Neuntes Kapitel.

Neuntes Kapitel.

Vor Erregung am ganzen Leibe zitternd, das riesige Küchenmesser in der Hand, den rechten Ärmel der Nachtjacke hinaufgeschoben, ging die Postmeisterin direkt auf die Tür zum Bureau los und legte das Ohr noch einmal an den Spalt. Es war kein Zweifel möglich: das unselige Paar lag im süßesten Schlaf; man hörte ganz deutlich, wie das eine stärkere Wesen tiefe Kehllaute von sich gab, während das andere, zartere, sich auf ein ganz sanftes Pfeifen beschränkte.

Die Postmeisterin steckte das Messer in den Türspalt, schob den Haken zurück und die leichte Tür ging mit leisem Knarren auf.

Es war noch früh am Morgen, kaum hoben sich die Fenster durch ihr mattes Grau von der Finsternis ab, doch das geübte Auge der Postmeisterin erkannte sowohl den Tisch mit der Postwage, als auch den zweiten langen Tisch in der Ecke und das Sofa.

Mit der linken Hand sich an der Wand entlang tastend, bewegte sich die zürnende Dame direkt auf das Sofa zu und erreichte ohne besondere Schwierigkeiten den Schnarcher, der mit tief herabhängendem Kopfe ganz am Rande lag. Er hatte nichts gehört, und als die Postmeisterin vor ihn hintrat, schien er sogar mit ganz besonderem Eifer und Genuß in den lieblichsten Säuseltönen zu schwelgen, als ob er ahnte, daß die Sache bald ein Ende haben werde und daß es ihmheute nicht mehr vergönnt sein werde, sich diesem Vergnügen hinzugeben.

So kam es denn auch.

Noch war der Schläfer mit seiner letzten Fioritur nicht ganz fertig, als die Linke der Frau Postmeisterin ihn kräftig an den Haaren emporriß und die Rechte, nachdem sie das Messer fallen gelassen, ihm eine schallende Ohrfeige verabfolgte.

»Mmmm … Warum denn? Warum?« brummte der Erwachende, aber statt einer Antwort erhielt er eine zweite Ohrfeige, dann eine dritte, eine fünfte, zehnte, eine immer kräftiger und dröhnender als die andere.

»Au, au, au,« schrie er und versuchte vergeblich, den aus der Finsternis auf ihn herabhagelnden Backpfeifen auszuweichen, bis diese plötzlich durch ein weniger lautes, aber nicht minder schmerzhaftes Zausen und Schütteln ersetzt wurden.

»Herzchen! Was tust du denn, Herzchen! Das bin ja gar nicht ich! Das ist doch Warnawa Wasiljewitsch!« kam vom Tische her die Stimme des aufgeschreckten Postmeisters.

Die Postmeisterin hielt verblüfft ein, ließ die Mähne Warnawas los, schrie laut auf: »Was machst du mit mir, du Ungeheuer!« – und stürzte sich auf ihren Gatten.

»Ja, ja, das bin ich,« hörte Warnawa den Postmeister rufen, und ohne etwas zu begreifen – außer der Notwendigkeit, sich eiligst aus dem Staube zu machen – sprang er vom Sofa auf und rannte, wie er war, in Unterhosen und Strümpfen, durch die glücklich gefundene Tür auf die Straße hinaus.

Er war gründlich verdroschen worden, und als er sich das Gesicht mit dem Ärmel wischte, bemerkte er, daß seine Nase blutete.

In demselben Augenblick ging die Tür leise auf und seine Kleider fielen vor ihm hin. Er bückte sich, um sie aufzuheben, als eine Minute später auch die Stiefel über den Zaun geflogen kamen.

Warnawa setzte sich auf den Boden und zog die Stiefel an, fuhr, so gut es ging, in Hosen und Rock und trottete nach Hause.

Eine Woche darauf verließ der Lehrer Prepotenskij mit einem Urlaubschein und einigen wenigen Spargroschen in der Tasche die Stadt. Die Ursache dieser plötzlichen Flucht war und blieb für alle ein ewiges Geheimnis.


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