Achtes Kapitel.

Achtes Kapitel.

Tief in Gedanken versunken saß der alte Mann. Die dünnen Tabakswölkchen, die sich von seinem weißen Schnurrbart lösten und in der Luft zerflatterten, glänzten bernsteinfarbig im Lichte der aufgehenden Sonne. Die Hühner flogen von ihren Stangen herunter, kamen aus dem Stall, schüttelten sich und strichen ihr Gefieder. Jetzt klang von der Brücke die Lindenholzflöte des Hirten herüber, am Ufer klirrten die leeren Eimer, mit denen ein barfüßiges Weib nach Wasser ging; überall hörte man die Kühe brüllen, und die eigene Dienstmagd des Propstes kam gähnend, das Zeichen des Kreuzes über dem weitaufgerissenen Munde machend, aus dem Stall und trieb die Kuh mit einer Gerte vor sich her. Drinnen am Fenster sang der Kanarienvogel aus voller Kehle.

Im vollen Glanze war der junge Tag erschienen.

Vom Dom her ertönte der erste Glockenschlag.

Vor dem Pförtchen erschien eine junge Zigeunerin mit einem Kinde an der Brust, einem zweiten auf dem Rücken und dreien, die sich an ihre zerlumpten Kleider klammerten.

»Gib mir was, frommer Vater, gib mir was, du Glücklicher, Segensreicher!« bettelte sie den Propst an.

»Was soll ich dir geben, du Unglückliche, Ungesegnete? Meine Frau schläft, und ich habe kein Geld bei mir.«

»Gib mir etwas, was du nicht brauchst, dafür soll dir Ehre und Glück werden.«

»Was brauche ich denn nicht? Halt! du hast recht gesprochen! Ich hab' hier etwas, was ich nicht brauche!«

Und Tuberozow ging ins Zimmer und brachte seine sämtlichen Pfeifen heraus, den perlengestickten Tabaksbeutel und die Blechschachtel, in welche er die Asche zu schütten pflegte. Alles gab er der Zigeunerin und sagte:

»Da, du Zigeunerweib, bring das deinem Mann, ihm steht es besser zu.«

Natalia Nikolajewna schlief noch immer. Der Propst schrieb sich die Schuld zu, weil er sie durch seine lange Abwesenheit und seine Reden am Einschlafen gehindert hatte. Zwar hatte sie ihm nicht zugehört, aber ihre Ruhe hatte er doch gestört.

Er ging in den Stall und gab seinen zwei kleinen braunen Pferden selbst die doppelte Portion Hafer. Dann wollte er leise über den Hof ins Haus, als er plötzlich den Botengänger des Akziseeinnehmers Biziukin durch das Pförtchen kommen sah, welcher ein Buch unter dem Arm hatte.

Der Propst nahm das Buch, schlug es auf und wurde ganz rot im Gesicht. Im Buch lag ein Schreiben mit folgender Aufschrift: »An den Propst des Stargoroder Kirchspiels, Oberpfarrer Sawelij Tuberkulow.« Das Wort »Tuberkulow« war flüchtig durchstrichen und darüber geschrieben »Tuberozow«.

»Es wird um sofortige Empfangsbestätigung gebeten,« sagte der Bote.

»Wer hat drum gebeten?«

»Der Sekretär des angereisten Beamten.«

»Der kann warten.«

Der Propst fühlte, daß die Sache nicht so harmlos war. Er merkte, daß man ihn herausfordern wollte und auch schon ein Mittel gefunden hatte, ihm beizukommen.

»Was kann das sein? Es ist noch so früh … Sie scheinen die Nacht nicht geschlafen zu haben, nur um eine Gemeinheit auszuhecken … ja, Leute, die nichts zu tun haben!«

Mit solchen Gedanken beschäftigt, trat Tuberozow in sein vom Sonnenglanz durchflutetes Wohnzimmer, setzte seine große silbergefaßte Brille auf und öffnete den interessanten Brief.


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