Drittes Buch
Fünf Eingänge hatte die Mietskaserne. „Aha, die unnahbaren Wohnplätze,“ er mußte lächeln. Im vierten Stock trug endlich die Tür einer Hofwohnung den gesuchten Namen. Auf einer Visitenkarte an vier Reißnägeln in Fraktur: Dr. Oskar Samossy, außerordentlicher Professor für Mathematik. Eine Weibsperson öffnete. Sie war von jenem saloppen Kleidungsstück umschlampt, das Europäerinnen für einen Kimono zu halten schienen, da sie es also benannten. „Nein, nicht zu Hause; botanisieren sei der Professor gegangen.“
Unter einem vermodernden Vogelnest aus Haar sahen vertrocknete Holunderbeeren den Besucher frechverlegen an. Lockeres Fleisch der Arme schaukelte mit, während das Weibsstück ein goldnes Kettenarmband mechanisch die lange klebrige Hand auf und ab gleiten ließ.
Horus übergab seine Karte und Erasmussens Brief an den einstigen Schüler, jetzt großen, ebenbürtigen Kollegen. Die Person öffnete den „Kimono“, legte Karte nebst Kuvert horizontal vorn auf eine gelbliche, rechteckig hinaufgepreßte Masse. Schloß die Tür. Grußlos, grob.
Innen mehrmaliges Aufstoßen des Besens, und unter dem Türspalt hervor versuchte die grauporige Zungenspitze eines nassen Lappens etwas Spülicht gegen den mutmaßlichen Standort des Besuchers zu spritzen. Endlos stieg er wieder die idiotisch konstruierte Treppe hinab. An jedem Absatz reckte ein Gasarm, von blecherner Blumenranke sadistisch unter der Achsel gekitzelt, seinen zerfetzten Glühstrumpf durch ein tulpenförmiges Glasgeschwür in die gefleckte Trübe des Zylinders.
Beim Eingang vertrat ein andres Weib mit einemWasserkopf am Schürzenband ihm jäh, aus einer Glastüre heraus, den Weg. Hinter ihr her brach Brutwärme Kleinen-Leute Geruchs: nach eisernem Ofen, scharfen Männersocken, süßlicher Säuglingswäsche. Im Türausschnitt erschien die Lehne eines geschweiften, grünen Roßhaarsofas, ein Brautkranz unter Glas, verstaubte Bierflaschen, eine Rute an rotem Band, die Mutter Gottes und säuische Ansichtskarten fächerförmig über die Tapete genagelt. Ein Jegliches stank für sich.
Das Weib geiferte: was er wolle, wen er suche. Sie sei die Bordiööös Gattin. Habe auf Ordnung zu halten. Hätte gesehen, wie er am Gashahn geschraubt. Jetzt sei der Strumpf zerrissen. Sie fordere Schadenersatz. Der Wasserkopf am Schürzenband versuchte indes dem fremden Herrn auf die Stiefel zu spucken, und der Geifernden grimmer Birnenbauch drohte schon wieder neuen Wurf. Jetzt plärrte der Wasserkopf los, weil sein Speichel im Gleitflug versagt hatte; tröstend wurde er an die keimende Hoffnung gequetscht und Wutblicke schossen gegen den herzlosen Kinderfeind.
Der Kinderfeind blieb kalt. So verlegte sie sich aufs Winseln, begann die Gebreste ihrer Familie herzuzählen, hielt Tor und Hand vor ihm offen. Draußen traf den Enteilenden unerwartet ein Bild wie aus einer Haschisch- oder Meskalwelt.
Etwas Eckiges kam die leere Vorstadtstraße herauf, eine Art Gespensterheuschrecke imfrock-coat. — Das hagre Pferdeprofil von einem ausgefressenen Ziegenbart umdreieckt, den Zylinder weit aus der prachtvollen Stirn gestoßen, pendelte der große Körper daher. Aus seiner Rechten schleiften etwa drei Meter Strick voll seltsamerKnoten im Straßenschmutz nach — „seine Knotenexperimente zum Beweis der vierten Raumdimension“ — schoß es dem Beschauer durch den Sinn. Die Linke trug, mit Riesenkraft über den viel zu engen Salonrock geschultert, eine junge Tanne mit erdigem Wurzelballen. Um den Wipfel brauste ein Bienenschwarm. Das Ganze bewegte sich unter einem Sturz undurchdringlicher Geschlossenheit dahin. Diesen versunkenen Wandel mit der Trivialität einer Ansprache stören, — nein. Voll Achtung trat er zurück, vergnügt, als wäre ihm eben ein Tarnhelm bedingungslos geschenkt worden; ließ den Ahnungslosen an sich vorbei in die Zinskaserne biegen. Die junge Tanne brauste durchs Tor, die Bienenpyramide gereizt ihr nach —.
„Und sticht den Wasserkopf an“ — dachte der „Kinderfeind“. „Zuchthausstrafe auf jede weitere Lebendgeburt für eine Frau, die so etwas aus sich herausgehudelt hat: Ein taktloses Kind schändet ja die Welt mehr als tausend Verbrecher — ein Dutzend davon, und die ganze Rasse ist gerichtet.“
Andern Tags kam eine dringende Einladung, auf den weißen Rand einer abgerissenen Zeitschrift gekritzelt.
„Gleich“ stand zweimal unterstrichen und schnitt in teilweise erhaltene Annoncen für Schmieröl und ein Berliner Bureau zur Vertiefung des Familienlebens.
So machte er sich abermals auf den Weg quer durch die fremde Stadt. Nicht mehr suchend, diesmal gemächlich schauend. An seinem Schritt glitten zahllose Buch- und Kunstläden vorbei. Überall hinter Glas stand auf Pappe: „Der schöne Mensch“ — „Schönheit des Ganges“ — „Rhythmische Körperkultur“ — „Die Kultur des Wohnens“— „Heimkultur“ — „Künstlerische Bekleidungskunst“ — Stil, Schönheit, Rhythmus — wo man hinsah aufs Papier. Dann wieder zahlreiche Glasscheiben, blechgolden, schräg verkritzelt mit „Konditorei“. Dahinter alles voll käsiger Frauengesichter unter irrsinnigen Hutgeschwüren, die von gehäuften Tellern faden Kram in sich hineinstopften. Wie hieß doch all das Zeug? Richtig: „Schillerlocken, gefüllter Bienenstich.“
„Einst Stier — Schwan — Goldregen. — Hier müßte sich der Gott wohl zu Schlagsahne wandeln, um einen begehrten Schoß erzittern zu machen,“ sann der Fremde belustigt.
Dann stieg er wieder am Windeldrachen vom grünen Kanapee vorbei die idiotisch konstruierte Treppe hinauf. Fand diesmal die Tür nur angelehnt. Schellte vergeblich, trat durch eine Küche, die nach Abort stank, in den speckigen Arbeitsraum; nein, zwei Räume — drei. Durch alle drei lief ein schier endloser Papierstreifen. Stellenweise war er mit Nadeln, Haarnadeln, Streichhölzchen und Zahnstochern immer wieder angestückelt worden. Buchstaben, Zahlen, Zeichen bedeckten ihn: ein Zaubernetz, über und über. Fern im dritten Zimmer lag Samossy in seinem Salonrock flach auf dem Bauch, schrieb weiter an dieser einzigen, ungeheuren Gleichung.
Entzückt und gerührt, mit einem heißen Gefühl von Heimat vor diesem schmierigen, geflickten Band stand der Herr des Hauses Elcho zwischen Abort- und Küchengeruch. Bog ein Knie, und mit aller Anspannung sich sammelnd auf das Faszinierende zu seinen Füßen — spontan hineingerissen in seine Magie — lag nun auch er, Raum und Zeit verloren, auf dem Fußboden; einemgeisterhaften Schema, nach dem die Welt geschah, über Haarnadeln, Zahnstochern, Zündhölzchen hinweg zu folgen. Da nur Resultate zu durchlaufen waren, fand er sich, ob nach Stunden oder Minuten, blieb so ungewiß wie belanglos, neben Samossy. Nun verweilten beide, parallel eingestellten Geistes, hingegeben an ein klareres Sein, bis in der Dämmerung jeder Überblick erlosch.
Dann begrüßten sie einander. Samossy raste zum gedeckten Teetisch, sich am Tischtuch enthusiastisch den Staub von den Fingern zu wischen. Zerknüllte dabei, eh man’s versah, mit affenartiger Behendigkeit alle vier Ecken wie Papier. Sein Gebaren hatte etwas Gaulhaftes: ein durchgegangener Klepper, wie er von hohem Schiefgalopp herab blindes Feuer und erschrecklich weißen Wahn aus blutigen Augenbällen kegelt.
Des Gastes Aufmerksamkeit hatte er nach den ersten Bemerkungen gewonnen, denn untrügliches Merkmal überlegener Menschen: sorgliche Wahl, flüssige Placierung auch des scheinbar untergeordneten Wortes, war sein — wenn er wollte. Jetzt wollte er. Des Gastes Herz aber ging aus zu ihm, nach der ruhigen Verbeugung seiner Stimme vor van Roys Werk und Wesen. Dieses: seiner ersten Jünglingsjahre Erlebnis — Begleiter seines ganzen Mannesalters: Jenes.
Nach einer angenehmen Weile wandte sich das Gespräch, und der Gast bemerkte beiläufig:
„Es scheint ein recht glückliches Land, dieses Deutschland. Nach Annoncen, Inseraten, Plakaten ist ja hier alles zu haben gegen Einsendung von fünfundsiebzig Pfennigen in Briefmarken an eine G. M. B. H. oder sonst einen, mir unverständlichen Lautklumpen. Da bekommtman ‚postwendend‘ die ‚Welträtsel‘ gelöst in Monismus, Schutzmarke: ein Griff, ein Bett; den ‚Wälsungenring‘, ‚völlig geruchlos‘, oder verwechsle ich das mit: ‚keine Schweißfüße mehr‘. Auf Mystik scheinen Rabattmarken zu gelten. Ihrer zehn — ‚beigebogen in der Falte‘ — was immer das heißen mag, ergeben gratis: ‚das Bauchschnellen oder Sonnengeflecht und Schicksal‘ von der Lichthortvertriebsgesellschaft.“ — —
Hier drang vom Flur schmetternd das Siegfriedmotiv.
Samossy sprang auf. „Treudeutscher Männerpfiff, Sie entschuldigen,“ und seinem Gast wie einem Verschworenen zuzwinkernd, galoppierte er die Gleichung entlang, bis zu deren Ursprung im ersten Zimmer. Dort blieb er türmend über ihr, spreizbeinig wie der Koloß von Rhodos. Keinen Moment zu früh. Man hörte es durch die Materie trampeln, und zwei Körper prallten von Samossy ab; die Gleichung aber blieb heil.
„Höppla,“ sagte der Eine.
„Da brat mir eener n’en Storch,“ der andre.
Der mit dem Storch hatte viel Gesicht, aber nichts der Rede Wertes drin. Nur ein Zwicker saß irgendwo hineingekniffen in den Speck. Der hingegen „höppla“ gerufen, der wallte: vom Haar bis zu den Hosen, über Schillerkragen und lockichtem Bart zu beiden Seiten der slawischen Knöpfchennase hinab. Ganz Bizeps und Sonnigkeit, entbot er den Gruß mit Schlagring: „Professor Dallmeyer.“ —
„Sogar Ordentlicher — für Biologie,“ ergänzte Samossy aus infernalischen Nüstern.
Der mit dem Storch riß jetzt auf absonderliche Weiseseinen Speck vor dem Fremden zusammen, begann dabei mit dem Fuß am Boden zu scharren, ähnlich den ältesten jener Huftiere, die sich notdürftig eben erst aus der Mischgruppe oberhalb der Beuteltiere gelöst hatten:
„Hans Horst Krause.“ Das Scharren klappte zu.
Beide barsten vor Fachklatsch. Es spritzte förmlich aus ihnen.
„Ob Samossy schon das Neueste in der ‚Affaire‘ des Kustos Pappla vom Museum wisse?“
„Lassen Sie mich — lassen Sie mich,“ schrie Dallmeyer, als der feiste Student ihm zuvorkommen wollte.
„Ein beispielloser Skandal. Bei—spiel—los.“ Er rang jubelnd die Hände.
„Die reine Meteoritenbörse hat er eingerichtet. Das war ein Getäuschel und Getue, angeblich fürs Museum Meteoriten gekauft, Preise in die Höhe getrieben, dann wieder nach London verkauft; keine Sau hat sich mehr ausgekannt. Aber direkt nachzuweisen ist ihm wieder nichts — und wenn auch — ich bitte Sie, Schwiegersohn vom alten Mehmke: Präsident der Akademie.“
Samossy wieherte bei dem Namen auf, als stäke ihm eine brennende Lunte unter dem Schweif.
„Mehmke rast übrigens gegen Sie, seit der Geschichte in der geographischen Gesellschaft neulich.“
„Also ist es wahr?“ Krause verlor vor Interesse den Zwicker und blieb völlig als Uhr ohne Zeiger übrig. „Onkel hat heuer als Rektor so viel zu tun, konnte leider nicht dabei sein; ich weiß also noch gar nichts Authentisches.“
Dallmeyer begönnerte:
„Natürlich ist es wahr. Nach zwei Stunden welkenBlödsinns hat der Alte endlich ausgekohlt, da spricht unser Professor hier dem berühmten Ehrengast für die ‚lichtvollen Ausführungen‘ den Dank aus und schließt wörtlich:
‚Es ist mir zwar schon früher nicht unbekannt gewesen, daß Wasser bergab fließe, ich freue mich aber aufrichtig, es nun von solcher Autorität bestätigt zu hören.‘“
Dallmeyer lachte mit schönem Tenor, wie er dem Manne wohl ansteht — dann lauernd zu Samossy:
„Ich fürchte nur, werter Kollega, es wird Ihnen bei den nächsten Akademiewahlen — wieder — schaden.“
Der bockte gereizt: „Der Alte hat rechtzeitig umzustehen, sein dritter Schlagfluß mit doppelseitiger Lähmung ist längst fällig. — Haben Sie übrigens den Angriff gelesen? ...“
Das Wort Angriff schien eine magische Wirkung auszuüben. Sie steckten die Köpfe zusammen und begannen aufgeregt zu schnattern. Angriff — Polemik — Angriff. Immer war eben einer erschienen oder im Begriff zu erscheinen. Eifrig hockten sie, ganz eng, wie drei große alte Affen, die zwischen sich immer einen ganz Kleinen lausen. Der ganz Kleine schien die Wissenschaft. Samossy, mit allen Fakultäten gehetzt, stak offensichtlich von Mittelpersisch bis zur Numismatik, von der projektiven Geometrie bis zur oberen Trias in Intriguen, Tratsch und Hetzereien. War das noch derselbe Mensch, grotesk aber groß: der wilde Träumer mit den Knotenexperimenten, Herr der transzendenten Gleichung, Entdecker des Primzahlengesetzes, und geiferte, trunken von Klatsch, mit knochig boshaften Gebärden seiner Bordiööösgattin, während beide andern, verhohlen lauernd, von jederInjurie sich heimlich Notizen zu machen schienen — nicht ruhend — bis der ganze Mann ein einziges Gedankenfletschen war, aus dem spitze Argumente, gleich Reißzähnen, sich in die Weiche jedes guten Namens gruben. Auf Personalien und Details horchte Horus kaum hin, was ging ihn Privatgeifer zwischen Fachbarbaren an; dazu hatte er nicht nach den „unnahbaren Wohnplätzen“ der Ganzweißen gestrebt.
Wie dieser Krause dasaß. Die speckig obszöne Talentlosigkeit, wenn so ein Europäer nur einen Froschschenkel über den andern schlug.
„Fängt der auch noch an über Frauen zu reden, so geh ich,“ dachte der Beschauer. Nein, der Andre fing an.
„Wissen Sie schon, wo Margrinchen Mehmke sich jetzt kneifen läßt?“
„Vermutlich in die Waden,“ grölte Samossy.
„Da hätte es doch korrekt heißen müssen: wohin —“ feixte Krause dazwischen. „Nein, bei ihm — von ihm — in seinem Institut; ist mit sechs andern Jungfrauen von uns Chemikern weg, hinübergewechselt zur Biologie.“
„Ja, seit dem Drüsenrummel weiß ich mir vor Frauenzimmern keinen Rat mehr.“ —
Dallmeyers befiederte Lockigkeit brauste auf, wie an einem zürnenden Schwan.
„Jede will Hoden transplantieren — egal — den ganzen Tag. Der Verbrauch an Ratten und männlichem Ungeziefer auf meiner Abteilung steigt ins Ungemeßne. Und schlampig sind die Luder. Wird es ihnen zu fad, oder winkt der Konditor, lassen sie ihre angeschnittenen Versuchstiere herumfahren, wie eine Häkelei.Wär’ nicht der Laboratoriumsdiener, tagelang spazierten mir noch halbe Krebse durchs Institut.“ —
Er hielt mit einem Ruck; etwas so Starkes ging plötzlich von der lebendigen Ruhe dieses schweigenden, eleganten Fremden aus: stumme Reaktion des gesitteten Orientalen auf den ersten Einblick in die Beziehung des Europäers zur Kreatur.
Der Ruck — die Strahlenohrfeige hatte rundum eingeschlagen; Klatschnebel zertropfte. Da saß ja, bisher ignoriert, ein ganz Fremder zwischen ihnen. Das Hemmungslose gerann, ward tölpicht hölzern. Auch bei Samossy; er hatte allzureißend Niveau verloren gehabt. Mit einem ungeheuer schiefen Galoppsprung startete er jetzt die Konversation falsch. Gab das Signalement seines Gastes, taktlos wie eine Behörde. Die Andern aber atmeten auf. Nur so ein Hinterwäldler, von wo der Pfeffer wächst. Na also — wozu die Aufregung. Krause, ein Bein über das andere geschlagen, begönnerte schon:
„Inder — n’gutes, aber n’schlappes Volk. Nich forsch. Sollen erst mal die lausigen Engländer rausschmeißen — aber schlapp eben. Nee, so Lotusonkels — nich in die Lamaing.“
„Ihnen gesagt,“ bestätigte der wallende Germane.
Zartfühlend sein, niemanden verletzen, war Horus wie Herzschlag — doch auch Anmaßung nicht zu dulden; und der Herr des Hauses Elcho sprach:
„Ich bin zwar nur der unwissende Bewohner einer wilden und abgelegenen Gegend, aber gestatten Sie mir dennoch die Frage, warum Sie dieses Rowdy-Dogma logischerweise nicht auch auf den Heiland Palästinasanwenden; dem man hier so viel Tempel errichtet hat, ihm vorwerfen, daß er kein Preisboxer war, sich nicht mit einem wohlgezielten ‚undercut‘ die Kreuziger vom Halse gehalten hat.“
„Na nu, Christ sein heißt doch lediglich: kein Jude sein,“ belehrte Krause. „Es sind eben die zwei einzigen vom Staat anerkannten Religionen. Was geht mich modernen Menschen der olle Mumpitz sonst an.“
„Schmonzes,“ bekräftigte der wallende Germane.
„Warum erklären Sie sich dann nicht von jeder Religion frei?“
„Er meint konfessionslos,“ jappte Dallmeyer und erschauerte bis ins Gebein.
„Unmöglich, Verehrtester, das sind erst recht nur Juden. Auch schadet’s der Karriere. Im übrigen kann mir, als modernem Forscher, alles transzendente Geschmuse restlos gestohlen werden. Kraft und Stoff, sonst gibt’s nichts für mich. Das einzig Sichere ist die Beobachtung der Materie, die kümmert sich nur um reale Dinge und liefert daher untrügliche Tatsachen.Tat-Sachen.“ Sein Speichel ward groß in ihm.
„Was ist ein reales Ding, eine Tatsache?“ frug Horus.
„Dieser Tisch.“ Er nahm besagtes Stück Hausunrat gestreckten Armes, um durch den Krach des Niederstellens dessen „Realität“ sinnfällig zu erhärten.
„Viechskerl,“ dachte Horus, „so ist dir wirklich noch nicht einmal aufgedämmert, was an Transzendentem alles nötig ist, damit ein ‚Gegenstand‘ in der Anschauung möglich werde; das, was du, unpräziser Analphabet: ‚reales Ding‘ nennst? Dein Tisch ist doch, wie alles Ausgedehnte, eine dreifache Mannigfaltigkeit von Punkten,die erst in der Anschauung restlos durchlaufen werden müssen, damit etwas über dieses Mannigfaltige ausgesagt werden könne. Während aber z. B. eine Tischkante durchlaufen wird, müssen die schon durchlaufenen Teile als weiterexistierend hinzugedacht — aus dem Fluß sinnlichen Geschehens — herausgehoben werden. Der ‚Gegenstand‘ Tisch ist somit gar keine ‚Beobachtungstatsache‘ — sondern etwas zur Wahrnehmung lediglichHinzugedachtes: bedingt ein Nichtsinnliches, außerhalb der Zeit Stehendes, an dem die Wahrnehmungen vorbeifließen, und in dem sie sich räumlich erst ordnen. Was aber außerhalb Raum und Zeit steht, ist notwendig als ‚transzendent‘ anzusprechen, da es niemals Objekt der Erfahrung sein kann, ist das ‚Erkennende‘, ‚nie erkannte Subjekt‘. Nur insoferne also der Tisch — als ein Hinzugedachtes — an diesem Transzendenten teil hat, ist er Realität. — Viechskerl! Die Grundfrage nach der Möglichkeit aller Erkenntnis lautet demnach: wie ist Erfahrung überhaupt möglich. Für mich jedoch lautet die Grundfrage:
„Mußten dazu süße Tiere zermartert werden, um dein Gesamtniveau zu erreichen;notabenehundertdreißig Jahre nach einem gewissen Kant? — Viechskerl.“
Laut aber widersprach er nur soweit, als es die aufgeklärte Ignoranz des Fachmannes zu ergründen galt.
Es ergab sich, daß auch Dallmeyers naturwissenschaftliche Bildung hauptsächlich darin bestand, nichts von Philosophie zu wissen und daß er stolz darauf war. Schon das Wort schien Schande. Er streifte es voll mitleidigen Ekels ab wie eine halbtote Schmeißfliege.
Probleme gab es nur noch im Detail. „Geist“ wareine störende Nebenerscheinung der Materie, alles übrige „Schmonzes“ und langweilte ihn unsäglich.
„Beobachtungstatsachen — Beobachtungstatsachen,“ schrie er ein ums andre Mal.
„Hab’ ich aber das Bedürfnis nach dem endgültigen Überblick, lese ich: Häckels ‚Welträtsel‘ oder: Machs ‚Analyse der Empfindungen‘. Denkökonomie ist die Hauptsache. Sich’s vereinfachen.“
„Dann haben wir wohl zu wenig Gemeinsames für eine Diskussion,“ meinte Horus, um höflich zu Ende zu kommen.
„Denn ich wiederum mache gerne einen noch so halsbrecherischen Umweg, schärft oder vertieft er mir die Einsicht nur um ein Weniges, und diese, hoffentlich nur vorläufig letzte Einsicht besagt, daß die Welt den Spezialfall aus zwei Scheingleichungen darstellt.“
„Nur keine Mathematik,“ wehrte Dallmeyer beängstigt ab, „oder mathematische Physik, da verliert man den Boden der Tatsachen. Der Samossy ist auch schon halb meschugge mit seinen Knotenexperimenten.“
Und höchst ägriert über die Störung im Fachklatsch — der Besuch hatte doch so anregend begonnen — entbot er wieder Gruß mit Schlagring. Krause scharrte am Boden, knallte die Hufe zusammen, und die Türe schloß sich hinter den beiden.
Aus Samossys weitem Roßhaupt begann es zu kichern. Es hatte das unbegreiflich Irre des Pferdes in allen Zügen, bis zur nüsternen Nase, wenn sie — eine ganze Landschaft für sich — weichgehöckert, aus Mulden von großporigem Moos, überraschend Hauch ausstößt. Wenigstens ein ganzer Gaul, statt dieses Dallmeyer, der —slawische Knöpfchennase oben — Pöbelbeine unten — außenherum wallender Germane und innen ein Rindvieh war.
Das knochige Kichern aber klang nicht angenehm, kam aus einem viel engeren Wesen. Er grinste diabolisch und mit großeckiger Bewegung hinter den beiden drein, wieder hinreißend in ihrer Art — hub er an, genießend zu pointieren:
„Mitnichten könnte erhofft werden, dem Halbgebildeten stünde ja annoch frei, so sukzessive3/4—4/5—9/10... schließlich ganz gebildet zu werden. Daran aber hindert ihn die unausrottbare Arroganz eben dieser verdächtigen Halbheit, ihr vages ‚weiß schon‘, gierig träge Hast, nur bedacht, in jeder Tiefe eigne Flachheit zu spiegeln, die edle Demut der Unwissenheit verloren — edle Demut des Wissens nie erworben hat. Da aber so ein halbgebildeter Sensationsdeflorateur, so einall-roundKommis auch noch mühelos in alles dreinschnauzen will und die Welt von seinesgleichen überfleußt, erstanden ihm, wie in prästabilierter Harmonie, avancierte Oberlehrer und frohe Greise, denen man nicht gram sein darf, denn sie sind bieder und wissen es wirklich nicht anders. Die lieferten ihm Taschenphilosophien für Minderbemittelte, und weil er das Fertigfabrikat stets neu liebt, lieferten sie ihm modernen Schöpfungstratsch statt des Mosaischen. Schutzmarke: ‚ein Griff ein Bett‘, wie Sie vorhin sagten, denn er hat nicht eben viel Zeit für dergleichen — gerade ein Maul voll von allem genügt. Und weil er keine Zeit hat, sind die Monistengreise und avancierten Oberlehrer immer zugleich ‚Esperantisten‘, um das ‚Unökonomische‘ auch in der lebenden Sprache zu ‚bereinigen‘.“
„Weg damit,“ schnoddert begeistert derall-roundKommis, der nur Hauptsätze nebeneinander stellen kann und will, ohne feineres Bedürfnis nach kausaler Überblickung durch Ko- und Subordination, denn: den Spannbogen des Gedankens ermißt man an der Syntax. Hochcharakteristisch nun, wie monistische Sonntagsprediger und avancierte Oberlehrer, weil sie nicht einmal philosophisch den Begriff der Kausalität noch erfaßt, und sich daher rühmen, ihn abgeschafft zu haben, gierig eine künstliche Unbildungssprache propagieren, der alle Geisteswurzeln ausgerissen sind, in der niemand je einen Gedanken weder zu fassen noch auszudrücken vermöchte.
„Was ist ein Esperantist?“
„Einer, der sich eigens ein Idiom zusammenstellt, das keines zu sein braucht. Einer, der freiwillig wieder weit hinter den Affen retourmarschiert, denn dieser hat ja — nach Garner — schon Ansätze zu etwas wie einer lebendigen Muttersprache: jenem mystischen Meer, in dessen suggestiver Lösung Gedanken wachsen, wie glasklar fließende Geschöpfe genialen Lebens. Zum Wachsenlassen aber hat derall-roundKommis keine Zeit. Auch die Kofmich-Lautklumpen, deren Sie vorhin schaudernd erwähnten, kommen davon, daß er eben nie Zeit hat.“
„Ja, um Himmels willen, warum hat er denn nie Zeit?“
„Weil er immer schnell noch einen übers Ohr hauen muß.“
„Sensationsdeflorateur — Monist — Esperantist —all-roundKommis: doch letzten Endes Einer, der den Vertrieb schädlichen Schundes besorgt, nicht? Einer, der das Leben mit falschem Schleim überziehen hilft? Doch Dallmeyer, bei seiner stillen Gelehrtenlaufbahn, könnte wohl Zeit haben, etwas zu lernen.“
Samossy johlte: „Stille Gelehrten-Laufbahn ist gut, wenn man mit fünfunddreißig schon Ordinarius und kriechendes Mitglied der Akademie sein will! In wieviel gewisse geheimrätliche Körperteile, glauben Sie, muß man da nicht nur geschlüpft sein — nein, in diesen Organteilen direkt überwintert haben? ‚Stille Gelehrten-Laufbahn‘!“ Er wand sich vor Wut.
Der Gast tröstete.
„Aber Sie sind ja auch längst wohlbestallter Professor?“
„Wohlbestallt?“ — mit doppeltem Armschwung nach Küche und Abort — „das ist der Stall, den ich mir leisten kann.“
In die letzten Worte war merklich ein Unfreies gekommen, geduckte Zerstreutheit, als schöbe sich ihm ein Keil quer zur Gedankenrichtung. Das Weibstück stand im Zimmer, trug heute keinen „Kimono“, sondern war „angezogen“: der Körper grundlos halbiert, in etwas schwarzweiß Gewürfeltes unten, Gestreiftes oben. Das horizontal Hinausgepreßte vorn stand noch eckiger weg wie das erste Mal: beängstigendes Toppgewicht gegen schräggestellte Lackhufe unten.
Das Niveau sank stumm und unbegreiflich schnell. Hoch und leer hing die Konversation noch darüber. So oft die Person am Teetisch zu hantieren begann, klirrte das goldne Gliederarmband und sie schob es die klebrige Hand auf und ab. Samossys Blick fing sich daran. Wurde hämisch, irr, hilflos, dunkler Süchtigkeit voll. Er ignorierte sie und schien doch seit ihrem Eintritt an allen Organen verschroben.
Der Gast ging.
Schon war Licht angesteckt hinter den Glasscheiben voll käsiger Frauengesichter, vor ihren Tellern gehäuft mit fadem Kram.
Das war also des weiß-goldnen Traumes neueste Wandlung:
Pallas und Nausikaa: Dallmeyers Hörerinnen. Nicht geschürzte Korybanten etwa im Brunstschweif eines Gottes, Hindinnen anspringend und zerreißend, entrückt von ihrem tanzenden Blut. Nein, Pallas und Nausikaa: inskribierte Mänaden im Laboratoriumsschurz, mit spitzem Gelüstchen und spitzerem Skalpell in den Geschlechtsteilen gemarterter kleiner Tiere herumschnitzelnd, bis der Orgiasmus zu dreimal Apfelkuchen mit Schlagsahne gerann. Jetzt glitten die andern Glasscheiben wieder vorbei und hinter ihnen auf Pappe: „Der vornehme Mensch“ — „Stil“ — „Kultur“. Dann Ladenschluß. Blindes Blech rasselte über die Rachen der Geschäfte.
Samossy lud ihn zu seinen Vorlesungen, auch andre Professoren. —
Jugend saß hier herum, ruhte gründlich sein überfressenes Gedächtnis aus. Nur die vor Rigorosen standen, mußten wegbleiben. Auch Krause.
„Keine Zeit auf die Universität zu gehen,“ quäkte er gereizt, „der Mensch muß ja schließlich doch mal was lernen — promoviere heuer.“
Die Übrigen aber räkelten süß das Hirn. Ihr Dionysisches schien sich mehr in denW. Cs.zu konzentrieren. Auch das Rassenideal war dort wie zu Hause. Bunte Etiketten mit: „Juden hinaus“, klebten an allen Pissoirwänden,neben mit Bleistift festgehaltenen Vorgängen aus dem Geschlechtsleben. Unter diesen stand wieder mit andrer Hand:
„Und das sind die Arier.“
Man konnte der andern Hand nicht so ganz Unrecht geben. An Technik und Niveau vermochten diese Darstellungen analogen Steinzeitfunden, auf Renntierknochen geritzt, keineswegs das hier zuständige Wasser zu reichen, trotz ihres Fundortes, der im Technisch-sanitären sie wieder zweifellos als dem zwanzigsten Jahrhundert zugehörig zu datieren zwang. Der Pithecanthropus war erotisch schon weiter; europäischer aber schien dies, in seiner eigentümlich zwinkernden Verquickung von Liebe und Pissoir mit Glaube und Hoffnung, es sei eine Schweinerei.
Diese eigentümliche Verquickung blieb auch in der schmatzenden Verliebtheit an den Kaffeehaustischen, wo abends sich alles traf, Rudel halbwüchsiger Mädchen hereinlärmten, jede Geste ein: hurra, wir sind defloriert; Ordinärheit mit Temperament verwechselnd. Manche jugendhübsch und doch:lendemainauf den ersten Blick, weil diese irren Barbarinnen nicht wußten, daß der Takt eines ganzen Lebens in der Liebesgebärde zu gipfeln hat. Ab und zu kam eine Dämonin, totschwarz, entblößte einen goldnen Raubzahn, snobte auf Morphinistin, aß aber dann doch mit Behagen zweimal Schlackwurst mit Kraut. Eines Sonettes über Fruchtabtreibung wegen war sie bei den Literaten angesehen.
Dort sprach man ausschließlich von Prozenten. Nur ab und zu sah einer vom Tisch, wo sie die erste Nummer einer Zeitschrift zusammenstellten auf und frug, ob man„sehr“ mit „h“ schreibe. Oder Jemand rief: „aus—ge—schloss—en—!“
Ein Rudel Russen: fanatische Nasenbohrer, redeten in einer Ecke endlos über Kommunisierung der Frauen; trugen alle Knochen aus ihren schlacksigen Leibern ins Gesicht gehäuft eckig unter den Augen.
Sonst hockten rings durchs Lokal Klumpen dickhäutiger Gelassenheit um Bier, wie Kröten um einen Edelstein. Diese Klumpen ohne Güte hatten eine unsäglich hämische Art, die Pfoten über ihr ausschließlich aus Nahrung bestehendes Selbst zu kreuzen. Grinsten — ewig Ungefährdete — aus den strohwarmen Hundshütten ihrer Belanglosigkeit zu allen menschlichen Mühen und Qualen, Streben nach Besserem; hatten dafür ein Leibwort: „wird’s schon billiger geben“. Wußten denn diese unerschütterlichen Nullen noch nicht einmal, daß es ein Andres ist, wieder zum Ausgangspunkt zurückzukehren, als ihn nie verlassen haben?
Vor diesen Quallen aus neunundneunzig Prozent Quatsch graute ihm haßvoller fast, wie vor der Umwelt der Greisin in Glacéhöschen.
„Samossy,“ frug er einmal fassungslos, „wie geht denn das zu? Jedes Wesen ist doch irgendwann zu irgendwas gut, oder könnte Wert haben, oder man denkt, es könnte — aber das da!“
Der schüttelte die Roßkiefer vor Lust:
„Das da — oh, das hat Wert als moralisches Lackmuspapier!
Läuft bei irgendeinem Reformvorschlag der Spießer blau an im Gesicht vor Wut, ist die Sache was nutz, man wird ihn sich in einer künftigen Gesellschaftsordnungals Cyanometer für „Moral“reaktionen erhalten müssen!“
Fast zärtlich sah er um sich. Wer Samossy Gelegenheit zu einer Bosheit gab, den liebte er beinahe.
Durch die verhockten Massen sentimentalte verträumt die sandhelle Kellnerin dahin; verschüttete von Zeit zu Zeit Kaffee. Eine aufbrüllende Kanaille, ein blaurotes Tier, stürzte dann der Manager jedesmal herzu. Die Roßdiebsvisage versank fast bis zum Balkanscheitel im Hals, so schwoll ihm der Schlächtertorso vor Wut.
Einmal war bei den Literaten der Doyen der Ästheten erschienen, hatte in einer Sprache — von Krause als „gepflegtes Galizianisch“ bezeichnet — ein Räsonnement gehalten, anscheinend über die Grenzen des Stehlens oder wie er es nannte: „das Schöne aus der Vergessenheit heben.“ Und er deutete mit zarter Würde an, der Menschheit diesen Dienst öfters geleistet zu haben.
„Bei Plotin oder dem Kusaner würde sie es weder suchen noch fassen.“
Nach einem Blick auf die Hosenbeine hatte Horus beschlossen, es doch lieber bei Plotin, wenn überhaupt, zu suchen. An diesem Abend ließen sich die Übrigen gleichfalls ethisch los. Ein Längst-Arrivierter dozierte:
„Nur immer in Russen machen, so kleine feine Zügeà laDostojewski — sind ja billig genug — im Buch verstreuen, wie Ostereier in Salonecken, damit der verblödetste Kritiker sie noch finden muß; das freut ihn dann so, daß er den Kneifer verliert.“
Ein Eben-Arrivierender warf mit dem Ende des Eckzahns Offenbarungen und Tips unter die minder erleuchteten aber zahlreicheren Glieder der Zunft:
„Nur immer Galopp schreiben. Transitive Verben. Intransitiv gebrauchen. Vorn. Hinten. Überall. Alles weg.“
Erläuterte an Beispielen.
Das Resultat schien Horus eine Art „Pidgin“-Deutsch analog dem „Pidgin“-Englisch: Hafendialekt wie ihn Kulis und Nigger sich aus aufgeschnappten Brocken zusammenläppern, die Sprache dabei, um eine Dimension verstümmelt, in die Froschperspektive rücken, statt Klavier etwa sagen:
„Großer Kerl Kasten Master haut ihn er zu viel schreien.“
Nur daß bisher Niemand in Asien gefunden hatte, der Begriff: Klavier sei in diesem Kraut- und Rüben-Ausdruck konziser geworden, weil der Kuli die Artikel weggelassen.
Schließlich endete es wie immer an hohen Geistesfesten hier: alle pfauchten Kultur durch die Polypen ihrer Nase oder stelzten auf den Eiszapfen ihrer Phrasen einher, bis Scheuer-Weiber, aus Spülicht gezeugt, Kübel voll Grauen durch ein Lokal erbrachen, das vor Entsetzen Kopf stand auf Inseln aus Kaffeesud und Tabak.
Der Fremde sann: Da sind sie so stolz; weil alle hier Lesen und Schreiben können, und können doch nicht stehen, schreiten, ruhen, grüßen, danken, also: leben. Somit eigentlich doch auch wieder nicht „lesen und schreiben“, insofern „Lesen“ Erfassen fremden Lebens — „Schreiben“ Lautform des Eigenen ist.
Professoren traf man selten im Café. Nur eines Platzregens wegen war Dallmeyer flüchtig hereingetropft, mit ihm eine dunkle, eher feine Person, und drei slawisch-germanisch-semitisch gewürfelte Kinder. Beim AnblickBekannter wehte der Lodenkomet samt Schwanz eilig von dannen. Krause, gleichfalls im Fortgehen, grüßte nach, schlug sich auf die Froschschenkel: „Familie Dallmeyer.“
„Daß ein so rabiater Antisemit eine Jüdin zur Frau und, wie es scheint, gar Kinder mit ihr haben mag,“ meinte Horus.
Krause verteidigte den Gönner:
„Oh, das ist nur eine Gewissensehe. Er kann sie jederzeit ruhig sitzen lassen.“ — Krause betrachtete wohlgefällig seine Couleur durch die Regenhaut hindurch. — „Die Kinder illegitim, da braucht er so wenig zu zahlen — nein, das zählt wirklich kaum.“
In seiner zerstreuten Verblüffung griff Horus nach dem Blatt, das der Enteilende zurückgelassen. Seit jenem ersten Morgen in Paris hatte er keine Zeitung mehr berührt. Schon eine Tatsache auf diesem Weg erfahren, schien ihm, als solle er seinen Durst mit Wasser aus einem Kamelmagen stillen. Was er jetzt in Händen hielt, war eine akademische Fachschrift: Deutsche Korpszeitung stand darauf: ja, war er denn irrsinnig geworden ...?
„Und die Möglichkeit des Vieltrinkenlassens ist auch notwendig. Verbieten wir das Resttrinkenlassen, so kann jederzeit jeder trinkfeste Fuchs jeden weniger vertragenden Korpsburschen in Grund und Boden trinken, und die Autorität ist hin oder aber, wir schaffen die Bierehrlichkeit und damit die Grundlage jeder Kneipgemütlichkeit ab. Verbieten wir das Vollpumpen, so geben wir ein Erziehungsmittel aus der Hand. Die Kneipe ist für uns, was der vielgelästerte Kasernenhofdrill,der Parademarsch für den Soldaten ist. So wie dort das hundertmal wiederholte ‚Knie beugt‘ nacheinander Faulheit, Wurstigkeit, Trotz, Wut, Schlappheit und Ermattung überwindet, und aus dem Gefühl hilfloser Ohnmacht und völliger Willenlosigkeit vor dem Vorgesetzten die Disziplin hervorgehen läßt, so bietet bei uns der ‚Rest weg‘ dem Älteren vor dem Jüngeren immer Gelegenheit, seine unbedingte Überlegenheit zu zeigen, zu strafen, Abstand zu wahren, die Atmosphäre zu erhalten, die für das ständige Erziehungswerk des Korps unbedingtes Erfordernis ist, wollen wir nicht Klubs werden. Der ‚Rest weg‘ ist nicht immer, nicht bei jedem angebracht, aber es muß über der Kneipe schweben ...“
War er denn irrsinnig?
Auch Samossy versah ihn mit Fachlektüre. „Vielleicht interessiert Sie das,“ — es waren Korrekturfahnen zu Dallmeyers neuem Werk, einem breitschultrigen Band über: Periodizität im Organischen. Dann nach einer Woche, mit erwartungsvollen Nüstern: „Nun?“
„Der eigentlich beweisende: der mathematische Teil strotzt ja von kindischen Fehlern.“
„Das Rindvieh,“ jubelte Samossy ein ums andere Mal. „Und das Rindvieh merkts nicht, die Fachkollegen merkens auch nicht und andre lesens nicht. Also Niemand merkt’s. Das ist der Segen der Spezialisierung.“ Er duckte sich zu einem Knäuel funkelnder Bosheit zusammen.
„Dieser Teil ist nämlich von mir, und kommt es schließlich heraus, ist auf alle Fälle er der blamierte Europäer. Genannt hat er mich nicht als Mitarbeiter, müßte alsonachträglich eingestehen, er ließe sich seine Bücher heimlich von Andern schreiben.“
Samossy spie Glück.
„So ein Mäuseschlächter, Drüsenkitzler, Vergifter kleiner Nagetiere. Quirlt einen Frosch und wird Dozent. Sperrt einen Ratzen in einen Labyrinthkäfig, schaut zu, um wieviel schneller das Vieh jedesmal herausfindet, wird dafür Professor. Und das packt plötzlich der Raps fürs Fundamentale; Eitelkeit ist ja doch die Hauptwelle im Betrieb, der übrige Schwachsinn rotiert nur blind drum herum.
Na, da hab’ ich ihn eben her—ein—ge—legt. Auch Freundchen Krause werd’ ich he—rein—le—gen beim Rigorosum. Weil der Alte in Remscheid Klosettpapier verkauft, glaubt man sich reif fürs Doktorat der organischen Chemie, und weil der Onkel gerade Rektor ist, glaubt man sich bei mir im Nebenfach sicher.
Wie das bei den Vorlesungen zugeht, weiß ja jeder. Der Vortragende schmiert vier Semester lang Zahlen an einer Tafel herunter, die man mechanisch kopiert, sulzt dann Formeln in sich hinein, von deren Konstruktion man keine Ahnung hat und die — weil nur gemerkt und nicht begriffen — vier Tage nach dem Rigorosum durchs Hirn gefallen sind, wie ein Pflasterstein durch Nebel. Der persönliche Erkenntnistrieb beruhigte sich ja längst bei der Variante: ich saufe, darum bin ich. Aber hereinlegen werd ich ihn, schmeißen werd ich ihn, den ‚Fernhintreffer der Taktlosigkeit‘.“ Er feuerte hinten aus vor spastischem Wutglück.
Horus war so leid um ihn, herzzersprengend leid. Dann, um abzulenken, auch in dem Wunsch, mit diesem Dennoch-Großeneinmal andere Geistesgebiete, als die seines Faches, zu berühren:
„Für all diese jungen Leute wäre es eben rätlicher, statt der ‚Korpszeitung‘ lieber doch noch einmal: ‚Über Anmut und Würde‘ von Schiller nachzulesen.“
Und erschrak. Bei dem Wort: Schiller hatte sich Samossys mächtiges Gesicht auf einmal zu einem ganz kindischen Knoten hilflos diabolischen Hasses zusammengeschnürt. Es war so entsetzlich, so unbegreiflich, so schamlos und beschämend zugleich, daß der fremde Gast rasch die Aschenschale umwarf, die ganze Situation damit umwarf; Trivialitäten dazwischen warf, um nur ganz wo anders wieder beginnen zu können. Weg von dem bösen Infantilismus, der grünen Wut, die unbegreiflicherweise Schillers Name ausgelöst zu haben schien.
Da sagte Samossy unvermittelt, dranghaft:
„Kommen Sie mit über Pfingsten. Wir wollen auf einen hohen Berg steigen und Zarathustra lesen.“ Dann, hinterhältig, geheimnisvoll: „Man muß vom Weibe loskommen.“
Horus erwärmte sich. Seit dem Abschied von Asien hatte er keinen Sonnenaufgang auf einem Pilgergipfel mehr erlebt. Gut würde das tun. Endlich wieder.
Sie trafen sich am Bahnhof. In Deutschland sein erster. Überall auf Plakaten hingen, zwischen Ausrufungszeichen, an den Wänden lapidare Beflegelungen des Publikums und andrer Wesen: —
„Wandervögel benehmt euch!“ ... „Unterlaßt ... sonst ...!“ „Keine Kirschkerne ausspucken, sonst ...!“ „Wer unbefugterweise ... der wird nach Polizeiverordnung vom ...!“ —
Lauter hingeschnauzte Imperative. So geleitet fuhrendie Leute in ihre Spiele und in ihre Muße hinein. Noch fuhren sie aber nicht. Barsche Götzen mit Schirmmützen und lächerlich doppelt zugeknöpft, hinderten vorläufig jeden, dort hinzukommen, wo er hin sollte und wollte. Erbitterte Menschentrauben hingen um zwei vergitterte Löcher, wo in Käfigen andre Götzen hockten und sich weigerten, Geld zu wechseln, oder plötzlich das Milchglasfenster ihres Käfigs den gehetzten Massen vor der Nase herunterknallten. War es endlich wieder offen, mußte jede zitternd abgequetschte Menschenbeere sich ducken vor dem Käfigloch, als kröche sie um Gnade; sie kaufte aber nur um ihr gutes Geld eine Fahrkarte, von einem, den sie dafür selbst angestellt und bezahlt hatte.
Genau wie vor dem Postamt neulich, mit seinem Bücherpaket für Erasmus! Auch dort vor einem Gitterkäfig die zuständige Sklaventraube: Männer mit Krampfadern, Frauen, Angst um anbrennende Milch in den Augen, Arbeitnehmer aller Grade, bei denen Qual marternder Langeweile mit hämischer Genugtuung, ihre Brotgeber um so viel schöne Zeit zu prellen, rang. Alle aber bekamen diese dunkelleere, geduckte Süchtigkeit im Blick, traf er den Käfig.
Endlich mit seinem Paket dem Götzen im Loch gegenüber, war dieser ans Gitter gefahren:
„Unvorschriftsmäßige Verschnürung.“
Also hieß es heimkehren, dann zurück, mit dem neuverschnürten Paket sich wieder anstellen. Diesmal stocherte der unrasierte Götze vermittelst einer Feder unter der schwarzen Nagelplatte des Mittelfingers mit dem rändigen Ring — äugte das Paket wie einen Todfeind, dann sich erhellend, grob:
„Siegel fehlen.“
„Bitte wo und wie viele?“
Der Götze blähte sich violett auf:
„Hier ist kein Auskunftsbüro, glauben Sie, ich bin da, mich mit Ihnen hinzustellen — — weiter.“
Er kam zurück mit drei Siegeln.
„Vier,“ spie es aus dem Käfig.
Er kam mit vier. Aus dem Götzenloch triumphierte es:
„Die Schnurenden sind nicht mitversiegelt.“
Schräg stand schon die Sonne, doch dies mußte ausgefochten werden, und er stürzte fort, zum fünften Mal wiederzukehren. Da winkte ihm ein alter Herr mit einer Pfundnase heimlich in eine Ecke beim Papierkorb. Er schien sie den ganzen Nachmittag nicht verlassen zu haben. — „Psh — Psh,“ sein Speichel glänzte vor ihm her. Dann hinter einem Paravent aus Wurstfingern:
„Da ham’s,“ er kramte eine Handvoll runder, gummierter Pergamentplättchen mit verschiedenen Monogrammen aus der Tasche —.
„I schau Ihner scho n’ ganzen Nomitto zu, und jetzt schau i no zu wie ‚er‘ — sein Daumen wies gegen das Loch — ‚zerspringt‘ — dös san nämli Verschlußmarken“ — er klopfte auf die Plättchen — „dö gelten statt Siegel, wanns ihm no mo net recht is, glei hinpappen — alleweil glei hinpappen, da kann er fei nix machen.“
Er duckte hämisch gegen den Götzen. Der aber mußte den Vorgang gemerkt haben, ließ bis auf zwei Vordermänner den neugerüsteten Feind an sich herankommen, dann klappte das Milchglasfenster einfach zu. Die wartende Masse ächzte vor Angst. „Abrechnen tut er,“ raunte es ringsum, und klägliche Blicke hingen sich an denMinutenzeiger, daß er nicht springe: vier Fünfersprünge und das Postamt schloß. Der Zeiger schüttelte die Augentraube ab und sprang zum ersten Mal. Das Milchglas rührte sich noch immer nicht. Die Herde knurrte bekümmert vor sich hin, bis oben voll geduckter Wut. Da wagte der Fremdling sich aus der Reihe, wand sich fechterglatt zum leeren Nachbarschalter, streckte den Kopf durch das Götzenloch und sah jenseits der niedren Zwischenwand den mit dem rändigen Karneol am Mittelfinger sich noch immer die schwarzen Nagelplatten ausstochern, während er einer kanariengelben Mitbeamteten aus dem Abendblatt vorlas. Da riß ihm die Geduld. Gut: diesem Lande Gast, hatte er sich seinen Bräuchen zu fügen, dies aber ging die Würde des ganzen Planeten an. Mit geballter Faust drang er gegen das Milchglasfenster vor, dem frechen Bureaukretin seinen albernen Scherben zerschmeißen; es war das einzig Gegebene. Welche Erlösung für die mißhandelte Herde, wenn es endlich geschah. Doch siehe da! Hatte er denn den Weltuntergang angezettelt? Die meisten flohen sofort, beherzte Männer voran, die früher am lautesten gemurrt.
„I muas nit von allm ham,“ kreischte der heimliche Obstruktionist mit den Verschlußmarken und weg war er. Eine Rotte erbitterter Weiber warf sich indes mit Megärengebärden auf Horus, nicht mehr Angst um angebrannte Milch gab es, keine Krampfadern, keine bespiene Menschenwürde, nur einen, der ihnen allen zu Hilfe kam: der gemeinsame Feind.
Ach so: sie liebten das also offenbar, bezahlten es eigens. „Pardon, ein Mißverständnis.“ Eben ganz wie in dem Masochistenbordell zu Paris. Sir Osmondhatte ihn der Kuriosität halber einmal dort eingeführt — Zuschauer beide — denn manche Kunden wünschten ausdrücklich auch Publikum zu dem etwas gewaltsamen Empfang, den sie sich bis auf jeden Handgriff genau, brieflich und um schweres Geld vorausbestellt hatten.
An jenem Abend hatte sich nun, der Himmel mochte wissen wieso, ein schlichteroutsiderhierher verirrt. Offenbar fehl am Ort und durchaus nicht im Bilde, war der brave Mann in heller Empörung einem Habitué zu Hilfe geeilt, als dieser, seiner innersten Neigung nach, schon an der Türe, nachdem er lange vergeblich gewartet, mit einer Flut von Injurien durch eine Beamtete des Unternehmens empfangen worden war. Der in seinem Vergnügen Bedrohte, an Ureigenstem verstört und gehemmt, zeterte nun seinerseits los:
„Wo die Ordnung bleibe — Wirtschaft —! Ob man meine, er zahle sein Geld für nichts?Sacré nom d’un petit chien marron!— Wozu unterhalte man denn sonst den ganzen Betrieb!“
Und nun begannen alle: Handelnde und Behandelte über den schlichtenoutsiderherzufallen und warfen ihn die Treppe hinab. Sogar ein Ölreisender in Pyjamas war, wie aus der Kanone geschossen, plötzlich dabei und beteiligte sich unter Beteuerungen, daß er ganz normal sei, aber sicher noch seinen Nachtzug nach Lyon versäumen werde, an dem Strafgericht. Stürzte dann wieder zurück — —fait vite — fait vite— rief es aus dem Zimmer, machte bei halboffener Türe ein paar Griffe an seiner Dame, fuhr herein, heraus und in seine Kleider, fand zwischendurch noch Zeit, sich bei der Direktion über „cette grue“ zu beschweren. Frechheit, währendseiner Liebe habe sie einen Apfel vom Nachtkästchen genommen, hineingebissen und die Kerne zum Plafond gespuckt, wie um zu zeigen, auch sie wolle eben ein Vergnügen dabei haben. Kränkend sei das! „Freche Hure“. Er spuckte aus und sauste mit zwei Musterkoffern die Treppe hinab. Vielleicht hatte er vor dem Tor gar den Hinausgeworfenen noch überholt und im Vorüberstürzen Zeit gefunden, diesen über den Grund des Treppenflugs sexuell aufzuklären.
Ein Mißverständnis eben. Nein, Horus würde in deutschen Amtslokalen nicht mehr „schlichtenoutsider“ zu spielen versuchen. Staunte auch nicht, als jetzt ein neues System teuflischer Netze den schäumenden Haufen, knapp vor seinem Ziel: dem Bahnsteig, abfing, daß er davor zu einem Block Unluststoffe gerann, dessen Lodenhülse unter dem Druck sich durch die Gitterstäbe spannte als platzende Ballonhaut. Drei Zentimeter jenseits, vor Himmel und Schienen, gähnten ein paar Götzen mit Zwickzangen im Leeren, vor der leeren, längst bereiten Zugsgarnitur.
Samossy, in die Ecke getrieben, bis an den Hals im Pöbel, starrte dunkel und süchtig hinüber. Hatte die Ohren zurückgelegt, spannte die Stirnhaut, röchelte dumpf und eingespeichelt glücklich. Dann wie zu schlechtem Gewissen erwachend:
„So ein moderner Verkehr hat doch etwas Imponierendes, diese musterhafte Ordnung, daß alles so klappt.“
Und sank wieder in träumende Starre.
Im Block unter der Lodenhülse aber brodelte Ärgernis: unerzogene Mütter trieben mit Püffen Anstand in ihre falschgebornen Kinder hinein, den diese wiederschreiend erbrachen. Männer rissen sich immer wieder viehisch Wege zu Büfett und Zeitungsstand. Den Raubmord von heute gierig schwingend, den Raubmord von gestern achtlos um den Leberkäs gewickelt, ritten sie dann, zurückgaloppierend, Schinkenstullen unter dem Rucksack mürbe.
Jeder Ankömmling aber stieß auf wutgerundete Rücken der Abwehr. Wieviel so üble Zweibeiner gab es denn noch, wie man selber einer war? Fassungslose Empörung! Man konnte das eigne Zahlreichsein offenbar noch nicht meistern, hatte sich schneller vermehrt als daß dem Einzelnen seine persönliche Gleichung gestattet hätte, sich dieser Verdichtung anzupassen.
Pöbeldichte ist das Infernalische hier, fühlte der Fremde; dieses geistig und leiblich einander auf die Hufe spucken. Pöbeldichte, nicht Menschendichte, denn diese schafft ja positive Qualitäten: etwa Chinas Rücksicht und Diskretion, kann doch bei Übervölkerung die unersetzliche Einsamkeit dem Einzelnen nur durch zarte und kultivierte Manieren der Vielen gewährleistet werden. Er träumte sich zurück in das südliche Blütenland, das „Land der Lebendigen“. Wieder stieg die Paganinipyramide auf, doch diesmal trug sie ihn durch Stunden und über diese ganze Fahrt hinweg, wie zum Dank für einst. Manchmal schrak er glücklich lächelnd auf, wog seinen Reichtum: „Wieviel war meiner Jugend beschieden“. Auch „geflügelte Perle“ kam.
„Ich will dich das Geheimnis des Fußes lehren und meiner älteren Schwester das Geheimnis der Blume Lan.“
Seidnes Wesen!
Sie hatte ihr Versprechen gehalten.
Aus der Zahnradbahn keuchte es jetzt, sich überrennend, dem Hotel unter dem Gipfelkopf zu, einer im Kielschweiß des Andern, Kinder und Rucksäcke schleiften nach. Im Tor schäumten Wirt und Pilgrime gegeneinander an.
„Zu fünft drei Betten — ausgeschlossen, da sorcht ja schon die Behörde jejen!“
„Aber Ludwig, ich bitte dich, Trude und Hans in einem Zimmer!“
„Bleibste in der Depandanxe — nöch?“
„Na, denn nich.“ — Und auf einmal ließ man das ganze Übernachten stehen, riß sich angstvoll um die Speisekarte — zu reservieren, was zu reservieren war. Familienväter bestanden auf fünf Kalbshaxen, Kinder grölten nach Apfeltorte; es ging um Tod und Leben, als eine Person mit angekettetem Kropf zwei graue Beete aus Krügen in den Männerarmen hereintrug.
Auf einmal waren alle Mehmkes da, samt Töchtern, Schwiegersohn und Enkel Fritz, von Krause flankiert. Dallmeyer blies schon Bierschaum in den Ausschnitt von Margrinchens rosa taffet Bluse über dem Lodenrock.
Samossy, gänzlich verwildert, umwieherte indes die Kellnerin. Doch ihre rotpunktierten Männerarme in den kalkharten Puffärmelchen waren jetzt frei und schützten sie erfolgreich ringsherum.
Langsam mit dem Speisendunst ging die Stimmung ins Breite, Qualm nikotinisierte den Verdruß. Schon war die Luft fast so dick wie zu Hause, und nahrhaft von vergastem Fett.
Jetzt hieben ein paar Tatzen voll Töne in den Brodem. Ein Auswendighämmerer begann Kraut und Rüben durcheinander zu hacken, riß dem Klavier die Stockzähneaus, schmiß sie der Dulliöh-Stimmung in den Rachen: aus einer Art Beethovencake walkschmalzte er in ein Carmen-Meistersinger-Potpourri hinein, schlang diesem den Liebestod als Boa um und markierte dem wiehernden Saal die Glocken aus Parsifal, mit dem Gesäß auf der Klaviatur, landete dann mit einem Flohsprung mitten im letzten Satz der Neunten Symphonie, boxte sich durch bis an die Menschenstimme — — —: