„Mach süß ihre SpeiseUnd schön ihre Kleidung,Freundlich ihre WohnungUnd fröhlich ihre Sitten.“
„Mach süß ihre SpeiseUnd schön ihre Kleidung,Freundlich ihre WohnungUnd fröhlich ihre Sitten.“
„Mach süß ihre SpeiseUnd schön ihre Kleidung,Freundlich ihre WohnungUnd fröhlich ihre Sitten.“
„Mach süß ihre Speise
Und schön ihre Kleidung,
Freundlich ihre Wohnung
Und fröhlich ihre Sitten.“
Gern als Gäste in Häusern, die Lis Empfehlungsbriefe auf langen Seidenblättern ihnen öffneten, lernten sie die Verschlingungen des treuherzigen Drachens: Höflichkeit. Er sperrt sein Maul auf, und die Zeit fällt hinein — gar nicht abzusehen, bis wohin.
So übten sie die Zeremonie des Reichens und Empfangens — Kult des Grußes, des Dankes und des Abschieds. Versuchten sich auch bald in den Lauten der großgewordnen Herzenssprache: glattgeschliffene Jade- und Onyxkugeln rollen lose ihre Silben, jede eine runde Anschauung: größten Inhalts, bei geringster Oberfläche; ebenso reibungslos gegen einander verschiebbar und sich verschiebend, wiedie wimmelnden blauen Menschen selbst, von deren Lippen sie fallen. Daß diese Menschen glattrasiert an Körper und Köpfen sind, bis in Nase und Ohren hinein, scheint irgendwie auch seelisch keinerlei Widerborstigkeit aufkommen zu lassen. Gibt ihnen etwas Keglig-Spiegelndes, läßt eben noch freies Durcheinandergleiten zu. Stellte dagegen einer dem andern ein Bein, würde irgendwo etwas verfahren, verspreizt, verquert — China müßte sofort zu einem kompakten Leuteblock verfilzen. So aber gleitet das fast haßlos umeinander, in starken Bahnen einer Zivilisation der Übervölkerung:
„Sie scheint nur zwei Imperative zu kennen“ — meinte eines Tages Diana Elcho — „diskret sein und ausweichen. Dieses verbürgt ein friedlich wechselndes Geschehen überhaupt. Wichtiger aber scheint mir jenes: Diskretion allein garantiert da dem Einzelnen die unerläßliche Einsamkeit, muß wenigstens versuchen, ihm Ersatz zu sein für kostbare Raumtiefe, gefressen von der Art.“
Noch nie hatte Horus so ein Gewimmel gesehen. Menschen, wie sie im fließenden Wasser warmer Quellen schliefen, einen Stein als Kissen unter dem Kopf, einen zweiten auf dem Bauch, um nicht bewußtlos ins Tiefe gespült zu werden; Menschen, die nicht wagten, mit ihren schlafenden Leibern Erde brachzulegen, auf der Reis wachsen konnte.
Hatte beobachtet, wie im Morgengrauen unbegreiflich arme Menschen aus Kanälen herausgekrochen waren, rotblinzelnd ins Licht, eine halbzerkaute Ratte zwischen den Zähnen. Die gleichen rattenblutigen Lippen aber klangen bald von einem reinen, kindlich frohen, überaus gepflegten Gruß, weil auch sie von dem duftenden Geist des Li-tai-pound Thu-fu geschmeckt hatten und skandierend seine edlen Maße über regengelbe Ströme hinsangen, wo halbnackte, vor Kälte zitternde Kulis, den kupfernen Fahrlohn ins Ohr geklemmt, Antwort gaben in Perlmutterworten sehnsüchtiger Kaiserinnen, wenn sie Fächerdüfte dem Sohn des Himmels in den Thronsaal senden. —
Und immer noch schossen Melonenköpfchen in allen Größen — blanke Mausaugen drin — in die kargen Spatien zwischen den sanften Großen — ihre Mühsal zu mehren — die Welt zuzuleben, alle Natur in sprossende Chinesen umzusetzen. Horus hätte abwinken mögen: „Schon gut — genug. Dem Ahnenkult ein einziger Sohn.“ Warum übte diese sinnenreiche Rasse, im Sexuellen vielerfahren, nicht, was primitiven Stämmen Afrikas weder Geheimnis noch Problem? Warum speiste nicht auch hier das lebendige Wasser im uralten Zier- und Wundergarten des Geschlechts samenlose Feuerlilien, die seinen Strahl zu glühendem Duft verbrennen?
Doch eines Abends unterlag auch er dem Charme der Paganinis: der Kinder.
Tief im Innern des „südlichen Blütenlandes“ war ein Fest: Teebuden, Bücherstände, Shuo-Shu-Tis: Geschichtenerzähler. Massen stauten sich, Sandalenklappern verstummte, Feuerwerk begann. Horus überragte fast um Kopfeshöhe die kürzeren Südchinesen. Da stahlen sich geräuschlos von Frauenhüften, Männerhänden, eins nach dem andern kleine Wesen, schlossen um den Fremden lautlos einen Kreis. Berührten ihn nicht. Belästigten ihn in keiner Weise. Die Mündchen, klein wie Knopflöcher, blieben geschlossen. Doch eine freundlich unentrinnbare Suggestion ging von dem Babykranz aus: etwas, weitzwingender, weil taktvoller als Worte. Etwas, das unmittelbar zeigte, wie dunkel und ganz zugemauert von Hosen es da unten bei einem selbst war, während um den Kopf des älteren Bruders oben Feuerräder schnurrten, Leuchtkugeln ihm nur so aus beiden Ohren spritzten: violett aus dem linken — golden aus dem rechten; Preis dem großen älteren Bruder.
Der ältere Bruder hielt sich wacker, nach eigner Wertung erstaunlich gut sogar. Dann mit eins zog es ihn — Gegner oder nicht Gegner der Übervölkerung — zu seinem heiteren Erstaunen tief herab, wie man zu einem zärtlichen Kätzchen sich niederbeugen muß, und er hob den kürzesten dieser komischen Kegel sich auf den Kopf, einen zweiten auf die rechte Schulter, einen dritten auf den rechten Arm. Freiwillig trat der erste — nach einigen Minuten Höhenrausch — den Abstieg vom Gipfelkopf, diesmal über linke Schulter und Hüfte an, damit andre von rechts nachrücken könnten. Und es begann ein Continuum von Paganinis pyramidenförmig über den großen Bruder hinzuziehen. Eirunde, immer wechselnde Köpfchen säumten ihm den Kontur. Eine Bergprozession gelblicher Lampions, jeder mit zwei schwarzen Lichtern drin und einem Knopfloch. Das krönende Paganini oben aber hielt stets die seidenglatten Beinchen so, daß dem gastfreundlichen Kopf ja nichts von dem großen Funkel im Himmel verdeckt würde; sah auch manchmal selbst nach dem Rechten, umspannte das fremde Lotosgesicht mit seinen kleinen Händen, um es besonders grünen unter den stürzenden Leuchtkugeln zart entlang zu führen.
Eine Art gedämpfter Vertraulichkeit begann sich ausder ganzen Situation zu entwickeln. Aus Knopflöchern hüpften Kugelsilben, um vieles heller, komischerweise um die Hälfte kleiner als bei Erwachsenen, doch herübergelebt aus gleicher Höflichkeit des Herzens. Liebes und Tiefes: weltgültiger Anstand in der Freiheit stand um diese Babypyramide wie ein junges, bezauberndes Fluidum. Versuchten die Frauen später aus ihm herauszuschmeicheln, was die Kleinen zu dem großen Kopf gesprochen, wurde er nur ausgelassen, spitzbübisch und unbändig heiter; schwur, einzig Rama-Krishna — weil er so schon alles wisse — dürfe auch das noch erfahren.
Sprache, Schriftzeichen, Schmuck: zu diesen dreien vermochte Horus vom ersten Tag ehrfürchtig das großeDuzu sagen. Nicht daß er an Bauten, Bronzen, Keramik deren Echtheit verkannt hätte, ihren Anspruch auf Stil — das ist: die Dinge aus ihrem Herzen heraus mit neuen Namen nennen.
Doch seelisch an den Pythagoräern, geistig an Newton und Lagrange, optisch am Haus Elcho erzogen, sah er in jeder planlosen Weitschweifigkeit, Gewölle von Zufall an den Dingen mit Recht einen Mangel an kritischem Ideal: jenem, so heiß, so ernst vor Leben, daß es nicht Ruhe finden kann, bis auch der letzte Gegenstand, den es erschafft, zu einer neuen Reduktion der ganzen Welt auf wenige, gerade für ihn entscheidende Linien und Flächen geworden. So war er es gewohnt: jeden Türgriff, jede Sohlbank, jeden Leuchtkörper werten zu dürfen mit der Härte ganz großer Liebe — von heimlicher Surrogatempfindung frei, in jubelnder Sicherheit restlos beglückt zu bleiben.Bis zu den kritischen Spaziergängen mit Erasmus in der Pettah hatte er all das unbewußt in seinen wachsenden Organismus aufgenommen, an solchem Maß natürlich sich geformt. Von da ab genoß er seinen Wohnleib auch geistig, wie etwan ein Mensch durch anatomisches Studium seinen Körper ein zweites Mal zum Geschenk erhält.
Am besten besprachen solche Dinge sich immer mit Lady Diana. Beider Wesenskerne waren so verwandt, und doch lag, durch Altersunterschied, auch wieder genug schöpferische Zeit zwischen ihnen, daß sie hoffen durften, fast aus jeder Diskussion irgendwie belebt hervorzugehen. Hat es doch stets nur Sinn und Zweck, mit jemandem, der gleicher Ansicht ist, zu diskutieren; auch da ergeben sich antagonistischer Kanten noch übergenug, aus ihnen lebendige Funken zu schlagen. Polemiken aber aus unharmonischer Empfindung heraus oder gar verschiedener Unterscheidungskraft für Echtheit degenerieren, werden bitter, lang und steril.
Er resümierte: „Chinesische Gegenstände sind mir zu geschwätzig. Dinge des Gebrauchs haben nur gefragt und in ihrer Fachsprache zu antworten. Da ruhe ich in einem Kissennest. Nicht daß es vom „ruhen machen“ nichts verstände, aber statt vollauf damit beschäftigt zu sein, mir das Sitzen zum Nirvana zu machen, erzählt so ein Polster nebenher meiner rechten Schulter eine lange Geschichte in Blau und Gelb von einem Fuchsdämon und einer Drachentochter; mag ich dazu aufgelegt sein oder nicht. Schon um acht Uhr früh. Schon beim Frühstück. Form ist hier oft nur versteinerte Laune und Schöpfung: phantastisch-träges Hinzufügen.“
„Weglassen ist aber auch noch nicht Vollendung,“ meinte Diana Elcho, „da hat Erasmus recht. Das wäre leere Einfachheit, nicht jene aus verdichtetem Leben, deren Anblick allein, wie mir scheinen will, Beruhigung im Endgültigen gibt. Es ist, als habe diese schwierige Schlichtheit etwas von den ewigen Ideen auf sich herabzuzwingen vermocht, weil sie erst einmal unbeirrbar, phrasenlos und rein den Zweck zum Grund sich gab. Der war ihr Fundament: Isolator gegen schlammige Saloppheit — versandetes Ohngefähr. Erst auf dieses reinliche Piedestal kann ein Geheimnisvolles, das wir ‚Schönheit‘ nennen, sich dann senken.“
Li-Hung-Tschangs großes, glattes Gesicht hatte höflich aufmerksam zugehört. Nun ließ er — in graue Seide gehüllt, mit Mandarinenketten umschnürt — zwei gewölbte Bronzegefäße aus der T’ang-Dynastie hereintragen, Lady Elcho zum Geschenk.
Sie zitterte vor Freude. Etwas von der Leere des tönenden Erzes aus der neunten Symphonie war an ihnen. Einem schauend Entrückten mochte scheinen, als könnten hier — nur hier — aus dem dunklen Adel dieser Mulden die tauben, unfaßbar außerweltlichen Nebengeräusche des ersten Satzes fahl heraufgezuckt sein, aus einem verhangenen Drüben.
Horus war hingerissen wie nur vor den wenigen Sienit- und Liparit-Gefäßen der Pyramidenkönige, deren Abbilder er kannte. Nun erst fiel ihm auf, wie sehr der großartige alte Chinesenkopf vor ihm eigentlich selbst dem eines Pharao glich. Dasselbe flächenhafte Lächeln, breitabrollend von dem Monolithgesicht. Einfach wie ein Dioritgott saß er da, flache Hände auf den Knien, freute sich der Freude seiner Gäste.
„Heute abend wird er mir die Hand reichen,“ dachte Horus.
Es war einer der sichern, täglich wiederkehrenden Genüsse, die fernrassige große Hand ebenbürtig auf die seine zukommen zu sehen, nach europäischer Sitte, Horus zu Ehren, — Lis Finger zu spüren und die übertriebene Wölbung seiner vollkommen geschliffenen Nägel mit den halbkreisförmig gezüchteten Perlmuttermonden, deren Bett das ungebrochene weiße Häutchen elastisch, losgelöst und rein umlief.
Dieser sichern, täglich wiederkehrenden Genüsse aber gab es noch mehr. Zur Stunde der Krähe klangen jenseits der Kamelbuckelbrücke, im Pavillon aus Flötenholz und aus Lasur, des Vorhangs gläserne Falten auseinander, und Lis jüngste Nebenfrau erschien, für ihn und die Gäste den Tee zu bereiten.
Hieß Jü-Chuan: „geflügelte Perle“. War erst vor wenigen Monaten an die Stelle einer Dame getreten, die Li mit unerbittlicher Höflichkeit zurückgeschickt, weil sie nicht nur absichtlich den Tee verdorben, sondern — es waren seine eignen Worte —: „ihn behandelt hatte, als wäre er der Schwanz des Hauses statt sein Kopf“. Die Teebereitung ging stets mit dem ganzen Zeremoniell der Meister aus der Sung-Schule vor sich. „Geflügelte Perle“ brachte in den Pavillon eine Privatregion mit, in der nichts zu Boden fallen konnte, das Menschenohr geborgen war vor Scherben und Gekreisch. Ein Zaubervogel mit wohlfrisiertem Damenkopf in Perlengehängen, schlüpfte sie, zutraulich getragen durch ein Dickicht von Hin und Her, machte sich schmal wie eine Meise oder spannte auf einmal feierliche Flügel im Teeduft; erfüllte den Raum mit Wehen und Weiche.
Sprach die Vogelfee, fielen aus ihrer Kehle Silben als Regen von Pfirsichblütenblättern — jedes mit einem Jaspistropfen beschwert — in Herzen hinein. An sie wandte sich stets der Hausherr, kam die Rede auf Dichter und Philosophen, und mit kleinen flächenhaften Bewegungen, ohne je aus unsichtbarem Rahmen zu treten, begleitete sie dann ihre Worte, den zitronenblassen Kopf ein wenig schief. Wenn aber die heiße Blume vollendet vor jedem in einem Doppeltäßchen stand, jeder, die blaulazurnen Ränder gegen einander verschiebend, aus dem Spalt den ersten Schluck getan, verbeugte sich die Vogelfee dreimal, sank in sich selbst nieder, wie in ein Nest von Seide, und sang.
Ließ dabei überaus vorsichtig von den Libellenflügeln ihrer Nägel zehn Goldhülsen gleiten — barg sie in der Schale von Prasem. Nun erst begann mit geblähter Kehle in ihrem Arm ein dickes braunes Instrument zu singen wie ein Nachtigallenmännchen. Eine Grille — ihr winziger Bambuskäfig hing an einer Scharlachschnur in den Nebel von Teeduft — geigte mit. Überzüchtete Tiere, pagodenhaft hochgestellte Fische mit goldenen Krötengesichtern zogen indeß lange rote Fäden hinter sich durch Wasser, das sich kuglig aus dem Kristall der Schalen bog, mündeten, naiv und weise lasterhaft, irgendwo wieder in den Dienst des Geschlechts.
Menschenhäupter und Träume aber schwebten über den ruhenden Körpern in einer zweiten, verklärten Heimatwolke, gewoben aus dem Arom von Quitten, Opium, Sandelholz und Ingwer.
Immer häufiger baute die Vogelfee ihr Seidennest inmitten des fremden jungen Paares. Als die Zeit derAbreise gekommen war, hatte Li seine Ehe bereits in aller Ruhe gelöst, und Jü-Chuan war, nach Erfüllung der Bräuche, Horus Elchos legitime Nebenfrau geworden. Aus einer weiten Milde her waren nur wenige, wohltuend menschliche Verständigungen zwischen den Beteiligten getauscht worden. Dieser große chinesische Herr war Verschwender in allem Glanz des Menschentums, doch sparsam an überflüssigem Weh.
„Meine Ärmel wären mir nicht mehr getrocknet in meinem Leid, hätte das erhabene Lotosgesicht das südliche Blütenland verlassen ohne Jü-Chuan,“ sagte die Vogelfee zu ihrem neuen Gatten.
Er war erregt in seiner tiefsten Lebensneugierde. Beugte sich gerührt zu der lieblichen Form, die ihm die Essenz des Seltsamen der großen Rasse bieten wollte, — so berauschend fremd von einem Liebeswirbel ihm in den Schoß geflogen kam, mit kleinen Zügen, eingeritzt in die Schale eines Taubeneis, nur mit hellen Wimpern zu bestreicheln.
„Bangt dir nicht, mit einem Fremden so in die Ferne zu gehen, seidnes Wesen? Was weißt du denn von mir?“
Ihr ganzer junger Körper war sanftes Erstaunen. Vor Erstaunen fielen die Schleppen ihrer Ärmel in Trichtern zurück von Vorderarmen: rund und durchsichtig, als wären es Röhrenknöchelchen ganz leichter Vögel.
„Da mein älterer Bruder schön, klug und gebildet ist, wie sollte er da nicht auch gütig, gerecht und vertrauenswürdig sein? — Jü-Chuans Dank —“ sie wurde ernst und bebte ein wenig; dann mit geheimnisvoll wollüstiger Verwöhntheit ohnegleichen:
„Ich will meinen älteren Bruder das ‚Geheimnis desFußes‘ lehren und meine ältere Schwester ‚das Geheimnis der Blume Lan‘.“
So kam „geflügelte Perle“ in das Haus der Elchos.
Wie jede chinesische Dame mit Dichtern und Philosophen aus drei Jahrtausenden ihrer Rasse blutvertraut, zeigte sie sich beglückt, all diese in der Bibliothek des neuen Heims wieder zu finden. Neben Übersetzungen auch in der Ursprache.
Horus und Gargi kannten nur erstere. Sie baten:
„Lehr’ uns die Kugelsprache. Doch nicht nur die hölzernen der Kulis, auch die aus Onyx und Elfenbein reihe auf für uns.“
Nun hob Jü-Chuans Vogelkehle aus jeder Silbe den inneren Lautwert, bestimmt, die Schwebungen des Herzens aufzufangen, und aus der Tusche ihres Pinsels kroch über Seide zugleich wie ein Geschöpf das Schriftbild aus, halb Raupe halb Kristall, in breiten Kurven, doch unsichtbar umeckt von solch konziser Kraft, daß sich das Leere rundum an ihm kantig stößt und wie ein Würfel steht. Nicht Urnen, Dämonen und Drachen, Chinas Plastik ist die Schrift. Erst Bild und Klang, verzweigt mit Rhythmus und Grammatik, faßt diese Sprache ganz; man muß sie sehen, um sie ganz zu hören, weil in ihr alle Künste sind und Geist geworden.
Wenn solchermaßen die seidne Vogelfee aufflog in einen tönenden Märchenbaum und aus der Krone seiner Weisheit sang, dann, nicht wie ein Gatte und Liebender nur, gern wie ein Schüler auch, wie ein Vater und Bruder, empfand Horus zu ihr.
Überaus leicht faßlich erschien Jü-Chuan, an chinesischemMaß gemessen, was die beiden andern als Tausch und Dank zu bieten hatten, doch etwas primitiv, um nicht zu sagen tölpicht auch. Nur die Chöre der griechischen Tragiker fanden Gunst vor ihrem winzigen Ohr, das als Quittenblüte am Lack der Haare saß. Nur hier war das Biegsame, das, zart und aderreich wie Geist, in unirdischen Lungen flutet, rot von Leben und stark nach Gesetz.
Gern verglichen sie die „Religion des guten Bürgers“ oder das „Tao“ mit Gotama Buddhas achtfachem Pfad und dem Vedanta.
Hier gab Jü-Chuan meist neidlos zu, daß „Sanskrita“ mit Recht „die Vollendete“ heiße, denn wo andre Zungen immer nur wieder hilflos das Wort „Seele“ vor sich hin zu stammeln vermögen, steigt hier aus tieferer Versunkenheit die Fülle.
„Es ist an dem,“ meinte Horus, „daß die Inder sich als eine lebendige Siebenfaltigkeit zu empfinden gelernt haben, an der jede Stufe fast kontinuierlich in die andre überleitet, wenn auch nur Ahnungen zu ihren drei letzten führen, mehr als Richtlinien, in denen die innere Entwicklung zu gehen hat.
Außen und zuerst ist nur ein aus Nahrung bestehendes Selbst. In diesem steckt wie in einer Kapsel das „Odemartige“, in diesem das Emotionelle: Liebe und Haß erzeugende, dann das manas- oder erkenntnisartige Selbst. In diesem endlich als Innerstes die drei Stufen des wonneartigen Selbst, von dem es heißt: „Fürwahr, dies ist die Essenz. Denn wer die Essenz erlangt hat, den erfüllet Wonne. Wer möchte atmen und wer leben, wenn in dem Weltenraum nicht diese Wonne wäre. Denn wann einer in diesem Unsichtbaren,Unkörperlichen, Unaussprechlichen, Unergründlichen den Standort findet, dann ist er zum Frieden eingegangen. Wenn er hingegen in ihm — wie in den vier ersten noch eine Höhlung — ein andres annimmt, dann hat er den Unfrieden. Es ist der Unfriede, der sich weise dünkt.“
„Ist dieses ‚wonneartige Selbst‘ ein Teil der Weltseele?“
Er stand auf, nahm ein Buch. Oft gebraucht, schlug es an rechter Stelle auseinander.
„Nein, geflügelte Perle, es heißt, das Innerste jedes Menschen sei nicht eine Emanation, ein Teil des ‚Brahman‘: der Weltseele, sondern voll und ganz dieses selbst. Wer das erkannt hat, für den gibt es weder mehr eine Wanderung der Seele, noch eine Erlösung. Er ist schon erlöst, wenn Erlöstsein bedeutet:Befreiung von der Notwendigkeit des Wahns, immer und immer wieder zu sterben.“ Und er las weiter: „Das Fortbestehen der Welt und des eignen Leibes erscheint ihm nur noch als eine Illusion, deren Schein er nicht heben, die ihn aber auch nicht weiter täuschen kann ...“
Des Lesenden Stimme wurde tief und ganz ruhig: „... bis nach Dahinfallen des Leibes er nicht wie die andern auszieht, sondern bleibt, wo er ist, was er ist und ewig war: das gestaltlose Prinzip alles Gestalteten, das seiner Natur nach ewige, reine, freie Brahman.“
„Dann haben eure Saddhus und Büßer,“ meinte Jü-Chuan, „wiewohl sie Beherrscher innerer Kräfte zu sein vorgeben, das ‚wonneartige‘ Selbst noch nicht gefunden, denn die Sage geht, ‚sie strebten ihren Leib zu vertausendfachen, um in den einen Gestalten die Sinnendingezu genießen und zugleich in den andern ungeheuern Kasteiungen obzuliegen‘?“
„Gewiß, der Jogi erstrebt das ‚tat twam asi‘: das bist du, die Befreiung vom Kerker des Ich, nicht in der Essenz, sondern noch in der äußern Illusion. Dieses Ringen der Meisterasketen mit den Göttern um Macht, daß Vismavitra droht, einen neuen Indra zu schaffen, es spielt sich alles noch im Schein ab. Sich vertausendfachend, will der Jogi das ganze Weltgespinst der Maja zugleich sein, leiden und genießen, alleDusin seinemIchvereinen. Versucht auch den schmerzlichen Druck jener Kette, die Karma heißt, dadurch zu verteilen.“
„Was ist Karma?“
„Von jedem Geschöpf sei wohl anzunehmen, meint hier der Vedanta, daß es in einem früheren Dasein viele Werke angehäuft habe, die zuerwünschtenundunerwünschtenFrüchten gereift. Der ganzen Welt Geschehen in jedem Augenblick sind eben diese Früchte. Das ist Karma. Da nun der Jogi in die machtvoll erweiterte Schale seines Ich die Herben und die Süßen vieler Leben zugleich preßt, stumpft er mit der Süße der einen bittres Gift der andern, das sonst vielleicht unvermischt auf ein blindes, kleines Einzelleben gefallen wäre und es ganz zerfressen hätte, wie ein Tropfen Säure eine Ameise. ‚Joga‘ scheint mir in manchem ein mystisches Dju-Djuzu: Jongleur-Trick, sich den karmischen Druck zu erleichtern. Vom wahren Wissen aber steht: ‚es verbrennt die Werke und den Samen der Werke‘.“
„Welches sind die Vorbedingungen für das Studium des Vedanta?“
Etwas befremdet sah er sie an: „Natürlich die gleichenwie beim ‚Tao‘ eures Lao-Tsu, oder dem achtfachen Pfad des Gotama Buddha:Verzicht auf Genuß des Lohnes hier und im Jenseits.“
Sie schwiegen. Dann bekam er sein glitzerndes, ganz junges Spitzbubengesicht. Neigte sich zur winzigen Quittenblüte im Lack:
„Die geflügelte Perle möchte nichts übereilen. Erst wer sich völlig ausgeliebt — ausgehaßt, ausgeglaubt — ausgezweifelt, kann den Weg des Vedanta beschreiten.“ — Dann mit einem fast väterlichen Wohlmeinen: „den Morgen seiner Inkarnationen genießen, dann als Grihasdha das Amt der Generation auf sich nehmen, erst das letzte Drittel des Lebens dem eignen ‚Brahman‘ weihen: mit Mantel und Schale in den Wald gehen, ein golden Geschlechtsloser, vollkommen Erwachter, Leidverlöschter. So befiehlt der Vedanta.“
„Befiehlt?“ — Aus dem Lotossitz, in dem sie wie ein zarter Buddha gekauert, erhob sich Gargi, die Hände im Schoß. Erhob sich aus sich selbst, wie ein wachsender Halm. Stand vor ihm. Sie hatte manchmal eine Art, vor Menschen zu stehen, das Haupt zu neigen oder ein klein wenig zu schütteln, wenn sie nicht ganz einverstanden war, mit geschlossenen Lidern, die lächelten. Um das zu sehen, widersprach er ihr bisweilen.
„Der Vedanta befiehlt nie, er belehrt nur.“ Sie zögerte. „Seine Worte sind wohl viel zu groß für meinen Mund, doch möchte ich ihren Sinn nicht meinem kleinen Zufallsausdruck überliefert sehen. Ich glaube, es heißt dort: ‚Der Vedanta befiehlt nicht, er belehrt nur: ähnlich wie bei Belehrung über eine Sache dadurch, daß man sie dem Auge nahebringt. Darum werdenalle Imperative, auf die Erkenntnis des Brahman angewendet, ebenso stumpf wie ein Messer, mit dem man Steine schneiden will. Denn das ist unser Schmuck und Stolz, daß nach Erkenntnis des Brahman allesTun-Sollenaufhört, sowie allesGetan-Haben‘.
Wer in sein wahres Selbst einziehen will: das Seiende, Unzerstörbare, muß seine guten und bösen Taten draußen lassen.“
„Seine guten und bösen Taten draußen lassen, wie schön. Meine ältere Schwester soll weiter sprechen,“ bat Jü-Chuan.
Und Gargi fuhr fort; so einfach, als kämen ihr eigne Worte, doch in jener unnachahmlichen Haltung wie zuvor.
„Weise und ohne Falsch und frei von Begier in dem Gewoge steht er als Schauender und ohne Zweiten, er, dessen Welt das Brahman ist.
Wahrlich, dieses große, ungeborne Selbst, das ist unter den Lebensorganen jener aus Erkenntnis bestehende selbstleuchtende Geist. Hier im Herzen inwendig ist ein Raum, darin liegt er, der Herr des Weltalls — der Gebieter des Weltalls — er wird nicht höher durch gute Werke, er wird nicht geringer durch böse Werke; er ist der Herr des Weltalls, er ist der Gebieter der Wesen, er ist der Hüter der Wesen, er ist die Brücke, welche diese Welten auseinanderhält, daß sie nicht verfließen.
Wer solches weiß, den überwältigt beides nicht, ob er darum, weil er im Leibe war, das Böse getan hat, oder ob er das Gute getan hat.
Ihn brennet nicht, was er getan und nicht getan hat.“
„Wie aber verbreitet sich das Gute in der Welt der Sinne: des Scheins, die doch seiner noch bedarf, haben die Erleuchteten es längst vergessen?“ frug Jü-Chuan.
„Dadurch, daß sie sind. Wie beim Mangobaum, den man der Früchte wegen pflanzt, Schatten und Wohlgeruch daneben herauskommen, so kommen bei Entfaltung der Seele die nützlichen Zwecke in der Körperwelt daneben heraus.“
Die jungen Frauen hatten die Bibliothek verlassen. Horus zögerte noch. Ihn drängte, ein paar Bücher an ihren Ort zurückzustellen. Wie barbarisch abgehackte kleine Glieder kamen sie ihm vor, so quer und verloren hingestreut, und der lebendige Leib der Wand verstümmelt ohne sie.
Wie er so lieb mit ihnen hantierte, über das Korn des Leders, die braunen Rücken, gewölbt vor Klugheit, strich: getastetes Plaudern, bis jedes wieder in seinem Häuschen stand, fiel ihm von ohngefähr an entlegener Stelle ein unbekanntes Buch in die Hände. Verwunderlich schien das keineswegs. Erasmusens und seiner Mutter Interessen waren zahlreich und verschieden genug, um ihn selbst noch kaum berührt zu haben. Er öffnete es eigentlich auch nur, weil es so schwarz, dick und auf dem Rücken ohne Titel war. Durchblätterte mechanisch lange, dünne, engbedruckte Seiten. Erstaunlich bösartige, ja flegelhafte Sentenzen stießen allerorten wie unsaubre Fäuste nach ihm: „Der Herr wird dich schlagen mit Feigwarzen, mit Grind und Krätze, daß du nicht kannst heil werden.“
Er staunte: „Ich weiß zwar nicht, was Feigwarzen sind, aber es wird schon danach sein.“
„Der Herr wird dir die Pestilenz ...“ nein, weiter —
„Der Herr wird dich schlagen mit Darre, Fieber, Hitze, Brand, Dürre, hitziger Luft und Gelbsucht und wird dich verfolgen, bis er dich umbringe ...“
Instinktiv hielt er das Buch weiter von sich ab, als zum Lesen unbedingt erforderlich.
„Verflucht wird sein die Frucht deines Leibes, die Frucht deines Rindes, die Frucht deiner Schafe verflucht ...“ Eine ganze Seite lang. Aber wozu der ganze Gallenerguß? — „Der Herr wird unter dich senden Unfall, Unruhe, Unglück, bis du vertilget werdest und bald untergehest, um deines bösen Wesens willenund daß du mich verlassen hast.“ —
Ja, hörte denn dieses offenbar senile Keifen nicht mehr auf? Wer war überhaupt dieser dubiose „Herr?“
„Und desHerrnZorn ergrimmte zur selbigen Zeit, und er schwur und sprach: ‚... ich, derHerr, deinGott, bin ein eifriger Gott‘.“
Wie? — EinGott? — Mit schlechten Manieren, der fluchte —bad languagegebrauchte? — Es gab also einmal irgendwo eine Barbarenhorde, die sich ihren Gott so vorgestellt? — Wie aber war es denn, wenn sie ihn nicht „verließen“, ihm „folgten“? Das mußte doch auch bisweilen vorkommen. Er suchte und fand. Nun ward es ethisch aber noch bedeutend anrüchiger:
„Wenn dich der Herr, dein Gott, bringen wird in das Land und geschworen hat, dir zu geben: große und feine Städte, die du nicht gebauet und Häuser alles Guten voll, die du nicht gefüllet hast, und ausgehaueneBrunnen, die du nicht ausgehauen hast, und Weinberge und Ölberge, die du nicht gepflanzt hast ...“
„Ah — da staun’ ich,“ dachte Horus belustigt.
„Und sie führeten das Heer wie der ‚Herr‘ geboten und erwürgeten alles, was männlich war. Dazu die Könige der Midianiter erwürgeten sie samt ihren Erschlagenen und nahmen gefangen die Weiber der Midianiter und ihre Kinder. All ihr Vieh, all ihre Habe, all ihre Güter raubeten sie und verbrannten ihre Städte, all ihrer Wohnung und alle Zeltdörfer.Und nahmen allen Raub und alles, was zu nehmen war: Mensch und Vieh. Darum bringen wir dem ‚Herrn‘ Geschenke, was ein jeglicher gefunden hat an goldnem Gerät, Spangen, Ohrringen ...Denn die Kriegsleute hatten geraubet ein jeglicher für sich... und brachten’s zur Hütte des Stiftes zum Gedächtnis ... vor dem ‚Herrn‘.“
So?
Völker aber, die ihre schönen Städte selber bauen konnten, belegte diese kleine Zuchthäusler-Tribus regelmäßig in wegwerfender Weise mit einer Art verächtlichem Sammelnamen: „Heiden“. — Horus amüsierte sich. Also dann waren Con-fu-tse, Pythagoras, Buddha alles „Heiden“, von denen es da hieß: „Also sollt ihr an ihnen tun: Ihre Altäre sollt ihr zerreißen, ihre Säulen zerbrechen, ihre Haine abhauen ...“
Welch gewalttätige Borniertheit, Anmaßung, Bosheit und Intoleranz!
Gelegentlich schien der „Herr“ wieder eitel einen guten Eindruck auf diese „Heiden“ zu machen. Als er — zum wievielten Mal, war nicht ersichtlich — drohte, sein Volkum den versprochenen Länderraub endgültig zu prellen, überlistete ihn einer durch die Erwägung, es wäre doch blamabel vor den „Heiden“; die würden sich am Ende darob mokieren. Das leuchtete dem Gott ein. Horus las nur so mit den Blickspitzen, machte Stichproben. War denn hier keine Spur von Natursinn? Entzücken an edlen Tieren und der beseelten Landschaft? Darum diese dürre, klägliche Angst; das Sich-als-lebendige-Welle-fühlen, das fehlte eben. Nie wurde hier die Schönheit der Welt zum Gottesbeweis, immer nur Krätze oder wie hieß das andre? Richtig: Feigwarzen.
Da war ein auserwählter König: David. Von dem stand: „Er führete aus der Stadt sehr viel Raubes, und das Volk drinnen führete er heraus und zerteilete sie mit Sägen und eisernen Dreschwagen und Keilen.“ Als er später eine Volkszählung vornahm, schien das dem Gott aus rätselhaften Gründen nicht recht, wiewohl er selbst dergleichen doch wiederholt selbst anbefohlen. Zur ‚Strafe‘ sollte nun der König wählen: Teuerung, Flucht vor dem Schwert seiner Feinde oder Pestilenz im Volk.
Traun, er möchte gehorsamst um Pestilenz für sein Volk gebeten haben. „Da ließ der ‚Herr‘ Pestilenz in Israel kommen, daß siebenzigtausend Mann fielen.“ — Völlig Unschuldige also, an der Sache Unbeteiligte. Gleich darauf sahen Gott wie König auch ein, das Ganze habe keinen rechten Sinn gehabt. Über den Mord an den siebenzigtausend regte sich aber keiner der beiden weiter auf.
Da ekelte es Horus zwar, aber lachen mußte er doch.
Gegen Ende des Buches machten die Leute einen ziemlich reduzierten Eindruck. Ein einziger kleiner Anführer schien ausschließlich das Wort zu haben. Auchdie Diktion hatte sich erheblich vermindert, die alte Barbarei, doch quasi um ein Stockwerk tiefer. Kleineres Keifen hub an:
„Und des Menschen Sohn wird seine Engel senden und die Bösen von den Gerechten scheiden und werden sie in den Feuerofen werfen, da wird sein Heulen und Zähneklappern.“ — Dann wieder: „Ihr Schlangen und Ottergezücht, wie wollt ihr der ewigen Verdammnis entrinnen.“ — Ja, eigentlich wo immer man es aufschlug: „Wer aber ärgert einen dieser Geringsten einen, die an mich glauben, dem wäre besser, daß ein Mühlstein an seinen Hals gehänget und er ersäufet würde im Meer, wo es am tiefsten ist.“
Komisch. Der junge Mann behauptete von sich, er sei „sanftmütig und von Herzen demütig!“ — Dann umblätternd: „Und wird sagen zu denen zur Linken: gehet hin von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das bereitet ist den Teufeln und seinen Engeln ... und sie werden in die ewige Pein gehen, aber die Gerechten in das ewige Leben.“ — Er schlug ein paar Seiten zurück. Schon wieder: „Da wird sein Heulen und Zähneklappern.“ Jetzt zum fünften Mal. Er gähnte.
Ein Welterlöser, ein Gottessohn mit dem Leitmotiv: „Na wartet, ich werd’s dem Vater sagen!“ Eben immer noch die gleiche, schlechte Kinderstube. „Es scheint in der Familie zu liegen,“ dachte Horus.
„Wehe dir, Bethsaida. Wären solche Taten zu Tyrus und Sidon geschehen, als bei euch, sie hätten vorzeiten im Sack und in der Asche Buße getan. Doch ich sage euch: es wird Tyrus und Sidon erträglicher gehen am Jüngsten Gerichte, denn euch ... und du, Kapernaum, die du bisterhoben an den Himmel, du wirst bis in die Hölle hinuntergestoßen werden ... Und wo euch jemand nicht annehmen wird ... so gehet heraus von demselben Hause oder Stadt ... wahrlich, ich sage euch, dem Land der Sodomer wird es erträglicher gehen am Jüngsten Gericht, denn solcher Stadt.“
Nicht annehmen — warum? Ja richtig: gerade vorhin hatten sich ja alle gesitteten Leute mit Recht beschwert, daß diese Rowdies sich nicht einmal vor dem Essen die Hände wuschen.
„Strafe — Verdammnis — Sühne — Sünde — ewige Pein.“ — Er griff sich an den Kopf. Dieser ganze pauvre-brutale Vorstellungskomplex war ihm bisher an Religionen gänzlich unbekannt. Als Symbol gewertet aber schien das alles ausschließlich dem Niveau kretinisierter Sechsjähriger angemessen, wobei noch sehr zu fragen war, ob nicht gerade Kindern solche Zuchthäuslersymbolik unter allen Umständen fernzuhalten wäre. „Steinzeitbarbaren eben.“ Das tröstete. Mitten inne diesem kindischen Gekeif stand ab und zu etwas wie ein Druckfehler: „Liebe“. Ja, wahrhaftig. Liebe wie Geifer vor dem Mund.
„Ich aber sage euch: liebet eure Feinde ... denn so ihr liebet, die euch lieben,was werdet ihr für Lohn haben? Tun nicht dasselbe auch die Zöllner?“
— — Also auch hier — selbst hier noch das ehrwürdige Wort! Alt und süß wie die Welt! Allen Söhnen der Sonne eingeboren mit dem ersten Hauch. Da stand es: Sturmbock in Vordersätzen — als Kontraimitation der Zöllner — oder gar prostituiert mit „Lohn“? War das noch Liebe? Alles Warmblühende,Taumelnde, Sternenkühne dahin, als wäre das ewige Wort in einen Mülleimer gefallen, aus dem Bucklige mit schiefen Fingern einander damit bewürfen. Seine klare Keuschheit war irgendwie dahin, das von selbst Verständliche: somit Anmut — Weite — Würde. Selbstgefällig, aufgeblasen, mit Protzerei, ja Schadenfreude fletschte es seine Zähne, dieses: „Liebet eure Feinde“. Ausschließlich um strahlende Sieger zu belästigen, wie es schien: „So — jetzt habt ihr auch nichts davon.“ — Liebe als Antithese: aggressiv statt schöpferisch.
„Louche,“ — fühlte er, „schlechthinlouche.“ Und wie kam es, daß hier immer nur vom „Nächsten“ — vom „Feind“ als Objekt der Liebe die Rede war? Wo blieben Tiere als Ebenbürtige? Wo Blumen, Wellen, Sonnen? Wenn Erkenntnis das Ich aus seinen Rändern reißt ins grenzenloseTat-twam-asi; wenn in die wogende Fläche des Geistes: den Träger der ganzen Erscheinungswelt, die Iche stürzen und sich erkennend zergehen: was soll da klein und futil herausgeeinzelt der „Nächste“, der „Feind“? Das Wort ist sinnlos geworden. Welche Präpotenz dieses kleinen Volkslehrers, dauernd so zu tun, als habe er die Liebe erfunden. Überdies: Kein Wort vermeidet doch ein Mensch von Feingefühl so sehr wie eben dieses. Er spricht es nicht — schweigt es aus. An ihm wird die Zunge ein dunkler Vorhang voll Scheu. Doch hieß es nicht irgendwo in einem grotesken Sprichwort: „Wer keinen Schnaps hat, spricht wenigstens von ihm.“
„Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie dieHeiden.“
„Heiden“. Also immer noch die alte Arroganz aus Ignoranz. —
Nun, der Mann schien selbst nicht eben wenig zu sprechen. Da waren Dutzende der ermüdendsten Tautologien: Gleichnisse, unanschaulich aus dem ewigen Mangel an Natursinn, einige dezidiert verunglückt: „Das Himmelreich als das Größte unter dem Kohl ...“ — Auch eine Predigt war da: gegen die Bildung, wie es schien. Überhaupt komisch, diese Wut gegen alles Wohlgeratene; dieser Hang zur Kontraimitation mit gehässiger Tendenz: „Wer sich selbst erniedrigt, wird erhöhet werden. Viele werden die Letzten sein, die die Ersten sind, und die Ersten sein, die die Letzten sind.“ Keine schöpferische Idee. Nur aggressiv: „Ihr sollt nicht glauben, daß ich kommen sei, Frieden zu senden auf die Erde. Ich bin nicht kommen, Frieden zu senden, sondern das Schwert.“
„Und weiter sage ich euch: es ist leichter, daß ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, denn daß ein Reicher ins Reich Gottes komme.“
Was hatte denn Armut oder Reichtum: äußere Zustände mit dem mystischen Aufbrechen der Lotusse in den Ganglien zu tun? Diese allein durften doch das „Reich Gottes“ heißen, sofern es für Erwachsene Sinn haben sollte.
Doch genug. Noch immer peinlichen Befremdens voll, schob er das Buch an seinen alten Platz. Schloß dann die Augen — hob das Haupt zurück in die goldne Wolke des Vedanta:
„Hier im Herzen inwendig ist ein Raum, darin liegt er, der Herr des Weltalls, der Gebieter des Weltalls: er wird nicht höher durch gute Werke, er wird nicht geringer durch böse Werke. Denn das ist unser Schmuckund Stolz, daß nach Erkenntnis der Seele als Brahman allesTun-Sollenaufhört, sowie allesGetan-Haben.“
„Wer in sein wahres Selbst einziehen will das ‚Seiende‘, Unzerstörbare, muß seineguten und bösen Taten draußen lassen.“
„Weise und ohne Falsch und frei von Begier in dem Gewoge, steht er als Schauender und ohne Zweiten, er, dessen Welt das Brahman ist.“
„Ihn brennet nicht, was er getan und nicht getan.“
Die lange Welle des großen Atems — wie so oft — ging wieder durch ihn, und rein, als etwas, das irdisch nur dem lebendigen Glockenbrausen in einem Bienenschwarme sich vergleicht: unantastbares, geflügeltes Glück aus Glocken und duftendem Gold.
Wusch die Hände. Während der Strahl über seine glänzenden Nägel sprühte, kam noch einmal unangenehm das Staunen zurück:
„Ethnographie in Ehren. Aber ist es denn wirklich nötig, den Privatfetischismus jeder kleinen Barbarenrotte, die je gelebt, zu registrieren und zu bewahren?“
Und dann vergaß er es. Denn er wollte mit den Frauen noch unter die Frühlingsgestirne in den Garten spielen gehen.
Vor dem letzten Rasthaus schwingen im Mondlicht die schlafenden Elefanten.
Durch den Silbernebel der vier ragenden Massen geht lautlos ein Riesenrhythmus lebendigen Traums. Schwereloses Schlingern und Rollen vor und zurück, die Tonnenflanken und das gehöckerte Haupt hinauf; von Kautschuksäulen elastisch aufgefangen — wieder rückgeleitet zu dem stillen Herzen, das voller Sanftmut mitten inne steht.
Jenseits der kleinen Lichtung schwingen noch leise die Luftwurzeln der Banjanbäume mit, aufgeweht vom Wind der Fächer-Ohren, wenn sie um die geschlossenen Augen streichen. Ewig wache Rüssel aber umtasten wie in leiser Orgiastik die silberne Schwerelosigkeit der Nacht. Da reckt Rama-Krishna den seinen weit — mit dem schönen Schwung eines weisenden Frauenarms. Steht still. Hat träumend die Herrin erfühlt. Und die zu Tragende erwartend, bricht er lautlos in ein mächtiges Knie — das andre zart gespreizt und vorgeneigter Schulter —: leichte Leiter für die leichte Last, die er so manche Tage nun schon über Land getragen; und endlich hier herauf die duftenden Terrassen bis unter den Gipfelkopf des heiligen Bergs.
Daß es jetzt zu steil würde für ihn, zu schmal für seinen Bauch, daß er und die andern Reitelefanten bei dem Mahaut mit dem Ankus zurückbleiben sollten, das konnte er nicht wissen, wiewohl er ein Weiser war unter den Weisen.
Gargi, die ihn so dienen — knien sah, schlang die Arme um seinen Hals, steckte ihm ein Lianensträußchen hinter den Ohrenfächer, ein langes Zuckerrohr aber in die ganz und gar dumme Säuglingslefze. —
Dankend schmeichelt die Rüsselspitze — wie eine Hand voll Geist — um ihre unbegreiflich edeln Arme. EinWink heißt Rama-Krishna sich in die Höhe richten, dann nimmt der Banjanschleier die Herrin auf; Luftwurzeln rinnen hinter der Diaphanen zusammen. Nur vom Zuckerrohr, dem saftsüßen, ist noch ein Stückchen da. Und wie es zergeht, zergeht auch die Persönlichkeit, an der die Welle des großen grauen Traums sich brach. Wieder einfallend in den Riesenrhythmus lebendigen Schlafes, schwingen im Mondlicht die vier wartenden Elefanten.
Zwischen drei Fackeln steht der Schikari Aditja. Zwei brodeln grün aufwärts in die Mangroven. Drunter hängt sein weißer Turban: eine phantastische Ampel im Schwarzen über schwebenden Elfenbeinäpfeln: den Augen. Der dritten schräggesenkter Schein beleckt einen Klumpen metallner Eheringe an den Wurzeln seiner ausdrucksvollen Zehen. Jeder Ring ein ineinandergeflochtenes winziges Paar: das Männchen Messing, das Weibchen Silber. Jedes eine neue Liebesverschlingung; alle von grandioser, übermenschlicher Unanständigkeit. Zwischen Turbanampel oben, Zehenringen unten ahnt man, als Schweifendes, den sehnigen Jägerkörper aus verdichteter Nacht.
Sie steigen ins Steile — jeder mit seiner Leuchte; der Schikari voraus auf trocken schmalen Sohlen, fegt Flammen ins obere Dunkel, aus dem, treibt Hunger sein Eingeweide, der Panther sich zuweilen auch auf Menschen niedertropfen läßt. In Pausen stößt aus Aditjas Kehle etwas wie gezischter Vogelschrei: verwildertes, gleichsam bewaldetes: heiii — — heiiiiii! Damit die Giftwesen unten rechtzeitig zur Seite schmelzen können, was durchaus in ihrem eignen Interessegelegen ist. Denn wozu schwer nachzuschaffenden Betriebsstoff an Beute verschwenden, bei der ein so dickes Ende nachkommt, daß an gedeihliches Verdauen doch nicht zu denken ist. Kein realer Fond in der Unternehmung. Mit steigender Höhe wird der Boden härter, Aditjas „heiiii“ schütterer, bis es ganz erlischt.
Stille hängt — ein schwarzer Kessel — über den Dschungl gestülpt. Lautloses Schicksal geht suchend durch die Finsternis mit phosphoreszierenden Lichtern. Niemand schläft, niemand gibt Laut. Nur dumme Papageien dösen irgendwo oben vor sich hin. Manchmal ratscht ein Halbwüchsiger aus seinem Angsttraum eine Formel herunter, oder ein ganz Alter, der es an der Leber hat, versucht mit dem Nachbar unzeitgemäße Betrachtungen: dann ein Hacken Horn auf Horn. Und immer muß er recht behalten. Auch gegen die Wildkatze. Unten räumt man ihm schon den Bauch aus, und oben spricht er noch. Endlich ist sie im Menü so weit, beißt ihm das letzte Argument in die Kehle zurück, und alles atmet auf.
Wieder steigt Stille im Dschungl bis zum Bersten. Schweifende Formen entschälen sich dem Dunkel, schmelzen zurück, treten ins Blut; einbezogen, zugehörig wird der Mensch auf göttlichem Umweg Tier.
Kleine, harte, vielgestaltete Herzen klopfen nach innen hinauf in die gesteigerte Stunde des Lebens vor dem Tod. Wollüstiger Irrsinn der Angst, Seherschaft der Angst, seidne Pracht des Sprunges und der Flucht: Kuß, Biß, Hunger, Mord, Liebe, geballt wieder zu einziger, zitternder Intensität. Täter und Leider: Genießer beide. Worte erhalten Ursinn zurück als wilde Krone: Gegen—stand, Hingerissenheit — Besessenheit.
Es lauert aus den Nieren der Dinge.
Unter dem Gipfelkopf rasten sie, vogelhaft eingehüllt in Grün. Pflanzen lecken ihre Hände mit fleischigen Zungen. Irgendwo aus einem Felseninnern kommt dunkles Dröhnen, vage Erregung vieler Körper. Als zitterten Metalle und Menschen im Berg. Aditjas spitze Ohren zucken auf, wie bei einem träumenden Schakal. Dann, sein flimmerndes Gebiß entblößend:
„Rhodias Sahib. Es ist die Nacht der Shivatänze.“
Horus erhob sich, angesogen von ziehendem Tumult. Fühlte sich nicht gehen, eher gleiten als Nadel ins magnetische Feld. — Ließ es geschehen. Denn es lag im Gefüge seines Karma, an nichts vorbei, durch alles hindurch zu streben aus einer hochgemuten Art heraus, denn: Gargi und das Haus Elcho hielten ihn, zwei Polen gleich, blanker Sohle zu schlendern durch die Willkür jedes Sudels.
Bog Schlingranken vom Eingang. Ihre Laternenblüten, weich wie Kinderhaut, bestäubten ihm Schulter und Brust. Trat ein. Die Gongwelle schlug ihn fast um. Fackeln in Ringen atmeten gelbwehendes Messing über die Felsenwände. Doch blieben dort und da quecksilberne Lachen von Nacht, in die des Jasmins wächserne Ketten als Senkblei verschwanden. Ihr Duft überredete gleich einer Frau. Mit den Armen schwamm er hindurch.
Fiebrig Männliches aus geröstetem Hanf traf seinen Atem. Bläulicher Aasgestank stieß von irgendwo in den Ritus. Auch das Saure von Metall, anliegend Menschenkörpern. Wie Meer gekrümmte Rücken wogten ringförmig um ein Piedestal. Ring in Ring, Welle hinter Welle: ölig — nackt. Die Gesichter unsichtbar, bodenwärts zugekehrteinem Zentrum: Shiva. Schneeweiß, entrückt, ascheübergossen hockte der Gott. Neben ihm sein Stier Nandi. Vorn, aufgereckt aus Palmenmark: Durga, die fischäugige Gattin. Durch ihren herrlichen Tigermund geht querhin ein wagrechtes Schwert voll Blut.
Horus fühlte einen Atem aufrecht neben sich. Mit hochausgeschnittenen Zügen, ein schöner Ephebe, wohl Fremdling so wie er in dieser Höhle, sah auf die gierbereiten Rücken aus Augen, blauschwarzer Gedanken voll. In Sehnsucht und Verachtung. Jetzt stiegen die Gongs zu einem Taifun. Auf seiner Spitze brach ein Riß durch die Rückenwellen, als wirbelten Trichter aus Fleisch: jeder zweite konzentrische Ring warf sich um seine Achse herum. Rücken sog sich nun an Rücken fest, zu einem obszönen Bogen. Obszön, denn es war kein wählendes Auge an ihm. Jeder Mund verbiß sich in einen Mund, der nicht zum Leibe gehörte, mit dem er in blinde Vermischung fiel. Hanf, Jasmin, Aasgestank trieben durch die Nüstern Unzucht miteinander. Eine Pause, und aufgetrieben von metallenem Geheul, warfen die verfleischten Ringe sich aufs neue blind herum. — Aus dem Schweif des Auges erkannte Horus, daß der schöne Knabe mit den hochausgeschnittenen Zügen nicht mehr an seiner Seite war. — Jetzt, inmitten der Orgie, sah er auch die Köpfe deroutcasts: der kastenlosen Rhodias. In rassigen Tierkörpern allerhand rasselose Menschengesichter, schlechte Nasen, schief, flach — noch von keinem edlen Atem hochgewölbt.Outcastseben, die das züchtende Joch der Kaste auf sich zu nehmen unfähig geblieben.
Mit kalter Schulter drehte er dem Ausgang zu. Unerregt,kaum angeekelt, so fern diesen in seinem klaren Blut. Ein Queres vor dem Eingang ließ ihn stocken. Da lag der schöne, leidend stolze Knabe der Schlingranke vermählt. Erlöste sich in einen ihrer fleischig zarten Kelche, indes sie: eine androgyn Geliebte, aus drei Blüten sich ihm in Mund und Hände als golden-mildes Mehl ergoß. Sanft — fast andächtig stieg er über ihn hinweg.
Feiner Schauder der Frühe erhob sich gipfelwärts. Kleiner, intensiver wurden alle Dinge hier oben. Greller, herber. Gerannen zu Klumpen Herzblut an den Rhododendren. Nur Deodar-Zedern stiegen noch hoch auf, und abgeplattet im Himmel lagen die ringförmigen Federsterne der Araukarien.
Es roch nach der Essenz Gottes.
Leichte Schritte lebten auf, verdichteten sich aus allen Richtungen der Pyramidenspitze des heiligen Berges zu. Ein Pilgertag. Stimmen silberten in Lachen, das ein tönendes Lächeln war. Aus Büschen streifte ein Nachtpfauenauge hervor oder das Samtgesicht einer Frau. Von überall feine Wesen, ein Kind auf der Hüfte, waren die ganze Nacht gestiegen und doch wie unbeschwert auf ihrem Sandalenfächer, der nach den Zehen wunderbar abgestuft, die erste übertrieben von den übrigen schied, so daß Spitze, Ballen und Innengeburt der Ferse eine Gerade zu bilden gezwungen waren. Neben Schmäle von Schenkel und Knie das Geheimnis tropischen Frauengangs.
Noch ein paar Sprünge aus dem Moosigen ins Kahle und in den Tag. Denn schon trug hier oben die süße Brust der kleinen Vögel des Nestes Rundung entbunden durch die Luft.
Da erschuf sich mit Eins riesenhaft aus dem Leeren ein saphirner Kegel — hing durchsichtig: wie geisterhafter, tiefblauer Kristall, an zwanzig Vollmonde groß, frei im Raum; den ganzen westlichen Himmel erfüllend. Blendend, beängstigend und unbegreiflich, als hätte ein sehr aparter und eigenholder Djinn geruht, sich einen Leib aus Äther und aus Stahl zu bauen. Schwebte ohne Ort — hart, doch unirdisch, fast mit Händen greifbar und auch wieder an den Grenzen der Erdatmosphäre zugleich; stahlblauer aus-sich-selber-seiender Gott.
Bis, wie von Glanz befiedert, ein Büschel goldner Pfeile von der schwirrenden Sonnensehne her quer durch die Welt brach — und in seinen Leib. Da, nach rückwärts auseinander weichend in immer weiteren, eisgraueren, durchsichtigeren Kegeln, schwand er, bis der letzte so groß war wie das Nichts.
Leicht aufschauernd sah Horus in das zerplatzte Juwel. Es war nur der Schatten des Gipfels gewesen, auf dem er selber stand, von der östlichen Sonne in seinem Rücken auf eine trübe Dunstbank geworfen, die jetzt zerrann. Nicht mehr fasziniert von dem westlichen Phänomen, merkte er sich auf einmal abgekehrt, arrhythmisch, in seiner Blickrichtung allein, denn alle andern neigten dem Lichte zu.
Da wandte sich auch er. Und im Augenblick des Querstands sah er die Menschen, alle flimmernd vor Aufgang, wie noch nie. Sah die ätherischen Lichtbündel von drüben in ihnen endend als Figur. Fühlte: so stehen können in freier Ehrfurcht ist alles. Ununterjocht von seinen Gliedern, in Gewändern edel und belebt. Begriff dieRänder der Dinge, begriff: wie sich etwas gegen alles andere, gegen das Gestaltlose abgrenzt,macht seine Berechtigung aus, da liegen Wert und Unwert der Persönlichkeit; und zu dem der Kontur jedes Wesens redet, der ist lebendig geworden an seinen Augen, der geht den Weg des Auges in das ewige Licht.
Sah Männer — Frauen — Kinder: jedes in geheimnisvoller Sonnenschrift mit dem Ende des Strahls auf ein Stirnblatt von Stoff geschrieben. — In freier Würde, nobler Folgsamkeit gegen ein hoch über seine Einsicht hinausragendes Kräftespiel, glitt jedes an die gewiesene Stelle: reiner Buchstabe, gehorsam seinem Ort, auf daß mit seinem Leib das verborgene Wort aus unerschöpflicher Tiefe her sich bilde; auch jederzeit bereit, weggelöscht zu werden von der Tafel jener großen Sonnenschrift.
Ohne würdeloses Zappeln. Denn er hatte sie sterben sehen, diese Wesen aus dem Blut der Sonne — wie oft: in Pest und Hungersnot. Wie sie die edelbewahrte Persönlichkeit, den wundervollen Kontur verließen, um lächelnd im Tod alles andre wieder werden zu können, und doch wuchsen ihnen kühne Paradiese hinter den schmalen Stirnen, und aus ihrer Mitte traten Gewaltige heraus, auf deren Wink die Zeit gerann — zitternd stand — oder zerfiel.
Er sah in diesem Sonnenaufgang an ihnen das tropisch schwerelose Mühen und Sterben als untrennbares Kontinuum gelebt. Sah in das wallende Gespinst aus Laubkronen, Vogelflug, Sonne, Küssen, Quellen, Atem den leuchtenden Todesfaden geschlungen: Ariadnefaden in die Freiheit; jederzeit wieder alles sein zu können: Blume, Tier, Licht. — — —
Wahn des Tuns fiel ab von ihm:
„Vielleicht ist Arbeit Sünde.“ — Der mit dem Aschenauge:sein verborgner Führer, wußte es gut: nichts berühren, was aus Arbeit stammt. Nur dort leben, wo die schöpferischen Wellen vieles Lebendigen durch uns gehen, das magische Fluidum aller freien Geschöpfe uns erfüllt und trägt wie zeugender Äther. Verwoben all diesen war er mit dem Blutnetz seiner ganzen wundervollen Jugend. Wußte es wie noch nie in diesen Tagen des Abschieds, da erreif und frei, auf festlich erhöhtem Deck, endlich hinübergleiten sollte zu den Wesen wie aus Schnee und Gold, in ihre weiße Welt.
Einen Augenblick sprang sein Herz an das Gitter des Entschlusses. Doch er hielt. Würde — mußte halten, auch bei anderm Abschied noch: Erasmus.
Die Elefanten drehten heim. Da warf er sich aus dem Palankin von Gargis Seite flach nach vor — nichts mehr vom Abschied sehen — preßte das Gesicht zwischen die Stirnbuckel Rama-Krishnas, verging dort im Geruch von Met und Sand. Wie Tafft rauschten die zerfransten Ohren auf. Im luftigen Wiegen des Elefantenganges kamen und fielen rhythmisch in ihn die Jahrevor seiner Mutter Tod. Waren ein unaufhörliches Fest gewesen, als fühle jede Stunde sich gedrungen, ihre ganze Wahrheit auszujubeln. Fließende Steigerung, klarer Rausch schien auszugehen von den silbrig erweiterten Augen — dem Schatten verhohlenen Drogengeruchs um die Nasenflügel der Nicht-Kranken, Nichts-Leidenden, nur immer Zarteren, als verwehe sie in Dekoktionen von Halmen und Gräsern, zwischen Ausbrüchen ihrer kindlich frohen, burschikosen, purzelbäumigen Lustigkeit. Es war etwas so Menschliches: dies Über-allem-Stehen, gab ihr den zeitlos-alterlosenCharme: — hatte ihn gegeben. Nun lag ihre Asche im Fundament des Riesenrefraktors eingeurnt.
Langsam stieg er zum Kuppelraum und seinem Flügel auf, den Erasmus selten mehr verließ, seit dort, über Diana Elchos zerfallenem Herzen, das große Auge in den Raum wuchs.
Wie lang so eine Wendeltreppe war: ein ganzes Leben lang. Er stieg sehr still, denn viel kam er zu bitten. Ihm war, als zertrete er Geist mit jedem Schritt.
Kam, den großen Freund niederzuzerren aus dem Reich, wo man, der niedren Sorgen frei, „vermittelst eines unzerstörbaren Erzgefäßes aus den fünf Brunnen schöpft.“ — Auch hemmte ihn Erinnerung an etwas in van Roys Gesicht vor seiner Mutter Tod. So, als wöge ihn dieser mit den Augenschalen, ob er „es“ wert. Irgendeinen verborgenen Preis wert, — vielleicht war es Einbildung gewesen? Die Herzlichkeit im Geistigen hatte niemals nachgelassen — Erasmus zog sich nur auf ein großes, jahrelanges Werk zurück. Duldete außer Gargi niemanden um sich. —
Horus trat ein. Etwas wie Glas und Schnee lag in dem stillen Kopf über der elastischen Gestalt. Sterngraue Augen sahen in seine goldnen. Sahen den Abschied. Er frug nicht, wie lang.
„Sei meinem Kind, was du mir warst. Solange ich fort bin.“
Erasmus wies um sich: „Ich habe noch so viel zu tun und vielleicht nicht mehr viel Zeit.“
„Sei Gargis Sohn, sei meiner Mutter Enkel, was du mir warst.“
„Geht Gargi mit dir?“ — Sah die Augenbrauen desErstaunens, winkte lachend ab. Dann resigniert: „Es soll geschehen — ich werde alles tun, so gut ich es nur irgend weiß und kann.“
Noch hatte er an Gargi nicht die Zumutung gestellt, um seinetwillen ihr Kind so lange allein zu lassen. Besonders, da Jü-Chuan, von der er Liebe, doch niemals Kinder so fremder Rasse sich gewünscht, nach China heimgekehrt war, um eines Jugendfreundes erste Frau und Mutter seiner Erben zu werden. —
Da nahm sie die Pein des Wortes von ihm. Dem ungeheuren weißen Dasein endlich so nah, war er in seliger Versunkenheit zu den Kraftanlagen, dann durchs Haus der Elchos gewandert, vom Orgel- bis zum Statuensaal. Blieb, das Wesen der Pallas und Nausikaa im Blute, wie grüßend vor einer Kore stehen: „Bald werde ich dich leben spüren.“
Da rührte ihn eine Stimme an — ganz zart:
„Darf ich sie suchen helfen?“
Er beugte sich über ihre lange Hand: „Meine liebe Gazelle.“