Viertes Buch.

Viertes Buch.Erstes Kapitel.

»Das Leben ist zu Ende, das Erdenwallen beginnt,« hatte Tuberozow im letzten Augenblick vor seiner Abreise gesagt. Dann war das Dreigespann den Berg hinaufgesaust und hatte ihn den Blicken der Seinigen entzogen.

Die Leute, die ihm das Geleit gegeben, blieben noch eine Zeitlang, bis endlich ein jeder seines Weges ging. Die Nacht brach herein, alle Pforten und Pförtchen wurden verschlossen und verriegelt und der Mond konnte aus seiner blauen Höhe auf dem vereinsamten Pfarrhofe nur noch die ebenfalls vereinsamte Natalia Nikolajewna erblicken.

Sie beeilte sich nicht, ins Haus zurückzugehen, sondern saß weinend auf der Veranda, von der ihr Mann vor kurzem heruntergestiegen war. Schluchzend drückte sie ihren kleinen Kopf gegen das Geländer, – ach, sie hatte keinen Freund, keinen Tröster! Doch nein! Ein Freund war da, ein treuer, zuverlässiger Freund …

Plötzlich wurde das Pförtchen weit aufgerissen und vor die weinende Alte trat der Diakon Achilla. Er war barhäuptig, in einem kurzen dicken Leibrock und weiten Hosen und mit mehreren Säcken beladen. Hinter sich zog er zweiPferde, deren jedes ein großes schweres Bündel auf dem Rücken trug. Natalia Nikolajewna sah schweigend zu, wie Achilla die Pferde in den Hof führte, sie von ihrer Last befreite, und wieder zum Pförtchen ging, das er mit der Energie eines sorgsamen Hausvaters verschloß und den Schlüssel in die Tasche steckte.

»Diakon! Du kommst zu mir!« rief Natalia Nikolajewna, welche seine Absicht begriffen hatte.

»Ja, du leidende Mutter, ich bin gekommen, dich zu behüten.«

Sie umarmten und küßten sich, und Natalia Nikolajewna begab sich in ihr Schlafzimmer, um dort weiter zu wachen, Achilla aber brachte seine Pferde in die Scheune, breitete dann eine Filzdecke auf der Veranda aus, streckte sich lang auf derselben aus und vertiefte sich in den Anblick des Sternenhimmels. Während der ganzen Nacht schlief er nicht. Er dachte nur daran, wie er seinem Justizminister helfen könnte. Das war etwas anderes, als den Warnawka verprügeln! Hier war Verstand nötig. Aber was kann der Verstand allein, wenn ihm keine äußere Gewalt zur Seite steht? Ja, hätte man, wie es in dem Märchen erzählt wird, einen Zaubermantel oder Siebenmeilenstiefel. Oder eine Tarnkappe! Dann würde er gewußt haben, was er zu tun hätte! So aber, so! Der Diakon wußte sich absolut keinen Rat, und dennoch mußte etwas unternommen werden.

Als Achillas Gedanken beim Zaubermantel und bei der Tarnkappe angelangt waren, da kam es dem an keinerlei sophistische Grübeleien Gewohnten vor, als fiele eine kaum noch zu tragende, schwere Last ihm von der Seele, er atmete auf und flog selbst auf dem Zaubermantel in die Ferne hinaus. Unsichtbar trat er in den Siebenmeilenstiefeln und mit der Tarnkappe zu dem einen und dem andern der hohenWürdenträger, zu denen er ohne Zaubermittel nicht hoffen konnte zu gelangen. Er weckte sie durch einen sanften Rippenstoß aus dem Schlaf und sagte: »Tut dem Pfarrer Sawelij kein Leid an. Ihr werdet's sonst, wenn es zu spät ist, zu bereuen haben.«

Als die hohen Herren die Stimme des Unsichtbaren vernahmen, warfen sie sich unruhig auf ihrem Lager hin und her, sprangen plötzlich auf, liefen hinaus und schrien: »Um Gottes willen, nehmt euch des Pfarrers Sawelij an!« … Aber das alles läßt sich in unseren Tagen nur mit Hilfe von Siebenmeilenstiefeln und einer Tarnkappe erreichen, und es war gut, daß Achilla rechtzeitig daran gedacht und sich damit versehen hatte. Dank ihnen allein konnte der Diakon in seiner gelben Nankingkutte in einen strahlenden Palast dringen, dessen Glanz ihn so unerträglich blendete, daß er selbst nicht froh war, sich dort hineingewagt zu haben. Die Stätte, welche er vorher besucht hatte, hätte schließlich wohl auch genügt, aber die Siebenmeilenstiefel waren in Schuß gekommen und hatten ihn an einen Ort gebracht, wo er infolge der blendenden Helle kaum etwas unterscheiden konnte, so daß er Sawelij und seine Mission am Ende ganz vergaß und nur noch dachte, wie er wieder fortkommen könnte. Die geschwinden Stiefel aber trugen ihn immer höher und höher hinauf, und das Zauberwort, das ihnen Halt gebieten konnte, hatte er vergessen …

»Ich verbrenne, bei Gott, ich verbrenne!« schrie der Diakon und versuchte sich hinter einem vor ihm auftauchenden kleinen Schattenfleckchen zu verbergen, – als ihm zu seiner Verwunderung aus diesem Fleckchen die sanfte Stimme des Zwerges Nikolai Afanasjewitsch entgegentönte.

»Hört doch auf, Vater Diakon, im Schlaf zu schreien, daß Ihr verbrennt! Allenfalls vor Scham müßten wir alle verbrennen!«sprach der Zwerg, das Gesicht des Diakons durch seine kleine Gestalt vor der Sonne schützend.

Achilla sprang auf, stürzte zur Wasserbütte und leerte zweimal hintereinander den großen eisernen Schöpfkrug.

»Von was für einer Scham redest du da, Nikola?« fragte er, seine Locken mit Wasser anfeuchtend.

»Ei, wo ist unser Propst? He?«

»Der Propst, Freund Nikolaurus, ist futsch. Gestern haben sie ihn weggeschafft.«

»Was heißt das – ›futsch‹, mein Herr? Wir müssen ihn freibekommen!«

»Liebster, ich hab' die ganze Nacht darüber gegrübelt, aber ich kriege nichts raus.«

»Das ist es eben. Einen Stein ins Wasser werfen kann jeder, – aber ihn zurückbekommen?«

Und Nikolai Afanasjewitsch wackelte auf seinen knarrenden Stiefelchen in das Zimmer der Pröpstin, hielt sich hier einen Augenblick auf und bat dann den Diakon, ihn zu begleiten. Beide begaben sich erst zum Polizeichef und nachher zum Richter. Mit beiden hatte der Zwerg eine lange Beratung, aber weder der eine noch der andere konnte ihm etwas Tröstliches sagen.

»Das einzige, was ich tun kann,« sagte plötzlich der Richter, »ist, an den Staatsanwalt in der Gouvernementsstadt zu schreiben. Er ist ein Studiengenosse von mir und wird sicher gern bereit sein, irgend etwas für den Propst zu tun.«

Der Vorschlag fand lebhaften Beifall beim Polizeichef. Nikolai Afanasjewitsch dachte anders darüber, hielt es aber für unangebracht, zu widersprechen.

Nun fragte sich's, wie man den Brief an seine Adresse gelangen ließ? Die nächste Post ging erst in zwei Tagen, eine Estafette schien beiden Beamten zu pomphaft, zudemkonnte die Postmeisterin, die Freundin Termosesows, den alle nach den von Achilla gemachten Angaben für den eigentlichen Denunzianten hielten, diesem Ehrenmann mit derselben Estafette Nachricht geben.

Als er von dieser Schwierigkeit vernahm, erklärte der Diakon, er würde schon alles regeln; wenn der Brief nur fertig sei, setze er seinen Kopf zum Pfande, daß er sich morgen in den Händen des Adressaten befinde.

Abends, als es schon dunkelte, erschien vor dem Hause des Vaters Zacharia ein riesiger schwarzer Reiter, klopfte sacht ans Fenster und rief den »sanften Popen« beim Namen.

Zacharia öffnete das Fenster und fragte, als er den Reiter erblickte:

»Bist du es, der da als Schreckgespenst kommt?«

»Pst … Ruhe und Schweigen tun not!« antwortete der Reiter geheimnisvoll und suchte sein ungeduldiges Roß durch kräftigen Schenkeldruck ruhig zu halten.

Zacharia sah sich nach allen Seiten um – Straße und Ufer waren menschenleer – und flüsterte:

»Wohin willst du und was beabsichtigst du?«

»Ich kann Euch nichts mitteilen, denn ich habe mein Wort gegeben,« antwortete der Reiter mit derselben geheimnisvollen Miene wie vorhin. »Ich bitte Euch nur, sucht mich morgen nicht und fragt nicht nach dem Zweck meines Ritts … Doch, ob ich auch mein Wort gegeben, ich will's Euch allegorisch sagen:

Nordwärts zieht's den Kosaken hinUnd nicht nach Ruhe steht sein Sinn,

Nordwärts zieht's den Kosaken hinUnd nicht nach Ruhe steht sein Sinn,

in der Mütze aber hab' ich

Ein Schreiben an den Zaren PeterÜber den Hetman, den Verräter …

Ein Schreiben an den Zaren PeterÜber den Hetman, den Verräter …

Habt Ihr verstanden?«

»Nichts hab' ich verstanden.«

»So muß es auch bei einer richtigen Allegorie sein.«

Der Reiter schlug sich mit der Faust gegen die Brust und sagte:

»Das eine sollt Ihr noch wissen, Vater Zacharia, daß der Reiter kein Kosak ist, sondern der Diakon Achilla, und daß mein Herz die Kränkung nicht dulden mag, mein Verstand aber kein Mittel findet, ihm zu helfen.«

Nach diesen Worten ließ der Diakon seinem Pferde die Zügel fahren, drückte es mit den Knien zusammen und ritt nicht, sondern flog davon, so daß seine Locken, die langen Enden und weiten Ärmel seiner Kutte, der Schweif und die Mähne des Pferdes wild flatternd vom dunkelblauen Hintergrund des nächtlichen Himmels abstachen.


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