Achtzehntes Kapitel.
Wirklich hatte die Obrigkeit »Mut« gefaßt, kam wieder aus ihrem Schlupfwinkel heraus und begann Ordnung zu stiften.
Der nasse und kaum noch schnaufende Danilka wurde in einen trockenen Arrestantenkittel gesteckt, und das peinliche Verhör begann. Er gestand, daß er, von Hunger und Frost geplagt, von allen wegen seines liederlichen Lebenswandels gemieden, lange Zeit obdachlos umhergeirrt sei, bis ihm der Gedanke gekommen sei, sich als Teufel zu verkleiden. Auf diese Weise habe er den Leuten bei Nacht Angst eingejagt, gemaust, was ihm irgendwie unter die Finger gekommen sei, es den Juden verschachert und davon gelebt. Achilla hörte aufmerksam zu. Als das Verhör beendet war, sah er immer noch Danilka an und bemerkte plötzlich, wie die Gestalt des Kommissars vor seinen Blicken sich bald ganz hoch emporhob, bald tief senkte. Achilla zwinkerte ein paarmal mit den Augen, denn ein neues Schauspiel begann: Danilka glänzte jetzt wie blankes Gold, dann wie weißes Silber, dann wieder schien er ganz in Flammen zu stehen, daß einem die Augen schmerzten, wenn man ihn betrachtete, dann erlosch er mit einemmal und war fort. Und er war doch da! Diesem kaleidoskopartigen Wechsel der Erscheinungen zu folgen war eine unerträgliche Marter; schloß man aber die Augen, so wurde es noch bunter und tat erst recht weh.
»Was ist das nur!« dachte der Diakon und fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. Dabei bemerkte er, daß seine Handfläche, wenn sie die Gesichtshaut berührte, knisterte und hängen blieb, wie wenn man mit Tuch über Flanell streicht. Dann war's ihm plötzlich, als liefe ein heißer Feuerstrom durch sein Blut, stoße gegen den Scheitel und beraube ihn des Gedächtnisses. Der Diakon wußte nicht mehr, warum er hier war, weshalb dieser Danilka da stand wie ein gerupftes Hühnchen und ungeniert erzählte, wie er den Leuten Angst machte, wie er sie sich durch allerlei Künste vom Leibe hielt und wie er unvermutet in die Gewalt des Vaters Diakon geriet.
»Nun erzähle mal,« fragte Zacharia wieder, »erzähle mal, mein Lieber, wie bist du beim Vater Propst mit dem Kopf nach unten die Decke entlang gelaufen?«
»Ganz einfach, Vater Zacharia,« antwortete Danilka. »Ich nahm meine Stiefel ab, steckte sie auf einen Stock und stieß sie dann mit den Sohlen gegen die Decke.«
»So laßt ihn doch endlich gehen, was quält ihr ihn immer noch,« sagte endlich Achilla.
Alle sahen ihn erstaunt an.
»Was redet Ihr da? Wie kann man einen Kirchenschänder ziehen lassen?« fiel ihm Grazianskij ins Wort.
»Ach was, Kirchenschänder! Der Mann hatte Hunger. Laßt ihn laufen um Christi willen.«
Grazianskij bemerkte, ohne Achilla anzusehen, sein Eintreten zugunsten des Verbrechers sei völlig unpassend.
»Warum denn? So ein armer Kerl … er hungerte doch … die Apostel rauften auch Ähren aus …«
»Wie kommt Ihr dazu?« sagte der Propst streng und drehte sich nach ihm um. »Ihr seid wohl gar Sozialist?«
»Was weiß ich von Sozialisten! Die heiligen Apostel, sag ich, gingen über Feld und rauften Ähren aus. Ihr städtischen Pfarrerssöhne wißt nichts davon, aber wir Subdiakonskinder vom Lande haben in der Schule auch manchmal Eßwaren gemaust. Nein, laßt ihn gehen um Christi willen, ich gebe ihn Euch ja doch nicht heraus.«
»Ihr habt wohl den Verstand verloren? Wie könnt Ihr Euch unterstehen?«
Diese letzten Worte schienen dem Diakon eine so unerhörte Kränkung, daß er feuerrot wurde, und seinen nassen Leibrock überwerfend, aufschrie:
»Ich geb' ihn Euch nicht heraus und damit Schluß! Er ist mein Gefangener und ich habe ein Recht auf ihn!«
Mit diesen Worten wankte der Diakon auf Danilka zu, stieß ihn zur Tür hinaus, packte mit beiden Händen die Türpfosten, um keinen Verfolger durchzulassen, und wollte noch etwas sagen, als er sich plötzlich immer größer und breiter werden, in feurigen Gluten aufgehen und verschwinden fühlte. Er schloß die Augen und fiel bewußtlos nieder.
Achillas Zustand war jener des seligen Vergessens, in den das Fieber den Menschen versetzt. Er vernahm die Worte, wie »Unfug«, »Protokoll«, »Schlag«, fühlte, daß man ihn berührte, umdrehte, aufhob, hörte das Flehen und Jammern des draußen wieder eingefangenen Danilka, aber er hörte das alles nur wie im Traum, und dann wuchs er wieder und dehnte sich unendlich weit und strömte süße Gluten aus und zerschmolz in der läuternden Flamme der Krankheit. Da kam es, das Ende des Lebens, der Tod!
Achillas »Tat« wurde zu Protokoll gebracht, wobei der alte Freund und Kamerad, Woin Porochontzew, sich die größte Mühe gab, das Benehmen des Diakons in möglichst harmlosem Lichte erscheinen zu lassen. Trotzdem wurde dasDokument betitelt: »Von dem frechen Unfug, den der Domdiakon Achilla im Beisein der Stargoroder Polizeiverwaltung angestiftet.«
Der Rittmeister Porochontzew konnte nur das Wort »frech« ausstreichen, der Unfug Achillas aber wurde zum Gegenstand einer polizeilichen Akte, auf die früher oder später ein strenges Urteil erfolgen mußte.