„I like a wow-wowvery good a chow-chow“
„I like a wow-wowvery good a chow-chow“
„I like a wow-wowvery good a chow-chow“
„I like a wow-wow
very good a chow-chow“
einerseits, andrerseits durch eine fulminante Buntheit allgemein entzückt hatte. Besagter Haarkranz war dazu bestimmt gewesen, sich mit Hilfe dünner Kautschukfäden über der örtlichen Buntheit zu schließen oder, nach Bedarf, als gesträubte Gloriole zu öffnen. Mancher Mühe und Probe hatte es dazu bedurft. Aber der Herr Geheimrat wäre ganz dagegen gewesen.
Indes sei es später und später geworden. Ein ums andre Mal hätte die Fürstin herübergeschickt, besorgt anfragen lassen, warum denn der Herr Geheimrat noch immer nicht zur Untersuchung käme; auch seine kaiserliche Hoheit warte mit Ungeduld des Resultats.
Kern und Wesen des Ganzen aber wußte natürlichwieder Archie Payne zu berichten, der auf dem frischgefällten Aas jedes Tratsches als erster: ein Weißkopfgeier, saß. Knapp vor der Abfahrt des Mittagszuges sei in der Richtung nach dem Bahnhof in einem Schlitten das bartlose Profil des Geheimrats Simon an ihm vorbeigejagt. Mancherlei wußte er über dieses Profil auszusagen, denn er selbst hatte einen recht gutgeschnittenen Kopf.
Wie jedes Erlebnis durch wiederholte Darstellung Neigung zeigt, erst steil zu einem Zenith der Stilisierung anzusteigen, dann aber teils durch Hypertrophie der Bilder, teils durch Verdrängung ins lustlos Unscharfe zu verquellen sich anschickt — so auch dieses. Der relativ reinsten Periode entstammte noch das Bild:
„Halb Hyäna-Schnauze, halb abgetropfte Kerze.“
Dem Großfürsten und der Fürstin meldete das hinterlassene Billett, eine dringende Depesche hätte den Herrn Geheimrat nach Deutschland berufen, es handle sich da um Tod und Leben, darum hätte er nicht zögern dürfen, im Interesse hoher Menschlichkeit, die er als edelstes Vorrecht seines Berufes stets zu betrachten gewohnt sei, den so ehrenvollen Auftrag seiner Kaiserlichen Hoheit vorläufig an zweite Stelle treten zu lassen. Indem er für die ihm erwiesene hohe Auszeichnung alleruntertänigst danke usw. usw.
Helena Karachan erachtete die ganze Episode als gar der Rede nicht wert. Gab sich, nach dem letzten Aufflackern ihrer Wut ins Hell-Bacchantische, nur mehr der Erfüllung ihres Schicksals hin. Mutig, scheußlich undwahr. Höheres Menschentum durfte ihr nicht mehr nahen. Sie wurde bös und stumm. Winkte Horus verzweifelt weg:
„Fort mit Ihnen, Sie machen mich wieder — denken, und Peribanu macht mich wieder — fühlen. Ich will nicht mehr.“
Wenige Tage danach reiste sie mit ihrer ganzen Suite grußlos ab. Noch vor Saisonschluß war es Archie zu melden vergönnt:
„Die alte Karachan ist in Nizza mitten in einem Evans-Gambit endgültig explodiert.“
„Mein Karma behüte mich davor, je in Europa als Schwester neben Schwester reinkarniert zu werden,“ dachte Horus. „Zur Bestie würde es mich machen, und die Arbeit von Jahrmillionen wäre glatt umsonst gewesen.“
Es waren natürlich wieder die Raeburngirls.
In Paris, wo Mrs. Raeburn mit ihren Töchtern zwar das gleiche Hotel bewohnte, doch einen andern Flur, war ihm gleichsam zwischen Tür und Angel lediglich aufgefallen, wie von diesen völlig gleichgekleideten Mädchen immer, je nach Schnitt und Farbe des jeweiligen Kostüms, die eine oder die andre übellaunig vor sich hinzumaulen und Tränen nahe schien. Die jeweils Unglückliche sah, wiewohl sonst nicht häßlich, auch an diesem Tag immer bis zur Karikatur unvorteilhaft aus.
Sie waren von entgegengesetztem Typ. Nicht nur anGröße und Gliederbau, auch an Haut und Incarnat. Hazel:bread and butter girl, frisch, plump, hochfarbig mit braunem Haar, Gwen: müde, käsig, hatte feine Hüften und elegante Beine. Was der einen stand, entstellte naturgemäß die andere, und stimmte es einmal halbwegs im Schnitt, so war es dann in den Farben umso desaströser. Hüte krönten die Katastrophenstimmung. Mrs. Raeburn aber schien, was immer geschah, von eiserner Zufriedenheit. Dies waren seine Pariser Eindrücke gewesen.
Seit hier im „Astoria“ die Raeburngirlsihr gemeinsames Zimmer neben seinem Appartement hatten, wußte er mehr von ihnen, als ihm nach zehnjähriger Ehe gut gewesen. Die zwangsläufige Vielliebchenschaft an Kleidern, Mänteln, Hüten, seit Jahrzehnten auchnochim gleichen Schlafzimmer gipfelnd, hatte eine Hemmungslosigkeit in der Erbitterung gezeitigt, die dem unfreiwilligen Nachbar, bei gesellschaftlicher Fremdheit, genante akustische Intimität aufzwang — jäh und voll Pein. Einen Erfolg ihres sonderbaren Familiensinnes jedoch konnte Mrs. Raeburn niemand abstreiten:
Die Schwestern haßten einander jetzt doch noch mehr als ihre Mutter. Sonst wäre es vielleicht anders gewesen. Aber diese pausenlose Gleichheit Tag und Nacht reizte die eine gegen die andre als unmittelbares Objekt zu sehr, als daß sie sich gefunden hätten gegen die wahre Urheberin.
Man hätte es bei Mrs. Raeburn beinah für Überlegung halten sollen, da es nicht Geiz sein konnte: dieses Doppelzimmer kostete ja durchaus nicht weniger als etwa zwei Kabinette. — Es war aber nur Dummheit.
Heute, am Tag des großenfox-trott match, war, was aus diesem Doppelzimmer drang, phonetisch von einer Qualität, daß er es vorzog, den Rest des Nachmittags — bis seine Nachbarinnen angekleidet sein würden — in der Hall zu verbringen.
Nach einer Weile schreckte ihn aus seinemeasy-chairkleines pausenloses Wehen. Mrs. Raeburn jagte durch die Seiten ihres Romans, blätterte fieberhaft nach der Liebesnacht und der Leiche. Er wußte, wie aussichtslos das sei, weil Hazel diese Teile soeben oben laut las, beide Ellenbogen in halbe Zitronen aufgestützt. Als Sportdame litt sie an roten Armen, und wenn auch bestimmt worden war, daß heute die weißen Kleider mit den halblangen Ärmeln getragen werden sollten — zu Hazels Freude — es grellte doch durch das Gewebe hervor.
Nun schlenkerte Gwen mit feinen langen Beinen durch die Hall auf ihre Mutter zu. Bald wußte diese um Verbleib von Liebesnacht und Leiche. Mrs. Raeburn tat so empört, daß es Gwen ein Leichtes war, ihr doch noch die bananenfarbnen Ärmellosen für heute abend abzuschmeicheln.
Wie zur „Feier der Heraufkunft des Geistmenschen“, so gab man sich auch heute vor dem großenfox-trott matchgegenseitig endlose Essereien. Elchos waren einer Einladung der Principessa Dango zu Früchten und Nachtisch gefolgt. Hier konnte Gargi beruhigt sein, denn der Gastgeberin selbst — ganz Hyänenprinzessin, mit scharfer Trennung von Tag- und Nachtdiät — durften lediglich rohe Gurkenscheiben auf Rubinglas und Eis serviert werden. Von diesen schnitt sie wieder Segmente rundumab — aß also eigentlich nur die Differenz zwischen dem Kreis und der Ludolffschen Zahl, auf daß der chinesische Lack der langen Lippen nicht springe, die, querhin wie durch Taubenblut gezogen, den superben Totenkopf wagrecht orientierten.
Da leider keine Antiphone gereicht wurden — o weise Helena Petrowna, dachte Horus —, steigerte sich dieser Auftakt des Festes ins Unerträgliche. Zu Ehren Monseigneurs undher grace of D.hatten Payne und Quadrupedescu — letzterer schwamm seit der Geisterbeschwörung in Geld — eine berühmte Zigeunerkapelle von weither kommen lassen; dazu noch ein paar andre verdächtige Erscheinungen mit rotgetupften Schlipsen, Kastagnetten und Okarinen.
Der Zigeunerprimas stand hinter dem Ehrengast, winselte diesem, infernalisch falsch, eine Art getretner Katzenschwanzweis bis tief ins Ohr. Jede Blatternarbe an ihm grinste einzeln. Monseigneur lehnte aufatmend immer tiefer zurück — ganz in den Geigenbogen hinein — und genoß, wie man es ihn für solche Fälle gelehrt hatte.
„Erstaunlich,“ dachte Horus, „was der Organismus dieses Häufleins äußerlich Gewaschener innerlich an Dreck nicht nur verträgt, sondern direkt zu fordern scheint.“ Da traf den Primas das Auge seiner Bande:
„Du bist nicht mit diesen Idioten allein,“ schien es zu sagen, „wir verbitten uns das.“ Fürchtend, die Kapelle würde meutern, gab er nach.
Im großen Tanzsaal stand der Ball nun in seinem Zenith. Staunend sah Horus auf diese erotische Friktionsgymnastik. Nicht daß sie häßlich gewesen wäre, durchaus nicht. Es traf ihn nur etwas unvorbereitet, diesejungfräulich erhaltenen Damen der besten Welt plötzlich, wie auf Verabredung, mit ihren Körpern die Sprache südamerikanischer Prostitution mehr oder weniger begabt nachahmen zu sehen; als eine Art Esperanto des Berufs war sie natürlich auch in Asien bekannt. Etwa jener Wink mit dem Abdomen, wie er vor Hafenbordellen dem Zuhälter anzuzeigen pflegt, die Kundschaft sei abgefertigt. Über solchem Gebaren von der Taille abwärts standen nun oben, wie allein gelassen, hilflose Ladygesichter: gequält und unbeteiligt.
Dann wieder trieb der Gentleman-Zuhälter, ganz in sie gewühlt, das Fräulein mit langen glatten Stößen vor sich her durch den Saal, von einer Ecke in die andre, wo das Ganze jedesmal in einem verlotterten Bockssprung erlosch. Oder hinter sie schlüpfend, stieß er ihr von rückwärts das Knie unter den Schoß, warf sie ein wenig in die Luft, um die Wehrlose im Herabgleiten dann seinem Körper hart und zielstrebig entlangzuführen — immer wieder.
Was mochte das bedeuten? Offenbar erotisch zu verarmt, um einen neuen Eigentanz selbst zu schaffen, hatte man im Warenaustausch gegen gedrechselte Klavierbeine oder Biskuitgruppen oder Konfirmationsbecher außereuropäische Bordellwerte eingehandelt: Hafenware natürlich. Doch auch als solche an ihrem Ort gewiß voll Reiz, Berechtigung und Wahrheit; wertvoller als das Tauschobjekt auf jeden Fall. Doch was sollte man hier damit ... so wenig oder so viel, wie dort mit den Konfirmationsbechern.
Korrekt und ohne Tadel machte soeben Gloria Rawlinson, weiß und golden wie immer, nacheinander dieselebhaft verdauenden Bewegungen, wie sie ihr Machado Magalaes, der Tangomeister, zu hundert Frs. die Stunde, beigebracht. Nun und dann, am Ende dieser komischen Bewegungen, würde wohl heute Mr. Rawlinson noch in ihr Zimmer kommen. Warum man das eigentlich alles machte, wußte sie nicht recht — man machte es eben mit, wie ein Picknick über Verschütteten oder eine spiritistische Séance —the correct thing to do.
Unter Preisrichtern und Zuschauern stritt man indessen, was eigentlich die Principessa Dango heute anhabe. Es war von der Farbe Turnerscher Nebel, ganz erlesen, ganz pretiös, bestand aber aus keinerlei bisher irgendwie bekannten Kleidungsstücken. Sie selbst, ihre Haut blieb unsichtbar wie immer. Sonderbare lila und schwärzliche Flecke in seltener chinesischer Lacktechnik standen auf der mit Silberpuder überstreuten Herme. Ja, Herme. Was dann kam, nicht Kleid nicht Körper war es; am ehesten noch ein fließender, nach unten keilförmig sich verengender Gazeblock.
Man drängte um die Archäologen: ratbedürftig.
Dr. Hafis meinte schließlich versonnen:
„Gott straf mich, aber es ist doch eine Hose. Eine Hose, die bis zum Dekolleté hinaufreicht.“
Murren entstand. Wer rede denn vom „hinauf“. — Beim „hinunter“ beginne doch erst das Problem.
„Wissen Sie denn, was eine Hose ist?“ frug Horus.
„Nun, wissen Sie es?“ klang es zurück.
Er überlegte: „Mir scheint eine Hose ihrem Wesen nach aus drei Teilen zu bestehen. Zwei Röhren undeinem Verbindungsstück. Dieses Verbindungsstück will offenbar hier fehlen, die beiden Röhren scheinen lediglich durch ein im Fadenkreuz schwebendes Feigenblatt aus Mondsteinen einander fragil anzuhangen. So fragil, daß es dort ganz ohne Reißnägel wohl nicht abgehen dürfte. Es sind also auch Märtyrermotive in die Toilette verarbeitet. Ein Drittel Kreuzigung etwa auf zwei Drittel Hose.“
„Was folgt daraus?“ gab Hafis ungerührt zurück.
„Daß es unanständig ist,“ entschieden die Damen, und enteilten mit diesem Urteil wie mit einer Köstlichkeit — rasch, ehe ein neuer fachlicher Gesichtspunkt Revision erzwänge. Sie irrten schwer. Unanstand fiel in ein so anderes Reich — vor derPrincesse macabreverlor es jeden Sinn.
Sie tanzte wundervoll, in fast schmerzhaft geschlossener Vollendung. Nur mit Machado Magalaes, demprofessionalundhors concours. Sie tanzte weder um Gottes, noch um des Mannes, noch um des Tanzes willen. Nicht einmal mehr — narzißhaft — für sich selbst. Auch periphere Sehnsucht hatte sich ihr von den eigenen Gliedern gelöst, hinüber in das Gewand. Für dieses tanzte sie — entflammte sich an ihm; verzehrt von seinen ewigwechselnden Ansprüchen an Leib und Seele, wie von dem launenhaftesten Geliebten. Nach kläglichen Versuchen zur Untreue — zu ihm kehrte sie stets als ihrem vielseitigsten, raffiniertesten Gebieter zurück.
Biegsam, einsam und auserkoren, hatte diesegrande passion„die Mode“ sie gemacht, sie herausgeeinzelt aus der faulen Herde, die gar nichts wollen konnte und vollSchrecken auf sie sah, wie etwa ganze Ballen dieser hopsenden College-Boys. Eine ratlosere junge Männlichkeit hatte Horus nie und nirgends noch gesehen; im Querstand aller Glieder suchte das mit eigentümlich taubem Holzgebein die Schlangenwindungen des großen Triebes in eigene Plumpeckigkeit zu übertragen. Erwarb auch wohl mit rotem Ohr, hier beim Tango, eine erste, verspätete Materialkenntnis an instinktlosen leeren Stengeln, die — längst mit Chemikalien und Säuren gegen das Leben abgedichtet — nur dem Schein nach menschlicher waren als die Principessa, weil sie, ungleich jener, der großartigen Konsequenz, der stilbildenden, ermangelten.
Quadrupedescu — du Perron — Cavadini: romanische Kenner, doch viel zu bequem, um wie Strondoli auf rare Abstürze der Principessa, herunter von ihren hohen Abwegen, zu warten, widmeten sich heute ausschließlich jungen Mädchen. Schlängelten sich in ihre Nerven, griffen in ihr Blut, rissen es an sich und hin, wo es ihnen beliebte — umspielten den Gattungsakt in immer engeren, gesteigerten Brunstbewegungen. Schließlich waren sie wohl selbst erregt in ihren Körpern, doch über diesen stand wie immer ein Boshaftes, ein Spöttisches auf den gar so selbstsicheren Gesichtern.
Die jungen Mädchen wanden sich im Tango wie Würmer an unsichtbarer Angelschnur, die von den Lorgnons der Mütter hing. Knapp vor dem Allerletzten schien diese Schnur immer mit einem Ruck anzuziehen, und die Begattung ging fehl.
Konnte das klaglos so weiter funktionieren? Immer schwerer und gejagter wurde die Luft; alles trieb einerErlösung entgegen. Schon klebte Talkum-Puder von den Damendekolletés drüben als bläuliche Milch auf den Fräcken der Gentleman-Zuhälter, oder war mit den fettigen Wassern, die als Fixativ gedient, im Rücken breiig geronnen. Oben auf den Wangen zerfiel trockenes Pulverrot, wurde eingesogen in schwammig erweiterte Poren. Ganz drüber aber knickte schief und hilflos etwas, das nicht mehr Wellblech schien und noch nicht wieder Haar geworden. Etwas, das zu leben verlernt hatte — verlernt, in Kraftlinien liebliche und geheimnisvolle Gesetze eigenen Falles zu bilden. Und die Toiletten: schon in der Ruhelage an den Grenzen des Grotesken, weil anorganisch verbunden, hingen sie jetzt als verschobene Körperteile in ganz hoffnungslos untalentierter Weise um die glücklosen Frauen. — Dieser ganze, Milliarden verschlingende europäische Modebau, in dem sich nicht sitzen, liegen, gehen und leben ließ, dessen einziges, offen verkündetes Ziel sexueller Anreiz sein sollte: bei der ersten sinnlichen Welle, statt nun in seinem wahren Element, die Trägerin zu entfalten, desavouierte er sie — ließ sie lächerlich und entstellt im Stich. Denn nicht stammte er aus liebenden Sinnen, aus lebendigen Menschen — nein, Aktiengesellschaften hatten ihn zusammenkreiert — hadernd und amorph als Kontraimitation seiner vorletzten Erscheinungsform.
Da sagte Gargi auf einmal ganz leise, ganz sanft, ganz unerbittlich:
„Gestatte, daß ich mich entferne. Ich darf der Vermischung vonoutcastsnicht anwohnen.“
Das Weihelose dieser eisigen Affenhausgesten — der Mangel an Achtung vor dem Orgiasmus — das Zynischein den Mannsgesichtern stieß sie bis zum Ekel ab, sie, die unbedenklich im Haus der Elchos nackt durch die Farben getanzt — sie, grauenhaftester Verwöhntheit demütig und kühn gewachsen.
„Meine weise Gazelle hat recht,“ dachte ihr Gefährte. Es muß doch wohl wie bei denoutcasts: den Rhodias im Felsentempel, so auch hier bei diesen zu einer Art Orgie der Shivatänze führen. —
Doch nichts dergleichen geschah. Die Scharen der Tänzer begannen sich sogar merklich zu lichten, während der Damen nicht weniger wurden. Immer mehr Männer verschwanden spurlos auf geheimnisvolle Weise, herausgesogen aus den Armen ihrer Partnerinnen. Öfter fiel aus einem vorbeieilenden Trüppchen mit etwas speichelnden Lippen das Wort „Sguerdo suleijl“.
„Kommen Sie mit, Elcho,“ sagte Archie. „Gar nicht weit. Gut eingeführter Betrieb. Filiale des Pariser Hauses,“ er nannte die Firma. „Diese Woche frischer Import.“
„Danke,“ sagte Horus, „ich kenne das Stammhaus. Die Versuchungen sind gering. Es ist einer der wenigen Orte, wo man leicht in Ehren ergrauen kann. Dazu sind wir doch etwas zu verwöhnt — danke.“
So also, mit Relais wurde das gemacht.
„Frisch gepudert werden sie jetzt dort wenigstens sein,“ sagte Cavadini mit bezeichnender Handbewegung ringsum. Er blinzelte du Perron zu. Der aber — Margot, die Glückliche, Glühende zwischen den Schenkeln — verneinte. Sie waren das siegende Paar imfox-trott. Erst mußte er mit ihr zur Preisverteilung, dann sollte der Triumph noch mit ein paarcock-tailsbegossen werden.
Vor der Bar staute sich indessen eine freudig erregte Menge und verfolgte die Vorgänge in dem kleinen Raum. Würde man — würde man wirklich zwei ganz große Damen raufen sehen?Her grace of D.unddonna Maria de la concepción Jimenez de Monserrat y Garciawaren, jede aus einem Separée kommend, an diesem Abend erst hier in der Bar zusammengetroffen und hatten mit Bestürzung, dann wachsender Empörung bemerkt, daß sie beide die gleiche Creation von Lucile trugen.
„Sie müssen meine Vendeuse bestochen haben,“ riefher graceaußer sich, „ich hatte das alleinige Recht darauf.“
„Dann haben Sie eben die Vendeuse vorher bestochen, es andern zu verheimlichen,“ höhnte Donna Maria.
„Das Haus verkauft eben seine Modelle jedem gern, der sie bar zahlt.“
Her gracepflegte lange schuldig zu bleiben.
„Wechseln Sie das Kleid sofort — die Idee ist mein Eigentum,“ kreischteher grace.
Donna Maria lachte bloß.
Plötzlich sprang alles mit einem Schrei zurück. Hoch sprühte es auf, wie ein Geysir.Her gracehatte den Hahn einer vollen Syphonflasche gespannt und ihren Inhalt in Donna Marias Dekolleté gespritzt — senkrecht durch, daß es in den silbernen Abendschuhen nur so plätscherte.
Wütend wie eine nasse Henne stürzte die Spanierin hinaus. Kam nach zehn Minuten zurück, in einer zweiten trockenen —her graceerstarrte zu einem Block Wut — der vorigen ganz gleichen Toilette.Her gracegab sichbesiegt. — Vielleicht hatte die Gegnerin noch ein halbes Dutzend in ihren Koffern, da konnte man die ganze Bar vergeblich verspritzen.
Von neun Uhr abends bis drei Uhr früh war der Kaufherr aus Braila mäuschenstill in einer Ecke gesessen. Hatte kein Auge von den Tanzenden gelassen. Jetzt erhob er sich seufzend, schritt zum Foyer, sah hinaus und murmelte resigniert:
„Glatteis. Aber was will me machen.“
Ja, da ließ sich eben nichts machen. Es war ein zu exklusives Hotel; Frauen, in der Lage, ausschließlich von ihrem Liebreiz zu leben, wurden hier nicht geduldet.
Längst lagen die Säle leer: eingefressene Löcher, schwarz im Hotelleib. All ihre Lichtchen, die erst wie in eine Versenkung gesprungen schienen und dann irgendwie fortgelaufen, gleichsam durch schwarze Adern, durch innere Stollen, um auf einmal, jedes einzeln, in einer Zimmerzelle einer Einsamkeit gute Nacht zu leuchten — auch sie waren größtenteils erloschen.
Das Dunkel aber war falsch und schwieg ungern.
Durch Türen, Korridore entlang strich eine manische Ruhelosigkeit wie von eingesperrten Katzen.
Knisterndes Fluidum gelöster Haare, durch die gereizte Finger wie Nervenkämme fahren. Vages und Erbittertes aus ratlosen jungen Körpern stand in Herzhöhe durch das ganze Haus.
Aus dem Zimmer der Raeburngirlswar erst greller Hader zu Horus herübergeschrillt. Die Ursache gar derRede nicht wert: ein verwechseltes Stück Seife, dann ein Disput, wer morgen den Toilettetisch zuerst benützen dürfe. Hazels Stimme:
„Ich will nicht immer deine ausgegangenen Haare in meinem Coldcream finden.“
„Und ich nicht deinen ekelhaften Puder auf meinen Bürsten! Nützt ja doch nichts — schau nur, wie deine Nase wieder glänzt.“
Schließlich waren beide in hysterisches Weinen ausgebrochen. Hazel schluchzte aus den Kissen:
„Ist es jetzt nicht ganz — ganz egal, daß du heutemommodie Ärmellosen abgeschwindelt hast?“
„Satt hab ich’s — ich gehe zum Kino.“
„Wo man deinen Sprachfehler nicht merkt — na ja hübsche Beine hast du ja. Die in ‚Sguerdo suleijl‘ haben gewiß nicht so hübsche, man soll sie sich dort immer rasieren — vorher.“
Nun wiesen die Stimmen aneinander auf dies und das hin; wurden heißer, gieriger daran — kaum liebevoller. Der Haß blieb in ihnen, nur kicherte er jetzt und kam ganz nah, erlöste sich in Not und Verachtung.
„Hatte es nicht geklopft? Da, noch einmal!“
„Wer ist es,“ zischte Gwen — „ein Mann?“
„Mach auf!“
„Ja — auf!“
Die Tür ächzte leise in den Angeln.
„Ich bin’s,“ sagte Linda Bordones mühsames Stimmchen.
„Ich sah Licht bei Ihnen, o, bitte, können wir nicht noch ein wenig plaudern und ... und,“ sie zögerte — „zusammenbleiben?“
Linda stand da in voller Balltoilette. Die ganze Nacht hatte Cavadini fast ausschließlich sich um sie gewunden, in ihren Nacken geatmet, dann aber, kurz ehe er mit den andern nach ‚Sguerdo suleijl‘ ging, sich jäh, wie durch einen Schnitt, aus der Verschmelzung mit ihr gelöst, und ziemlich kühl angedeutet, er führe auf einige Zeit nach Paris, um den Damen Waanebeeker bei der Ordnung ihrer Verlassenschaftsangelegenheiten an die Hand zu gehen. Sie möge ihn nicht allzubald zurückerwarten und indessen lieber mit dem Onkel nach Bologna heimkehren. Eine Szene im Ballsaal, davor hatte ihr gegraut. Ein Handkuß, perfid und lang, dann war er, höchst angeregt, verschwunden.
Seitdem fürchtete sie sich derart vor dem Alleinsein, daß sie durch das Hotel gewandert war, bis zu diesen fremden englischen Mädchen. Hatte erst an Winifred, ihre Zimmernachbarin, gedacht. Aber das kannte man. Nach Tangonächten klang sofort stumpfer Schlafatem durch Winifreds Tür, eine Flasche Kognak, heimlich, von ihrer Mutterbridge-fondangeschafft, half ihr zu dieser sicheren Ruhe.
Hazel und Gwen waren unterdessen zu einem Doppelblock Wohlanständigkeit erfroren.
„Oh I beg your pardon,“ sie waren so erstaunt, so ins Mark erstaunt, daß es die arme kleine Linda nur trieb, ins Niegewesene zu zergehen. Ein paar vage Entschuldigungen und sie hastete zurück durch all diese Korridore — Röhren der Unrast, in die es aus den Komfortpferchen mündete: verzerrte Kälte oder übelberatende Not und gieriges Bellen des Stoffes — Sattheit aus einigen — aus keinem Glück.
Bei Hazel und Gwen löste sich der Haß der Übernähe nun in gemeinsame Entrüstung.
Nein, dieseforeigners— man konnte eigentlich als Lady nicht mit ihnen verkehren — nicht proper waren sie — keine. Allein in der Nacht im Hotel herumlaufen. Fremde Damen aus dem besten Schlaf wecken. Sicher wollte sie wo anders hin und sich hier nur ein Alibi verschaffen. Nun,mommowürde Sorge tragen, daß man dieser verdächtigen Südländerin von nun an allgemein mit gebührender Zurückhaltung begegne. Sie entrüsteten sich bis zu Zärtlichkeiten, die erst das Frühlicht schied.
Lizzi Beermanns Zimmer stieß an das Gemach ihrer Eltern.
Sie preßte die Polster vor die Ohren. So — so war man also entstanden. So behäbig hingesudelt in eine träge Weite, gleich nach dem Disput über die letzte Hutrechnung, und vor dem ersten Gähnen verdrossener Abkehr.
Da lag man, gedemütigt in seiner ungetanen Jugend, die es so ganz anders wissen und wahrhaben wollte. Lag hilflos heiß auf planen, toten Laken; in Empörung gegen ein weiheloses Nebenan.
Aufspringen hätte man mögen, Türen aufreißen, drauflosschreien:
„Da — das ist der ‚Kinderschlaf‘ meiner dreiundzwanzig Jahre, an den eure Faulheit zu glauben vorgibt. Ja ihr — ihr, zu träg in euren salopp gewordenen Körpern, um auch nur ein Glied selber zu straffen —anregen laßt ihr euch von dem Blut in unsren obszönen Tänzen, die wir am Schnürchen machen dürfen. Dann fragt ihr: ‚Nun Kleine, gut unterhalten? So, jetzt aber brav ins Bett‘.“ — O, wie widerlich — welch ein verlogener Käfig, dieses ganze Leben. Aber ausbrechen? Nein, zu riskant. Lieber behalf man sich noch bis zum korrekten Ende.
Manchmal gelang es wohl und man vergaß ganze Teile von sich — sank dann wie an eine fremde Wärme — an sie hin. Da waren zum Beispiel die Arme: ferne Gliederwesen, die frei spielen konnten, wo sie wollten. Aber Kopf und Lippen blieben leider immer allein und zu weit weg von allem Wesentlichen. Wie gut es die Raubtiere, überhaupt die Tiere hatten: von nichts an sich waren sie getrennt; Kelch und Gegenkelch durch eine wunderbar bewegliche Wirbelschnur biegsam verbunden. Schon als Kind hatte man im Zoo immer davon träumen müssen, wenn „miß“ vor den Käfigen die Zahnformeln repetierte. Was sich da alles machen ließe.
Und die Träume gingen bald in Geschichten über — etwas beschämende Geschichten, an denen sich ein zweites, häßlicheres Ich mästete — zu vampirhaftem Leben erweckt von unbedenklicher Hand. Die arme junge Hand wußte nicht, daß sie das Glück entwurzelte in ihrer Not. Wie es dann, am Tag der Erfüllung, heimatlos sein würde am abgelenkten Quell.
Aber es waren in diesen gefährdenden Jahren eben immer wieder nur die Zahnformeln repetiert worden, und etwa: wann und unter wem Sizilien an das Haus Anjou gekommen — dann noch etwas Eckiges mit einer Hypotenuse, aber das hatte man nie recht verstanden.
Natürlich wußte man, das „andere“ sei wohl improper. Es war aber außerdem so viel „improper“, gar nicht zu leben wäre gewesen, hätte man sich überall daran gekehrt. Wie also Sinn von Unsinn am „improper“ scheiden, da die Erklärung, erhielt man sie, ja doch gelogen war und immer weithin sichtbar falsch.
„Oh wann — wann wieder.“
Und im langensaut-du-lithing Margot abschiedtrunken mit gelösten Gliedern um du Perrons Hals.
Dieses rührende und entzückende Bild bot sich zwischen Tür und Angel von Mademoiselle Chenals Hofzimmerchen einem Trupp heimkehrender Herren, als sie in der Dämmerung auf Zehenspitzen jäh um einen Korridor lugten. Von der andern Seite hatte schon längst der Zimmerkellner verborgen geäugt, der, so lange nicht nach ihm geschellt wurde, die göttliche Allgegenwart „love“ zu schlagen pflegte.
Ob die Herren von dem Bilde entzückt gewesen, war schwer festzustellen — gerührt wohl kaum, denn es gab einen ungeheuren Skandal. Ganze angelsächsische Tribus erklärten abzuwandern mit ihrer Brut, mutete man ihnen die Gesellschaft einer solchen Person noch weiter zu. Man sehe ja so über manches hinweg, zum Beispiel — und nun wurden alle erdenklichen sexuellen Querstände nach der Variationsrechnung durchgeprobt —, aber eine Tochter neben Töchtern. Das war zu viel. Die übrigen jungen Mädchen indes blühten an diesem Tage argloser wie je in den Klubsesseln herum: es war das reine Konzert-Blühen, sahen mit etwas umränderten Kinderaugen süß und leer um sich.
Gegen Mittag ließ die Direktion Madame Chenal mitteilen, man bedaure unendlich, aber durch ein fatales Versehen seien die Zimmer der Damen telegraphisch an neue Gäste vergeben worden, auch habe man leider gar nichts anderes für den Augenblick verfügbar, ob vielleicht an ein anderes Haus telephoniert werden solle? Auf alle Fälle sei der Gepäckschlitten um vier Uhr bereit.
Die darauffolgende Szene zwischen Margot und ihrer Tante schrie durchs Mark des Hauses. Madame Chenal erbrach wie rasend nach einander alle Opfer, die sie der Nichte von der Wiege an gebracht, und wie nun das mühsam gesparte Geld für die Lancierung zu dieser kostspieligen Saison hin sei, und alles Schmach und Ruin. Keine Heiratchance mehr. Und was ihre bedauernswerte Mutter nur sagen würde, und nach Rouen könne sie überhaupt nicht mehr zurück. Sie selbst ziehe jedenfalls ihre Hand von der Deklassierten und enterbe sie.
Dann eine Atempause der Hoffnung. Madame Chenal ließ Aquetil du Perron zu sich bitten und erklärte ihm, sie gehe wohl nicht fehl, wenn sie ihre Nichte, nach dem Vorgefallenen, als mit ihm verlobt betrachte.
Du Perron wurde ganz Gentleman und so korrekt, daß einem das Atmen verging. Er höre wohl nicht recht. Männer von seinen Grundsätzen und seiner gesellschaftlichen Stellung pflegten wohl nicht eine junge „Dame“, — er lächelte Gänsefüßchen — die sich nach einer Ballnacht gleich einem quasi Fremden an den Hals werfe, zur Mutter ihrer Kinder zu machen.
Und als Madame Chenal etwas von Vergewaltigung und gerichtlicher Klage anfing, schnitt er ihr kurz das Wort ab:
„Ganz nach Belieben, er habe ja Zeugen genug dafür, ob der Abschied nach Gewalt von seiner Seite ausgesehen — oder eher anders herum.“
Tiefverschleiert schlichen sich die beiden Frauen durch einen Seitenausgang des Hotels zu ihrem Schlitten, ignoriert von den Hotelgästen. Dafür bildete das gesamte Personal, dem keine Abreise noch je entgangen war, auf dieser ungewohntentraceSpalier. Aus allen Korridoren quollenbutton boys, sonst gewohnt, sich auf der Freitreppe pompös zu entfalten. Dieses Spießrutenlaufen, bei dem die Verurteilten noch jeden ihrer Quäler zu beschenken hatten aus der mageren Tasche — es war zu viel. Endlich beim letzten Lungerknaben angelangt, brach aus Margot — der Beschimpften, Verhöhnten, Getretenen — der erste Strahl Menschenwürde. Als dieser glücklose allerletzte Lungerknabe, schon beim Schlitten, nicht nur die Hand, sondern auch — und gar nicht wenig — die Zunge vorstreckte, klappte sie ihr zwei Frankstück in die Börse zurück und gab ihm eine schallende Ohrfeige.
Aber eigentlich war dieser Skandal von weniger nachhaltiger Wirkung gewesen, als man hätte meinen sollen, denn ein neues, tieferes Zittern schwoll durch das Haus. Wie stets zur Zeit der Äquinoktien, war, gleichsam über Nacht, die Hutbrunst ausgebrochen und die bewegten und beunruhigten Frauen sammelten sich zum Zug nach Paris.
Schon vor Wochen war es Horus aufgefallen, daß die Neuangekommenen merkwürdig anders gebaut zu sein schienen als die Winterfrauen, besonders die Partie zwischen Schulter und Ellenbogen strebte offenbar immermehr dem Schenkel eines Schweines nachzueifern, und so wähnte, was noch Frauenarme besaß, sich allzusehr im Nachteil. Und die Zeichen mehrten sich. Letztarrivierte sahen schon so vollkommen verkehrt aus, daß man ganz verzagt wurde.
Die Principessa Dango — als Sturmvogel derrue de la Paix— war längst fort mit ihren Hutkoffern: eine Art Löwenkäfigen mit Saugnäpfen, letztere bestimmt Toques — Cloches — Canotiers: alles pneumatisch — nadellos an den Innenwänden festzuhalten.
Als Elchos ihr Kupee bestiegen hatten, fiel Horus ein Herr auf, in englischer Reisekappe, und an dem nagelneuen Überzieher Nähte, wie die Nieten eines Dampfkessels. Wo hatte er den Mann schon gesehen? Eben schob er jene kostspielig aussehende Französin in einen Waggon erster Klasse, hinter der drein der Zimmerkellner am ersten Abend blitzschnell eine Geste von geradezu infernalischer Gemeinheit gemacht.
Wo war der Dame sonstiger Gatte — oder Begleiter? Glich nicht der Mann in der englischen Reisekappe auffallend besagtem Zimmerkellner? Wen-Kiün, Gargis Dienerin wußte Bescheid. Sie haßte den Zimmerkellner.
Ja, dieser „große Kerl Gauner“ hatte beim Rennen gewonnen und der Master der Dame hatte verloren. Und so war der Master ohne die Dame abgereist, und ohne die Rechnung zu bezahlen. Und so hatte der Zimmerkellner die Rechnung beglichen und die Dame für die Begleichung der Rechnung behalten.
„Warum auch nicht,“ sagte Horus zu Gargi, „hier, wo es keine Kasten gibt: sondern nureinenPöbel mit verschieden viel Geld. Schließlich in einemeasy-chairlümmeln, das bißchen Eßmanieren, die paar Redensarten! Leicht ist es da, Herrenbräuche erfüllen; gälte es, einer östlichen Teezeremonie gewachsen sein oder den Begrüßungsformalitäten zweier chinesischer Kaufleute, das wäre etwas anderes, das müßte gelernt werden. Aber europäischen Gentleman spielen — welchen Könnens bedürfte es da.“
Er lächelte Wen-Kiün zu in heiterer Erinnerung. Dieser Zimmerkellner war der Chinesin Privatfeind. Einmal standen um den ganzen „Astoria“-Block jene eigentümlichen Schnatterlaute, wie sie Chinesen in höchster Aufregung eigen:
„Du verkehrt gezeugtes Schildkrötenei, die Hund is eine Gentleman, nur noch nicht fertig. — Du fertig und nie Gentleman.“
Der Zimmerkellner hatte auf zwei Hunde, die sich im Sonnenschein zu paaren versuchten, wie das hier so Brauch, unter Zoten und Gelächter losgeschlagen.
Von ihrem Master scharf zurechtgewiesen wegen solch unziemlichen Fluches, hatte sie mit der Unbeirrbarkeit eines Kindes, das noch keine Kompromisse anerkennt, gesagt, demütig, und doch wieder mütterlich ihm überlegen an uralter Würde:
„Wir tüchtig im Unten Sein ... diese aber nirgends tüchtig.“
Die Gondel der Principessa Dango floß auf denponte della pagliazu.
Silberbrokat schleifte breit im Kanalschlamm hinterdrein. Faulende Tomaten, ein paar Kohlblätter, zogen auf seinen harten Metallfäden mit. Zwei hypnotisierte Barsois, mit Silberpuder bestreut, flankierten steilen Profils die Principessa, schnitten, ihren unbegreiflichen Hut zwischen sich, wahnsinnige Dreifalt ins Blaue.
Jetzt stieg sie langsam zwischen ihren lebendigen Wappentieren hindurch, gegen den Dogenpalast an. Hinter dem Eckpfeiler mit dem betrunkenen Noah lauerte es ihr entgegen, duckte sich, stürzte vor: Strondoli. Eine ewige Sekunde wies der klotzige Browningfinger krachend auf die Niederstürzende.
„Abdrehen!“ schrie Archie Payne dem Mann am Apparat zu, und, Fäuste in Hosentaschen, zur Principessa:
„Oh! drat it... was fällt denn Ihnen ein!“ Keine Spur Snob-Devotion lag mehr in seiner Stimme.
Mitten im Todeskampf hatte sie plötzlich das Lorgnon erhoben, ließ ihr Sterben liegen, ging an Regisseur und Filmstab vorbei in eine Gruppe Zuschauer hinein:
„Beautiful boy.“
Und sie hielt Horus Elcho den Mund des Handschuhs zum Kusse hin.
„Impossible.“
Schon führte Strondoli sie höflich-fest zurück. Aus Archies Stimme aber pfiff nackt die Impresariopeitsche; die „princesse macabre“ wurde Schulden halber von ihm verfilmt: ihr Palazzo — ihr grandioser Totenkopf mit Toque — ihre Windhunde — ihr Foxtrott, alles war diesem Raubepheben von Übersee hörig geworden, der in Schmieröl und Champagner spekulierte, einen Rennstall, eine Bar in Verbindung mit einem Kunstsalonbetrieb, ein Filmunternehmen gegründet und nun unter der Hand ihre Wechsel aufgekauft hatte.
Also schnell den Todeskampf noch einmal; die anschließende Szene, bei der Lord Byron in Schwimmhosen aus zehn Meter Höhe per Kopf in den Kanal zu springen hatte, drängte sehr, denn schon zog Ebbe die Wasser von der Stadt zurück, wie wenn Speichel sich zurückzieht von einem entfleischten gelben Gebiß, die geschwärzten Ringe der falschen Kronen auf verfaulenden Wurzeln bloßlegt. Der schöne Archangelo, im Bademantel als Lord Byron, erklärte, den Sprung heute kaum noch riskieren zu können. Indessen umfeilschten er und Genia Waanebeeker bei dem Antiquitätenhändler an der Ecke des San Sovino einen römischen Sarkophag, den wollte er als Toilettetisch zum Rasieren und für seine englischen Reiseflacons im neuen Heim verwenden. Halb St. M. wirkte hier „im siebenfachen Mord an der Seufzerbrücke“ mit. Seine Darsteller — es war Archies Clou für „drüben“ — sollten Mitglieder der „Gesellschaft“ sein. Taten auch jetzt untereinander sportlich-heiter, amateurisch-unbeschwert, nach der eiskalten Wut, mit der jeder um den Vertrag gerungen, Vorschüsse heraus, Vorteile hineingekniffen und seine Fußangeln heimlich durchgenagt hatte.
Archie bereute. Diese Amateurverdiener, von kaufmännischen Usancen völlig unbeschwert, hielten im Geschäftsverkehr einfach alles für erlaubt, waren stumpf für Grade innerhalb merkantiler Unanständigkeit und von uferloser Beutelust.
Zuweilen gab es ja Spaß, wenn etwa Gwen Raeburn ihm mit ihren hübschen Beinen beinah die Schlafzimmertüreinrannte, zu allem bereit, damit er sie nur ja nicht mit Hazel gleich einkleide zu einem venezianischen Pagenpaar.
Die Erschießung der Principessa Dango aber hätte sich auch besser in St. Peter gemacht, während der Papst die Ostermesse zelebrierte. Wie bei dem Schuß die Kardinäle gehüpft wären;first rate, so eine echte Panik. Wenn man Glück hatte, gab’s wirkliche Tote. Ein Fehler, daß er sich nicht direkt mit dem heiligen Vater ins Einvernehmen gesetzt. Lord Byron in Schwimmhosen konnte ebensogut von der Engelsbrücke springen.
Hätte ihm nur dieser goldäugige Sklavenhändler seine Reisefrau für die Film-G. m. b. H. verkauft. Er hatte Gargi einmal in den „fließenden Wassern von Bengalen“ überrascht, wie sie mit ihren Armen spielte, die — zwei Schlangen — aus ihr erwacht, fortglitten, Milch aus Schalen tranken, dann aufgereckt, rosige Opale auf den schmalen Köpfen, ihren bösen Schwebetanz begannen um eine zitternde junge Antilope, die ein zarter Frauenschenkel war. Mit eins hatten all diese Zauberwesen sich dann aufgerollt und dahin wie Wolke am Boden, die langsam steigt, sich loslöst aufwärts in eine andre Dimension. Was Opale in Schlangenköpfen gewesen, stand nun hoch, zwischen Schleiernebeln, zeitlos: ein Sternbild über einer weiblichen Säule, gleich Rauch.
Tausend Prozent.
Auf was wartete dieser asiatische Wucherer denn noch? Dort schritt er über die Piazetta — schien immer über alles hier wegzuschreiten und trat es doch nicht nieder dabei. Diese Höflichkeit gegen seine Sklavenprinzessin! Kein Zweifel, entweder sie hatte das Geldoder wußte eine ganz üble Schweinerei von ihm. Jetzt nahmen sie einander gar bei den Fingerspitzen wie Kinder im Märchen. Perverse Sache.
Ja, sie gingen Hand in Hand, wie einst zur Schillerfalterjagd, auf hohen, schlanken Beinen in die Goldhöhlen von San Marco hinein. Gargi um Weniges voraus. Hier in der Insel von Byzanz, schwimmend auf gestohlenen Säulen des Ostens, blühten wieder die unerhörten Farben ihres Sonnenblutes auf, glänzend wie Blätter; über Silber ein grünlicher Samt. Als Ampel, auf magischer Spur, leitete sie den Mann an hingekreuzigten Tieren, toten Engeln und Goldadern entlang, in lieblichem Triumph einem noch Dunklen zu — vor Freude ernst. In der Apsis, hinter der malachitnen Schlachtbank für das Meßopfer, hob sie den schweren Ledervorhang — ließ ihn schauen:
In den Raum derpala d’oro.
Durch seine enge Nacht hing leuchtend die morgenländische Altarplatte aus Gold und aus Lazur. Gebuckelte Juwelenbeeren trieben blasig aus ihr und um die erzenen Engel ihres Grundes. Auf diese Engel fiel von oben Honigschein einer Kerze hoch aus der Hand eines neuen Wesens. Einer Frau?
Es stand wie wehender Springbrunnen — wie Lebenskraft fabelhaft aufgeschossen zu einem einzigen verwegenen Strahl. In eine Natürlichkeit kühneren Ranges hinauffließend — schwerelos.
Der Elf von einem großen Stern.
Die blanke Nadel am Faden einer feinen Spur.
An dem Zittern der Wasser seines Lebens hatte er sie schon hinter dem Ledervorhang erkannt, jetzt von rückwärts an den Sprunggelenken. Kühn und scheu hielt sie die Kerze einem dunkelhäutigen, eher kleinen Mann — wie beglückt, ihm so Schönes weisen zu können, und glich an Haltung ganz jenen Cherubim aus Niello und Opal, die ihr wie fernes Geschwister entgegen zu wandeln schienen aus dem goldmilden Grund. Des dunkelhäutigen Mannes Blicke schwollen wie Beeren. Aufsaugend gingen sie von jenen zu ihr, füllten sich mit dem Gewonnenen. Dann glitzernd, schmeichelnd, leise:
„Meinpala d’oro-Wesen.“
Dann noch leiser, wie eine Inkantation, ein feuriges Gewebe, jedes Wort kennerisch setzend und genießend:
„Mein nobles, langes, schlankes, schlangenanmutigespala d’oro-Wesen.“
Horus ließ den Ledervorhang fallen. Schied sich diskret von dem Stromkreis drinnen.
„Falsch,“ fühlte er.
„Nichtpala d’oro-Wesen. Denn noch niemals konnte sie da sein. Ihr Kanon erfließt aus einer kühneren Ordnung der Materie, aus eignem eigensinnigem Gesetz. Erst seit der Planetengeist durch Schwebebrücken, durch zart ragenden Stahl zu uns spricht, ist sie als Körper auch nur möglich, die Weißeste der Weißen, die schlichthin Neue: St. Elmsfeuer aus den Spitzen alles Bisherigen. Fern ragt sie auch über die Schönheit weg, die noch nicht bis zu ihr gelangt, sie noch nicht einzuholen vermocht.“
Und er blies wie reifen Löwenzahn das Wesen der Pallas und Nausikaa von seiner Seele. Ganz Geburtstagskindwieder. Und tat — als ein Wissender — jedes Wollen und jede Willkür von sich ab. Er würde sie nicht suchen; hatte zuviel Ehrfurcht vor dem großen Finden. Das sollte vom Rang jener Dinge sein, die hoch über Einsicht und Bestimmung des Einzelnen hinaus, einem geheimnisvollen Kräftespiel überantwortet zu bleiben haben, oder sie sind nichts. Nur den Vorhang berührte er noch einmal mit jeder Pore seines Körpers und war irgendwie getrost. Hatte ja die Fee Peribanu zur Lieblingsfrau, und eine Fee ist lauter Gabe und deshalb so überaus mächtig, weil frei von Furcht, daß man ihr etwas raube; wer aber könnte das, da sie ja selbst lauter Gabe ist?
Als Mittagssonnenstaub in den schmierigen kleinen Waggon auf der Strecke nach Padua hereinbrannte, kam von nebenan eine Stimme. Die Stimme. Erst wortlos leuchtend. Jünglinghafter Vogelton über einem dunkelerregten Grunde. Auf eine Frage hin zitterte sie zu Klarheit, setzte Worte wie Kristalle an; ward ein kleiner Bericht — Alltagsvorgänge nach einer Trennung — vielleicht in einer deutschen Stadt — Besuch eines „Zoo“. Die Stimme griff Tiere heraus, ründete Bilder mit jener neuen Kinderkraft am andern Ende des Wissens, wie sie Diana Elcho eigen gewesen. Er horchte all seine Adern entlang. Ganz verspielte Worte kamen getanzt auf seinem Blut, einten sich, flossen honigfarben dahin: ... „und es war sommerlich warm zur Stunde der Löwenfütterung — ganz sonnig — die lieben Großen draußen in ihrem dreigeteilten Raum. Die schöne, starkeLöwin schmachtete hinüber zu dem jungen afrikanischen Löwen mit der etwas pauvren Hinterhand; aufrecht stand sie am Gitter, kratzte kläglich und ununterbrochen. Da kam er ganz nah, legte und preßte sich gegen die Drahtmaschen, so daß sie ihn wenigstens streicheln und ein bißchen durchlecken konnte — auch seine intimeren Teile — und hub ein gigantisches Geschnurre an, daß der Boden zitterte; prachtvolle Sehnsuchtslaute dazwischen, daß einem das Herz schlug! Wenn man sich dagegen so eine christliche Ehe vorstellt!
Das Publikum starrte verständnislos die seinem Instinkt so fremden Vorgänge an. Von Mitgift war auch nichts zu sehen, so schwoll der allgemeine Unwille: ‚Die grauslichen Bestien — die Falschen!‘
Und auch die rotznasige Brut echote schon zwischen Trenzen und Nägelkauen zur Wonne der Alten:
‚Die grauslichen Bestien — die Falschen‘.
Da ging ich.
Von rückwärts ins Raubtierhaus, wo auch Affen, Schildkröten und weiße Mäuse sind. Mit mir trat der Wärter ein. Kaum witterten ihn die drei Herrlichen draußen, kamen sie hereingestürzt. Der mittlere Löwe steht still im Tor, zwischen seinen Beinen den untergehenden Sonnenball, und die Mähne von rückwärts durchleuchtet, daß sie förmlich knistert vor Gold.
Da hab’ ich ihm alles abgebeten, auch das mit dem ‚Giletteapparat‘ zum Geburtstag. Jetzt weiß ich ja erst, was eine Mähne sein kann und wie sie gesehen gehört.
Ruhig hielt der Wärter seinen ganzen Arm in den Käfig. Da legte sich der Herr der Mähne genau soauf den Rücken, streckte die Beine zum Himmel und den Bauch unter die liebkosende Hand, wie unser kleines rosenpfotiges Kätzchen seinerzeit in Chamonix — gepriesen sei sein Andenken.
Und dann zwängte der Wärter seine Wange durchs Gitter und der Herr der Mähne leckte sie inbrünstig und schmiegte seine Wange daran ... und so blieben die zwei.“
„Und so blieben die zwei.“ Eine tiefsaugende Männerstimme fing die Worte, trank sie nachschmeckend, schwoll warm am Gewonnenen — schwieg dann. Durch die Stille ging jene Umschichtung der Luft, als würden nebenan lautlos Plätze getauscht, Lebendiges anders verteilt. Nun lag einen Augenblick die dunkelhäutige Wange der Ganz-Weißen an. Wie mit Seidenfäden eine gespannte Marionette, hing Horus am Drüben: wußte alles durch den gebogenen Plüsch der Lehne — durch Wand — und wieder Lehne strahlengrad hindurch.
In Padua riß der Schaffner einen Augenblick die Nebentür auf. Nun sah er als Bild, was jedes Glied ihm einzeln längst ins Aug gesagt: reiherschmal, ganz in silbergrau, saß sie langhin eingeritzt in ihre Ecke, daß Raum blieb für die quergestreckte, schlummernde Gestalt, deren Kopf in ihrem unfaßbar schmalen Schoß — schmaler wie er — gebettet war. Ganz große, fremde Dame, trotz scheinbarer Formlosigkeit einer Situation, der Hitze und Einsamkeit auch so das Befremdliche entzog, doch mehr noch die geschlossen scheue Ferne, mit der die Mondstrahlen ihrer Schenkel, die langen Hände in den grauen Schweden an diesem Männerkopf vorüberflossen, als wäre er Statue und Stein. Nur ihre Zügeaus Eis und Honig waren unbehütet geblieben. Die einsamen Augen legten sich über ihn, weideten götterfrei auf dem dunkelhäutigen Greifengesicht, das sie betreuen durfte, voll rührend befiederter Erwartung eines namenlosen Glücks.
Geisterhaft unhaltbarer Duft nie wiederkehrender Einzigkeit war um diesen seligen Augenblick. Hellrunder Tropfen Gottes hing er aus allem grauenhaft Verfließenden herausgeschöpft und leuchtend da. Durch ihn: das Keusch-Einmalige seines wolkenlosen Glanzes hatte er: der Fremde, mehr Teil an dieser Fremden als durch die Liebe des zwillingsbrüderlich Geliebten eines ganzen Lebens.
Der großgewellte Greifenkopf in ihrem Schoß aber floß draußen in Schlaf an dem ewigen Augenblick vorbei — in sich versteint — war nicht mit in dem, was an ihm entstanden war.
Horus blieb auf dem porösen Bimsstein-Perron der kleinen Stadt zurück. Abends würde sein Weg wieder die Schleife nach Süden ziehen. Nordwärts an ihm vorbei fuhr der Wagen mit dem Elf von einem großen Stern.
In bitterem Bedauern ging die Fee Peribanu in Padua an den Giottos vorbei. Nur sie hatte gesehen, daß zwischen den langen, spiegelnden Lenden von edelster Enge ein Kind wuchs.
In Rom sagte der verblüffte Dr. Hafis, getroffen in seinem Europäerdünkel:
„Man muß sich eben historisch einstellen auf Werke der Kunst.“
„Einstellen,“ das hieß: sich immer ein bißchen wilder, oder schäbiger, oder ungerechter, oder einfältiger gebärden müssen, als man wirklich war.
Hieß: auf einer Seite ganz klein geduckt, sich auf der andern gleichzeitig einen Buckel tolerieren.
Hieß: irgendwie Barbarei — geleckten Kitsch — prahlendes Ohngefähr, wohlwollend übersehen zum Genuß.
Hieß: irgendwo besseres Wissen — klarere Einsicht — größeres Empfinden trüben; nicht Distanz, eine Froschperspektive gewinnen, um schätzen zu können, denn es gab hier nur partiellen Rausch.
Er fühlte: es ziemt mir nicht oder besser: es ziemt meiner grenzenlosen Ehrfurcht vor der Kunst nicht, daß ich mich limitieren müsse — in sie kriechen — statt mich zu recken in ihr Maß. Daß sie Stil werde durch das, was fehlt: durch irgend Irrsinn, Unreife, Fetischismus oder Leere. Nicht durch ungeheuren Runddruck der Vollendung, ihr nur eigner zarter oder machtvoller Verdichtung der Welt. Stil: lediglich Überlappen nach der einen oder Schrumpfen nach der andern Seite, und hätte doch Erschütterung des Betrachtenden aus seinem Maß heraus zu sein, auf daß er alle Kräfte überspannen müsse nach dem Unsäglichen hin, es ausblühend rings zu umfassen.
„Man muß immerhin bedenken ...“ Dr. Hafis machte die fade „tout comprendre“-Geste des vor Wisserei Verblindeten.
„Ich ‚bedenke‘ ja gerade, was Sie, Herr Doktor, mir in diesen Wochen an europäischer Kunstgeschichte zu lesen gaben, und darum sehe ich erst recht das Menschenfresserische dieser Renaissance-‚Pracht‘ ein: ihre optische Unreinlichkeit bei aller Reißbrettkälte, die billige Art, wie Übergänge, Fugen, Ecken als Probleme einfach ignoriert werden: diese ganze Kulissenreißerei an Sonnenuntergänge gelehnt; sehe ihre Palazzi ein, als das, was sie sind: Parvenuebuden für soldateske Raubbankiersà la Medici— optisch zu unerzogen, um sich ihre Künstler zu ziehen — ohne Sinn für Heimkultur, und sich in ihren Wohnstätten eben begnügend mit Menschenfresserprunk, weil sie ja nebenbei an einem Vormittag immer noch drei Kardinäle zu vergiften hatten und einen Kaiser zu betrügen.“
„Durch Versailles, die Möbellager aller Louis im Louvre ging ich jüngst noch fassungslos. Jetzt sehe ich auch den französischen Barock ein: Stil der auf ‚Mätresse‘ erzogenen Hausmeisterstöchter. Die Herrenkaste, durch Irrenbräuche, Raufhändel und Seuchen zu müd, um noch auf Wertungen zu halten: Noblesse — Gemeinheit, alles gleich. Ließ ihr Seigneurales überklatschen vom Luxusbegriff der proletarischen Bettweibchen aus den Kloaken, für die viel Überflüssiges haben — ‚vornehm‘ sein bedeutet.
Das sehe ich alles ein. Was ich aber nicht einsehe, ist, daß Privatdozenten daherkommen, Kunstkenner, Snobs und als ‚höfisch feine Blüte‘ bestaunen, was Paradigma dafür, wie sich eine europäische Straßendirne den Reichtum vorstellt. Eine europäische, wohlgemerkt, weil — und darunter leiden wir Asiaten hier am meisten— der AkzentgepflegterArmut fehlt: Armut als selbständige, formenschöpferische Qualität; so bleibt auch Reichtum in Europa immer nur eine glücklose Blase über Seelenschmutz.“
Und da geschah es, daß Gargi auf einmal ein ganz klein wenig zu lächeln begann und Horus überaus rot ward. Er hatte zum ersten Mal seit Jahren wieder „wir Asiaten“ gesagt, nicht mehr: „wir Europäer“.
Er lenkte ein:
„Meinen Sie bitte nicht, ich sei blind gegen die verzeichnete Anmut etwa der ‚dame à la Licorne‘, für den falschen Galoppsprung des Rappen auf Carpaccios Drachenkampf, auch sehe ich, wie etwas, sie nennen es Gotik, aus verworrenen Wurzeln seinen gigantischen Clownismus gegen den Geist des Steins durchtrotzt, denn warum sollte einer verworrenen Seele nicht auch gestattet sein, sich verworren auszudrücken? Sie hat ein Recht auf die Fehler ihrer Echtheit. Was aber der Renaissance abgeht, ist diese Inbrunst im Danebenhauen. Sie macht es mit dünnem Zirkel in Architektur, in Plastik mit kaltem Muskel — und in Malerei: nun, ich fürchte, in wenig Wochen schon so gut zu sehen, daß ich einen echten Raffael nicht mehr von seinem Öldruck werde unterscheiden können.
Wo eben in Europa die Verworrenheit endet, fängt schon der Gähnkrampf an. Kann sich die Seele hier denn immer nur als Wahn betätigen? Pausiert aber der Wahn, bleibt eine gewaltsame, unsolide und leere Freiheit irgendwo am Grund der Lenden, wo bisher gehetztes Irrsein schwoll.
Nie noch sah ich hier den Finger des Geschlechtsfrei auf die Seele weisen. Nie: Ethik von unten. Aus den Zellen der Generation geboren, somit Basis der ganzen lebendigen Pyramide. Immer Glassturz aus der Höhe über einer ewig rebellierenden Masse aus Blut und Gestank oder — Hoffart, Leere und Langeweile.
Als hätten stets nur begabte Krüppel — irgendwie zu lang Eingesperrte und doch wieder zu früh Freigelassene — alles Wichtige Europas, so auch die Kunst in Händen gehabt.“
Gargi meinte:
„Doch auch bei uns, auch im Osten sind Tempel, Statuen, Bilder barbarisch, unwert unsres Lebens.“
„Eures Lebens, ja — glücklicherweise. Denn ihr braucht nicht Kunst zu eurer Rechtfertigung. Braucht nichts aus euch hinauszustellen als steinerne, hölzerne, ölige Sehnsuchtsprojektion. Übersteigert euch selbst zum Kunstwerk, in euren ganz beseelten Körpern. Wenn ihr einander einen Mango reicht, ist darin alles, was hier als Trümmer durch alle Galerien liegt. In eurem Ruhen, Schreiten, Grüßen, Danken erzeugt sich Unerschöpfliches: lebt sich Erlösung aus, denn in ihm ward das Geheimnis des Zugleichbestehens von Freiheit und Notwendigkeit lebendig offenbar. Indiens Kunst ist für seine untersten Schichten da, die Höchsten bedürfen ihrer nicht mehr.“
Er sah Gargi wieder vor sich im Museum am Kapitol. Wie sie, belustigt über gellend falsche Ergänzungen an Bildwerken, das leuchtend Wahre aus ihrem Leib herausgeschöpft; den marmornen Moment der Statuen aufgerollt hatte vor und zurück in ein Band Bewegtheit.
Und Krumbichler, der große Krumbichler vom archäologischenInstitut, war ihr sodann vorausgehumpelt zum kapitolinischen Wagenlenker. Hängend in seinen Beinen, wie in unsichtbaren Krücken, wies die Autorität auf den kühnen steinernen Spielfuß der Figur.
„Ei, meine Dame, wie käme aber diese Haltung zustande? Haben die Kollegen und ich sie doch fürwahr, als dem Experiment nicht stichhaltig, des öfteren erprobt. Überzeugen Sie sich selbst,“ er schob eine Samtbank dem Lenker parallel, „nun besteige ich den Streitwagen.“
Aus seinem Oberkörper, der bis in die Beine lief, hob er ein Restchen Hose und schlich damit hinauf, der andre Zugstiefel strich indes die Schleimspur einer Schnecke hinten nach durch die Luft.
„Sie sehen“ — Krumbichler äugte über die Brille an seinen Hosenknollen abwärts, unsichtbare Zügel in Baumwollfäustlingen. Da aber beschlich ihn Schwindel auf seinem Bänkchen und er kroch auf den Rockschößen eilig erdwärts.
Es hatte wirklich keinen Moment mit dem Epheben oben übereingestimmt, und man bestätigte es ihm gerne.
„Steigt man so auf,“ er wies kopfschüttelnd auf diesen eigenholden Spielfuß. „Steigt — vielleicht nicht.“ Gargi sammelte sich am Ende des Saales. Ein Nebel von Gliedern schoß daher, wehte an Krumbichlers Nase vorbei, landete hoch im Aufsprung, nachgegossen dem Marmor neben ihr.
Wie wollte so einer die Welt spüren: Zu Kunstwerk verdichtetes Stück Welt, der nicht erst gelernt, seinen eignen Körper spüren. Daß er sich überhaupt unter diesen Antiken ertrug! Erster Befähigungsnachweis hätte doch— der Selbstmord zu sein gehabt! Und das verwaltete hier oben in baumwollenen Fäustlingen die Kunst ...
Unten die gutgegliederten Epheben, die Cavadinis, die Strondolis aber sprangen lieber mit einem „evoe“ und beiden Beinen in die aufspritzende Senkgrube der Politik: Goldgrube der Advokaten. Ja, es war ein Geschlecht von Advokaten, Politikern, Kommis und Chauffeuren, das da den ganzen Tag aufgeregt lungerte in Kaffeehäusern, zwischen seinen historischen Reißbrettkulissen, überspien mit dem Eintagspapier der großen Rotationsverblödungspressen, aus dem alle bis in die Nacht hinein mit eingespeichelten Brocken, vorgekauten Phrasen von Gier, Gräuel, Lüge, Demagogie um sich warfen. Andre zogen wieder mit aufgeregten Händen eine Schleimspur von Privat-Skandal von Tisch zu Tisch durch die Saat gierig gesenkter Papierfetzen: wie Tintenfische, die einen dunklen Schlamm um sich verbreiten, mit dem sie alles in der Runde bekleckern, um dann selber darin spurlos zu verschwinden.
Fremde kamen und gingen. Die Männer bestellten jedes Getränk von Bier bis Whisky; die Frauen sagten, sowie man hinhorchte: „oh Giorgione“ oder „oh Pinturicchio!“
Dann zog Archie Payne jedesmal den Hexenmund lang und die Knie bis zum Kinn, blinzelte seinem Kunstkuli Dr. Hafis zu:
„In sechs Monaten werden sie alle nur mehr ‚oh Gecco Pintaccio‘ sagen.“
So hieß irgendein Nebenseiter dritten Ranges aus dem spanischen Barock, in dem Archie momentan spekulierte. Bei Erweiterung seiner Newyorker Bar in Verbindungmit dem Kunstsalon hatte seine eisig freche Unwissenheit sich gerade mit dieser Marke — warum wußte er selbst nicht — stark eingedeckt. Nun sollte von Europa aus diehausseeinsetzen und beteiligte Fachkreise, Hafis an der Spitze, bereiteten sich, demnächst den Gecco Pintaccio in seiner epochalen Bedeutung für den modernen Expressionismus neu zu entdecken. Man schnupperte nur noch ein wenig in der Peninsula herum, eventuell hier flottierende Werke rechtzeitig aufzukaufen, damit der Ring geschlossen sei, ehe mit den ersten Artikeln, Gegenartikeln, Polemiken,Hü und Hott des Metiers, die Preistreiberei in dem aufgespeicherten Artikel einsetzen konnte.
Seit dem Erlebnis mit der grauenhaften Greisin in Lederhosen ging Horus nur mehr zu Opern und genoß dort, geschlossenen Auges, das bisher in Europa einzig zu Genießende: Musik. In der großen Galavorstellung hob er nun einmal zu früh die Lider, als eben unter schmalzigen Sequenzen der Vorhang: ein gemalter Frühling aus Blech, tangential zu den Bäuchen des talgüberrieselten Heldenpaares niederging. Da kam ihm urplötzlich die Einsicht, wie er hier unter Kolosseen, Kommis und Kulissen: draußen wie drinnen, edle Zeit vertat.
Natürlich daran lag es. Er hatte sich einfach bisher in einer falschen Schicht dahintreiben lassen, vermeinend, Hotels und Logen „ersten Ranges“ enthielten auch die korrespondierende Menschheit. Zwar was anderwärts herumwimmelte, schien nicht eben besser — optisch formal noch unerfreulicher: doch wie man seine Illusionenliebt und deren Minderung fast manisch ablehnt, so flog doch immer wieder all seine weiße Sehnsucht, Liebe und Verehrung strahlengrade vor ihm her in ein noch Unbekanntes, dem Schnee von Paradiesen zu. Überall, wo er noch nicht gewesen, dahin warf er die Erwartung wie in ein Fort.
Wer solche Kleider, Möbel, Wände, Kellner, Tenöre, Kaufhäuser ertrug, war etwas, das er einfach nicht wahr haben wollte als weiße Rasse. Konnten es nicht vielleicht in Verfall geratene Ureinwohner sein, gleich den Weddas auf Ceylon? Ausgebleichte, irgendwie herabgekommene Papuas, die mit mechanistischen Abfällen der echten: wahrhaft Weißen, instinktirr und kläglich herumhantierten wie ein Affe mit einem Sextanten.
Die echten Europäer aber, die lichten Herrn der Welt, in lässig larger Achtung vor den territorialen Rechten dieser Urbevölkerung, hatten sich lächelnd unnahbare Wohnplätze geschaffen auf eine ihm, dem Fremden, vielleicht noch nicht begreifliche Weise: am Ende gar mitten inne allem Wust und totem Geheul?
Was war den Schöpfern der Weltgleichungen unmöglich?
Hatte er doch noch keinen Vertreter jener Gebiete getroffen, die er als typisch „europäisch“ anzusprechen gewohnt gewesen.
Ihr Wirken aber kannte er:Wirklichkeitmußten sie also sein, diese Geschöpfe wie aus Schnee und Gold in ihrem ohnegleichen Cherubtum; die Sternenklaren, Bestirnten, Newtonhaften, die süperben Glücklichen, und das Gefüge ihrer Glieder ebenbürtig den köstlich gleitenden Erzwesen ihres Hirns und ihrer Hände. Irgendwomußte es sie geben, dort vielleicht, wohin der Elf von einem großen Stern entschwunden war.
So taumelte ihm das Herz doch wieder in seinen heißesten Lieblingstraum. Gegen alle Vernunft. Trotz allem. Ja, gerade die singenden Bäuche, der gemalte Frühling aus Blech, zwangen das Pendel seiner Stimmung, zurückzufahren, daß es sich beinahe überschlug.
In diese verborgene Welt der Ganz-Weißen aber würden van Roys weltgültiger Name, seine Empfehlungsschreiben dem Schüler, dem bescheiden Nahenden, den Weg bereiten. Eine Persönlichkeit, frei, kühn, bizarr, deren Primzahlengesetz, deren Knotenexperimente, die vierte Raumdimension betreffend, ihn erst kürzlich entzückt hatten, zog ihn dort vor allem an. Wie hatte er es nur ertragen können, diesen Besuch so ins Unbestimmte zu verlegen für eine Zeit, wenn ihm Deutschland etwa gerade in den Weg käme? Bei der Einheit und Höhe an Mensch und Ding, wie sie ihm einst als Merkmal des ganzen Kontinentes vorgeschwebt, galt es ja berauschend gleich, wem und was er zuerst begegnete.
Morgen würde er fahren. Und er fuhr. Gewiß, auch in Italien oder Frankreich gab es Namen genug, zu denen es ihn mit dieser neuen Hoffnung gezogen hätte, aber er schämte sich ein wenig seiner Aura. Wie, wenn das wirklich nur kastenlose, verwilderte Ureinwohner, unter die er ahnungslos geraten? Wäre es ihm etwa eingefallen, aus dem Körperdunst von Rhodias kommend, einen Brahmin hoher Kaste aufzusuchen? Nicht, daß etwa unliebenswürdiger oder gar verächtlicher Empfang gedroht hätte. Ärgeres. Die höfliche und feierliche Gestalt mit hanfner Schnur auf dunkelblasser Brust saß,tat, lächelte dann wie immer. Doch die Poren der Persönlichkeit blieben zu. Man merkte das erst beim Sprechen. Lieblichste Einfälle — tot wie Steine plumpsten sie vom Mund einem senkrecht vor die Füße — und da blieben sie liegen. Zum Schluß saß man oben auf einem Schotterhaufen eigner Weisheit mit ganz ausgeweidetem Gehirn. Das verborgene Sonnengeflecht von Geschöpf zu Geschöpf, des Fluidums magischer Faden, auf dem Worte als Weberschiffchen hin und her fliegen, spann sich nicht an.
Eine Pause demnach und etwas wie reinlicher Zwischenraum.
Er nahm ein Auto, lenkte es selbst und fuhr mit Gargi und Wen-Kiün über die Alpen. Das brachte ihn zum ersten Mal mit Europäern, außerhalb der großen Städte, in Berührung.
Auf dem Brenner zwang eine Panne zu längerem, unfreiwilligem Aufenthalt unter Eingeborenen. Es schien ein wilder Völkerstamm, im Besitz von vier deutlich unterscheidbaren Lauten: „Hüüüaaahhh — sell woll — Sakra und Teifffi.“ Ersteres zur Verständigung mit dem Vieh. Zweites zur Verständigung mit dem Fremdling. Drei und vier: orgiastische Erregungszustände mit fetischistischem Einschlag andeutend.
Die ausgewachsenen Männchen trugen entwurzelte Fangzähne wilder Tiere an Schnüren vor dem Nabel, und als Hauptschmuck grasgrüne Kegel, an denen die ausgerissenen Rückenhaare einer kleinen Zweihuferart büschelförmig angebracht waren. Die Lenden bedeckten gegerbte Felle der gleichen Tierspezies. Die nackten Beine zeigten durchweg natürliche und dichte Behaarung.Die heranwachsende Brut pflegte artfremde Geschöpfe aus dem Hinterhalt unter aufgeregtem Geschnatter mit allerhand Unrat zu bewerfen.
Doch richtig: noch über einen fünften Lautkomplex verfügte der Stamm. Unmittelbar vor der Abreise sollten es die indischen Gäste erfahren. Horus kurbelte bereits den Motor an, da schlurfte mit hängenden Vordergliedmaßen, endend in schwarzen, zerquetschten Klauen, ein halbwüchsiges Männchen vorbei und spie etwas aus: halb Kautabak, halb „gelobt sei Jesus Christus“ — ging zwanzig Sekunden weiter — duckte sich und schmiß einen Stein. Die Bewegung, bei aller hämischen Wut, war aber von so wasserbüffelhafter Langsamkeit — bis eben das Tief-tückische durch die Borke heraufbrach — daß Horus unschwer das spitze Stück Schotter vor seinem Ziel: Gargis Schläfe, mit erhobenem Arm abzufangen vermochte.
Dann, als der Wagen mit dritter Geschwindigkeit den Grenzen dieser Weideplätze zustrebte, bemerkte er, den schmerzenden Arm am Volant:
„Ob ein gewohnheitsmäßiger Zusammenhang zwischen Gruß und Steinwurf besteht — überhaupt noch eventuellen andern Stammeseigentümlichkeiten nachzuspüren, bleibe unerschrockeneren Forschern bei einer künftigen Durchquerung des dunkelsten Mitteleuropa vorbehalten.“