Dreiundzwanzigstes Kapitel.
Schon fing man in Stargorod an, Tuberozows Predigt zu vergessen, als gegen Abend des dritten Tages ein Postkarren zwei eigentümliche Gäste in die Stadt brachte: einen langen hageren Polizeiwachtmeister und einen dicken Konsistorialbeamten, rund und schwammig, wie ein Bauernpfannkuchen, mit einem winzigen Knöpfchen als Nase.
Es waren die Sendboten, die nach Sawelijs Seele kamen: Unter ihrer Obhut sollte der Propst in die Gouvernementsstadt gebracht werden. In einer halben Stunde wußte es die ganze Stadt. Vor dem Hause Tuberozows stand bald eine große Menschenmenge, und nach einer Stunde ging die Tür des Hauses auf, aus der Vater Sawelij völlig reisefertig heraustrat. Natalia Nikolajewna ging neben ihm, ihr Taubenköpfchen an seinen Ellbogen drückend.
Sie hatten sich gegenseitig zu beruhigen gewußt und jetzt offenbarte auch nicht eine Träne ihre etwaige Schwäche.
Das Volk, das auf den Propst gewartet hatte, drängte lärmend vorwärts. Tuberozow nahm den Hut ab und verneigte sich tief nach allen Seiten.
Der Lärm verstummte; vielen traten die Tränen in die Augen und alle bekreuzigten sich.
Der mit drei Pferden bespannte Postwagen, welcher bisher, auf Befehl des zartfühlenden Polizeichefs, hinter dem Hause verborgen gestanden hatte, fuhr vor.
Der Propst setzte den Fuß auf den Tritt und faßte mit der Hand die Lehne des Wagensitzes. In diesem Augenblick griff ihn der Wachtmeister unter den Ellbogen und der Konsistorialbeamte zog ihn an der andern Hand empor … Von Ekel erfaßt fuhr der Alte zusammen. Sein Kopf begann heftig zu wackeln wie der einer Puppe, die eine Drahtfeder im Halse hat.
Natalia Nikolajewna trat neben ihren Mann, faßte seine Hand und flüsterte: »Schone dein Leben, Liebster!«
Tuberozow sah sie an und erwiderte:
»Sei unbesorgt. Das Leben ist schon zu Ende. Jetzt beginnt das Erdenwallen.«