Neuntes Kapitel.
Das fatale Schreiben war ein höchst formloses Dokument, in jenen unangenehmen, vieldeutigen Ausdrücken abgefaßt, an denen die Kanzleisprache so reich ist. Es stellte an den Propst Tuberozow »konfidentiell« das Ersuchen oder die Forderung, beim Regierungsbeamten Bornowolokow zu erscheinen »zwecks Abgabe näherer Erklärungen über einige wichtige Punkte, sowie auch über das anstößige und unpassende Betragen des Diakons Achilla Desnitzyn.«
»Ei zum Donnerwetter, sollte das nicht ein dummer Scherz sein? … Wollen sie sich jetzt auf diese Weise über mich lustig machen?! Aber nein, das ist kein Scherz! Da steht's: Tuberkulow … Mein Name ist in der offenkundigen Absicht, mich zu kränken, so verdreht worden. Und dann: »das anstößige und unpassende Betragen des Diakons Achilla.« Was bedeutet das alles, wo will man hinaus? Um ihnen den Spaß zu verderben und keinen Fehler zu begehen, wollen wir uns an die Methode des Abwartens halten, die einzig richtige in unklaren Fällen.«
Der Propst nahm die Feder und schrieb unter das formlose Dokument: »Der Propst Tuberozow hält sich, da er über die Vollmachten der ihn zu sich auffordernden Person nicht unterrichtet ist, nicht für verpflichtet, der Aufforderung Folge leisten zu müssen.«
Darauf legte er das Blatt in denselben Umschlag, in dem er es erhalten hatte, und schrieb quer über die Adresse: »Zurück an den, dessen Titel und Würden ich nicht kenne.«
Nachdem er das Paket wieder in das Quittungsbuch gelegt hatte, ging er hinaus und gab es dem Boten. Dem langen Subdiakon Pawliukan, der inzwischen gekommen war, befahl er, den Wagen zu schmieren und in einer Stunde zu einer Fahrt ins Kirchspiel bereit zu sein. Dann schickte er die Magd nach dem Diakon Achilla.
Unterdessen war Natalia Nikolajewna aufgestanden und machte sich, nachdem sie sich mehrmals bei ihrem Gatten wegen ihres gestrigen Einschlafens entschuldigt hatte, eifrig daran, sein Reiseköfferchen zu packen. Höchst erstaunt war sie aber, als er auf ihre Frage, wohin sie den Tabak legen solle, kurz antwortete, er habe das Rauchen aufgegeben, und sich dann gleich dem eben eingetretenen Diakon zuwandte.
»Ich muß gleich eine Amtsreise machen und habe dich kommen lassen, um dich noch einmal zu warnen,« begann er, doch Achilla unterbrach ihn sofort.
»Schönsten Dank, Vater Propst, aber ich bin schon gewarnt.«
»Das hat nicht viel zu sagen und macht mir keine Sorge. Jedenfalls bitte ich dich nur, wenigstens in meiner Abwesenheit etwas solider zu sein.«
»Ja, Vater Propst, jetzt … Auch wenn Ihr kein Wort gesagt hättet, es ist doch schon alles aus.«
Tuberozow blieb vor ihm stehen und sah ihn mit einem scharfen, durchdringenden Blick an. Gestalt und Gesicht des Diakons sahen nicht gerade vorteilhaft aus. Die dichten, natürlichen Locken machten den Eindruck einer schief aufgesetzten Perücke: die rechte Seite der Stirn war viel zu weit entblößt, die linke fast bis zum Auge verdeckt.
Der Propst dachte nach, was denn wohl noch mit dem unvorsichtigen Diakon geschehen sein mochte, dieser aber sagte, die Augen starr auf den Hut gerichtet, den er in der Hand hin- und herdrehte:
»Ich habe schon gestern, Vater Propst … gleich nachdem ich von der Biziukinschen heimgekommen war … denn wir waren alle vom Polizeichef noch dorthin gegangen … zu meiner Bedienerin gesagt: ›Nein,‹ sagt' ich, ›Esperance, der Vater Sawelij hat recht: der Starke rühme sich nicht seiner Kraft und baue nicht auf seine Macht.‹«
Statt ihm zu antworten, ging der Propst auf den Diakon zu und strich die Haare zurück, welche die linke Seite seines Gesichtes so übermäßig bedeckten.
»Nein, Vater Sawelij, hier ist nichts, aber da,« sagte Achilla leise und schob die Hand des Propstes auf seinen Nacken.
»Schäme dich, Diakon,« sagte Tuberozow.
»Es tut auch weh, Vater Propst,« sagte Achilla, sich an die Brust schlagend, und fing bitterlich zu weinen an. »Dafür werde ich mich nun täglich und stündlich martern.«
Tuberozow schüttete keinen Tropfen mehr in diesen Leidenstrank des armen Achilla. Im Gegenteil. Er machte ein paar Schritte durchs Zimmer und sagte dann, den Diakon am Arme fassend:
»Weißt du noch, wie du mir Vorwürfe machtest wegen der Pfeife?«
»Verzeiht.«
»Nicht doch, ich bin dir dankbar dafür, und wenn ich im Rauchen auch nichts besonders Schlechtes sehe und diese Gewohnheit gehabt habe, so habe ich doch heute, um dem Gerede ein Ende zu machen, davon abgelassen und alle meine Pfeifen einem Zigeuner geschenkt.«
»Einem Zigeuner!« rief der Diakon mit strahlendem Gesicht.
»Ja. Es kann dir übrigens gleich sein, wem ich sie gegeben habe; gib aber auch du deine Wildheit irgend jemandem. Du bist kein Jüngling mehr, sondern bald fünfzig, und du bist auch kein Kosak, denn du trägst die Kutte. Und jetzt sage ich dir noch einmal Lebewohl, denn ich muß fahren.«