Achtes Kapitel.

Achtes Kapitel.

Ganz Stargorod geleitete den Leichnam Tuberozows zur Kirche. Der Trauergottesdienst wirkte infolge des Verhaltens des Diakons grauenhaft. Jedesmal wenn Achilla seinen Mund öffnete, versagte ihm die Stimme und er brach in Tränen aus. Sein Schluchzen, das man in der ganzen Kirche hörte, erfüllte aller Herzen mit tiefer Trauer.

Nur während der Leichenrede, die einer der Priester hielt, bezwang Achilla seinen Schmerz, hörte aufmerksam zu und weinte nur ganz leise in sein Taschentuch. Als er jedoch aus der Kirche heraustrat und all die Plätze sah, über welche er so viele Jahre an der Seite Tuberozows gegangen war, da fühlte Achilla das Bedürfnis, nicht nur zu weinen, sondern zu heulen und zu schreien. Um dem Weh, das seine Brust zu zersprengen drohte, einen Ausweg zu schaffen, sang er »Heiliger, Unsterblicher, erbarme Dich unser«, aber mit einer derartigen Stimmgewalt, daß eine blinde hundertjährige Frau, die beim Herannahen des Trauerzuges von ihren Enkeln vor das Tor geführt worden war, damit sie sich vor dem Sarge neige, plötzlich die Hände zusammenschlug und in die Knie sinkend rief:

»O, er hört es, Gott der Herr hört es, wie Achilla zum Himmel schreit!«

Da war auch schon der von einem Graben und einer Weidenhecke umgebene Friedhof, auf dem Tuberozow abends so gerne spazieren gegangen und dessen Instandhaltungihm so sehr am Herzen gelegen. Der Sarg wurde durch das dunkle Tor getragen; die letzte Litanei war gesungen, die weißen Leinenseile rollten den Erdhügel hinab und spannten sich über den finstern Abgrund des Grabes. Noch einen Augenblick und es ertönt das letzte Amen … der Sarg sinkt in die Tiefe.

Aber vorher sollte sich noch etwas ereignen, was niemand erwartet hatte. Achilla, der schon so viele Male in seinem Leben die Stargoroder in Staunen versetzt hatte, fühlte sich gedrungen, es auch dieses Mal zu tun, und zwar auf eine ganz neue Weise. Bleich und starr streckte er die Hand gegen einen der Totengräber aus, welche die Seile festhielten, und rief, wehmütig zu den Priestern hinüberblickend:

»Ihr Väter, ich bitt' euch … wartet noch etwas … Ich will nur ein paar Worte sprechen …«

Der schluchzende Zacharia gab den Totengräbern hastig ein Zeichen, streckte dem Diakon beide Hände entgegen und segnete ihn.

Ganz in Tränen gebadet, wischte sich Achilla mit seinem baumwollenen Taschentuche die mit roten Flecken bedeckte Stirn und stammelte mit krampfhaft verzerrten Lippen: »Er war in der Welt und die Welt kannte ihn nicht.« Und dann fand er keine Worte mehr, wurde feuerrot und mit einem wilden Blick aus seinen entzündeten Augen, der den Worten nachzujagen schien, die für ihn in der Luft geschrieben standen, rief er drohend: »Aber es werden ihn alle sehen, die ihn zerstochen haben!« Und damit warf er eine Handvoll Erde auf den Sarg, nahm hastig das Sticharion ab und verließ den Friedhof.

»Ihr habt sehr schön gesprochen, werter Vater Diakon,« flüsterte ihm der Zwerg unter Tränen zu.

»Der Geist Sawelijs war über ihn gekommen,« antwortete ihm Zacharia, während er sein Meßgewand ablegte.


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