Chapter 14

„Nee, so was Gemütliches, nee so was Gemütliches,Mir wackelt vor Lachen der Bauch,Na siehste, dir wackelt er auch.“

„Nee, so was Gemütliches, nee so was Gemütliches,Mir wackelt vor Lachen der Bauch,Na siehste, dir wackelt er auch.“

„Nee, so was Gemütliches, nee so was Gemütliches,Mir wackelt vor Lachen der Bauch,Na siehste, dir wackelt er auch.“

„Nee, so was Gemütliches, nee so was Gemütliches,

Mir wackelt vor Lachen der Bauch,

Na siehste, dir wackelt er auch.“

Und die Sonnenpilgrime fielen mit der zweiten Strophe des Sensations-Schlagers der Saison ein:

„Vor Gericht zur Ehescheidung ist zur Sühne heut Termin.

Er in eleganter Kleidung, sie sehr schick, Hut voll Jasmin.

‚Wollen Sie sich nicht vertragen?‘ fragt der Richter ehrfurchtsvoll.

Als sie grade ja woll’n sagen, schreit ein Weib: ‚Paul, bist wohl toll!

Laß die alte Zicke türmen!‘ ‚Was, Sie Mensch!‘ schreit darauf die Frau;

Nun geht’s los mit Regenschirmen, alles schlägt ein’n Mordsradau.

Zähne, Zöpfe umherliegen und der Richter bietet Ruh.

Süße Schmeichelworte fliegen. Ekel, Lulatsch, alte Kuh!

Selbst der Richter kriegt zum Schluß im Gewühl eins auf die Nuß.

Nee, so was Gemütliches etc.“

Draußen — draußen standen irgendwo Sterne — groß und weit weg.

Um Morgengrauen barsten Wecker auf Tellern, kreischten spitze Trichter hinein. Ein finstrer Knöchel kam von Tür zu Tür, zerklopfte durch Holz hindurch Träume im Hirn. Das Hemmungslose der Aufstehgeräusche stand plötzlich mitten in fremden Zimmern. Durch Korridore schlurfte es ohne Kragen, in Hemd und Unterhosen. Wie ertrugen sie nur eine Tracht, die tagtäglich durch dieses entwürdigende Stadium hindurch mußte?

„So mach doch vorwärts — noch nicht fertig?“ — Dann wieder in seltsamem Hedonismus: „Na, freu’ Dich bis wir nach Haus kommen!“ Türen knallten; grün vom Fleisch und Bier der Nacht, stolperte es in karierten Plaids durch die silberne Frühe. Ein Pfahl im Schotterhaufen und eine Ansichtskartenbude markierten den Gipfel.

Jetzt war es so weit:

Ungezogenes Gebrüll verkündete das Herannahen der Sonne. Männer riefen: „Na also!“ Frauen: „Ach wie süß.“ Jeder rief irgend etwas.

„Ja, so ein Sonnenaufgang bleibt doch ein Sonnenaufgang,“ begann Fräulein Mehmke — dann ward es ihr bleich vor dem anämischen Hirn, sie hätte gestern nicht so viel Schlagsahne zu den Birnen essen sollen.

Dallmeyer stieß indes aus den Wolken seines Bartes die ersten Töne von Brünhildens Erwachen: „Heil dir, Sonne!“

Krause war dagegen:

„Nee, nee, lassen Se se lieber in alter Weise tönen.“

Und Margrinchen, die wieder funktionierte, ratschte weiter:

„In Brudersphären Wettgesang, und ihre vorgeschriebne Reise —“

„Reise“ — erinnerte sich Frau Geheimrat, im Rucksack kramend — „hast du am Ende das Reisebesteck vergessen? — Vater braucht den Pfropfenzieher.“

„Nun, Fritz, wie geht es weiter,“ examinierte Mehmke, „in deinem ‚Goethe für Jungens‘ hast du’s ja beinahe unverkürzt.“

Aber Fritz maulte: „jetzt is Ferien.“ Und er intonierte das Lieblingslied von jung und alt:

„Mariechen,Du süßes Viechen,Sie ist eine ne—te—te—te,Diva von der Oper—e—te—te—te.“

„Mariechen,Du süßes Viechen,Sie ist eine ne—te—te—te,Diva von der Oper—e—te—te—te.“

„Mariechen,Du süßes Viechen,Sie ist eine ne—te—te—te,Diva von der Oper—e—te—te—te.“

„Mariechen,

Du süßes Viechen,

Sie ist eine ne—te—te—te,

Diva von der Oper—e—te—te—te.“

Da es ihm seine Mutter oben verwies, quäkte er es um so lauter etwas weiter unten bei den Kühen, kam aber bald zurück, denn man leerte aus den Rucksäcken Konserven in die Natur, die Fransen von Mehmkes Plaid schwammen schon im Sardinenöl. Man kaute und schrieb zwischendurch Ansichtskarten. Männer entfalteten markig das Abendblatt; weise diesem zeitungslosen Sonnenaufgang entgegengespart. Es war voll der neuesten Pariser Sensation: dem Hosenrock. Seit Wochen flossen die Gazetten aller Parteirichtungen über von Bulletins. Würde er sich wirklich auch außerhalb Frankreichs als Mode durchsetzen? Unmöglich ... bei keiner anständigen Frau ... die Entrüstung war allgemein.

„Geiler, welscher Tand.“ Dallmeyer röhrte auf germanisch.

Margrinchen zeigte ihm, wie mühelos ihr eigner Rock aufzuknöpfen sei: entarteter Abkömmling eines verjährtenPariser Schlitzmodells, nur daß sein planlos Affenhaftes hier ins stockend Barbarische geraten war.

„Echt weiblich und doch praktisch,“ lobte Dallmeyer, „echt deutsch!“

„Auch malerisch,“ ergänzte ihre verheiratete Schwester, die den gleichen trug, und drapierte einen Batikschal über den Wettermantel und die auseinander geronnenen Hüften.

Wer ohne Zeitung, hatte anders vorgesorgt für die langen Stunden hier draußen, wo nichts los war: „Wollen wir n’en Skat dreschen?“ Und aus Handflächen sprangen karierte Blätter per Kopf auf gebreitete Lodenflecke ringsum. Manchmal zorniges Grunzen: „Rindvieh dappigs, so paß schon auf.“ — „Halts Mäu!“

Akademisch Gebildete spielten hier nicht Karten. Wußten, daß man in der Natur natürlich zu sein und sich in ihr zu lagern hatte. So lagerten sie erst angezogen, als Fremdkörper umher, begannen dann aber, als es wärmer wurde, auf grauenhafte Weise Bekleidung von sich abzustoßen, unter andauernd witzigen Bemerkungen über diesen Vorgang. Die Rhododendren hingen schon voll Hosenträger, und das schlurfende Stadium von den Korridoren war wieder erreicht; selbst halbe Akte tauchten vorübergehend auf, verschwanden wieder: nein, es war allerdings kaum anzunehmen, daß die Natur das zum sichtbarlich außen Tragen bestimmt haben sollte.

„Mal bißchen Natur kneipen.“ Auf dem Rücken liegend, hob Krause das Gesäß und klappte die Hufe in der Luft erlaubnisheischend gegen die Damen zusammen. Oben die Sonne wiederkäuend, buk er unten die gelbliche Riesensemmel seines Bauches gar, im eignen säuerlichenSpeck. Der Geheimrat kraute mit dem kleinen Fingernagel seine grauen Achselhaare:

„Was Samossy, dieser Intrigant wieder ausgeheckt habe — ein Narr — ein gemeingefährlicher Narr, ob Dallmeyer den Angriff ...“

Aber Dallmeyer hatte die Stiefel ausgezogen und war längst Jung-Siegfried; dahin rollten die Stücke des morschen Speers, an Notung zerschellt. Keine Abfindung für die Schwarzalbin, jüdische Mitläuferin und was ihr entsprossen. Seine männische Kraft sollte eine reine Jungfrau erwecken ... nur wer durch das Feuer bricht ... als korrespondierendes Mitglied mußte er heuer noch in die Akademie hinein.

Kein Gruß aus der Kreatur klang in diesem Äther. Kein aufjubelndes Fluidum aus wilden, freien, vielgestaltigen Herzchen entzündete sein zeugendes Netz. Leergescheucht auch er: ein übler Doppelspat, auch er, durch den das Un-Sein hereingebrochen kam.

Kinder machten auf ein paar glücklose Kriechtiere Jagd, die nicht Beine genug gehabt, sich rechtzeitig einzugraben. Fritz kroch umher, kratzte aus dem Moos, was er an Fühlern und Flügeln erwischen konnte, brachte es in seiner scheußlichen Gymnasiastenmütze Margrinchen. Sie sonderte die männlichen Tiere aus, und er durfte sie in eine Glasflasche füllen, während das Fräulein ihr biologisches Besteck auspackte.

„Unten nicht so zerquetschen,“ mahnte sie, wenn seine Fingerstummel mit den verkehrt eingesetzten Nägeln ihr eine Kreatur nach der andern reichten. Dann sah er mit abstehenden Ohren zu, wie sie hineinschnitt.

„Immer fleißig,“ schmeichelte Dallmeyer. Er warendgültig durch das Feuer gebrochen und näherte sich bereits Margrinchen auf ihrem Fels: „Immer eifrig bei unsrer Wissenschaft.“

Vom Hotel herauf schellte es jetzt Mittag. Sie warf das angeschnittene Tier weg und begann ihre Frisur zu richten. Dallmeyer stöhnte in Stiefel hinein, Krause suchte nach Hosenträgern — Plaidfransen blieben an Uhrketten hängen, rissen Geld und Karten ins Gras, alles knöpfte sich zu — stob abwärts zu Hauf.

In die lange, neue Stille hob sich aus Gebüsch mit eins ein verschlafener Kopf, blinzelte ins Leere — begriff dann. Maßloser Schreck ging in seinen Zügen auf, er blickte wirr um sich, dann schreiend:

„Ist es schon losgegangen?“

„Wenn Sie dietable d’hôtemeinen, so glaube ich: ja.“

Der Europäer warf die Arme gen Himmel und wollte fortstürzen, da vertrat ihm Horus den Weg, packte ihn vor der Brust:

„Was ist das jetzt eigentlich für ein Fest heute?“

„Na, Pfingsten doch.“

„Was ist das: Pfingsten?“

Dem Andern wurde ängstlich, er klammerte sich an seine Brieftasche:

„Die Ausgießung des Geistes natürlich, oder so was Ähnliches.“ Riß sich los und machte im Lauf kopfschüttelnd vage Gebärden vor dem Hirn, wie er sie in irgendeinem verlogenen Theater gesehen.

Jetzt waren also endlich alle hinuntergeflossen, diese Ohne-Hunger-Esser, zu ihren dicken Suppen, die ihnen wieder ausbrachen als unmäßiger Schweiß, und der Gipfel tauchte frei empor; der getötete Äther um ihnaber trug keine Seeligkeit mehr. — Vielleicht das Moos? Er bückte sich: Enzian sah ihm in die Augen herauf, dann ein kleines Gelbes, das sehr keck schien, rötliche Röllchen rochen gut. Vielleicht enthielt die Erde für ihn die antäische Stärkung eines Grußes.

Wie einst zwischen die aufrauschenden Ohren Rama-Krishnas, warf er sich nach vorn, preßte das Gesicht ins Lebendige, fuhr auf und mit der Hand an die Stirn: dort klebte quer eine Wursthaut. Worin lag er da? Eine Bergwiese? — ein Kehrichthaufen? — ein Magengeschwür? — ein ungemachtes Bett? Zerwälzt ohne Wonne, in dem Frigidität, Geile und Feigheit aneinandergeklebt hatten! — War das noch Enzian oder schon ein Tintenklex, roch die zerknüllte Stanniolkugel da oder das Kohlröschen? Er suchte nach dem angeschnittenen Versuchstier der jungen Dame. Tötete das sich Windende rasch, fest, ehrfürchtig.

Samossy kam erst knapp vor der Rückfahrt aus einer Tür zum Vorschein, an der geschrieben stand:

„Nur für das Personal, Gästen ist der Eintritt nicht gestattet.“ Beim Abstieg rieb er äußerst animiert die knorpeligen Enden seiner langen Finger aneinander, als wollte er Feuer aus ihnen schlagen, wieherte in der Fistel:

„Ja — ja, man muß vom Weibe loskommen.“

Die Kellnerin hatte ihm aus kalkharten Puffärmeln mit einer roten Pranke nachgewunken, die kein goldnes Kettenarmband trug.

Zarathustra war ungelesen im Rucksack geblieben.

Abends entließ der Ostbahnhof die Ausflügler in fahle Vororte hinein. Aus einem politischen Keller stankeben strukturloses Gewölle breit in den Platz, jenem gleich, das im Hafen von Marseille, als Ballen von Mißgunst, das rhythmische Arbeiten der asiatischen Bemannung mit hämischer Überheblichkeit zu zergaffen versucht. Hier schien es in Fluß geraten, in stumme, maßlose Geschwollenheit hinein. Sah man näher zu, zerfiel es in einzelne, aus allen Angeln gedrehte graue Brocken, die torkelnd neben ihren Stiefeln gingen. Weiber hakten sich in Männer, reckten die abgebundenen Spitzbäuche, stampften auf kolossalen Füßen eine namlos verlogene Degagiertheit einher. Junge, mit wilden Papuafrisuren lachten wie aus Grammophonen. Allen stand käsiger Schweiß aus Wurst und dicken Phrasen um die eingetriebene Nase und den sackförmigen Mund.

Es waren die abstoßendsten Geschöpfe, die er je erblickt. Nicht so sehr durch das Übelgeratene selbst, nein, durch eine beispiellose Überheblichkeit weltgültigen Rüpeltums, mit der jeder gerade dies Übelgeratene, wie eine hohe Rechnung präsentierend, an sich zur Schau trug; Gesitteteren damit schadenfroh unter der Nase herumzufuchteln nicht müde ward, als wäre er das Unmaß aller Dinge.

Auch hier wieder der typisch europäische Blick: er, der nicht sah, als bliebe die ganze Umwelt dauernd in den gelben Fleck der Netzhaut gerückt.

Auf dem andern Gehsteig kam jetzt eine einsame Frau dem Haufen entgegen, strebte, dunkel gekleidet, unauffällig und still — etwas eilig auch — ihres Wegs.

Schon waren die Vorderbrocken blind über sie hinausgetappt: das ausrangierte Schachrössel mit der roten Schleife an der Spitze, einer der fanatischen Nasenbohreraus der Russenecke im Café und ein kleiner Herr mit Zwicker von außerordentlich semitischem Typus.

Da erspähten zwei Halbwüchsige die Einsame, vertraten ihr aus der Flanke des Zugs heraus den Weg — noch probeweise — wie suchend vorerst, tänzelten von Bein auf Bein — endlich glaubten sie etwas gefunden zu haben:

„Mir scheint gar, dös is a Hosenrock.“

Und der eine blähte hämisch vorn seinen Latz, ganz wie die Crapule in Marseille vor Gargi getan. Der Unflat, der auf seinem Hals an Stelle des Gesichtes saß, stank ihm dabei aus den Augen.

Der andre, gebückt, Zigarettenstummel im eckigen Maul, tat, als inspiziere er streng von unten.

Die unscheinbare Frau hob sanfte Hände der Abwehr:

„Lassen Sie mich vorbei, bitte, ich muß nach Hause.“

Aber schon kreischte es rundum:

„A Hosenrock, a Hosenrock.“

Spitzbäuche und Papuafrisuren rissen die Mannsleute heran:

„A soa Weibstuck, a soa ganz ausg’schaamts, a soa Großkopfate!“

„A soa Madame.“

„Oin iebermietiger Adel und ein verrottetes Bürgertum“ ... begann das ausrangierte Schachrössel — —

„Eiterbeule am Pestleib des Kapitalismus“ ... fuchtelte der kleine Leitjude. „Schamlose Provokation des klassenbewußten Proletariats ... Genossen, setzt euch zur Wehr ... der gesunde Sinn des werktätigen Volkes darf nicht dulden ...“

„Geiler welscher Tand,“ röhrte es jetzt dazwischen aus dem wallenden Dallmeyer-Schädel, den Häusern angeklemmt im Trupp der Ausflügler.

Nur helleingesehene Unmöglichkeit, sich dorthin durchzuboxen, hielt Horus ab, sich gerade auf diesen reißend Verpöbelnden zu werfen, doch auch seine Glieder waren eingekeilt zwischen Mauer und Mob.

Einen Moment duckte sich Stille im Raum. Bogenlampen flirrten hoch darüber. Dann grellte ein Ton auf, dem sich in der ganzen Natur an Gemeinheit nichts vergleicht. Der infernalische Ton eines johlenden Europäerhaufens pfiff hinter dem hingespienen Zigarettenstummel drein, zwischen Fingerstumpen hinausgegellt als onanierende Niedertracht.

„Der Hosenrock muaß aver ... übern Hintern gspannt, ghörat er ihr, der Hosenrock.“ Ein Stierkerl mit Wurstpratzen hatte es gebrüllt. Temperamentlose Wut aus eiskaltem Schweinespeck gebar zuerst Moralsadismus. Die Weiber heulten Triumph. Das wieherte, spie, trampelte im Rudel heran um die weinende Frau. Unter gingen ihre Hilferufe im Gegröle des Mob. Von der Welle aus Feigheit in Frechheit hinübergespült, warfen sich die zwei Halbwüchsigen platt auf den Bauch, krochen ihr unter den Rock, hoben ihn rechts und links mit den Köpfen hoch, zerrten die Beine der Wimmernden auseinander, daß sie mit dem Gesicht platt in den Kot fiel ... Mit haßkrummen Pfoten stürzten sich die Weiber über die Liegende, rissen ihr die Kleider in die Höhe, die Hose auseinander ... der russische Nasenbohrer fanatisierte die Herde rechts und links, wie ein anspringender Hetzhund.

Vorn der kleine Leitjude kniff sich eilig einen zweiten Zwicker auf, reckte feixend den Hals, um besser sehen zu können.

Eine Megäre heulte wehleidig auf: „A soa Kanalli.“ Sie hatte sich an der Hutnadel ihres Opfers geritzt.

„Volksgericht ... Volksgericht,“ das ausrangierte Schachrössel zerriß sich fast in der Luft, doch keiner scherte sich drum. Eine Blase grüner Gier, schwoll die Pöbelgeile über ihrem Opfer, immer höher aufgetrieben von den fanatisierenden Sprüngen des slawischen Nasenbohrers.

Auf einmal stach ein Polizeipfiff die Blase an, feig und flach fiel sie zu einer Linse zusammen, gerann immer dünner, bis das Straßenpflaster aus ihr aufstieg, in dem ganz allein, in Qual und namenloser Scham, sich die gemobte Frau mit grellentblößtem Unterkörper wand.

Außer ihr fand die Wache eigentlich niemanden mehr zum Verhaften vor. Zwei Polizisten führten die Halbohnmächtige ab, ein Dritter bückte sich nach dem Hosenrock. Mit strenger Hand hielt er das „Ärgernis“ in sittlichem Ekel weithin von sich ab. Wies es anklagend rundum, begann plötzlich zu gluren, zu grinsen, und alle rings im Kreise grinsten mit. Man schlug sich auf die Schenkel vor Vergnügen.

Das war ja gar kein Hosenrock.

Auf die entleerte Straße schlich es sich jetzt hinter einem Häuserblock schlacksig heran, alle Körperknochen eckig unter die engen Augen gehäuft: der Hetzhund des Haufens warf sich platt nieder, windelweich auf einmal. Begann das glitschige Frauenblut aus dem Straßenschmutz zu saugen, umarmte das Pflaster, quetschteseine Seele wie einen verschnapsten Schwamm über den Brei aus Blut und Kot, in greinendem Gefasel, menschheitsduselnd aus.

Da stieß ihm Horus Elcho in sternblanker Wut den Fuß ins Rückgrat:

„Auf — Schwein — aufhören mit dem sentimentalen Dreck.“

„Bruderherz,“ harnte es flennend naß von unten herauf — „laß dich umarmen, Bruderherz, wir sind ja alle gleich, mein Seelchen, — alle, alle gleiche Menschen.“

„Nein — Gott sei Dank — nein!“

Und der goldäugige Exote schritt auf den andern Gehsteig. Der Erdradius war nicht so lang, als jetzt diese Vorstadtstraße breit war.

Viele Stunden lief er noch durch die milde Nacht, in den Anlagen Fluß auf und ab, mit heißen Adern. Als schwefelige Blitze standen ihm die Nervenfäden um das bewölkte Herz. Und dann trieb ihn Trotz unwiderstehlich, ein Stück Maskerade seiner Zugehörigkeit zu dieser weißen Köterrasse nach dem andern wegzuwerfen — einfach weg ... Erst die Fußschachteln in eine Wiese, den Rock ins Wasser, den albernen Stoffkopf hing er an einen Strauch, kam zurück, drehte ihn um zu einem Nest zwischen drei Astgabeln; vielleicht diente er so einem anständigen Vogel zur Brutstatt — tat es in vagem Trieb, süßes Leben als Gegengewicht zu fördern.

Ins silberduffe Gras auf die Flanken gekauert, überdehnte er dann die zehn Gliedspitzen wie ein gähnender Jaguar — wehende Halme streichelten den Stromkreis zu, leiteten das ausgetriebene Übel erdwärts, da löste es sich über die makellose Riesenkugel hin auf.

So mochte es zwei Uhr geworden sein.

„Das gibts nicht da. Das ist Vagabundage, — im Freien darf nicht übernachtet werden.“ Ein Ordnungsgötze voll Blech am Kopf türmte schwarz und lotrecht in die Natur.

Langsam drehte er sich auf den Rücken, sah was zwischen ihm und dem Polarstern stand, bekam einen gelachten Wutanfall.

„Also nur im Unfreien darf hier übernachtet werden? Jetzt sagen Sie, was darf man in dieser europäischen Dreifalt von Schlachthaus, Irrenhaus und Zuchthaus denn eigentlich? Leben verhunzen, was? Natur verhunzen! süße Tiere zermartern! Pöbel züchten! Bosheit mästen! Moralsadismus treiben? Kurz, auf jegliche Art ein Schweinkerl sein: das darf man. Will aber einmal der Arme eine Nacht lang Sterne statt Wanzen über seinem Kopf haben, so heißt ihr das Vagabundage. Oh eure Lügenworte. Eure schiefgemaulten Lügenworte! Da laufen Asphaltstraßen, rein wie Schnitte an einem Tortenüberguß durch eure glatte Welt. Was hilft’s, sind sie allesamt mit bürokretinistischem Sekret überzogen, nur im Härtegrad, nach den Ländern wechselnd, von Eisenbeton zufromage de Brie: stinkender wenn weicher — drückender wenn härter; lebensundurchlässig alle.“

„Habt ihr denn so ganz des göttlichen Kontinents, aus dem ihr kamt, vergessen? Seine jahrelangen Straßen sind staubig und trockenen Büffelmistes voll, der in die Augen brennt. Über diesen Büffelmist aber schreiten mit Mantel und Schale Hunderttausende in die Vergottung hinein — frei und unbefragt. Hier an dem weißen Rand ins Nirvana tut jeder das herrlichzüchtende Joch der Kaste von sich ab, das ihn herangeleitet, steigt aus der tiefen Farbenmulde seiner Art und verbrennt zu Gott, wandernd im Anhauch dieser freien Straßen.“

„Sie gehen jetzt mit,“ sagte das Triefauge des Gesetzes, noch uneins, ob das mit dem Büffelmist Amtsehrenbeleidigung oder nicht.

Im Polizeigebäude hingen an verwanzten Wänden schwachsinnige Zettel in Rahmen herum: „wir wollen helfen, nicht strafen“ — „nach eignem Sinne leben ist gemein“ und ähnlicher Fibelschund.

Daß er Seidenwäsche aber keine Stiefel trug, rettete die Situation. Auch das Pfingstfest.

„Nun ja, der Feiertag! total besoffen eben — aber sonst ein feiner Herr.“ So ließ man den kuriosen Fang nach Abnahme seiner Personalien gehen, machte ihn aber auf die Folgen eventueller doloser Irreführung der Behörden aufmerksam.

Europa hatte nur eben probeweise ein paar Maschen ihres Jusgarns ein bißchen um ihn zugezogen, so zum Spaß, nur um zu zeigen, was sie alles konnte. Ließ ihn dann wieder laufen, — weiter in gesenktem Netz, das über die klebriggespannte Ballonhaut dieser ganzen aufgetriebenen Welt schleppte.

Seit der „Hosenrock“-Episode begriff er mit eins den Geldkrampf aller. Ihre schlotternde Angst. Das an eignem oder andrer Geld Kleben, hemmungslos, zum Gemeinsten bereit, aber nur mitschwimmen dürfen im Oberflächenhäutchen, sich mit Dreck dort anpappen — oh, alles — nur nicht heruntergestürzt werden zu diesem aus seinem stinkenden Brodem aufschnappenden Mob.

Schicksal eines Beutetiers war Adel und Wohltat dagegen.

Hier hieß arm sein ja nicht in veredelnde Einsamkeit wandern, mit vollkommenen Tieren frei durch Flur und Licht spielen, die Diademgestirnte zur Genossin haben, bei Ganapati Sastriar hocken, mit dem Schikari schweifen, im sanften Gewimmel blauer Kulis unbelästigt leben oder sterben, unbeschnüffelt von der taktlosen Tyrannei behördlichen Humanitätsschnauzentums.

Ging es einem Hindu schlecht, umgab ihn immer noch Distinktion der Gebärde, Zartsinn, Niveau der Kaste, durch die das Individuum mehr — schon dem Typus nach mehr ist — als es aus sich selbst zu sein vermöchte. Arm sein hieß daher nur: Form der Gesittung tauschen.

In Europa aber hieß es, dank diesem sadistischen Wohnzwang, wirklich in der Hölle sein: bis zum Tod eingesperrt leben mit Roheit, Bosheit, Intoleranz und Gekeif, umlauert von hämischer Neugier. Hieß statt süßer Kinder falschgeworfene, verzogene, gröhlende Mißgeburten haben, hingesudelt im Fuseldunst, denn nie könnten klare Sinne den Ekel vor erotisch so ungepflegten Weibern, wie sie dem Armen hier einzig zur Verfügung stehen, überwinden.

Hier ohne Geld sein, hieß also für einen Menschen von nur durchschnittlichem Feingefühl: Selbstmord. Nicht Entbehrungen der Armut, des Niveaus der Mitarmen wegen. Denn so etwas wie einen entrassten europäischen Mob, das hat ja die Welt noch nicht gesehen, hat es nie und nirgends noch gegeben! Lag es an Löhnen? Lebenshaltung? Keine Spur. Gab doch das Volk hier nebenbei für Alkohol und Tabak täglich mehr aus, als ein Chinese für den Unterhalt einer ganzen Woche. Derkroch morgens aus seinem Kanalloch, eine halbzerkaute Ratte zwischen den Zähnen und war doch ein Wesen an Courtoisie und Herzenshaltung von den Höchsten seiner Rasse, einem Li-Hung Tschang etwa, nicht gar zu sehr verschieden, übte wie sie die Selbstzucht eines komplizierten Zeremoniells, lebte wie sie das „Buch der Riten“ und die „Religion des guten Bürgers“. Lag es an psychischer Qual? Beweis, daß diese europäische Masse nicht wirklich litt, war ihre Taktlosigkeit: erste Frucht des Leidens ist der Takt.

Eine unbegreifliche latente Bosheit bildete hier durch alle Schichten hindurch Knoten, um gelegentlich an der Stelle geringsten Widerstandes durchzubrechen: dem Sehen.

Aber warum sahen sie nicht? Warum waren alle am hellsten Sinn verkümmert, aus dem die Liebe erfließt und die Vision? Konnten Hose von Rock nicht unterscheiden, echt von unecht, Kunst von Kitsch, fielen und legten einander rastlos wechselseitig optisch herein.

Gargi, die nie Fragende, hatte einmal schüchtern gemutmaßt.

„Ist es ein Gelübde?“

Meinte den ersten Backenzahn, den die meisten golden trugen, neben vorderen Porzellankronen.

Nein, sie glaubten eben, man sehe das nicht, weil der Zahnarzt, der auch nicht sah, es beteuerte. Ein Blick hätte das Gegenteil erwiesen, aber es war eben kein Blick da. Anfangs konnte er in Paris immer wieder über die schleierlose Roheit erschrecken, mit der Menschen in Sehweite übereinander medisierten, vermeinend, das merke sich nicht, außer Hörweite zu sein genüge. Lang hatte er gebraucht, um an solch optischeVerstumpfung faktisch glauben zu können. Alles was die Europäer in ihrer Biologie von den niedren Tieren behaupteten, war wirklich ganz richtig — auf die Behaupter selbst angewendet. Reagierten auch so automatisch mechanistisch, wie sie es den Amöben zuschrieben; auchihreFundstelle (das Heim) der einzig völlig reizlose Ort, wo sie ihr Futter fanden.

Hing mit dem flächlichen: oberflächlichen Sehen nicht auch die Überschätzung des „Malerischen“ hier zusammen? Welt der niederen Tiere, die sich in verschieden belichtete Flecke auflöst; noch nicht aufgestiegen in die dritte Dimension. Daher vor allem der Hang ihrer überkleideten konturscheuen Weibchen zur palettenumschweinzten Aura. Dieser ewige Kunstschwatz und in Bilderausstellungen Rennender Europäerin, was sie gar nichts anging, statt was sie unmittelbar angehen sollte zu beherrschen: die Raumschöpfung des Heims. — Schaukraft fehlte eben: Durchschauung des dreifältig Gefügten: Architektur.

Ja, die Überschätzung des „Malerischen“ lebte von zerronnenen Weibern.

Nur konturreine Maschinen waren hier auch zu würdigen Behausungen gelangt. Er hatte sich die modernsten Architekturwerke kommen lassen, da herrliche Bahnhöfe, Silos, Fabriken, Betriebsstätten gefunden, dabei gedacht:

„Wäre ich eine Turbine, ließe ich mir mein Heim von Behrens einrichten.“ Auch Rösser und Exkremente hatten es gut. Ställe und Kanäle gelangen manchmal wunderbar. Nur Menschenheime im Sinn und Rang des Hauses Elcho fehlten, denn es fehlten die Menschen dazu. Langsam begann er die Leistung seiner Mutter zu begreifen.Diese jahrelange, zähe, unbeirrbare Treue zum Ideal. Das einzig im höchsten Sinne europäische Heim war am Herzen des Dschungls erschaffen worden.

Welche Selbstverlöschung, ihn in diesem Werk Europa anbeten zu lassen, statt sie. Wie weise lang hatte sie ihm die sprühenden Sporen dieser Illusion bewahrt, die ihn hinaufgebäumt aus goldner Sinnenmulde in die herbe Kraft lotrechter Geistigkeit.

Langsam drehte sich die ganze Kuppel an seiner Jugend Wunderbau in einen neuen Aspekt hinein. Manche Absicht klärte sich, überraschend gelöst — mehr noch blieb vieldeutig, doch war er ohne Ungeduld. Zog wie auf Wolken über diesen Kontinent dahin, unangreifbar in seinem Kraftfeld: fern, stark und unberührt als ein Schauender.

Seit der Hosenrock-Episode schnitt er Dallmeyer. Schämte sich zu sehr für ihn. Saß denn bei so einem kastenlosen, durch ewige Bastardierung Entzüchteten keine einzige Hemmung, keine einzige Qualität mehr generationenfest? Hatte man so einen Mischkerl allein, war er meist ganz leicht besserem Niveau zugänglich, schon seiner affenartigen Charakterlosigkeit wegen, mimte unter der Hypnose eines Vornehmeren Verständnis ohne Heuchelei, um sich dann, bei der ersten Probe, fiel Einzelverantwortung weg, der Masse: „dem Vieh ohne Großhirn“ gleich zu benehmen. Das erklärte dieser furchtbaren Vibrionen der Verpöbelung Virulenz und leichte Übertragbarkeit auf scheinbar Immune. Immer waren eben hier die wichtigsten Dinge einem schauerlichen Zufall, einem schamlosen Ungefähr ausgeliefert. Heiratete man etwa eine Frau, die einem gefiel, wünschtesich gleiche Kinder, krochen vielleicht Wechselbälge aus ihr, nicht von Hexen in der Wiege, von üblen Tanten im Mutterleib vertauscht, weil der Typus nicht feststand, die Frau selbst nur ein freundlicher Zufall war, aus einemqui pro quogemischter Akzidenz zusammengewürfelt.

Natürlich hatten sie wieder aus ihrer torkelnden Planlosigkeit eine wissenschaftliche Theorie gemacht. Samossy versuchte ihm einmal so einen Humbug mit dem Ahnenverlust einzureden: da das Individuum die Summe aller Eigenschaften und Erfahrungen seiner sämtlichen Vorfahren sei, bedeute jede Inzucht: jeder Vater und Mutter gemeinsame Ahne eine Verminderung des möglichen Eigenschafts- und Erfahrungskomplexes: Mensch. Je heterogener daher an Stamm, Rasse, Kaste, Blut, Heimat, die Vorfahren, desto reicher die Nachkommen.

Da hatte er nicht mehr an sich zu halten vermocht:

„Mein Gott, was für ein Verköterungsschwindel! Auf Stoßkraft und Richtkraft der Erbmassen kommt es doch an, auf Qualität und Intensität, nicht auf einen möglichst hohen Kehrichthaufen von Anlagen und Erfahrungen, die, wenn nicht gleichgerichtet wie Eisenfeilspäne im magnetischen Feld, einander hemmen, schwächen, aufheben, und das Endglied ist dann schließlich nichts als eine ganz volle Null. Bei euren Pferden und Hunden wißt ihr doch recht gut, worauf es ankommt, wollt ihr hohe Geldpreise gewinnen aus gezüchteter Form und Leistung. Höchstens, daß fremdes Blut bei gleicher Kaste möglicherweise vielseitige und doch gleichgerichtete Erbmassen ergibt.“

Samossy hatte langsam das hilflos verschrobene Schülergesichtbekommen, wieherte dann wie erwachend manisch in der Fistel:

„Vorfahren, was Vorfahren! Der einzig vernünftige Fundort der Spezies Mensch ist doch die Drehlade. In einem Findelhaus aufwachsen!“ Dann schadenfroh geduckt sein Unvermitteltes:

„Man muß vom Weibe loskommen.“

Horus gedachte Lizzi Beermanns, der Raeburngirls, Margots; ihrer weihelos beschnupperten und doch versperrten Körper, jahrelang saumseligen Reflektanten von trägen Müttern hingeködert:

„Eltern haben ist ja höchstwahrscheinlich ein Unglück,“ bemerkte er, „keine haben aber ganz bestimmt eins. Auch soll ja das Heim eine Art Placenta für das geborene Kind bedeuten.“

Sagte es eigentlich vorbei an dem hohen Vierziger da, dem Kinderlosen; dieser Frage Brennen wohl zwiefach Fernen. Hatte er überhaupt Anverwandte? Wer stand ihm nahe? Wer war ihm Freund? Fachfeinde überall. Blieb das Weibstück mit dem Kettenarmband sein einzig menschlicher Verkehr? Vor Gargis Erscheinung wurde er linkisch, voll gereizten Unbehagens. Wußte mit ihr so wenig anzufangen wie ein Mandrill mit einer Kamee. Da frug Krause eines Tages aus kondolenzbeflissenen Mundwinkeln:

„Wie geht es Ihrem Vater?“

Samossy machte eine frivol hoffnungslose Geste:

„Von Tag zu Tag besser.“

Krause, mit verkniffenem Zwicker, bekundete Freude. Man habe Fälle gesehen, wo Wassersucht jahrelang fast stationär geblieben ... Das Geschäftsjubiläum würdealso doch in der elterlichen Villa gefeiert. Und Horus erfuhr, daß dieser Vater Gründer einer seit fünfzig Jahren bestehenden Kattunfabrik und offenbar sehr wohlhabend war. Er gedachte jenes Armschwunges zwischen Abort- und Küchengeruch: „wohlbestallter Professor? Das ist der Stall, den ich mir leisten kann.“

Nun kam polternd und verlegen auch an ihn die Einladung zu dieser Feier im Vaterhaus.

„Man hat dort schon so viel von Ihnen gehört“ — dann halb entschuldigend: „nicht durch mich.“

Er lauerte, schülerhaft geniert, gelangweilt und wieder ängstlich um ein Ja. Schlug, als er es hatte, sein zerfahrenes Gewieher an und empfahl sich.

Der Mann war unberechenbar. Doch machte das den Verkehr nur ermüdender, nicht reicher, ließ nie schöpferische Kontinuität der Stimmung sich entwickeln, es sei denn in seinem engsten Fach.

Man stand leer herum in der großen Backsteinvilla. Wartete auf das Jubiläumsessen.

Manchmal beklopfte ein zugereister Geschäftsfreund, geneigten Ohres, mit dem Zeigefingerknöchel prüfend den bronzenen „Lauscher“ in der Ecke auf Metallstärke hin, oder versuchte Signaturen unter Ölbildern zu entziffern. Niemand saß. Unverrückbare Fauteuilarrangements hinter Tischen waren von vornherein dagegen, nur zwei Rollstühle an den Salonenden, um die wechselnde Gruppen sich stauten, schienen besetzt.

In dem einen ragte ein riesiger Greis aus Stein und Wasser.

Die Beine zu Blöcken geschwollen, trugen flach auf den Knien violette Hände, schwer wie Porphyr. Bis an die Hüften war er zu einem mit Wasser gefüllten Sarkophag geschlossen. Darüber kämpfte das harte alte Bauernherz zäh um jeden Zentimeter Leben, gegen das innere Ertrinken an. Ganz oben, aus blutigem Blauauge troff schon immer ein wenig Feuchtigkeit über, sickerte die fahlen Wangenfalten herab. Er biß in seinen weißen Bart vor barbarischem Starrsinn: da sein, nur da sein. Fuhr manchmal aus den schauerlichen Vorgängen in sich auf, zu wahnwitziger Eitelkeit über die eigne Zähe. Sah allen der Reihe nach in die Augen, trotzig, lauernd, wie ein erliegender Gladiator, im Gefühl drohend gesenkter Daumen ringsum.

War er vor Lebenswut hellhörig geworden an den schweren Birnenohren?

Seine blutigen Blauaugen drohten leuchtend hinüber zu dem andern Rollstuhl am Ende des Saales.

„Oh, er ist schon kalt bis zu den Knien,“ schmunzelte die greise Frau mit ruhiger Genugtuung Horus Elcho zu.

Ein goldnes Kettenarmband klirrte erledigend an der ganz verkrümmten Hand. Der restliche Körper hing: ein gerunzelter Strick, an den Enden mit Gicht verknotet, im Sessel. Hinter ihr stand ein erloschener Mensch mit geduckten Augen: der zweite Sohn und nunmehr Inhaber der Fabrik. Ihm schien auch die zerpatschte Frau daneben mit den drei kleinen Kindern anzugehören. Das älteste, einen schweren Bleichkopf im Phantasie-Matrosenkostüm aus Satin, hielt sie zwischen den Schenkeln aufgepflanzt, memorierte angstvoll etwas Gereimtes mit ihm und es zupfte an seinen Nagelwurzeln.Jetzt hatte es zu tief geschält, heimlich wischte der blutende Finger über den weißen Seidenslips.

Nun trollte sich Oskar Samossy, fast ebenso verdonnert wie das satinene Kind, hinter den Greis aus Stein und Wasser. Und beide Brüder schoben die elterlichen Rollstühle an die Têten der Speisezimmertafel.

Drei Menus wurden gereicht — nacheinander. Das erste wie es der Gründer der Fabrik anfangs gehabt: dicke Suppe, Erbswurst, Käse. Dazu Bier. Beim zweiten, dem 25jährigen Bestand entsprechend, erschien schon Fisch, Kalbsbraten mit Salat und eine süße Speise. Dazu leichter Mosel. Das dritte endlich zeigte voll und ganz, was man sich der heutigen Bilanz entsprechend leisten konnte, durfte und sollte. Begann mit Austern und wollte schier kein Ende nehmen anprimeursund durablen Weinen. Vom sechsten Gang mit Champagner aufwärts, stand immer jemand auf, der nicht stehen konnte, und sprach, ohne sprechen zu können: etwas, das man sich wohl würdig, witzig oder feierlich zu denken hatte. Manchmal wurde dazwischen „hoch“ geschrien, manchmal nur am Ende. Männer erhoben sich dabei halb. Frauen saßen ganz da; schienen einzig und ausschließlich zum Sitzvorgang geschaffen. Die Schwüle stieg. Eine Dame lüftete ihr Kollier.

„Perlen machen so heiß, besonders echte.“

Eben schloß ein Stehender:

„Nichts lobenswerter am Manne als recht reinliche Triebfedern.“

Über die Enden des Beifalls weg schnatterte es aus einer arroganten kleinen Person laut in ihren Tischherrn hinein:

„Und denn is mal so’n schmieriger kleiner Jude gekommen und hat gefragt, ob ich ihn heiraten will. Waschen Sie sich erst, hab’ ich ihm gesagt. Na, sehen Sie,dortsitzt er — das ist mein Mann.“

Der riesige Greis aus Stein und Wasser war unterdessen wieder ganz in die schauerlichen Vorgänge seines Inneren versunken, wies mit Grauen alles Getränk weit ab, würgte nur ein wenig Kaviar auf Zwieback hinunter, lauerte ihm schweigend nach. Langsam stieg Triumph in den blutigen Blaublick. Dann aber trieb die aufdrängende Flüssigkeitssäule das Kaviarbrötchen aus dem erstorbenen Magen in den Schlund zurück. Triumph im Aug oben zerfiel. Der Hausarzt näherte sich rasch — eben jener Mann, den die arrogante junge Person zu ihrem Gatten reduziert — öffnete ihm rasch das Frackhemd, bohrte eine Spritze mit irgend etwas: Kampfer oder Theobromin dem Aufstöhnenden unter die lederzähe Haut. Dunst, Schnaps und Schwatz hatten den Vorgang nahezu vernebelt.

Eben stand Dallmeyer da, spann aus seinem Bart heraus einen Phrasenstrang über das dreifache Festessen hin: wie der verehrte Gastgeber hier, erfolgreicher Mann der Arbeit, Leuchte modernen Handelsgeistes, unentwegt die Fahne des Idealismus hochgehalten, und wiewohl selbst geistig und körperlich noch ungebrochen — als zärtlichster Vater dem einen Sohn den Fruchtgenuß seiner Lebensarbeit überlassen: dem Nachfolger solcherart in selbstloser Weise ein frei fröhliches Schaffen aus dem Vollen gönnend, seinen Erstgeborenen hinwiederum auf das Großzügigste der hehren Forschung geweiht habe, gleichsam mit dem Öl seinerBilanzen das reine Licht der Wissenschaft speisend. Und Dallmeyer schloß mit einem „Hoch“ auf seinen genialen Kollegen und der Hoffnung, daß dessen epochaler Bedeutung — in engstem Kreise längst neidlos anerkannt — endlich auch offiziell die verdiente Sanktion durch ein Ordinariat und Aufnahme in die geweihten Hallen der Akademie zuteil werden möge.

Samossy sah ihn an und er verschluckte sich.

Der greise Riese war unterdessen an der Injektion aufgelebt, stieg aus seinen Gebresten wieder empor, diesmal in eine Art erzieherischen Tropenkollers. Schüttelte herrisch das Haupt bei der Wendung vom „Fruchtgenuß“ und „Gönnen aus dem Vollen“:

„Sind froh, wenn sie trocken Brot haben.“

Er sah gerührt über die eigne Härte auf die Familie seines Nachfolgers, wie feindliche Erwachsene auf ein gedemütigtes Kind blicken. Und dann hub dieser Memnonsblock auf einmal an in greisenhafter Geschwätzigkeit zu tönen:

„Ja, der Idealismus“ — er konnte nur gradaus sprechen, doch galt es wohl Horus Elcho, dem exotischen Ehrengast an seiner Seite — „und dann immer möglichst billig kaufen und teuer verkaufen, das habe er den Jungens von früh gepredigt. Aber der Idealismus, der sei ihnen direkt eingebläut worden, fast von der Wiege an. Schon im vierten Jahr habe der Oskar die längsten Schillerschen Gedichte auswendig heruntersagen müssen, wo es besonders edel zuging: die Bürgschaft, den Drachenkampf, den Taucher. Ein einziges Steckenbleiben und er habe ihn jämmerlich durchgehauen.

„Das Lied an die Freude, das konnte er sich langhalt gar nicht merken.“ Der Greis lebte in Erinnerungen auf.

„Da durfte er schon gar keine Hosen mehr dabei anhaben, drei spanische Rohre sind für dieses einzige Gedicht draufgegangen. Mit fünf Jahren konnte er dann auch schon die ganze Glocke. Eine vorzügliche Schulung fürs Gedächtnis nebenbei, weil ja der Oskar ein berühmter Gelehrter werden sollte, so habe er es schon bei der Geburt bestimmt. Leider sei ja nur Mathematik draus geworden, darauf gebe er nicht viel, das entziehe sich seiner Kontrolle. Chemie, große Erfindungen wären besser gewesen. Philologie und so, das habe er von vornherein verboten.“ Der Greis hielt nichts von klassischer Bildung:

„Siebzig-Einundsiebzig war doch viel blutiger,“ sagte er mit Tränen des Stolzes im Aug.

„Wozu Griechen und Römer, wozu immer noch diese Lappalien bei Homer lesen, das kann man ja gar nicht vergleichen mit unsern modernen Schlachten.“

Zu Ende des dritten Menus wurde das satinene Kind vor den Großvater aufgestellt, reichte linkisch eine Rolle hin, die in zackichte Papierspitzen auslief: Glückwunsch stand vorn in verzitterter, übergroßer Schülerkalligraphie.

„Gradstehen,“ flüsterte die zerpatschte Frau.

Nun begann es, Nagelwurzeln zupfend, den Hymnus: „An die Freude“ aufzusagen. Angst rann ihm die Beine hinab unter dem blaublutigen Tyrannenblick des Alten. Einmal stotterte es, stockte ganz. Gierige Härte trat lauernd in das alte Steingesicht dort oben, gleichzeitig hob drüben die greise Gattin im Rollstuhl ihrenKrückstock, als wolle sie ihn dem Manne hinüberreichen, dabei klirrte das goldne Kettenarmband, und sie schob es die ganz vergichtete Hand auf und ab. Es war nur ein Augenblick gewesen, wie aus uralter Gewohnheit heraus. Dann schrak sie zur Wirklichkeit zurück: ein Enkel — große Gesellschaft! Auch ratschte das satinene Kind schon wieder weiter. Horus aber hatte diese Sekunde lang, inmitten der Tafel zwischen den Rollstühlen, Oskar Samossys Gesicht geschaut: das Gleiche wie damals, als Schillers Name zum ersten Mal zufällig fiel: ein ganz kindischer Knoten hilflos diabolischen Hasses und doch vager Süchtigkeit voll.

Es war entsetzlich. Schamlos und beschämend. Der Goldäugige ließ eine Gabel fallen, bückte sich weg, tauchte fort aus dem Augenblick, bis die Gesichter oben wieder neu geworden waren. Hatte begriffen.

Gleich nach aufgehobener Tafel wollte er gehen. Im Rauchzimmer hielt ihn Dallmeyer an, vor öliger Schnapssüße hemmungslos:

„Was hat der alte Gauner gemurmelt, wie ich das mit dem ‚zärtlichsten Vater‘ und ‚Schöpfen aus dem Vollen‘ gesagt habe, Sie saßen ja neben ihm?“

„Etwas recht Unverständliches. Klang wie: ‚sind froh, wenn sie trocken Brot haben‘.“

Dallmeyer quetschte die Importen im Kistchen der Reihe nach wählerisch durch:

„Recht verständlich für den Eingeweihten, Verehrtester. Der Schnorrer von Sohn hat wirklich nicht Brot auf Hosen. Die Butter vom Brot hat sich der Alte selber reserviert; ihm das Inventar viel zu teuer angehängt, vorher fast das ganze Betriebskapital aus demGeschäft herausgezogen, schließlich sich noch ein skandalös hohes Fixum jährlich ausbedungen, so daß der Nachfolger seit Übernahme der Fabrik abhängiger von ihm ist als je zuvor. Ab und zu, wenn er ihn die Kinder durchhauen läßt, darf er sich für sechs Hemden Kattun aus dem eignen Betrieb nehmen.“

„Warum ist der Sohn auf solche Bedingungen eingegangen?“

„Weil er ihn erst ein Leben lang mit dieser Nachfolgerschaft hingehalten, ihn verhindert hat, sich rechtzeitig eine andre Existenz zu gründen. Soll er jetzt mit fünfundvierzig und drei kleinen Kindern in der Fremde von vorn anfangen? Überdies droht dann noch Enterbung. Schließlich hat er sich gedacht: ein jährliches Fixum beiderWassersucht? Warum nicht? Aber das alte Luder ist ja zählebig wie ein Krokodil.

Den meschuggenen Oskar hat er wieder anders am Hosenbund. Nährte in ihm von früh auf die Illusion, der väterliche Wohlstand gestatte es ihm, sich ohne Rücksicht auf den Mammon einer reinen Gelehrtenlaufbahn zu widmen, die ja auch der Ehrsucht des Alten schmeichelt. Jetzt läßt er ihn täglich seine Abhängigkeit fühlen, gibt ihm Taschengeld wie einem Primaner. Dabei — haben Sie bemerkt — grüßen sich die Brüder kaum, weil der Alte den einen immer glauben macht, er setze ihn auf den Pflichtteil zugunsten des andern. Famose Deckung übrigens, dieser Enterbungsschwindel für unsern Primzahler, um von seinem Frauenzimmer nicht zum Altar geschleppt zu werden. Die hütet sich jetzt, ehe der Sarg vom Alten nicht zweimal abgesperrt und der Schlüssel an ihrem Kettenarmband hängt— neben meinem verehrten Kollegen von der vierten Dimension, der schon lang dort zappelt. Betamte Goite.“

Dallmeyer war stolz auf jeden neuen Jargonausdruck, den niemand verstand.

„Warum handelt dieser Greis eigentlich so bestialisch an seinen Kindern?“

„Bestialisch? Der hält das für Ethik, Reckentum und Idealismus, und sich für ein musterhaftes Familienoberhaupt alten Schlages. Edelpatriarch: vor Weisheit streng, schirmt in verrotteten Zeitläuften Zucht und Sitte. Rauhe Schale, nobler Kern ... eh schon wissen. Jede Schäbigkeit geschieht aus Pflichtgefühl, denn er ist noch eitler als er geizig ist; Bauernklotz mit Schillerphrasen. Immer abwechselnd stolz und neidisch, daß es seine Söhne besser haben sollen als er.“

Dallmeyer leerte noch einen Likör und steckte eine frische Importe an. Horus staunte über solch ungewohnten Geist. Was Dallmeyer sprach, war immer teils klug, teils albern: klug was er über andre, albern was er selber meinte.

Man verabschiedete sich vom Herrn des Hauses. Dallmeyer wieder ganz Biederkeit, hielt eine lockichte Rede, schloß mit der Hoffnung, man werde sich in diesen gastlichen Räumen noch zum seltenen Fest der diamantenen Hochzeit treffen.

Der Greis aus Stein und Wasser schüttelte stiller Genugtuung voll das Haupt, dann mit erledigender Geste hinüber zu der Greisin zwischen Gichtknoten:

„Oh sie ist schon kalt bis zu den Knien.“

Oben troff wieder ein wenig Feuchtigkeit aus dem Auge über, sickerte die fahlen Wangenfalten hinab.

Es war das Letzte, was Horus Elcho von ihm sah. Eine Woche später schoß Oskar Samossy eines Abends aus der Telephonzelle des Cafés. Schrie auf nach einem Auto, er, der fanatische Renner.

Wie damals auf der Straße frug Krause:

„Wie geht es Ihrem Vater?“

„Mein Vater stirbt.“ Dann schlotternd: „Er darf nicht sterben, sonst bin ich verloren.“

Nichts glich der frivol hoffnungslosen Geste damals: „Von Tag zu Tag besser.“

Am nächsten Morgen fuhren Elchos nach England zu Sir Osmond und Lady Cadogan.

Sie gingen im milchblauen englischen Juli auf den Waldwiesen des Hydepark. Die milde Riesenaue gepflegter Freiheit um sie schien angenehm leer zu blühen, und barg noch vielerlei Leben. Ab und zu am Horizont, auf einem Sessel, steht ein Herr mit verdorrtem Zylinder und redet, um ihn die Scheibe der Horcher wie das Blatt um den Lotos. Einer erläutert das Gesundbeten — dem andern dünkt es im Patentamt faul. Carson läßt sich zu oft photographieren, und regiert wird man schon miserabel. Unbelästigt aber weiden die Schafe ringsum, und zwischendurch führt die Hundheit ein ganz glückseliges Leben für sich. Jeder darf sprechen. Keiner muß zuhören. Niemand ist an der Leine. Nicht einmal der Mensch. Vor dem Schilderhaus steht, siegellackrot, ein Mann der Garde. Das prachtvoll überflüssige Geschöpf trägt einen ausgestopften Bison auf dem Kopf, eine Sperrkette vor dem Gesicht, Edelmetallan der Leber und starrt von Gerät, vermutlich erbeutet in der Schlacht bei Hastings. Der praktisch Denkende hat das Gefühl: man kann den Mann ruhig mit einem Taschenmesser langsam abschneiden, er ist ganz wehrlos vor Uniformierung. Aber schade drum.

Plötzlich ließ es Gargi wie Schwalbenflügel über ihre Augen stürzen, sah zur Seite und begann zu laufen ... Er lachte:

„Keine Angst. Gar nicht so arg, mein Nervifein!“

Es waren die harmlosen vier dorischen Säulen amSerpentine lake. Sie hatte sich gewöhnt, drohten irgendwo Säulen, gar nicht erst hinsehen, rasch die Wimpern gesenkt und laufen. Denn wie an fein und freistehender Persönlichkeit geringer Fehl bereits schwerer erträglich ist, körperlich betrübt, so ließ Gestörtes an diesen empfindlichsten Baugliedern: den Säulen — eine zu tief sitzende Entasis etwa — ihr schon das Blut im Becken stocken. Beiläufig hatten sie erfahren, daß, um dieses Resultat zu erreichen, auf jeder Akademie vier Semester lang diemodulialler Säulenordnungen durchzuzeichnen, obligatorisch war. Nun, diese da wirkten wenigstens nicht aggressiv. Das meiste schien ja relativ harmloser hier. Nie so schlecht, wie das schlechteste in Paris, nie so gut wie bestes in Deutschland. Entweder die Architekten hatten zu keiner Zeit ganz übel gehaust oder ein klimatischer Überzug: dämpfende Berußung, verschmolz brutales Gebäu, beließ seinem Detail die Wohltat des Zweifels, seinem Kontur dauernd die Vorteile der Dämmerung, indes der Beschauer sich animalisch der Sonne freute und der vielen Wiesenzungen, die in der Stadt herumleckten, mit Schafen, Teichen und Blumen obendrauf.

Kurz, man konnte wieder ein wenig um sich schauen, wenn auch lieber ungenau.

„At His Majesties“ — in Coventgarden — im „Globe“ saßen sie in einem Parkett von Leuten, die glichen Göttern, nein — Gipsabgüssen von Göttern, saßen an festlichen Tafeln neben der erfreulich lotrecht stilisierten Dame des Hauses, wenn sie auf den Schwingen ihrer Anmut über den Abgrund ihrer Interesselosigkeit hinwegglitt.

In Wroxton Abbey, Sir Osmonds Landsitz, hätten sie sich, über einweekend, beinahe in einen entzückenden Jüngling verliebt, der an Höhe, Schlanke, Weiße dem „Elf von einem großen Stern“ ganz leise glich. Die kühnen Beine in rostfarbenenbreeches, blond gegen die feurigen Tulpen ringsum, schritt er die Terrasse hinab, auf der Eichkätzchen von der Farbe seineshomespunspielten. Sah in die jubelnde Frühe hinauf, über die zwitschernden Büsche der Wieseninsel hin und sagte ... ja was sagte da dieser vornehme Ephebe, angestrahlt von der Glorie der Welt, wie feierte er das Fest des Daseins? Was empfand er? Sie horchten gespannt! Er sagte:

„What a fine day, lets go out and kill something“[1].

[1]Welch herrlicher Tag, gehen wir etwas umbringen.

Andern Morgens: dem Sonntag dozierte ein schwarzrockiger Engländer aus einem dicken schwarzen Buch:

„Eure Furcht und Schrecken sei über alle Tiere auf Erden und über alle Vögel über dem Himmel.“

An diesem Morgen hatte man sich zwei Stunden lang in ein kellerkaltes Backsteingehäuse von zweckloser Nüchternheit gesetzt. Kern der fanatischen und eisigenVorgänge dort, war ein für seinen Gliederbau fremdgekleideter Engländer, der zweitausend Jahr alte obskure Familienangelegenheiten einer kleinen semitischen Horde zu denen der Menschheit zu machen vorgab. Er donnerte Gebote aus seinem schwarzen Buch in die Anwesenden hinein, dessen ungeschlachten Ton Horus sofort wiedererkannte. Also auch hier? Wie kam dieser besseren Kreisen Angehörige dazu, auf einmal vor Damen so zu reden:

„Laß dich nicht gelüsten deines Nächsten Weibes ... noch seines Ochsen, noch seines Esels, noch alles was dein Nächster hat.“

Gargi machte eine Gebärde, sich zu entfernen, bittend rührte er an ihr Kleid. Sah sich um. Keine Dame wahrte Selbstachtung: ging demonstrativ. Lady Eveline allerdings schien eingenickt; bis drei Uhr früh waren zwei gewöhnliche Spirits und ein Boddhisatwa in ihrem Tisch gesessen. Auch andre mochten nicht ganz klaren Sinnes sein, der Tangonacht wegen. Dieser, seinem Körperbau so fremdgekleidete Angelsachse dort oben aber hatte doch sicher irgendeine humanistische Schule besucht, vielleicht sogar die Universität. Dennoch sprach er vom Privatfetischismus jener fernen Barbarentributs wie dazugehörig. Wußte offenbar jeden Tag genau, was der „Herr“ wollte und was er nicht wollte. Behauptete, daß die Tiere keine Seele hätten, wandte sich gegen den Götzendienst der „Heiden“, der dem Herrn ein Gräuel sei, und empfahl seinen Zuhörern, rastlos Missionare auszurüsten, um ihre Seelen vor der ewigen Verdammnis zu retten. Also immer noch die alte Arroganz aus Ignoranz! Vor dieser Verdammnis aber schienen nicht einmal jene ganz sicher, die Vater undSohn in den Gebäuden mit den geschraubten Säulen dienten; nur in den Backsteingehäusen mit gar nichts drin war man, nach des Schwätzenden Versicherung, vor der Hölle so gut wie geborgen. Sein Gesicht: dieses starkknochige, nüchtern anständigematter of factGesicht, bekam einen unbeschreiblichen Ausdruck innen harter, außen geölter Verschrobenheit.

Lieder, die alle mitsangen, waren inhaltlich ungefähr der Predigt gleich. Und diese erfreulich weltgültig lebenden Menschen, an Wochentagen von allen Kulturen der Erde umspült, leierten nun zweitausend Jahre alten jüdischen, von Juden doch selbst verschmähten Nonsens nach.

Als alles vorbei war, schienen sie unsäglich befriedigt, sich zwei Stunden lang unbehaglich gefühlt zu haben, vermieden aber, über das Vorgefallene zu sprechen und so sprach auch er nicht über diesen, der restlichen Lebensführung fremden Zwischenfall. Vielleicht war es heuer wieder Mode, gleich dem Humpelrock oder Gecco Pintaccio, von dessen flammichten Skeletten unter braunen Teetassenaugen Dr. Hafis die ganze Saison in Konferenzen himmelte, als sei alle Kunst vor und nachher Affenschande. War heuer vielleicht sogar Polizeiverordnung, dieser Sonntagsvormittagsbrauch? Hatte Dallmeyer nicht etwas von Konfession und Karriere gesagt? Diese Europäer legten sich ja unbegreifliche Zwänge auf. Durften sie in einer Sommernacht nicht unter Sternen schlafen, warum sollten sie es nicht einmal in der Woche, vormittag von neun bis elf in einem kalten Backsteingehäuse müssen? In Piccadilly war er Hazel Raeburn begegnet, einen verkehrten Brotkorb mit Bindbändernunterm Kinn, die große Trommel schlagend und in einem Zug Gleichgekleideter durch London marschierend. Alle gellten im Falsett etwas hinaus. Verse:


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