Zweites Buch
Europa nahte.
Durch schweren Nebel pflügte sich die Jacht Marseille entgegen. Nur draußen vor Aden hatte sie Kohlen eingenommen. Orient zum letztenmal.
Wie losgelöste Stücke rotbrünstiger Klippen, waren ihr von der Steilküste nubische Knaben entgegengesprungen in eine kobaltblaue See; zwischen den Lippen Dolche und auf ihre feuerfarbnen Schöpfe festgebunden Amphoren aus buntem Strohgeflecht, gefüllt mit lieblich freien Dingen handwerklichen Spiels. — Man hatte die Knaben beschenkt, doch nicht jäh entlassen, so dankten ihre Körper durch Tanz auf der Violinenbrust des Decks; warfen aus blanken Gliedern empfangene Freude den Spendern zurück.
In der Reeling spiegelten sich, metallisch ins Messing gewölbt, breite Nilaugen, wie nasse Kastanien braun und weiß, und Hennarot schroffer Schöpfe.
Ganz nah um das Schiff stürzen pausenlos, in goldbraunen Ellipsen die Falken von Aden. Ihre schrägen, jähen, stets geschlossenen Kurven scheinen ein neuer, rotierender, geisterhafter Körper im Raum, als dessen milchweißes Herz die Jacht steht. Geruch durchsonnten Gefieders steigt und sinkt mit ihnen: paradiesisches Zimt, verbrannt auf Flügelaltären hundertfach.
Schwingt am Seil des Lichts einer der großen Körper schräg um den Bug, dann — auf Armesabstand —wendet der Blau-Bekrönte aus göttlichen Schultern heraus ruhevoll das Haupt. Sieht lidlosen Auges golden in das Auge der Menschen.
Dann steht sein Flug und in ihm die Zeit. An einem Faden Licht hängt er vom Scheitelpunkt der Ewigkeit herab, mit gebreiteten Schwingen aus stillem, schwerelosem Stein.
So also: hellgesäumt, sich myrtenblättrig überlappend steigt das Gefieder auf von Hals zu Haube. Zweihundert Federchen — dreihundert — dreihundertvierzig. Nein, nur genau. Noch einmal zählen. — Da schlägt ein Augenlid die Zeit. Schwächlich, menschlich.
Hochmütig und befremdet ab kehrt sich der starke Vogelblick. Schräg ins Geschehen schlagen wieder Schwingen und verschwinden.
Die Flugbahn eines mächtigen Sperbers war immer wieder vor dem Bugspriet knapp an Gargi vorbeigestrichen, die, von mondsteinfarbnen Schleiern umweht, ungeblendet im fließenden Licht stand. Jedesmal in Herznähe wandte sich der große Vogel, sah grell in den unbegreiflich sanften Samt ihrer Augen. Sie rief ihn an. Bog das nächste Mal ganz sich ihm entgegen; warf ihren Schleier nach seinem Hals. Das erschrockene Tier hackte zu, durchstieß mit Schnabel und Kopf das dünne Gespinst, und so, umwallt von dem Schleier der Frau, stieg es und trug ihn, sich steiler und steiler schraubend, immer neue Sphären aufreißend, in einen lotrechten Trichter von Licht.
Sie sah ihm nach, verzückt zurückgeworfen. Hochgereckt zum Flug: auf federndem Zehenfächer ein befiederter Pfeil.
Da griffen gewalttätige Hände von rückwärts um sie.
„Man streut Mythen aus!“
Hart und geschickt senkten sich zärtliche Fangzähne um die Knöchelchen ihres langen Nackens. Dann — sanft schnurrend — eine Pranke auf der Beute, löste Horus seinen Biß aus dem Schmelz von Gargis Haut. Dort blieb die zweiunddreißigzackige „Perlmuschel“: sein Privatsiegel.
Im Roten Meer ließ er sich den Kapitän kommen:
„Sie vertreten mich, bis der Kanal passiert ist. Port-Said, Suez, nur den nötigsten Aufenthalt. Sind wir im offenen Mittelmeer, so melden Sie es in meine Kajüte. Dann täglich das Logbuch, sonst nichts bis Marseille.“
Der Japaner nahm die Papiere, verbeugte sich. Er aber schritt — ehrfürchtig fast — die leichtgedrehte Treppe abwärts. — Der Geburtsweg! Treibt es mich das nächste Mal aus diesem milchweißen Bauch, ist es in unerhörtes zweites Leben hinein, wie es wenig Sterblichen vergönnt. Dann reißt mir die Eihaut des Auges vor der weißen Welt. Ganz und auf einmal. Kein gottverbotenes: „allmählich“ für mich — — ho ho, nicht für mich.
Er schlug den Blick zurück: jugendwärts; küßte mit den Wimpern die Erinnerung, Diana Elcho. Wand sich genießend langsam die Treppe hinein, wie in eine Schraubenmutter. Von Holz zu Holz, dem starken, reinen, messinggesäumten, sank er; aus seinem Herzen aber stieg es noch immer wie ein Faden Licht, hing ihn an den innersten Trichter Gold, den unbeirrbar aufkreisend der Sperber, von Gargis Schleier umwallt,lotrecht über ihm in den Scheitelpunkt der Bläue eingekerbt. Als letztes Bild aus dem früheren Dasein wollte er dies hinübernehmen mit sich in die neue Verkörperung.
Versiegelte dann seine Sinne für alles Droben und Draußen, sammelte sich in Ehrerbietung der ungeheuren, weißen Freude entgegen. Das Werk für diese äußersten Tage lag längst bereit. Er schlug es auf: A. Einstein, „Zur Elektrodynamik bewegter Körper.“
Die Maschine stand.
Ächzen der Taue von einem starren Drüben. Die Eingeweide der Jacht schoben sich schief. Noch ein paar Schraubenwirbel nach rückwärts. Sie lag Europa an. Die Schenkel hatte er sich auf den Stuhl niedergepreßt, mit Griffen wie Klammern, diese letzte halbe Stunde, jetzt flog er hinauf, sprang hinüber: alles zu erleben mit ausgebreiteten Armen.
Stand in Europa.
Fühlte sich an diesen liebeeröffneten Armen beiderseits gepackt. Fahler Gestank nach toter Haut unter schweren Stoffen traf ihn aus den Ärmeln zweier Geschöpfe heraus. Sonst staken sie bis zum Kleinhirn fest in hartem, schmutzigdunklem Gewebe und vielen Metallknöpfen an der Leber. Auf dem Kopf stand ihnen ein zweiter Kopf aus finsterem Blech mit Schild und einer Nummer.
„Halt — verboten. Erst die Hafenpolizei, — zurück!“
Irgendwo schlug es Mittag. Da barst über der Erde ein Geheul, johlend vor böser Länge — klagender Wut.Es war wie das hoffnungslose, tote Geheul, mit dem ein Unding sich selbst bejammert.
Ganze Beete von Sirenen vomierten ihre schrillen Trichter in eine Wunde aus widerwilliger Luft. Die Arme sanken ihm. Er blickte auf. Dunkle Schwaden schwimmenden Kotes hingen in der Atmosphäre. Die Technik benützte den Himmel als Kloake der Zivilisation. Kanalisierte ihre Exkremente verkehrt in ihn hinauf — reduzierte sein Blau zur Latrine.
Zurück eskortiert, stieg er noch einmal in den reinen Leib seiner Jacht hinab, hinter den zwei Blechköpfigen drein. Jetzt nur kein Nachgrübeln, was denn diese beiden unter Europäern zu suchen hatten, deren Rasse sie doch nicht angehören konnten; lieber gut anschauen. Eigentlich war da nur ein Streifen Haut im Nacken übrig; wo der harte Stoffring dran rieb, hatte der eine ein aufbrechendes, der andre ein abheilendes Furunkel. Sonst war rückwärts nichts Lebendiges an ihnen frei sichtbar.
Der Japaner hatte alles geordnet, man durfte da sein.
Diesmal schob sich draußen an Land ein amorpher Lebenshaufen umher.
Stumme Klumpen hatten sich von ihm gelöst und vor der neuen Jacht mit ihrer rein asiatischen Bemannung gestaut — in merkwürdig vag geballter Mißgunst.
All diese Wesen schienen es noch zu keinem einheitlichen Körper gebracht zu haben. Sahen irgendwie aus, als trüge jeder die ausrangierten Gliedmaßen eines andern auf: fremde Beine in eignen Hosen, und diesewieder unpaar. Sammler von Organteilen ebenso gemischter als einwandvoller Provenienz. Auch an Kolorit: bräunlich, gelblich oft, manchmal violettgesprenkelt, meist aber wie mit fahlem Eiter statt Blut gefüllt, erschien die Haut.
Wer mochten diese mißfarbigen Barbaren sein?
Sie schienen sich ihres trüben Baues jedoch keineswegs bescheidentlich bewußt, zergafften vielmehr mit hämischer Überheblichkeit das rhythmische Arbeiten der gelben Matrosen. Als jetzt die beiden morgenländischen Gestalten auf dem Landungssteg erschienen, brach der Haufe, ohne ersichtlichen Grund, in ungezogenes Gebaren aus. Der Japaner näherte sich, und hinter dem gelben Tarnhelm seiner Gesittung hervor:
„In Port-Said mir erlaubt, Nötiges für erhabene Ankunft besorgen. Sir und Lady zu schönes Gewand. Risken Insult. Wenn aber insultiert worden, Sir und Lady dafür eingesperrt.“
Dann mit kaum merkbarer Ironie vor des andern blanker Miene, die zu fragen schien: „Was geht es Menschen an, wenn andere Menschen anders gekleidet gehen?“
„In der erhabenen Heimat von Mob mißhandelt werden verboten — für Mißhandelten. In der erhabenen Heimat das heißen: öffentliches Ärgernis erregen.“
Jetzt war er endlich ebenso töricht, kläglich und schmerzhaft gekleidet, wie der amorphe Haufe drüben. Nun, im Inneren der weißen Welt konnte man das ja alles wieder abtun. Um viele Weihestätten gab es üble Gasgürtel von unbegreiflicher Pest; in unmenschlicher Vermummung mußte der Sucher: der Zu-Prüfende, hindurch.
Unbeirrbar im Wohllaut seiner Pulse — unangreifbar in seinem eignen Kraftfeld schritt er — Gargi auf den Armen seiner Seele — in den Ring aus fahler Mißzucht hinein.
Nur einmal zuckte es doch in ihm auf: irgendein Kerl, Fäuste in Hosentaschen, hob auf gespreizten Fersen, mit vagem Hohn Gargi seinen Geschlechtsteil entgegen, pfiff durch Lippen, an denen jeder räudige Hund genagt:
„Oh la la — les petites fesses!“
Die weiße Glorie ließ ihren Saum auf grauenhaft raffinierte Art behüten.
Hinter dem gestauten Haufen längs des Kais zappelten oder trollten andre Massen aufgelöst nach allen Richtungen in gemörtelte Zeilen hinein, deren einzelne Bauglieder nicht organisch — nur durch eine Art zäher Räude — endlos aneinanderklebten.
Gegen das Zentrum der Stadt riß diese zähe Räude öfter zu Plätzen auf, und dazwischen ragte groß aufgedonnertes Gerümpel, rattenhaft angeknabbert von allerhand Stilen, und an ihm irgendwo ganz draußen stand meist:liberté — fraternité — égalité. Auch ein Gasometer mit Apollo kam. Den Eingeweiden des Gebäudes entquoll es figural. Bruchbänder aus Marmor hielten das dann alles wieder leidlich um seinen Bauch zusammen fest. Oft vor solchen Bauhaufen — wohl an großen Kreuzungen auch — standen bekleidete Männer aus Bronze, denen unbekleidete Frauen Kränze, Partituren, Pinsel und Wagen hinstreckten. Oder das Auge erwischte, gerade noch, ehe sie auf dem Pflaster zerschellen würden, über Postamenten metallne Gäule, sich ein Eisenstäbchen in den Huf tretendund hinten auf etwas, halb Stützschwanz, halb Kaskade, gebäumt. Von ihren Rücken herab schwangen Wilde in Affenjacken Säbel gegen die elektrische Straßenbahn.
Nicht Luft, nicht Landschaft, noch gemörtelten Zeilen, Bauhaufen, noch Verkehrsmitteln lebendig vermählt, lagen diese Bildwerke: Trümmer von Stilen, als unverdaute Bronzebrocken im Straßendarm umher.
Und nirgends Europäer. Immer noch trollte es sich am Fuß der aneinanderklebenden Räude in dieser sonderbar geballten Mißgunst, keuchenden Freudlosigkeit. Immer noch staken Wesen bis zum Kleinhirn in falschen Hülsen von der Farbe verwesenden Schmutzes, hatten, wenn auch ohne Schild und Nummer, den doppelten Kopf: senkrecht über dem Kopf noch einen. Dafür keine Zehen, keine Füße — und darum keinen Gang; ja, sie gingen ohne Gang in harten schwarzen Lederklumpen: Einhufer, doch unecht auch als solche.
Das — überall dazwischen — sollte wohl „Frauen“ vorstellen? Aber es kam so verschieden vom Manne, wie von einem andern Ende der Säugetierreihe, daher. Schien aus den verreckten Überresten aller Reiche zusammengestoppelt, als hätte es sich auf dem Schindanger der Natur ausstaffiert: tote Hinterteile zerfetzter Vögel staken auf dem Doppelkopf, um den Hals hingen gegerbte Raubtiere mit Glasaugen und Schnauzen aus Pappe. Kleidung behauptete Organe, die es doch zum Glück gar nicht gab, oder nur ganz wo anders, und auch dort viel unauffälliger. Ein hölzern übertriebener Versuch, niedre Lebensstufen zu imitieren, auf denen das Weibchen derartungetüm, verkehrt, unwahrscheinlich und auffallend wirkt, wie einer andern Art zugehörig. Für die Männchen höherer Organismen ist das dann nicht mehr nötig — die merken’s schon so.
All diesen Überkleideten, ob Männer ob Frauen, war eins gemein: ihre Körperteile schienen nicht recht ineinandergeschmolzen vermittelst jener feinsten Übergänge, als welche allein das Ebenmaß zu wirken vermögen: anmutbewegtes Leben. Jedes Glied hatte etwas an sich, als wäre es nach einem doppelten Bruch irgendwo ein wenig verkehrt zusammengeheilt, wisse nicht mehr in seligem Fluß durch Gewänder hindurchzuschwingen.
Doch auch zum Herdenrhythmus hatten diese Wesen es noch nicht gebracht. Das überstieß sich unaufhörlich oder zuckte zurück vor Straßenbahnen, Autobussen, Elektromobilen. Dieses anders bewegte Tote trieb seine Rhythmen als Keile quer in den Puls der Menge hinein, streckte — staute — zerriß ihn. Alle atmeten ja wie verstörte Frösche.
Zu Hause im großen Äther war das nie gewesen, doch hier schien Lebendiges in seinem Kreislauf so verarmt, daß es sich masochistisch duckte und wand, vergewaltigen ließ, oder floh vor dem fremden Tempo der zugleich untoten und unlebendigen Zwitter. Daß Benzin dem Blut befahl!
Und da war etwas im Blick. In diesen verknoteten oder zerronnenen Gesichtern war ein Blick: sauer und hölzern, der nicht sah. Als würde die ganze Umwelt absichtlich in den gelben Fleck der Netzhaut gerückt. Vielleicht um die Bauhaufen nicht sehen zu müssen, die räudigen Zeilen, die verwickelten Bronzeklötze im Straßendarm,die trippelnden Schindanger, sich selbst, oder die Kilometer unbegreiflich aggressiven Krams, mit dem das gläserne Unterteil der Häuser ausgestopft war. Warum das auch noch hinter Durchsichtiges rücken, statt in die Dunkelkammer?
Und dann lächelte er doch wieder durch Unbehagen hindurch, wie ein Geburtstagskind, wenn es regnet.
Das war ja alles noch der üble Gasring — die Schranke der Schrecken —, nur unbeirrt weiter im eignen Kraftfeld schreiten, durch alles hindurch, über alles hinweg, bis man zur weißen Rasse kam.
Es konnte nicht den ganzen großen Geburtstag verregnen. Und dann zuckte er doch zusammen — zum zweitenmal heute. Er hatte die Stellung der Europäerin gesehen: Fäuste in die Hüften gestemmt, mit vorgetriebenem Birnenbauch, Gekeif vomierend — hemmungslos. Und der begeiferte Mann, wiewohl furchtbar von Gebiß, mit von Saublut beschmiertem Schurz und breitem Messer, schlich eingezogenen Gesäßes vom Grünkramladen weg. Selbst seinem harten Ohr ward übel.
Fäuste in den Hüften: diese Megären-Stellung der Frau war Indien und China unbekannt. Zorn erfand dort andere Gebärden.
Über das zerhackte Gezappel des Lebenshaufens floß es plötzlich als großer Bronzeton Asiens hin — Chinas. Oh, Glocken. Wie warm. Er sog die tönende Welle tief in seinen Leib, ging ihr nach über einen Platz — über Stufen — durch ein braunes Tür-Kissen in den Duft von erkaltetem Orient hinein und einen großüberkuppelten, menschenleeren Raum. Flammicht verschroben war alles an ihm: schraubenförmige Säulen, als wolltensie jeden Moment, wahnsinnig rotierend, sich in den Boden einbohren und verschwinden, entließen oben Wolken aus steinigem Eiter; aus allen Ecken quoll es, bauschte sich grau, mit grellen Papier-Rosen behängt.
Gewesene Menschen schlurften die Nischen entlang, knicksten vor einem schlechten, angenagelten Akt. Reste von Weibern waren in triefäugiges, klangloses Plärren vor ihm versunken. Nein, versunken nicht: ihre Rattenaugen funkelten dabei aus dem Halbdunkel ganz nüchtern gegen die beiden freien und stillen Fremden. Er wischte sich die Schleimspur dieser Blicke vom Gesicht.
Aus graumarmornem Schaum und winselnden Gebärden, aus schrägem Gehimmel gemalter Posen, von überall kroch es flammicht um den schlechten, angenagelten Akt.
Um ihn schienen die versteinerten Unluststoffe einer ganzen siechen Welt zu Prunk geballt. Als hätte ein riesiger und bleicher Buckliger mit schiefen Leichenfingern sich eine überladene Apotheose eigner Dekrepidität an diesem Raum geschaffen. Doch warum waren die wonnigen Glocken und Asias Duft gerade an diesen welken, eigensinnig verschrobenen Ort für erloschene Menschen gebunden?
Am Tore suchte er nach einem Anhalt, wo er eigentlich gewesen, fand über dem Portal etwas von „Jesu“ oder „Jesuiten“. Es klang ihm wie fernes Befremden ums Ohr. Hing das nicht mit dem Privatfetischismus jener kleinen Barbarenhorde, den entlaufenen Sklaven der Ägypter und ihrem seltsamen „Herrn“, zusammen, in deren Chronik er einmal geblättert? Hatte so ähnlich nicht der kleine Volksführer mit seiner Predigtgegen die Bildung, der so viel sprach und den „Heiden“ Plappern vorwarf, geheißen, jener, der sich auch noch gerühmt, Sohn des polternden „Herrn“ mit den schlechten Manieren zu sein.
Ach ja, wie hatte das doch geheißen: „Denen wäre besser ... Mühlstein um den Hals, wo es am tiefsten ist ... ersäufen.“ — „Da wird sein Heulen und Zähneklappern“ ... „Und werden sie in den Feuerofen werfen“ ... „Denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig“.
Ja, ja, richtig. Also das gab es auch noch; nicht nur in historischen Fachbibliotheken für ethnographische Kuriosa? Die aggressive kleine Horde lebte demnach bis heute, hatte hier auf europäischem Boden sogar eine Zweigniederlassung ihres barbarischen Fetischismus mit seiner Saat von Bosheit, Anmaßung und Intoleranz.
Draußen auf der Treppe schwankte ein stoßender Klumpen Kinder hin und her, hieb und spie gegen eine aufheulende rosa Masche. Unter der rosa Masche kratzte und biß es zurück. Umsonst. Aus dem Zopf gerissen, verschwand der grelle Fetzen in einer Schmutzlache. Aus viereckigen Mäulern pfiff die Gemeinheit. Dann riß ein Bengel aus der Rotte ein Holzgewehr an seinen grindigen Schädel, und sie spielten „totschießen“.
Vor einem Haus lehnte ein großer Wagen, leinenumspannt, „Möbeltransport“ stand darauf. Er war durch eine Nabelschnur von Dingen mit dem Leib des Hauses verbunden. Wacklig, schief, freudlos und irrsinnig hing es aus ihm heraus, stand noch: künstlicher Unrat, auf der Straße, bis unter das Tor und eine falschgebogene Treppe hinauf.
Bis unter das Dach hörte man Schleppen und Poltern schwerer Gegenstände. Damit ward nun die schiefe Räude vollgestopft. So sah es also da drinnen aus — und da drinnen lebten wirklich Leute mit solchen Sachen den ganzen Tag zusammen.
Das Haus Elcho enthielt nicht den zehnten Teil Gerät, denn es war erfüllt mit dem Wohllaut des dreifachen Raumes.
Und plötzlich vergaßen sie alles, stürzten zu dem Wagen hin, und Gargi hing am Hals eines lebenden Wesens. Ein Pferd — endlich ein Tier, etwas Lebendiges; welche Erlösung! Xbeinig wie eine alte Kuh, aber das machte gar nichts. Es war ein Geschöpf mit Geschöpfaugen, trug seine eignen Glieder in edler Folgsamkeit und war schön in ihnen wie ein Gott. Und dieser Wiesen- und Steppengott mußte geschändet werden, nur um solchen Narrenkram von Ort zu Ort zu zerren? Eine grenzenlose Verlassenheit lag um das einsame Pferd mitten in dem gemachten Wust, der mitsamt dem angenagelten Akt, den Bronzeklötzen, Bauhaufen, und inklusive „fraternité — égalité — liberté“, kein einziges Haar aus seinem Schweife wert war.
Zucker — Brot mit Salz! Vielleicht war das irgendwo aufzutreiben. Sie suchten noch den Laden, da hieb schon eine Mißgeburt mit einem Peitschenstiel dem Gott auf die Augen, schräg sprang der Möbelwagen über das Pflaster los, verlor dabei hinterwärts ein kastenartiges Ding mit Aufsatz, mehrfach profiliert, auf vier gedrechselten Beinen; auch dieses Ding verlor wieder etwas aus seinem Innern; als es auf das Pflaster schlug, schwang eine Tür an elenden Scharnieren, und eintopfartiges Henkelgefäß, unbekannten Gebrauchs, doch unsagbar kläglich anzusehen, zerbarst am Stein.
Die Mißgeburt zerriß deshalb dem Gott den Mund, daß er sich beinahe überschlug und der Wagen ihm ans Kreuz fuhr, dann torkelte sie vom Bock herab, holte langsam genießend weit aus und stieß ihren künstlichen schwarzen Huf mit aller Kraft dem zitternden Gott in den Schoß.
Doch selbst das schien bei den übrigen in den gelben Fleck des Auges zu fallen, während sie in diesem ewig verfließenden finstern Zustand vorbeizogen, ausschließlich beschäftigt, einander vage zu stören. Das dazwischen — was „Frauen“ vorstellen sollte — hatte außerdem immer mit dem doppelten Kopf zu tun: daß er stets in einem bestimmten Winkel über dem ersten bleibe und so, denn das Wetter hatte sich verschlechtert, war stürmisch geworden vor Morast. Nun setzte gar Schneeregen ein, und der doppelte Kopf ward völlig ambulant. Die indischen Fremdlinge hatten erst gemeint, er diene zum Schutz jenes Wellblechs, das statt Haar unter ihm lag, nun aber spannte sich erst recht zum Schutz über den Schützer ein Schirm. Der stand nun schon als vierter Wahnsinn über dem ersten im Urkopf selber.
Jetzt endlich, nach Stunden, gab er alles auf, warf sich wund in den harten Fußschachteln, voll leidenschaftlicher Müdigkeit, mit ganz ausgeweidetem Herzen, in ein Auto, nannte sein Rasthaus. Dort war eitel Beutelust im Frack. Die Fürstenappartements bereit, wie für einen Rhadja. Funkspruch, Jacht, Dienerschaft hatten gewirkt. Der Rasthaushälter schmolz herbei, gerann aber säuerlich, als Mr. Elcho erklärte, den Nachtexpreß nach Parisnehmen zu wollen. — Nein, danke, er brauche nichts — jetzt nur ein Bad, und, da sie schon bereitet waren, die Fürstenappartements, bis der Zug ging.
Ganz still saß er später in dem grellerleuchteten Bazar des Irrsinns — stundenlang still. Er hatte noch nie ein Tapetenmuster gesehen. Und dann geschah es, daß er aufsprang, und es kam diese, eigentlich ganz nebensächliche Entladung. Er begann nämlich an all den verklemmten Schubfächern zu zerren, die unter Spiegeln und überall rechts und links in allem Möglichen staken, rüttelte wie ein Besessener an ihnen, wie ein Berserker, bis sie es aufgaben — aufgingen — Inhalt vomierten: lauter Stückchen. Abgebrochenes. Leisten, Ecken, Aufsätze vom Leib des Muttermöbels waren in ihnen aufbewahrt. — Da klopfte es — die Rechnung. Eine Uhr schlug irgendwo Mitternacht. Der große Geburtstag war eigentlich soeben aus.
Lange Illusionen aber kennen nicht Geburts-, nicht Sterbetag — nur Sterbejahre.
Den Sonnenaufgang feierten also auch die Europäer mit einer Devotion, leiteten mit ihr den eignen Tag ein. Es wunderte ihn nicht, beruhigte ihn vielmehr wieder.
Gleich am Morgen im Ritz sah er jeden einem mächtigen weißen Blatt voll Schrift sich neigen und — noch ehe er Tee eingoß — ganz darin versinken, wie inGebet. Die Devotionalien selbst aber mußten — das gefiel ihm besonders — immer leuchtend frisch gereicht werden. Abgenütztere wiesen alle jedesmal mit Zeichen des Abscheus weit von sich. Zweimal täglich, so um Sonnenauf- und Untergang herum, spielte sich dieser Vorgang ab. Auch auf Straßen, in Cafés; war also wohl ein verwandelter, dem Stadtleben angepaßter Naturkult: die großen Blätter Sonnenhymnen, Gebete zum Seelenaufgang gleich dem:o mani padme A. U. M., mit dem der Hindu seinen Tag beginnt. Sie lauteten in allen großen Sprachen, wie es schien. Eine allgemein europäische Andacht somit.
Auch er ließ sich andern Tags im Ritz eine Morgenhymne reichen. Sie war französisch: „Le Matin“. So hatte er denn richtig vermutet.
Und hub an:
„Von günstigen Winden gebläht, segelte das Ministerium munter von dannen ... doch ungeheure Erregung hat sich seit gestern des ritterlichen französischen Volkes bemächtigt und droht ... falls nicht Frankreichs berechtigte Interessen im nahen Orient ...
Der deutsche Harn:
Dem eminenten französischen Forscher M. Forest ist es gelungen, die seelische Minderwertigkeit der deutschen Rasse auch chemisch nachzuweisen. Der Deutsche, der nämlich dem subdiaphragmatischen Typus angehört, einen Quadratschädel, kurze, grobe Hände und Plattfüße hat, führt auch in seinem Blut mehr weiße und weniger rote Blutkörperchen als der Franzose. Derart ist es kein Beispiel zivilisierter Nationen, das ihn ändern kann, denn wie sollte dieses auf Hyperchesie und Bromhydrose,die ihn kennzeichnen, und auf seinen außerordentlich toxinhaltigen Urin Einfluß haben?“
Er überschlug ein paar Spalten.
„Gerichtssaal: Exbräutigam klagt auf Rückgabe des Hochzeitsgeschenkes: eines neuen Gebisses für die Braut, weil diese die Verlobung gelöst. Die Beklagte verweigert die Rückgabe mit dem Hinweis, das Gebiß sei ein Geburtstagsgeschenk aus der Zeit vor der Verlobung. Letztere habe sie aufgelöst, weil der Kläger mit der fünfzehnjährigen Nichte der Beklagten ... Das Gericht beschließt ... neue Zeugen ...
Bridge-Tee am Dienstag bei Mrs. Payn-Whitney ...
In dem reizenden Appartement der Rue X ... anwesend waren ...
Der Doppelmord in der Rue Cambon.
Grauenhafter Fall von Kindermißhandlung.
Kasseneinbruch ... Vergiftet aufgefunden ... Die Prostituierte Madeleine B. ... Explosionskatastrophe.“
Er griff nach einem deutschen Blatt:
„Wenn auch das Ruder des Staatsschiffes in allzu nachgiebigen Händen ... so wird doch der deutsche Aar ... wehe ... mit der tiefgehenden Erregung des deutschen Volkes zu rechnen ... falls nicht die berechtigten Interessen des Reiches im nahen Orient ... Schwere Degenerationserscheinungen in der französischen Rasse ... Geburtenrückgang.
Der Raubmord in Moabit ... Das Martyrium der kleinen Luise. Kasseneinbruch ... Erhängt aufgefunden ... Die ledige Dienstmagd ... Magazin in die Luft geflogen ...“
Er nahm ein Italienisches:
„Endlich mußte das Ministerium die Segel streichen ...die noble lateinische Rasse ... in heiligem Egoismus ... tiefe Erregung ... falls nicht Italiens berechtigte Interessen im nahen Orient ...
Wegen Urkundenfälschung verurteilt: Ein österreichischer Staatsangehöriger. Der Fetthändler Kovacs mit zwei italienischen Geschäftsfreunden forderte in einem Champagnerlokal der Galleria Vittorio Emanuele weibliche Gesellschaft. Sie ließen die junge Artistin Gilda Degrassi aus der Wohnung ihrer Mutter holen und verfielen während des Gelages darauf, die Jungfräulichkeit des Mädchens zu versteigern. Der Fetthändler Kovacs trug schließlich den Sieg mit 5000 Lire davon. Er stellte auch gleich den Scheck aus und übergab ihn dem Mädchen. Damit dieses aber „nachher“ das Geld nicht beheben könne, fügte er dem Datum eine falsche Jahreszahl bei. Das Mädchen bemerkte dies am nächsten Morgen, korrigierte selbst die Zahl und behob das Geld, worauf Herr Kovacs gegen sie die Anzeige wegen Urkundenfälschung erstattete ...
Vater, Mutter und vier Geschwister erstochen! ... Lustmord an der sechsjährigen Emilia O. ... Bankraub per Automobil ... Mit aufgeschnittenen Pulsadern fand man.
Kesselexplosion! ...“
Jetzt das große Englische:
„The government’s position ... unable ... great nation ...
Der australische Tennischampion in London ...Prime minister’s Golf... Beethoven II, die Blüte englischen Pferdefleisches ... versagte ... allen Freunden des edlen Rennsports ...
King’s bench division: Lady Sarah Sackville gelingtes, zwei Ohrfeigen ihrem Gatten nachzuweisen ... Zeugen sagen aus ...his Lordship...decree nisi...
An einem Schweinsdarm im Hofe erhängt aufgefunden: Aus Furcht vor Züchtigung versteckte sich der vierzehnjährige Schlächterssohn Harry S. hinter einem Faß voll Därmen, und als Entdeckung drohte, griff er, in Ermanglung eines Strickes, nach einem Darm und erhängte sich an einem Nagel. Er hätte an diesem Morgen sein erstes Kalb schlachten sollen, zeigte aber von je eine ganz krankhafte Abneigung gegen seinen künftigen Beruf. Durch vernünftige Strenge hoffte der bedauernswerte Vater dieser kindischen Verstocktheit (stubbornness) und Schwäche Herr zu werden. ‚Ich wollte eben einen Mann aus ihm machen,‘ sagte er unserem Berichterstatter, ‚wo käme die Nation hin ...‘
Der Raubmord in Sussex.
Im Hydepark verhungert aufgefunden: ein alter Mann mit einem Zylinder ...
Deutsche Greuel an afrikanischen Eingebornen vor dem Reichstag ...stock exchange...liver pills...beecham’s pills...
In die Luft geflogen ...“
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Sir Osmond Cadogan reichte ihm das „Echo de Paris“ herüber.
„Vielleicht interessiert Sie dieser Artikel anläßlich der heutigen Reprise in der ‚Renaissance‘ ... falls Sie die große Tragödin in dieser Rolle noch nicht gesehen haben. Oh, es ist sehr wunderbar“ ...
Dann versteifte sich der rosa Greis, stand steil und fassungslos. Was war denn diesem goldäugigen Exotenauf einmal geschehen, dessen Allüren, ihn gestern so getroffen, daß er eine Anknüpfung gesucht? Grüner Ekel sah ihn ja da an, doch wieder viel zu groß, um noch persönliche Beleidigung zu sein. Solche Leute von Übersee, trugen sie auch, wie dieser, einen noch so guten Namen, letzte Kultur und Gesittung ließen doch immer ein wenig zu wünschen übrig. Zur Beruhigung griff er seinerseits nach der „Morning Post“, die jenem entfallen war. Bald kehrte ihm altes Behagen zurück:
„Lady Sarah Sackville gelingt es, zwei Ohrfeigen ... An einem Schweinsdarm im Hofe erhängt ... deutsche Greuel ... Golf ...liver pills... In die Luft geflogen ...“
Abends fuhr er allein zur Vorstellung.Place Vendôme—rue de la paix—rue des petits champs—avenue—boulevard— schiefes Zick-Zack — wiederboulevard: straßenlang aneinandergelehnte hilflose Unfähigkeit, mit ihren Kilometern unbenützbar angequetschter Balkönchen, holperte gesimseschief die Autoscheiben entlang. Der Träumer seines weißen Traumes umformte — hinter gesenkten Lidern — mit seinem Raumsinn indessen das Problem: Theater.
Er kannte bislang nur die antike, von Süden vereinfachte Lösung: ein Ring aus kristallinischem Stein, geschlossen gegen das bröcklige, pfützenweiche, amorphe „Draußen“ und was dort sich abzappelte, abschmatzte, anspie und verreckte, noch ohne Stern — Achse — Persönlichkeit — Schicksal. Drinnen: konzentrische Marmorrillen,glatt, nur schauender Augen voll, in einem Eierstab lebendiger Köpfe. Drüber: offener Zenith, querdurch zuweilen Vogelflug, sich abbildend im Inneren des Ringes als springender Schattenball oder dunkler Strich von nichts zu nichts. Im innersten Ring ein kleiner Marmormond für sich: der Chor — Mittler zwischen Menge und Mensch. Auf der Bühne, durch Maske und Kothurn entrückt, die dramatische Person: Verdichtung ins Ungemeine von zehntausend Einzelleben, wie Blutwasser aus zehntausend roten Rosen über Feuer erst zu einem Tropfen Essenz gerinnt. Und das Drama: da ballt sich aus dem Leeren, in dem der Nichtige ungefährdet treibt, gegen den starken Ungemeinen das Trikymion auf: die dreifachen Brecher des Geschehens steilen sich ihm lautlos, wie einem Mond, entgegen.
Schon schwebt er über dem Ersten und in ein trügerisch gläsernes Tal. Dann siegend über den Zweiten — glatte Weite blaut auf einmal vor ihm auf mit Glanz von Paradiesen; die Welt scheint auszusetzen, atemlos. Nur Persönlichkeit und Schicksal bleiben brütend gegen einander überhangen. Durch diese Pause im dramatischen Geschehen rast jetzt, als Satyr-Zwischenspiel, das Chaos; metallne Phallusse klirren, aus rotem Tieratem tauchen: elfenbeinerne Triangel, die leichten Schultern der Flötenspieler. Mit Huf und Horn galoppiert es, noch leerer Trieb, vorüber ins Leere.
Und abermals hebt das Drama an. Sammelt sich in seiner letzten Schwärze. Des Trikymions dritter Becher steigt auf, gleichsam herangesogen von dem Ungemeinen, das ihm entgegensteht, wird ein Turm — ein Trichter — ein glasig verdauender Mund — und dergeheimnisvolle Spiegel, den eine wundervolle Persönlichkeit durchbrochen, schließt sich wieder über ihr.
Das wußte er vom Drama, vom Haus des Dramas. Wie mochte es in Europa sein? Bruchstücke von Werken, die er kannte, ließen Außerordentliches hoffen. Doch vor allem: wie war das Raumproblem nordisch erfaßt, seine Vielfalt von Zweck und Geist; schon die trivialen Erfordernisse: Überkleider ablegen — dann gleichsam die Glieder ablegen: jedes störende Körpergefühl. Die Lösung all dieses mußte — das eben ist ja Architektonik — gleich aus solcher Tiefe herkommen, daß sie sich wie ein Monolith über alle Mannigfaltigkeit der Bedürfnisse zusammenschloß zu organischer Einheit.
Der Wagen hielt. Nachher, in einen Bock aus gepreßtem Samt geklemmt, sah er aber immer nur den Eisenhaken, eigentlich nichts als die beispiellose Niedertracht dieses Eisenhakens vor sich, an dem, mit schmutzigem Strick zusammengebündelt, sein Pelz jetzt draußen hing. Zwischen schiefen Goldleisten aus Holz, rotem Papier als Damast, Tünche als Marmor, Marmor als Schlagsahne hatten sich armselige Höhlungen aufgetan voll Eisenhaken und abortfrauähnlichen Weibern. Letztere rissen ängstlich gestauten Männerhaufen ringsum Kleidungsstücke aus den Armen. Frauen wimmerten leise um einen geknickten Vogelsteiß auf durcheinandergeworfenen Hüten.
Dieser Haken aber verstörte, ja ängstigte ihn bis zur Übelkeit. Das andere hatte doch reichlich Stoff zu Mißbrauch und Verderb gegeben. Mit Holz, Marmor, Farbe, Stuck, Stein — falsch verwendet — ließ sich ja immerhin etwas ausrichten. Aber dieser Haken: ein gebogenesStück Eisen mit einem Porzellanknopf, sonst nichts. Wie mit so wenig so viel Gemeinheit erringen?
Vielleicht zerging der Haken, wenn man um sich sah. Das vorne schien ein verwachsenes Rudiment antiken Chors: aus zwei ungelösten Eckproblemen heraus wand sich ein mannsdicker Wurm und versuchte unter Krümmungen seine eigenen Warzen aus rotem Plüsch zu verdauen. Hinter ihm, in geschwungener Stuckbadewanne, saßen bekleidete Leute im Gehrock vor Geigen. Faustdicke Symbole klatschten im Abstand von Froschsprüngen durch alle Ränge bis zum Boden, wo sie sich in zwei formidablen Haufen von Harfen, Masken, Schwänen und Fehlgeburten gestaut hatten. — Ein Musentempel. Merks, Cretin.
Säulen trugen nichts, der Logenring über ihnen war ja schon in sich selbst geschlossen. Zum erstenmal im Leben sah er eine — Halbsäule. Welcher Plumpsinn, die nicht luftumspülte Kurve in eine Wand hineinzupappen, mit deren Ecke sie zu einer üblen Figur zusammenfließen mußte, wie ein grades Bein mit einem krummen. Ja, sahen denn die Leute hier nicht? Sahen nicht, daß, wo Maße nicht stimmten, Bauglieder fehlten, Fugen klafften, sich nur irrsinnig gewordener Dreck beschwichtigend darüber pappte. Kein Quadratmeter Ruhe. Zum Schluß geriet er auch noch ins Tapetenmuster der Logen, sprang über kopfstehende Rhomben, immer hin und her, schließlich heraus, um beinahe, am Fußboden, sich doch noch in einer plötzlichen Darmschlinge aus Lorbeer zu fangen.
Langsam stieg leiser Wahnsinn in seine reinen Nerven.
Etwas mußte geschehen. Er warf den Kopf nachrückwärts und hinauf. Oben war ein großes Loch gemalt: Sommerhimmel und Wolken. An einem Haken mitten aus der blauen Luft kam ein viele Zentner schwerer Metall-Lüster gehangen, als Strafgericht über alles.
Nun sausten mit einemmal die neun Musen in die Höhe, welche, bisher straffgespannt, die Bühne verhangen hatten.
Hub das Drama an? Auf weißer Fläche — groß wie der Bühnenrahmen — hockte an Stelle der Mythologie jetzt ein etwa sieben Meter hoher Affe und scheuerte sich mit gewaltiger Zahnbürste das Maul aus; der Schwanz schrieb:monkey puzzle toothbrush unequalled. Blieb fünfzig Sekunden. Flitzte ab, und es erschuf sich: „van Houtens Cacao is de beeste gekoopste“. Flitzte ab und es ward Frankreichs Präsident: ein erweiterterépicier, krummen Bratenrocks, mit Knien in den Hosen: „regardez cet homme“ — stand vor seinem Bauch — „pas nécessaire d’avoir l’air comme cela — habits élégants complets depuis 49 frs chez Gaston Mandelstamm.“ Flitzte ab und es erschuf sich ...
Ganz witzig, aber dazu war er ja nicht hergekommen. Er schloß die Augen. Jetzt roch er den Europäer um sich her, seinen Porendunst: gestaute Schärfe nach übel verdautem Fleisch; seit Marseille Grund für ihn, Ansammlungen Weißer vorsichtig zu meiden. Daneben roch es noch auf zwanzigerlei Art falsch nach Chemie, die Blume sein wollte. Trockenharte Gerüche, im Laboratorium gezwungen, auf kurze Zeit zusammen Duft zu sein, doch mit heimlichem Hang alsbald wieder in feindliche Einzelgestänke auseinanderzufallen. Gleichsam durchzuriechen war das.
Jetzt verschlang — aus dem Boden getrampelt — eine Wolke morschen Staubes alles, und Handschuhe knallten wie Ohrfeigen.
Horus schlug die goldenen Sperberaugen auf.
Im Bühnenrahmen stand eine Greisin in weißen Lederhosen, den Kopf voll roter Wolle. Fingerdicker Ruß hing um die kahlen Augen, ein Klumpen Saccharin zerging im Mund zu Lächeln, während sie Küsse um sich streute mit verwesender Hand. Kokett schleifte das linke Bein nach.
Was war das?
Er erinnerte sich des erläuternden „Echo de Paris“ in seiner Tasche, entfaltete es. Richtig, die gefeierte Tragödin verfügte über ein neues Kunstbein. Hier war es abgebildet, neben dem Abgeschnittenen, und dort war der Stumpf; erst für sich, dann mit der Prothese, Bild des großen Operateurs, wie er gerade operiert, Bild des großen Dichters, wie er gerade dichtet. Es stand, wieviel die Operation gekostet, wieviel dadurch der berühmten Tragödin an Spielhonorar pro Minute entgangen, wieviel hinwiederum (pro Minute) die amerikanische Tournee eingebracht. Dann kam der Genius Frankreichs. „Gloire“ stand in den vier Ecken, und eine Trikolore flatterte über alles mit Stumpf und Stiel.
Das Drama selbst handelte aber gar nicht von Kunstbeinen, sondern hieß „L’aiglon“: der junge Adler. Die grauenhafte Greisin war der junge Adler. Nun krähte sie gebrochen auf.
„Oh les cloches d’or“, und an drei verschiedenen Stellen des Parketts rissen auf einen Wink kurze Männchen mit schwarzen Bärten begeistert an ihrenAdamsknorpeln; wieder knallten Handschuhe, und ganze Wolken weißen Schmutzes stoben aus den Frauen. Man snobte Tobsucht und starrte einander dabei, mit bösem Eis übergossen, roh und hart in die Kleider.
Nach einer Weile versuchte die grauenhafte Greisin schlimm zu sein — so recht bubenhaft und ein wenig pervers schlimm: spannte Glacéhöschen in den Augpunkt, saß rittlings auf Stühlen herum, kapriolte schließlich rasselnd über ein Sofa. Die Prothese knarrte, und das Publikum schrie: „vive la France“.
Zum erstenmal drang ein Gefühl durch die Augen in ihn — oder war es ein Zustand — etwas, für das er noch keinen Namen hatte, das, durch die Augen eingeschlichen, ihn von innen würgte, das er hätte herausspeien mögen aus diesen seinen Augen. Ekel vor dem Alter? Er fühlte sich doch frei von jenem Männchendünkel, Wirkungen, weil sie von einer Frau kommen sollten, ausschließlich nur mit einem Körperende werten zu wollen und höhnisch gestimmt zu sein, blieb dieses stumpf; wußte: was begreift ein Glücklicher vom Glück — ein Gequälter schon von der Qual? Liegt ihre funkelnde Essenz nicht vielmehr erst im Alter und auf der andern Seite des Vergessens, bereit für eine welke Auserwählung, eine, die, über ein langes Leben gebeugt, aus ihm erst den Rhythmus nachzuschöpfen vermöchte etwa einer Kassandra, wenn sie vom geschleiften Ilion herab — bekränzt und fackelschwingend — mit jauchzenden Flüchen in die Schändung getanzt kommt; orphisch entrückt die Wirbel des Untergangs in das verhaßte Königshaus hineintanzt.
Nein, am Alter lag es nicht.
Das eine Ohr der Tragödin begann jetzt zu tropfen. Ihre Kapriolen über das Sofa nebst den restlichen Leibesübungen machten, daß Rötliches und Fettiges von ihm absickerte. Unter dem abgemagerten Kopf hing ihr ein Kuheuter zwischen Vatermördern herab. Gut. Doch was war mit dem fettgewordenen Leib geschehen, das ihm dies Unmenschliche geben konnte?
Einen Kontur, wie ihn kein Gebrest, kein Geschwür, keine organische Entartung je zustande brächte, denn diesem Leutnant wuchs — stahlhart — eine schiefe Ebene vom Abdomen in den Raum hinaus, so, als hätte er eine gespaltene Pyramide verschluckt, ohne sie richtig verdauen zu können. In dies schräg abstehende Korsettgerüst vor dem Magen hatte man nun von oben die Brüste hineinversenkt und verteilt, von unten hinwiederum die Eingeweide hinaufgeschraubt; beides wohl um des Knabenhaften willen.
Aber auch daran lag es nicht, das Namenlose.
Das dramatische Geschehen selbst wurde von Sekunde zu Sekunde alberner — jetzt war es neun, Ende vor zwölf stand auf dem Programm — doch man konnte ja weghören; schließlich blieb auch das futil.
Nein, es mußte wohl aus dieser Art kommen, wie sie sich vergaichten alle auf der Bühne, aus dem, was sie da begingen mit ihren Gliedern, Rümpfen, Mündern, Mienen. Anfangs hatte es ihn eine utrierte Zeichensprache für taubstumme Idioten gedünkt, ehe er schließlich darauf verfallen, das alles solle Empfindung vorstellen — Bewegung gewordene Empfindung; wirklich das, was auf andern Kontinenten atmende Geschöpfe tun, wenn sie leben.
Hastig, passiv, unbehütet, hatte er es ohne Widerstand in sich hineingeschaut, tief hineingelassen in seine klaren Nerven und ihres mahnenden Unbehagens zu wenig geachtet. Herausbrechen hätte er es sollen aus seinen unbefleckten Augen zu rechter Zeit. Jetzt begann in ihm leise angespanntes Verschrobensein, dessen er sich nicht mehr recht zu entledigen vermochte: wie wenn sonst manchmal eine Zehe in Krampf verfällt, sich verkehrt nach unten durchbiegt wie eine gebäumte Raupe — am ganzen Körper war das jetzt so.
Übel verstellt schien sein Herz. Atmen, wie machte man das — Atmen? Steifes Grauen kam langsam herauf, und Zelle um Zelle gerann an ihm zu infernalisch ungekanntem Eis.
Schutzsuchend warf er seine fliehenden Augen in den halbdunklen Menschenraum. Hier aber hing das Namenlose ganz — im Bühnenspiel war nur sein Abbild gewesen — hier lauerte es herein, hier war dieses, was schluckte, immer schluckte: Leben, Glieder, Haare, Steine, ganze Marmorwände schluckte es — alles was echt war, wirklich war.
Und dann: wie durch einen bösen Doppelspat gebrochen, verzerrt, kündete sich wieder aus diesem Lauernden, Namenlosen heraus eine Art infernalische Wandlung alles Seins an. Diese Wandlung selbst war noch nicht da — nur ihre Vorzeichen: Vorzeichen, dieses Vergaichte, das einmal Rhythmus gewesen, dieses Zerbrochene mit abbröselnden Enden auf Frauenköpfen, durch Brillantine wieder zu einem Scheinleben mesmerisiert, dieses planlos Zerstückelte auf allen Körpern, das einst edler Samt, holde Seide gewesen, nun aufgehört hatteals fließender Stoff zu leben, ohne Gewand geworden zu sein. Aus all diesem: eisernen Haken, Abortfrauen, verkritzeltem Marmor, der Greisin in Lederhosen, den Blumen aus Chemie lauerte es herüber.
Ihm war auf einmal, als könne es nie wieder für ihn einen Wald geben — Schwalben. Vogelflug!
In einem der ungelösten Eckprobleme war der Rest eines halb weggefegten Spinnennetzes hängengeblieben und in ihm ein ausgesogner Fliegenbalg. An diesen klammerte er das Bewußtsein. Unsäglich liebenswert schien ihm auf einmal diese winzige Leiche; wie unverdiente Gnade traf ihn die Wahrheit ihrer kleinen Form. Sie war das Einzige. Zerfiel sie jetzt, blieb er fast ganz allein.
Er und die Prothese: weises, ehrliches Stahlgeschöpf, verdeckt zwar durch alberne Maskerade, aber er wußte es doch da. Kunstbein und Fliegenleiche, die beiden einzig Echten hier, schützten ihn vor dem Namenlosen, wenn es durch den üblen Doppelspat entleibter, entherzter, entseelter Dinge hereingebrochen kam, und vor dem in ein platzendes Aas sich hineinzuretten Reinheit schien, reinliche Fäulnis.
Eine fahle, lange Angst begann ihn zu drosseln, jede Blutader einzeln in ihm abzudrosseln wie einen Wasserhahn. Ersticken dürfen — wie einem wirklichen lebendigen Wesen zu ersticken vergönnt — Wohltat mußte das sein. Er betastete seinen Fuß: fremd, hart und so weit weg.
Doch hätte er nicht zu sagen vermocht, was es denn war, das Namenlose; höchstens, was es nicht war: nicht Hohlform, ist sie doch Abdruck noch eines Leibhaftigen,nicht Negativ, dem zum Grunde Positives liegt, auch keine aufgeblasene Nichtigkeit, denn auch ihr, selbst ihr noch lebt ja im Innersten verquollener Anmaßung ein Korn Sein.
Er schauerte zurück, wich hinter sein erschrockenes Herz, wich weg von dem verjauchten Jetzt, wieder in die reine Frühe seines Morgentraumes über dem nachtblauen Reich mit den kristallnen Achsen.
War damals unter den „Kegelschnitten Gottes“ — in dem Manuskript, das ihm Erasmus gezeigt — nicht etwas gewesen, ein von sich selbst Abgekehrtes, aus sich Verstülptes Fünftes, bisher Unvorstellbares, weil es im Gegensatz zur göttlichen Sucherin: Parabel, sich vom Brennpunkt alles Seins abzukehren hätte, um seinem Gegensatze zuzueilen? Ein schlichthin Infernalisches, dem selbst die Mathematik — die über allem Stehende — das Symbol verweigert?
EinUnsein.DiesesUnsein.
Da brach er aus, zerbrach das üble Joch der Hoffnungslosigkeit, trat, stieß, riß wie ein süperbes Tier sich einen Weg durch keifende Reihen, an schiefen Goldleisten vorbei, hinaus unter die Sterne. Mit freiem Haar, ohne Überrock ging er nach Hause. Noch einmal umkehren, seinen Pelz, vom Eisenhaken herunter und mit schmierigem Strick umschnürt, wieder aus den Händen der Abortfrau empfangen — nein. Riß sich im Ritz auch noch die restlichen Kleider herab, ballte alles zu einem Bündel, warf es aus dem Fenster auf das rußige Glasdach des „Wintergartens“, bürstete unter dem brennheißen Strahl im Badezimmer sich fast die Haut vom Fleisch — reinigte Kehle und Mundhöhle —sog Unreines zu tiefst aus den Lungen herauf — stieß Frische hinab; in vier Spiegeln stand sein blendender Körper.
Aber es wich nicht. Und ihm fiel ein: durch die Augen war er vergiftet worden. Lehnte seinen Kopf an Gargis Tür — lange. Riß sich zusammen, klopfte, trat ein. In einem fernen, zarten Gewand des Ostens sah er sie wie durch kannelierten Rauch. Sie kauerte auf Kissen und spielte ein wunderschönes Spiel mit ihren Armen. Der Hals, weich auf die Luft gelegt, trug über sich im Haupt eine Wage voll Köstlichkeit. Unter der Stirnagraffe: dem Zünglein aus Rubinen, schwebten weit und wagrecht Augenschalen voll flüssiger Magie.
Sein zerrütteter Kontur ließ sie aufgleiten, ihm zu.
„Geh auf und ab. — So. Nimm ein Glas. — Stell es wieder hin. — Schlag ein Buch auf. — Blättre um.“
Auf dem Diwan sitzend, die Ellenbogen auf den Knien, die Schläfen in den Fäusten, trank er jede Bewegung mit den Augen aus, bis zur Neige. Wie ein Vergifteter Milch durch seine arme Kehle rinnen läßt, so schluckten seine Lider. Und sein Blut ward süßer, denn ihr Verstehen war bei ihm; erriet im voraus den Durst seiner armen Augen. Bald wurde sie Ärztin und Arznei zugleich, verließ seine planlosen, aus hilfloser Angst in der Irre tastenden Befehle, und nun sah er sie auf sich zukommen wie die Genesung im März, mit der edlen Entschiedenheit eines Tieres und über allem der Blumenmensch mit durchleuchtetem Haupt, und die Wahrheit ihrer Gebärde ging durch ihn hindurch wie ein Schwert.
Vorsichtig zwischen seinen Füßen kauerte sie auf denTeppich nieder — rührte ihn nicht an — seine Haut und hinab die gewaltigen lichtlosen Sinne brauchten sie jetzt nicht; am höchsten Sinn, aus dem die Welt erfließt und die Vision, war er verunreinigt worden. Sie ruhte im Lotossitz der arischen Asiaten in erlöster Ruhe, die alle Bewegung erfahren hat, und das als Herr.
Etwas von Musik, Akrobatik, vegetativer Verklärung! Es war die Essenz magischer Kraft. Langsam füllten sich die Augen des Mannes mit ihr. Tränen kamen ihm, als er seine Hand erkannte — wieder eine liebe Hand haben und sie rühren können wie ein lebendiges Wesen. Das angespannte Verschrobensein am ganzen Körper wich, ausgetrieben über die Ränder seiner Glieder, wie über den Brunnenrand ölig Gestautes aus schmierigen Lefzen verspritzt unter starkem Strahl. Schön wußte er sich wieder, wie ein Marmorbecken, klaren Wassers voll.
Bis zum Morgengrauen blieb sein zarter Arzt zu seinen Füßen. Eine beispiellose, eine unerhörte Sinnenkraft stand als unsichtbare Glocke um die aufrecht kauernde Gestalt. In ihr waren die Knospen und Früchte aller Bewegungen und das Magische ganz freier Tiere, das Rieseln der Gräser und der Ströme, das war doch alles, alles nur für diese Mulde zwischen Weiche und Schenkel da. Tausend Spannungen liefen an ihr hinab und tausend Entzückungen stürzten über die jungfräulichen Schultern und den Flaum der Wirbel. Endlich schlossen sich seine zögernden Augen, ganz zaghaft, wie zur Probe. Er blieb rein. Da hob er den hammerschmalen Kopf aus den Fäusten langsam hoch und weit zurück. Hell lagen die breiten Lider inder gebräunten Haut, wie von innen durchlichtet, und langsam floß wieder die alte Sonnigkeit in das starke Gesicht voll Geist.
Aus einem durchsichtigen Schlummer heraus, mit der lindgebrochenen Stimme des Wunden, wenn königliches Morphium über seine Qual streicht, bis sie zu schrumpfen beginnt — schrumpft — noch mehr — jetzt nur noch ein Stecknadelkopf ist — dann — fort, und wie er über diesem „fort“ erst ganz flach nur zu atmen wagt: mit der lindgebrochenen Stimme solch eines Eben-Erlösten flüsterte er: „Wohl, wohltun.“
Das kunstlose Wort, unbeholfen und lauwarm wie der Körper eines ganz kleinen Kindes, schien ihr die erlesenste Liebkosung, die sie je in ihm erweckt.
Sie kamen wieder einmal von den beiden Vitrinen mit ägyptischer Kleinkunst im Erdgeschoß des Louvre. Nach allen Leichenfeldern des Ungeschmacks, inbrünstiger Barbarei, Monomanie oder Geziertheit befreiten sie sich andachtvoll vor den zwei Dutzend Schalen, Salbgefäßen, Schmuckstücken. Diese zeigten der Natur, kühn und lieb zugleich, wie sie es etwa zu machen hätte, fühlte sie je das Bedürfnis nach Schalen, Salbgefäßen, Schmuckstücken, denn sie waren vollkommen ohne die Banalität des Nur-Schönen, kühn ohne die Kurzlebigkeit des Originellen.
Heute hatten Horus und Gargi den Louvre durch ein anderes Tor verlassen als sonst und gerieten da schon wieder in eine weitläufige Masse gemischten Stils, die:„Louvre“ hieß und erst von ihnen für einen neueren Trakt gehalten worden war. Dieser schien sich jedoch eines viel regeren Interesses zu erfreuen als die anderen. Er sog vor allem Frauen aus den Straßen heraus und in seinen Leib, dem wieder bepapptes, totes, schiefes, gemeines Gerümpel zu allen Poren herausbrach, hing und flatterte.
Die Damen in seinem Bauch aber rissen einander behängte, bestickte, verkritzelte Lappen aller Art mit verglasten Augen aus den Händen, wenn bestimmte Zahlen darauf standen: etwa 29 Frs. 95. Also Frauen, gerade Frauen: Trägerinnen des Lebens trugen diese toten Fehlgeburten geschändeter Maschinen aus, in lauter Paketen hinaus, infizierten die Welt damit. Und Maschinen: seine Halbgötter, dazu wurden hier die herrlichen Stahlwesen mit den dampfenden Rüsseln mißbraucht? Statt das Leben zu befreien, zwang man sie, unaufhörlich lebensfeindlichen Mist aus sich herauszuschleudern, das Leben mit toten Mißgeburten einzumauern, deren es nicht bedarf, die es hemmen, ersticken, eindorren, vergaichen.
Er fiel von einer Abteilung, einem Bazar des Irrsinns in den andern: Orfèvrerie, Galanterie, Bijouterie. „Aus was für Knollen im Hirn eitern solche Sachen?“ sann der Erschrockene.
„Wer ersinnt — wer entwirft — wer macht — wer bestellt sie?“
Und leiser Verdacht durchschauerte ihn, eine allmächtige Horde unsichtbarer Irrer unterjoche einen blinden Kontinent.
Bösartige Irre — es gab keine andere Erklärung. Vor den ersten Klavierbeinen und Kleiderständern hatteer gemeint, die Usurpatoren seien irrsinnige Drechsler, die alle Drehbänke Europas an sich gerissen, dann gewaltsame Glaser, Vergolder, Weber! Doch nein, das alles hatte nichts Menschliches mehr, war von der überpersönlichen Infamie dieses aus sich selbst verstülpten, unfaßlichen Unseins.
Sie suchten den Ausgang, gerieten in eine Abteilung: Wandschmuck. Wozu ein sich selbst Erfüllendes, wie es die edlen Maße einer Wand sein sollen „schmücken“? Die noblen, weiten, notwendigen Flächen verkleinern, durch Ornament unterbrechen, immer wieder verkleinern — man unterbricht doch auch einen Sprechenden nicht, wozu den Wohllaut des dreifachen Raumes unterbrechen, dessen Ganzheit eben ist, was er zu sagen hat. Und ist er fehlerhaft, warum ihn mit einem zweiten Fehler bekleistern, statt das Geld zur Ausmerzung des Ersten verwenden: Doppelschund statt einfachen Anstandes. Warum immer das Pferd beim Schwanz aufzäumen? Warum?
Am Anfang der Zeiten, schien es, hatten die Menschen nur das Allernötigste — jetzt, am Ende, nur das Allerunnötigste.
„Wie kommt es,“ sann er, „daß jedes Ding in Europa, das für Luft, Wasser, Eis, Dampf, Stein gehört, herrlich gerät, wie noch nie, alles aber, was für diesen allmächtigen Herrn über Luft, Eis, Dampf, Stein selbst gehört — kläglich — ‚unherrlich‘ wie noch nie?
Wie kommt es, daß, seit die Welt steht, die Leute es sich nicht so freudlos, teuer, verkehrt und schlecht eingerichtet haben, wie diese Europäer im goldenen Zeitalter der Technik?“
Auf die großartige Einseitigkeit einer mechanistischen Formenwelt wäre er noch eher gefaßt gewesen, leichter bereit, auf sie resigniert sich einzustellen, wiewohl auch die reinlichsten Einfamilienställe vor ihm wie nichts gewesen, wären sie nicht von einer Seele für eine Seele erbaut, darin sich zu entfalten. Doch nicht einmal das. Dafür dieses zusammengelogene, heterogene, räudige oder aufgeblasene Gerümpel: europäisches Stadtbild genannt! Keine Säule untadelig, kein Eckproblem reinlich gelöst, ja das Problem nicht einmal empfunden, eine optische Saloppheit an diesen hingesudelten Palastbuden, und hier — das hier: einer der tausend Speicher, mit dem sich das Draußen anfüllte.
Wenn er nur an diesen Schlafwagen von Marseille nach Paris dachte: der Samt des Sitzes längsgestreift, die gepreßte Ledertapete in Darmverschlingungen, braun gold, grün, am Vorhang eingewebt stehende Rhomben, die Bodenbespannung innen in Karos, außen mit Blumenbordüre; sinnlos alles, ruhelos wie ein Affenhinterteil.
Sahen denn die Menschen nicht, daß die Dinge alle nichts taugten, das, worin sie wohnten, womit sie bekleidet waren, was sie aßen?
Jetzt war nur noch die Parfümerieabteilung zu überstehen, da hielt Winifred Cadogan sie an:
„Oh bitte, Mr. Elcho, wie sagt man: Eau de Cologne auf französisch?“
Ach, man sagte auch auf französisch so. Wie, sie gingen schon. Ob sie nicht einen Augenblick warten, dann mit ihr undmommozu Callot, Cheruit, D’Oeillet fahren wollten? Um dort Geld ausgeben zu können, müsse man eben manchmal hierher und sparen. Sieerlegte dabei tugendstolz an der Hauptkasse 400 Frs. für einen üblen Turm von Dingen, die weder Mensch noch Vieh zur Lust.
Ja richtig, eine Gesichtscreme brauche sie noch.
Die Verkäuferin frug, welche.
„Irgendeine, von einer guten Firma. Ja, auch einen Puder dazu. Ja, auch ein Toilettewasser, ganz gleich welches, nur nachsweet-peamüsse es riechen. Ja, einen Lippenstift. Ja, Haarwasser, aber ein gutes, sie verlasse sich da ganz auf die Verkäuferin.“
Über seinen ganzen Körper hin spürte er jetzt Gargis Erstaunen, dieses Verschweben der wissenden Dame in mitleidige Ferne, und ärgerte sich, daß er über die fremde Europäerin sich ärgerte. Was ging das schließlich ihn an, wenn hier die mehresten Frauen faniert aussahen, mit einer zersetzten Haut, von Metallen und Säuren schwammig angefressen?
Was ging das ihn an, daß sie nicht einmal die chemische Zusammensetzung kannten von dem, was sie hineinrieben in das köstlichste, verletzlichste, persönlichste Gebilde: die Haut. Zu faul, fahrig und unwissend, die ihr allein wohltätigen Dekoktionen aus Harzen und Blüten sorgfältig zu erproben, deren Bereitung selbst zu überwachen?
Was ging es ihn an, wenn sie, statt die Anmut aller Tiere, aller Ranken und Wellen in sich zu bilden, auf daß der Mann an ihnen die ganze Schöpfung auf einmal streicheln könne, vermeinten, den Liebreiz eines Tieres zu ergattern, indem sie ihm das Fell über die Ohren zogen? Ja, es ging ihn an:
„Pallas und Nausikaa“ im Warenhause.
Die nächsten drei Wochen waren Gargis europäischer Ausstattung bei den großen Coutüriers gewidmet, und er lernte mancherlei: daß die eine Hälfte der Frauen immer die andere Hälfte verachtet, weil sie entweder zu viel oder zu wenig tote Vögel auf dem Kopf hat. Daß eigener Wahn und fremde Aktiengesellschaften mit ihrem ungeheuren Apparat die Europäerin zwangen, jedes halbe Jahr Milliarden auszugeben, damit ja kein Stil an ihr sich bilden könne, denn Stil braucht, wie alles Organische, zum Entstehen — Zeit. Mode: Todfeindin des Organischen, aber hatte zu wechseln als das, was sie sein sollte: anregender Fausthieb auf die Netzhaut für den optisch Impotenten, dem man alle drei Monate ganz verdreht den Frauenkörper um die Sinne klatschen muß, auf daß er merke: das sind Frauen. Fausthiebe aber bedürfen steter Erneuerung, um gespürt zu werden.
Und er erkannte: außerhalb Europas, wo eigener Kontur gestattet, vermag auch die Ärmste als Dame zu wirken, in Europa die Reichste — kaum, denn man kann wohl modelos — uneingekleidet —, doch niemals schlechtgekleidet eine Dame sein, die Eleganz Europas aber blieb stets ein ungeheuer kostspieliges „trotzdem“: trotz Reihersteiß auf der Stirn, — immer irgendwo zu lang, irgendwo zu kurz, nicht allzu grotesk zu wirken.
Für fünf, sechs erlesene Frauen hieß „elegant“ sein, sich jeden schiefen und toten Wahn gestatten können, wie ein Hindernis ihn nehmen, immer noch scheußlicher, immer noch höher! Alles überwinden durch unzerstörbare Rassigkeit der Anlage. Wenigen Frauen — Zufallstreffern aus Blutmischungen — gelang es halbwegs. Sie balanziertendann auf einem schmalen Streifen Seligkeit ihre labile Auserwählung zwischen Abstürzen ins Lächerliche dahin. Die aber in Europa solcherart elegant sein wollten, konnten außerdem nichts anderes sein.
Lachend meinte er einmal zu Gargi: „Die Hälfte an Energie würde genügen, einen neuen Indra zu machen, wie es der König Vismavitra konnte, hier wird ein neuer Hut draus.“
Nein, er wunderte sich nicht mehr, daß Winifred Cadogan nie Muße und Kraft gefunden, zu erkennen, „Eau de Cologne“ sei französisch und wirklich das, was sie ja immer schon „Eau de Cologne“ genannt.
Er verdachte es ihr nicht. War zu sehr Mann dazu, orientalisch empfindender Mann, wußte: jeder Defekt an der Frau ist nur Gradmesser des erotischen Tiefstandes ihrer männlichen Umwelt.
Als Gargis Trousseau vollendet war, zogen sie sich fast ganz auf ihre Zimmer zurück.
Es war ja alles voll gemeiner und irgendwie unreiner Personen und voller Genüsse für Sträflinge auf Urlaub — für zu früh Freigelassene oder zu lange Eingesperrte. Das Ganze ein bengalisch beleuchtetes hündisches Hinliebeln an jeden weiblichen Prellstein mit Tam-Tam-Begleitung; von allem zu viel, nur von einem zu wenig: Takt.
„Sie scheinen extrem anspruchsvoll,“ sagte Sir Osmond verwundert, „Paris ist ja allerdings nicht mehr, was es war ... diese vielen Südamerikaner. — Kommen Sie doch lieber nach St. M., da finden Sie jetzt die besten Leute von hier und drüben.“
Der 1912te Jahrestag der Geburt Christi: des europäischen Heilands.
Somit waren heute wieder die Trabrennen auf dem tiefgefrorenen See des sehr mondänen Winterkurorts 1800 Meter über dem Meere eröffnet worden.
Horus hatte sich, seiner heimischen Gewohnheit treu, auf seinem Appartement allein servieren lassen: Brot, Reis, Honig, Früchte und Milch. Gargi, erregt, fast entzückt von dem milden Eis dieser neuen Luft und hingegeben der ganzen, ihr so fremden Weiße der Welt, blieb in einen Chinchillamantel gewickelt auf dem offenen Balkon allein. Ihr Gefährte ging, sie nicht zu stören. Er wußte: nun würde sie zum erstenmal in Europa die tiefen und heiligen Spiele ihres wundervollen Atems in der Firnenstille erproben, sich mit der Kraft aller Sehnsucht bis ins Innerste zu reinigen versuchen von der Minderung an Kaste, an der sie, seit der Ankunft in Marseille, stumm litt.
Die Welt war wie ein Negativ. Alle Helle stieg aus dem Boden. Die Erde erleuchtete sich selbst und das Firmament.
Er wanderte an dem schneegebeugten Campanile vorbei und immer auf flaumigen Kristallen hinauf einen gläsernen Berg. Ihm fielen die schönen Namen der neuentdeckten Metalle und seltenen Edelgase ein: Ytterbium, Palladium, Thorium, Argon, Neon, Tantal, Praseodym. Praseodym; stumm hörte er es sich noch einmal an, zwischen Mund und Ohr: das Körnig-Kühne.
Manchmal löste sich eine weiße Last schwer aus den gebeugten Lärchen, stäubte lautlos nieder in das ganz große Weiß, und der befreite Zweig schwankte leise die Sternenbilder auf und ab.
Endlich kehrte er ins Astoria zurück. Das Gedränge in den Gesellschaftsräumen ließ das Vestibül von Gästen leer, nur eine kostspielig aussehende Dame schritt ruhig und ahnungslos zum Lift. Hinter ihr drein, mit einverständlichem Gaunergegrinse gegen die Portiersloge, macht der Zimmerkellner blitzhaft eine Geste von geradezu infernalischer Gemeinheit, die jene Dame geschändet zurückläßt. Ein Tritt mit den Augen gibt ihr den Rest. Seine gründreckige Fratze voll Gier, Hohn, Schadenfreude bemerkt jetzt eine fremde Gegenwart, und alles ebbt ins ölig-tückische zurück. War es überhaupt gewesen?
Er ging lautlos auf seinen Schneeschuhen weiter in die Garderobe. Einer der Lungerknaben vertauscht mit affenartigem Geschick Börsenaufträge und Rendezvous-Billets aus verschiedenen Überziehertaschen miteinander, zwei gemauste Habannazigarren zwischen den vorderen Zahnlücken. Der Gast. In einem Augenaufschlag die gleiche Wandlung wie vorhin: ein devotes gedunsenes Kind aus Messingknöpfen hilft dem Herrn Pelz und Überschuhe ablegen. Er ordnet die Frackkrawatte — hinter seinem Rücken erscheint im Spiegel phantomhaft wieder der andere Aspekt: angefressene Finger prüfen, zynisch bis in jede Phalanx hinein, die Qualität seines Mantelfutters.
Die gleichen Finger flechten ihn mit sadistischer Beschleunigung in die Drehtür, als wärs aufs Rad, und er steht in der Hall. Aus ihr schlägt die Grellhölle. 1500 Glühbirnenà75 Kerzen, alle just in Augenhöhe. Überdies läuft noch jeder der imitierten Marmorsäulen um die falsche Entasis ein metallener Serviettenringaus geschnörkelten Lichtspritzen. Alle schießen sie mitten ins Gesicht.
Keiner der oberen Vierhundert scheint das zu sehen, wiewohl die meisten blutige Fasern in Augäpfeln haben, die tränen.
Drei Orchester durchfetzen gleichzeitig die Luft. Hier in der Hall bei dem großen Rotbefrackten zerrt eben das Fagott in der einen — die Geigen in der andern Ecke — mit viel Tremolo oben und unten heftig an je einem Bein des Themas, so daß es in der Mitte, gerade über dem Kopf des Dirigenten mit einem Knall in den eigentlichen Puccini zerplatzt. Da ertrinkt für einen Moment sogar das Arrageschrei der Amerikanerinnen. Rechts hinein johlt ein pfiffig schleifender Foxtrott aus dem Tanzsaal nebenan; was von links die Zigeunerkapelle aus dem Restaurant winselt, ahnt keiner. Sie hat — gleich den Stymphaliden — schlichthin ins Essen hineinzu ... musizieren.
Dem Entsetzten beginnt das Herz zu hinken in diesem hahnentrittigen Trippelrhythmus, während lange Kakophoniefäden quer durchs Gehirn fatal von Ohr zu Ohr ziehen.
Keiner der oberen Vierhundert scheint es zu hören.
Aus den Fräcken italienischer Kellner, aus ihren Manschetten, wenn sie Whisky-Soda servieren oder theatralische Viktualien, steigt der faulige Geruch muffelnder Schlafkammern, in denen ihre ungepflegten Körper die Servierdreß über verwesende Wolleibchen ziehen.
Keiner der oberen Vierhundert scheint es zu riechen.
Horus hatte innerhalb der Aura eines Mittelmeerkulis den Atem angehalten und versuchte nun wieder an anderer Stelle Luft zu schöpfen, sie war jedoch in diesem gegen die äußere Reinheit mit allen Machtmitteln der Mechanik abgedichteten Raum schon völlig verbraucht. Rotierende Windmotore fegten nur immer die Lungenexkremente der einen den andern in den Schlund.
Keiner der oberen Vierhundert scheint es zu fühlen.
Es war nach dem gemeinsamenX-mas-dinnerzur Feier der „geistigen Wiedergeburt des Menschen“, wie europäische Schriften behaupten:
Royal nativesConsommé des rois étoilésMignonettes de chez elles à la NazarethEntrecôtes à la Sainte ViergeDélices de fois gras GetsémanehChapons à la Broche St. JeanParfait des Mages—Frivolités.— — — — —
Besonders Johannes der Evangelist war als Kapaun überaus fett gewesen.
In kleineren Sälen, für Privatgesellschaften reserviert, ging die Theophagie noch weiter. Jemand, mit einem Banalitätstumor im Gehirn, sprach irgendwo rastlos Toaste. Im Spielzimmer saßen gewesene Menschen seit vorigem Mittwoch beim Bridge. Die große Hall aber füllten die eigentlichen Ortswechsler von Beruf — „die Auslagenarrangeure ihrer selbst“ — krampfhaft bemüht,immer im Lichtkegel des Scheinwerfers zu bleiben, von Florida bis Kairo. Eine irrende Horde, ewig im Umkleiden begriffen; mit hundert Kilometer Stundengeschwindigkeit eilend von einem Ort, wo sie nichts verloren — zu dem andern, wo sie nichts zu suchen hat.
Horus wäre gerne ganz in das wabernde Schmalz des Puccini geflüchtet, als Schutz gegen die Qual der Triplekakophonie. Es stand aber eine Phalanx dazwischen. Nicht zur eigentlichen Gesellschaft gehörig, heraufgespien von den Trabrennen: aus allen Angeln gedrehte Lebekommis, muskulöse Herren auf „esku“ aus der Pariser Affenoase mitten in der wilden Walachei, denen sehr schwarze Haare aus sehr weißen Manschetten stachen, ethisch völlig ausgeweidete Semiten aller Gegenden und Zonen, erfolgreiche balkanische Bandenführer im Smoking — das Nationalkostüm, größtenteils aus einem Nachthemd und zwei Pistolen bestehend, trugen nur mehr ihre Könige bei Photographen, junge Börsenbrut, von Angesicht, als habe eine Hausse in Trebern sie eben auf den Lebensmarkt geworfen, und der Kaufherr aus Braila, dessen gerundete Handbewegungen immer noch die Qualität der Schweinsbohnen liebevoll abzuwägen schienen, während seine Äuglein wie Läuse über alles hinkrochen.
Da vorbei schien unmöglich. Wenn sie in ihrem kabbalistischen Jobberslang von „Abstammung und geleistete Arbeit“ sprechen für gutes Abschneiden, und von „satteltief“ sich unterhielten, ohne daß man je sicher war: meinten sie ihre Rosse oder ihre Weiber —dasvertrug er noch nicht. Lieber an den amerikanischen Müttern vorbei, um die ganze Hall herum.
Wie er so stand, versank ihm die Menge im Raum. Er fühlte für den Augenblick nur dessen zudringliche Saloppheit, die noch so unbeherrschten Machtmittel des Architektonischen am „Wohnleib“ Hotel, und sich darin als Transvestiten.
Der ganze bedrohliche Kasten war, wie alles „neueste“, im Gegensatz zum räudigen Tragantstiel kleinerer Börsencoups der achtziger Jahre, ganz auf Südamerika berechnet, somit auf den natürlichen Ungeschmack des Romanen, zum Exzeß gesteigert durch Reichtum und Hitze: Stil des Tropenkollers ausgebrochener Sträflinge und nachmaliger Präsidenten von Republiken.