unter der Haut hin, durch Blut, Herz, Hirn und Traum. Dabei war ihm vieles aus diesen Gesprächen, noch mehr an den Sprechern, unverständlich geblieben. Welchem Kulturkreis, Kasten gab es ja nicht, wie er erfahren, konnten etwa diese beiden Mädchen angehören? Er begriff es nicht. In Joshivara, der Luststraße Tokios, war er gewesen, in den Freudenhäusern Ispahans — kannte die Courtisanen von Madura und Travankor. Aber die letzte Pariafrau des letzten Hafenbordells Ostasiens hätte ihr erotisches Niveau nicht so gedrückt, selbst um ihren Preis zu feilschen. Bei den freien Prostituierten ordnete der Mittler oder eine Dienerin die pekuniäre Frage; in den öffentlichen Häusern wurde gleich beim Eintritt schweigend ein Betrag erhoben, dann erst erschien, unter Wahrung jeder Illusion, das Objekt der Liebeselbst: ein höflicher, sanfter, zwitschernder Traum. Anders hätte es die erotische Verwöhntheit eines Kuli nie ertragen.
War vielleicht das ganze Hotel ...? Doch nein, er erinnerte sich nicht, auf seiner Wochenrechnung einen derartigen Posten gefunden zu haben. Auch hätte es ja, den Reden nach, ein öffentliches Männerhaus sein müssen, wie jenes, das er in Paris besucht.
Er fühlte wohl, daß da, rätselhaft noch in ihren letzten Ursachen, eine Sexualnot ohne Gleichen schrie aus solcher Depravation. Die beiden Frauen aber hatten auf alle Fälle aufgehört, es für ihn zu sein: Erreger seiner schöpferischen Phantasie. Und dieser romanische Ephebe: wodurch wurde dieses Männchen mit seinem eisig lümmelnden Gockeltum, das jede asiatische Dame abgestoßen hätte, zu einem Wertgegenstand?
Er lief mit den Augen über Hall, Salons, Bar. Endlich in soviel Geiz, Grelle und Gier das erste glückliche Gesicht. Der frohe Mann ruhte, einem friedlichen Engerling gleich, hell und fett mit dem Ausdruck verklärter Dankbarkeit gegen Gott und die Welt in einemeasy-chair. Sein einziges Kind war hier im See ertrunken, und so war es auch der einzige Ort, den seine Gattin mied. Hier war er sicher. Überall anders hin reiste sie nach, nahm mit stürmender Hand Freudenhäuser, in denen sie seine Anwesenheit vermutete, überschüttete ihn dann mit tätlichen Insulten, Ehebruchsklagen; scheiden ließ sie sich nicht. „Bis zum Tod“ war die Devise ihrer zähnefletschenden Treue.
„Margot — Margot.“
Widerwillig löste sich ein leuchtendes Mädchen ausder GruppeCollege boysauf Weihnachtsferien. Wie Enden des jäh abgerissenen Flirts wehte es hinter ihr her. Die Knaben wachten auf aus ihrer Freude, empfanden wieder die eigenen Bernhardinerpfoten überall um sich im Weg und wurden knurrig.
„Jeder ein Shiva mit siebzehn Ellenbogen,“ dachte Horus erheitert, dem Plumpheit — ungeschlachtes Wesen — an Jugend etwas ganz Neues war.
„Margot — Margot,“ die wenig elegante Frauensperson in seiner Nähe winkte das leuchtende Mädchen immer energischer zu sich. Dieses erlosch. Man sah förmlich, wie das Glück in ihren Nerven stockte.
„Was ist denn wieder — was störst du uns?“
„Sind das vielleicht Epouseure? Was treibst du dich mit solchen Buben herum? Sind das Aussichten?“
Sie hatte, gereizt wie sie war, so wenig leise gesprochen, daß Horus erst jetzt aus dem Bereich ihrer Worte herauskam. Dafür sah er Margot Chenal mit ihrer ganz verzerrten Miene die Antwort nicht schuldig bleiben.
In seinem Hotel zu Paris war ihm die auffallend rassige Südfranzösin öfter mit dieser Frau, einer Tante aus Rouen, wie er erfuhr, auf der Treppe begegnet oder im Lift, ohne daß die beiden jedoch Gäste des Hotels gewesen wären. Sie verschwanden immer entweder in den Zimmern der Mrs. Ralph Waldo Cushing, einer der Töchter Rosenbuschs, oder anderer, sehr reicher Amerikanerinnen.
An dem Mädchen, dessen Temperament ihm imponierte und angenehm auffiel, trotz etwas hilfloser Direktheit, war ihm zweierlei nicht entgangen: das pauvre, schlechtgeschnitteneTailormade und die außerordentlich eleganten Lackschuhe mit ihren kostbaren Schnallen. Immer das gleiche Kostüm, immer verschiedene neue Schuhe. Nur mühsam schien dem Kind das Gehen, und eine Falte des Unbehagens rann ihr dabei zum Kinn, und doch stieg sie oft und oft die Treppen auf und ab, oder lief rund um die Place Vendôme. Einmal erkannte er ein Paar besonders falsch gebauter Sämisch-Leder-Pumps, die große Zehe lag in der Mitte des Schuhes, an Mrs. Cushings Füßen wieder. Sie machte gar kein Hehl daraus. Es sei in Newyork Sitte, sich diese immer etwas schmerzhafte Schuhpremiere zu ersparen, die Chaussüre von jungen Personen, die man dafür bezahlte, erst ein paarmal weichtragen zu lassen, es schonte doch sehr.
Hier war Margot Chenal ebenso kostspielig, reizlos und irrsinnig gekleidet wie die übrigen, nur trug sie am Abend ausnahmslos das gleiche, offenbar durch Alter reichlich geweitete Paar weicher Seidenschuhe.
Bei Porphyrio Pães und Sir Osmond saß nun auch Dr. Hafis. Horus mochte alle drei nicht ungern um ihres trockenen Witzes willen, und weil sie — in Pausen — von Geld sprachen. In der Hoffnung auf solch eine Pause gesellte er sich ihnen zu.
Von Porphyrios Hals schlich eine brüchige Vene den kahlen Schädel hinauf, bog rechtwinklig am Ohr ab und mündete auf dem Scheitel in eine überhängende beerenschwere Warze. Beim Kauen oder Sprechen geriet die Vene jedesmal in Bewegung wie eine Klingelschnur,und oben bei der Warze entstand ein Moment atemloser Spannung: wird sie läuten?
Er sprach: „Peru hat Peruaner. Japan hat Japaner. Warum hat die Schweiz keine Schweizer?“
„Es muß doch welche geben,“ meinte Sir Osmond, „existiert da nicht ein Präsident?“
„Wie heißt er?“ Niemand wußte es. Der erste Nachtportier, der Barkeeper, fünf Lungerknaben, der Manager, alles wurde gerufen. Keiner wußte, wie der Präsident der Schweiz hieß.
„Sehen Sie wohl,“ triumphierte Porphyrio, „es gibt so wenig einen Präsidenten als ein Schweizervolk; dies haltlose Gerücht wird aus Reklame oder Gott weiß weshalb von der ‚International Alpenglühen limited‘ ausgestreut.“
Dr. Hafis meinte:
„In grauer Vorzeit muß es aber doch welche gegeben haben. Es werden eben jene zwei fremden Leute aus Bronze sein, die in jeder Stadt des Landes stehen. Entweder: ein Lackel im Nachthemd mit Eispickel in Kreuzform und drunter liest man: Zwingli; oder: ein Greis mit Basedow belästigt ein Kind: Pestalozzi. Welchen Zweck könnte es für die ‚International Alpenglühen limited‘ haben, einen Lackel im Nachthemd und einen Greis mit Basedow über das Land zu streuen? Sie erhöhen seinen Liebreiz nicht und verzinsen sich nur ungenügend.“
Aber mit greisenhafter Starrköpfigkeit ritt Porphyrio seinen ersten Einfall tot:
„Überhaupt ein europäischer Präsident,“ knurrte er, „das hat ja bloß drei Funktionen. Erstens: alle verbündetenKaiser-, Königs- und Fürstenkinder zu Weihnachten mit Puppen zu versorgen. Zweitens: in allen zeitgenössischen Monstreskandalprozessen restlos verwickelt und auf das Schwerste kompromittiert zu sein. Endlich mindestens einmal in der Woche für das Kino bei strömendem Regen, mit triefendem Schirm und Zylinder, hinter einem berühmten Leichenwagen herzustapfen. Das ist ein Präsident — in Europa,“ fügte er mit der Miene eines Tigers, der ein Kipfel ausspuckt, hinzu.
Archie Payne schlurfte, Fäuste in den Hosentaschen, herbei. Glatt hinausgestrichen war das albinobleiche Haar aus dem eiskalten Hexengesicht des Neunzehnjährigen. Er wäre der erfolgreichste Snob Newyorks, also der Welt, geworden, hätte ihn seine explosive Frechheit nicht zuweilen wieder betrüblich zurückgeworfen — den restlos Bedientenhaften, den Geist ihrer Umgebung stets mit der Gewissenhaftigkeit von Chamäleons Widerspiegelnden, zum Gewinn.
Mit geheimnisvollem Sphinxlächeln raunte er den andern zu:
„Es gibt sogar noch heute lebende Schweizer, aber verraten Sie die armen Dinger nicht.“
Er schien mit Bardenhänden in eine imaginäre Leier zu greifen und machte Märchenaugen:
„Hark! In seltenen hellen Nächten — um die Mitternachtsstunde — da kommt es bisweilen im Mondlicht hervorgehüpft und heißt etwas, das klingt wie ‚Rüdisütli‘. Doch schon stürzt sich die lauernde Horde der Weltkommis mit Blitzlicht, Büchse und Selbstknipser, ‚hurra‘ aus dem Hinterhalt brüllend, drauflos, und mit einem Pfeifen der Angst verschwindet es, gleich dem Murmeltier, wieder hurtig im Gestein.“
„Nun versuchen Sie’s doch einmal mit einem Schmetterlingsnetz oder einer Zauberformel, Archie,“ meinte Sir Osmond. „Ich zahle jeden Preis und den doppelten für das lebende Exemplar.“
Der Marchese Strondoli wartete. Er wartete seit sieben. Jetzt war es halb elf. Seit vier Uhr machten die beiden Friseure Schichtarbeit, desgleichen die erste und die zweite Kammerfrau. Die strategische Leitung lag in den behaarten Händen des zahmen Russen vom Moskauer Ballett; Entwerfers der Kostüme und Garderobiers.
Im kleinen Drawingroom nebenan wartete auch die Gastgeberin:her grace of D.mit den übrigen Gästen. Strondoli aber hatte jene Dame, auf die alle warteten, in der Hall zu empfangen, als der erkorene Begleiter. — Vermutete man mehr, so lehnte er geschmeichelt und kraftlos ab. So einfach aber lagen die Dinge durchaus nicht.
Vor einer halben Stunde war gemeldet worden, sie stehe schon auf dem Korridor. Auch daraufhin blieb er innerlich noch immer mit untergeschlagenen Beinen sitzen — wußte:force majeure, was einer Dame im letzten Moment noch alles an Kosmetik einzufallen vermag.
Da bemerkte er im Spiegel das Fräulein Erika Unbehagen, Erzieherin im Hause Beermann, eine Faust im Mund, sich käseweiß in die Wand des Foyers einkrallen: nun war es Zeit.
Der gläsernen Keimzelle des Lift entstieg die Principessa Dango: „la princesse macabre“. Der zahme Russe streute noch knieend den riesigen Dogaressamantel aus Kolibrifedern hinter ihr aus; von viertausend Vogelbälgenwaren nur die rostgoldenen und rosigen Federchen eingestickt in ihn. Einen schrägen Fächer aus denselben leuchtenden Leichen hielt ihr starrer Arm hinter dem Haupt hoch, aus dem waberndes Henna hervorbrach, zu einem Adlerhorst auseinander toupiert.
Sie schien ein Wesen aus zitterndem Silberdraht.
Blutige Binden von Rubinen lagen ihr um den bläulich harten Totenkopf, und in Rubinen blutete es immer weiter über karfiolfarbene Windelgewänder herab und bleiche Arme — Herztropfen all der Kolibris — bis nieder zu den Händen, an denen lilablasse gewölbte Nägel gleich Magnolienblüten groß an kahlen Fingerzweigen ragten.
Sie wand sich vorwärts, als wäre sie erblindet von dem kobaltblauen Pulver in den mächtigen Augenhöhlen. Prachtvoll schnitt in den fahlen Kopf das Schwert ihres langen Mundes — querhin durch Taubenblut gezogen: der Hyänenprinzessin Mund, wie er ein viergeteiltes Reiskorn bei Tag — bei Nacht Leichen aus Juwelengewändern frißt.
Der Marchese war gezwungen, ihr den falschen Arm zu reichen, denn hochaufgerichtet hielt sie noch immer mit der Linken den schrägen Kolibrifächer über das wabernde Henna. Die Vision von Büßern stieg auf — den lebenslang Bewegungslosen an den Ufern des Ganges, und von verdorrten Gliedern, in denen die Vögel nisten.
Sie wand sich in den Fesseln ihrer Exklusivität dahin zwischen Inseln von gezischtem Schweigen; ein Kielwasser von Entsetzen, Bewunderung und Mißgunst hinter sich lassend. Lorgnons beschlugen sich mit Rauhreif vom todkalten Haß der Blicke, aber hier hieß es, sich ducken.Sie war eine zu hohe und weltbekannte Mondäne. Europas Spießer, noch feucht vom Brodem des Beisels, wären wohl nicht zu bändigen gewesen — hätten eine solche Erscheinung unter veitstanzähnlichen Symptomen niederzujohlen versucht. Diese hier waren immerhin wenigstens schon Snobs.
„Hohe Rasse,“ dachte Horus, „edel im Aufriß — schade, daß der letzte adelige Flügelschlag hinauf in schöpferische Vereinfachung offenbar versagt hat. So bleibt es raffinierte Barbarei. Immerhin, ich will sie kennen lernen.“
Sie interessierte ihn zu wenig, als daß seine Willkür hier ehrfürchtig beiseite getreten wäre, die geheimnisvolle Bahn ja nicht zu kreuzen, in der, nach tieferem Gesetz, jene sich begegnen sollen, die bestimmt sind, einander bis zu einem bedeutsamen Grade Schicksal zu werden.
Einbutton-boygrinste eine Botschaft. Spuckte dabei die ihm unverständlichen Fremdworte unter Ekelerscheinungen aus, nachdem er ihnen den Sinn abgebissen — alles zwischen Tür und Angel von Dummheit und Frechheit — bereit, bei strafferem Zugriff sofort in unzugängliche Verblödung, gestützt auf einen natürlichen Kropf, zu versinken.
Endlich verstand Horus. Es handelte sich um eine spiritistische Séance bei Lady Cadogan mit ganz erstaunlichen Resultaten unter strengster wissenschaftlicher Kontrolle. Man bat ihn, hinaufzukommen, zur Verstärkung des Kreises.
Oben, in einem zu Tode langweiligen Zimmer, war es hell und leer. Aus dem geschlossenen Nebenraum — er schien schwer von Menschen — erschollen gedämpfteFragen — tropfende Buchstaben antworteten endlos. Manchmal schienen die Fragen mit den Buchstaben unzufrieden, dann begann es wieder von vorn. Schließlich schlich sich eine Stimme auf den Zehen bis zur Tür und meldete breitgequetscht vor Rührung:
„Neieschte Nachricht aus der Hell:DerNero fangt ebe aan zu bereie.“
Friedolin Eisele, Präsident der Theosophischen Gesellschaft zu Bopfingen, stand im Salon und zog Horus durch einen Spalt ins verdunkelte Sitzungszimmer, aber auch dort flammte es jetzt auf; die Herren verlangten eine Pause. Man rief nach Whisky-Soda.
Um den ovalen hölzernen Tisch des kleinen Raumes, Lady Cadogans Ankleidezimmer, von dessen Fußboden der Teppich zurückgerollt worden war, saßen Knie an Knie etwa acht bis zehn Personen. Eben fiel die geschlossene Kette ihrer Hände, die bisher wie Polypen die Platte umspannt gehalten, auseinander.
„Wir haben heute Tiefergreifendes erlebt,“ begrüßte ihn die Hausfrau, „es war direkt eine Eingebung von mir,after dinnerden heiligen Abend noch der Geisterwelt zu widmen. Das mit Nero haben Sie ja schon von unsrem lieben Adepten Eisele erfahren, aber auch ganze Schwärme andrer Seelen verdrängen einander heute förmlich aus dem Tisch. Einer sprach so komisch, wir dachten schon, es sei vielleicht Buddha. Darum ließ ich Sie heraufbitten, uns sein Sanskrit oder Pali zu übersetzen — denn,“ fügte sie zögernd hinzu, „vielleicht fällt ihm das Englische schwer.“
„Unsinn, Eveline,“ verwies sie Muriel Hitchcock, sich die Nase pudernd.
„Wenn es doch Nero konnte und ohne einen einzigen orthographischen Fehler zu klopfen,the darling, so rührend zerknirscht er auch war. Habe ich nicht recht, Monseigneur?“ wandte sie sich an den zwergischen Franzosen ihr gegenüber.
Monseigneur aber hatte nicht zugehört; er versuchte so angestrengt, mit Gloria Rawlinson, die gleich einer wunderschönen, nie angezündeten Lampe, weiß und golden dastand, ein Gespräch in Fluß zu bringen, daß ihm der Schweiß ausbrach. Er war vom Typ jener kleinen, instinktschwachen Rattler; überall, wo es mondän zugeht, wandern auch sie von Schoß zu Schoß, ohne daß man wüßte, wem eigentlich zur Lust sie gezüchtet werden. Sein Adjutant: Aquetil du Perron, von Schädel halb Birne, halb Schaf, massierte still seine weißverkrampften Finger und ließ sich von Winifred Cadogan mitpetit Foursfüttern. Madame Bavarowska, voll und wild, siebenarmige Leuchter in den Ohren unter der Carmenfrisur, erzählte unterdessen von einem sensitiven Kind, das sie einmal in dersociety of psychical researchin London zur Beobachtung gehabt.
Sonst ein liebes Kind, aber — wie Kinder schon einmal sind — nachlässig eben, immer ließ es beim Spazierengehen seinen Astralkörper hinten hinaushängen. Ununterbrochen hieß es da aufpassen und hinterdrein sein, um ihn, wenn nötig, zurückstopfen zu können. In Oxfordstreet sei es einmal deshalb fast zu einem Skandal gekommen, denn das Publikum — in Astralkörpern wenig erfahren — vermutete etwas Unsittliches und bohrte die Regenschirme hinein.
Man beklagte den noch vielfach herrschenden Skeptizismusder Zeit, wo es doch jedem Gebildeten offen stünde, durch Auflegen der Hände auf den Tisch sich von dem persönlichen Fortleben nach dem Tode einwandfrei zu überzeugen.
Friedolin Eisele widersprach, lobte gerade die wachsende Beseelung der Zeit, und wie sie dem Wunder immer zugänglicher werde. Erschlug schließlich jeden Widerspruch mit dem jubelnden Argument:
„Mer havve schogar scho myschtische Bankdirektore.“
Er glich dem freundlichen Seepapagei: ein kugelrunder Anfang, und dann war es gleich ganz aus mit ihm — gar der Rede nicht mehr wert. Ein mystisches Furunkel aus gestanztem Blech wuchs in seiner Krawatte, und auf dem Zeigefinger der Rechten trug er den Siegelring der Blavatzky als einer der sechsundsiebzig, die sich rühmen, den echten von der großen Adeptin eigenhändig auf dem Totenbett erhalten zu haben. Auf der Reise zu einem Kongreß nach Bern war er — Lady Cadogans Gast — auf ein paar Tage in dieses ihm fremde mondäne Milieu verschlagen worden.
Verklärt hingen der Gastgeberin waschblaue Seheraugen an ihm. Da er geendet, wandte sie sich Horus zu:
„Und ist auch Ihnen, Mr. Elcho, der Sie zum erstenmal in Europa sind, diese mystische Atmosphäre, diese wachsende Macht der Magie an unsrem Kontinent aufgefallen?!“
„Bisher, offen gestanden, nur an Kellnern,“ lächelte dieser, „die mir als einzige in Europa über außernatürliche Kräfte zu verfügen scheinen, vermögen sie doch, wie durch Fernwirkung, Messer, Löffel und Teller von scheinbarganz entfernten Tischen auf den Boden schmettern zu lassen.“
Man lachte oder entrüstete sich, beschloß aber, nun endlich die unterbrochene Séance wieder aufzunehmen und räumte den Schnaps weg. Die Lichter wurden gelöscht, alles rückte zusammen und umschloß aufs neue mit gespreizten Händen von oben die Tischplatte, wobei die kleinen Finger sich berühren mußten, um, wie Horus staunend erfuhr, jedem die wissenschaftliche Kontrolle über den andern zu sichern, und somit einwandfrei die Echtheit der Phänomene.
Und das alles im Zeitalter des „Nicholsonschen Versuchs“ — des „Raumgitters“ — der „Berechnung des Strahlendrucks“! dachte der Befremdete.
„In demselben Europa, dem meine ganze Sehnsucht und Begeisterung galt, um seiner wissenschaftlichen Gewissenskraft willen; das unaufhörlich in Tausenden von Publikationen, die seine Adelsbriefe sind, über die Erde hin kündet von Genialität und göttlicher Verbissenheit ohnegleichen, kündet von Hilfskonstruktionen, Präzisionsapparaten, Sicherungen und Gegensicherungen, damit ein einziger Nebenversuch um ein weniges verfeinert werde und sich einordne jenem lauteren, herben, lückenlosen Geisterbau, der selbst nichts soll als einen neuen Annäherungswert an das Geschehen ermöglichen — und gerade durch diese Beschränkung an Gewalt und Tiefe des Einblicks alle Intuition andrer Kulturen weit hinter sich gelassen hat?“
Wie war solcher Abstand im Kritisch-Geistigen unter Menschen der gleichen Rasse, der gleichen Zeit überhaupt erklärbar?
Durch das Fenster kam blaues Schneelicht und zeichnetejedes Einzelnen Kontur mit einem Meßband aus vergastem Metall. Einige Minuten herrschte erwartungsvolles Schweigen. Nun wollte jemand eine wandernde Flamme unter dem Tisch bemerkt haben. Sie erwies sich jedoch als silbernes Zigarettenetui, das du Perron mit den Füßen Monseigneur auf den Schoß hinüber zu praktizieren versuchte. Diese triviale Auslegung des Phänomens fand wenig Anklang. Man solle sich nie durch solch scheinbar einfache Erklärungen beirren lassen.
Ursprünglich sei es doch eine Flamme gewesen. Der magische Kreis ermangle eben noch der nötigen Kraft zu dauernden Materialisationen. Das hätte das Flammengespenst gerade noch rechtzeitig gemerkt, um seinen Rückzug auf scheinbar natürliche Weise durch das Zigarettenetui zu decken, dessen Überreichung in diesem Moment durch magische Einwirkung auf du Perrons Unterbewußtsein erfolgt sei. Nichts schien einfacher.
„They are sooo smart“ — sie sind ja so gerieben, bestätigte Lady Eveline.
Also den Kreis verstärken: Monseigneur und Quadrupedescu, Glorias Nachbarn, vertraten die Ansicht, intensiverer physischer Kontakt zwischen den Teilnehmern würde die Phänomene wesentlich fördern. Doch man heischte Ruhe, wartete wieder. — Nun knackte die Platte deutlich. Alles glimmerte vor Erregung, nur Muriel Hitchcock blieb ruhig, das graue Papiergesicht voll Herablassung seitwärts einem Unsichtbaren zugelehnt.
„Es ist Alastair. Ich spüre ihn schon die ganze Zeit hinter meinem Sessel. Nie versäumt er eine Gelegenheit, mir nahe zu sein.“
Sie war aus Philadelphia, trotz wurmiger Hauthübsch, hypersmart, und gab sich, da sie ein wenig hinkte, gern für eine etwas beschleunigte Reinkarnation der Lavallière aus. Das mit Alastair aber ging, wie man nun erfuhr, schon viel länger; seit sie eine wunderschöne griechische Hetäre zu Alexandrien gewesen und er, als Säulenheiliger, aus Leidenschaft zu ihr sein Gelübde gebrochen hatte und für sie gestorben war. Durch diesen gewaltsam frühen Tod waren sie seitdem immer um eine Drittel-Inkarnation auseinander —very trying indeed— und konnten sich nur mehr oder weniger durch Tischplatten hindurch angehören. Jetzt wollte keine der Damen in Astralflirts zurückstehen. Eine Art makabren Erotelns hub an, und es ergab sich, daß alle schon einmal wunderschöne griechische Hetären gewesen. Madame Bavarowska aber schoß den Vogel ab mit einer extra Fleißinkarnation als Pharaonentochter. Es bedarf wohl der Erwähnung nicht, daß sie auch in dieser Gestalt von einem Liebreiz war, der vielen zum Verhängnis werden sollte. Nun begannen die Damen zu erörtern, was sie jedesmal angehabt, und die Sitzung drohte in einer Modediskussion zu verenden; die Weiber zerschnatterten alles, als der Tisch deutliche Zeichen von Ungeduld gab, Friedolin Eisele um Ruhe bat und die Leitung der Séance wieder übernahm.
Es wurde mit dem Tisch vereinbart, ein Klopflaut bedeute — „ja“, zwei — „nein“, damit man in zweifelhaften Fällen wisse, ob richtig buchstabiert worden sei. Nun begann Eisele langsam immer wieder das Alphabet herunterzusagen, wie Horus es schon vom Salon aus vernommen. Der Buchstabe, bei dem es klopfte, galt, und so setzten sich mit der Zeit Worte zusammen. DerTisch war gerade bisMiagelangt und wollte fließend weiterreden, da warf sich Madame Bavarowska mit einem Aufschrei über ihn.
„Mia —c’est pour moi— für mich, so heiße ich!“
„Sie heißen doch Natalie,“ widersprach es aus grollender Runde.
„Aber Mia ist mein Kindername. Maman, bist du’s? ... Sag, soll ich Rio Tinto kaufen?“
Der Geist der Mutter bejahte.
„Zu welchem Kurs?“ Der Geist der Mutter nannte einen exorbitant hohen. Dann verschwand er. Der Tisch fing etwas Neues an. Bis dais kam er. Da sprang wieder Madame Bavarowska vor und verteidigte ihn, wie eine greise Leopardin ihr letztes Junges.
„Daisy —c’est pour moi!der Kosename meines ersten Gatten für mich. Bogumil, was hast du deiner Daisy zu sagen?“
Bogumil sagte einiges. Später, als es „pip“ klopfte — die Dame zum drittenmal aufzuspringen und auch so zu heißen Miene machte, wurde es Winifred Cadogan zu bunt. Sie gab dem Tisch mit dem Knie einen Stoß, daß er gegen die Namenreiche flog, und nur das außerordentlich starkestraight-frontMieder verhinderte ernstlicheren Schaden.
Madame Bavarowska war ganz entzückt:
„Ça pèse — ça pèse... welche Kraft der Materialisationen, welch eine Sitzung.“
Winifred platzte aus.
„Und da könnt ihr scherzen,mais mes enfants, nie wieder werdet ihr so eine Séance erleben“ ...
Der Tisch puffte weiter in sie hinein, bis endlich duPerron und Quadrupedescu Winifreds Knie gebändigt hatten.
Der Beobachtungsgabe der übrigen schienen diese Vorgänge andauernd zu entgehen.
Schließlich war man ja auch nur der Klopfphänomene: der harten kleinen Schläge im Inneren der Platte, wegen da, die niemand mit Knieen und Beinen hervorbringen konnte. Auf der Oberfläche des boxenden Tisches aber spannten sich, weithin sichtbar, von kleinem Finger zu kleinem Finger, immer noch die Hände aller Teilnehmer im blauen Schneelicht.
Mit der Zeit meldeten sich auch Goethe und Napoleon zu Wort. Ersterer unterhielt sich auf das Angeregteste mit Lady Eveline über die Verwerflichkeit des Dumpingsystems neudeutschen Handelsbrauchs, und so wickelte sich der Verkehr zwischen Lebenden und Toten klaglos ab, bis urplötzlich Verwirrung entstand — geradezu heilloser Unfug. Viertelstundenlang wurden immer tollere, sinnlosere Worte geklopft, Fragen in einem bejaht und verneint, bis Eisele die Geduld verlor:
„Saumäßig schwätzet se daher,“ fuhr er Napoleon an, den er heimlich im Verdacht hatte. Es half. Die Antworten ebbten wieder ins Verständige zurück. Was hatte sich ereignet? Horus war es bei dieser seiner ersten Séance schon nach drei Minuten klar geworden, die Klopflaute müßten sich durch Spannungen im Holze der Platte willkürlich erzeugen lassen: gleichmäßiger, dauernder, geschickt verteilter Druck ruhender Fingerspitzen den Flader entlang und dann wieder plötzliches Nachlassen dieses Druckes, würden wohl genügen, um bei dem gewünschten Buchstaben ein leises, kurzes Krachen zu erzwingen.
Nach einer Weile riskierte er diskret den Versuch. Der gelang sofort. Nun war es ihm eine Erheiterung, dem Phänomen konstant die Pose zu verpatzen; in jedes Wort irreparable Buchstaben hineinzuklopfen. Nach Eiseles Zuruf hörte er auf. — Die Methode war ergründet, jetzt hieß es nur noch den eigentlichen Klopfer herausfinden, und ob sein Ziel schlichthin idiotisches Gesellschaftsspiel inafter dinnerMystik bedeutete oder Zweckhafteres vielleicht.
Die Damen — sie hatten wohl in ihrem Leben noch nie einen Flader am Holz bemerkt — schieden allesamt von vornherein wegen geistiger und manueller Minderwertigkeit aus, desgleichen Monseigneur. — Friedolin Eisele? Nein — ein Rindvieh voll Lauterkeit. Es war eben ganz einfach nicht mehr zu leugnen, Horus hatte eine Schwäche für ihn gefaßt, seit Eisele nach der lauten Auseinandersetzung mit Napoleon noch leise leise, nur Luchsohren vernehmbar, auf den Korsen den großen Fluch seiner Tribus geschleudert:
„Daß di’s Meisle beischt.“
Es dünkte ihn der herzigste Fluch, den er je gehört: das Ärgste, was ja überhaupt passieren konnte, war, daß er eben in Erfüllung ging ... schließlich schien das Malheur dann noch immer nicht gar so groß.
In die engere Wahl kamen somit du Perron, das Birnenschaf und Quadrupedescu: Deponens von Clubmann und Hundedresseur.
Sensation! Im Tisch erschien Moltke, nannte den Namen eines osmanischen Prinzen und prominenten Heerführers, der eben jetzt im Balkankriege gegen Bulgarien im Felde stand. Aller Augen wandten sich LadyCadogan zu. Man wußte, daß sie, seine langjährige Freundin, auch ihn durch fast unbegrenzten Einfluß zum Spiritismus zu bekehren vermocht. Totweiß über den Tisch gelehnt, ganz benommen vor Stolz über die eigene Bedeutung, harrte sie weiterer Botschaft. Warnung kam: wenn bestimmte Armeekorps, ihre Nummern wurden genannt, die gegenwärtig für den soundsovielten bestimmten Bewegungen ausführen würden, fiele Adrianopel in Feindeshand.
Ungeheure Erregung. Lady Eveline nahm jedem Teilnehmer das Wort unverbrüchlichen Schweigens ab, ehe sie nach einem Telegrammformular hinausstürzte, in der nur ihr und dem Prinzen bekannten Chiffrenschrift das vom Geiste Moltkes ergangene Verbot unverzüglich zu drahten. Die Sitzung fortzusetzen, fiel niemandem mehr ein.
Madame Bavarowska stieß plötzlich aus allen Körperöffnungen schwarze Schleier aus, hatte ein Stück schwarzes Fließpapier — kein Mensch wußte woher — vor sich auf den Tisch gebreitet und zog aus ihrer juwelenbesetzten Goldtasche ein Paket Spielkarten von geradezu phantastischem Schmutz.
Ob man sich weissagen lassen wolle? Den ekelerregenden Zustand der Karten begründete sie durchaus plausibel damit, jene stammten aus einer Kaperbeute ihrer Vorfahren mütterlicherseits, die alle berühmte Seeräuber im Schwarzen Meer gewesen. Andre Familien behaupteten solches zwar auch, von der ihren sei es aber dokumentarisch nachweisbar.
Horus entkam im allgemeinen Wirrwarr. Schon einen Augenblick vorher hatte Quadrupedescu, sein blaurasiertesLächeln wie mit Schmieröl übergossen, den Clowntorso aus der Tür gedreht.
Horus beutelte sich: ein Glück für euch, daß Geistergrenzen fester versiegelt sind, alsafter-dinnerMystik sich träumen läßt. Welche Astralhaie müßten im Kielwasser solchen Seelen folgen. Was müßte aus dem Unsichtbaren her, solchem Ruf gehorchend, an der Schwelle einer Horde lauern, die blind, taub, flirtend, gierend, gerade ihren christlichen Schlangenfraß mit Whisky-Soda wieder aus allen Poren dampfen läßt? Hielte die Schranke nicht, in die Hände welch ultravioletter Fallotten würden diese Nekromanten nach dem Gesetz der Korrespondenz wohl fallen?
Und gedachte der vornehmen indischen Dame, deren Gatte zu sein er die Ehre hatte, dort oben auf ihrem bestirnten Altan. Sein Herz ging aus zu ihr und strebte zurückzukehren in die Heimat ihres Kusses, denn „es drängt zum geliebten Wesen die Begierde, gerührt zu sein“.
Unten im Foyer bestieg eben die Principessa Dango wieder die gläserne Keimzelle des Lift. Noch immer hielt ihr gereckter Arm den Fächer aus leuchtenden Leichen über das wabernde Henna. Strondoli vervielfältigte sich um sie in Brunstbewegungen. Alle Facetten seines Männchentums waren in Rotation — ganz schwindlig konnte einem dabei werden.
Sie sagte nichts als: „Impossible“.
„Um elf Ski-kjöring nach Sils. Bleiben kaum zwei Stunden Schlaf.Impossible.“
Strondoli riß die Uhr heraus. Beteuerte mit Blicken, Lippen, Haut, Haar, wie früh es noch sei, indes sein markiger Arm das „elf Uhr“, ganz weit draußen, platt an den Rand der Ewigkeit gestemmt hielt.
Vergebens. Rundum abgedichtet mit Durchsichtigem, entglitt sie am Draht des Lift, der lose in seinem Nabel kreiste, durch den Plafond nach oben.
Der Marchese zog seinen edlen Leib ein — wurde konkav vor Enttäuschung; pfiff dem Boy und frug nach Mademoiselle Fifi.
Bei der Loge des Nachtportiers stand Quadrupedescu, übergab ein dichtbeschriebenes Formular als dringend zu drahten. Auch diese Depesche war, gleich der Lady Cadogans, chiffriert, bis auf zwei Worte: Bestimmungsort und Adressat. Berne und irgend etwas ... de Bülgarie. Also darum, nach verhüllenden Mätzchen, Präliminarien: Moltkes Geist samt „Warnung“. Es hatte sich eben darum gehandelt, eine für Bulgarien gefährliche Operation des türkischen Heeres zu verhindern, und das hatte dieser geriebene Agent auf so primitive Weise erreicht, daß kaum ein Botokudenpaar darauf hereingefallen wäre. Von solchen Vorgängen also hingen europäischer Völker Schicksale im zwanzigsten Jahrhundert ab.
Morgen hieß es, bei Lady Eveline Moltkes Ansehen sanft untergraben, nicht etwa sein Erscheinen leugnen, das hätte ihre Eitelkeit nie zugegeben, nur einfach ihren Jingoismus gegen sein Deutschtum aufstacheln. Vernunft: wenn zwei entgegengesetzte Dummheiten gerade gleich stark sind. Ja, er hatte in diesen wenigen Wochen im dunkelsten Europa schon viel gelernt.
Einen Blick noch warf er in die Grellhölle, wo dieruhelosen Barbaren, von drei Orchestern durchbohrt, violettgesprenkelt vor Schnaps und schon völlig verwildert, immer noch in ihrer eigenen Kohlensäure fatal herumwateten.
Hier, von oben gesehen und durch die Rauchschichten hindurch, war das Ganze einem infernalischen Aquarium nicht unähnlich.
Er dachte: vielleicht ist es hier wie mit den niederen Tiefseetieren: nähme man plötzlich den ganzen ungeheuren Druck von ihren Sinnen, unter dem sie zu leben gewohnt sind, hübe sie ins Leichte, Freie, in höheres Element — ob sie sich dann auch selber zu vomieren begännen ... auf einmal die Gallenblase nach außen, und überhaupt alles vornüber gestülpt?
Aber wozu leben sie unter diesem, alle Empfindung erschlagenden Sinnendruck?
Warum verwechselt der Europäer Grelle, Lärm und Gestank mit Freude?
Ja warum?
Er hatte damit zum erstenmal an ein Grundproblem gerührt — aber er wußte es noch nicht.
Plötzlich war Europa herrlich.
Dieses „ausgefranste Hundeohr am Kontur Asiens“ hatte eben die beispiellose Chance, daß Schnee drauf fiel — auf Barbarei und Irrsinn über Nacht bestirnte Reinheit wuchs.
Horus, von Pitz Nair kommend, lag in seinem brennheißen japanischen Bad — neben sich Tee und knusprig nachbrodelnde Muffins — in Händen ein edles Buch, mit dem man durch tausend Reiche fliegen konnte — vor sich Schlaf, eine runde Nacht voll, ausgeflaumt wie ein Vogelnest — die Wand hinauf aber lehnte, ganz nah im Schmeichelkreis seiner Finger, die neuegrande Passion: Skier.
So ruhte er, ein köstlich zerbrochener Sieger am Fest des blauen Raumes, und genoß: auf der Haut schäumende Nadeln — im Herzen Ozon — im Blut Eis und Gefunkel. Lächelte gerührt den beiden gestreckten Schneeflügeln aus schwingendem Hickoryholz zu: schwarzes Schneeschilf, weiß gerippt, träumte an ihm seinen tiefen Tag zurück. Grüßte erst das entzückend linsenförmige Anschwellen der Spitzen, durchlocht wie Ohrläppchen, nahm jene klare, von der Bindung gekrönte Kantengruppe mit dem Finger in seinem Organismus auf: Verschneidungskurve zwischen dem mechanisch wirksamen Profil und der idealen Oberfläche des Skikörpers; so vollkommen fast wie jene, die an der Helice der Nabe zuschwillt. Vom Schneekiel, der Rinne an der Unterseite, in einem Myrtenblatt verstrahlend, mochte man gar nicht erst sprechen, direkt einen neuen Raumsinn schuf er in den Sohlen und war über Lob schlechtweg erhaben.
Jetzt fuhr er mit den Augen den Ski entlang, bis wo dies einfachste und freieste Gerät sich aufbäumt und aus dem Planen löst nach oben. — Sein Herz schlug — er glitt los zum Sprung; immer rascher hinein in ein Vorwärts ohne jede Wahl. Hinein ins Ducken, Abschnellen, dann Hinausgerissenwerden in den Raum. — Dortendlos im Nichts hängen, im Nichts Richtung halten müssen — die Arme zu Propellern geworden — das Bewußtsein in den Sprunggelenken, ganz dem Aufprall entgegengespannt und dem hirnwirbelnden Schuß. Das Unbegreifliche dieses Aufpralls, dieses Schusses trieb dem Entrückten das Herz ins Hirn vor Blut und Eislust. Seine Hände fand er an den Rand der Wanne wie an einen Starkstrom hingekreuzigt, und kalte Sterne sprühten hinter seiner Stirn.
Erst in den mildernden Wellen des Geländes, als schon bremsende Hügel dem Schuß in sein Rasen gefallen, vermochte er die duffen Finger der Rundung des Emails abzureißen. — Atem stürzte wieder in ihn, doch er wußte noch nichts Rechtes mit ihm anzufangen; es donnerte sein Herz.
Bei Auto, Flugzeug, Motorboot — immer ist noch etwas eingekeilt zwischen Mensch und Schnelligkeit. Auf diesem Zwischengliede hockt er dann: ein beherzter und recht lobenswerter Affe. Einzig auf Schneeschuhen: veredelten Sohlen, sind sie endlich ganz allein miteinander, die Geschwindigkeit und er. Schräg über sanfte Kristalle stürzend, wird der Mensch da selbst zum Alpha und Omega der Bewegung — auf diesen seinen zwei federnden Sohlen hinausschwingend über sich und in ein neues Maß.
„Und da sagen die Leute so schlichthin: ‚Bretter‘,“ dachte Horus, „für ihre verrotteten Klim-Bim-Gasometer und hingehudelten Prunkbaracken aber erfinden sie Ehrfurchtnamen: ‚Musentempel‘ etwa oder ‚Palais‘.“
Und Leute — Leute trifft man da oben. Angeschossen kommen sie mit verglasten Augen aus dem Nirgendwo:wasserdichte Flügelwesen, prachtvoll ruppig, mit ungeheuren Eiszapfen an der Nase, und künden von firnen Ruheplätzen, wo sie das kristallne Huhn mit dem Hammer gegessen und die Suppe als Biskuit.
Geht man ihnen dann in ihre Passantenhotels nach, trifft man sie meist schon aufgetaut zu kleinen Philistern vor einem Schweinsbraten sitzen, die Seele nikotinisiert und dreier Vorstellungen nur mächtig: Windharsch — Pulverschnee — feucht-salzig ... oder sie stoßen über Daumenknorpel rechteckige Löcher in bandenlahme Billards und wollen es dann nicht gewesen sein.
Da sind sie trübe wie Lachen zerschmelzenden Schnees. Null Grad ist ihre kritische Temperatur — eher etwas darunter.
Halben Weges wuchs dann diese Wächte dem Berg aus gläserner Flanke, war aber unschwer zu umfahren gewesen. Schweizer Offiziere, die hier ihre Übungen abhielten, hatten es soeben getan. Nur als Letzter — der junge Leutnant tauchte grade über ihr auf, unschlüssig-lüstern und vorgeneigter Silhouette, bis auf das reglementmäßige Rhomboid aus grauem Filz auf seinem Kopf; das bockte schräg nach hinten in den Äther und war offenbar dagegen. — Die andern Offiziere lachten und winkten ab. Von hier unten, gegen der Wächte überstehend, sah man deutlich, sie hing ein Stück frei in den Raum.
„Ischt ja wie’s Schterbe,“ sagte der junge Leutnant, dann glitt er los.
Das Rhomboid aus grauem Filz sollte aber recht behalten. Drei Sekunden später saß es irgendwo — — schräg wie immer, doch ganz allein auf dem Schnee, indemsein Besitzer sich einem Kopffüßler gleich gebärdete.
Doch oben über der Schneebrücke aus gestirnten Kristallen zuckte jetzt eine zweite Silhouette aus dem Nirgends her: die Ganz-Weiße, Lanzenkeusche, neigte sich langsam wie eine Rakete vom Zenith ihres lichten Stiels.
Horus hielt den Atem des Erinnerns an. — Nein, noch nicht, immer noch nicht. Doch allzulange, allzu künstlich schon hatte er der Erscheinung gewehrt; Berge, Leute, blaue Fröhlichkeit dazwischen gehäuft, damit ihr Kommen daure — denn ihr Dasein war nur ein Augenblick.
Nun brach sie — ein Dämon der Anmut — durch den süchtigen Geiz seiner Vorfreude, hing über dem Sturzweg, halb Luft, halb Eis, stand niederfahrend einen Augenblick als Sturm an seiner Schläfe, goß sich in eine Kurve hinein — war ganz unten auf dem Schneefeld, nur eine blanke Nadel noch am Faden einer feinen Spur.
Hinter ihr nach glänzte der Weg.
Gargi aber hatte in auffliegendem Entzücken, in jenem lieblichen Sich-Auslöschen an einer reinen Freude, die sie ganz enthielt, feierlich — fast priesterlich gesagt:
„Ein Elf von einem großen Stern.“
Unter den Schweizer Offizieren hieß es mürrisch anerkennend: „Die fremde Dame“.
„Ein Elf von einem großen Stern.“
Gargi — Gargi hatte das Wort gefunden. Er sprang auf ins Nebengemach zu ihr, alles ihr mitzuteilen — mit ihr zu teilen. Ein Läufer in dampfenden Nebeln. Sein Torso gleißte. Lachend fielen sie einander in die Arme. Tropfen stoben.
In dieser Nacht ward Gargi ganz zur Fee Peribanu.Das Orchis- und Perihafte schöpfte sie ihm aus ihrer Duft gewordenen Tiefe. Jaspisgeschöpfe mit Teeblütenfingern — Götzen mit goldenen Nägeln der Wollust — umstanden sein Herz die ganze Nacht.
Wie, was androgyn-vollkommen, ausschwingt in weiterer Amplitude der Anmut, so hätte Gargi hinschwingen können in dieser Nacht bis hinüber in das Lanzenkeusche, Unumarmte: auch dort noch sie — sie selbst auch dort noch: des eignen Iches andrer, silberner Rand. Doch war es noch nicht an der Zeit.
Hüterin des köstlichen Potentials, wahrte sie der Phantasie des Mannes — aufduftend als Asien in seinen Armen — die Weite eines ganzen Kontinents zum Reiz, an dessen Ende nicht mehr stand — noch nicht mehr stand — als auf Kristallen eine blanke Nadel am Faden einer feinen Spur.
Son Altesse Imperial le grand duc Wladimir Michailovicset suite
La Princesse Helena Petrowna Karachanet suite
las er in der Liste des Astoria als neue Gäste. So sollte er Helena Karachan begegnen, seiner Mutter Gespiel, jener einzigen Europäerin, von der sie je gesprochen. Tochter aus der morganatischen Ehe eines Großfürsten mit einer kaukasischen Prinzessin, hatte ein wilder und prachtvoller Ernst einen Teil ihres Wesens zur Medizin hingerissen, sie schon damals — ganz jung — zu einer der ersten Ärztinnen gemacht.Eine Hobby, die man der großen Dame gerne nachsah, schränkte sie doch hochdero Zeit für noch Bestürzenderes ein, denn gefaßt war man auf alles.
Früh verwaist, galt sie von je als Lieblingsnichte eben jenes Großfürsten Wladimir Michailovics, ihres Vaters einzigen Bruders. Vordergrundsdaten. Eigentliches wußte er um sie aus einer Klangfarbe in seiner Mutter Stimme: dem glücklichen, tiefübergoldeten Gong, der nur Ebenbürtiges einzuschwingen pflegte — so lebendig seinem Ohr, daß auf diesen fast körperlichen Wellen die entblätterten, toten Züge zurückkamen, sich aufrichten durften — faserfein — als ganzes Antlitz wieder um diesen Kern von Klang, als Glockengesicht — das silberzüngige Orgelgesicht, wie er es im stillen für sich nannte.
Nun war Helena Karachan da, ein Wesen aus Diana Elchos ihm unbekannter, früher Welt, und er sollte sie sehen. Eine kaukasische Prinzessin: geschmeidedurchrieselte Flechten langniederfallend auf milchweiße Fesseln, azurne Schleier und klare Knaben, die Türkise ihrem Weg streuen.
Zumdinnerkam er ausnahmsweise in den Grillroom, schmeichelte für diesmal sogar Gargis Widerstand, solchen gemeinsamen Anfängen der Verdauungstätigkeit auch nur als Zuschauerin beizuwohnen, hinweg, ließ sich ein Tischchen anweisen, an dem die Fürstin vorüber mußte, das auch den Blick durch Glastüren in einen ihr reservierten kleinen Saal frei ließ.
Nein, der Großfürst sei noch nicht eingetroffen, berichtete dermaître d’hôtel, vorerst die Prinzessinet suite.
Nun kam, zwischen aufgerissenen Flügeltüren, sie selbst.
Der schwabbelige schwarze Kaftan, durch den sich wilde Formen wälzten, war glitschig von Bratensauce und Eigelb; darüber hing, bis zu den Knien, eine Märchenkette nußgroßer Perlen von kaum abzuschätzendem Wert. Die Füße staken in karierten Schlapfen.
Sie schob sich in merkwürdigen Kreissegmenten sehr schnell vorwärts, offenbar hatte man die ungeheuren Schenkel bandagiert, um ein Wundreiben zu verhindern. Von den Armen hingen ihr zwei Reticuls — schwer wie Rucksäcke — der eine mit Konfekt, der andere mit Tabak gefüllt. Die großen längsgerunzelten Ohren waren mit Antiphonen abgedichtet gegen jeden Lärm, vor den Augen trug sie eine Autobrille mit gelben Scheuklappen.
In ehrerbietigem Abstand folgte ein flohbraunes Lemurenmännchen, das diese äußerlich erzwungene Distanz durch eine keineswegs fundierte Familiarität den übrigen Anwesenden gegenüber ins betulich Zirkusmäßige zu zerwitzeln offenkundig bestrebt war. Ein zweites Männchen, ebenfalls von polnisch-semitischem Typ, begleitete seine Herrin nur bis zu ihrem Separée und erhielt seinen Platz unter den übrigen Hotelgästen angewiesen.
Doch auch an den Flohbraunen richtete die Fürstin während der Mahlzeit kaum das Wort — füllte die Pausen der Gänge, indem sie aus dem Rucksack zur Rechten Bonbons verschlang, dem Rucksack zur Linken unaufhörlich Tabak entnahm und zu Zigaretten drehte, die kaum angerauchten aber spie sie sofort wieder weg.
Aß dann wie ein Oger. Mit tadellosen Bewegungen der langen, edel gebliebenen Hände. Das Embonpoint der Fürstin schien nicht an ihrem Kaftan enden zuwollen, war irgendwie ein respektloses — ein anarchisches Fett, evaporierte vielleicht heimlich, um sich, ganz weit weg, plötzlich auf einer firnen angelsächsischen Hemdbrust mit einem Klatsch niederzuschlagen; ganz gut zuzutrauen war ihm so etwas. Lag dergleichen in der Luft? — Bis zum vierten Tisch in der Runde, und trotz Glastüren, begann dermaître d’hôtelimmer wieder nervös über Gabel und Messer zu fahren, als kröchen dort Ölflecke aus.
Nach demdinner, unausgesetzt kauend und rauchend, ging sie ins Spielzimmer. Der kleine polnische Jude wartete bereits vor einem Schachbrett. Unterdessen war im großen Musiksaal ein Wohltätigkeitskonzert ausgebrochen — die Neujahresrechnungen der Couturiers drohten. Irgend jemand plärrte bereits Patschuligebete von Gounod.
Eine Lady Patroneß näherte sich mit dem irrsinnigen Pferdegrinsen europäischer Gesittung dem Schachtisch: „Wollen Sie nicht zu unserem Konzert kommen, Fürstin?“
„Ja, es ist entsetzlich, wieviel Dreck einem unaufhörlich in die Ohren getutet wird.“
Und ohne auch nur aufzusehen, schob die Karachan mit hörbarem Knall ihr Antiphon wieder in das Runzelohr:
„Manasse, Sie sind am Zug.“
Es waren ihre einzigen Worte an diesem Abend.
Wie man einem bockenden Nilpferd achselzuckend ausweicht: „It’s the nature of the beast,“ so entfernte sich die Lady Patroneß.
An einem der nächsten Tage kam Manasse und forderte Horus zu einer Partie Schach auf, wie er durchblicken ließ, auf Geheiß der Fürstin. Im übrigenignorierte sie ihn genau wie den Rest der Gesellschaft. Nur zu markanten Persönlichkeiten — Menschen mit etwas wie Köpfen: dem vercherubten Aasgeier Elihu Lincoln Rosenbusch, auch Archie Payne, kam regelmäßig Manasse, um sie dem Schach zu gewinnen, denn er war ein faszinierender und außerordentlicher Lehrer.
Horus, der all seine Zeit auf Skiern verbrachte, hatte nach einigen Partien weiteres Spiel abgelehnt. Da ließ sie ihn sich vorstellen.
„Ich habe die Freßsucht,“ und auf den kleinen Lemur deutend, „das ist mein Darmlakai — oder heißt es Internist, kurz einer, der eine Lebensrente dem einmaligen ‚großen Schnitt‘ am Patienten vorzieht.“
Der also Eingeführte rutschte nervös hin und her — warf überquer allerhand Angelhaken nach Einverständnis.
„So hat Manasse versagt, Sie einzufangen,“ fuhr die Fürstin fort, „schade, Sie sehen begabt aus. Wissen Sie denn noch nicht, daß bei dieser heillosen Rasse eben alles zum Unheil ausschlagen muß — auch die Intelligenz — vielmehr gerade diese. Da sperrt man sie noch am sichersten ins Schach. Dort ist sie wenigstens unschädlich; eingekapselt wie eine Trichine.“
Und Horus sah zum erstenmal, daß dies Gesicht als schmaler Docht in seinem eigenen Talg stand, daß da vielleicht eine hohe Seele sich hinter einem Sack voll Eingeweide verschanze, hinter Autobrillen und Antiphonen, Tabak, Zynismus und Fraß.
Ihm schien, als wäre er hier zum erstenmal in Europa auf einen Menschen gestoßen, zum mindesten auf menschliche Überreste. Doch woher solcher Verfall — solcherRuin? Er fühlte: diese blutigen Fleischstücke, diese Fisch- und Fettgerichte ohne Zahl — eigentlich fraß sie an ihnen immer nur wieder ihren Harm in sich hinein, wurde daran noch gelber, fetter und böser. Manchmal schien sie am Ziel: alles in pausenlosem Speisebrei breit animalisch zu ersticken. Litt dann augenscheinlich nicht mehr, verdaute ihr Leid, nur die beispiellose Brutalität des Ausdrucks — die auserwählten Gemeinheiten der Worte bei dieser wahrhaft großen Dame — lagen als erstarrte Schlacken einer einst feurig-flüssigen Qual immer noch im stumpfen Heute herum.
Mit offener Verachtung gegen die ganze Gesellschaft einzelte sie nur Horus heraus und Gargi, die sie Peribanu nannte, sprach aber auch mit diesen beiden manchmal tagelang kein Wort. Nie war Diana Elchos erwähnt worden, als wolle sie an nichts aus der Zeit ihrer jungen Höhe erinnert werden. Doch wußte sie, wessen Sohn er war. Er sah es deutlich am gierig gequälten Blick, der die Bewegungen entlangfuhr, in denen er seiner Mutter glich. Einmal, bei einer weiten, impulsiven Wendung aus den Schultern heraus, hatte die Fürstin, eine von Lorgnons starrende Umwelt völlig ignorierend, jäh seinen Kopf gepackt und ihm zärtlich, zornig in die Augen gesprochen:
„Nicht, Baby, nicht.“
Was sie, aus deren Herz das große Auge in den Raum wuchs, wohl empfunden hätte bei diesem Wiedersehen. Verse kamen ihm von einem, der ihr an Wort und Art wie ein früher kindlicher Bruder glich: