Achtes Kapitel.

Achtes Kapitel.

Die Frau Postmeisterin hatte ihre Nachtjacke angezogen und ging erregt in ihrem Zimmer auf und nieder. Ihre Gedanken beschäftigten sich unablässig mit der einen Frage: Wer war an dem gräßlichen Vorfall schuld? Wer hatte diesen Spaß angezettelt?

»Der Spaß war ja an sich nicht mal so übel,« dachte sie, »aber wer hat den Prepotenskij eingeladen? Nein, auch das ist nicht so wichtig … aber wer hat mich mit ihm bekannt gemacht? Wer denn anders, als mein Herr Gemahl! Eines Tages kam er: ›Hier, bitte, stelle ich dir Warnawa Wasiljewitsch vor!‹ Na warte nur, ich will dir den Warnawa Wasiljewitsch schon eintränken … Aber wo ist denn mein Mann?« fragte sie sich und sah sich im Zimmer um. »Schläft er schon? Er kann schlafen, nachdem so etwas geschehen! … Nein, das geht nicht,« erklärte die Postmeisterin kategorisch und stürzte ungeduldig in den Saal, wo ihr Gatte zu schlafen pflegte, wenn er wegen irgendwelcher Familienzwistigkeiten aus dem ehelichen Schlafgemach verbannt wurde. Aber zu ihrer nicht geringen Verwunderung fand die Dame ihren Gatten hier nicht.

»Aha, er versteckt sich vor mir. Er liegt jetzt auf dem Sofa im Bureau und schnarcht … Ich will dich schnarchen lehren.«

Und die Frau Postmeisterin begab sich nach dem Bureau.

Ihre Vermutung war richtig: der Postmeister schlief tatsächlich im Bureau, aber darin irrte sie, daß sie ihn auf dem Sofa zu finden meinte. In Wirklichkeit lag er auf dem Tische.Auf dem Sofa aber schlief Prepotenskij, der nach allem, was vorgefallen war, nicht nach Hause zu gehen wagte, weil er fürchtete, Achilla könnte ihm an irgendeiner Straßenecke auflauern. Deshalb hatte er den Postmeister um Erlaubnis gebeten, seiner Sicherheit wegen im Hause übernachten zu dürfen. Der Postmeister war um so lieber damit einverstanden, als er die Erregung seiner Frau sehr wohl bemerkt hatte und es auch ihm vorteilhaft erschien, unter diesen Umständen noch jemand in seiner Nähe zu haben. Darum stellte er dem Lehrer das Sofa im Bureau zur Verfügung und machte es sich selbst auf dem großen Tisch bequem, an dem sonst die Briefe sortiert wurden.

Die Tür aus dem Korridor in das Bureau, in dem beide schliefen, war geschlossen. Das brachte die energische Dame erst recht auf, denn nach ihrem Hausgesetz durfte keine einzige Innentür ohne ihre Genehmigung geschlossen werden, und im Bureau fühlte sie sich ebenso als Herrin, wie in ihrem Schlafgemach!

Die Postmeisterin kochte vor Wut. Sie griff noch einmal nach der Tür, sie ging nicht auf. Wohl knackte der Haken, aber er saß fest. Und dabei hörte sie drinnen ganz deutlich zwei Menschen atmen. Zwei! Man male sich das Entsetzen der Ehefrau bei dieser plötzlichen Entdeckung aus!

In ihren geheiligten Rechten als Gattin und Herrin des Hauses gekränkt, rannte sie wieder durch den Korridor zurück, stürzte in die Küche, geradewegs auf den Tisch los. Wühlte lange im Dunkeln in der Schublade herum, in der es von Schwaben wimmelte, bis sie endlich gefunden hatte, was sie brauchte: Ein Messer!

Die ungeheure Spannung, die diese Zeile entfesselt, zwingt uns, hier haltzumachen, um dem Leser Zeit zu geben, sich auf das Fürchterliche vorzubereiten, das nun kommen soll.


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