Viertes Buch
Zur Zeit als Horus ins Haus der Elchos zog, erwuchs auf der andern Seite der Erde ein kleines Mädchen gleichen Alters in einem sonderbaren Gebäude: halb Palais, halb Fabrik.
Täglich Punkt zwei bog die wenig stilvolle Equipage um das grasige Viereck im asphaltierten Innenhof, an den Statuen und dem alten Nußbaum vorbei, der Gärtner öffnete weite Torflügel unter der gewölbten Einfahrt, und man fuhr bis vier spazieren. Papa und Mama im Fond. Immer denselben Weg: erst durch ratternde Vorstadtstraßen voll anrüchiger Kramläden und Klaviergehacke, dann um den Ring herum. Die Beinchen reichten nicht bis zum Wagenboden und schliefen einem immer ein in den kleinen Prunellestiefeln. Baumeln durfte man nicht, reden meist auch nicht. Oben redeten die Eltern diese endlosen, gereizten Erwachsenensachen, bei denen man nicht stören sollte, obwohl es doch immer dasselbe war und so überflüssig. Manchmal hob Papa den Hut schräg weg und Mama nickte mit einem süßschiefen und entzückten Gesicht, wie sie es zu Hause nie hatte. Dann mußte man auch nicken und mit dem Mund knicksen, meist ohne Ahnung, wer die Leute gewesen, denn Besuch kam fast nie ins Haus.
Alles war fader, als es sich sagen läßt. Bis auf die Ecke mit der Ballonfrau. Da wurde man innen voll aufreizender Kugelchen. Bekam man ihn? Und wenn ... rot oder blau? Leider machte die Ballonfrau auch immerso einen Freundlichkeitskrampf im Gesicht, wie Mama beim Grüßen, während sie einem mit Händen voll gemeiner Fingernägel die leise aufwärts ziehende Kugel ums Handgelenk band. Plärrte dabei:
„Nein, a soa schöns blond’s Kind!“
„Aber recht eigensinnig und unfolgsam“ pflegte Mama zu erwidern, „gerade heute sollte sie gar nichts bekommen.“
Meist log Mama. An Ballontagen war zufällig nie das Kleinste passiert. Der Ballon aber war ein Wunder, obwohl er schlecht roch; denn er blieb aufrecht oben am Faden, während sonst alles unten an Fäden hing. Hatte auch am Bauch ein komisch verrunzeltes, herausgestülptes Knöpfchen, vor dem einem ein wenig ekelte, wie ein Schwein. Ein fliegendes Gasschwein ohne Flügel.
Jetzt begann die große Versuchung: heimlich die Schnur vom Handgelenk gleiten lassen, damit der Ballon frei hinauf könne, immer schneller und kleiner würde, schließlich wie eine Traubenbeere mit Schwanz. War er aber auch ganz weg, hinter ihm, das Loch im Himmel blieb noch lange, indes man Bestürzung heucheln mußte und gezankt wurde wegen der Unachtsamkeit. Es schien: Geschenke gehörten einem doch nicht recht. Nie durfte man mit ihnen Lustiges tun, meist nicht einmal sagen, was man tun möchte. Sie war im sechsten Jahr — eben bog der Wagen wieder einmal ins Tor heim — da vergaß das kleine Mädchen mit dem Mund zu knicksen, während Papa den Hut schief weg zog und Mama das Gesicht, denn: etwas Überwältigendes war geschehen und viel zu groß für Angst:
Sie wußte nicht mehr, wo sie aufhörte.
Da war die Hand; ihre Hand mit dem aufrechtenBallonfaden. Flöge jetzt die Hand mit dem Ballon davon, durfte dann der Ballon zur Hand „ich“ sagen oder die alleine Hand zu sich selber ich?
Wer ist Ich? fühlte das Kind. Sah über den Rand der Frage in ein Bodenloses. Streifte den Handschuh ab, spannte und entspannte jedes dünne Fingerwesen, ließ es tun — empfinden ...
„Wo fange ich an — wo ende ich?“ staunte immer weiter. Rann noch einmal mit allem Gefühl vom Herzen in die Körperspitzen, wollte ins Grenzenlose, konnte nicht weiter, war von diesem Augenblick an bewußt mit der Welt in Ich und Nicht-Ich zerfallen, das Wunder Dasein hatte fragende Augen aufgeschlagen, die sich erst im Tode schließen. Das Fremdlinghafte war da; für immer. Mit ihm: Persönlichkeit, Einsamkeit und Sehnsucht.
Das wußte aber die winzige Philosophin noch nicht. Vorerst ging alles in Staunen auf. Probleme spannten helle spitze Flügel, wollten durch sie hindurchbrechen, pfeilrecht und silbrig, die junge Seele erfüllen und tragen.
„Warum hast du nicht gegrüßt? Was wird die Frau Regierungsrat Dostal denken.“
Papas Augen und Stimme rissen durch den dünnhäutigen Kinderkörper hindurch. Die gestockte Zeit begann auf einmal heftig zu laufen. Der Wagen fuhr weiter durchs Tor. Alle Dinge taten wieder und man schrak auf in einem Abgrund von Verworfenheit, saß bestürzt mit einem Bums mitten in unübersehbaren Folgen: hatte zu grüßen vergessen. Das Herz schlug breit wie ein Fächer durch die ganze Brust.
„Weil du immer deine Hand angeschaut hast. Immer muß sie sich bewundern, der eitle Fratz,“ sagte Mama.
„Fratz,“ das war wie ein verzerrter Blitz und kreischte obendrein.
„Aber ich hab’ ja gar nicht ... bewundert,“ wollte das Kind beteuern.
„Lüg nicht, ich hab’ es doch selbst gesehen.“
„Ja, aber ...“ man stammelte, suchte gierig das mit dem „Ich“ und „Nicht-Ich“ zu erklären.
„Wirst du endlich still sein und nicht fortwährend nachmaulen.“ Papa machte seine aufgerissenen Glasaugen aus ungeheurer Macht, vor denen man immer sehr erschrak.
Noch einmal setzte das Kind zum Sprechen ein, wurde hilflos, gab es auf, denn am Vordersitz hub jetzt jenes aufgedonnerte Entsetzen an und didaktische „pour la galerie“-Reden, dem die kleinen Kinder ihre große Erwachsenenverachtung verdanken.
„So eine abscheuliche Rechthaberei, dieser Eigensinn, wo sie das alles nur her haben mag, von uns doch nicht.“
Und Papa wandte sich in seiner schlanken Länge Mama zu, schüttelte dabei edel und gebrochen den Kopf.
„Von mir gewiß nicht,“ himmelte Mama mit ganz verzuckerten Augenlidern, und beider Eltern linde Vollkommenheiten sahen einander schwergeprüft an.
Dem verworfenen blonden Wechselbalg am Rücksitz ballte sich das kleine Herz zur Faust. Alle echte Beschämung war weg:
„Vielleicht bin ich wirklich nicht ihr richtiges Kind? Welch Glück!“ Und den Gedanken weitertrotzend:
„Meine echte Mama trägt keinen Bauch unterm Korsett und mein wirklicher Papa ... nun aussehen tut er vielleichtwie Papa, aber er schreit gewiß nicht so häßlich in der Fabrik herum. Die Katze und das Reh nehm ich natürlich mit in mein Königreich, sonst aber niemand. Da stehen dann Papa und Mama voll Reue am Haustor und flehen. Aber erst ganz zum Schluß dreh ich aus dem Wagen heraus ein wenig den Kopf und sag: ‚Später einmal — vielleicht‘.“
Sie lächelte in das Königreich hinauf.
„Der Ballon,“ sagte Mama empört und hatte zwei hängende kleine Schrotsäcke in den Mundecken, alles Verzuckerte war auf einmal fort, „man sollte ihn ihr wirklich zur Strafe wegnehmen.“
Papa zog sein Taschenmesser, durchschnitt die Schnur. Wundergrad stieg der Ballon bis über den Rauchfang. Dann drehten ihm Krallen aus Gas den Hals um, er duckte sich, wutschte weg, schräg packte ihn ein Wirbel — sie hob entzückt die Hände, fühlte an ihren Rändern wieder das Problem eigenen Aufhörens. Dunkle Angst und Verantwortung, so ein ganz alleines Ich zu sein unter lauter fragwürdigem Draußen, überwältigten plötzlich das Kind. Es brach in Tränen aus.
„Das kommt davon, wenn man vorlaut ist,“ sagte Papa, dann tröstend: „aber vielleicht gibt es morgen einen neuen Ballon, den binden wir dann so fest, daß er gewiß nicht wieder fortfliegt.“
Voll Mitleid mit so viel dickhäutiger Begriffstützigkeit sahen die jungen Sternsaphire sich diesen desolaten Erwachsenen an, der obendrein ein Papa war.
Großen konnte man ja überhaupt nichts erklären, sie aber auch nichts fragen; wenigstens nichts „Eigentliches“. Mama sah dann aus starrgrauen Augen meist zur Seite,tat, als tauche sie eben aus einer überaus wichtigen Erwachsenensache auf, in die sie sofort wieder zurück müsse, nickte flüchtig und falsch zerstreut:
„Ja, ja, schon gut, aber halt dich grad.“
Papa ließ sich gern fragen, doch nie durfte man weiter wollen als er selber wußte, nannte die Frage dann albern und wurde heftig. Als ganz kleines Kind hatte sie einmal stolz von ihm gesagt: „der Papa weiß alles.“ Diese vierjährige Voreiligkeit sollte sich bitter rächen. Er hatte nachsichtig und doch wieder ehrgeizig dazu geschmunzelt, sich in seine riesige Rübezahlhöhe gereckt, so mit einer Haltung, als wünsche er, dies möge dauern. Darum tat man auch viel später noch oft so, ließ es hingehen, hörte widerspruchslos zu, redete er mit herrischen Bewegungen vag daneben, hatte man aus Versehen nach einem „Eigentlichen“ gefragt. Er roch ja doch so vertraut und gut, mit den graublonden weichen Wellen draußen über der Stirn voll trotziger Löwenfalten, und man küßte ihn fieberhaft gern, obgleich er jähzornig schrie und einen viereckigen Daumen hatte; überhaupt lang nicht so mit allem in Ordnung war, wie etwa Butz, die Katze, und Iblis, das Reh. Aber das waren ja die wenigsten. Bei den andern ließ sich stets ein „noch“ hinzudenken.
Was für ein „noch?“ Sie grübelte: „noch schöner? Nein nochnocher, ganz einfach.“
Da war zum Beispiel das Matterhorn. Alle hatten im Sommer davor so überwältigt getan. — War man aber schon ein Berg, hatte man doch eigentlichnochsteiler zu sein,nochhöher, mitnocheckigerer Schulter, und mit einer solchen Eisnase hinaufzustoßen durchsBlaue, daß es in Sprünge zerkrachte wie ein Glasdach.
Die Dinge waren eben irgendwie faul und nie bis zu ihren eigenen Enden gegangen. Das hatte aber durchaus nicht immer etwas mit „groß sein“ zu tun ... Butz und Iblis waren klein und doch bis in ihre Enden gekommen und ganz rundherum wunderbar, daß man nie satt an ihnen wurde vor Zärtlichkeit und Entzücken.
Das also war das „Noch-nocher“. Außerdem gab es das „Eigentliche“. Von dem aber mochte erst recht keiner was hören; auch ein paar Jahre später die Lehrer nicht. Versuchte man es zu begreifen, hieß es, man sei begriffstützig und halte die Fleißigen nur auf. Lange weigerte sie sich einzusehen, warum eine Flaumfeder und ein Bleistück im leeren Raum gleich schnell fallen sollten. Das Gerede mit dem Luftwiderstand war doch nur Nebenschein, tief drinnen aber lag ein Unbegreifliches. Überall lag ein Unbegreifliches tief drinnen: das „Eigentliche“ eben. Wie im Ich und Nicht-Ich.
Auch magische Worte gab es, wie „Masse“ und „Substanz.“ Sie erregten einen oft so, daß man den Kopf in die Waschschüssel stecken mußte, führten aber doch nur zu Konflikten, bis man es gleich den andern Kindern weghatte, Lernen von Verstehen zu trennen, alles so glatt zu wissen wie die albernste Gans; es auch nicht mehr beanstandete, daß die Welt Dienstag und Samstag von zehn bis elf in „Naturgeschichte“ Jahrmillionen zur Entwicklung brauchte, und auf ihr aus einem Schleimpatzen, einfach durch „Überleben des Passendsten“ einmal etwas wie ein Elefant wurde, ein andermal etwas, das die Neunte Symphonie schrieb oder den Tristan, je nachdem; währendwieder alles, einmal der Woche von drei bis vier, beim Religionsunterricht, in sechs Tagen gemacht worden war, von einer heftigen älteren Persönlichkeit ganz plötzlich und ohne jede ersichtliche Veranlassung.
Als Kind eines eingewanderten deutschen Patriziers fanden die Religionsstunden, im Gegensatz zu dem gemeinsamen katholischen Unterricht der Schule, privat bei dem evangelischen Pfarrer statt. Man landete dort wie auf einer Insel von Gespreiztheit und durchgesessenem Plüsch, ohne recht zu wissen warum, schon allein durch die Art, wie Mama devot, verschroben und leer „Hochwürden“ sagte. Dann gab es Verse auswendig zu lernen:
Das Wort, sie sollen lassen stahnUnd keinen Dank dazu haben.Er ist bei uns wohl auf dem PlanMit seinem Geist und Gaben ...
Das Wort, sie sollen lassen stahnUnd keinen Dank dazu haben.Er ist bei uns wohl auf dem PlanMit seinem Geist und Gaben ...
Das Wort, sie sollen lassen stahnUnd keinen Dank dazu haben.Er ist bei uns wohl auf dem PlanMit seinem Geist und Gaben ...
Das Wort, sie sollen lassen stahn
Und keinen Dank dazu haben.
Er ist bei uns wohl auf dem Plan
Mit seinem Geist und Gaben ...
Sie hatte das nie begriffen. Da nicht, aber auch niemals später. Doch wozu diesen Greis, der so schon einen Stockschnupfen mit rotgewürfeltem Taschentuch hatte und einem — ließ man ihn in Ruhe — automatisch „sehr gut“ gab, durch Fragen entfesseln. Außerdem gehörte er ja zu den Leuten, die sterben. Schon als kleines Kind hatte sich diese Idee bei ihr festgesetzt: nur Leute, die zur Kirche gehen, sterben. So alte Weiber eben, die immer im Weihrauch lungern, mit Kerzen und Geplärr bei Leichenbegängnissen herumschlurfen. Ein gut und gradgebornes Wesen stirbt nicht. Wie könnte etwa Iblis, das Rehli sterben? Höchstens haaren. Dann bekam es eben ein noch glänzenderes Fell, und man grubdas Gesicht noch lieber hinein, wenn man, die Arme um seinen Hals, mit ihm aus der Heukammer in den Garten sprang, bis unter die Fichtengruppe beim Neptunbassin, wo Iblis seine lackschwarze Nase in die Leberblümchen steckte, sie rupfte und fraß.
Und gar Butz! Wie könnte Butz je auch nur so wässrig aufdunsen oder knotig vertrocknen wie Begräbnisweiber? Sie warf sich flach auf den Boden und betete Butz an. Es war eine lichte und festliche Andacht: lebendige Adoration, steigender als Fieber, tiefer als Schlaf, mit der alle bewunderte Bewegung in den eigenen Körper herübergesogen wurde. Denn sie hatte entdeckt: war man auch ein ganz alleines Ich, vermochte man doch Dinge in sich hereinzulieben nach Wahl, denn da war eine Welt von außen nach innen und eine von innen heraus; durch den feinhäutigen, zartherzigen Kinderkörper osmosierten sie hindurch und man meinte, einmal müßten sie sich zueinander küssen.
Jetzt war Butz dran, hereingeliebt zu werden. Bald hatte der Kater den Schwanz um sich getan, saß mitten in ihm wie ein Turm mit Ringmauer, sah ganz oben aus zwei grünen Scheinwerfern in Lichtkegeln um sich; bald strich er, schmäler wie sein Schnurrbart, durch Türspalten, schwanzhoch, lässig und einsam. Oder man nahm ihn auf den Schoß, streichelte sich die Herrlichkeiten seines Lebens hinein.
Andern Tags ergab es sich dann richtig, daß man den deutschen Aufsatz total vergessen hatte mit seinen zwei Themen zur Wahl: „Hausmütterchen, der Sonnenstrahl im Elternhaus“ oder „Kleopatra“ (Richtlinie: schade, daß in einem so schönen Körper nicht eine ebenso schöneSeele wohnte) und auch in der Geschichtsstunde dem Faktum, daß durch Margarete Maultasch Tirol an das Erzhaus gefallen war, eher fremd, um nicht zu sagen lieblos, gegenüberstand.
Bald hieß es: „dieses ewige Herumschmieren mit den Tieren im Garten muß aufhören. Es lenkt zu sehr ab.“ Schien ein System: bei allem Erhabenen, Hinreißenden, Holden, es verbieten unter der Devise: „es lenkt ab“.
„Unverstand in idealem Zusammenfluß mit Malevolenz,“ wie sie ein paar Jahre später diese Bestrebungen innerlich zusammenfaßte. Zeigte man Freude an etwas, ward es zu Erpressungen ausgenutzt, seine Entziehung angedroht; verbarg man deshalb seine Neigungen, hieß es: „pfui, ein Kind und schon so blasiert.“
„Warum spielst du nicht mit dem schönen, teuren Spielzeug?“ frug Mama. „Andre Kinder wären froh und dankbar ...“
Hinter diesem schönen, teuren Spielzeug aber lauerte endlos und heimtückisch das Aufräumen. Gar noch zum Schluß, wenn man jedes Stück schon so satt hatte. Butz und Iblis bekam man nie satt, und sie räumten sich selber auf. Oh, nur rasch groß sein, erwachsen sein, frei sein. Nicht mehr bis in seine Spiele hinein gezwungen werden, die verkappte Plage waren! Diese Großen aber sagten:
„Sei froh, daß du noch ein Kind bist, immer sorglos und glücklich.“
Und wie war das mit der Margarete Maultasch, he? Und das früher: nicht mit den eingeschlafenen Beinen baumeln und nur gefragt reden dürfen? Und gar jenes andre, von dem man nicht sprechen mochte, nein, lieber sterben! Jenes: in der hohlen Nacht schiefgekauert vorGrauen, ganz allein im Schwarzen liegen, wenn es sich in den Ecken ballt ohne Gegenstand und man es anfleht, nur nichts zu werden! Wo man die übermüden Augen immer wieder aufreißt, denn sie sind das letzte, mit dem man das in den Ecken noch bändigen kann. Ist man aber eben eingenickt, sofort wieder zitternd heraus müssen im Winterdunkel, mit Nebel im Magen, um übel vor Hast zur Schule zu stürzen, übernächtig in Angstschweiß ... jeden Tag und jeden Tag, Jahr um Jahr.
Selber wußten sie allerdings kümmerlich wenig anzufangen mit der unermeßlichen Macht und Wonne ihrer Erwachsenheit, diese Wesen, überzogen mit Trübe, Zähe und Verdruß. Taten immer so, als täten sie: unausdenkbar Wichtiges. Dabei war es gar nichts. Lauter schäbige, träge, unreine, störende, überflüssige Dinge. Warum wedelte Mama, zerzaust und verzerrt, mit einem widerlichen Lappen in der Hand, den halben Tag zwischen den Möbeln herum, wo doch das Stubenmädchen und der Diener dazu da waren? Eine böse und schweißige Märtyrerin des schönen Hauses, statt lieber durch die weiten, hellen Räume oder den Garten zu galoppieren und Reif zu schlagen. Warum hieß es „Ernst des Lebens“, wenn Papa am Kontorofen lehnte, die Zeitung las und rauchte, während genau dasselbe vor dem Speisezimmerofen getan „Erholung“ hieß?
Einmal geschah etwas zum Zittern Ekles. Nie zu Vergessendes: während die Köchin appetitlich dasaß, in grünweißer Schüssel reizende rote Radieschen wusch, griff Mama mit ihrer Hand — der eigenen nackten Hand — griff sie ganz von selber, ohne daß sie doch mußte, einemblutigen Hühnerkadaver von unten in den klaffenden Steiß hinein, ganz tief bis in die violetten, stankgeschwollenen Eingeweide, riß an den glitschigen, daß sie herausspritzten. Oh, wie es dann unter ihren Nägeln aussah!
Das Kind ballte die Fäuste. „Wer das über sich bringt, ist keine Dame mehr.“ Und fast weinend vor empörter Reinlichkeit: „nein, lieber verhungern.“ Papa war dabei gewesen, hatte es auch gesehen und doch begann er ihr nach Tisch mit jener reuigen Gedrücktheit schmatzend die Hände abzuküssen, wie immer, wenn sie zerlechzt dasaß und in schweißiger Überbürdung schwelgte, denn beide schätzten Szenen sehr. Seither war er für seine kleine Tochter nie mehr derselbe, war irgendwie herabgekommen. Sie fühlte dunkel: es gibt Hände zum Hühnerausnehmen und Hände zum Küssen. Beides, nein! Schmiegte sich von nun an seltener in seine Arme und aß Hühner überhaupt nicht mehr, erbrach sich schweigend immer wieder, wenn man sie dazu zwingen wollte. Hatte Mama etwas geahnt? Sich hinter Papa gesteckt? Plötzlich hieß es:
„Du bist jetzt groß genug, es wäre Zeit, der armen Mama ein bißchen in Haus und Küche an die Hand zu gehen.“
Sie fühlte die schmutzige Schlinge. Mit zusammengebissenen Zähnen, gefrorenen Mord im Gesicht:
„Dazu sind die vier Dienstleute da, überdies Gärtners und Portiersfrau.“
Man nahm ihr die Geige weg, verbot Latein und Griechisch, die sie privat betrieb. Auftritt über Auftritt. Mama stülpte polternd Keller und Bodengerümpel um,sank dann erschöpft in Sessel, rückte eine ausgearbeitete rechte Hand mit zerbrochenem Zeigefingernagel anklagend in den Augpunkt töchterlichen Mitleids, während Papa dräuendes Düster aus knochenüberhangenen Augen hervorschoß, bis schließlich alles zu einem latenten Dauervorwurf gerann.
Oh, wie sie Szenen haßte! Szenen deckten ja alles auf, und es hieß doch schon so genug vertuschen, damit es nicht herauskam, wie minder sich die Großen benahmen. Das aber sollte nie offenbar werden. Lieber warf sie sich mit ausgebreiteten Unarten rechtzeitig dazwischen, um eine auftauchende Hemmungslosigkeit, unvornehmes Gehaben der Eltern vor Fremden ins Erklärliche zu rücken. Fühlte sich irgendwie für diese Eltern verantwortlich aus ihrem Tiefsten heraus: dem Drang nach Reinheit. Wollte wie aus klarem Bade gestiegen sein. Setzte sich darum oft vor sich selber knirschend ins Unrecht; keineswegs aus Liebe oder Güte. Von letzterer hielt sie vorläufig nicht viel. War noch zu jung, vertrug die Dummheit nicht, die vom Guten zweiten Ranges ausstrahlt, verwechselte Güte noch mit Sentimentalität.
Einmal galt es, nicht nur Unrecht —, bitterer noch: das Odium des Ungeschmacks fälschlich auf sich zu nehmen. Es war am zwölften Geburtstag, als Mama das mit der neuen Zimmereinrichtung verdrehte.
„Du kannst sie dir selbst wählen, heuer zum Geschenk,“ hieß es.
Kühne Pläne wurden geschmiedet. In der Tanzstunde riet die gedunsene Valerie:
„Nimm Eiche mit Gobelins.“
„Nein, blaue Seide mit weißem Lack, auch ein Bidet aus weißem Lack mit Goldknöpfen dazu,“ drängte Olga, die den finnigen Teint hatte vom vielen Käseessen.
Das beneidete Geburtstagskind aber hüllte sich in seliges Geheimnis: „nein, etwas ganz Neues, ganz anderes, ihr sollt sehen. Und zu mir passen muß es wie das Haus zum Schneck.“
Mama sah die Entwürfe. Ja, aber auf dem Boden liege noch ein bedruckter Kreton, der müsse für die Möbel verwendet werden, auch zwei Vorzimmerschränke sollten herein. Schließlich ergab es sich, daß alles schon bestimmt war, lauter vorhandene Reste. Nur die Form der Sesselgestelle unter dem scheußlichen Blümchenkreton blieb ihrer freien Wahl überlassen. Sie hörte gar nicht mehr zu, was der Tapezierer schwatzte. Aus. Kein Kompromiß. Mochten sie machen, was sie wollten. Alles oder nichts ... natürlich wurde es dann immer „nichts“.
Zum Geburtstag kamen die aus der Tanzstunde mit Buketts, rümpften die Nasen. Jetzt Zähne zusammen und Kopf hoch; dann leichthin:
„So sei es gerade recht, so müsse es sein.“
Und sie warf sich vor diesen Kreton, vor diese Vorzimmerschränke, als wären es elterliche Mängel.
Abends aber hieß es in ihre verdunkelte und freudlose Miene hinein:
„Nicht einmal bedankt hast du dich noch bei der armen Mama und hat doch solche Mühe gehabt mit deinem neuen Zimmer, hat sogar da wieder alles allein machen müssen.“
Samstag von fünf bis sieben war Tanzstunde im Institut Crombée-Wokurka. Schon die Ankunft im Vorraum,ein kleiner Triumphzug für jede der sechs Eliteschülerinnen. Vom Salonschreibtisch, vor den verschlossenen grünen Läden, erhob sich im Gaslicht Madame Crombée-Wokurka, und unter der Mahagoniperücke fletschte ihr wunderbar falsches Gebiß schmeichelhaft Willkomm. An der Tür des Tanzsaales aber stand Monsieur Crombée-Wokurka selbst und seine Beflissenheit teilte vor einem die hopsende Plebs auf dem Weg zur kleinen Privatgarderobe der Auserlesenen. Er schwebte dahin wie der Ballon ihrer Babytage, denn sein Bauch schien lauter Luft. Aus ihm hingen die Beine herab mit krummen Lackschuhen als Gondeln. Ein leichter Auftrieb nur, ein Zephir, und er stiege zum Plafond, dort entlang zu bumsen, noch immer mit den Füßen trillernd.
In der Garderobe aßen die sechs Bevorzugten dann selbstherrlich Orangen und Bonbons, indes das Anfängervolk draußen in seinen Niederungen schwitzte, bis man es für gut befand, zu erscheinen und die hohe Paradeschule anhub: unechte Sachen auf der großen Zehe, ein kastrierter Fandango, dann Polnisches, Russisches, Schottisches, Indisches, Lappländisches, Dionysisches für den Mittelstand.
Und doch war jeder dieser Samstage ein kleines Fest bis zum Tag des Skandals mit der Frau Binder um Ernas willen. Schon zu Hause mußte sich Dunkles und Empörendes bei Binders abgespielt haben, denn von den Schwestern kam Erna, die halberwachsene, die nußbraune, sonnige, ganz verweint an, während Mimi, das kleine Aas, triumphierend die Mutter umschwänzelte. Später ein Streit um ein Paar Tanzschuhe, Mimi, weil im Unrecht, quietscht um Hilfe, lügt während der Tanzpausealles heimtückisch und verdreht der Mutter vor; die schleift Erna aus dem Kranz der Tänzerinnen, ohrfeigt sie klatschend unter Gekreisch vor aller Welt, Erna, zerschluchzend in Scham, stürzt zur Garderobe, gräbt den Kopf in den Diwan, riegelt sich ein.
Mitten unter beschwichtigenden Müttern sitzt roh und feig das Binderweib. Oh, wie war diese Person widerlich! Als risse sie den ganzen Tag fanatisch Eingeweide aus Hühnersteißen. Und das sollte Macht haben über menschliche Wesen?
„Sag’ Erna, sie hat herauszukommen — sofort hat sie herauszukommen, bring sie her, hörst du, Sibyl?“
Eine Verbeugung, ein lässiges Gehen. Dann wiederkehrend, eine zweite tadellose Verbeugung. Dann eisklar vor Empörung — über alle angeborne Scheu begafftes Zentrum zu sein, hinweg — in die verlegene Stille hinein:
„Erna wird erst kommen, bis Sie, gnädige Frau, sich anständig betragen.“
Zu Hause erzählte sie, noch ganz im roten Nebel gerechten Zornes das Geschehene.
Da verschrob sich auf einmal wieder alles in dieser unberechenbaren Erwachsenenwelt, und sie saß — wie damals im Wagen — bestürzt mit einem Bums selber in unabsehbaren Folgen: in einem Abgrund eigener Verworfenheit.
Man schlug die Hände zusammen. „Nächsten Samstag wirst du öffentlich in der Tanzstunde Frau Binder um Verzeihung bitten.“
„Aber Erna war im Recht, wir waren im Recht.“
„Ganz gleich, ein Kind wie du hat sich kein Urteil anzumaßen.“
Also Erwachsene durften sich unkritisiert Kindern gegenüber das Gemeinste erfrechen! Nicht nur, daß man nie Recht bekam, hieß es auch noch sich knirschend, mit gesträubten Nerven gegen besseres Gewissen demütigen, denn tat man es nicht, wurden die Eltern schreiend und würdelos; das mußte jedoch um jeden Preis verhindert werden.
Sie wünschte Frau Binder oder sich bis Ende nächster Woche glühend den Tod. Oder ging vielleicht die Welt rechtzeitig unter. Jetzt blieb nur noch ein Tag — eine Nacht — ein halber Tag. Schließlich die Hinfahrt. Stürzte doch ein Pferd! Bräche der Wagen! Gasse um Gasse, Eck um Eck kroch der Moment tödlicher Schmach heran. Schon die Treppe! Kaltgrünes Eis stieg das Mark hinauf, bittre Wasser quollen im Mund. Jetzt noch drei — zwei — eine Stufe; das Vorzimmer. Noch ein Hirnblitz Hoffnung: vielleicht fehlten Binders heute? Nein, dort standen schon die Galoschen. Keine Rettung — aus.
Die Qual dieses Samstags verseuchte alle die früheren, frohen — alle ferneren auch.
Aber konnte denn das schon das Leben sein? Diese unharmonischen Brocken, aufgereiht an einem Faden Angst. Sie gewöhnte sich, alles als unwirklich zu empfinden, als Fehler und irrer Vorhalt nur: lebte wie von einer fernen Küste her, ganz in Silberdämpfen der Phantasie. Lernte sich auch immer reiner und herber abgrenzen gegen das Vorläufige. Züchtete sich ausschließlich dem Eigentlichen entgegen. Es hatte doch auch sein Gutes, so ein ganz alleines Ich zu sein, nur aus sich selbst heraus veränderbar. Da schloß man sich zu und liebte bloß nach Wahl herein.
Zum Beispiel einen Barsoi.
Beim ersten Anblick des unvergleichlichen Tieres, das fremd und resigniert hinter seinem wiener Herrn schritt, geriet sie in tagelanges Entzücken, bekam feuchte Augen vor der Harfe dieses Leibes, dem durchscheinende Rippen gleich Saiten anlagen, ruhte auch nicht, bis sie die eingezogenen Flanken des russischen Windspiels am eignen Körper lebendig besaß. Eine Übung war dazu besonders gut: auf dem Rücken liegend, den Leib sichelförmig einsaugen, und in die Mulde das Gefäß mit den Goldfischen ausgießen. Konnten die Fische dann in dieser Beckenschale, ohne Grund zu berühren, flossenschlagend umherschwimmen, war es in Ordnung und ergab am aufrechten Körper den heißerliebten Kontur! Wenn nicht, änderte sie Nahrung, Bewegung, Atem, bis es wieder ging. Eine Kontrollübung, nichts weiter.
Einmal bekamen die aus der Tanzstunde es zu sehen.
„Du bist übertrieben,“ hieß es.
War etwas halbwegs wie es sein sollte, nannten sie es immer übertrieben.
„Du bist eine eitle Egoistin“ und Olga, die trotz finniger Haut vom Fettkäse nicht lassen mochte, blähte sich: „Man muß für andre leben. Ich werde für die Idee der Menschheit auf den Barrikaden kämpfen.“
Sie probierte vor dem Spiegel eine Jakobinermütze aus rotem Seidenpapier ...
„Und überhaupt kommt es auf die Seele an.“
Sibyl, die Jüngste, zog sich scheu und völlig unüberzeugt in sich selbst zurück. Fühlte tastend: weil Olga zu schwach und faul ist, vom Käs zu lassen, drückt sie sich an sich selber vorbei ins Gemeinwohl. Weil sie nichtdie Kraft hat, die Menschheit zuerst einmal am eignen Leib zu vervollkommnen. Eine Watschelgans bleiben und darauflos beglücken, wie billig; Seele? Eine saubre Seele, die noch nicht einmal imstande ist, sich eine reine Haut, edle Glieder zu machen.
„Ich glaube auch gar nicht, daß es den Männern gefällt,“ sagte die gedunsene Valerie.
Wollte sie denn damit gefallen? Nein, in Ordnung sein, ganz einfach: wie geputzte Zähne, polierte Nägel haben. Wozu deshalb Aufsehen und Getue? Merkte eigentlich immer erst an dem dumpf rindhaften Glotzen ringsum ganz jäh, wie wenig man dem nachfrage, was ihr wie Lebensluft: leicht und unentbehrlich.
Und verstummte dann meist; aus einem großen jungen Nebel von Scheu heraus, beinahe Scham. Mußte denn wirklich jede Wahrheit, die einem durch und durch ging, immer erst noch oben in diesem negligablen Schälchen Großhirn zu Argumenten gerinnen, damit sie gelte?
Waren Diskussionen nicht entweder vergeblich oder überflüssig? Spürte irgendwie beweislos, gleich einem Axiom: „so lang in meinen eignen Weichen noch ein Gran Fett, also: Träges und Gemeines sitzt, ist es einfach eine Frechheit, die Bürde der Selbstvollendung in Form von Gemeinwohl von sich abtun zu wollen.“
Seit dem Malheur mit dem deutschen Aufsatz war es mit den „ablenkenden“ Spielen im Garten bei Butz und Iblis ziemlich aus.
„Das schickt sich nicht mehr für ein so großes Mädchen,“ hieß es, „dieses Herumkugeln auf der Erde mit den Tieren.“
Niemand aber konnte sie hindern, dafür täglich beimDurchfahren des Hofes die Schultern des bronzenen „Eidechsentöters“, den Papa in der Fabrik hatte nachgießen lassen, inbrünstig in sich hereinzulieben. Das Jünglingsfreie, Feenfreie dieser Schultern, wie eines geflügelten Wesens, glänzte ihr jedesmal ins Herz, bis sie es auf geheimnisvolle Weise mitversponnen in ihr Blutnetz, durch eine Art von nun an das Haupt zu tragen, sich zu recken, wenn sie laut Pindar vor sich hinsprach.
Aber eigentlich war auch das noch nichts. Genau wie das Matterhorn konnte alles immer doch noch besser sein, sogar in seiner eignen Linie und: „in mir muß es besser werden“ ward zur Mission. Die harfenden Flanken des Windspiels, das Ruhen der Katze, das Äugen des Rehs, die Flügelschultern des praxitelischen Knaben; alles nur zu durchlernende Stadien, Mittel, um selbst das „Noch-nocher“ zu werden. Hieß „leben“ denn nicht einfach die Verpflichtung, eine neue Vollkommenheit in sich körperlich zu machen?
Alle seine Ideale direkt in die Materie zu säen!
Sich wie ein köstliches einmaliges Gefäß zu halten, dessen Schale nicht verbeult, dessen magischer Inhalt nie verunreinigt werden durfte.
Weit und breit tat’s ja keiner sonst, und um Himmels willen: endlich mußte doch etwas geschehen. So ward dieses junge Wesen, da es um sich keinen Idealtypus ausgebildet vorfand, gezwungen, die eigne Persönlichkeit überwertig werden zu lassen, beinah weinend manchmal in seines Herzens Andrang.
Die Eltern aber saßen Tag um Tag nach Tisch beiihrem ewigen stumpfen Schach. Herausschreien hätte man sie mögen aus ihrem Schach.
„Ich, ich, ich bin noch ein unlädiertes Exemplar! Un—lä—diert —, hört ihr! Noch ist nichts verdorben! Nicht helfen, oh Gott, nur hindern sollt ihr mich wenigstens nicht! Bitte, bitte nicht!“
Alles in ihr bäumte sich auf gegen die freudlose Routine, die verfaulten und schauerlichen Kindereien der Erwachsenenwelt. Wie war das Alter widerlich und verächtlich. Ohne Selbststrenge in seinem mürben Fleisch! Ein Weltbeben — würde doch der Sirius einmal explodieren — mitten in den schwarzen Kaffee und mitten hinein ins Schach!
Die Eltern sahen immer ratloser diesem Giraffen- und Windspielwesen zu, das kerzengrad, erbittert, stumm und über die Maßen wunderbar von ihnen wegwuchs. Es selbst aber ward jammervoll herum geworfen zwischen Schwachmut und Hochmut. Denn nichts ersehnt ja ein feinerer Mensch inbrünstiger, als nur Ebenbürtiges um sich zu haben; mehr noch: sich hinbreiten dürfen vor etwas, das besser ist als er. Glücklich nur in einer Welt, die ihn zum guten Durchschnitt reduzierte. Denn der sinnlich Wohlgeratene mag auch nur wieder Wohlgeratenes um sich dulden, anderes tut ihm zu weh in seinen Augen. Wer dagegen die Inferiorität seiner Umwelt mit befriedigter Eitelkeit, statt mit Qual und Scham konstatiert, gehört ihr selber zu, und ein Überlegenes solange hämisch umlauern, bis man glücklich einen Fehler, eine Lächerlichkeit, eine Schwäche daran entdeckt zu haben meint, ist untrügliches Pöbelmerkmal.
So wehrte sie sich qualvoll immer wieder, ihr Andersseinals Höhersein werten zu müssen. Vielleicht war alles falsch? Vielleicht ließ es sich doch noch abgewöhnen, oder ein Schleier wuchs einem vor den Augen, den allzu klaren, man sah nicht mehr wie kalt, unrein und träge die Welt ringsum war.
Erst vor der Wahrheit ihres vierzehnjährigen Aktes sank jeder Zweifel dahin. Hohe zarte Beine wuchsen aus allen Kleidern heraus, hoben sie höher, immer höher über Morast und Mob, lange Schenkel spiegelten durch die Scheußlichkeit aller Moden hindurch. Voll Ehrfurcht stand sie im Springbrunnen ihrer Glieder: dem hüftenlosen Strahl aus Milch und Silber. Wo er an den Flügelschultern in die Arme niederfloß, dort oben spielten in ihm zwei winzig harte Kiesel, von paradiesischen Wassern hochgeschliffen. Das Mädchen-Kind aber trank sich, berauschte sich mit zitternden Wimpern an diesem verwegenen, makellosen Strahl, zu dem es „ich“ sagen durfte.
Und war von nun an nicht mehr gemein zu kriegen.
Aber warum, um Himmels willen, sollte man denn nicht so, ganz so, durch die Welt jubeln und alle rufen und ihnen diese ungeheure Freude immerwährend in ihre Augen schenken? Nicht einmal Papa sah es richtig und Mama verstand ja nichts davon.
Damals erweckte sie die erste grenzenlose Hingebung und beging die ersteüberflüssigeInfamie.
In drei Zimmern, voll geretteten Strandgutes aus Lebensschiffbrüchen, wohnteMadame Paola Swoboda née comtesse de Noailles „leçons de conversation et littérature française“. Ölige Korkzieherlöckchen hingen ihr, gleich der Kaiserin Josephine, in die alternde Stirn.Aus dieser wieder hing an einem dünnen Stiel mit Zwicker eine gedunsene Nase herab. Groß, würfelförmig und unendlich einsam saß sie den ganzen Tag vor der einen Seite des Löschblattes. Auf der andern saß jede Stunde ein andrer Frischling dieser verachteten Tribus und zergrunzte die adorable Sprache Racines und Molières. Auf das Löschblatt selbst aber malte während der Lektion die schmale alte Hand mit dem Rotstift unaufhörlich Schnörkel, wie aus einer bessern Welt. Ganz aus dieser besseren Welt herübergerettet schien nur der kleine Finger mit dem wunderbar geschliffenen Nagel. Sie hielt ihn immer ängstlich weggestreckt vom Vierten und seinem Doppelreif der Witwenschaft, nach einem österreichischen Leutnant Swoboda aus Greislerblut. Eine romantische Seebad- und Entführungsgeschichte. Epilog: „leçons de conversation et littérature française,“ den ganzen Tag. Nur die Stunden vor und nach Sibyls Lektion blieben leer. Ein kleines Fest der Distanz zu Ehren der Lieblingin. Kein andrer Schüler durfte ihr Kommen kreuzen. Das bedeutete acht Stunden entgangenen Honorars pro Woche. Aber was machte es, saß nur dort wieder das Zauberkind mit den Zykadenbeinen und man durfte aus seinem Mund die eigne geliebte Sprache hören. Eine Blume, ein Bonbon bezeichneten stets die Stelle, wo weiterzulesen war. Später zerbrach sie sich ihren lieben alten Kopf, immer seltenere Proben der angebeteten Kultur aufzustöbern und war glücklich, wenn etwas davon, so so — la la vor dem hellen Giraffenkitz ihr gegenüber Gnade fand.
Dieses nahm der Madame Swoboda dafür ganzenpassantden lieben Gott weg und schenkte ihr zu Weihnachten, an seiner statt, einen leider ganz verlausten Papagei. Die alte Comtesse hatte ihr Leben lang den lieben Gott geliebt und Papageien gehaßt. Nun gab sie klaglos Gott dahin, weil die Lieblingin sich einmal mißbilligend über die Unsterblichkeit geäußert und schloß das ganz verlauste Paperl mit Entzücken in ihr großes, zartes, brennendes Herz. Blusterte sich „Coco“, während der Stunde auf ihrer Schulter hockend, auf, streifte sein Brustflaum nur ihre Wange, traten ihr schon Tränen der Zärtlichkeit in die Augen: „chérie adorée“, und sie berührte sein Köpfchen mit den Lippen.
Eines Tages traf Sibyl die Französin recht niedergeschlagen. Eine Todesnachricht.
„Mon oncle, qui était toujours si bon pour moi.“
Nun entfiel der monatliche Zuschuß aus Paris. Zwar war sie im Testament bedacht worden, doch bis alles erledigt, konnte der Sommer vergehen, man saß da in der heißen Stadt, konnte ohne Bargeld nicht aufs Land, trotz der Erbschaft.
„Wie unangenehm,“ sagte Mama, „nun ja, wenn du dein Erspartes dafür hergeben willst? Ich werde es ihr anbieten, als käme es von Papa und mir.“
Im Herbst war noch immer nichts erledigt. Madame Swoboda erbot sich, das Darlehen in Form von Lektionen abzutragen. Die Eltern nahmen an, wiewohl es Sibyls Taschengeld gewesen. Immer bedrückter wurde es in den drei Zimmern. Die Miterben hatten das Legat angefochten. Advokaten fraßen den Rest. Malheur mit Schülern kam dazu. Noch einmal half Sibyl heimlich aus mit allem was sie hatte. Heimlich, denndaheim war Panikstimmung. Das bürgerliche Gespenst des Angepumptwerdens ging schlotternd im Hause um. Papa stand wie vor einem Abgrund, bewegte stumme Lippen gegen einen unsichtbaren Belästiger, schüttelte dabei geniert und sauer das Haupt. Bei Mama war es direkt ein kopfloses Grauen, ganz wie im Theater, um vor Schluß rechtzeitig die Garderobe zu erreichen. Noch bei offener Szene drängte sie da, wie eine Gejagte, zum Aufbruch. Von der Mitte des letzten Aktes an war an sorgloses Zuhören nie mehr zu denken.
Einer eventuellen neuerlichen Bitte um ein Darlehen vorzubeugen, wurden die französischen Stunden abgebrochen; Vorwand: eine Reise. Wie vom sinkenden Stein die fliehenden Wellenringe, zog es sich jetzt von Madame Swoboda zurück. Warum eigentlich? Diese tolle und bedrohliche Erwachsenenwelt war immer voll solcher Sachen. Einmal gab Papa etwas wie eine vernichtende Erklärung dafür ab.
„Sie muß schon vorher vom Kapital gezehrt haben.“
Das klang wie: „seine eigne Großmutter gefressen haben“. Oder wie die Sünde wider den Heiligen Geist: auf alle Fälle das einzig wahrhaft Unsühnbare je und je.
Dennoch — dieser Abbruch schien zu unanständig — schickte Sibyl nach einem halben Jahr ein paar höflich liebe Zeilen, versprach einen Besuch, verschob ihn dann immer wieder unter der latenten Suggestion, vergaß schließlich ganz. Nach Monaten kam ein Weheschrei:
„chérie adorée,
pourquoi me faire autant souffrir? Quel supplice que cette attente!“
Aus Scham zögerte sie nun erst recht. Scheute diesmaldas Aufgebauschte der ganzen Situation. Wieder nach einem halben Jahr warMadame Paola Swoboda née comtesse de Noaillesstill, arm, einsam gestorben.
Die ersteüberflüssigeInfamie. Das kam davon, ließ man sich von Erwachsenen auch nur halbwegs in etwas wie Beeinflußbarkeit hineindupieren und überhaupt: „vom Kapital zehren“ konnte gar nicht so wie etwa „die Großmutter auffressen“ sein, gleichen Jahres tratschten es die Leute in der Sommerfrische doch auch von Papa. Allerdings war das Mamas Tun. Frucht ihrer zitternden Andeutungen von dubiosen Bergwerksunternehmungen. Gedrückt und machtlos schlich sie dahin: eine hilflose Frau eben, mitgerissen in den Ruin des halsstarrigen Gatten.
„Ich darf ja nicht klagen,“ klagte sie der Tochter — dann bitter: „es ist jaseinGeld.“ Rächte sich so, halb unbewußt, durch Kleinheitswahn für die peinliche Überlegenheit des erfolgreichen Gefährten, statt die Vorteile seines Arriviertseins froh mitzugenießen. Meisterin nur ineinerehelichen Kunst: „l’art d’être martyre.“
Ja, er hatte wirklich Verluste gehabt, Bruchteile seines jährlichen Einkommens betragend, ließ es aber aus Ärger oder Schwäche schweigend zu, daß reine Sparorgien anhuben. Sibyl angesteckt, getraute sich kaum mehr zu essen. Es war ein stillschweigender Ehrgeiz zwischen Mutter und Tochter ausgebrochen, die Rechnung im Restaurant täglich zu verringern, auf ein lächerliches Minimum zu reduzieren; schließlich aß man nur mehr jeden zweiten Tag zu Abend. Die Sommergäste stutzten. In gleichen ängstlichen Wellenkreisen, wie vor Madame Swoboda, wich es jetzt vor ihnen zurück.
„Sie fürchten sich, wir könnten sie um Geld angehen,“ und Mama rang die Hände im Schoß, mit der Miene verschlagenen Jammers. Dann begann sie zu weinen.
Dieselben Leute waren später ehrfürchtig erstaunt, in der Stadt, anläßlich eines Blumenkorsos, in ein Privatpalais mit großem Park und angrenzender Fabrik geladen zu werden, mit Stallungen, Wagen und Dienerschaft. Auch Sibyl schöpfte wieder Mut: „das alles gehört doch Papa.“
Die Mutter, in der Not der fast ertappten Hysterischen, tat geheimnisvoll. Dann schadenfroh flüsternd:
„Im Haus ist doch der Schwamm.“
Der Schwamm! Sibyl meinte förmlich zu sehen, wie ihr Heim aufrechten Leibes verweste, eines schönen Tages aus den Grundmauern heraus zu stinkendem Brei zerfiel, vor dem man ratlos auf der Straße saß.
Durch den großen Organismus dieses Haushalts lief immer Geiz in Krampfadern. Im Licht von vierzig Glühlampen ward am Zündhölzchen gespart. Wunderliche Hemmungen im Hausherrn selbst. Starre, Schwäche, Wahn, ihm anhaftend aus enger Jugend, lag dem allem zum Grunde. Ein Kuß, ein Scherz, anmutiger Spott hätten diese Restbestände vielleicht lächelnd aufgelöst, so aber verbreiterte sie das karikierende Märtyrertum seiner Frau wie mit Scheinwerfern über das gemeinsame Leben. Schon stumme Duldung einer Ersparnis wurde zu stummem Befehl umgedeutet, dem man mit leidender Beflissenheit zuvorkam, wie um weit Ärgeres auf diese Weise eben noch abzuwenden. Seine intimsten Irrwege fand er solcherart immer schon vorseiner Nase zu Chausseen ausgebaut; was Wunder, daß er sie mechanisch weiterging.
Einer alten nordischen Stadt entstammend, war er als Erster aus der Geschlechterkette von Gelehrten, Staatsbeamten, Ärzten, erobernd herausgetreten, in der Fremde die langgezüchteten Fähigkeiten lukrativ als Erfinder und Unternehmer zu verwerten. Kulturell Patrizier, materiell Parvenü, blieb der reine Ruf seines Blutes der Kargheit zugewandt, sein starkes künstlerisches Sehnen aber brach sich am Weltpovel dieser ganz von Gott verlassenen siebziger und achtziger Jahre. So schnellte er auch aus Trotz zuweilen wieder in die Kargheit zurück.
Ein jähzorniger, steckengebliebener Weltherr, dessen mächtiger nordischer Same durch den nichtigen Leib seiner hübschen Frau hindurchgeschlagen hatte, als wäre sie Nur-Gefäß, um in einem einzigen Kind geheimnisvoll sehnsüchtig sich selbst zu „überzeugen“. Oder rührte die Entstehung dieses Wesens schon an das Geheimnis, wo die Natur plötzlich zu „springen“ anhebt:fecit saltus. Das Beispiellose aus sich heraufwirft in einergeneratio spontaneaals neue Art, wie es im Reich der Pflanze sich zu offenbaren beginnt? Maßlos für dieses Spätgeborne war seine Eitelkeit, seine Liebe und sein Unverstand. Gewaltsam, instinktirr, barbarisch und sentimental dilettierte er an ihm herum. Entfachte Diskussionen, um seinen Stolz in dem leuchtend frischen Hirn zu sonnen, zugleich mit seiner Tyrannei, denn nahm die Polemik eine andre Wendung als er vorausbestimmt, oder ward er gar selbst in die Enge getrieben, verbot er seiner Tochter einfach den Mund, und um so heftiger, je hohler der formale Vorwand:
„Genug — kein Wort mehr — ein junges Mädchen hat sich nicht so apodiktisch zu äußern, das wirkt unbescheiden und abstoßend.“
Wie sie als Kind nicht hatte weiterfragen sollen als er wußte, so jetzt nicht weiterwissen als er frug. Empört tat sie unter so unfairen Bedingungen nicht mehr mit, lehnte Diskussionen schweigend ab, oder gab ausweichende Antworten. Nun verfiel er darauf, sie bei Tisch, wo Flucht schwieriger war, systematisch so lange zu reizen durch hämische Angriffe auf große moderne Geister, die er nicht kannte, aber mißbilligte, bis sie in zitternde Worte ausbrechend, sich wieder fangen ließ; denn hier war das ja anders als mit denen in der Tanzstunde; Papa wollte man nicht so ohne weiters aufgeben, wenigstens nichts unversucht lassen, ihn doch noch zu heben, zu entwickeln. Hätte es nur nicht immer gerade bei dieser barbarischen, gemeinsamen Esserei sein müssen, mit ihren trivialen Vorwänden zum Unterbrechen:
„Die Leber vielleicht etwas brauner rösten, das nächste Mal ...“ oder:
„Nimm noch von der Paradeissauce.“
So trieb dieses verhaßte, nichtige Erwachsenengewäsch stets Keile quer in die Gedankenrichtung hinein: gerade wenn man mit glühenden Ohren im Kühnsten und Herrlichsten gewesen.
Reitstunden begannen. Der Pferderücken wurde Ziel ihrer noch diffusen jungen Sinne. Ein Gefühl kam sie da an von Göttlichkeit, wenn ihr liebkosender Wille allein, ohne Hilfen durch Ferse oder Hand, übersprang als schäumender Galopp in die große fremde Kreatur, die zitterte, bis das Fell der Kruppe zu glänzen begannwie reife Kastanien. Und der Sturm des Sprunges erst. Wie war das schön! Sein triumphierendes Arom nach Tier, Lohe, Leder, Hürde, nach verdichtetem Frühlingswind.
Man grinste: „Reiten! Natürlich. Will sich einen Grafen fangen, die kalte Streberin!“ Der Stallmeister verschwor sich, seit der Kaiserin Elisabeth sei so etwas an Begabung nicht dagewesen, drang auf hohe Schule, gab sein Bestes. Der väterlichen Eitelkeit jedoch genügten ein Dutzend Ausritte pro Saison, um in den großen Alleen angestarrt zu werden. Weitere Abonnements wollten erbettelt sein, gaben ihm dann das Recht, war er gerade schlechter Laune, zu rohen Anspielungen, die Kosten und dubiose Rentabilität einer Tochter betreffend. Da kam es wieder über sie wie am zwölften Geburtstag bei der Zimmereinrichtung: alles oder nichts. Kein Kompromiß. Und gab das Reiten auf. „Undankbar und unbescheiden“ nannte es Papa.
„Man sieht Fräulein ja gar nicht mehr zu Pferd?“ frugen die Herren aus dem Tattersall, freudig Unrat witternd.
„Es langweilt mich,“ log sie, dem Weinen nah, um Papas Schäbigkeit zu decken, preßte die Nägel dabei ins Fleisch vor Schmach.
Man schüttelte die Köpfe:
„Nein, was dieser Backfisch schon blasiert ist!“
„Und wie unerträglich affektiert,“ ergänzten die Damen. „Schauen Sie sich nur diese Bewegungen an.“
Und man schnitt mit triumphierendem Daumen längliche Biskuits von idealer Schlichtheit in die Luft. Optimisten meinten zwar: „vielleicht wächst sich das noch aus.“Hielten sich mehr an Milch und Silber der siebzehnjährigen Blondheit, denn wiewohl sie abfällig gereizte Erregung auszulösen begann, gab man nichts verloren. Vielleicht ließ sich dieses unbequeme Phänomen, tat man ihm schön, doch noch meuchlings — schmeichlings — zu dem degradieren, was hier gefiel, oder das Unfixierte an ihm war wenigstens noch herunterzuretten ins Rasselose.
Fern wie ein Birkenwipfel sah das Mädchen-Kind über das alles hinweg, dachte nur erstaunt:
„Wozu ernähren sich eigentlich die Leute? Schade um alle die Engel von Kälbern, den herzigen Salat, von den Radieschen ganz zu schweigen. Das ist doch wie es liegt und steht bei weitem erfreulicher als der Zellhaufen: Regierungsrätin Dostal, oder Herr von W., oder Frau Dr. K., in den es sich dann umsetzen muß.“
Eines Tages erschienen ein paar Herren in Hof und Stall. Besichtigten alles, vermaßen alles; in der Mitte ein Ausgemergelter mit Geierschnabel und schöngebogenen, harten Krallen: Pferdegraf und Käufer der Realität. Zimmer, Statuen, Garten kümmerten ihn wenig, schlief und aß ja doch mit den Roßknechten im Heu. Aber ging es aus, im Hof die Viererzüge zu wenden, deren er vierzig hielt? Darum drehte sich alles. Ja, es ging aus. Mama schlich, die Faust an den Mund gepreßt, herum.
„Wenn er nur nicht dahinterkommt, daß der Schwamm im Haus ist.“
Nach Monaten noch konnte sie ganze Nachmittage unter Angst setzen, von Schadenersatzprozessen schwärmen, denn: „Schwamm bräche Kauf.“ Ihre ewigen Klagenüber Kosten und Mühsal so großen Haushaltes hatten schließlich den Gatten vermocht, sich von dem geliebten Barockschlößchen Hildebrandts zu trennen. Nun konnte ihre Tyrannei der Schwäche den überragenden Mann und das viel zu herrliche Kind in eine Mietwohnung ducken. Schwammersatz würde sich schon finden lassen.
Sibyl, in verkrampften Nächten, gab sich zum ersten Mal ganz der Onanie des Leidens hin. Kein Eigenheim: also kein Reh, keine Katze, keinen Garten: keinen Fleck Leben mehr! Man grinste:
„Jetzt ist es wenigstens aus mit der ewigen Tierschinderei. Soll ja da eine ganze Menagerie gewesen sein.“
„Was, Sie wissen nicht? — Aber das ist doch stadtbekannt. Ins Wasser geworfen, gepeitscht, gebraten hat sie die armen Kreaturen ... häuserweit war’s ja zu hören ... und auch sonst noch ... Die Frau Regierungsrat Dostal, die doch danebenwohnt, hat erzählt ... na, ich sag’ Ihnen ... mit dem großen Hund ... Sie verstehen.“ Die Herren zwinkerten. Die Damen konnten es gar nicht fassen, ließen es sich denn auch immer wieder erklären und sinnfällig dartun.
Papa brummte, es wäre ihr ja freigestanden, weiter hier zu wohnen, als Herrin sogar. Der neue Besitzer hatte sie zu Pferd gesehen.
Da hob das Mädchen-Kind, statt aller Antwort, nur ein ganz klein wenig die Brauen, im unbesieglichen Hochmut einer Siebzehnjährigkeit, die sich nur von der Phantasie bespringen läßt. Dieser Roßmensch? Der fuhr mit seinen Viererzügen doch irgendwo ganz draußen, vor dem Leben herum! Gehörte noch gar nicht zum „Eigentlichen“, ein fehler und irrer Vorhalt, wie das Übrige.
Ihr unruhig schlafendes Blut aber träumte davon, alles Würdige zu umarmen: Götter, Tiere, Ideen, Taten. Einer Dreieinigkeit aus Dionysos, Buddha und Newton hob es sich springrot entgegen, mit Hilfe des alten „Noch-nocher“ aus der Babyzeit: noch höher, geschmeidiger, weiser, glühender, reiner werden. Dieser Trieb nach Reinheit, bis in die entlegenste Minute hinein, begann ihr etwas von einem jungen Gralsritter zu verleihen. Von diesem lichten Doppelgänger kam ein beflügeltes Schreiten, eine Schwerelosigkeit an den Grenzen der Flamme, des Schleiers, der Welle. Auch im Straßenschmutz sollte der Saum des Schuhs noch ohne Makel bleiben.
Doch sie war so ein ganz alleines Ich — nicht hilflos — aber ohne Hilfe und begann daher allmählich aus jenem vollkommenen Zustand der Gnade zu fallen, als welcher allein das reine Befolgen des Instinktes ist; wollte jetzt wissen, warum sie recht hatte, suchte nach Gründen, letzten Endes also nach einem Rechthaben vor der Welt, somit leicht angesudelt.
Es war eine Philosophie der Schlankheit, die sie sich da zurecht gelegt hatte: Das Wesen des Lebens sei Bewegung. Bewußte, aus Innervationen erfließende Bewegung, im Gegensatz zum Toten, das sich nicht bewegen könne ... Demnach müsse alles Dichte, was der Durchflutung mit Geist entgegenstehe, als fehl empfunden werden, vollendet hingegen jener Kanon der Glieder, der die leichtest zum Ziel strebende Bewegung ermögliche ... also Langbeinigkeit, Schlankheit (größte Übersetzung bei kleinster Speichendicke) ... Das Lebendigste, jenes, in dem der Geist als Anmut schwinge, wieim Wimpel der formgewordene Wind. Fett sei demnach eine schwere Erkrankung oder ein Charakterfehler. Im Wohlgeratnen müsse es unaufhörlich restlos zu Temperament verbrannt werden.
Nicht aus ihm, nicht aus wucherndem Bindegewebe wollte sie bestehen, sondern aus Tausenden winziger Herzchen: den Muskeln, deren jedes das Leben wirkt.
Der ganze Körper eine Herzprovinz!
Man grinste nicht mehr. Von nun an war sie irgendwie eine dauernd Angeklagte, begann wie Scheidewasser auf ihre Umwelt zu wirken: wer etwas Schönes hatte, mußte es ihr geben, der Gemeine sein Gemeinstes an ihr auslassen.
Mit gezückten Operngläsern setzte man sich vor diesem anhebenden Leben zurecht, wie im Theater vor einer Skandalpremière, hielt auf alle Fälle das Schamgefühl parat, in der Hoffnung, es gröblich verletzt zu finden.
Das Mädchen-Kind begriff nicht. Vor ihr war immer zwinkernde Beflissenheit, drehte sie den Rücken, flog es wie feige Bestien ans Gitter, sie fühlte das mit einer Art empörter Bestürzung, bekam etwas Steiniges und wäre so gern weich, sonnig und höflich gewesen.
Mama hatte keinen rechten Schwammersatz finden können. Suchte endlich in sich selbst, stöberte eine beginnende Stoffwechselerkrankung dort auf und begann sie mit Hingebung auszubauen.
Das Leben wurde zur Bühne der Dekrepidität.
Unkontrollierbare Schmerzen brachten Gatten und Tochter um den Schlaf ihrer Nächte. Die freie Hand über einen Stock verkrümmt, hing sie sich im schnellfüßigen, bewegungshungrigen Mann fest, machte ihn durch die gähnenden Gärten der Kurorte schleichen bis er, psychisch hilflos wie ein Bernhardiner und voll Engelsgeduld, sich jedes normalen Lebenstempos zu schämen gelernt. Auf der andern Seite trug Sibyl mit hängenden Flügelschultern Plaid und Luftkissen. Plötzlich klagte es vorwurfsvoll durch die wehleidige Öde:
„Heitre uns auf. Jugend ist zum Aufheitern da.“
Besonders hinfällig gestaltete sich stets der Eintritt in Speisesäle, mit Stehpausen aus verbissenem Schmerz. Scharf grün blieb ihr Blick dabei auf jede Miene des Gatten zentriert — wehe wenn er zuckte. Dann weinte sie oben der Tochter vor:
„Er geniert sich. Es ist ihm peinlich, mit einer Leidenden gesehen zu werden.“
Hinter dem Rücken des Einen verleumdete sie den Andern. Kam es heraus, steckte sie sich hinter den Arzt: „Was, einer Kranken Vorwürfe.“ Stets schlau bedacht, beides zu genießen: die Rechte der Vollsinnigen zugleich mit allen Vorteilen der Unverantwortlichkeit. Die Nachteile blieben den andern. Über jeder lebendigen Regung hing als Damoklesschwert die Herzlosigkeit, und nie hätte der Mann es wagen dürfen, sich der unappetitlichen Fron des ehelichen Schlafgemachs zu entziehen, in dem seit Jahr und Tag für ihn weder Ehe noch Schlaf war.
Sie kannte Sibyls Haß und Verachtung für FrauBinder, seit der erzwungenen Abbitte im Tanzinstitut, und es gelang ihr unschwer, sich in die manische Überzeugung hineinzusteigern, nur im Hause Binder könne sie gesunden. Man solle die edeln, gütigen Menschen um Gottes willen anflehen, sie auf ein paar Monate als Gast aufzunehmen — mit Sibyl natürlich — ohne ihr einziges Kind ginge sie zugrund. Dieses knirschte vor Verzweiflung, solch bornierten und anmaßenden Spießern zu Dankbarkeit verpflichtet zu werden für alle Zeit, sie, die von niemandem, den sie nicht mochte, auch nur eine Handreichung annahm, oder das Odium des Muttermordes auf sich laden!
Das alles geschah weniger aus Boshaftigkeit, als um der eignen Person gesteigerte Bedeutung zu erschleichen. Da sich die Effekte abstumpften, griff sie mit der Zeit naturgemäß zu immer bedenklicheren Mitteln, ihre Lieben in Angst und Friedlosigkeit aufgescheucht zu halten. Schließlich blieb nur noch die Todeskoketterie wirksam übrig. Eines Tages sagte sie Datum, Stunde und Minute ihres Hinscheidens genau voraus, arrangierte das Szenarium, wies jedem seine Funktion zu. Sibyl wurde, als die Zeit kam, mit einem Batisttüchlein hinter den Lehnsessel postiert, ihr den Todesschweiß von der Stirn zu wischen, doch eben im Begriff, sich in ein wohlgeratenes Herzkrämpfchen hinaufzusentimentalisieren, ergab es sich, daß man heimtückischerweise die Uhren falsch gestellt, sie um ihre Todesstunde geprellt hatte.
Endlich eines Nachts versuchte sie es mit Veronal. Sah schon die „scène à faire“ vor sich: andern Tags die zwei Bösen, Freien, zerknirscht vor dem Bett ins Knie gebrochen und sich selbst von den herbeigeeilten Ärztengestützt, noch schwach aber unendlich rührend, die Lippen bewegen:
„Ich wollte fort. Ich bin euch ja doch nur zur Last.“ Und ohne Worte, nur mit stummem Blick, um die Übeltäter vor dem Personal zu schonen: „So weit habt ihr es glücklich mit eurer Herzlosigkeit gebracht.“
Sie vergriff sich aber in der Dosis — nahm genug. Der Vorhang hob sich nicht wieder.
Es war nach dem Trauerjahr, bei einer großen Teegesellschaft. Da trat ein Mensch zur Tür herein. Niemand kannte ihn. Um niemanden kümmerte er sich. Ging pfeilrecht mit nachtwandlerischem Lächeln auf Sibyl zu und blieb vor ihr stehen. Nicht wie einer, der etwas zu sagen, sondern zu hören kommt.
Er war jung, gradhaarig, schmächtig, doch von der verdrechselten Knorrigkeit van Eyckscher Engel, wie mit einem trotzigen Feigenblatt geboren. Aus der Haut einer Hostie sahen Augen des Illuminaten. Das Zahnbein war schlecht. Der Anzug unauffällig korrekt.
Johannes der Täufer imfrock coat? Aber sie war verschüchtert, ja, erschüttert von dieser zähen Gradheit. Angelus: der Bote fiel ihr ein. Frug schließlich, als er unbekümmert weiter schwieg:
„Was kann ich für Sie tun?“
„Es wäre eher an mir, so zu fragen, da ich zu Ihnen entboten bin.“
Er sprach herbe schlesische Mundart. Die Silben kollerten als kleines Urgestein aus seinem jungen Mund, der dabei eckig anzusehen wurde. Dieser Fremdlingstand da — wie aufgetaucht — beladen mit den Morgengaben einer unbekannten Tiefe vor ihr, als sei sie die einzig lebendige Seele in der ganzen Welt. Er klärte nichts auf. Manches ergab sich, erriet sich, andres blieb: ein dunkler Reiz. Sie sprachen durch Stunden. Die Leute ringsum zogen am Rand ihrer Sinne in einem ganz andern Medium dahin, wie in den Wasserwürfeln der Aquarien bewegter Schleim zieht. Er machte sie spüren, sie sei behütet, irgendwie auserkoren, von geistigen Führern erwartet. Er, deren Bote und Mittler nur. Worte wie Sterne fielen auf sie nieder, von herber dunkler Glorie. Sie fing ein Jegliches mit dem Herzen auf, denn ihr Hunger nach Seele war sehr groß.
Gabriel Gruner hieß der Fremde — nein: der Bote.
Wieder schossen die Silberdämpfe der Phantasie auf. In Tag- und Nachtträumen warf sie sich hinein. So gab es doch eine magische Brücke ins „Eigentliche“! Gab Schlüssel, die Reich auf Reich erschließen durchverborgene Kräfte im Menschinnersten selbst!
Mit seinen Holzschnittgebärden, mehr als mit Worten, hatte Gabriel Gruner an all das gerührt. Wie von fern, unnahbar der Rede, mystische Übungen angedeutet, die den Körper so von innen heraus verwandeln sollten, daß lebendige Zeichen am Fleische sich bildeten: Marksteine gleichsam auf der Vergottung Pfad. „Und sehen sein Angesicht,und sein Name wird an ihren Stirnen sein.“
Nie hatte sie Bibelworte so sprechen gehört. Seine Art ragte wie ein Magnetberg herein in den seichten Aufkläricht, die passive Intelligenz, den Unernst ringsum. Da sagte einer dies, der andre das — keiner sah aus wie das, was er sagte.
Endlich ein Ausweg. Loszukommen aus dem Leben ohne Tod. Ohne das heilige junge Gebilde zertrümmern zu müssen, das sie behüten durfte, und dessen Kniekehlen ihr verehrungswürdiger schienen als das Himmelreich.
Doch in welch eine Existenz war es gefallen. So voll Sonnigkeit sein und immer hinter innerlicher chinesischer Mauer, immer aus Notwehr in die Isolierzelle des Niveaus gesperrt bleiben müssen. Nur mit zusammengebissenen Zähnen war es eben noch zu ertragen gewesen. Aber konnte man denn anders? Läßt sich in kaltem Eiter atmen? Wo alle ihre verfaulten Jugendwünsche wie petrefakte Fötusse in sich herumschleppten, boshaft geworden an ihren feig verhaltenen Früchten! Fliehen mit dem geretteten jungen Seelenleib aus solcher Welt. Wie leicht mußte es sein, ganz auf sie verzichten.
Und Sibyl nahm sich Gott vor, mit Überspringung aller Zwischenstufen.
Sprang Gott an wie eine junge Löwin. Bei IHM würde man endlich in Reinheit geborgen sein, denn: „Da wird nicht hineingehen irgendein Gemeines und das da Gräuel tut und Lüge, sondern die geschrieben sind in das Lebensbuch des Lammes.“
Eigentlich wäre ihr ein andres Tier und Kraftsymbol lieber gewesen. Nun also gut: „Lammes.“
Hätte auch gerne den Boten befragt, warum das innere Wort, als welches die geistige Wiedergeburt des Menschen wirkt, trägt und vollendet, gerade hebräisch sein müsse? Dem fremden Buch einer fremden Rasse in fremden Gleichnissen entschöpft? Flottierte der verborgeneGeist nicht frei und ward je nach der Menschenart anders in jeder offenbar? Doch klang das nicht wieder trivial, roh, vorlaut, undankbar? Endlich bewundern, vertrauen, gehorchen dürfen, wie war das schön. Sie forschte auch nicht, als eines Tages der Bote geheimnisvoll verschwand, wie er gekommen. Fühlte ja förmlich den Ort der mystischen Bruderschaft: deutsche Herbe, Enge, Handwerk, Wald, dort in Gabriel Gruners schlesischer Grenzheimat, wo der Vater Organist gewesen.
„Man muß den Schild der Armut über die Schätze des inneren Lebens halten,“ war alles, was er von sich gesagt.
Das gab es also wirklich! Auf demselben Gestirn mit Gasrechnungen, Ex- und Import, Hundesteuer und Leitartikeln.
Brief über Brief kam voll Weisungen für die jüngste Jüngerin. Es war ein Werben ohne Werbung. Aus verborgenem Licht schlug sich ein Regenbogen von ihm zu ihr. Seine manische Sicherheit war frei von Anmaßung, denn hinter ihm stand mehr als Sterblichkeit, und das süße große Du brach ihnen aus gemeinsamer Jüngerschaft als seine erste Knospe auf.
„Mein geschwisterlich Gemahl im Geiste — zeitlos atmen mit Dir,“ schrieb er einmal.
Noch andre Briefe kamen. An Papa. Mit Insinuationen. Das Auftauchen dieses Fremden war nicht unbemerkt geblieben. Eines Tages fand sie ihre Korrespondenz erbrochen; die widerlichste Szene folgte. Denn es ist eine indezente Wahrheit, daß die hoffnungslose Eifersucht von Vater zu Tochter, weil körperlich rein, umso gewissenloser mit allen psychischen Begleiterscheinungen der Ausschweifung, als da sind: Gewalt, Arglist, Betrug, Wortbruch, Verrat, in Form vonElternpflichtsich auszutoben sucht. Das jungfräuliche Kind steht nun empört, begreift nicht, weil kein grimmes Glück die Kette der infamen Nervenspiele je durchstößt und ihnen Sinn gibt.
Der junge Nebenbuhler wiederum kommt heil nur an dem leidenden Vatertier vorbei, befriedigt er maßlos dessen Eitelkeit, da wird es resigniert satt und still.
Über Sibyl aber ergoß sich nun eine ganze Marlittiade: wie Papa vermeint, eines Tages müsse ein Goethe, der zugleich Vanderbilt, englischer Herzog und französischer Botschafter, in einem Auto aus den Wolken fallen als sein Schwiegersohn. Die Tochter mochte bis dahin auf Eis liegen oder sonstwie Neutrum sein, wie es gerade für ihn am bequemsten schien.
Jetzt, bei der ersten Abweichung von diesem naiven Programm, beging er gleich das Allertörichteste: drohte, da sie minderjährig, mit der Polizei. Zurückbringen würde er sie lassen im Fall einer Heirat und den Mann wegen Entführung verhaften. Trieb Sibyls Selbstachtung damit in einfait accomplihinein, wo bisher nur immateriell jungfräulicher Rausch gewesen.
All dies unwiederbringlich Zarte, das Edle, Einzige, Innige, alle Keuschheit erster Liebwerdung hing jetzt: ein abgehäuteter Seraph wie zwischen ausgespreizten Viehkadavern in einem Schlächterladen in seinen cruden Worten. Da sammelte sie sich in ihrer Trauer und Empörung, schwang sich wie eine Lanze — und traf — traf — traf —, den Menschen, den Vater, den Mann. Sagte,was sie nie gewußt, hellsichtig vor leuchtend intelligentem Haß, in Worten von leiser, blanker, tödlicher Mißachtung.
Und weinte und weinte dann auf ihrem Bett, fassungslos entsetzt über die Schöpferkraft des Hasses.
Zwei Jahre lang wechselten Vater und Tochter kein Wort. Am Tag ihrer Großjährigkeit ging sie aus dem Haus und ließ sich mit Gabriel Gruner trauen, war so erschüttert dabei, daß sie ihr eignes „Ja“ überhörte, es später nochmals stammelte, taumelnd von dem cherubinischen Hochzeitsflug: dem Flügel an Flügel durch die anwachsende Glorie fließen, ohne Trennung, ohne Tod, lotrecht auf den Fluten des Strahls — bis zu Gott. Das sollte die Ehe sein.
Ihre scheuen Knabenkörper kannten einander kaum.
Schwarzgekleidet bis zum Hals saß Gabriel in der Sonne und sagte:
„Es fehlt dir an Demut.“
Seine Macht war sehr groß; ging aus von der verborgenen Morgengabe hinter dieser breiten, bleichen Stirn. Sobald er sprach, lag ihre Seele quer über seinen Knien und die flutende Empfindung spülte jede Vision herauf, deren er bedurfte.
Bei diesem Wort: Demut aber stockte die schöpferische Hingabe. Langsam stand sie auf, wie ganz wo anders. Ihr Gesicht schwebte in die Höhe, kantig wie ein Windenkelch und plötzlich von heidnischer Eleganz.
„Demut!“ Das Wort mußte doch jedem Menschen mit Selbstachtung irgendwie widerstehen. Ja: hätte er„Ehrfurcht“ gesagt, das wäre etwas anderes gewesen. Demut ist Ducken, Ehrfurcht sich aufrecken zu Gott.
„Gut, gut, man weiß schon: „wir sind allzumal Sünder und sollen nicht wider den Stachel löcken.“ Und ich sage mindestens drei Lügen an einem einzigen Vormittag und verunreinige sie auch noch mit Wahrheit, daß es einen Sudel gibt, und da ist kein heiligster Augenblick, in dem ich nicht auch ein klein wenig an meine Frisur gedacht und kein Erkenntnisrausch, den das Wort „Jause“ nicht ganz freundlich unterbrochen und daistkein geliebtester Mensch, dessen Tod ich nicht spielerisch ausgekostet und durchprobiert hätte. Aber das schießt alles wie Sternschnuppen rechts und links vorbei. Innen steh’ ichohne Demut, bis in die Seelenspitzen aufgereckt in Sehnsucht nach dem Reinsten, und so sehr kann ich wollen, daß mein Herz aus der Brust greift und es sich nimmt.“
Sie hatte die ganze Zeit geschwiegen. Gabriel Gruner bekam seine manisch hellseherische Knorrigkeit:
„Man darf nie etwaswollen. Wer nicht mehr will, zu dem kommt alles.“
„Dann braucht er es nicht mehr,“ sagten die zwei störrischen Sternsaphire oben in dem kantigen Windenkelch von heidnischer Eleganz.
„Nur solang ich mich danach zermartre, brauch’ ich’s. Nur solang jahrelange herzzersprengende Sehnsucht sich, fahl vor Ungeduld, an unsichtbaren Widerständen schluchzend zerstört: da mitten hinein hat die Erfüllung zu brechen oder sie ist nichts.“
Etwas Taubes war in seine Haltung gekommen. Das, was sie „das Feigenblatt vor dem Kopf“ nannte.Als wiche zur Strafe ihrer Störrigkeit die verborgene Verheißung hinter seiner Stirn weit von ihr zurück.
Nein, nur das nicht. Sie warf sich ihm nach. Gab alles Eigen-Sein, überhaupt alles Sein auf, übte Demut und versuchte die Sehnsucht zu verlernen.
Der geistige Führer war ein Doppelwesen. Hieß Scheible und Radinger.
Jeder für sich war nichts. Stiller, ländlicher Handwerker in schlesischem Walddorf. Zusammen bildeten sie ein magisches Zwiegeschöpf, dem Seherschaft eignete, inneres Schauen, Führertum. Ob ihre Körper dabei räumlich getrennt, blieb belanglos.
Im Alltag war Radinger: der Schreiner am Dorfplatz, weitaus der Bedeutendere: von intelligenter, schlichter Großartigkeit, dem Selbstporträt Dürers ähnlich, doch mystisch ohne Schöpferkraft. Das „in den Geist kommen“ hub stets in Scheible an, einem alten Flickschuster, von kläglicher Wortarmut, unbeholfen, auch bresthaft. Nur wenn diesen kleinen Greis — in seiner Werkstatt oben am Kirchenhügel, die er selten verließ — Starre und Traum befiel; wenn er, gleichsam horchend über den kreißenden Geistkeim in sich gebeugt, dasaß, dann begann es aus Radinger in Sturzgeburten zu reden, als das „innere Wort“. Das „innere Wort“ gab auch jedem Schüler den ihm eignen Geistnamen. Das Lebendigdenken dieses „wahren Namens“ sollte allmählich den Leib, den „alten Namen“ verwandeln zu Geist. Angeblich unverkennbare Anzeichen äußerer Art am Körper: wie Wundmale, Linien, Buchstaben begleiteten diesenverborgenen Werdegang. Markierungen auf dem inneren Pfad, vor jedem neuen Gipfel und Ausblick. Diese Vorgänge durch Übungen wecken, ihr Kommen voraussagen, den Schüler rechtzeitig lehren, wie er sie auswirke, durchlebe, überschreite, war des mystischen Führers Mission.