Chapter 15

„O Herre nimm mich Hund beim OhrWirf mir den Gnadenknochen vorUnd schmeiß mich SündenlümmelIn deinen Freudenhimmel.“

„O Herre nimm mich Hund beim OhrWirf mir den Gnadenknochen vorUnd schmeiß mich SündenlümmelIn deinen Freudenhimmel.“

„O Herre nimm mich Hund beim OhrWirf mir den Gnadenknochen vorUnd schmeiß mich SündenlümmelIn deinen Freudenhimmel.“

„O Herre nimm mich Hund beim Ohr

Wirf mir den Gnadenknochen vor

Und schmeiß mich Sündenlümmel

In deinen Freudenhimmel.“

Hazel hatte erklärt, dies spreche am reinsten zu Herz und Seele des niedren Volkes und ziehe es aus stumpfer Verworfenheit ans Licht. Damen der ersten Gesellschaft seien bei der Heilsarmee, und nun ginge sie definitiv anders gekleidet als Gwen. Hier geschah es also eines Blusenschnittes wegen. Kompliziert aber harmlos.

Sonntagnachmittag beimhigh teain Wroxton Abbey warf Sir Osmond einen chokierten Blick aus der „Morning post“:

„Furchtbar die Enthüllungen im Parlament über Deutsch-Ostafrika. Diese Greuel an wehrlosen Eingeborenen.“

Man sah einander voll Unwillen tief und edel in die Augen.

„Sind denn Kupferminen gefunden worden?“ —

Dr. Hafis, der einzige Deutsche, betrachtete interessiert seine Nägel. „Oder Silber? Richtig,beg your pardon, Kupfer, das war ja bei den Kongogreueln.“

„I do not quite grasp... ich verstehe nicht ganz.“ Sir Osmond versteifte sich rosenfarben. Hafis gähnte ein wenig.

„Nun, ich meine das seit fünf Jahrhunderten Übliche: gehört das Land mit dem Kupfer noch Eingebornen, dann erwacht das christlich-angelsächsische Gewissen, undihr schickt so lange Missionare hin, um ihre Seelen zu retten, bis die armennativessich schließlich Luft machen; laßt auf diese Art die Greuel an den Missionaren begehen und steckt, um die Missionare zu schützen, das Land mit dem Kupfer ein. Oder das Land mit dem Kupfer ist schon früher von andern Weißen gestohlen worden, dann laßt ihr wieder von diesen Andern die Greuel an den Eingebornen begehen und steckt diesmal das Land mit dem Kupfer aus Gewissenhaftigkeit ein, um die Eingeborenen zu schützen. Als es aber Gold war, da mußten dreißigtausend wehrlose Burenfrauen und Kinder dran glauben — an euer Gewissen.“

„In Südafrika ist auch die Blüte Englands gefallen.“

„Ohne jedoch die rechtmäßigen Besitzer des Landes besiegen zu können. Da machtet ihr sie mürbe, indem ihr die Frauen und Kinder von den Farmen fingt, in verseuchte Konzentrationslager pferchtet und die Totenlisten jeden Tag den Gegnern in die Schützengräben schicktet. Nach dem dreißigsten Tausend gaben’s dann die Buren auf, gegen ein so mächtiges Gewissen anzukämpfen.“

Mit allen war jetzt eine wunderbare Wandlung vorgegangen. Sir Osmond sah direkt verklärt aus:

„Wir hatten eben die moralische und religiöse Pflicht, uns der verlassenen Frauen und Kinder auf den Farmen anzunehmen. Dort mit der schwarzen Dienerschaft allein, wie leicht hätten Ungehörigkeiten — ja unsittliche Attentate vorkommen können. Darum wollte sie die englische Regierung in ihrem eignen Schutz wissen.“

„Und das gründlich — im Grab.“

Dann aber gab Hafis es auf. Da war nicht anzukommengegen die Pathologie tugendsamer Litanei ringsum. Alle glichen mit Eins dem Schwarzrockigen am Morgen. Auch Sir Osmonds anständigesmatter of factGesicht hatte den gleichen, unbeschreiblichen Ausdruck innen harter, außen öliger Verschrobenheit angenommen. Diese Leute waren unbesiegbar durch eine Art, statt rein und gradaus zu lügen, die Wahrheit aus ihrem ursprünglichen Bett unmerklich in Nebenkanäle abzulenken und so versickern zu lassen.

Die kurze Verzauberung war bereits abgefallen. Auf der Rückfahrt nach London, vorbei an den Kilometern von Lebertran- und Liverpill-Annoncen, die an Pfählen aus dem Grasigen stachen, sah er schon wieder. Auch die seelische Hartleibigkeit dieser Rasse. Ging durch die männlichen Stadtteile, deren Läden Hosenträger beherrschen und der klägliche Kragenknopf: alles dem üblen Mittelstadium der Bekleidung Dienende, sah, wie hölzern die hellbehaarten Hände dieser Männer waren, wie schwer die Kiefer mit stumpfen Zungen. Gut gepflegt wuchs ihr Gebein, abseits vom Geist. Schienen zu riesigen, über die Welt reichenden Verbänden:football,cricket,hockeygeschlossen, mit dem fanatischen Ziel, ausschließlich das falsche Körperende zu entwickeln.

Durch die weiblichen Stadtteile, voll allen Narrenkrams der Welt, liefen Streifen wahrer Eleganz, schmal wiebondstreet. Auf ihnen sah er Damen den Autos entsteigen, schon auf dem Trittbrett, beim ersten Schritt, die Maschen ihrer Seidenstrümpfe zu weißen Leitern reißen, und wie sie gingen, neue kaufen, erneuend ihren mühevollen Liebreiz ohne Rast, in edlem Irrsinn. Sah auch, wie schmal der Streifen ihrer Anmut war. Gipsabgüsseder Vornehmheit auch sie, nicht genial variabel aus innersten Sicherungen heraus. Damen, mehr durch ihr Lassen, als ihr Tun. Feine Röhren weißen Zimtes, duftend ohne Saft. Die breiten Klassen, stolz darauf, urteilslos zu sein, waren ja reich genug, sich nur Weltgültiges kommen zu lassen. Da gab’s keine Blamage. Indische Dichter als Nobelpreisträger, alles, was große goldne Medaillen hatte: Gelehrte, Meisterboxer, Poloponies. Applaudierten frenetisch fremdartigen Wellenzügen rings um das harte Ohr, wenn sie berühmten Dirigenten unter den beschwörenden Armen aufrauschten. Vor diesem tauben Gejubel konnte Hafis in uferlose Wut geraten, zitierte dann mit Vorliebe Carlyle, der gesagt haben sollte, wie im großen ganzen das englische Publikum mit seiner ansteckenden Begeisterung ihn an nichts so sehr erinnere, wie an die Cadaraner Säue:

„Zuerst wühlen und grunzen sie ruhig und suchen nach Erdnüssen oder andrer Nahrung zu Unterhalt und Sättigung. Dann fährt plötzlich der Teufel in sie, werden unruhig, jagen davon und stürzen in einen Abgrund von Raserei, Verwirrung und bodenloser Verstörtheit.“ —

Nein, für ihren alten Reichtum waren sie nicht kultiviert genug. Nichts von überwältigender Vollendung. Kein Edelsitz, trotz seiner gehäuften Werte, den ein unbeugsamer Geschmack, glühend bis ins Letzte, ans Licht getrieben. Und doch erschien ihm die Anglomanie als eine Pubertätserscheinung des besseren Continentalen begreiflich. Haderte er von nun ab mit der weißen Rasse, immer wieder wurde sie unmerklich zu diesen hier, denn nur sie waren annähernd weiß und rassig, nur in ihnen war Europäertum zu etwas wie Gestalt geworden, etwas,woran man sich wenigstens halten konnte, war es einem nicht recht.

Auf dem Horst dieser Kalkklippen hatte sich immerhin ein Typus gebildet oder — erhalten, und waren seine Schwingen auch unbegreiflich hölzern, leblos und unbefiedert, hoben sie doch auf ihrer Kraft wie von selbst sogar die unbeträchtliche Persönlichkeit hoch über die eigene Grenze hinaus, wie aus seinem Gestrüpp dem Zaunkönig auf einem tragenden Adler der Aufflug in die Himmel gelingt.

Ende September traf in Wroxton Abbey ein schiefes Gekritzel ein: Samossy meldete der Eltern Tod, erbat sich Horus Elcho zum Trauzeugen. Nannte das Datum. Kein Name. Kein Wort weiter.

Er kam am Abend vor der Hochzeit an. Stieg wieder endlos die idiotisch konstruierte Treppe zur alten Wohnung hinauf. Fand sie halb ausgeräumt. Ein Bett auf Bücherkisten improvisiert. Ein Lavoir voller Kragenknöpfe, die eiserne Kasse offen und mit Schmutzwäsche angestopft. Am Schreibtisch, dem einzigen restlichen Möbel, Oskar Samossy selbst. Rings im Kranz standen, wie Spielzeughunde, Schemel voll Schriften und an Leinen, um nach Bedarf herangeschlittelt zu werden.

In der Luft eine wilde Stille. Hindurch schnitt der großeckige Arm. Dann, ohne aufzusehen, in einem neuen tieferen entgifteten Ton:

„Bis zur dreimillionsten Primzahl hat es gestimmt. Nach der Dreimillionundersten nicht mehr.“

Der Angeredete verbeugte sich in seiner Stimme: ohne Mitgefühl oder jovialen Protest.

„Ihr Gesetz wurde empirisch gefunden — seine Allgemeingültigkeit haben Sie selbst ja nie behauptet. Die neue Grenze innerhalb der es Geltung hat, präzisiert nur, mindert nicht seinen Wert. Wer hat es übrigens über die dreimillionste Primzahl hinaus verfolgt?“

„Ich selbst. Immer suchte ich nach einer deduktiven Fassung. Seine schäbige Empirie ließ mir nie Ruhe. Nun erfuhr ich, dieser Arbeit sei — als erster — der Preis aus der neuen ‚Samossy‘-Stiftung zugedacht — Vater hat nämlich meinen Bruder und mich auf den Pflichtteil gesetzt, den Stamm seines Vermögens aus schwachsinniger Eitelkeit der Akademie der Wissenschaft vermacht, damit eine Schenkung seinen Namen trage, — uns bleibt fast nur das Haus. Da packte mich wieder das Mißtrauen. Ich prüfte über die dreimillionste Primzahl hinaus und habe das vernichtende Resultat sofort rechtzeitig publiziert.“

Nun verneigte sich der Hörer auch im Körper:

„Und wer wird jetzt der erste Preisträger sein?“

„Dallmeyer für seine ‚Periodizität im Organischen‘. Er hat Margrinchen Mehmke geheiratet. Ist jetzt korrespondierendes Mitglied der Akademie.“

Die neue Stimme blieb tief und entgiftet.

„Es macht nichts — nichts macht mehr etwas. Ich habe zeither ein neues Gesetz gefunden: das Endgültige. Aus ihm aber folgt ...“

Und nun verließ er jene vage und lückenhafte Sprache, die zum Feilschen, Rechtsprechen, Dichten ausreicht, begann in der geheimen Zauberzunge aus Phantastik undPräzision zu reden, „in der das Buch der Natur abgefaßt ist“.

Nach Stunden kehrten sie wieder. Noch durchwellt von dem pausenlosen Blitz höchster Anspannung, trug Horus in sich belichtet alle Verzweigungen dieses Geisterbaus an den Grenzen des Faßbaren. Einen Augenblick lang schien ihm daneben alle Kunst, Musik — selbst das Schreiben der Neunten Symphonie hübsche, doch recht unerhebliche Beschäftigung. So entrückt lag er in der klaren Brunst des Geistes.

Schwieg lange. Schwieg sich wieder zurück zur Welt: der empfundenen Zahl: der tönenden, strahlenden, geschmeckten, allumarmten Zahl. Sagte in der Leutesprache:

„So ist durch Sie Minkovskys berühmtes Wort erfüllt: ‚Die Geringachtung der reinen Zahlentheorie wird aufhören, wenn man erkannt haben wird, daß zum Beispiel chemische Eigenschaften mit Teilbarkeitseigenschaften ganzer Zahlen zusammenhängen: der Schmelzpunkt eines Körpers von Zahlenwerten abhängt.‘ Dank Ihnen ordnet sich uns das dreifache Reich der wirren Dinge nach unerhört kühner Einsicht neu: je nachdem der ‚spielende Gott‘ aus seinem Würfelbecher ‚grad‘ oder ‚ungrad‘ wirft, wird eine andre Natur.“

Samossy lächelte:

„Die Ägypter meinten, die Genien der Welt wären mit Hilfe der magischen Zahlen des Pythagoras imstande, einander anzuziehen: durch mannigfaltige Kategorien von Weltketten. Vielleicht ist mein Primzahlengesetz solch eine Weltkette aus magischen Zahlkonstellationen.“

Sie sprachen und schwiegen. Die Stimmung dieser ganzen Nacht war von einer außerordentlichen und zarten Schönheit, die auf der Brücke gegenseitiger Ehrerbietung hin und wieder ging, geweiht mit vollkommener Weihung.

Das Fletschende des durchgegangenen Kleppers: „aller Starrsinnigkeit Freund, glasaugig und rauh um die Ohren“, das war alles von Samossy wie abgefallen ... Des Plato edles Roß: die erinnernd sich neubefiedernde Seele allein stieg und stieg, auf dem Rücken der Himmel stehend und zu dem wahrhaft Seienden das Haupt emporgerichtet.

Dann schloß Samossy einen Augenblick die Lider, lehnte sich vor und bat, die Stirn entspannt in ungewohnter Milde:

„Erzählen Sie mir von dem Kristallei, in dem Sie ausgebrütet wurden.“

Und Horus erzählte: vom Haus der Elchos. Von Menschen, Tieren und Liebe ... Und zum Dank für diese Nacht manches von Erasmussens letzten Arbeiten. Sollte er ihm auch von dem Führer sprechen, der nicht stets im Fleische war? Von dem Aschenauge, unter dessen Blick sein Wesen rhythmisch wechselnd eintreten durfte in immer neue schwingende Zahlen? Ihm andeuten, was es hieß, im Leib dieses Schwingenden sein und durch die Farben gehen? Doch nein, da war eine Grenze.

Das Licht wurde fad. Jene Schemel voller Schriften ringsum, die Spielzeughunden glichen, ließen auf einmal in der Dämmerung ihre Leinen hangen, wie über etwas ertappt.

Morgen. Wirklich am selben Morgen noch würde sich dieser Hirnstern in eine so schmutzige, unwürdige Handgefangen geben. War diesem Gelehrten nirgends gelehrt worden, auf eine edle und mannigfaltige Weise nicht nur zu denken, auch zu lieben? Ja, ein Hirnstern. An dem hing nun der übrige Geschmackskrüppel: der Sinnenkrüppel.

Nur das Gehirn war ihm davongewachsen.

Er selbst blieb zurück, eingeschrumpft, eingegeilt zum Fetischisten, den Seim des Glücks an einziger armer Ekelstelle suchend, mit kläglich verknotetem Gesicht, voll Scham, Sucht und Wut, statt mit des mächtigen Eros ewigem Antlitz.

Zögernd stand der Gast auf.

„Bleibt es dabei — heute?“

„Ja, ja, um zehn.“

Das Wiehern in der Fistel kam Samossy wie ein Schluchzen wieder. Dann hämisch geheimnisvoll und jetzt so unsäglich deplacirt:

„Man muß vom Weibe loskommen.“

Gleich darauf mit ruhigen Augen:

„Aber mein Primzahlengesetz ist gefunden.“

„Soll ich Sie abholen? Treffen wir uns hier oben?“

„Nein — nein — gleich unten im Hof.“

Um zehn Uhr kam er vorgefahren. Sah es sich aufregen, gegen den Hof laufen, dort eine Linse bilden. Auf dem Pflaster lag Samossy zerschmettert. Der Hirnstern freiwillig aus seiner Schale geschlagen zu einem Brei aus Blut und Kot. Das Gesicht, weißäugig, glich auf einmal jenem zu Schiefgalopp gepeitschten Gaul in Marseille: dem armen geschändeten Gott.

Ringsum mißbilligte man die Tat. Mit untrüglichem Instinkt nahm das Volk gegen die Größe Partei. Lüsterne drängten, der Braut zu telephonieren: in die Villavor der Stadt oder aufs Standesamt? Die Portiersgattin wiegte den grimmen Birnenbauch:

„Soa stattliche Person, ihre ganzen guten Jahr bei dem großkopfatn Narr’n falirn und jetzt war dös for nix gwen. A soa ganz Ausgschamter.“

Der Wasserkopf am Schürzenband hatte die bläulichen, hingespritzten Hirnstückchen an der Mauer bemerkt, nahm von dem trübe zittrigen Schleim, begann ihn sich an den eignen Schädel zu schmieren, der blaß war und weich wie ein Froschbauch.

Das Weib schrie auf:

„A soa Sauhaufen.“

„Und wer muß’ wegputzen? I.“

Es war in Wien.

Gleich nach der Ankunft sollte Gargi ihren Gatten im Restaurant des Hotels erwarten, das als mittägiger Treffpunkt angesehener Persönlichkeiten aus Beamtentum und Adel galt; letzterer pflegte auch hier abzusteigen. Es ergab sich, daß statt der Waschvorrichtungen in jedem Zimmer Weihwasserkessel eingebaut waren.

Der Speisesaal, ein weißlich-grauer, stellenweise geplatzter Darm aus Stuck, in dem vergoldete Putten mit durchgewetzten Nasen, staubiges Barockobst und andern trübseligen Kram gestreckten Armes von sich abzuhalten suchten, schien mäßig voll.

Als Gargi ungemein und fremd — in der fernen Tadellosigkeit ihrer Bondstreet- und Darjeeling-Atmosphärean der Tür erschien, brach alles jäh ab: Schmatzen, lautes Verhandeln mit den Kellnern. — Man starrte, vagen Hohnes voll, aber noch unsicher. Da stand eine Stimme laut und vernehmlich in der Stille auf: „Wo is denn die auskummen?“

Der Bann war gebrochen. Weithinschallend setzte Austausch der Ansichten über jedes Detail an Körper und Haltung der Einsam-Fremden ein. Die von der Statthalterei streckten in den Falten brüchige Lackstiefeletten ein wenig in den Weg, wo sie vorüber mußte — andre, ironisch höflich ausweichend, markierten durch plötzlich übertriebene Schmalheit Furcht vor Berührung. Aus einer Gruppe zerronnener Frauen starrte der einzige Mann der Gesellschaft, da sie vorbeiging, ihr schamlos ins Gesicht. Seine Begleiterinnen lauerten, dann — in der Fremden Rücken irgendein erotisch-abfälliges Wort, das ähnlich wie: „Nix zum Anhalten“ klang.

Jetzt wieherte es befreit hinter ihr auf, spritzte förmlich tief aus erlöster Galle. Nein, Gott sei dank, der Trottel hatte also nichts bemerkt, oder es galt eben auch nichts bei Männern: dies Reinumrissene, Schmal-klare, vor dem sie alle sich einen Augenblick bedroht gefühlt in ihrem schwammigen Bestand.

Gargi, um die Marter abzukürzen, ging auf das erste freie Tischchen zu, doch des Kellners erotischer Typus: die Vally Feschak aus der „quo-vadis“-Bar und Tochter der Abortfrau, war eben ganz anders und so drehte er blitzschnell den Stuhl um: „beseeezt biede“. Beim zweiten, beim dritten Tisch das Gleiche. Alles blickte gespannt auf den beliebten Hofrat und Feuilletonisten.In seinem Ressort hatte er sich einen geachteten Namen erworben, als Vorkämpfer einer Verordnung, die Briefkästen zwischen neun Uhr abends und sechs Uhr früh abzusperren. Im Nebenberuf goß er aus der Sulze seines Hirns in Förmchen erstarrtehors d’œuvresals Extrafraß für Sonntagsleser. —

Infolge des vorhergegangenen Doppelfeiertages aber war der Witzbold ausgeronnen.

Nichts kam heraus.

Der Saal war reichlich durchsetzt mit entrassten Semiten. Durch slowakische oder lokale Schutzfärbung schienen sie bereits stark an Virulenz und Beweglichkeit eingebüßt zu haben, während hinwiederum die stagnierenden Unarten der neuen Umwelt durch sie abgerundet und wärmer belebt wurden.

Über dem Ganzen lag etwas von der Schamlosigkeit typisch europäischen Familienlebens: dieses pausenlosen Beieinander in hemdärmliger Geringschätzung. Fremde gab es hier offenbar keine — oder doch? War das nicht der Herr aus Braila, dessen gerundete Handbewegungen immer noch liebevoll die Qualität der Schweinsbohnen abzuwägen schienen, indes seine Äuglein wie Läuse über alles hinkrochen? — Der war da.

Nun hatte er Gargi Elcho erkannt, zog höflich das Dessertmesser aus dem Schlund und erhob sich, ihr Platz zu machen. Der Kellner, er hatte nicht mehr Zeit gefunden, sein „beseezt biede“ herzumeckern, beeilte sich, ihr alle Speisereste vom Tisch in den Schoß zu wedeln und verkündete mit Genugtuung, daß Rindfleisch aus sei und Schlußbraten auch nur mehr ganz vom Schluß. Gargi bestellte Reis und Früchte, jedoch so leise, daßder Kellner erst von Tisch zu Tisch es melden mußte. Hierauf ging das noch immer lauernde Grinsen kugelwellig ins Hämische über. — Nebenan, in einer Art Ehrenecke, wurde plötzlich ostentativ französisch gesprochen. Vielleicht hielt man die Fremde für eine exotische Pariserin und wollte nicht verstanden werden. Denn es war das ein gar skurriles Französisch: Kreuzung aus Ollendorf und dem spanischen Erbfolgekrieg — untermischt mit „Jalousie“ und „Lavoir“ — lauter Bezeichnungen, seit zwei Jahrhunderten keinem Franzosen mehr geläufig.

Der andern Ecke gab ein Rennhabitué aus Ungarn viveres Kolorit. Er aß schon mit den Händen, stahl aber offenbar noch mit allen vieren.

Neben ihm stülpte ein bestialischer Herr mit roten Streifen längs der Hosen Spargel ganz tief in das Vorderende seines Verdauungstraktes — einen Augenblick schien es, als vomiere er — dann aber taten sich die Kinnbacken seines Antlitzes auf und nur ein Gewölle von Spargel, an seltsam singenden Fäden, entzog sich wieder dem Schlund. Noch eine kleine Nachgeburt aus Schleim — und mit der nächsten Spargelstange fing alles wieder von vorn an.

Gargi schräg gegenüber saßen drei Personen. Das fast beinlose, madenförmige Geschöpf, hineingeknallt in eine braune, reichlich mit Flöhen gesprenkelte Sache: Foulard genannt und den obligaten Reihersteiß auf der Stirn, hatte nur einmal den großen Krötenblick auf Gargi geheftet, wandte dann den Kopf mit jener empörten Gleichgültigkeit ab, die durch unfreie Haltung ihr Gegenteil verrät. Unter dem Tisch preßten die Badeschwämmeihrer Knie die Hose eines ganz verfaulten Oberleutnants. Der schluckte oben Schnaps in seinen Leib. Über dem seltsam rotierenden Mund ließ das kälberne Schnurrbärtchen die verwesten Hauer frei. Auch das Nasenbein fehlte fast ganz. Dazwischen saß der Bourgeois-Mann, ein rülpsendes Neutrum, und zahlte alles.

Er entfernte sich für einen Augenblick, da steckte der Oberleutnant die ganze Schachtel Zigaretten wortlos ein. Das Weib aber war am Ende ihrer Hemmungen ... konnte einfach nicht mehr; den Kopf schief, stieß sie ihn zärtlich an und nach der Fremden blinzelnd:

„Sag’ megst du mit der da?“

Der gänzlich verfaulte Oberleutnant schüttelte sich von oben bis unten. Sie girrte entzückt, und noch einmal mußte er sich schütteln und zeigen, wie er es mit „der da“ nicht möchte.

Gargi bestellte eine deutsche Zeitung, um anzudeuten, sie verstehe die Sprache.

Doch unbeirrt fuhr die „Fesche“ fort:

„Das G’stell und no so aufgedonnert dazu!“

Gargi trug ein schwarzes Trotteur von Creed, kleine schwarze Toque und war völlig schmucklos.

Die reichlich mit Flöhen gesprenkelte Mondäne vermochte eben außerordentlichen Stil zwangsläufig nur als außerordentliche Bekleidung zu empfinden, da ihr ungebildeter Körper noch der Anschauung entriet: Eleganz sei eine Funktion des Skeletts.

Nun brachte der Kellner das Bestellte. Es war wie ein Signal. Dumpf diffuses Lauern im ganzen Raum, salopp nur und obenhin von Geschnatter unterbrochen,hing sich jetzt vampirhaft an jede ihrer Bewegungen, hockte als vierzigerlei Grinsen auf jedem Bissen, ging mit vom Teller — auf die Gabel — durch die Luft — bis in den Mund. Wenn sie eine Frucht teilte, zum Glas griff, instinktiv gierend danach die Unbefangenheit, die schwierige Schlichtheit dieser Ungemeinen zu stören. Vielleicht ließ sie dann die Gabel fallen, verschluckte sich, irgend etwas Positives geschah, an dem man das dumpfe Unbehagen rächen konnte. Man würde dann so tun, als berste man vor Lachen und zugleich, als ersticke man aus Wohlerzogenheit dieses Lachen, das einem gar nicht kam, doch keineswegs so vollständig, als daß nicht die Fremde in ihrer Blöße es durchhöre; daß es sie treffe und beschäme. Selbst der Stumpfsinnigste bekam plumperdings eine Art zweiten Gesichts, ging es gegen das, was ihn in seiner Herzensfäule störte. Die meisten waren ja optisch zu ungeschult, um an dieser geisterfeinen, stillen Dame sich über das Edel-Fremde in Bau und Haltung Rechenschaft zu geben. Nur ein vag unbehagliches Erinnern kam sie an, von Sälen in Museen, wo man durch mußte, um zu den Doppelsternen im Baedeker zu kommen. Man lief da immer sehr rasch, denn erstens war man nicht verpflichtet und dann sah es übertrieben aus, fad und steif. Nun — in Stein und Bronze, und weil’s weit weg und lang her war, mochte das hingehen, aber in Wirklichkeit; wie ungemütlich:

„Das fehlert, daß des einreißen tät, da hätt ma ja nit einmal mehr seine Ruh beim Essen,“ war so der Nukleus, um den gallertige Rachgier Blasen trieb.

Zwei Bürger, Gargis Nachbarn zur Linken, der eine mit einer Pfundnase, der andre mit einem Abdomenauf Flaschen abzuziehen, brüteten seit ihrem Eintritt in dumpfer Wut — Biergischt im Bart — vor sich hin. Abreagieren mußten sie sich, so ging das nicht weiter. Es fiel ihnen aber gar nichts ein, genau wie dem ausgeronnenen Witzbold. Endlich, als Gargi in nie gesehener Anmut eine Orange zerteilte, gebar die Wolke den Blitz.

Der mit der Pfundnase hatte einetrouvaillegemacht.

„Die wer mer scho außi lahnen.“

Zwinkerte er rundumher — nahm den Mund voll und blies ihr tief den beizenden Stank seiner „Virginia“ in beide Augen. Es war der Gemeinderat Pogatschnigg, Ehrenpräsident des Vereins zur Hebung des Fremdenverkehrs.

Gargi rief vor sich hin das Pantherbaby und die Diademgestirnte, Ganapati Sastriar, Erasmus, die Welt der Elchos und den Palast von Travankor, und der Anstand der Gebärde im letzten Bettler ihrer Heimat half noch den Schutzwall um sie schließen, daß nichts aus der gerotteten Jauche dieser Entrassten in sie dringe. Wie Lanzen starrten ihre Nervenenden um sie aus — ganz aktiv — Schützer der Kaste. Doch welch grauenhafte Anspannung all diese Monate, seit Marseille; immer in einen Block von „Selbst“ geschlossen — belagert von Gemeinheit, nie verströmend an ein Ebenbürtiges ausruhen dürfen: arglos, müd und froh — im großen Ihresgleichen.

Jetzt regte sich, zum erstenmal, auch etwas gegen den Gefährten in ihr. Wie durfte er eine indische Dame, an der Gesittung Asias erwachsen, in solche Mißzucht zerren?

Da war er selbst — — hatte mit einem Blick dieSituation erfaßt und seine Haltung ließ kaum einen Zweifel, daß er in gradliniger Betätigung zu blendenden Handgreiflichkeiten ohne Verzug überzugehen gewillt war. Sein Gesicht sah aus wie eine konzentrierte und höchst vermeidenswerte Tracht Prügel. Alles verebbte in Unschuld; treuherzig sah man einander in die Augen, und aggressive Zudringlichkeit flaute sichtbarlich ins Unterwürfige ab. Er staunte. Hier gedieh offenbar eine besondere Spielart europäischen Rüpeltums: das Knieweiche; immer feig bereit bei festem Zugriff als „Gemütlichkeit“ wieder ins Verantwortungslose zu zerrinnen. Ein verwester Käse, den eine scharfe Klinge trifft.

Nun wuchs aus dem Plüschläufer plötzlich der Hoteldirektor heraus — in kriechendem Salonrock und weißer Atlasbinde — letztere immer neu aus dem alten Brautkleid seiner Frau geschnitten, und verteilte in falscher Hausväterlichkeit die Mittagsration Banalitäten von Tisch zu Tisch. Horus Elcho wisperte er so ungefragt als wichtig zu, die Herrschaften in der Ehrenecke seien ihre fürstliche Gnaden die Durchlaucht W. und ihre Gesellschaft — der melierte Herr in der Pepitahose neben der Fürstin, Exzellenz Graf X., lenke die äußere Politik des Landes. Am Tisch der Durchlaucht meldete er wieder, die Fremden da, die Neuen, hätten chinesische Dienerschaft mit und kämen gar aus Indien. Die „Fesche“ atmete herablassend auf:

„Na also — a Murl is.“

In der Ehrenecke war man indes vom Französischen endgültig abgekommen, nachdem das Wort „Kokotte“ wiederholt und deutlich gefallen. Offenbar sollte damit gemeint sein, was in Paris „femme entretenue“ heißt.Nun wandte sich das mit Kose- und Eigennamen reichlich durchsetzte Gespräch irgendeinem alpinen Jagdunfall zu:

„Und wie er aus die Wänd scho beinah heraust war,“ berichtete die melierte Exzellenz, „is a Steindl wie eine Erbsen oder wia Haselnuß von ganz oben kommen, das hat ’n am Kopf erwischt und aus war’s.“

„Aber geh, Ferdi, plausch nicht,“ tadelte die Durchlaucht und wiegte den winzigen Straußenkopf.

„A so a kleins Steindl kann do net an Menschen erschlagen!“

„Na, wanns von so hoch kommt.“

„Was is da für a Unterschied — — was sein das wieder für neumodische Sachen.“

Der Minister sammelte sich in seiner letzten Erkenntnis vom Theresianum her:

„Wann’s von weit fallt, nachher wird’s schwerer, a jed’s mal,“ fügte er, nachdenklich geworden, hinzu. Doch die andern drängten, daß man das wissenschaftliche Gebiet endlich verlasse, um zu leichteren Gesprächsthemen zurückzukehren.

„Hast scho g’hört — — der Rudi hat an H-Hahn g’schossen?“

„Ah geh, der Rudi hat an H-Hahn g’schossen — jetzt außer der Zeit.“

„Ja, hast net g’hört, Mittwoch hat ern g’schossen.“

Horus stand auf, nach Wen-Kiün zu sehen, ob man ihr ungeschälten Reis gebracht und Fisch, wie er bestellt. Kaum war Gargi allein, als wieder ein Schnuppern begann, saloppes Zusammenrotten, um den Moment der Wehrlosigkeit einer Dame nicht ungenutzt verstreichen zu lassen. Jene „Fesche“, die Gargis Rassemit so tiefer Einsicht vermerkt, stand eben auf, mit ihren Begleitern den Darm des Saales durch einen perforierten Appendix zu verlassen. Gedrängt — gleichsam hingespült von allem Abschaum — vielleicht auch nicht mehr ganz nüchtern, murmelte der gänzlich verfaulte Oberleutnant im Vorübergehen Gargi ins Gesicht:

„Sie gefollen mir aber schon garrrrr nicht.“

„Behalten Sie Ihre erotische Meinung für sich, nach der Sie nicht gefragt worden sind und entschuldigen Sie sich augenblicklich bei der Dame“ — Horus stand vor ihm. „Wird’s ... drei Sekunden gebe ich Ihnen Zeit.“

Sollte er nicht doch lieber kneifen? Aber schon hatte es sich hinten an den Fremden herangeschlichen — die gesamtejeunesse doréedes Lokals — und eine Traube von Ministerialbeamten hing plötzlich an seinen Armen — hielt ihn von rückwärts fest. Nun riß der Krieger seinen Säbel heraus, schrie etwas von beleidigter Ehre, rief alle zu Zeugen auf und machte sich unter den anfeuernden Rufen von Damen und Herren daran, einen völlig Wehrlosen mit blanker Waffe zusammenzuhauen.

Leider wies es sich, daß eine lediglich an Ohrfeigen erzogene Jugend intelligenteren Formen der Brutalität gegenüber versagt. Durch eine ungeahnte Drehung aus Schulter und Hüfte des Gefesselten barst die trübe Traube, kollerte abgerebelt beerenweise auseinander. Ein Griff, und die Rechte des Oberleutnants lag krumm geschlossen auf dessen Rücken. Quer durch den ganzen Saal flog der Säbel — gerade in den Spucknapf, wo er als zuständige Waffe zitternd stecken blieb. Unddann — der Unterkörper seines Gegners lag in einem Leg-Lock festgeschraubt — ganz langsam, ganz ruhig in dem Panzer seiner Wut, tastete sich Horus an diesem krummgeschlossenen rechten Arm entlang — verschob ihn erst ein Weniges in den Gelenken und immer mehr — — Der Krieger winselte um Gnade, dann mit einem kurzen Ruck, brach er dem halb Ohnmächtigen den Knochen, knapp über dem Ellenbogen, ab. Überlegte: sollte er ihm zu mehr offensichtlicher Erinnerung das Nasenbein eintreiben? Aber das hatte ja bereits sein Vorleben klaglos besorgt. Ließ also die Arme sinken und wartete ruhig auf seine Verhaftung. Wußte: Notwehr hatte er weit überschritten und sich schwerer Körperverletzung schuldig gemacht. Gewiß verständigte schon der bestialische Herr mit den rotgestreiften Hosen die Polizei, denn er war — kaum flog der Säbel in den Spucknapf — zwei Spargel im Mund, in der Flaggengala seiner Serviette mit Linksgalopp zur Tür hinaus.

Doch nichts geschah. Und seltsam — hub da nicht ein Wedeln an, als wäre es an ihm — als lägen Gnaden in seiner Hand? Der Hofrat fand zuerst Worte:

„Bittsi, bittsi, Sie wern do nicht eine Anzeige machen.“

Und der Hoteldirektor meldete: Exzellenz Novotny von Eichensieg lasse auf ein paar Worte ins Nebenzimmer bitten.

„I hab von nix was g’sehn,“ begrüßte ihn der Feldherr.

„Wie bitte?“

„No ich meine halt, Sie werden doch nicht einen verdienstvollen Offizier um seine Karriere bringen am End!“

„Davon kann keine Rede sein — es ist ein einfacher Bruch und in sechs Wochen ohne Folgen geheilt.“

„Aber nein, aber nein“ unterbrach die Exzellenz ungeduldig, „net wegn em Armbruch — ich meine die Velöötzung — sondern do weils ihn ihm brochen haben, wird er g’spritzt — verabschiedet, vastehn S’!“

„Aber wenn nur Sie die Anzeig net machen täten — mir ham nix g’sehn. Nacha geht sie sie no gut aus.“

„Und hätte ihr ‚verdienter Offizier‘ mich, den Waffenlosen, obendrein niedergemacht, weil er vorher meine Lieblingsfrau angeflegelt, wäre es dann, nach Ihrer Ansicht, auch noch ‚gut ausgegangen‘?“

„Na hin wern S’ halt gwest,“ grinste die Exzellenz gemütlich.

Man darf doch die Beobachtungen der Alten nie leichtfertig ablehnen, dachte der Fremdling — nach Aristoteles soll es Ochsen geben, die einen Knochen im Herzen haben.

Gäste waren nachgedrängt, besonders jene, an denen die stagnierenden Unarten der neuen Umwelt ausgerundet und wärmer belebt schienen. Mit abschnellenden Handgelenken schleuderten sie einander ihre Argumente wechselseitig ins Zwerchfell, nahmen dann plötzlich wieder den Nukleus der Sache, sozusagen als Kügelchen, auf die fünf geschlossenen Fingerspitzen wie eine erbeutete Laus, um dem Widersacher damit vor der Nase auf und ab zu wedeln. Ratlos sah er um sich:

„Ein Dackel, ein Pintsch, ein Mops — gut! Sie beglücken mich als Typen nicht; doch gut und zugegeben. Aber diese Kreuzung hier aus Dackel, Mops und Pintsch — nein, das geht nicht. Dachte: als ich im Recht war, wolltensie mich niedersäbeln helfen, da ich im Unrecht bin: jemanden schwer verletzt habe, flehen sie mich an, nicht nach der Polizei zu schicken; wie wenn ein bösartiger Irrer das alles gemacht hätte.“ Am Schwersten war der Hofrat loszuwerden, witterte einen raren Fang für „jours“. Endlich an der Tür seines Appartements wandte sich Horus zum erstenmal direkt an den Betulichen:

„Ich wünschte Ihren Landsleuten so sehr Kolonien — das ist, scheint mir — was sie zuvörderst brauchen.“

Der Andre dalberte entzückt etwas von Gemütlichkeit, leichter Musik und alter Kultur verbreiten.

„Sie irren: ich meine, daß durch fortgesetzte Berührung mit Anmut, Anstand und Takt — sagen wir der Botokuden, sich schließlich auch der Standard ihres Landes heben lassen müßte.“

Dann schloß er die Tür. Packte gar nicht erst aus. Zog um. In eine Pension.

„Lassen Sie wenigstens ab und zu die Leute mit Ihnen reden,“ riet die Inhaberin, eine erfahrene Person, „wenn Sie schon fremdartig leben, ich weiß mir keine Rettung mehr, sonst besticht man das Personal, schleicht sich hinterrücks in ihre Zimmer und der Tratsch und Gierberg begräbt uns noch alle.“

„Haben denn die Leute hier ein so pauvres Dasein, daß sie nur durch schleimiges Abtasten fremder Erlebnisse sich befriedigen können? Entrüstete Neugier als Brunstersatz brauchen?“

„Ja,“ sagte die erfahrene Person.

„Und zu tun haben sie sonst gar nichts?“

„Nein,“ sagte die erfahrene Person.

Die Weiber erwürgten langsam ihre Tage mit fortwährendemLauern: auf das neue Modeheft — die Manicure — die Sommerreise, allem zum Grund: ein vag erotisches Lauern. Schon am Morgen begann es mit Rudeln von Schlafröcken um den Fernsprecher im Korridor, bis die junge Frau „in Scheidung“, — sie trat jeden Tag ein Kind per Telephon ab, — mit ihrem Advokaten fertig war; ihm für den Prozeß alle Arten unnatürlichen Verkehrs geschildert hatte, zu denen ihr Mann sie angeblich gezwungen. Der am andern Ende des Drahtes schien als Frager emsig und gewissenhaft, doch nicht eben leicht zu befriedigen.

Dann kam für die übrigen das Lauern auf die Börsenkurse. Ließen sich mit Stellen verbinden, die sie neckisch oder betörend „Herr Spitzer“ oder „Herr Neustein“ anredeten, girrend nach Tips für „Prager Eisen“, „Rima“, „vereinigten Gummi“. Alles in merkwürdig breiigen Kretinlauten; galt es doch in dieser Stadt offenbar für unweiblich, einen korrekten Satz zu sprechen, die Männer fanden das gespreizt, witterten für sich Unbequemlichkeiten, winkten ab.

Nun erschien meist das Stubenmädchen im Korridor, um sich laut zu beschweren: Nacht für Nacht müsse sie bis ein Uhr wachbleiben, um dem Fräulein von Nummer acht, der sozialdemokratischen Führerin, noch die Bluse hinten aufzuhaken, wenn sie aus den Versammlungen in Ottakring nach Hause käme. Jetzt gehe sie zur Direktrice kündigen.

Mit den frühen Nachmittagsstunden begann jenes Lauern, das die Frauen „Ordination“ nannten oder „den Professor konsultieren“. Es bestand offenbar darin, daß ein indifferenter Mann, durch Entgegennahme von Geldeswertbewogen wurde, ihre intimsten Teile täglich längere Zeit hindurch — wenn auch ohne sonderliche Freude — eingehend zu betrachten, und dort womöglich operationsreife Geschwülste oder krankhafte Entartungen zu konstatieren. War dieses Ziel erreicht, wisperten die Arrivierten, glitzernd aufgeregt, nur mehr über ihren Unterleib, der von nun an auch in der Konversation den breitesten Raum einnahm. Gebrauchten schleierlose medizinische Ausdrücke: Uterusbespiegelung — Auskratzung — Eierstockzisten gleich Aphrodisien. Durfte man ihrem Gehaben trauen, war so ein Operationstisch das reine Lotterbett.

„Ich bin es meiner Gesundheit schuldig,“ eiferten sie, wollte der Mann das viele Geld nicht hergeben. Daliegen und mit Instrumenten an sich herumstochern lassen, galt für Pflege; sonst hatten sie nur eine nachweisbare Tätigkeit: Zu- und Abnehmen.

„Fünf Kilo hab ich schon abgenommen, seit Sie da sind,“ sagte die Dame mit der Auskratzung und machte Märchenaugen, „mir scheint, Sie sind ja für Magere.“

„Doch nicht für Abgemagerte.“ Dann höflich belehrend: „Eine Frau darf nach dem fünfzehnten Lebensjahr ihr Gewicht nie mehr verändern, sonst ist durch Spannung oder Schlaffung ihre Oberfläche nicht mehr kindlich zart genug, feinste Entzückungen zu geben und zu empfangen. Muß doch, wo immer man eine Frau hinküßt, ein winziger Muskel den Kuß erwidern können.“

Von da ab galt er für eine Art ästhetischen Ogers, hatte aber Ruhe vor den Weibern.

Manchmal erlustigte er sich zu staunen, wie dies alles schon mit differenzierten Organen protze. Ließen sie sich denn wirklich nicht mehr beliebig durchschneiden wie niedreLebewesen? Gerannen nicht doch wieder irgendwie zu einer amorphen Masse, die „Fritschi“ oder „Lentscherl“ hieß?

Nach der Ordination wurde von vier bis sechs „bridge“ gespielt, dann ging man in eine Schubertposse mit Gesang oder den Tristan.

Dieser unaufhörliche Musikbetrieb gab ihm zu denken.

„Der Blinde hört gut,“ fiel ihm ein. An Stelle des verkümmerten Sehens scheinen die mehresten Menschen eben mit etwas musikalischem Schwachsinn behaftet. Auch ist ja insofern Musik die bequemste Kunst, als in ihr Reproduktion bereits die Illusion selbständiger Schöpfung gibt. Schließlich gilt es schon beinahe als eine Art Leistung, in einem Konzert gewesen zu sein. Er dachte: schlappschenklig sitzen, dösend rezipieren, ohne daß die dicken Augenlider dabei aufgehen müssen oder sonst etwas, das ist bei übriger Denkfäule und Stagnation noch eben möglich. Hatte aber etwa ein Fremder hier noch nicht jedes Musikwerk und in jeglicher Bearbeitung gehört, wich man vor ihm zurück wie vor einem Aussätzigen, kam sich maßlos überlegen vor.

„Daß Sie irgendwelcher Rezeption — man könnte auch fragen: warum gerade dieser — solche Bedeutung beilegen mögen?“ Erkundigte er sich erstaunt.

„Mir scheint bei Schätzung von Menschen wichtig, wie eigenartige, irgendwie wertvolle oder erfreuliche Gesamtexemplare sie sind. Wie großer Schwingungen, welcher Erregung oder Bewegbarkeit fähig, welcher Verläßlichkeit und Verständnisfülle, welcher Intensität in ihren Leistungen, welcher Hingabe an irgend ein Werk, eine übernommene Verpflichtung.“

„Sie reden ja wie ein Preuß’,“ hieß es dann hämisch, und man nahm die hier zu allem übliche, zerwitzelnde, breiig zynische Haltung an. Denn nichts haßten sie so sehr wie Größe. Und immer waren sie geistreich: Merkmal schlechter Rasse. Ein Pack Ansichten und Erfahrungen höchst gemischter Pedigree, noch nicht zu einer Persönlichkeit einmalig und eindeutig verknüpfbar, lag wie Kraut und Rüben in ihnen, konnte aber, weil nicht organisch verwachsen, durch kaleidoskopartig wechselnde Anordnung in verblüffender Reihenfolge etwas wie Witz vortäuschen; ranziger Ironie voll, doch ohne Leuchtkraft im Ernst. Relativ Erfreuliches war nie aus unbeugsamem Geschmack, bestenfalls aus beugsamem Ungeschmack heraus, entstanden.

Der kleine Dr. Eskenasi nahm ihm den letzten Glauben.

„Musikstadt?“ Er schwenkte die melancholischen Augen in dem langen Emmanuel-Kant-Köpfchen her und hin, dann, die winzigen, schlaffvenigen Hände ineinandergepreßt, um sie am Dreinreden zu verhindern, noch einmal:

„Musikstadt! Lesen Sie doch nur die einschlägigen Biographien. Immer das gleiche: erst Massengrab, dann Ehrengrab. Mozart hineingeschmissen — Fidelio ausgepfiffen — Wagner zergrinst — den alten Bruckner bis aufs Blut gequält — Hugo Wolf hungern lassen — Mahler vertrieben. Jedes Urteil eine Blamage: zweiunddreißig — vierundsechzig — hundertzwanzig Weltblamagen. Von der Wiener Musikzeitschrift 1787 und Sarti angefangen, der über Mozart schrieb: „Die Musik müßte zugrunde gehen, wenn Barbaren vonMozarts Art sich einfallen ließen, komponieren zu wollen,“ an Hanslicks Definition des Rheingold als: ‚Hurenaquarium‘ vorbei, bis in die neueste Zeit. In der Allerneuesten möchten sie zwar auch noch, trauen sich aber nicht mehr so recht, feiern dafür Kuschorgien. Wedeln erst einmal zur Sicherheit jeden Kitsch an.“

Der Kleine litt an Kitschpsychose. Sonne, Frühling, Blumen, Melodien: alles was ihm wirklich gefiel, hatte er im Verdacht und wandte sich schaudernd ab. Mied auch das elterliche Palais, wartete noch auf Endgültiges, lebte bis dahin in der Pension, gleich seiner Schwester, jener sozialen Vorkämpferin mit den hinten und unzeitgemäß zu erschließenden Blusen. Doch verkehrten die Geschwister kaum, schämten sich einer des andern noch mehr als ihres Vaters, der, dem innersten Ring der Bank- und Börsenhaie zugehörig, dafür bekannt war, selbst dort die schmutzigsten, größten und anrüchigsten Brocken anstandslos zu schnappen. Beide Kinder gaben sein Geld unter Märtyrerallüren für einen Marstall von Steckenpferden aus. Betrachteten das wie eine Art Aufgabe, als solche auch zu werten und zu würdigen, nur daß einer des andern Methode übel fand. Er ertrug ihre vergröbernden Versammlungsgesten nicht — die schrille Stimme. Nannte sie: „Pöbelsklavin“. Sie ihn einen „aus der Zwiebel gezogenen Narziß.“

Er sagte: „Cäsarenwahn des Mob züchtet ihr, statt ihm zu sagen: anders werden, zuerst und vor allem um Gottes willen anders werden, dazu wollen wir euch helfen, aber da flögt ihr schön aus euren Mandaten heraus,“ und er zitierte:

„In diesen Zeiten war die Menschheit irre geworden durch Leute, mit denen ich nicht rechten will. Sie stellten sich der Masse gleich, um sie zu beherrschen, sie begünstigten das Gemeine als ihnen selbst gemäß, und alles Höhere ward als anmaßend verrufen.“ — „Jeder ein Kretin oder ein Schuft, der anderer Ansicht ist als ihr.“

„Wir sind eben der Fortschritt,“ sagte sie, „somit richtet sich jeder selbst, der nicht für den Marxismus ist.“

„Du vergißt, das hebräische Wort: „Fortschritt“ wirkt nicht auf jeden wie ein Fetisch.“

„Snob,“ sagte sie und verlor jede Selbstbeherrschung, „verächtlicher Snob.“

Horus nahm ihn in Schutz:

„Die andern hier sind noch nicht einmal das: ich würde sogar Kurse fürsnobseinführen. Erst scheinen wollen, was man nicht ist: ein Weg vielleicht, dereinst zu sein, was man scheint.“

„Ach was: Schein, — Sein, alles erst einmal in die große Arbeitsarmee eingereiht, dann hören sich diese Faxen von selbst auf,“ rief sie grob.

Er sah ihr mit solch warmem Wohlwollen in die Augen, nicht ohne Respekt und voll Humor. Sie konnte nicht widerstehen, wollte die Worte zu diesem Gesicht wissen:

„Legen Sie los, Sonnenprinz.“

„Arbeit? Was ist Arbeit? Der chinesische Weise Schun saß die größte Zeit seines Lebens unbeweglich nach Süden gewandt und lächelte. Da blieben die Jahreszeiten in ihren Grenzen, alle Gatten liebten einander, der Sohn des Himmels wurde erleuchtet und — alle Beamteten pflichttreu und unbestechlich.“

Wäre dieser kleine Doktor Eskenasi nur nicht so maßlos feig gewesen. Seinem Lebensüberdruß hielt panischer Schreck vor dem Tod die Wage. Die Jahre waren ihm pausenlose, fressende Angst, das Sonnensystem geriete auf seinem Flug durch unbekannte Welträume doch einmal unversehens in eine riesige Wasserstoffblase und dadurch in Brand. Jedes Wissensgebiet erschloß immer neue Gefahren. Endlich hatte er sich ganz auf die Malerei, als relativ unbedrohlich, zurückgezogen, fühlte sich: der zweidimensional Organisierte, hier unter Blinden, die gut hörten, schon als König; stieg manchmal sogar in die dritte Dimension auf und sagte dann: Palladiesk oder Brunellescesk. Angst, die ihn nie ganz verließ, nahm in der Kunst die Form der Kitschpsychose an, um manchmal an ganz unvorgesehener Stelle auszuschwären.

„Wäre der Durchschnitt: was man so in Kaffeehäusern und Gesellschaften trifft, wie dieser Herr von Goethe, den ich jetzt lese, ließe sichs in Europa leben,“ bemerkte Horus eines Tages, von der Farbenlehre aufsehend.

Eskenasi hob angeekelte Hände der Abwehr. War er beleidigt? Versöhnend frug Horus dem Kleinen in die Augen:

„Wäre das denn wirklich so viel verlangt? Ich meine natürlich als menschliche Persönlichkeit, von dichterischer Spezialbegabung abgesehen: ein heller älterer Herr von durabler Einsicht, weil das Auge ihr geleuchtet, mit gepflegten Umgangsformen, allem Wertvollen offen, leider mathematisch und musikalisch wenig begabt. Alles in allem: ein Vollsinniger. Einer, der Raum und Zeit hatte, ein ganzer Mensch zu sein, daher vielleicht das Aufsehen hier.“

Eskenasi drängte offensichtlich vom Thema Goethe ab:

„Die Wirtschaft kann sich das heute nicht mehr leisten, oder wie ein sehr Kluger jüngst schrieb: „An einem ganzen Menschen hätte sie zuviel Lagerverlust.“

„Ach so, ich verstehe: ein linker Hirnlappen, ein Paar Pratzen, jedes für sich, fügt sich besser, weil pausenlos, dem Betrieb ein. Bleibt die Frage: ist das Leben für die Wirtschaft oder die Wirtschaft für das Leben da? Mich amüsierte immer, wenn in Deutschland solch linker Hirnlappen, war er zumal technisch verkollert, sich glühend wünschte, ein Großer früherer Zeiten, am liebsten Goethe, weil er den für einen Monisten hält, kehrte wieder, er aber sei ihm Führer, vergönne dem alten Herrn den Anblick, wie herrlich weit man’s gebracht. Wie er dann schon beim Aussteigen am Gleisdreieck zu Berlin anfinge, den Faust umzuarbeiten, ihn gleich im ersten Teil Wasserbauingenieur werden ließe, statt erst am Schluß des zweiten.“

„Bitte nichts vom Faust,“ wehrte Eskenasi ab, mit einem Gesicht, ganz wie Samossy, das arme geniale Roßwesen, bei Schillers Namen.

„Dieser Schluß“ — er wand sich vor Ekel — „wie ein schlechtes Barocktriptychon komponiert: rechts und links als bewegliche Flügel die süßlich gedrehten, himmelnden Patres, erträglich nur der quere Durstrahl durch das Ganze: neige Du Ohnegleiche ... gnädig meinemGlück.“

„Glück ist gut — wenigstens dort ‚lustig im Fleck‘, wie wir Maler sagen.“

„Aber die fürchterlichen Putten ringsum: ‚fröhlich im Ringverein‘. Diese Engelriege, wie vom TurnvaterJahn einstudiert ... bitte, lassen wir das. Dazu ist mir der Barock zu heilig, ja ich habe in letzter Zeit Grund anzunehmen, daß sich in ihm das überhaupt Höchste, vielleicht das Endgültige manifestiert habe.“

Er schwieg geheimnisvoll. Verkündete dann ein paar Tage später seine Abreise nach Spanien.

Und nach einer Pause, da niemand frug:

„Ja, es sei für immer. Er übersiedle. Und zwar nach St. Esteban de Molar, dem Geburtsort des Gecco Pintaccio. Schon begännen die wenigen über Europa verstreuten Eingeweihten ihren Pilgerzug vor das Jugendwerk des Erleuchteten: den kleinen Fresko im Ziegenstall hinter des Meisters Wohnhäuschen. All das gehöre seltsamerweise einem Amerikaner: Mr. Payne. Nur durch Vermittlung und Protektion des begeisterten Gecco Pintaccio Entdeckers und Apostels Dr. Hafis sei es ihm, Eskenasi, dennoch gelungen, das Häuschen auf vorläufig ein Jahr zu mieten, allerdings zum Preis seiner Hitzinger Villa, doch mit dem Recht, die Stunde von neun bis zehn ganz allein im Ziegenstall verbringen zu dürfen, dann erst beginne die öffentliche Besichtigung. Gleich gehobener Stimmung wie er, sah die Schwester einem neuen Aufenthalt entgegen: dem Landesgericht; hatte es endlich erreicht, ernst genommen und wegen Aufwiegelung zu zwei Monaten Arrest verurteilt zu werden. Nämlichen Tags verschwanden beide. Der Exclusive jedoch nicht allein. Er nahm zur Weihestätte die Vally Feschak von derquo vadis-Bar, Tochter der Abortfrau und Typ des Speisenträgers aus dem Stadthotel mit. So war er für Horus gerichtet, denn im feineren Menschen decken sich ästhetischesund sexuelles Ideal. Same und Seele erstrahlen von dem gleichen Eros.

Doch warum zögerte er selbst noch hier: gerade mitten im Verköterungsherd Europas? Wartete. Gerade am Ort geringster Wahrscheinlichkeit erwartete er, treu einem ernsten, süßen und sehr geheimnisvollen Gesetz, dem Folgsamen hold. Und im Erfühlen dieses Gesetzes wußte er sich verstanden und gestützt.

Auch aus Gargis Einschlafen hatte es unlängst glücklich, wie in eine wachsende Nähe hineingeflüstert:

„Dann nehmen wir den ‚Elf von einem großen Stern‘ nach Haus und führen ihn in unsere samtenen Wände.“

Oft ging er, die Ringstraße: diesen Kranz übel gegründeter Erhebungen, von dem Tempel mit jonischen Säulen als Rauchfängen, bis zur Gotik für Gemeinderäte, ängstlich meidend, auf den stillen Josephsplatz, vor des Fischer von Erlach Bibliothek. Wie ihm schien, einem der schönsten Profanbauten der weißen Welt.

Barg sich dann halb hinter einem fetten Palast im trächtigen Kuhstil mit vier Renaissance-Trampeln als Karyatiden, um ungestört schauen zu können. Denn er hatte bemerkt: das Natürlichste: in der Stadt die Stadt anzusehen, fiel hier peinlich auf. Ihre Bewohner, ausschließlich damit beschäftigt, einander erst entgegen — dann an — dann nachzustarren, sammelten sich alsobald im Kreis, stierten eine Weile mit hinauf, frugen schließlich ägrirt, wo der ausgeflogene Kanarienvogel denn säße.

Dort aber stand er in Deckung vor dem wimmelnden Heute. Gegenüber der stumme Platz einer verschwundenenMenschheit, mit dem segnenden Reiterbild in steilem Empire, nicht eben gut, doch echt in seinen Fehlern. Dahinter stieg, unvergleichlich an Maß und Adel männlicher Anmut, des großen Saales steinerne Schale. Sein inneres Rund, wie leise hindurchgeatmet durch des Sockels breite Kantigkeit, hatte etwas vom Tier und vom Kristall.

Oben die fein verdrückte Kuppel. Er liebte Kuppeln, das Dreifache weisend in schwierigem und edlem Schwung, irgendwie verwandt dem Broncereifen der Ekliptik auf wundersamen Weltmodellen Tycho de Brahes oder auch einem überpersönlichen Haupt vergleichbar, durch das sich der Geistdes dreifachen Raumes Gestalt erwölbt.

Als er diesmal den menschenarmen Platz betrat, sahen die Näherkommenden alle aus, als wäre ihnen etwas passiert. Verlegener Hohn in der Haltung; die ganze Atmosphäre wie um Gargis Erscheinung, ersten Tags im Speisesaal, nur noch manierloser, aggressiver. Gargi hier? Doch nein! Er ließ sie ja an diesem Ort nicht mehr allein ausgehen, seit vor ihm zwei junge „Herren“ auf der Straße — gleichsam als Promenadespiel — einander die möglichst niedrige Summe jeweils zugerufen, die jeder für den Geschlechtsakt mit den ihm entgegenwandelnden Mädchen und Frauen anzulegen sich bemüßigt fühlte. Das tiefste Angebot teilten sie sich dann immer grinsend, von den zehn Fingern pantomimisch unterstützt, über die Köpfe der Ahnungslosen hinweg, mit.

Die Principessa Dango? Wohl kaum. Als Archies Hörige war sie momentan am Tempelhofer Feld in einem Gecco Pintaccio-Film prostituiert.

Doch wozu die Lügen um sein Herz. An dem strahlendenSchauder wußte er, was — nicht weiße — noch schwarze — einzig die rote Magie intensiv wünschender Sehnsucht ihm, nach so vielen Monaten da zu erscheinen zwang. Es stand: eine lichte, leicht noch nachschwingende Lanze, wie in einer Steilrechten heruntergezückt, aus klarerer Heimat, ohne das Weichbild dieser Stadt auch nur berührt zu haben. Hob kritisch beglückt das Profil dem andern, steinernen entgegen, dort wo der Eckbau aus Pylonenbreite in einer höfisch feinen Kurve der Vollendung sich verjüngte.

Ganz langsam genießend kam er heran auf erhöhten Sinnen, seinem gewohnten Standort zu, unmittelbar hinter dem ihren. Selbst jetzt hätte er dieses ernste, holde und sehr geheimnisvolle Gesetz nicht durchbrechen, sich ihr in Willkür auch nicht um einen Schritt nähern mögen. Gerade deshalb war sie nun auf seinen Weg gestellt worden, in so viel verheißungsvollerer, weil freigeborner Weise „zufällig“, somit aus reinster Notwendigkeit.

Ganz in die Erblickung gestürzt, beobachtete er noch mit dem erleuchteten Saum seiner Sinne amüsiert den ganzen ranzigen Aufruhr: die mannigfachen Schreckphänomene aller Unreingegliederten dem Niegeschauten gegenüber. Hier, wo der Mob viel höher heraufreichte wie irgendwo anders, glaubte jeder Vorüberkommende sich berechtigt, durch Haltung, Miene oder erkünstelten Naturlaut eine Meinung, um die er nicht gefragt worden war, der Dame kund zu tun.

Frauen versuchten, voll höhnischem Mitleid zu erschrecken, zwinkerten um Solidarität hinüber zu wildfremden, achselzuckenden Männern. Andre, mit Kindern an der Hand, ermunterten diese, die nicht recht wußtenweshalb, sich kichernd umzudrehen. „Pfuitterdeixel“ pfiff ein ganz ausgekegelter Schlosserlehrling mit O-Beinen, Überbeinen und Plattfüßen, in die Luft. Er nickte ihm zu: „So recht Crapüle, hätte sie bei Deinesgleichen Succzes, müßte sie sich doch erschießen“. Gleich bei jener ersten Szene im Restaurant hatte er ja für immer begriffen: nichts haßt und fürchtet der Kötermensch so sehr, wie den Stilbildner, der durch sein bloßes Dasein etwas zu fordern scheint, eine Anstrengung, das Niveau zu ändern. Weder Bescheidenheit noch Diskretion retten da den Ungemeinen. Erst wird man ihn mit boshafter Herablassung niederzugrinsen, dann mit aggressiver Infamie von sich abzutun versuchen, denn als „schön“ vermag der optisch Ungebildete nur den eigenen Komparativ zu begreifen, lediglich was einer zum größeren Grade als er selbst besitzt. Das in der Linie des leicht Erreichbaren gelegene allein gefällt ihm, sodaß im Wohlgefallen noch Faulheit und persönliche Eitelkeit befriedigenden Platz finden. Erst der sich selbst Erziehende, welcher Art er auch sein möge, wird Fremdes: daher Befremdendes sogleich optisch „vom Blatt zu lesen“ und zu werten vermögen.

Jetzt war er hinter ihr, auf seinem gewohnten Platz. Sie stand abgeschirmt mit unvergleichlich lässiger Verachtung. Schaute. „Die Wellen dieser zappelnden Gemeinheit sind viel zu kurz, um ihre langen Wogenzüge zu stören,“ fühlte der Entzückte, „können garnicht an diesen hohen Sender mit strahlender Antenne rühren.“

Sein Männerschatten beugte sich über. Da rief sie sich wie in eine bedrohte Festung zurück. Das unverweslich Herbe an ihr, diese steigernde Dissonanz desReizes, vereiste sofort ins Abschreckende, absichtlich Abstoßende. Hochgemutes gerann zu Hochmut. Das war ihm neu! Eine Kultur des Hasses, kundig und erlesen.

„Kristallumpanzerte“ fühlte er. „Ganz Weiße. Fremdeste der Fremden hier.“

Sie einfach vom Trottoir wegheben, ganz in Zartheit wickeln und hintragen, wo er der Herr war. Ihr Wesen und ihr Ort trafen ihn wie eine Blasphemie von Gott aus; mindestens wie ein schwer zu verantwortenderfaux pashimmlischerseits. In des Schattens Haltung lag jetzt so viel Diskretion, wie er jede Berührung mit dem ihren mied, daß sie sich halb wandte. Die einsamen Sternsaphire sahen ihn zum erstenmal an. In Padua hatten sie durch ihn hindurch in die Erwartung des Glücks geschaut. Sahen jetzt statt eines Überlästigen, statt eines pöbelnden Männchens einen Menschen vor sich: einen brüderlichen Gentleman. Geschwisterlich gleichgerichtet, Seite an Seite flog von nun an ihr Genießen alle Linien des Baus entlang; einen Augenblick verschmolzen die Schattenkerne in Eins. Wann dieses Schauen auch zu klingen begonnen, wem zuerst Worte sich geformt, wußte er nie. Es waren Worte von jener scheuen, weil tiefsten Vertraulichkeit, die wie aus einem Abgrund der Zeiten herauf-, herübergetastet kommt in eine erste Begegnung voll seltener, unbegreiflicher Anziehung; lustvoll und furchteinflößend zugleich. Die Worte selbst? Das Geheimnis ihres Reizes? Daß einer vom andern alles vorauszusetzen schien: alles Wissen und alle Erkenntnis und daß es doch wie nichts war, kaum mit juwelenen Händen gestreift, um ganz draußen nur die Spitzen der Persönlichkeiten im Licht miteinander spielen zu lassen.

Jetzt wandte sie sich ganz, prüfte mit den Wimpern durch die Luft hin die Knabenglätte seiner großen Züge, das starke Kinn aus Stein. Verwundert, als wäre sie gewohnt, nur in durchackerten Gesichtern Saat von Geist aufgegangen zu sehen.

Die gelähmte Zeit stand wie ein ins Unerträgliche gespannter Bogen ausgestrahlt um ihn. So ganz nah, war sie von verwegener überwältigender Vollendung. Nicht nur ausgespart aus einer saloppen Umwelt. Der niegesehene Typus, jene neue Schlankheitsgrenze, hatte auch neue Gesetze der Anmut erfordert und erschaffen. Welch zähe Treue zum Ideal war hier bis in die letzten Lineamente offenbart. Hingerissen und sachlich zugleich, ingenieurhaft beinahe fühlte er dieser neuen Anmut: dieser Natürlichkeit höherer Ordnung nach. Ihre gepflegte Wahrheit kam aus einer solch adeligen Tiefe her, daß jede Bewegung sie ganz enthielt. Etwas von Tier und Seraph und gleitendem Erz.

„Alle Städte, durch die sie geht, müßte man vor ihr niederlegen,“ dachte er. „Denn keine paßt noch zu ihr. Sie aber ist im Recht.“

War seine Musterung indiskret geworden? Sie schrak auf aus holdem und tiefem Vertrauen. Verherbte wieder. Schlüpfte in einen schwarzen Block Abwehr.

Indessen hatte sich ein loser Halbkranz von Gaffern gebildet. Eine düstre Kuh mit Plattfüßen mißbilligte beide Erscheinungen. Andre starrten des Fischer von Erlach Meisterbau auf den entflogenen Kanarienvogel hin an. Ungeratenheit, die sich dreist machte. Noch einmal grüßten ihn die einsamen Sternsaphire ganz flüchtig, und die hohe Silhouette schwankend vor Schlauheitentwich in eine Nebengasse. Er sah den kühnen Gang ihrer göttlichen Beine durch das Kleid hindurchspiegeln, dann sog der braune Rüssel eines Durchhauses sie ein.

Gleichen Abends reiste er ab. Wußte: hier führte kein Weg mehr näher heran zum

„Elf von einem großen Stern“.


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