„Die meine Gespielen waren, die sind träge und alt.“
„Die meine Gespielen waren, die sind träge und alt.“
„Die meine Gespielen waren, die sind träge und alt.“
„Die meine Gespielen waren, die sind träge und alt.“
Oft, nach tagelangem Schweigen, wieder ein Stromvon Hohn: „Ich stehe nämlich unter Kuratel: Freßsucht — verminderte Zurechnungsfähigkeit. Das bedeutet: zwei rechtskräftig bestellte Konsortien von Dieben, eins in Petersburg, eins in Tiflis, mit den dazugehörigen Paragraphenfallotten, versuchen, jedes gleich heftig, mein Geld auf die Seite ... auf seine Seite zu bringen, so daß es gerade über mir schweben bleibt. Krepieren darf ich nicht, sonst fällt das Vermögen aus ihren vormundschaftlichen Klauen heraus, darum ist der Darmlakai offiziell bestellt, die Diät zu überwachen — verkauft mir das Pfund Konfekt zu hundert Rubel und läßt sich mit der gleichen Summe bestechen für jeden Extragang.“
Doch auch der Flohbraune, er hieß Sobelsohn, suchte Vertrauen:
„Was soll ich Ihnen sagen! Unausbleibliche Folgeerscheinungen eines vor fünfzehn Jahren vorgenommenen operativen Eingriffs,“ erläuterte er sachlich anerkennend. „Totalexstirpation. Nu, Sie begreifen — keine Libido mehr, keine innere Sekretion — der Gesamtausfall an Leben bei einer so temperamentvollen“ — er grinste — „so hochgespannten Persönlichkeit, bei andern Frauen merkt mans oft kaum ... Unsere Wissenschaft jedoch,“ ein gockelhafter Rausch ließ seine Stimme sich überkollern, „schreitet selbstredend so glänzend — nu, so phänomenal glänzend vorwärts, daß heute kein Fachmann mehr daran denken würde, im Fall der Fürstin — es handelte sich um eine relativ geringfügige Sache — gerade diesen Eingriff auch nur vorzuschlagen! Von Stufe zu Stufe eilend, in rastlosem Forscherdrang, auf jeder gleich lichtvoll, gleich bewundernswert ...“
Er schrak ein wenig zusammen, unter dem Taumelder Fachbalz war die Fürstin unbemerkt herzugetreten.
„Pariser Hutmoden? Ach so, die chirurgischen. Unmöglich eine andere als die momentan moderne Operation zu bekommen, lieber Elcho. Wie bei der ‚Modiste‘ mit den Hüten. Wer den Schwachsinn des Augenblicks nicht mitmachen will, wird von der Clique der Interessenten mit dem Bannstrahl belegt.
„Nur daß man den vorjährigen Hut heuer nicht mehr zu tragen braucht, die vorjährige Operation leider stets. So trägt die Weiberherde immer eingeschnitten Marke und Datum des jeweiligen gynäkologischen Pferchs. In jedem Dampfbad können sie an Art und Lagerung der Schnitte die ärztlichen Moden der letzten Generationen studieren.
„Jahresringe der Wissenschaft am Bauch der Frau.
„Wir Alten tragen die machtvollen Spuren der Totalexstirpation, aus Zeitläuften, wo man das fröhlich machte, ohne süßes Ahnen, daß Gesamtverblödung, Schwund der Persönlichkeit erfolgen müssen. Kurz, was jeder Vollsinnige sich eigentlich ohne Experiment hätte sagen können, daß, wenn man einem Sexualwesen, wie der Frau, ihr zweites Ich, ihr großes Ur-Ich ausreißt, dies ihr immerhin schaden dürfte. Darauf waren sie aber dann besonders stolz, feierten es als höchsten wissenschaftlichen Triumph, herausgefunden zu haben, ihre Operation trage Ursach am Zugrundegehen des Patienten.“
Eine Zigarette nach der andern drehend, sprach sie wie im Fieber fort:
„Der vorletzte Wurf weist als Uniform der Verunstaltung den queren Blinddarmschnitt auf, die ganz jungen Frauen aber erkennt man an der Marke: Eierstockzisten.Da wird es wieder so zwanzig Jahre dauern, bis an den feineren Karnickelreaktionen, Versuchen an temperamentvollen Lurchen sich die desaströsen Folgen erweisen und Frauen in der Zeitung lesen können, welche Sinne ihnen damals eigentlich weggesäbelt wurden.
„Die ganze Chirurgie lebt ja von Verstumpfung, Vergröberung, sinnlicher Verarmung einer Menschheit, die gar nicht mehr von selber draufkommt, daß eine Reaktion entfällt, schneidet man ihr Organteile heraus. So haben es die Leute jahrzehntelang nicht gemerkt, wie sie zu Kretins werden, entfernt man ihnen die ganze Schilddrüse, wie sie vergreisen, wo die Generationsdrüsen fehlen. Begreifen Sie, Elcho: einfach nichtgemerkt, welche Edelrasse! Erst an den Ratten hat sich dann der ganze Betrieb als unhaltbar erwiesen; die drüben von der Biologie haben das Geschäft verpatzt, eine Verlegung der Finanzoperationen nötig gemacht.
„Und ihr Internisten,“ sie fauchte gegen Sobelsohn, „ihr seid die Lanzettfischchen dieser Schwerthaie im Ozean der Verstumpfung. Da hat man Eisen, Phosphor, Schwefel, organisierte Minerale, Verbindungen und Aberverbindungen aller chemischen Elemente in einer Feinheit und Variation im Körper, die organische Chemie noch lange nicht darzustellen vermocht.
„In diesen zartesten Chemismus der Welt — fein, daß an ihm subtilste Reaktionsmethoden noch versagen, schüttet ihr nun — damit ja nichts auf dem Kehrichthaufen der Farbfabriken verkomme, deren Aktionäre ihr seid — eure Medikamenterelativtonnenweise hinein, wo die Natur nur in homöopathischen Dosen regulieren kann und soll. Da wird mit Hilfe eurer scheinbar harmlosenHydrogauner in Bädern und Sommerfrischen dem Publikum erst einmal der Unfug der Unselbständigkeit angezüchtet. Daß einer erst einen Arzt fragen muß, was er essen soll — der es ebensowenig weiß — noch als Erwachsener seinen Leib: den Kern der Sinne so wenig empfinden gelernt hat; so etwas war ja seit Anbeginn der Kreatur noch nicht da — außer vielleicht bei einigen Arten degenerierter Raubameisen, die sich im Bau eigenes Geziefer halten müssen, weil sie ihr Futter nicht mehr allein zu finden imstande sind.
„Hier mörtelt sich der Sonderschwindler, pardon: Spezialist, dem Gefüge ein. Hier kommen die Alchimisten der Medizin zu Wort. Eigene Lehrstühle werden errichtet zur Überleitung eines Gebrestes ins andere — daß nur nichts verloren gehe. Man muß es ihnen lassen: die Transmutation der Krankheiten ist lückenlos gelungen. Fundament aber bleibt stets die natürliche Schlechtrassigkeit; auf dieser wird durch falsche Pubertätshygiene zuvörderst Bleichsucht gezüchtet, aus dieser durch Überfütterung Fettsucht — aus dieser im reifen Alter durch Sarkomdiät: Diabetes. Dann sagen sie: Koma — und kommen sich weise vor.
„Sterben aber darf einer noch lange nicht — oh, das kostet noch Tausende. Adrenalin, Theobromin, noch ein Stich in die arme zähe Haut und noch eine Injektion.
„Schon will der letzte Atemzug in die Erlösung schlüpfen, da spießt ihn wieder eine neue Spritze irgendwo auf.
„Daß die Leute einmal in Frieden sterben durften, wie vergessenes Paradies klingt es ums Ohr. Aber auch in ihrer Krankheit dürfen sie nicht Ruhe finden. Daß der gleiche Mensch sein Leben lang nur ein Leiden habe— es wird nicht gern gesehen. Verpatzt die Statistik. So treibt man eine Krankheit mit einer andern aus, läßt ein Organ durch das andere einschweinzen, und aus jeder Abteilung wird der Patient geheilt entlassen.“
„Nu, was soll man denn tun mit ihm? Man muß doch lernen. An wem soll man lernen? — Die freie Wissenschaft wird doch noch probieren dürfen,“ ereiferte sich Sobelsohn.
„Gewiß — was aber mich, die in eine falsche ‚Frühlingsmode‘ Gekommene, empört, ist diese Bonzen- und Unfehlbarkeitspose für jeden Humbug des Augenblicks. Muckt aber einer aus dem Pferch auf, habt ihr so Abrakadabra-Worte wie: Eiweißzerfall — und schlotternd bricht der entsprungene Laie wieder ins Knie.“
Sie wurde infernalisch suav:
„Im übrigen verschließe auch ich mich den mancherlei Vorteilen des Wechsels nicht: wer sich zum Beispiel eines Kindes entledigen will, braucht nur ein ihm passendes Jahr abzuwarten, dann einen Kinderarzt extremer Moderichtung — irgendeinen rabiaten Eiweißianer oder Blinddarmentzünder beliebiger Observanz — kommen zu lassen und — wirklich zu tun, was er vorschreibt.“
„Wie bringen Durchlaucht dann den immerhin vorhandenen Prozentsatz lebender Kinder mit der Vorschrift, ärztliche Hilfe anzurufen, in Einklang?“
„Durch die rettende Fahrlässigkeit des Dienst- und Pflegepersonals, Sobelsohn. Sie vergessen, ich sagte ausdrücklich: tun — tun müsse man, was er vorschreibt. Ich, die in den Spitälern halb Europas gearbeitet habe, kann Ihnen sagen, daß noch nie eine Anordnung genau so ausgeführt wurde, wie der behandelnde Arztgeglaubt. Darum sind eure Statistiken falsch. Fachbehandlung, gemildert durch Schlamperei.“
„Nu, und die Asepsis, Fürstin — wollen Sie auch nörgeln an unsrer Asepsis?“
„Nein, denn sie ersetzt den Juden den Katholizismus. Man muß das nur gesehen haben, was ihr da treibt, ihr profanen Pfaffen des Leibes — bei einem der hohen Infektionsfeste: etwa Scharlach. Was da für ein hieratisches Zeremoniell entfaltet wird: die weißen Weiberröcke der zelebrierenden Ärzte — das Lysolopfer — der Bakterienexorzismus — die symbolischen Waschungen. Wie Ostern in Rom.“
„Ist Ihnen sonst noch was nicht recht an uns, Durchlaucht?“
„An euch.“ — Die Drehung ihrer Schulter war verächtlicher als je ein Wort. —
„Über Mißbrauch und Verzerrung eines Amtes, euch zu Unrecht verliehen, wer möchte da richten, wiewohl ihr’s etwas reichlich treibt. Doch eine Menschheit richtet sich selbst, die, instinkt-irr und salopp, das oberste Amt der Art: das Amt des Arztes, so wenig achtet, daß sie wahllos über ihr Schicksal hinwimmeln läßt, was Geschäft oder Drang oder Zufall eben erst heraufgespien aus jeder Tiefe, hin zu Jus, oder Schmieröl, oder Medizin oder Knoppernhandel: ungereinigt — unerprobt. Das oberste Amt der Art: das Amt des Arztes:
Aus Sinnenzartheit und Sinnenschärfe, aus Kraft, Anmut und Vitalität den Erzengel der Erde erziehen, pflegen, hüten helfen, das dürfte nur nach Proben, furchtbar und herrlich, in die Hände jener überantwortet werden, die ringsum ausgeblüht in langen, edlen Mühen — weisere,feinere, lichtere Organe sich selbst errungen, als uns Armen vergönnt.“
Helena Karachan hatte die letzten Sätze fast ausschließlich an Horus gerichtet, der, wie benommen von ihrem Schicksal, wie er es nun begriff, erschüttert und schweigend allem weiteren gefolgt war. Nun schien es ihm Zeit, in Leichteres unbemerkt zurückzulenken.
„In China,“ lächelte er, „ist es Sitte, den Arzt nur so lange zu honorieren, als man gesund bleibt.“
„Wie entzückend,“ rief die Fürstin, „wie weise auch. So lernt er etwas von Gesundheit verstehen — bei uns versteht der Arzt im besten Fall etwas von Krankheit.“
Sobelsohn aber hörte schon lange nicht mehr; vergnügt bis zu den Weisheitszähnen, memorierte er das mit dem „Erzengel der Erde“ und den „lichteren Organen“. —
Spaß würde das geben mit den Kollegen bei der nächsten Naturforscherversammlung. Für die „zwanglosen Zusammenkünfte“ war es gut, immer so Geschichtchen auf Lager zu haben, die großen Tiere lachten dann — wurden aufmerksam auf einen.
Was war das für ein Hallo gewesen das letztemal, als der kleine Fekete Attila aus Budapest plötzlich gefragt hatte:
„Wollen Sie meinen Sohn sehen?“
Und aus der rechten Rocktasche ein kleines Einsiedeglas mit einem Embryo in Spiritus hervorgezogen hatte.
Kaum schien das Gelächter abgeflaut:
„Wollen Sie meine Tochter sehen?“
Und nun war aus der linken Rocktasche die gleiche reizende Überraschung gekommen. — „Ein emsiges Bürschel.“
Es hatte schwer geschneit — fast grau. Föhn über den Höhen wühlte böse blaue Trichter in einen löwengelben Dunst:danger of avalanchesstand auf breiten Tafeln in den Hallen der Hotels.
Genia Waanebeeker hatte die Scheidung ihrer Eltern flotter betrieben, seit Linda Bordone durch Demütigungen aller Art dem Onkel in Bologna doch noch die fehlenden 50000 zur Mitgift zu entwinden vermocht und nun mit Archangelo Cavadini verlobt war. Genia störte das wenig. Er hatte eine verrottete Art, die Hand zu geben, und eine perfide, sie um eine Reitpeitsche zu ballen.
„Ich kaufe den Gauner,“ entschied sie.
Eine böse Wärme war an ihr herabgehaucht aus der Haut dieses der Amerikanerin neuen Typs: südliches Männchen, das auf Weibern lebt. Ihre eminent praktischen Nerven — wiewohl noch unerfahren — rieten zum Geschäft. Und Genia war fünfundzwanzig Jahre alt. — Dieup-townunddown-town clerkszu Hause: — das wurde automatisch amweek-endaus einemcity-block: so einem Kubus dummer Kraft, herausgeschossen, selbst ein kleinerer Kubus aus Homespun, endend in Stiefelkuben aus Leder; gab die Pfote kunstlos wie ein Bernhardiner und nahm die Reitpeitsche zum Reiten.
Heiratete man, blieb eigentlich alles gleich: Kleider, Hüte, der jährliche „trip to Paris“, Haufen von Geld. Genia kam sich sehr ins Ideale gehoben vor, daß ihr das nicht genüge. Nein, zum Geldverdienen waren die Eltern da — nicht nurdad, auchmommohatte noch Verpflichtungen. Da war ein Jugendfreund in Minnesota. Genügend alt jetzt und vermögend ... auchhatte sich der Gynäkologe ihrer Mutter, auf Genias Erkundigung, durchaus beruhigend hinsichtlich etwa drohender Geschwister geäußert. Selbst wennmommoso perfid hätte sein wollen. Daßdadnicht mehr heiratete, dafür mußte natürlich gesorgt werden; Archangelo aber würde bei der einzigen Erbin zweier Vermögen sich schon vorläufig mit einer Rente begnügen.
So hatte sie spielend, es war vor vier Tagen, eine Szene zwischen den Eltern in Gang gebracht. Hoffentlich die letzte. Mit blutgesprenkeltem Blick wardadzum Telephon gestürzt — hatte aus dem Dorf Giuseppe Piatti bestellt — sich in Skidreß geworfen, und war fort mit ihm. Erst zur Hütte, dann irgendwo hinauf; sein Gepäck solle man nach Zürich an die Adresse seines Anwalts schicken; direkt führe er nach der Tour hinunter.
Heute war Tango-Tee im Palace. In der Frühe des Nachmittags stoben Gerüchte auf, vor drei Tagen sei in der Suvrettagruppe eine Lawine niedergegangen, Spuren führten in sie, aber nicht mehr heraus. Man depeschierte an den Züricher Anwalt, bis jetzt war keine Antwort eingetroffen, noch konnte man also zum Tango-Tee. Abends lastete dann allerdings die ganze Verantwortung der Situation auf den beiden Frauen. Genia war tief erregt:
„Du kannst doch nicht Crêpe tragen, solange die Leiche nicht gefunden ist — eine Woche kann man verschüttet in einer Lawine leben.“
„Ich will doch nur das Korrekte tun.“ Mrs. Waanebeeker entrüstete sich — „aber man hat ja kein Beispiel. Nie noch war jemand aus unsrer „set“ verschüttet.“
„Dunkel, aber nicht Crêpe,“ entschied Genia.
Bis tief in die Nacht hinein war ein Hin und Wieder auf den Korridoren. Waanebeekers verhandelten mit der Rettungsexpedition. 30 Frs. pro Tag und Mann? — Das war ja horrend. Gut, fünf Mann sollten gehen.
Die Leute lachten. Die Lawine war durch die Talsohle gegangen, die andere Bergseite hinauf — hatte die Verunglückten vielleicht weit mitgerissen — auf zwei Kilometer, wenn nicht auf vier, mußte gegraben werden.
„Also dann sieben Mann. Aber um Himmels willen, es gab doch noch Piattis — der Andrea würde sich doch nicht bezahlen lassen, feilschen, wo es die Rettung seines Bruders galt. Piatti müsse noch gratis mit. Also mit Piatti acht.“
Der nächste, ein kalter und klarer Tag, klang voll Schellen. Archie Payne hatte zwanzig Schlitten bestellt zu einem Champagnerpicknick nach der Unglücksstelle. Man würde auf der Lawine selbst frühstücken.
Es war eben eine jener Eingebungen, die ihn so populär machten.The right man in the right place.Er triumphierte. Die Principessa Dango fuhr in seinem Schlitten, sie, die ihm bisher kaum den Fuß gegeben — geschweige die Hand. Zwei Schneeleoparden hatten sich um ihren Hals verbissen, das Gesicht war ihr mit einer köstlichen, handgeklöppelten Krätze aus Brabant bedeckt. Rankenwerk stieg aus der Nase, und Gruppen kleinerer Tiere aus feinstem Zwirn überliefen die Wangen. Ein Leopardenembryo saß als Toque im Henna. Archie fürchtete sich ein wenig, er hatte sie noch nie so nahe gesehen, der Snob im Herzkästlein aber strahlte ihmlicht, denn Strondoli mußte ganz rückwärts zu Madame Bavarowska steigen.
Gloria Rawlinson, wunderschön in weinroter Affenhaut, wie es dann im „Herald“ hieß, fuhr mither grace of D.und Monseigneur. Auch die Cadogans waren dabei, du Perron, die liebliche Margot, Quadrupedescu, Muriel Hitchcock, die Raeburn-Girls. — Horus war nicht dabei, wußte nichts von dem Picknick, hatte sich in der Nacht der Rettungsexpedition angeschlossen.
Die Damen Waanebeeker — dunkel, doch nicht in Crêpe — erwarteten unterdes auf ihren Zimmern die Ankunft des Anwalts aus Zürich.
„What a beautiful boy,“ sagte die Principessa Dango — als Italienerin von Rang sprach sie meist englisch, hob das neronische Einglas aus Smaragd in die Richtung des pauvren Fadens der Rettungsmannschaft, die, jetzt ganz nah, sich mit ihren Schaufeln in den Lawinenkegel einzuwühlen versuchte; so aussichtslos für diese Wenigen, denn zerrissene Bäume und Geröll mischten sich überdies den Schneemassen.
„What a beautiful boy,“ wiederholte diePrincesse macabre.
„O, Elcho — — hallo, Elcho!“ und Archie winkte mit der Serviette —
„Principessa kennen ihn noch nicht? Berüchtigter Sklavenhändler aus dem dunkelsten Osten oder so was. Eigne Jacht —first rate. Gar nicht so jung, wie er sich macht. Steht mit seiner Schwester oder Tochter in Beziehungen, die das Gesetz nicht gerne sieht, gibt sie daher für seine Gattin und indische Prinzessin aus, streicht sie auch olivenfarben an, das verwischt die Ähnlichkeit. Sperrtsie im übrigen meist ein, mit einem chinesischen Drachen als Wache, und gibt ihr nichts zu essen; die arme Puppe hat noch kein geradegewachsenes europäischesdinnerzu kosten bekommen.“
„Es ist etwas dran, sie sehen sich irgendwie ähnlich,“ mischte sichher grace of D.wohlig angeekelt ins Gespräch, „wie skandalös — ein Familienzug in den Bewegungen — auch die leichten langen wagrechten Augen, nur daß seine hell und ihre dunkel sind oder scheinen sollen, wissen kann man es ja nicht genau, bei diesen lächerlichen Wimpern.“
„O, die Wimpern,“ jubelte Archie. „Sir Osmond, erzählen Sie doch die Geschichte mit den Wimpern.“
Der schmunzelte: „Keine Geschichte — ein Wort höchstens. Nun, Sie wissen ja, wie Madame Bavarowska ist — scharmante Frau — nur ein bißchen Steinzeitpersonnage. Wir waren alle zusammen in dem gleichen Hotel in Paris. Madame Bavarowska sitzt neben dieser jungen Prinzessin oder Miß Elcho oder Mrs. Elcho, wie Sie lieber wollen. Plötzlich greift sie nach diesen berühmten Wimpern — zupft ein wenig daran, besieht ihre Handschuhe auf Koholspuren, findet keine, fragt ägriert:
„Wie macht man das.“
Da sagt dieser väterliche oder brüderliche Geliebte ganz ernst — ganz sachlich:
„Angeklebte Fliegenbeine aus denGaleries Lafayettesin Bagdad, das laufende Meter zu einer Zecchinesix pence.“
„Doch recht brav für so einen Wilden,“ rühmte Archie — jetzt ganz Manager und Impresario.
„Und nichts war ihnen in Paris gut genug,“ erinnerte Winifred Cadogan Lady Eveline — „weißt du noch, bei Callot, bei Cheruit, bei der Chanel. Die Leute schwitzten Blut, wollten aber die große Bestellung auch nicht verlieren — alles mußte neu entworfen werden, kein Modell fand Gnade — und man sollte doch meinen, solch asiatische Provinzler ließen sich alles anhängen.
„Das Resultat war allerdingsstunning. Der Manager von Martial & Armand versicherte, käme der Mann wegen Inzest ins Kriminal, er engagierte sie vom Fleck weg als Mannequin — so hätte ihm noch niemand seine ‚Creationen linear entwickelt‘ — was immer das heißen mag.“ — Winifred hielt nichts von Fremdworten.
Die Principessa Dango aber reagierte nicht — hörte nichts von diesem indirekten Angriff, war doch schon in ihrer Gegenwart von andrer Eleganz zu sprechen Sakrileg. Er war jetzt ganz nah — in Greifweite ihrer Augen. Taub für Zurufe und Einladungen, ignorierte er die ganze Picknickpartie völlig, schien mit irgendwelchen Messungen beschäftigt. Sie sah ihn hier zum erstenmal. Im Astoria war es schwer, in ihreMerkwelt zu gelangen; am Abend, weil das kobaltblaue Pulver auf den Lidern eine gewisse Starre der Blickrichtung forderte, nur was unmittelbar im Sehfeld lag, konnte aufgenommen werden — bei Tag, weil der Einfallswinkel des Hutes stets größere Teile der Umwelt ausschloß. Hier, in der Schlichtheit ihrer Schneeleoparden mit Brabanter Points, war es unbehaglich frei und weit, voll neuer Gesichter auf einmal.
Warum begrüßte er niemanden — welche Affektation —gab nur mit dem Fuß einem Champagnerkorb einen formidablen Tritt, der gerade im Wege stand. Eigentlich war er auch gar nicht hergekommen, vielmehr das Picknick ihm allmählich in sein Arbeitsfeld gerutscht. Erst hatte man sich an der Stelle gelagert, wo die Spuren verschwanden, dann aber war jeder der Damen alle paar Minuten gewesen, als vernehme sie irgendwo aus der Tiefe Seufzer oder Gestöhne. Natürlich wanderten hierauf Flaschen und Sandwichschüsseln den unheimlichen Lauten nach — immer weiter auf die schon konsolidierte Lawine hinauf.
Als Horus, wieder bei seinen Leuten, zur Schaufel griff, fühlte er etwas wie eine entschuldigende Haltung hinter sich:
„Kann ich irgendwie von Nutzen sein?“
Er wandte sich und sah in Sir Osmonds Gesicht. Das alte englische Herrengesicht, zwischen weißem Schnurrbart und weißem Haar, füllte sich langsam mit einem hellen Rot.
„Eine reizende Eigenschaft angelsächsischer Epidermis,“ dachte er. „Eine Art prästabilierter Harmonie zwischen ihren Taten und Vasomotoren“ — und er gab ihm eine Hacke zu beliebigem Gebrauch.
Dann entstand Aufsehen: die Principessa Dango erklärte plötzlich, sie wolle zur Rettungskolonne und schaufeln. Drei Schritte war sie schon gegangen. Strondoli hinter ihr sagte nichts als:
„Impossible.Um zehn Uhr Kostümball im Carlton — jetzt ist es halb zwei,impossible,“ dann geleitete er sie hinunter zum Schlitten.
Doch der Sensationen sollte kein Ende sein. Auf einmalbog um die Talnase ein endloser Zug an Menschen und Vieh: Kolonnen von Pionieren — hundert — zweihundert — fünfhundert Mann, Lastpferde daneben. Sie behaupteten, erst die Vorhut zu sein — Bergbauingenieure aus dem Rheintal seien telegraphisch herauf beordert, noch heute Nacht würden Schneepflüge eintreffen. Mürrisch fraß peinliche Anerkennung um sich. In etwas gestörter Stimmung erfolgte der Aufbruch. Um zu glossieren, daß nichts geschehe, war man doch all die Stunden heraufgefahren; wie kam man jetzt dazu?
In der Hall des Astoria fand Archie Payne ein artfremdes Wesen, einen Regenschirm mit ungeheurem Horngriff zwischen den Beinen. Es wartete scheinbar auf den Omnibus zur Bahn. Archie lud es zu einem „maiden’s blush“ in die Bar, denn er vermutete in ihm den Anwalt aus Zürich.
„Leicht zu liquidieren?“ frug Payne, auch Cavadini war hinzugetreten. „Man spricht von einer Million bar für jede der Damen?“
„Vorläufig keinen Cent,“ und der Fürsprech strich mit dem Horngriff seines Regenschirms den Schnaps im Schnurrbart glatt.
„Nicht — einen — Cent, ehe die Leiche gefunden und einwandfrei agnosziert ist, sonst gilt er für das Gericht lediglich als verschollen, und die Todeserklärung, nebst Freigabe des Vermögens, erfolgt erst nach drei Jahren. Im Frühling aber, bei plötzlicher Schmelze und Hochwasser, können die Reste leicht fortgeschwemmt werden ... es ist riskant.“
Archie, Fäuste in den Hosentaschen, warf sich hintüber und biß in den Plafond vor Lust.
Am Abend hatten Waanebeekers ihre frühere Beliebtheit in vollem Umfang wieder erlangt.
Um sieben, vor der Abreise des Fürsprechs, war es noch etwas peinlich geworden. Die Wittib Piatti kam in jener unerträglichen Haltung europäischer Mittel- und Unterschichten bei Schicksalsschlägen. Nicht aus Mangel an Herz — aus mangelndem Instinkt für natürliche Gesittung fallen sie in jene greinende Kinogeste, die das echte Leid überlügt und zwecklos entwürdigt. — Flucht oder Brutalität — ein drittes ist da schwer.
Es ergab sich, daß die Wittib Piatti vor Schmerz zuvörderst nicht sitzen konnte; sie schleifte ein wildfremdes Kind rastlos im Zimmer herum und schüttelte es drohend gegen die Damen Waanebeeker, ließ hilflose Posen mit erpresserischen abwechseln. Endlich kam es heraus: den Führerlohn für die Tour wollte sie ausbezahlt haben.
„Den Ganzen?“
„Natürlich.“
Nun war Mrs. Waanebeeker oben auf:
Die Katastrophe hätte sich doch beim Aufstieg ereignet, die Spuren zeigten es unwiderleglich ... also höchstens halbe Taxe, aber höchstens. Hier gab ihr der Anwalt voll und ganz recht.
Die Witwe Piatti schäumte durch die Gänge, brach just vor der Bar zusammen und mußte gelabt werden. Sie lag in einer Lache ihr widerfahrenen Unrechts, und es wurde immer größer. Auf dem Heimweg frischte sie auf; Mr. Waanebeeker hatte im Dorf schon die halbe Taxe als Angabe vorausbezahlt — davon aber konnten die im Hotel oben nichts wissen.
In diesen Tagen und Nächten aß Helena Karachan zum Entsetzen. Ja — auch in den Nächten. Verweigerte ihre gewohnten Schlafdroguen. So saß sie bei gelöschten Lampen im Mondlicht, den Kaftan aufgerissen und schlang in Verzweiflung, bis fahles Frühlicht um die grauen Reste der Schüsseln lag. Keine Stunde Ruhe mehr den müden, entstellten Organen, als wolle sie sich von innen heraus zerreißen um jeden Preis.
Es war da nämlich noch eine Person vorhanden, die darauf sah, daß keine Betäubungsmittel, gegen der Fürstin Willen, den Speisen beigemischt würden: Ithnan, ihr georgischer Diener. Auf seiner ganzen Haut empfand er jeden Wunsch der Herrin. Ließe sie ihm den Kopf abschlagen, Hände und Füße dienten ihr noch nach. Manasse und Dr. Sobelsohn achtete er unreinen Tieren gleich. Letzterer verdiente Unsummen in dieser Zeit, ließ aber doch den Plan, sich ein zweites Konto in der Schweiz eröffnen zu lassen, weise und resigniert fallen. Stand eben von früh auf dem Boden der Tatsachen, seinem einzigen Heimatboden, wußte: bald versiegte der Segen. Die Fürstin sollte geheilt werden.
„Geheilt?“ frug Horus ungläubig-froh.
„Von der Freßsucht, ja — dafür steh ich gut.“
„Warum ist es dann nicht längst geschehen?“
Er wurde erregt:
„Wie soll es geschehen sein, wo sie sich wehrt wie me ... närrisch,“ verbesserte er, „und bis jetzt mit Erfolg, — Gewalt? — Nu, ma scheut vor Gewalt. Unter Kuratel? Gewiß Kuratel. Solang aber nicht unmittelbare Lebensgefahr besteht, was hat man davon? Keine gesetzliche Handhabe. Jetzt endlich, bei der fortschreitendenfettigen Degeneration aller Organe, hat er ein Machtwort gesprochen, der Großfürst. Kommt herauf mit einem berühmten Operateur aus Deutschland. Jener wird es machen auf seiner Klinik. Aber erst soll die Kapazität sagen — sie wird schon sagen,“ fügte er resigniert hinzu.
„Und warum ist denn die Fürstin so verzweifelt dagegen?“
„Nu, Sie kennen doch die Voreingenommenheit der hohen Frau gegen unsre Wissenschaft — rein pathologisch zu werten natürlich; wie soll man noch auf ihre Meinung geben über Medizin, wo sie doch ganz degeneriert ist durch die Totalexstirpation? Hätt’ sie sich wenigstens den Eierstock von einer Ratte einsetzen lassen, könnt man noch reden — aber so! Sehen Sie mich an; reg ich mich auf bei ihren Gehässigkeiten? Konträr! — Objektiv bleib ich als Fachmann. Nu, die Heilung: sind da Details, an denen der Patient selbst sich manchmal ein bissele stößt. Die Fürstin, sie kennt sich aus, man kann ihr da nichts vormachen, wie sonst aus Humanität geschieht. Aber eine glänzende chirurgische Leistung — ich sag ihnenglänzend,“ er wuchs immer höher, ein ferner Schein fiel auch auf ihn, den schlichten Internisten.
„Sie sind Laie, also Ihnen populär gesagt: der Magen wird künstlich verengert und gewisse Nervengruppen in der Weise gereizt, daß künftig keinerlei Speise — zu deren Aufnahme der pathologische Hang drängt — mehr behalten wird, sondern unter dauerndem Ekelempfinden erbrochen; das ist das Entscheidende,“ fügte er triumphierend hinzu. „Der Patient ist somit dauernd geheilt und wird von nun an künstlich ernährt.“
„Falls er es nicht vorzieht, sich zu erschießen.“
„Gegen das Erschießen haben wir allerdings noch keine Operation — aber es handelte sich doch um Freßsucht — von der ist er geheilt.“
Verdruß mit den Laien. Gar nicht einlassen sollte man sich mit ihnen — außerhalb der Ordination.
Nun sollte zur Stunde desdinner, gleichzeitig mit dem Großfürsten, die Kapazität eintreffen — Untersuchung und Gutachten blieben für den nächsten Vormittag anberaumt. Die Fürstin war zum besten. In einer heitren Wut an Grenzen ins Hell-Bacchantische. Sprach auch wieder, zum erstenmal seit Tagen. Der schwarze Kaftan wurde vor aller Augen auf dem Balkon mit Benzin gereinigt, die karierten Schlapfen geklopft; Ithnan mußte sogar den Coiffeur des Hotels holen, mit dem sie lange verhandelte. Er verließ ihr Appartement, eine Perle an der Krawatte. In Kugelwellen ging Begeisterung vor dieser sonst so glättenden Personnage her: „In der Tat, eine wahrhaft vornehme, eine durchaus seigneurale Gönnerin;“ da wisse man, wem man diene und wofür. Er schien wie in Brillantine getaucht und ward nachmittags beim Rennen gesehen.
Lange vor Abend erschien — ganz gegen ihre Gewohnheit — Helena Karachan in der Hall. Querhin, bis ans andre Ende, stieß ihre Stimme lanzettscharf:
„Elcho, bringen Sie schnell Peribanu fort — der Gynäkologe kommt und findet sich hier ein, ‚interessierter Laie‘, der gern ihren Uterus genauer von innen besehen möchte — legt er sie direkt auf die Bar. Allerdings, jetzt vor demdinner, mit leerem Magen, vielleicht geht es nicht einmal letal aus.“
Sie hatte französisch, somit allgemein verständlich, gesprochen; wie eine zweite Schicht im Saal stand die Luft plan in allen Lungen hoch.
Zum erstenmal verlor Sobelsohn an betulichem Gleichmut, versuchte fast, sie aus der Hall zu drängen. Beim ersten Schritt schon hatte ihn Ithnan am Genick, trug ihn mit spitzen Fingern hinaus bis in eine ferne Besenkammer mit hoher Lichtluke, sperrte von innen ab und schwang sich oben hinaus — den Schlüssel zwischen den Zähnen. Sobelsohn hörte ihn wie eine Echse von Gesims zu Gesims rascheln, dann, es war aus Stockhöhe, einen dumpfen Sprung in den Schnee. Drei Minuten später stand Ithnan mit gekreuzten Armen hinter seiner Herrin wie zuvor.
Sie saß nun neben Horus, Gargi hatte sich entfernt, während die übrigen Damen fluchtbereit, doch hingegebenen Ohres die beiden umflatterten.
„Was, Sie kennen unsren Simon nicht, unsern Geheimrat und seinen letzten Triumph? Durch alle illustrierten Zeitungen ging doch der Gelehrtenkopf mit dem Denkerbart. Daß die Wissenschaft souverän sein und bleiben müsse — — er hat es glorreich bewiesen. War da eine mechante Chose: durch die Stadt, deren Frauenklinik er leitet, reiste jüngst ein Prinz. Der wußte — es regnete grade — mit seinem Vormittag nichts Rechtes anzufangen. Kino — nischt, Museum — Quatsch. Aber dem Lysolonkel könnte telephoniert werden, man möchte gern wieder mal ’nen Damenbauch von innen sehen.Ça fait toujours plaisi-i-i-r.Leider war keiner parat. Der Gelehrte, geschmeichelt durch das wissenschaftliche Interesse des hohen Herrn, pumpt behende einer Frauden Magen aus und läßt sie, trotz ihres Sträubens, narkotisieren, in Erwartung irgendeines Botokudenkreuzes für Kunst und Wissenschaft oder sonst eines mittleren Hundssterns. Die Frau stirbt natürlich in der Narkose infolge des flüchtig und ungenügend ausgepumpten Magens. Man hat vor Laparotomien, wie sattsam bekannt, vierundzwanzig Stunden zu fasten.“
Horus war, sehr blaß, aufgefahren. „Sparen Sie mit ihren Emotionen, Elcho, jetzt kommen doch erst die Pointen, die Hintergründe, die weiteren Perspektiven.
„Weltfremde Angehörige der toten Frau verklagen die Kapazität, verklagen einen europäischen Arzt, dem doch das Doktorat schon Freibrief ist für — wie heißt es doch drüben beim Jus, wenn’s einer nicht gelernt hat? — Richtig: für vorsätzliche schwere Körperverletzung mit Todeserfolg.
„Also, das war aussichtslos von vornherein. Es sterben ja auch sonst Leute in der Narkose — sozusagen selbständig — und unmittelbare, eindeutig nachweisbare Ursache des letalen Ausgangs ist ja immer ‚nur‘ — Herzschwäche.
„Aber da war ein andrer Punkt, in dem Richter und Geschworene, verschüchtert in ihren wirren Hundeseelen, um Belehrung, Unterweisung durch ‚Sachverständige‘ winselten. Und jetzt steht der ganze Schleim der Clique auf aus den Kanälen: aus Akademien — Universitäten — Kliniken und deckt die kriechende, verbrecherische Krapüle. Inkorrekt? — Nicht daß sie wüßten, vom Standpunkt der Wissenschaft sei durchaus nichts dagegen einzuwenden, daß ‚interessierten Laien‘ die Anwesenheit bei einer Operation gestattet werde.
„Begreifen Sie, Elcho. Wenn also ein beliebiger Schweinkerl die Geschlechtsorgane einer bestimmten Dame, ohne ihr Wissen von innen und praktisch mit Spiegeln erleuchtet sehen will, genügt es bei diesem wunderschönen Brauch, sich als ‚interessierter Laie‘ zu gebärden.
„Statt nun die Kollegen des saubern Herrn, wenn sie als Zeugen solches für ärztliche Usance erklären, schleunigst zu einem Bankwechsel aufzufordern — hopp, hinüber zum Angeklagten — bricht die instinktfremde Herde von Richter und Geschworenen auf den zuständigen Körperteil zusammen: die Herren möchten doch nur entschuldigen, man wisse in Fachdingen eben nicht so Bescheid — kenne die Bräuche nicht genügend ... aber nach so lichtvollen Ausführungen ... kurz: Freispruch mit Speichelfluß. Die weltfremden Angehörigen aber fliegen wegen Verleumdung ins Loch. Im Triumph kehrt der Edeling als Leiter in seine Frauenklinik heim, wo hundert ihm geweihte Ehrenbäuche lorbeerumwunden seiner harren.“
„Fürstin, verhält sich das so — auch nur annähernd so?“
„Die Verhandlungsberichte — im Stenogramm — stehen Ihnen jederzeit zur Verfügung, falls Sie den Zeitungsnotizen nicht trauen. —
„Das Frechste ist aber doch dieser Sachverständigenunfug mit Ausbeutung der Stumpfheitskonjunktur durch die Medizinmänner. War es je noch erhört, hatte ein Bock etwas ausgefressen, daß dann seine ‚Mitböcke‘ als Sachverständige einzusetzen seien über den im Garten angerichteten Schaden? Nein, über den werden wohl die Geschädigten gefälligst selbst bestimmen. Nur die allergrößten Kälber liefern sich dem Metzger selber.“
„Aber die Männer. — Sind denn europäische Männerso weit unter jedes Vieh gefallen, daß der adelige Schauder, sich schützend vor die Quelle des Lebens — für die Quelle des Lebens — zu stellen, ihre Herzen nicht mehr treibt? — Wie geborgen in der Männlichkeit, wie behütet ist die Frau bei uns. Wohl kommen erotisch sadistische Verbrechen vor — auch Gewinnsüchtige, wie überall; erwischt man aber das Schwein, so wird es in der Luft zerrissen. Den östlichen Menschen möchte ich sehen, der sich das, was Sie mir hier erzählt haben, diesen schlechtrassigen Zynismus von einer Fakultät als ‚korrekt‘, als ‚wissenschaftliche Usance‘ aufschwatzen ließe.“
Seit Marseille, seit ihm zum erstenmal das europäische Kotwesen durch das Auge an die Seele gespritzt war, hatte er nicht dies deprimierende Grauen mehr empfunden.
Die Fürstin grinste infernalisch: „Ja, das europäische Männchen. Für das sind solche Dinge schlichthin begähnenswerte Banalität. Gott, denkt es in seiner erotisch-ethischen Verstumpfung, ist’s eben wieder einmal beim Aufschlitzen schief gegangen, und trägts ansonsten mit der gleichen Standhaftigkeit, die es bei verzweifelten Entbindungen an den Tag zu legen pflegt — alles gesteigerte Feingefühl für den eigenen Schnupfen wahrend. Betrachtet sich eben hier ausschließlich als ‚interessierter Laie‘. In dieser Eigenschaft stellt es sich allerdings nicht ungern — wie sagten Sie doch — ‚vor die Quelle des Lebens‘. Aber einen ‚adeligen Schauder‘ dabei ...?“ sie lachte, daß ihr die Zähne zitterten.
Orgiasmus an Verachtung trieb ihr Worte aus, von abstoßender und doch wieder hinreißender Brutalität. Sie erinnerte ihn da irgendwie an Ganapati Sastriarund die Weltesche seiner machtvoll-breiten Unzüchtigkeit, wenn so der Geist: sein ‚guter Dschinn‘, über ihn kam — nur daß dieser ein Geist der Lust war, nicht der Empörung.
„Da gibt es nur Selbsthilfe der Frauen,“ die Fürstin jauchzte förmlich vor Hohn. „Die Gynäkologen boykottieren, bis jede Gepflogenheit, gegen die ‚nur‘ wissenschaftlich nichts einzuwenden wäre, fällt.
„Aus ist’s dann mit den Konsilien von drei Professoren und einem Stückchen Traubenzucker für die Analyse. Nota: 10000 Frs. — Mark — Kr. Im Abonnement 10% Rabatt. Nichts da. Schluß. Wir kehren zu den treuherzigeren Praktiken weiserer Völker zurück. Uns alle können sie ja dann doch nicht ins Zuchthaus sperren wegen lauteren Wettbewerbs.
„Denn darauf sah man in Sachverständigenkreisen von je und streng: der ‚unerlaubte Eingriff‘, der hatte auch unerlaubt zu bleiben. Sonst kamen ja Höchstpreise, behördlich kontrollierte Tarife, fatale Beschränkungen finanzieller Art. Da aber die Unterwerfung unter einen solch barbarischen Paragraphen alljährlich für viele Hunderttausende von Frauen den sozialen — ökonomischen — oder das Bitterste: erotischen Ruin bedeuten mußte, war es Juristen im idealen Zusammenfluß mit Medizinern stets ein Leichtes, ihn, als ‚dem sittlichen Empfinden des gesamten Volkes entsprechend‘, dauernd aufrecht zu erhalten — und freier Wucher treibt Früchte wie noch nie — ab.“
Mit Möwenschrei und gebreiteten „Sorties“ wandten sich die Frauen jetzt im Gleitflug zur Flucht; die jungen Mädchen aber waren schon längst nicht mehr zu haltengewesen, umdrängten Horus und die Fürstin, hätten sich, allem zum Trotz, am liebsten großäugig zu ihren Füßen gelagert — weit weg von der erquälten Naivität dieses zerdehnten Jahrzehnts.
Auf immer weg von einer Naivität, mit der sie hatten herumtasten müssen an dem abweisenden Gehaben der „Epouseure“ — immer wieder hingetrieben von säuerlichem Staunen — gesteigerter Mißbilligung ihrer Lieben im abgestandenen Heim. — Nur weg — gleichviel zu wem; nur es endlich anders haben, anders machen dürfen, als in dieser verwesenden, übergaren Mädchenstube neben dem krassen Elterngemach, an dem sie niedriger, unzarter sich werden fühlten von Jahr zu Jahr in abscheulichem Wissen. Hangend an Geräuschen. Ernüchtert ohne Rausch. Der Illusionen bar und bar der Klarheit.
Horus begriff. In diesen hemmungslosen Sekunden taten sich ihre Gesichter für ihn auf. Nicht geschlossene, strahlende Jungfräulichkeit, von Wildernis geheiligt, stand ihnen als freies Blau im Blick, vielmehr eine süßelose — hartabgedrängte strich in grünschwarzer Furche am Auge vorbei — bettete es in gar üble Kissen der Einsamkeit.
Ihm ward leid um sie — herzzersprengend leid, er fühlte: Welche fahrlässige Roheit einer Gesellschaft, ihren Jungfrauen demütigendes Herabsteigen in die sexuelle Arena aufzubürden, in deren nüchternem und weihelosen Dunst sie aus jedem Mann den möglichen Gatten sich erwittern müssen, in uneingestandenem, wie oft vergeblichem Versuch. Diese Schamlosigkeit — diesCrudebleibt jungen Wesen im Osten erspart.
Ja, das ist wohl der Sinn unseres obersten Gesetzesaller Vaterpflicht: zu sorgen, daß die Geschlechtsreife keines seiner Kinder unvermählt: hilflos finde und bedränge. Nichts darf gezeugt werden, dem nicht seinerseits das elementarste Recht der Kreatur: ebenbürtige Liebe, verbürgt ist, und zu rechter Zeit.
Und Glück! Soweit Glück überhaupt vorherzusehen in diesem rätselvollsten Chemismus, den erst das Letzte offenbart, hat es bei uns nicht, aller menschlichen Voraussicht nach, mehr Chance durchzubrechen: in zwei unlädierten jungen Wesen — parallel geboren — von hoch erotischer Kultur, ist nur die sinnliche Feinheit des Knabe-Liebhabers reich genug, erblich gepflegt genug, der kleinen Braut gerade das zu wecken, was sie sucht: ein junger Prinz im ganzen Reich der Liebe, befähigt, ihr die innere Heimat zu richten, wo sie will, denn alles ist ja sein.
Nur bei Rassen von ungepflegter Sinnlichkeit scheint für die Frau die Wahl so wichtig — der Irrtum eine Katastrophe.
„Freie Wahl.“ Seit Cavadini Genia durch das Lasso ihrer Rente geschlüpft, war diese Faselphrase öfter im Kreis um Miß Waanebeeker aufgetaucht, und die jungen Damen taten dabei fern und wunschlos unbekümmert.
Er überlegte. Wohl waren ihm noch wenig Orte bekannt, galt aber nicht dieser als Zentrum internationaler Geselligkeit? Und doch: die gleiche kleine „set“ wie früher in Paris, und sie schien sich von London, von Baden-Baden, von Kairo aus zu kennen; schwamm als winzige Blase von Klima zu Klima mit geschlossenem Oberflächenhäutchen. In der schmalen Spanne ihrer hohen Zeit — kaum zwanzig bis dreißig Männer kamen für diese Mädchenin Betracht. Von diesen zwanzig oder dreißig wollte die eine Hälfte offenbar überhaupt keine Ehen, die andere Hälfte schied aus pekuniären oder anderen — ihm noch viel rätselhafteren — Gründen aus.
Und das war die „große Welt“. Wie mochte es um individuelle Wahl erst in kleineren Orten — kleineren Verhältnissen bestellt sein.
Wenn Gargi solch lange Erniedrigung hätte leiden müssen, ehe sie seine Arme fand — wie eine Blasphemie wies er das schmutzige Bild ab. — Und gedachte des lieben Alters — ihm verschmolzen: des besonnten und bestirnten Märchens ihrer und seiner dreizehn Jahre, des nie zu Vergessenden.
Keine Kinderehe! — Ihm schauderte vor der Armut dieser Leute. Vor der Verarmung an Leben, an Glück, insonderheit an Frauenglück. Bedauernswerte Frauen, denen auch noch das Wunder jener wenigen Monde sinnlos verwelken muß, da es jedem Wesen, in bescheidenem Maße wenigstens, vergönnt ist — reizend zu sein. Wie viel ging hier unwiederbringlich — ungenossen — in Leere, zugrund: das Zarteste, Holdeste.
Oder verwechselten diese weißen Barbaren Eheschluß mit Ehevollzug. — Zuzutrauen war es ihnen schon. Kannten vielleicht überhaupt die Abstürze zwischen Sinnlichkeit, Erotik, Sexualität, Zeugung und die schwebenden Nervenbrücken über sie hin nur wenig oder roh. Anders konnte er sich die eisige Verlegenheit schon beim ersten Wort, das jene Sitte seiner Heimat streifte, nicht erklären. Und gar Sobelsohn. — In ein ganz leises Erinnern, mit Gargi halblaut getauscht, spie jüngst unaufgefordert sein infernalisches Grinsen. Gefragt, was er damit meine,ward er streng, und seine Stimme brodelte plötzlich im Schmalz der Würde:
„Die Wissenschaft brandmarkt das alles als der Rasse schädlich.“
Woher die Wissenschaft die Erfahrung habe, wenn es hier nie Sitte gewesen?
Das gebe einem der gesunde Sinn. —
Was sich der ‚gesunde Sinn‘ denn eigentlich vorstelle unter ‚dem allem‘?
Nun kam etwas heraus wie das Liebesleben eines geilen Pavians, nur mit weniger Sachkenntnis — zu widerlich für Worte. Massig entrüstetes Behagen, als ob da Gewicht reifer Mannheit auf ein Kind losgelassen würde, statt daß gleiches Reis: Weidengerte — Weidenrute, sich im Frühlingswind verzweigen.
Und so etwas maßte Urteil — maßte Richteramt sich an.
Nie mehr vor einem Europäer von feinen Dingen sagen.
Die Fürstin hatte damals einfach die Achseln gezuckt:
„Die Sobelsöhne haltens nicht für zuträglich. Sie leuchten der Rasse ja mit ihren Leibern voran. In deine Hände, o Herr ...“
Dann wollte er alles wieder auf die schlechte Kaste dieses promovierten Schimpansen geschoben wissen. Auch die Rhodias, dieoutcastsauf Ceylon, waren ja von den inneren Vorgängen der höheren Schichten getrennt.
Aber da gab es noch anderes. Woher die furchtbare Abhängigkeit der weißen Frauen: der Herrinnen der Erde, von Gynäkologen, also Männern, in ihrer eigensten Frage, ja der Frauenfrage überhaupt, selbst von Suahelinegerinnen längst gelöst?
Er gedachte Agai’s: der „Gewalt der Brandung“, und ihrer Stellung im Hause Elcho.
Es gab doch auch in Europa Erzieherinnen. Da war gleich dieses Frauenzimmer bei Beermanns. Wozu hielt man das? Doch nicht etwa nur zur „Schule der Geläufigkeit?“ Zu diesen scheußlichen Klavierübungen mit der Jüngsten, wie sie diesem Kinde und allem Lebenden in der Runde jede Lust am Klang zerhackten auf lange hinaus? Da, mit Ausnahme des Fräulein Erika Unbehagen, fast alle Erzieherinnen Französinnen waren, hatte er eben gemeint, diesen sei in Europa die Funktion der Suaheli anvertraut.
Und dann die Männer? Junge vermieden offenbar überhaupt, Ehen einzugehen. Aber die bereits Verheirateten. Warum nahmen die nicht das eine oder andere dieser armen Mädchen noch in ihren Harem? Mehrere Frauen hatten sie ja so schon, für elementare Beziehungen zwischen den Geschlechtern war ihm der Sinn untrüglich. Mochten die Frauen eines Mannes noch so kühl zueinander tun oder, wie die zweite Mrs. Beermann, gar in einem anderen Hotel wohnen.
Doch frug er nie. Hatte die Scheu des orientalisch erzogenen Mannes vor allem privaten Leben, vor allen Dingen der Innerlichkeit. Was sich ihm nicht — wie heute — optisch unwillkürlich bot, ließ er unbefragt an sich vorbeistreichen, sah auch wohl mit Absicht weg.
Eine Stille weckte ihn aus sich. Er fühlte seine übergeschlagenen Beine und eine Wange in der Hand. Die jungen Damen waren fort, und Helena Petrowna verschwand eben am Arm eines greisen Riesen aus derHall. Hinter ihnen ging ein zweiter Herr in gut sitzendem Abendanzug und vielen Orden. Jetzt wandte er sich um. Der Riese war offenbar der Großfürst. Vom andern sah man nicht eben viel — auch jetzten face. Scharfe Brillen über den Augen und von diesen niederrieselnd in dunkelblonden Wellchen ein überaus wohlgepflegter Denkerbart. Die Stirn schien einmal schlecht zusammengefaltet worden zu sein. Die Büge wie in der Mitte zerbrochen, und die zweite Hälfte setzte dann immer um ein Stückchen höher ein. Arme Fürstin.
Die Fürstin aber schien an diesem Abend gar nicht arm. Nein, ganz große Dame, Kaftan und karierten Schlapfen zum Trotz.
Man speiste ausnahmsweise zu dritt im Grillroom auf Helena Karachans Anordnung. Keine Glaswände dichteten die Herrschaften ab, und ihre Worte gingen, ohne von submissesten Grenzen gleich wieder in sie selbst reflektiert zu werden, rundum weg von ihnen, wie bei andern Leuten.
Zum ägrierten Staunen Eingeweihter verlief dasdinnerannähernd klaglos, mit Ausnahme eines passageren Zwischenspiels: man sprach von Musik. Zu Ehren des Großfürsten — eines Getreuen aus dem alten Bayreuther Kreis — verfiel Simon plötzlich in leicht gesteigerte Diktion:
„Mir und meinen Fachgenossen gilt Parsifal im wesentlichen als Symbol des heroischen Kampfes der Wissenschaft gegen die Lues, ja, wenn ich so sagen darf, handelt es sich bei dem Weihefestspiel ausschließlich um das Mysterium dieser Lustseuche, wie sie Amfortas sich unvorsichtigerweise, an verrufenem Ort, bei Tänzerinnenund Blumenmädchen geholt hat. Letztere gehen ja auch, wie sie selbst zugeben müssen, in kürzester Zeit an ihrem Beruf zugrunde: Im Herbst pflückt uns der Meister.
„Wenn nun auch die eigentlichen Symptome von Wagner — der eben doch nur Laie war — am Patienten nicht einwandfrei geschildert werden, immerhin, daß sich die Wunde absolut nicht schließen will, gibt zu denken. Natürlich,“ er lächelte nachsichtig, „sind laue Bäder da völlig zwecklos. Aber sehen Sie wiederum die treffliche Symbolik des Speeres: die Wunde heilt der Speer nur, der sie schlug — Serumtherapie. Parsifal muß von den Infizierten selbst das Heilmittel bringen, sozusagen musikalisch die Lymphe, wobei man den Speer als primitive Form der Spritze mag gelten lassen. Das Ganze ist natürlich nur als musikalisch-dichterische Vorahnung zu werten, die glorreiche Erfüllung der Vision war hier wie immer den Leuchten der exakten Forschung vorbehalten.“
„Noch eine musikalisch dichterische Vorahnung der glorreichen Erfüllung haben Sie vergessen, Geheimrat Simon,“ der Fürstin Ton war bezaubernd, „daß Amfortas noch während der Heilbehandlung den Geist aufgibt.“
„Durchlaucht belieben ungerecht zu scherzen. Störende Nebenerscheinungen, die der Laie zu überschätzen geneigt ist, sind zuweilen unvermeidlich.“
„Gewiß, gewiß, und da Sie uns so treffend, auch frei von der üblichen verschwommenen Mystik, die Serumbehandlung aus dem Geist der Musik erläutert haben, gestatten Sie mir, Ihnen zum Dank, die modernste Gynäkologie bis in ihre kleinasiatische Heimat an der Hand der Bibel nachzuweisen. Denn schon Evangelium Marci V, 25 steht geschrieben:
„Und da war ein Weib, das hatte den Blutfluß zwölf Jahre gehabt und viel erlitten von vielen Ärzten und hatte all ihr Geld darob verzehret und half sie nichts, sondern vielmehr ward es ärger mit ihr.“
Der Großfürst schmunzelte. Und es schmunzelte noch weit über die Tische hin und wieder zurück zu Simon. Da war es aber schon etwas in Gärung übergegangen. Und es gor:
„Wart, altes Beast. Hab ich dich erst unter dem Messer gehabt, sollst du mir für den Rest deiner Tage so schön jede halbe Stunde in dich hineinvomieren, daß dir keine Zeit bleibt, verdiente Männer mit deinen Niederträchtigkeiten anzuspeien.“
Und von nun an summste er devot ausschließlich um den Großfürsten herum.
Versöhnlich reichte sie ihm nach aufgehobener Tafel die Hand, und als er sich darüber neigte:
„Also darf ich Sie morgen pünktlich um elf Uhr zur Untersuchung erwarten; ich sehe Ihrem Urteil mit so viel Ungeduld als Vertrauen entgegen.“
Dann auf Ithnan hinter sich weisend: „Sie haben keinen Diener bei sich, darf ich Ihnen den meinen für morgen anbieten?“
Simon nahm dankend an. Es war ihm heute genant gewesen, etwas ungepflegt sogleich nach der Reise vor dem Großfürsten zu erscheinen, da dieser viel auf Äußeres gab, ja Leuten, deren Physiognomie ihm nicht paßte, einfach den Rücken zu drehen nicht ungewohnt war. Simon wollte Stirnbinde und Ohrenklappen auf alle Fälle heute Nacht anlegen.
Restlos durchlichtet wurden die Ereignisse dieses nächsten Vormittags nie.
Der Coiffeur beteuerte jedem, der es hören mochte, seine Unschuld.
Ein unseliges Mißverständnis — bedauerliches Versehen, wenn man so wolle. Für zehn Uhr sei er durch Ithnan zum Herrn Geheimrat bestellt gewesen, wie er verstanden habe, um diesen zu rasieren. Natürlich glatt, wie er es eben durch die vorwiegend amerikanische Klientel des Hauses nicht anders gewohnt sei. Die Zeit drängte sehr, und so erbot sich Ithnan — während er, der Coiffeur, unten beschäftigt sein würde — oben das etwas gelichtete Haar des Gelehrten mit Bayrum zu behandeln. Fürsorglich, daß nichts in die Augen rinne, habe Ithnan dem Herrn die obere Gesichtshälfte mit einem Tuch bedeckt. Nur so sei es zu erklären, daß diesem das tief bedauerliche Mißverständnis unten nicht rechtzeitig in seiner ganzen Tragweite augenfällig geworden sei.
An dieser Stelle griff meist der Zimmerkellner ein und pflag der weiteren Erzählung.
Gepoltert habe es drinnen und dann geschrien: „Freiheitsberaubung, Hilfe.“
Ein umgeworfener Stuhl, und auf ihn losgaloppiert sei plötzlich ein wehender Mensch mit einem halben Gesicht, habe aber bei seinem, des Kellners Anblick, sozusagen auf allen Vieren in der Luft kehrt gemacht, sei mit einem Tigersprung zurück ins Zimmer, um vor der zugeschmetterten Tür nur einen Fluch lotrecht stehen zu lassen.
„Alles herunter jetzt,“ war von innen als gebrüllterBefehl vernehmbar geworden. Mehrere Minuten Lautlosigkeit ... dann ein Wutschrei und Klirren, als ob der Toilettenspiegel zu Pulver zerkrache.
Hier, als Relais, legte sich das Fräulein aus dem Frisiersalon in die Sielen der Geschehnisse:
Aus Zimmer 560 hätte der Chef wie rasend angeklingelt — nach den Ersatzteilen gerufen — Transformationen — Bärten. Alles herauf.
Im ersten Schreck sei sie mit einem Gretchenzopf am blauen Band in der Faust angestürzt gekommen; außerdem habe man noch auf Lager gehabt: einen eisgrauen zweiteiligen „Knecht Rupprecht“ vom „Nikolo“ her und ein Reserveexemplar jenes Haarkranzes für den Marqueß of Kar and Kinstone zum letzten Kostümball, auf dem seine Erlaucht als „Krao, das Affenweibchen“ durch das Lied: