Neuntes Kapitel.

Neuntes Kapitel.

Nach der Beerdigung Tuberozows wurde es im Hause des Propstes unheimlich still. Achilla war nirgends zu erblicken. Die Sonne geht auf und beleuchtet den vereinsamten Hof. Öde ist er und tot; Wolken ziehen vorüber und spiegeln sich in den Scheiben der Fenster, wie Schatten aus einer andern Welt – aber drinnen regt sich nichts.

Diese unheimliche Ruhe erfüllte die Nachbarn mit Angst. Man fing an, sich ernstlich um den Diakon zu sorgen.

Zacharia besuchte ihn. Lange ging der sanfte Alte aus einem Zimmer ins andere und rief:

»Diakon, wo bist du? Höre doch, Diakon!«

Aber niemand antwortete. Endlich öffnete Vater Zacharia die Tür zur kleinen Kammer, welche der Diakon bewohnt hatte.

»Was ruft Ihr so laut, Vater Zacharia?« kam aus der Finsternis die Stimme Achillas.

»Du fragst noch, mein Lieber? Wo steckst du die ganze Zeit?«

»Macht die Tür etwas weiter auf. Ich bin hier in der Ecke.«

Benefaktow tat, wie Achilla ihm geheißen, und sah ihn auf einer an der Wand befestigten schmalen bretternen Lagerstatt ausgestreckt daliegen. Der Diakon trug ein grobes Leinenhemd mit zurückgeschlagenem Kragen, das nach kleinrussischer Art durch eine lange bunte Schnur zusammengehalten wurde, und breite gestreifte Beinkleider.

»Was soll denn das, Diakon?« fragte Benefaktow und sah sich nach einer Sitzgelegenheit um.

»Ich will ein bißchen weiterrücken,« erwiderte Achilla und schob sich auf das hart an die Wand stoßende Brett.

»Was ist mit dir, Diakon?«

»Gepeinigt,« brummte Achilla.

»Was peinigt dich denn so?«

»Lächerliche Frage! Was? Eben das! Der Tod des Vaters Sawelij peinigt mich.«

»Ja, was ist da zu machen? Der Tod … gewiß … er ist der Natur zuwider … ist ein Hemmnis aller Gedanken … aber er ist doch unvermeidlich … unentrinnbar …«

»Eben dieses Hemmnis ist's, was mich peinigt.«

»Was kommst du immer mit deinem ›peinigt, peinigt‹! Das ist nicht gut, mein Lieber.«

»Ja, was ist denn überhaupt noch gut? Nichts!«

»Nun, wenn du selbst einsiehst, daß es nicht gut ist, so mußt du auch Vernunft haben: gegen das Naturgesetz kannst du nichts.«

»Ach, was redet Ihr nun wieder vom ›Naturgesetz‹, Vater Zacharia! Wenn mich nun eben dieses Naturgesetz peinigt!«

»Ja, was willst du denn machen?«

»O du grundgütiger himmlischer Vater! So laßt mich doch mit Euren Gesetzen in Ruh', Vater Zacharia! Nichts will ich machen!«

»Ja, wirst du denn von nun ab immer so daliegen?«

Der Diakon schwieg. Dann seufzte er und sagte ganz leise:

»Ich trauere immer noch sehr und Ihr kommt und redet von gleichgültigen Dingen. Was also wollt Ihr von mir haben?«

»Raffe dich auf, denn bei all unserer Trauer sind wir doch schwache Menschen, die ohne Essen und Trinken nicht auskommen können.«

»Gewiß, davon ist gar nicht zu reden. Essen und Trinken werden wir schon, aber da eben steckt's!«

»Was? Was steckt da? Wo steckt was?«

»Darin steckt's, daß wir das, was gewesen ist, nach und nach vergessen werden. Und wenn wir es eines schönen Tages ganz vergessen haben – was dann?«

»Ja, was ist da zu machen?«

»Das ist zu machen, daß ich mit meinem Charakter ganz und gar nicht damit einverstanden bin, ihn zu vergessen.«

»Gewiß, lieber Freund, aber die Zeit vergeht und du vergißt doch.«

»Vater Zacharia, sagt mir solche Dinge nicht! Ihr wißt, wie wild ich im Schmerz bin!«

»Das fehlte auch noch! Nein, mein Bester, die Roheiten laß du lieber beiseite!«

»Ja, beiseite lassen! Wer kann mich jetzt noch im Zaume halten?«

»Wenn du willst, tu ich es.«

»Ihr wäret mir gerade der Rechte!«

»Warum sollte ich es nicht sein?«

»Machen wir uns doch nichts vor! Ihr habt nicht die geringste Gewalt über mich.«

»Weißt du, Diakon, du bist einfach frech,« sagte Zacharia gekränkt.

»Gar nicht frech, denn ich hab' Euch lieb; wie könnt Ihr aber Gewalt über mich haben, wo Ihr doch so schwach von Charakter seid, daß sogar der Subdiakon Sergej Euch Grobheiten sagt.«

»Das tut er! Gegen mich sind alle grob! Deine Reden aber sind einfach dumm!«

»So zeigt jetzt, was Ihr über mich vermögt, und verhindert mich, so zu reden.«

»Ich will dich nicht verhindern, ich … ich will nicht, weil ich als Freund zu dir kam und du gegen mich grob warst … Lebe wohl!«

»Wartet doch, Vater Zacharia! So war's nicht gemeint!«

»Nein, nein, laß mich, du hast mir weh getan.«

»So geht in Gottes Namen.«

»Du bist ein Grobian, ein ganz schlimmer Grobian.«

Und Zacharia ging in der Hoffnung, der Diakon werde allgemach des Rekelns müde werden und von selber wieder herauskommen; jedoch es verging noch eine ganze Woche und Achilla zeigte sich nicht.

»Sie werden vergessen,« sagte er immer wieder vor sich hin, »bestimmt werden sie vergessen.« Und dieser Gedanke ließ ihn nicht los, und vergeblich strengte er sein Hirn an, wie er das Übel abwehren könnte.

Um Achilla aus seiner Höhle ans Tageslicht zu locken, bedurfte es eines ganz besondern Ereignisses.

Eines Morgens wachte Achilla früh gegen sechs auf und blickte nach den ersten Sonnenstrahlen, die durch das winzige Fensterlein über der Tür in seine Kammer zu dringen versuchten, – da kam Vater Zacharia in großer Hast gelaufen und erzählte, daß an Stelle des verstorbenen Tuberozow ein neuer Propst ernannt sei.

Achilla wurde bleich vor Ärger.

»Freut es dich denn nicht?« fragte Zacharia.

»Was geht es mich an?«

»Wieso geht es dich nichts an? Frag doch erst, wer ernannt ist.«

»Als ob mir das nicht ganz gleichgültig wäre!«

»Ein Akademiker!«

»Na ja, ein Akademiker! Und darüber freut Ihr Euch! Nein, bei Gott, Ihr steckt noch voll Eitelkeit, Vater Zacharia!«

»Wieso Eitelkeit? Ein Akademiker – das will sagen: ein kluger Kopf!«

»Wieder was Neues: ein kluger Kopf! Mag er doch klug sein! Werden wir zwei davon etwa klüger?«

»Du wirst wieder grob.«

»Fällt mir gar nicht ein. Ihr denkt daran, wie Ihr den Neuen empfangen sollt, und ich – daß ich den Alten nicht vergesse. Wo steckt da die Grobheit?«

»Es lohnt gar nicht, mit dir zu reden,« sagte Zacharia und zog geärgert von dannen. Achilla aber erhob sich sofort, wusch sich und lief zum Polizeichef mit der Bitte, dieser möchte ihm behilflich sein, sobald wie möglich sein Haus und seine beiden Pferde zu verkaufen.

»Warum denn das?« fragte Porochontzew.

»Sei nicht neugierig,« antwortete Achilla. »Später, wenn ich's gemacht habe, wirst du alles erfahren.«

»So sag' doch ungefähr, um was es sich handelt.«

»Darum, daß Vater Sawelij nicht sobald vergessen wird.«

»Dann soll doch Vater Zacharia in seinen Predigten öfter auf ihn hinweisen.«

»Was kann Vater Zacharia? Nein, der liebt heute schon die Wissenschaften, ich aber … ich liebe nach altem Brauch den Menschen.«

Damit war die Unterredung zu Ende und Achillas Besitz wurde seinem Wunsche entsprechend verkauft.

Indessen war man gespannt, was er weiter unternehmen würde.

Der Diakon hatte für alles zweihundert Rubel bekommen und steckte die beiden Scheine in die Tasche seines Nanking-Leibrocks; er begebe sich in die Gouvernementsstadt, erklärte er. Er hatte sich bereits einen Wanderstab aus einer langen Latte zurechtgeschnitten, packte seine Sachen in ein kleinesBündel zusammen, kaufte sich auf dem Markt zwei große Roggenmehlfladen mit Zwiebeln, die er in dieselbe Tasche steckte, in der er sein Geld hatte, und wollte sich eben auf die Wanderschaft begeben, als unerwartet der neue Propst Irodion Grazianskij eintraf. Es war ein sehr wohlaussehender Herr von schwer zu bestimmendem Alter. Seinem Äußern nach konnte man ihm ebensogut sechsundzwanzig als auch vierzig Jahre geben.

Achilla ging dem neuen Vorgesetzten entgegen und wollte, nachdem er den Segen von ihm empfangen hatte, seine Hand küssen. Allein er zog sie zurück und schlug dem Diakon einen brüderlichen Kuß vor. Und so küßten sie sich auf Mund und Wangen.

»Siehst du, wie gut er ist,« sagte nach einer Stunde, als sie zusammen nach Hause gingen, Zacharia zum Diakon.

»Wie habt Ihr denn in so kurzer Zeit so viel Güte entdeckt?« fragte Achilla gleichgültig.

»Wie denn? Er wollte sich nicht die Hand von dir küssen lassen, sondern bot dir den Mund … das zeugt doch von großer Güte.«

»Ich meine, das ist nichts weiter als so eine Art von Wichtigtuerei,« erwiderte Achilla.

Er war bereits von einer wilden Eifersucht auf den neuen Propst erfaßt und suchte allerlei schlechte Eigenschaften an ihm zu entdecken, die jeden Vergleich mit dem verstorbenen Tuberozow ausschließen mußten. Je mehr der neue Propst allen Stargorodern gefiel, desto heißer mußte Achilla ihn hassen.


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