Später, als Rama-Krishna genug vom Leben verlernt hatte, um „gelehrig“ zu werden, trat er in den englischen Staatsdienst: ins Colonial Service mit Pensionsberechtigung nach dem hundertachtzigsten Jahr. Damit war es zwar wieder nichts, seitdem er zu Elchos gekommen, aber dafür galt man hier mehr als Freund und Ratgeber des Hauses.
„Liebes, großes Rüsselschwein, so sieh einem doch einmal in die Augen,“ und Gargi versuchte, durch Rama-Krishnas Sehfeld gleitend, seinen kurzsichtigen Blick zu fangen. Es schlug fehl. Da berührte eine schwebende Spitze ihre Schulter: die zweifingrige Rüsselmuschel, aus der es satt und lau duftete, wie aus einem Riesenfaß voll Met. Es war eine Liebkosung von überraschend zarter Weisheit, verklärtem Hedonismus. Aus flaumiger Nähe, die keusch das Berühren ins Ätherische hob, küßte er Arabesken aus Hauch über ihre Haut. Gargi verstand. Machte die Kinderarme knochenlos und muskelhaft geschmeidig, wie das Wunder des grauen Nasenarms vor ihr. Nun begann es in den Lüften: schwebendes Spiel dreier Schlangenkurven. Jede an jede funktionell gebunden, einander nie berührend, schufen sie reizende Raumgebilde aus unwägbarer, reueloser Lust.
Kurzsichtig oder nicht kurzsichtig, nein, mit so einem Rüssel ist niemand zu bedauern, und eine Elefantenkuh sein, muß auch seine Meriten haben.
Es kam naturgemäß die Zeit, wo zwei Körper der schöpferischen Phantasie nicht mehr genügen konnten. Auf einem Eiland von Frühling, ineinandergeschlossen zu einem Block von Glück, waren sie bisher gewesen. Unter ihnen trieb das Leben, daß sie wie auf Kelchen standen — blühte an ihren Gewändern hinauf bis zu verstreuten Sternen im Haar. Um sie keine Welt mehr, nur Gold.
Schritten sie jetzt Hand in Hand dahin, zuckte es allenthalben im Äther rundum auf. Frohe Flammen, die langhin durch ihre azurnen Adern gingen, leckten hinüber in andre Wesen, und Freudenfeuer grüßten zurück: liebe Helfer für die strahlenden Zwei. Ein körperlicher Liebeszauber ging von ihrem jungen Wandel aus, Entzücken für Menschen, befähigt, Empfinden sogleich in lebendige Anmut umzusetzen, und die, welcher Kaste immer zugehörig, der Essenz des Daseins mit so weisem Brauche zu huldigen gewohnt waren, daß vor jeder bindenden Vereinigung von Mann und Frau,Er—Ihreine Banane,Sie—Ihmeinen Mango sendet; als Maß ihrer erotischen Wesenskerne. Ob sie zur Erfassung und Erfüllung für einander geschaffen.
In den westlichen Zimtgärten begegnete ihnen einmal eine Straßenkehrerin von solchem Wohllaut der Gliederung, daß sie trunken innehielten. Sonne fiel durch einen krokusgelben Sarong, in dem die Nahende als Docht in der Flamme stand. Sie schien fast ohne Schwere. Nur so viel der Last, als Kraft bedarf für ihre allerbesten Spiele. Unter den Sohlen ward ihr der Staub zu tragendem Sperlingsgefieder. Aus der Schmalheit ihrer Kniee ging sie auf Flaum dahin, im Klingen der Choorees: der Kupferspangen; nach rechts und links die Blätter von den Wegen fegend. Ihres Füßchens Ferse hinterließ keine sichtbare Spur; die erbsengroßen Mulden der vier Zehen — die kleinste berührte den Boden nie — aber waren so rührend abgetieft, so vollkommen gerundet, daß Horus niederkniete, die Innigkeit des Abdrucks mit dem Finger zu umlaufen. Und ihrer immer mehr wurden es: bei jedem Schritt fiel wieder so ein Feenhuschauf den Sand. Aus ihren Abständen, in den Raum hinauf, ersann man dann des Dreiecks süßen Scheitel sich hinzu, aus dem der Schritt entsprang.
Eine zahme Antilope ging ihr nach, in geschwisterlichem Anstand. Der sternigen Stirn des zarten Tiers entstieg klirrendes Gehörn. Messingamulette spielten um die Männlichkeit des sanften Hauptes, um eine Tönung höher abgestimmt als der Herrin dumpfere Kupferfesseln.
Es wollte Abend werden. Inne hielt die junge Frau, breitete ein dunkel- und weißgeflecktes Fell der Axishindin, wie einen privaten, kleinen Sternenhimmel, neben dem Brunnen aus. Begann in der Haltung der Sandalenbinderin am Parthenon den Staub von sich zu baden. Dann — einen Fuß noch gesteilter auf dem Brunnenrand — lag der Schenkel als Sehne dem Abdomenbogen an, der edeleingewölbt, sichelförmig hoch darüber hinging.
Und des Phidias selige Kore verplumpte, ward unmöglich daneben.
Tiefer beugte sich die Badende. Erfrischte eine Kette aus Tempelblüten, die lang vom Halse niederfiel, neben der hanfenen Schnur. Die Luft war von silbriger Feuchtigkeit. Steigernder Geruch lebendigen Zimtes, heraufgerissen durch Wurzel und Stamm, bis er lanzettscharf aus Blattspitzen brach, trieb kühne Abkehr jeglicher Erdenschwere durchs Blut. Als brauchte man nur blaue Adern ausspannen, um vibrierend an doldenüberstürzten Wipfeln sausend still zu stehen, wie die Honigvögel dort oben, wenn sie mit langen, gekreuzten Nagelscheren aus Gold tief hineingriffen in flammichtes, grelles, malvenkühles Geschlecht, daß duffer Fruchtstaub aufflog.
Nun wandte das Wesen am Brunnen auf sanftem Hals den diademgestirnten Kopf: aus ihrem Haarknoten, der auf dem langen Nacken schwamm, lockten sich winzige Flocken frei, umstanden als Fest und Feier die fünfkantige Stirn. Nun hatte sie das kindliche Paar aus dem Hause der „Beleberin der Herzen“, wie Diana Elcho bei den Eingeborenen hieß, erkannt.
Wie um eine Kostbarkeit bat Gargi um den Besen. Ging denn das an, aus einem Ding niedrigster Verrichtung ein Instrument solcher Anmut zu machen, solcher Augenweide?
Und die Diademgestirnte zeigte es: von Schulter zu Fingerspitze müsse es laufen, sei eigentlich nichts anderes als Freude, so fein fühlen zu können, daß die Enden des Besens immer nur Blätter träfen — nie Sand. Kein Körnchen dürfe auffliegen. Wie der ganze Körper mitschwingen müsse und etwas an sich haben von der Kunst des Rutengängers; auch sei es rätlich, seine Besen selbst zu binden. Fertiggekaufte taugten nichts. Gargi ward einer versprochen aus Pisangrippen mit federndem Bambusstiel. Dann sei es viel leichter. Denn es ergab sich, daß es nichts weniger als leicht war. Freilich, einfach Schmutz fliegen machen, rechts und links, das konnte jeder. Das war Sklavenfrohn. Dann sah man aber auch anders aus dabei.
Sie ruhten am Brunnen. Nun wandte die Diademgestirnte dunkle Augenblüten in klaren Schalen Horus zu. Sah ihn zum ersten Mal an. Ganz groß, ganz tief. Gönnenden Wissens voll. Er überküßte sie: mit aufreizenden und wieder beruhigenden Küssen. Plötzlich ganz neuen, niegewußten, während Gargi, die holdenFüße der Fremden im Schoß, mit ihnen spielte, als wäre jede Zehe ein kleines Feenweibchen, auf Seidenkissen zur Liebkosung bereit. Nun legte er die Diademgestirnte auf seine Arme. Den linken ganz umspült von ihren Sprunggelenken und Gargis Glieder wie Schleier über seinen Rücken fließend, riß es ihn nach vor; den Kopf in der Fremden Schoß gewühlt, daß sein leichtes Haar wie eine Anemone auseinanderfiel, warfen seine Zähne Anker in der ewigen Bucht. Wo aber dies sein Haar warm im Nacken auseinanderfiel, entstand zwischen zwei gebräunten Sehnen aus betörender Männlichkeit eine winzig harte Mulde. Flaum silberte in ihr. Dort trafen sich in einem kleinen Gruß die zärtlich entrückten Hände beider Frauen.
Als ein ungemeines Glück empfanden sie die mächtige Potenz dieser immediaten Annäherung. Noch scheu, ganz steil heraufgerissen werden in Intimität mit Überspringung aller Zwischenstufen, nur der des Taktes nicht. Denn irgendwie blieb jene ehrfürchtige, diskrete Distanz, mit der man Fremdheit ehrt — auf die sie Anspruch hat — die blieb bestehen. Auf unbegreifliche, nur dem Takt begreifliche Weise standen noch Formen und Schalen makellos. Nur war aus jeder dieser gesitteten Menschenschalen deren tiefster Kern unwiderstehlich hinübergewallt in die geheimnisvolle Dimension der Wonne. Auch dort gesetzlos nicht — nur anders eben.
Dann nahmen sie die Diademgestirnte in ihre Mitte — Schwertlilien ihrer Schenkel spielten dahin — führten sie dem Hause zu: den Bäderhallen des Erdgeschosses, den Ruheräumen. Nur in die samtnen Wände führten sie auch diese nicht. Keinen von all den heißen Knaben-und Frauenkörpern, die durch ihre Arme gingen und die sie erkannten: im einzigen Sinn, da Erkenntnis zwischen Sterblichen für einen Augenblick möglich ist oder — scheint.
Kamen oft in dieser Zeit zu Ganapati Sastriar: dem Märchenerzähler. Immer wieder gut, wie im Schatten der Weltesche, ruhte sich’s in seiner machtvoll-breiten Unzüchtigkeit.
Hockend am Fuß seiner Träume, erzählte er. Verkaufte Früchte dazwischen. Aß, was er nicht verkaufte, selber. Lebte doppelt: vom Erlös und Nicht-Erlös zugleich. War so dick, weil er immer im Schatten saß. Kein Sonnenstrahl durfte ihm das Fruchtfleisch der Bananen wieder aus den Poren ziehen. Schien aus einem süßen, prallen Stoff gemacht. Manchmal blieb ein kleines, nacktes Kind stehen, steckte den Finger an ihn, meinend, er schwitze Zuckerharz gleich einer Palme; klimperte dann enttäuscht mit seinem Aramudhi, dem Lendenamulett, zwischen den Beinen davon. War Ganapatis Mehlsack: die Brotfrucht, weg — der Mango auch —, nicht die dünnste Ananas für ihn übrig geblieben, pries sein Mund jene asketischen Bräuche, vor deren Macht alle Götter zittern, dann sprühten aus seinem Schlund ungeheuerliche Kasteiungen der Sadhus, wie Kraft aus einem Krater, bis die drei Reiche erbebten vor seinem Mangel an Obst ... Oder seine Lippen funkelten von Dhruva, dem Polarstern:
„Der König Uttanapada hatte zwei Frauen, von jedereinen Sohn. Einst saß der König auf dem Throne, auf seinem einen Knie das Kind der Lieblingskönigin Suruchi. Das sah Dhruva, sein zweites Kind, und voll Sehnsucht nach gleicher Zärtlichkeit, versuchte es des Königs andres Knie zu erklettern. Doch die Lieblingsfrau wies es mit höhnischen Worten zurück. Scham schlug in sein kleines Herz gleich dem einsilbigen Blitz, stumm ging es hinaus, hielt die Tröstungen seiner Mutter von sich ab und sprach in seiner großen Empörung:
‚Ich will aus mir selbst so hohen Rang erreichen, daß des Königs Thron und sein Knie und auf seinem Knie mein Bruder Uttama tief unter mir liegen sollen, und das für immer, nur erreichbar ihrem Gebet; ob ich gleich nicht von Suruchi, der Lieblingsfrau, geboren bin, sondern von dir, und du, meine Mutter, sollst meine Herrlichkeit schauen.‘
Dann ging dieses Kind von fünf Jahren aus der Stadt bis in den Dschungl. Dort saßen sieben Munis auf schwarzen Antilopenfellen; von ihnen erbat es Rat.
‚Prinz, die Kraft deines Willens ist über uns,‘ sprachen sie und neigten sich ihm. ‚Wir müssen dir den Weg zum Ziele zeigen: er ist in dir. Tue alle äußeren Eindrücke, tue Sonne, Mond und Sterne von dir ab, tue den jungen Frühling aus deinem Herzen, die äsenden Antilopen aus deinen Augen, die süßen Gräser von deinen Lippen, die singenden Erze von deinen Ohren. Lösche alles aus und für immer. Die furchtbare Leere aber lege um dich wie einen Gürtel, bis du entworden. Dann versenke dich in das Eine Tag und Nacht: das „Seiende“, in dem die Welt ist. Presse dein Bewußtsein des „Seienden“ hinab, bis wo am Grund der Wirbelsäule,dreieckig zusammengerollt, Kundalini wartet: die schlummernde Gottkraft in allen Wesen. Auf sie laß die nach innen gedrehten Sinne wie ein Brennglas glühen, versenkt jetzt alle in das Eine, das „Seiende“, bis Kundalini sich aufzurollen beginnt und durch die Wirbelsäule steigt und steigt ... Hat sie endlich den tausendblättrigen Lotos im Haupt berührt, so zwingst du das Seiende, du selbst zu sein, aus ihm heraus aufs neue zu werden, was immer du willst. A. U. M.‘
Dhruva zog sich an die Ufer des Jumna zurück, tat, wie ihm die Munis geheißen. Tag und Nacht, ohne Nahrung, ohne Schlaf vibrierte sein ungeheurer Wille einwärts gewandt in ihm, erweckte Kundalini, verwandelnd seinen Leib, daß er durchsichtig ward wie ein Schatten und Vishnu zwang, in ihm offenbar zu werden. Als aber das geschah, ward er auf einmal so schwer, daß die Erde das Gewicht des winzigen Asketenschattens nicht mehr zu tragen vermochte.
Verstört suchten die unteren Götter auf jegliche Art Dhruva aus seinen Devotionen zu reißen. Umsonst. Da flehten sie zu Vishnu um Hilfe:
‚O Vasudeva,‘ klagten sie, ‚wie der Mond Tag um Tag an seiner Scheibe wächst, so wächst dieses unbezwingliche Kind, kraft seines Willens, in übermenschliche Macht hinein. Wir wissen nicht, wonach er strebt: ist es der Thron Indras, die Herrschaft der Sonne, oder sind es die Schätze der Tiefe, die ihn reizen. Erbarme dich, Herr, nimm den Alp von uns, mache, daß der Sohn des Uttanapada abläßt von seinem Tun.‘ Da stieg Vishnu in Person herab, mit Dhruva zu verhandeln und gewährte des Asketenkindes Wunsch: für immerso hoch zu stehen, daß nur Gebete ihn erreichen, indem er Dhruva zum Polarstern des sichtbaren Universums erhob.“
Manchmal wieder ward Ganapati Sastriar flammicht ritterlich in seinen Fasten, erzählte den strahlenden Haß der Prinzessin Amva von Benares:
„Um Bhishma zu vernichten, hatte sich die holde Tochter des Königs von Kaçi jahrelang den furchtbarsten Kasteiungen unterworfen, bis ihre Macht groß genug geworden, um dem Gott Mahadeva das Versprechen abzuzwingen: nach ihrem Tode solle sie ungesäumt als Krieger wiedergeboren werden, der den unbesiegbaren Bhishma schlüge. Mit dem Wort des Gottes ging die Lotosfüßige an die Ufer des Yamuna, häufte und entzündete einen Holzstoß, bestieg ihn sodann im Angesicht aller großen Rishis mit dem Ruf: ‚Zu Bhishmas Vernichtung‘.
Doch die Flammen bogen rundum aus vor ihr, daß sie unversehrt im feurigen Kelche stand, und es kräuselten sich die Lippen des Rauches und sprachen: ‚Oh, Lotosfüßige, wir wollen so Holdes nicht vernichten.‘
Da ließ die Prinzessin den reinen Haß aus ihrem Herzen flammen, entzündete eins ihrer Glieder nach dem andern an ihm und verbrannte aschelos wie ein Diamant. Stürzte ungesäumt ihre Seele in den härtesten Schoß, tauchte aus ihm als junger Kriegsheld, unter dessen gnadelosen Händen der sterbende Bhishma noch einmal in das Auge der Amva von Benares sah.“
Keine Scheibe der Horcher heute. Sie waren enttäuscht. Dann getröstet: „Oh, er macht ‚neti Karm‘, da wird abends seine Nase neu sein und seine Kehlefreundlich.“ — Aus jedem Nasenloch hing dem Märchenerzähler ein gedrehtes Seil von ungesponnener Baumwolle; die andern gewachsten Enden, innen bis zur Nasenwurzel hinauf und hintüber durch den Rachen gezogen, kamen wieder beim Mund heraus. Wie Zügel hielt er alle vier in Fäusten, zog sie ab und auf, her und hin. Stunden dauerte die Reinigung.
Abends erzählte er wieder, um ihn die Scheibe der Horcher wie das Blatt um den Lotos: „Die Episode der tausend Jahre“:
„Unübersehbare Zeiträume schon hatte die Rivalenschaft in der Askese zwischen dem Kshatriyakönig Vismavitra und dem Brahmanen Vasishta gewährt. Schließlich hatte der furchtbare Kshatriya elf unerhörten Kasteiungen durch elf Jahrtausende obgelegen, aber immer noch hatte er die Brahmanenschaft, deren er zum Endsieg über Vasishta bedurfte, nicht zu erringen vermocht, seine Macht aber war bereits ins Unermeßliche gewachsen. So beschloß er, seinem Gegner wenigstens zum Tort, einen gewissen Trisanka, den die Priesterschaft in Bann getan, wie er da war in seinem menschlichen Fleische, unter die Himmlischen zu erheben.
Diese verweigerten seine Aufnahme. Da drohte Vismavitra in seiner Wut einen zweiten Indra zu machen — oder die Welt ganz ohne Indra zu lassen — ja, er begann bereits vor den erstaunten Göttern neue Gestirne und Sternkonstellationen aus sich herauszuschleudern. Da gaben die Entsetzten nach. Doch immer noch nicht zufrieden, kehrte der unermüdliche König auf den Himalaya zurück, um in der Triebkraft seiner furchtbaren Devotionen fortzufahren. Da erkannte Brahma, sokönne das unmöglich weiter gehen, und er sandte nach Menaka, der allerbesten seiner Nymphen, sie möge den Meisterasketen ablenken und sein Karma zu beflecken suchen, auf daß der bedrohliche Berg seiner Verdienste dahinschmelze in Lust. Menaka erbat hundert Jahre Frist, um noch schöner zu werden, denn ob sie gleich allen ohne Fehl dünkte, erwuchs ihr eben aus der eignen Vollendung auch wieder um so höheres Wissen um neue Vollkommenheit.
Als die Goldgliedrige — endlich mit sich selbst zufrieden — vor Vismavitra erschien, verließ er sogleich alles, um mit ihr der sechsundsiebzig Arten des Liebesgenusses zu pflegen. Bald war ihre Liebe die des Hengstes mit der Gazelle: jene die Sehnen der Knie von rückwärts im Sprung Genießende. Oder es war die Bespringende des Löwen — die des Marders mit der Schlange — auch die der Schlingranken, Vögel und Dämonen. Doch niemals des Hasen mit der Elefantenkuh, weil diese Art der Liebe unter allen Umständen zu vermeiden ist.“
An dieser Stelle legte sich Ganapati Sastriar breit in die Sielen der Erzählung. Er hatte ausschweifende Gebilde aus elastisch dehnbarem oder auch herb stoßkräftigem Stoff ersonnen — nur spannenlange Zauberwesen, mit denen er die Vorgänge zwischen der Nymphe und dem König zu erläutern pflegte. Doch ließ er sie dazwischen oft lange ruhen, um von den wunderbaren Gesprächen der beiden zwischen der Liebe zu berichten. Denn ist eine Frau weise, dann schmeckt ihre Weisheit süßer als die Brahmas, weil der Speise ihrer Weisheit noch die entflammende Drogue „Anmut“ beigemengt ist. Das wußteauch der große Sankara Acharya, denn er unterbrach eigens einmal seine Inkarnation, um auf kurze Zeit den toten Körper des Königs Amru zu bewohnen und solchermaßen vorübergehend der Königswitwe Gatte zu werden, damit er in den Stand gesetzt würde, aus eigner Erfahrung mit Madana, der Frau eines Brahmanen, Zwiesprache auch über Liebesdinge pflegen zu können, dem einzigen Wesen, das er an weiser Rede nie zu besiegen vermocht.
„Du warst vorhin bei der neunundsechzigsten Art der Nymphe Menaka, den Sonnenschirm des Liebesgottes aufzuspannen,“ sagte Gargi.
Und Ganapati ging über zur siebzigsten und einundsiebzigsten ... „Nach der sechsundsiebzigsten aber waren tausend Jahre in Liebesekstase vergangen. Da verabschiedete Vismavitra die Nymphe sehr freundlich und sprach zu ihr: ‚Sage Brahma, ich danke ihm, daß er mir nur vom Allerbesten, was er besaß, gesandt, wohl wissend, daß einzig du, Goldgliedrige, mich von meinem Ziele abzulenken die Macht besitzen könntest.‘
Dann gab er ihr noch bis zum Rand des Mondes das Geleit, empfahl sich ehrerbietig, kehrte um, setzte sich wieder auf den Himalaya und begann neue Reihen noch nicht dagewesener Kasteiungen, so daß die Berge anfingen, davon zu glühen. Hielt seinen Atem an die tausend Jahre lang. Da stieg Rauch aus seinem Haupt zur großen Konsternation der drei Welten, denn alle Regionen fingen an durcheinander zu stürzen, kein Licht schien irgendwo mehr, und die Götter flohen in Angst zum Herrn der drei Welten:
‚Hilf, Mahadeva! Denn es hält sonst der Entsetzlicheden Atem an, bis dieser an Länge gleich geworden dem Ein- und Aushauch Parabrahms, der die Schöpfung ist. Dann vermag der Entsetzliche mit einem Einhauch die Schöpfung und alle Götter in sich zu saugen und eine neue Schöpfung mit neuen Göttern im Aushauch aus sich zu stoßen.‘“
Da aber drehte Ganapati Sastriar plötzlich auf dem Absatz der Erzählung wieder um, denn er hatte noch eine vortreffliche Zärtlichkeit der Nymphe Menaka in der „Episode der tausend Jahre“ zu schildern vergessen.
Eines Tages zog Gargi sich von ihrem jungen Gatten zurück. Verlangte nach der Sitte indischer Damen von Stand an einer bestimmten Wende des Blutes nach abgesonderten Frauengemächern, die der Herr des Hauses bei Tage nie und auch des Nachts unangemeldet nicht betritt. Wo sie in Ferne und Geheimnis sich jedesmal für den Entbehrten bereitet, wie für einen fremden Gott. Pfauenäugiges Nachtgeschöpf am Zaubergewirk aus Trieben und Hemmungen: Bauherrin — Dichterin — Bildnerin am ohnegleichen Werk hoch über aller Wissenschaft und Kunst: Liebe. Des Nebeneinander entratend um des Ineinander willen. Sie durften sich ja jede steigernde und edle Künstlichkeit gestatten, ohne Furcht vor Entfremdung, Dank ihrer Kinderehe, die lang vor dem Zentrieren der Sinne sie zu Nachtgeschwistern versiegelt.
Denn es ist gewiß, daß unabhängig vom Nur-Geschlechtlichen, durch Schlafvermischung allein, aus einem tieferen Eros her ein Etwas kommt: unerforscht, verhangen mit Geheimnis, und doch, gewaltiger wie Umarmung, mächtiger wie Tag und Tat, die Wesenskerne der Bewußtlosen ineinander zu ketten vermag zu einem dunklen Zwiegeschöpf. Hat sich dieses erst einmal gebildet und fährt das Schwert eines Schicksals dann hindurch: bis zum Tode gehen die Entzweiten herum, wie mit einem Schnitt durch die Persönlichkeit, ja aus dem Schnitt heraus blutet neue Bindung: ein Band aus hartem Blut, stärker als Leidenschaft — länger als Gewöhnung.
Ohne dürren Instanzenweg der Überlegung, von dem die köstliche Glätte ihrer Stirn nichts wußte, hatte Gargi die Zeit ihrer Entrückung gewählt. Sie, nicht Horus, auch Diana Elcho nicht. Denn sie war eine asiatische Dame, somit für die Essenz des Lebens gebildet — nur für sie.
Wenn man will, ein rein weibliches Dasein.
Verstände sich darunter:
Generationenlang nie einer Trägheit nachgegeben haben und nie einer Gier. Um der Anmut willen viel getan haben an zarter Mühsal. Viel gelassen, um des Geschmackes willen.
Vom fünfzehnten Lebensjahre bis zum Tod nie zu-, nie abnehmen im Dienst geschmeidiger Glätte und nie eine derbe Speise berühren im Dienst des Duftes.
Mit einem durch Jahrhunderte geklärten und durchglühten Blut die Sehergabe des Schoßes erwerben. Als Hüterin des köstlichen Potentials zu entgleiten verstehenohne Entfremdung, auf daß die süßen Wasser der Sehnsucht sich wieder sammeln.
Wissen, wie jener unentrinnbare Haß der Übernähe zu lösen, damit auch die Qual noch ihre Stelle unter den Seligkeiten finde. Die Abstürze kennen, zwischen: Liebe — Erotik — Orgiasmus — Ehe. Über sie alle hin mit fragilem Arm die kühne, junge Brücke schlagen, an deren Ende schon die Hand den Gefährten mit warmem Druck erwartet, und auf dem Frühlingszweig des Armes jubelt noch sein Kuß.
In den seltenen, vielgliedrigen Festen des Blutes nach Ergänzungen suchen, die sie selbst nicht bieten kann. Mit und an ihnen sich abschatten oder entflammen. Die Liebe über den Geliebten stellen, damit das Weltenkunstwerk des Entzückens sich vollende. Und erkannt haben, daß ein Eros, der dieses Namens wert, auf jedem Instrumente anders spielt, und daß die Flöte nichts der Geige raubt.
Ein rein weibliches Dasein: an der Feinheit der Polygamie frei — großartig — taktvoll — und weise geworden.
Im zweiten Jahr nach dem Frühlingslauf zur „Höhle der weißen Träume“ sah Horus nur einmal seine Frau bei Tag. Es kam so:
Diana Elcho lag flach auf dem Bauch in der Halle und spielte mit dem Spektrum.
Pendelte den Wasserspiegel im halbgefüllten Kelchglas linde vor sich auf und ab. In ätherischen Kanten schlug die Sonnenpyramide hindurch, schlug ihre winzige Farbengarbeauf die Hand der Frau. Ein Cabochon am kleinen Finger daneben verschleimte — ward unmöglich. Nur ein Edelstein: Licht, schon verunreinigt durch Erden. Sie streifte ihn ab. Auch die Hand nicht hell genug. Sie suchte nach anderer Foliierung. Wollte den Sonnenbruch ins schmerzhaft Herrliche heben. Papier — Seide — Porzellan? Suchte passives Weiß, nicht spiegelnd, nicht körnig, nur gleich und rein. Über Alabaster endlich wuchs — wie von flüssigen Brillanten getragen — das winzige Band zu solcher Intensität in einen Paroxysmus des Glanzes hinein, der betäubte. Sie spürte ihr Herz.
Die anderen kamen, kauerten herum, spielten schauend mit. Ein kleines Insekt aus der Luft knallte seine Chitindeckel zu, schlenderte zu Fuß verblüfft durch die flimmernde Wandelbahn von Purpur nach Violett; an der unstofflichen Wonne des Gelb lutschte es ein wenig. Sie nickte ihm zu, sah auf:
„Gut haben’s die Ganzkleinen. Schönes ist immer so groß für sie. Ihnen wachsen fugenlose Häuser aus elastischem, leuchtendem, duftendem Stoff, mir sieben Jahre Mühen, bis sich nur das Furnier der Bibliothekslambris restlos schloß. Der da aber geht gar in den sieben ersten ‚Taten des Lichts‘ spazieren. — Wir sind zu groß. Reines reicht kaum für den kleinen Finger; der Rest tunkt schon wieder rundum in den Sudel.“
Und dann bekam Diana Elcho langsam ihr großgewordenes Kindergesicht.
Van Roy lächelte Horus in die Augen:
„Das wird ein Nachspiel geben.“
Sechs Monate später lud sie beide in den neuen Annex am südlichen Park. Umplankt von freiwilliger Diskretion,war sein Inhalt Geheimnis geblieben. Passierten das Atrium, glitten auf eine Rundbank in der lichtlosen Apsis aus silbrig-finsterem Labrador. Die dreht sich mit ihnen langsam hinein in ein alabasternes Riesenei: nur Raum, strahlender Materie voll bis zum Rand. Wabernde Spektra, dick wie Wildbäche, stürzen in ihn und lautlos zueinander, von äußeren Spiegelreflektoren durch Prismenbänder längs der Wände rundum hereingebrochen in das lebendigweiße Ei. Eiskalter Staub von süßem Wasser fängt die Spektra in der Luft — hält sie schwebend im Raum. Kühlt zugleich.
Doch es ist zuviel. Die Blicke werden hart, erstarren in einer Lichttrance zu Stein. Der Reiz dieses leeren, beziehungslosen Glanzes steigt zum Bersten an; schreit nach Zentrum — nach Kern.
Da kommt aus dunkler Zwillingsapsis gegenüber die Erlösung. Durchsichtig wie Libellenschatten. Zittert vor Sonne. Legt opalisierende Hände weich vor sich auf die Farben, wie trinkende Vögel. Kommt auf langen, zarten Schenkeln durch die fließenden Edelsteine gewandelt bis in die Mitte des Raums: steht nacktklar im gewalttätigen Licht. Schräg schlagen Flimmersäulen von Purpur bis Violett hart durch den feinen Körper, durch Hals — Herz — die fingerdünnen Weichen hin: ein junger Büßer steht gepfählt an ein geheimnisvolles, sehr wonniges Martyrium, das er auf weißen Lidern trägt.
Dann weicht die Luststarre allmählich holder Ungeduld und magischem Sang der Glieder. Was rhythmisch wechselnd von Strahl zu Strahl durch die Farben gegangen, ist jetzt ein neues, ganz liebliches Gemüt — dem Licht nicht mehr entgegen. Es wiegt und spielt sich, löst sichganz, zu schwingen, heller wie Geist, in strahlendem Äther, wie die gleitende Welle im Leib eines diaphanen Meergeschöpfs: Sylph vom fließenden Licht.
Es schaute der Knabe Adorant. Und die zerfallenen Hälften der Welt: die voll feurigen Atems unten — die zeitlos ätherische oben, schlossen sich in ihm zu einer Vollendung. Denn was durch das Auge eingeht, wandert den Weg der Entzückung ins Geschlecht — den Weg der Entrücktheit zu Geist. Im Auge aber sind sie eins.
Ein Etwas um Diana Elcho ließ Erasmus sich ihr zuneigen:
„Was ist, ‚Beleberin der Herzen‘?“
Ihre Wimpern wiesen vor sich, stürmischer Sieg stand auf in dem jünglinghaften Gesicht:
„Jugend soll unaufhörlich Feste feiern! Jugend ist das Leben. Welcher Wahn, welche Torheit, sie in Vorbereitung auf das Leben verschwenden, also auf etwas, das mit ihr selbst erlischt. Alles den unlädierten Wesen. Es lebe die Immatura.“
„Falls die Erziehung vor der Geburt vollendet war, dann“ — er verbeugte sich leicht gegen sie — „mögen die Feste in Freiheit kommen.“
Sie nickte. „Wissenswertes läßt sich ja so nicht lehren, nur gebären, das ist: unbeirrbarer Sinn für das Echte. Er, aus dem die unbeweisbare, allmächtige Prämissenbildung aller Urteile erfließt. Das geht nicht von Mund zu Ohr, nur von Blut zu Blut. Die wahreAlma materaller Fakultäten, Fähigkeiten bleibt ewig die Plazenta.“
Ihr Auge weidete auf den Farbensäulen, in die siedas Licht zerbrochen, so groß sonst nur als unfaßlich freie Glorie über Wolkenrändern — hier von einer Frau in ihr Gemach verdichtet, gezwungen, es zu füllen bis zum Rand.
„Bildung“ — eine Welle rann unbewußt durch ihre Hand und wie eine Erhellung in die Luft hinüber — „alles liegt schon im Wort — ‚gebildet‘: was von innen heraus ringsum ausgeblüht, sich planmäßig Gestalt erzwang: Struktur. Im Gegensatz zu dem, was noch amorph ‚ungebildet‘: ein Haufen Schlauheiten — Meinungen — Instinkte — Urteile bestenfalls. Erbmassen, durcheinanderkollernd wie Schrotkörner in einem schlaffen Beutel, an den Schwanz eines kopfscheuen Affen gehängt.
Nein, Bildung ist keine Angelegenheit des Großhirns, — ist Puls, Haar, Haut, Geschlecht — das — das.“
Und ehrfürchtig, fast zaghaft, fast ein wenig errötend, nahm sie, wie etwas über die Maßen Köstliches, Gargi in ihre Arme, die lautlos in die halbdunkle Apsis zurückgeflogen kam und mit Füßen — schmal wie Schwalben — durch die Fesselringe in ihre Sandalen aus weißem Antilopenleder. Bückte sich zugleich nach dem Stück silbergesäumter Seide am Boden; drei, vier unbegreifliche Griffe: ein Sarong. Vor Sekunden noch nacktklarer, halbdurchscheinender Sylph, stand Gargi nun: ganz Dame wieder und bekleidet ohne Fehl.
„Die Erziehung eines Kindes hatvorseiner Geburt vollendet zu sein.“ Diesem chinesischen Lieblingssprichwort treu, hatte Diana Elcho sich zwar stets bemüht,ihrem Sohn die besten Lebensgelegenheiten zu schaffen, es aber völlig ihm überlassen, wie er sie verwende.
Stets erreichbar, wenn er sie brauchte, war es gerade ihr Stolz als Mutter, möglichst wenig gebraucht zu werden, es sei denn in bewußtlosem Wohlgefühl organischer Nähe. So genossen beide gesegneter Freiheit voreinander, die der älteren ermöglichte, ihr schwieriges und vielfältiges Leben restlos auszuwirken.
„Denn,“ — hatte sie einmal zu Erasmus geäußert, — „wer sich nur als Durchgangsglied empfinden will, wird auch nur Durchgangsglieder hervorbringen. Wer nicht den langen Atem hat, über die Elternschaft hinaus an der Linie eigener Vollendung fortzuwirken, wer sich unter irgendeinem Vorwand ‚aufgibt‘ — ‚aufgeht‘ in seinen Kindern, wie er das beschönigend nennt, belastet mit verschleiertem Bankrott die eigne Nachkommenschaft. Wie der fette Alp auf Sindbads Rücken hocken seine ranzigen Träume — sein fauliges Versagen — als ungetaner Lebensrest auf ihrem frischen Dasein: seiner Seele totes Gewicht, weil er sich ihnen ja ‚geopfert‘. Nein, diesen Mütter- und Weibertrick macht ein Mensch mit Selbstachtung nicht mit.“
Die besten Lebensbedingungen. Neben der Schöpfung des Hauses Elcho war Gargi zu seiner ersten Frau zu gewinnen die schwierigste gewesen. Hatte Hilfe gesucht bei der Rani von Travankor, der jahrelange Freundschaft sie verband.
Die Rani zog die langen Augen schmal zu einem Phosphorband, dann mit fernem Lachen in der Stimme, auf alles gefaßt: „Eine Brahmanin?“ —
Die andre neigte „nein“. Wußte: es war unmöglich.Und wäre es selbst denkbar gewesen, aus einer der vierundsechzig Stufen, in die — nach Reinheit des Blutes — die Kaste zerfällt, Horus ein Wesen zu gatten, ihr eigenes Gewissen hätte verwehrt, daß planvollere Blüte des Menschentums, als ihrem Sohn zu sein vergönnt, durch ihn gemindert werde an emotioneller Lebenshaltung; betrogen vielleicht um seine köstlichsten Reaktionen: jenen nur an letzter Wechselwirkung entflammbaren, die nur der von Schauern ganz erfüllte Weg ans Licht zu treiben vermag. —
Daß eine Kette zerriß von solcher Verzartung, Verdichtung, Verglutung der Instinkte: Kette, der jede Generation in Selbstbezwingung bis in den Schlaf hinein, an Wahl der Nahrung, in Atmung, Gedanken, Gebräuchen ein Glied hinzugefügt, — daß so etwas zerriß; ihr einziger Sohn war es nicht wert.Siehatte zuviel Ehrfurcht davor. Es war zu kostbar: hatte Jahrtausende gekostet.
Sagte leise: „Entsetzlich, zu denken, wieviel die Frau in der Liebe riskiert.“
Die Rani sah den Weg des Worts zurück, daß er frei von Anmaßung, spürte das Menschliche, wurde milder.
„Also eine Kshatriya? — Suchen Sie — als mein Gast —, man wird sehen.“
Sie suchte inbrünstig und lang. Fand ein Wesen vom Typ der kindlichen Prinzen auf persischem Elfenbein: unter Agraffen Augen der Antilope, den grünlichen Libellenkörper dem seidnen Galoppsprung ihres Hengstes unbegreiflich lind und kühn vermählt. — Hingerissen, umfühlte, umwitterte, verglich sie jetzt eignes Blut mit jenem. Erkannte, wie und wodurch in seltenen Fällensich der Spitzentypus Europas: das Normannisch-Angelsächsische mit der Kshatriya-Kaste berührt.
Hier erst schien Ehe möglich: jene Anziehung, die sich aus den Wesenskernen zweier Menschen immer wieder erneut. Polare Wesen, parallel geboren, denen die „lendemains“ erspart sind, weil sie gleichen Ranges, und die purpurnen Nächte beschieden, weil sie Pole des Ausdrucks. Denn jedes Geschöpf will ja soweit aus sich herauslieben wie nur möglich, damit das Gefälle der Lust — der Bogen der Spannungen wachse, dann hineinstürzen in eine Erlösung ohnegleichen. „Fall in love“: in die Liebe fallen; doch wer möchte in die Ehe fallen? Das Wunder über allen Wundern; daß die ewigen Fremdlinge: Mann-Frau in prästabilierter Harmonie die gleiche Lebenslinie wandern; wie unverantwortlich, dieses fast perverse Wagnis einem schauerlichen, vielleicht verspäteten Zufall auszuliefern. Nur Menschen, die in ihrem Frühling sind — fremdartig — gleichkastig, mag vielleicht ein gütiger Eros das Helle mit dem Heißen, Tag und Traum, Licht und Blut in einer Schale reichen. Und wenn es mißlang! Sie haben von der Morgenröte im Aufgang getrunken — kein Gott kann ihnen das mehr rauben.
Entflammt jetzt, machte sie das Unmögliche möglich. Mutterrecht erleichterte. Das war in diesen kleinen, von Mohammedanismus verschonten Reichen Südindiens nie ganz erloschen. In Travankor erbte sich sogar die Krone in weiblicher Linie fort, und lagen die Weltgeschäfte auch in des Rajah Händen, Bräuche straffer wahren, oder leise lockern, einfach durch innere Haltung, das wehte von der Rani aus wie Schleier, Rauch der Harzeaus ihren Gemächern, aus ihren Gärten Staub der Fontänen. Endlich durften alle Abgründe als zur Not überbrückt gelten. Nach Kautelen, Garantien aller Art: Bräuche, Erziehung, Lebenshaltung ordnend — eventuelle Rückkehr auch. Als Gepränge und Zeremoniell der Scheinehe vorbei waren, brachte sie Gargi — zehnjährig — heim.
Ihren Schoß erzog Agai, ihre Glieder Sigiria, die Tempeltänzerin, Erasmus ihren Geist, und alles Diana Elcho. Hatte sie durchdrungen, bis Seele durch jede Zelle wie Saft in Pflanzen stieg, jedes Gefäß geschmeidig zu Geschmeide, bis alles Anmut geworden, Takt und Licht. Hirn, Becken, Darm, Zehennägel, Atem, Stimme — ebenbürtig eins dem andern; zusammen freie Diener jenes Unbegreiflichen, nie zu Erklärenden, nur zu Fühlenden: Harmonie, Persönlichkeit.
Agai, „die Gewalt der Brandung“, hatte jetzt ausgesorgt. Hockte gleißend schwarz herum. Fletschte Wonne, beschenkt und stolz. Wartete auf ein Schiff in die Heimat, von einer ganzen Mädchengeneration zwischen neun und dreizehn dort im Schulhaus erwartet. Freute sich auf die Männer — nach drei Jahren. Unter allen Tropenstämmen verstehen die Suaheliweiber sich am besten auf die glühende Kunst: frei sein. Auf das Frauenrecht: Mutter aus Wahl — nicht Zwang, Herrin, nicht Sklavin der Generation. Und dasdurch Überhöhung, nicht Hemmung der Hingabe.
Atmen des Schoßes. Das Schließen und Spannen,Entgegenschwellen dem noch Unbekannten. Die verborgenen jungen Innenwände geschmeidig übend so zu erstarken, daß zu den Gezeiten des Eros aus ihnen die Mondwelle sich der Sonnenflut entgegenwerfe, sie —fort- und überspüle an trunkener Kraft. Nach jedem Liebesstrahl wie mit inneren Zauberzangen den blumenglatten Ring zurückschließen in Unberührtheit.
Das alles hatte Agai, „die Gewalt der Brandung“, gelehrt.
Mit dem Frühlingslauf zur Höhle der weißen Träume endete ihr Amt. Sie heulte und grinste Abschied — leckte tierhaft hingegeben die Fersen ihrer jungen Herrin, kniete dann auf und übergab einen erbsengroßen Mondstein dem inneren Griff der geschmeidigen Schließkraft:
„Agai denken — immer halten — bei Tag.“
Gargis Arme kamen um ihren Hals geflogen: „Agai“.
Doch die dunklen Handflächen hoben sich nach außen gespreizt bis zur gesenkten Stirn, wehrten ab, wie ein verkehrtes Gebet.
So schritt sie voll Würde in ihren Grenzen langsam hinter sich und durch das Tor der Bäderhallen hinaus, über denen geschrieben stand:
„Welche Schmach, zu altern, zu sterben, ohne die ganze Herrlichkeit, deren unser Körper fähig ist, kennen gelernt zu haben.“
Dann bog der Rolls-Royce mit Agai aus dem Park. Der japanische Chauffeur brachte sie zwei Tage weit nach Trinkomali, der nächsten Anlege.
Kraftanlagen wurden nötig: eine Niederdruckturbine in die Mahaveliganga — eine Hochdruckturbine in den Wasserfall eingebaut. Genügten nicht. Man schloß mit einer Firma in Jokohama ab. Gelbe Ingenieure kamen, redeten aus Notizbüchern in Differentialgleichungen, überwachten später die Montagen. Horus lebte nur noch im Maschinenhaus. Zum ersten Mal vor dem Gehäuse der Dampfturbine, stand er wie unter Ätherrausch. Ein Liniensturz, an Geschlossenheit unbekannt in der organischen Welt; von einem geraderen Willen erschaffen als höhere Ordnung der Dinge. Ein Liniensturz, erzwungen von dem Gaswesen in ihm und es bezwingend zugleich. Aus Hunderten haardünner, metallner Schaufeln im Innern — jede einzeln, jede anders voll Genie in den Druck geneigt, erfloß hier ein neues Kurvengeschöpf; wie das Gesetz es befahl. Das Wort „Continuum“ kam aus dem Magischen herab — ward Grenzfall von Schaufel zu Schaufel, fast greifbar — unbegreiflich.
Eine Ader auf der Stirn, stand er im Ozon des stillen Kraftsaales: Hörselberg nüchterner Phantastik. Stummgeladne Weite, vibrierend von Spannung, ließ seinen Speichel metallisch zittern, hob ihn an den Nieren hoch — durch alle Isolierung hin. Ein Rund aus riesigem Tod, der draußen — transformiert — das Dasein leicht machte, hell, Mühsal abnahm.
Ging dann wie abbittend hinüber zur alten Dampfmaschine. Konnte ganz versinken in ihre achsenglatte Wucht — das Anschwellen einer Nabe — die Wunderform der Welle, wenn Reibung Fortbewegung ward.
Und wie schön, daß dies alles diente: dem Leben untergeordnet als Zweck, wiewohl übergeordnet als Form.
Latentes brach jetzt aus, langhin vorbereitet durch Werkzeuge, Jacht, Rolls-Royce. Er fieberte nach Schöpfung; nicht ohngefährlichem Wissen — saloppem Verstehen, wie bisher. Selbst Schöpfer werden in dieser reineren Nebenwelt aus Zweck und Zahl.
„Gut — aber mindestens fünf Jahre Arbeit.“ Van Roys Mund konnte sehr hart werden. „Keine Edelspielerei, keine Rosinen aus dem Kuchen.“ — „Intuition —? So, da ginge es vielleicht rascher. Meinst du? — Nun, man kann Höhen erfliegen oder ersteigen. Erflieger kennen vier Quadratfuß Gipfel. Ersteiger den ganzen Berg. Schritt um Schritt. Von jeder Spanne Rechenschaft ablegen können —den Weg besitzen— Möglichkeit, ihn immer wieder zu gehen, ist Wissenschaft. Gauß hat einmal gestöhnt: ‚Das Resultat hab ich, wüßte ich nur schon, wie zu ihm gelangen‘. Kepler sah in einer Art Kristallvision sein drittes Gesetz: sah die ersten fünf regelmäßigen Körper ineinander eingeschrieben als die mittleren Planetenabstände von der Sonne: eine kosmische Beziehung als Klumpen Stereometrie. Sehr schön, aber wertlos noch, ohne Beweis. Ein abgerissener Tropfen Genialität im Leeren.“
„Nein, ich werde dir nichts schenken. Denn: bleibt irgendwo unten, auf einem Seitenpfad, auch nur die kleinste Lücke, unvermutet aus der Höhe wird eines Tages deine ganze Weisheit gerade in dieses Loch fallen, wann es dir am wenigsten paßt; ja, dieses spezielle Loch wird plötzlich überall vor dir sein, und du wirst aus allen Himmeln steigen müssen, es zu stopfen — oder ewig Dilettant bleiben.“
„Aber dann — nach fünf Jahren — werde ich auchvor weißen Meistern bestehen können?“ und erbleichte schon der eignen Ungerechtigkeit. Stand ja hier vor einem weißen Meister. Große Namen unter Widmungen — wüßte er es sonst nicht — zeugten dafür.
Erasmus schien belustigt. Dann, einen langen Weg in der Stimme: „Wenn ich dich einmal auslasse, kannst du getrost deinen Dr.-Ing. in Charlottenburg machen.“
Eines Tages stieg aus dem Drillbohrer eine Frage und wuchs in eine wundervolle Vision:
Wie mögen Wesen aussehen, die das erdacht? Wenn bereits dies geringe Werkzeug hier: etwas, das nichts als ein Loch in ein Stück Ding zu machen hat, mich so mit Entzücken schlägt, wie erst die Herren solcher Diener. Die weiße Rasse: wohl Wesen, wie aus Schnee und Gold, kühn, arglos, wahr und anmutig. Ganz frei geworden an den gleitenden Erzgeschöpfen ihres Haupts und ihrer Hände in ein ohnegleiches Cherubtum hinein! Ihr Dasein eine ganze solche Welt. Arbeit: Schöpfung — nicht Erschöpfung mehr. Was ihn so hinausriß über sich, waren ja erst Abfälle ihres Lebendigen — leeres Gehäuse — das wie Muschelschalen kam, an seinen Strand gespült.
Oder diese Gelben mit ihren Notizbüchern: gleich Gesandten aus Wunderländern, Märchenboten mit Kostbarkeit: da greift einer in die Tasche, etwa nach dem Taschentuch, streut dabei zufällig ein Vergessenes mit heraus, ein Dortiges, achtet’s gering. Und wie da ein Staunen anhebt, alles sich sammelt um das Niegesehene: so wenig wußte erja noch. Hatte allerdings damals ein bißchen gehofft, auch europäische Ingenieure würden kommen. Das war wohl anmaßend gewesen; gerade ihm, Horus Elcho, sollten weiße Herrn der Welt höchst persönlich ein Kraftwerk bauen! Dazu waren Hilfs- und Schülervölker da. Auch mochten ihrer wohl wenige sein. Der lebendigsten — adeligsten Geschöpfe sind immer wenige. Nur Träges wirft drauf los ohne Hemmung: Karnickel, Schweine. Ihr Wurf die Beute aller. Wer durch Kühnheit und Weisheit ungefährdet geworden im Äußeren, darf inneren Stimmen horchen, selten zeugen — in lebendigsten Augenblicken nur — aus feinster Wahl.
Nicht ganz unebenbürtig fühlte er sich hierin der weißen Welt. In diesem ihr ferner Sohn, kein Fremder. Wenn sie alle auch gewiß weit schöner, an der hohen Luft ihres Lebens vollkommener geworden als er. Vielleicht war höchste Sprosse hier unterste dort? Oder überhaupt alles ganz anders. Anschauung fehlte eben.
Warum? wieso fehlte sie?
Stieß zum erstenmal gegen das Sonderbare in seiner Erziehung — blieb perplex.
Kannte nur Wissenschaft, Technik, Musik der weißen Rasse. Nicht ihre Körper, noch den Geist ihrer Körper: Bräuche — Sitten. Also nichts. Warum? Schwieg dazu. Hatte zu oft die Köstlichkeit des Schweigens erfahren. Ihm schien, er hätte durch die Unzartheit der Frage schon volle Befriedigung aus der Antwort vertan. Hier lag ja offenbar ein feiner, höchst komplexer Plan zum grunde; fragloser Einweihung allein war volle Freiheit, Weite gesichert, nur sie befriedigte ganz, weil nicht von vornherein in den Engpaß einer Frage gezwängt.
Und dann wurde er langsam sehr glücklich, denn er meinte verstanden zu haben.
Hatte sich oft vor Gargis Augen, oder auch manchmal vor nichts Besonderem: einem Zweig, eines Zweiges blauem Schatten, was man so „nichts“ nennt, in einen jungen Löwenwurf hineingeträumt, den eine dünne Haut noch von der Lichtwelt trennt. Das saugt, tappt herum, atmet, glaubt sich schon ganz geboren, und dies sei nun eben alles. Da reißt die Eihaut des Auges, in unerhörte zweite Lichtgeburt. Und welche Chance, daß unter allen Europäern gerade ihm — als erwachtem Menschen — solch zweite Lichtgeburt in die weiße Welt sollte vorbehalten sein. Durch seine Mutter. An allen Nerven überflutet werden, wie nur ein Entblendeter überflutet werden mag, in den erster Sonnenaufgang hereingebrochen kommt: diese ungeheure Freude hatte sie ihm gönnen wollen, weise aufsparen für sein erwachtes Herz.
Wann? Bis er reif, würdig geworden. Fähig, es ganz zu genießen.
Arbeitete von nun an so, daß Erasmus meinte: „Vier Jahre nur — vielleicht.“
Da suchte Horus nach einer Wendung, wiegte sich, funkelte in ihr — wagte es schließlich doch — sagte schüchtern, etwas zögernd, zum erstenmal: „Wir — wir Europäer.“
Dies ungeheure weiße Dasein, von ihm gebildet aus dem Hellsten, das er kannte: hohen Violinen — gleitendem Nickel; geisterhaft ging es immer mit, durch alles Tun, ragte ätherisch herein; ihm straffte er sich entgegen, durch jeden Alltag hin. Doch gab es Lieblingsstunden, da nahm er es träumend vorweg, meinte sich ihmnah. Etwa an der Orgel als brausender Gott: Demiurgos in Person, wenn er mit einem Griff den Wald in der Hoboe erschuf, sumpfiges Grunzen der Büffel im Kontrafagott, und zu diesen das schrille Silber stieß aus den flimmernden Registern. Eisblaue Knabenstimmen dazwischen aus mutierendem Metall. Nun trat sein Fuß mit dem Starrsinn seiner Ferse aus dem Tiefen wuchtendes Gesetz: jenes, nach dem die Gestirne und die großen Herzen wandeln. Das stampfte ins Silber hinauf, rüttelte an waldigen Schultern, bis alles umschwang in die Doppelfuge seines Tierkreiswillens.
Jetzt durch alles hindurch, ließ er ein Wehen anheben auf der dritten Klaviatur, schlingerndes Pfeifen, das zum „grand jeu“ wuchs, Klanggischt an die Wände warf, aus Ertönen Ergreifen machte — den Raum ergriff, wie jene grenzenlose Hand aus Hauch sein Herz, um es nach einer andern Sternenstunde einzustellen. Ortlos, ein Scheinwerfer aus dem Unendlichen, stand es wieder als Blick auf ihm — brach ihn auf — blühte ihn auseinander. Da wußte er sich im Sehfeld des Aschenauges — stark, wehrlos und geborgen. —
Durch geschlagenes Glas fiel die Oktave des Lichts in den erschütterten Raum, und nun vermeinte er Newton zu sehen — als Kind, wie es zum erstenmal in den Klang der großen Orgel tretend aufsah, glaubend, nur aus der Farbenrose oben könnten diese Stimmen kommen.
Da neigte er sich dem kindlichen Schemen tief. Schloß die Orgel.
Nüchterner gestimmt, zog er zuweilen Resümees: was er wußte, erschloß Neues daraus. Nach eigner Meinungsachlich kühl. Das war dann Reiz und leichte Qual. Wie Streichen um den verhangenen Geburtstagstisch früher Jahre. Hätte ja sogleich eine Ecke lüften können, das Auto nehmen und in zwei Tagen Orte erreichen, wo — er wußte es wohl — Europäer lebten oder durchreisten. Als verstreute Fremde in fremder Umwelt. Nein, so nicht. Hatte vor einem Jahr noch weiße Ingenieure erhofft, ehe er diese Feengabe seiner Mutter: diese lebenslang vorbereitete, köstlich einzigartige Erschütterung, die seiner harrte, recht begriffen. Jetzt nicht mehr. Blind bis zum Sonnenaufgang. Nur Vorfreude träumen, aus Vorzeichen bauen, sich bereiten — fürdort.
Mit den vier großen Sprachen Europas war er von Kind auf vertraut. Wundergefüge, aus unbegreiflich schwebendem Geist, wie alle Sprachen. Doch Schößlinge nur, sogar weniger breit gewurzelt und fein in der Krone wie der Mutterbaum: Sanskrit. Er konstatierte das gerne; bewies sich Objektivität damit. Europäer redeten eben außerdem in neuen Sprachen — über dem Wort: in Gleichungen und Musik. Euler, Beethoven waren ihre Grammatiker. Auch er, Horus Elcho, sprach europäisch: vor dem Reißbrett in der Gleichung der Lemniskate — vor dem Cello imCis-Moll-Quartett.
Ging dann in den Abgußsaal. Blieb nicht mehr vor den Ägyptern wie früher; blieb vor dem zeitlich Letzten dort: den Griechen. Wenn die weiße Rasse schon vor zweieinhalb Tausend Jahren — in ihren Outsiders — so wohl geraten: in dieser kleinen hellenischen Provinz, die wie eine Seeanemone ganz unten vom Rand des eigentlichen Kontinentsabwehte; von da in gerader Linie, ungehemmt, ansteigend, wie verfeinert, in Anmut ganz gelöst mochte sie heute schon sein? Sich zu jenen verhalten wie etwa eine Schwebekonstruktion zu einem Pfahlbau. Waren doch die blumenäugigen jungen Rehmenschen Indiens an Linienblüte, Adel des Aufrisses über den griechischen Kanon vielfach hinausgewachsen, besonders die Frauen, und lebten doch noch erdgebunden nach alter Art.
Eigentlich nur hellenische Köpfe — jene wenigen aus bester Zeit — beglückten ihn echt, durch Unzerrissenheit, Wohllaut, mit dem sie in den Leib hinüberlebten. — In dieser schwierigen Süße, heimgekehrten späten Schlichtheit Lysippscher Häupter sah er sie gerne wandeln: seine lieben Herrn des gleitenden Erzes.
Konnten sie denn überhaupt noch das Weltwesen vor Jahrtausenden auch nur begreifen, etwa ihrer homerischen Vorvettern, die noch Kriege geführt, sich Spieße in den Leib gerannt, sie, deren kühne Not — Siege — Leiden in transzendenten Schlachten, auf Geisterpfaden sich erfüllten! Auf dem wundervollen Abenteurerweg der Physik, dem verwegensten Weg! Eroberer, die das Heranschleichen kannten, gespanntesten Sinns, zitternd und eisig zugleich, der Erscheinung den Lasso überzuwerfen, um sie als Strahlen, Kräfte, Elemente umzugießen in Ungeheuer aus gebändigtem Geist.
Wie ihre Frauen wohl aussehen mochten? Gewiß Gargis Linien in den Farben Diana Elchos.
Ihr Wesen: aus dem der Pallas und Nausikaa gemischt.
Und das alles stand ihm noch bevor; das alles aber hatte er auch einer Frau zu bieten, die ihm angehörte.Dachte froh bei sich: „Und sie weiß noch gar nicht, was ihr da blüht.“ Sagte zeither auch zu Gargi: „Wir — wir Europäer.“
Am Anfang seiner technischen Ekstase, verbohrt in Exzentergetriebe, Turbogenitoren, Ventilsteuerungen, konnte sich Horus oft erbosen, schlenderte er mit Erasmus durch die Pettah. Nicht über die edlen Maße ihrer epischen Menschen — das mochte hingehen. Auch war er mit ihnen allen in einer Art dauernder Liebeshellsichtigkeit, sorglos, ohne manischen Zwang der Lustvollendung, dank seiner Kinderehe. Der gleichsam genießende Gang des Schikari Aditja gefiel ihm in seinen Augen, wie das Geruhsame in Ganapati Sastriar, zu dem er immer noch gerne ging. Doch die Dinge — die Geräte, das gehörte sich nicht.
„Warum ist so ein dummer alter Brunnenrand so schön, wie kommt er dazu?“
„Nur weil er so alt ist,“ tröstete Erasmus, der sofort wußte, um was es ging. „Dinge, beschlafen von der Zeit, zerbrechen in ihren Armen oder gebären eine Art Vollendung.
Diese dunkle Glätte an Bolzen, alten Stalltüren, an Trögen, Brunnenrändern: warme Griffe — Tiermäuler ohne Zahl haben sie ausgekurvt ins Endgültige. Vielleicht scheinen uns die wenigen antiken Torsi so edel, weil die Zeit — ein unbestechlicher Kritiker — unerbittlich entfernte, was gegen den Geist des Materials. Was daran überhaupt abbrechen konnte, war eben falsch. Der verbesserte, endgültige Kontur: der Ewige ist, was wir bedauernd ‚nur‘ einen Torso nennen.“
„Dann vermag aber die Zeit doch lediglich weg zu nehmen?“
„Allerdings. Darum vermöchte sie allein wohl nie, durch bloßes Abschleifen, die Vollkommenheit einer Helice zu erzeugen, weil ihr hiezu das Konstruktive fehlt. Aktive Schönheit der bloß passiven gegenüber. Diese wird primär von innen heraus vollendet, — sekundär, von außen hinein — jene. Echt aber sind sie beide. Und wie echt zu echt stets paßt, so deiner Mutter Haus, bei aller Verschiedenheit im Konstruktiven, zu dieser Pettah — zu diesen Brunnen, Trögen, Türen, Bolzen.“
Horus erstaunte. „Ja, gibt es denn auch auf der Welt ‚unechtes‘ Gerät? — Wo? Das kann ich mir gar nicht vorstellen. Etwas eigens für etwas machen, zu dem es nicht taugt. Ungeratene Geräte!“
Er lachte. War’s aber im übrigen zufrieden. Gab nun im Vorübergehen Brunnenrändern ab und zu einen aufmunternden Klaps in die läuternde Zeit hinein, sich ja fleißig von ihr aussparen zu lassen, da ihnen nun einmal das Glück versagt geblieben, aus dem Geist europäischer Technik entsprungen zu sein.
Erasmus aber sagte schnell etwas Falsches — etwas ganz und gar Banales; hatte schon zu viel besser gewußt heute. War auch je und je auf der Hut gewesen, sein Axiom zu verraten, auf welche Art ein Mensch das Höchste aus sich zu ziehen vermöge: mindestens zwei, von einander so weit wie möglich abliegende Wissenschaften betreiben und dazwischen versuchen, ineinemSport dererstezu werden. Er ließ Horus selbst darauf verfallen.
„Du hast immer einen so wunderbar durchbluteten Geist,“ meinte dieser eines Tages. Er war ins Laboratoriumgekommen, Erasmus zum Bade abzuholen. „Woher das kommen mag?“ Er hatte ihn in vorzüglicher Stimmung getroffen.
„Weiß nicht. Vielleicht, weil ich faul bin. Ich ruhe mich immer so schön frisch aus: vom einen beim andern.“ Sie liebten beide, wo es anging, kindliche Diktion. Schätzten den Charme gepflegten Vorsichhinblödelns zuweilen.
„Und dazwischen schwimmst du wie toll, besser sogar wie Aditja — so gut wie die allerbesten Krokodile. Aber das wird es eben sein: erst da denken — dann ganz wo anders und dazwischen gar nicht — nur leben, die Nerven entlang das letzte herausholen für etwas, das so vornehm ist, keinen Zweck mehr zu brauchen.“
Eifervoll entwickelte er nun alle Vorzüge polarer Interessen rechts und links von einem Sport. Da Erasmus zu zweifeln schien: „Du glaubst mir nicht — an mir selbst will ich es dir beweisen.“
Nach einem halben Jahre kam er dann und klagte ein wenig:
„Es scheint mir manchmal, als gebe es gar keine ‚weit auseinanderliegenden‘ Gebiete. Ich wenigstens kann keine finden. Immer dort, wo es wirklich interessant wird oder wichtig, scheinen sie zu konvergieren, und im Ganzaufregenden, da schneiden sie sich sogar.“
„Schade,“ meinte Erasmus, „also ist der Kosmos zu pauvre geraten, als daß man im Auf und Ab an ihm einen — wie hieß es — ‚gutdurchbluteten Geist‘ bekommen könnte. Somit fällt die ganze schöne Theorie dahin.“
„Aber du selbst bist doch gegen deinen Willen meinlebender Beweis, und ich werde noch der deine werden. „Diesen senilen Starrsinn aber,“ — — er kniff ein Auge ein, — „muß man brechen.“
Unentstellt — wie ein kühnes Tier, eine Gazelle aufkniet hinter der entgleitenden Geburt — so schloß sich Gargi hinter ihrem Sohn. Jetzt achtzehnjährig. Doch schon am Morgen ihrer Mädchenschaft hatte sie zu ringen begonnen um diese neue Jungfräulichkeit, jenseits des Kindes.
Ihr und aller indischen Damen scheinendes Ziel: jene Sultana Mumtaz i mahal, die ihrem Gatten mit jedem Knaben sich selbst als Mädchen wiederschenkte. Und Schah Dschehan wertet es weit höher als eine gewonnene Schlacht, denn hier ward durch Zucht, List, Mühsal, Mut, Hingabe das Glück zurück erobert, — enthauptet sogar die Zeit, von dem zarten und zähen Willen, der aus jeder Geburt sich eine neue Unberührtheit für seinen Herrn erzwang. Sieben. Die Achte wurde ihr Grab — und: der Tadj-mahal. Denn in seinen Kuppeln standen leuchtend die sieben harten Marmorkelche ihrer Jungfrauschaften wieder auf. Nicht als Bauwerk zu werten, noch Kunst: der Tadj-mahal ist die Sehnsucht des Mannes nach dem Kelch des Glücks.
Und so groß war Schah Dschehans Sehnsucht nach der Heimat dieses Kelches, daß er durch Blumen und Flammen seines immer erneuten Harems hindurch ging wie ein Schwert, dreiundzwanzig Jahre lang, und nicht müde wurde, die Weiße des weißesten Marmors zu prüfen, gegen das Gold und Grün der Lasuren, ob sie seine Weiße erhöhten. Ließ plötzlich die Flanke eines Berges auseinanderreißenin der Hoffnung, seine Tiefe sei heller noch, ähnlicher im Adergang.
Die eckigen Wasser aber, in denen alle Weiße sich spiegeln sollte, ließ er noch auf ihrem Grund mit geschmolzenem Silber ausgießen, und aus seiner unzerstörbaren Sehnsucht preßte er die Erinnerung an ihren Duft, ließ das Geheimste aus den Korollen und die Drüsen aus den feurigsten Tieren reißen, und manchmal meinte er, das Laue in der Luft sei es und warf die Arme darum, bis endlich — endlich die Alchymisten Arabiens, die Sanjassins Hindostans aus dem Fruchtfleisch der ganzen Welt es ihm erpreßten.
Da stieg die Essenz des Duftes als sieben Quellen aus dem Spiegelbild des Marmorkelches in den eckigen Silberwassern. Weiße Nachtigallenmännchen, deren Flügel in Netzen aus Rubinen lagen, tranken Trunkenheit daraus, daß ihnen der fließende Duft klingend aus den heißen Herzchen barst zum Preis der sieben Jungfrauschaften, die sieben süße Kinder waren.
Das ist zu Agra das Grab der Mumtaz i mahal: das Grab der Krondame. Als es vollendet war, ging Schah Dschehan noch einmal ein in ihren tiefsten Kelch, und das für immer. Seine Asche ergoß sich ihr.
Im siebenten Jahr nach dem Frühlingslauf zur „Höhle der weißen Träume“ brachte Horus aus China eine zweite Gattin mit, als seine erste legitime Nebenfrau.Seine Mutter, Gargi und er hatten die Regenzeit zu einem Besuch jener südchinesischen Provinz benutzt, deren Statthalter damals vorübergehend Lady Dianas alter Freund Li-Hung-Tschang war.
Wieder ostwärts, auch diesmal, statt nach Westen! Seit der weiße Kult von Horus Besitz ergriffen, war es schier zum Staunen, wie Hindernisse förmlich aus dem Nirgends her sich niederschlugen wider seinen Wunsch. Nicht von Menschen kommend. Warum auch? Wo alles ihm so wohl wollte — insonderheit seiner Mutter keine Mühe je zu groß, kein Preis zu hoch erschienen, galt es etwa Beschaffung eines neuen Instruments für ihn aus Glasgow, aus Jena. Wie edler, körperhafter Gruß der weißen Rasse, war jedes durch das Medium ihrer großen Liebe in seine ehrfürchtigen Hände überliefert worden. Nun aber, als Schüler von Erasmus längst entlassen, als Mitarbeiter — Ebenbürtiger, fühlte auch er sich würdig, nach dieser weisen, planvoll steigernden Gewöhnung, die Klarheit solch einer ganzen Welt zu atmen.
Stillschweigend schien all das ja längst geordnet — beschlossen. Einmal aber hatten technische Verbesserungen am Graphitwerk: seine Erfindung, die halbe Regenzeit verschlungen — andre Jahreszeiten kamen wegen der wichtigen Kopra- und Teeernte nicht in Betracht — dann wieder war unbegreiflicherweise fast in letzter Stunde ein schwerer Schraubendefekt an der Jacht entstanden. Jetzt diese Einladung Lis!
Gargi hatten die Tänze der Königsfrauen erst nach Siam gezogen: zartschultriger Kult perverser Cherubim mit Schlangen und Ranken. Die äußern Behelfe: Stachelhelm, rieselnde Schnüre, irre klirrendes Metall,von Silberflöten durchküßt, wurden ihr Gastgeschenk. Dann verließen sie das Land der grünlichen Frauenblüten; nicht zum wenigsten bereichert um je ein Pärchen Tempel- und Palastkatzen: den zweierlei siamesischen Spielarten; silberbraun beide mit saphirblauen Augen, Tiere, die sich halten wie ägyptische Götter und einfach sind wie ein ganz großes Kunstwerk.
Wie immer auf Diana Elchos Reisen, wurden alle Hafenstädte gemieden, in denen ein entraßtes Esperanto des Vordergrundlebens den Lack hätte zerkreischen können um diese Porzellan- und Seidenwelt. In entlegener Bucht warf die Jacht Anker. Riksha-Kulis, Reit- und Tragtiere geleiteten die bald Vertrauten in das schwerfällig-milde Reich des Mitten-Innestehens, und seines Herzens Spruch!