Achtzehntes Kapitel.

Achtzehntes Kapitel.

Tuberozow war nicht furchtsam, aber sehr nervös, und solche Menschen werden bei starken elektrischen Entladungen von einer unwillkürlichen und unbezwinglichen Unruhe befallen. Diese Unruhe verspürte auch er, als er sich umschaute und überlegte, wo er wohl am besten vor dem Gewitter, dessen Ausbruch unmittelbar bevorstand, geschützt wäre.

Seine erste Bewegung war, nach seinem Wagen zu laufen, einzusteigen und sich zuzudecken; aber kaum hatte er hier Platz genommen, so begann es im Walde zu knarren und zu krachen, und der Wagen wurde hin und her geschüttelt, wie eine Kinderwiege. Auf diesen Unterschlupf war also kein Verlaß: der Wagen konnte sehr leicht umgeworfen werden und ihn erdrücken.

Tuberozow sprang wieder hinaus und lief ins Kornfeld. Der Wirbelwind packte ihn bald von vorn, bald von der Seite, zwang ihn, stehen zu bleiben, riß ihn an den Schößen zurück, pfiff, trompetete, winselte und brüllte ihm in die Ohren.

Tuberozow lief wieder zur Quelle. Aber in dem Kristallbecken herrschte eine noch größere Unruhe: das Wasser brauste und kochte, und durch die Kreise, die es bildete, schien ein in der Tiefe verborgenes Wesen sich emporarbeiten zu wollen. Plötzlich flammte es über der dunkeln, bleiernen Wassermasse blutigrot auf. Es war ein Blitzschlag, aber was für ein seltsamerSchlag! Wie ein Pfeil fuhr er, in zweimaligem Zickzack gebrochen, von oben herab, spiegelte sich im Wasser wider und wirbelte im selben Augenblick, ebenso gezackt, wieder zum Himmel empor, als hätten Himmel und Erde einen feurigen Gruß getauscht. Ein knatternder Schlag folgte, als stürzten sämtliche Dachplatten von einem Hause herab, und eine gewaltige Wolke von Wasserstaub und Schaum sprudelte springbrunnenartig aus der Quelle empor.

Tuberozow legte die Hände vor das Gesicht, sank auf ein Knie und befahl Seele und Leben dem Allmächtigen. Jetzt brach auf den Feldern und im Walde eine jener Gewitterkanonaden los, welche dem Menschen seine völlige Hilflosigkeit gegenüber den Naturgewalten so besonders klar vor Augen führen. Blitze flammten auf. Krachend folgte Schlag auf Schlag. Mit einem Male sah Tuberozow, wie auf den dunklen Eichenstamm vor ihm gleich einer trüben Lampe schimmernd eine Kugel zuschwebte. Mitten im Gezweig des Baumes leuchtete der Funke plötzlich in blendendem Lichte auf, wuchs zu einem großen Klumpen und zerstob. Ein furchtbares Getöse erschütterte die Luft, dem alten Manne ging der Atem aus, um seine Finger und Zehen drehten sich glühende Ringe, der Körper reckte sich krampfhaft empor, knickte zusammen und fiel hin …

Ein Bewußtsein erfüllte ihn noch: daß alles zusammenbrach. Daß das Ende nahe! Weiter konnte er nichts denken … Als er zu sich kam, wußte er nicht, wieviel Zeit seit dem Augenblick vergangen war, da der Schlag ihn getroffen, und wie lange er bewußtlos gelegen hatte. Er hörte nur noch ein letztes, dumpfes, langsames Rollen weit droben, – dann trat völlige Ruhe ein. Das Wetter zog ab. Sawelij hob den Kopf, blickte um sich und bemerkte in seiner nächsten Nähe auf dem Boden etwas Riesiges, Unförmiges. Es war einHaufen Zweige, der Wipfel des gewaltigen Eichbaums. Wie mit einem Messer war der Baum dicht über der Wurzel abgeschnitten und lag auf der Erde. Aus seinem Gezweig, das sich mit den Kornähren des Feldes mischte, erklang das widerliche Kreischen des Raben, der mit dem Baum gestürzt war. Ein schwerer Ast hatte ihn an die Erde gedrückt, und nun riß er seinen purpurroten Rachen weit auf, zuckte in Krämpfen und schrie verzweifelt.

Angewidert durch dies Schauspiel sprang Tuberozow mit einer Geschwindigkeit und Leichtigkeit zur Seite, als wäre er nicht siebzig Jahre alt, sondern siebzehn.


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