Dreizehntes Kapitel.

Dreizehntes Kapitel.

Der Frühling kam und Stargorod erwachte zu neuem Leben. Der Fluß wollte die starre Eisdecke abwerfen, blies sich auf und wurde blau. Immer höher türmten sich an beiden Ufern die Berge von Getreidesäcken, und schon wurden die breiten Barken instand gesetzt.

Aus den Dörfern, die den Winter hindurch gehungert hatten, kamen täglich Scharen zerlumpter Bauern in Bastschuhen und weißen Filzkappen in die Stadt. Sie ließen sich als Schlepper dingen, gegen Bezahlung ihrer Steuern und Beköstigung, und waren glücklich, das Getreide, das ihnen daheim so mangelte, in entfernte Gegenden schaffen zu können. Selbstverständlich wurden nicht alle dieses Glückes teilhaftig. Das Angebot übertraf die Nachfrage ganz bedeutend. Und um die Überflüssigen kümmerte sich kein Mensch.

In einsamen und abgelegenen Gassen der Stadt begann sich, ohne sichtliche Veranlassung, allerlei Teufelsspuk zu zeigen. Ein solcher Teufel, in voller höllischer Ausrüstung, mit Hörnern und Klauen, überfiel nacheinander zwei Weiber, einen betrunkenen Schmied und einen völlig nüchternen Kanzlisten, der zu einem nächtlichen Stelldichein mit einer Kaufmannstochter pilgerte. Den Armen wurde alles abgenommen, was sie bei sich hatten, und später sagten sie aus, der Teufel, dessen Opfer sie geworden wären, hätte Stierhörner gehabt und Klauen ganz wie jene Eisenhaken, mit denen die Hafenarbeiter die Getreidesäcke auf die Barken zerren. Niemand wagte mehr nach Sonnenuntergang durchdie Stadt zu gehen; aber der Teufel trieb sein Unwesen ruhig weiter. Einmal wurde er von den Wachtposten gesehen, die vor dem Salzdepot und vor dem Gefängnis standen. Er hatte sogar die Unverschämtheit, näher als auf Schußweite an die Soldaten heranzukommen und sie mit kläglicher Stimme um ein Stückchen Brot zu bitten. Man sandte daher nachts Patrouillen aus; eine, vom Polizeichef, dem uns längst wohlbekannten tapfern Rittmeister Porochontzew, selbst geführt, begegnete dem Teufel tatsächlich und rief ihn sogar an. Als er aber darauf: »Gut Freund« erwiderte – bekamen die Leute Angst und rannten davon. Der Rittmeister, welcher glaubte, sich auf die Polizei nicht mehr verlassen zu können, wandte sich nun an den Hauptmann Powerdownia und bat um den Beistand seines Invalidenkommandos zur sofortigen Festnahme des die Stadt in so große Erregung versetzenden Teufels. Aber der Hauptmann wollte sich mit dem Höllenfürsten nicht einlassen, ohne vorher die Genehmigung seiner unmittelbaren Vorgesetzten eingeholt zu haben, und so spazierte der Teufel nach wie vor in der Stadt herum, und das Entsetzen der Bürgerschaft wuchs von Tag zu Tag. Endlich mischte sich der Propst Grazianskij hinein. Er wandte sich an das Volk mit einer Predigt über den Aberglauben und behauptete, Teufel, die den Leuten Mäntel und Kopftücher fortnehmen, gäbe es überhaupt nicht. Der nachts in der Stadt umgehende Teufel sei nichts weiter als ein fauler Taugenichts, welcher glaube, die Leute leichter um ihr Hab und Gut betrügen zu können, wenn er ihnen durch seine Teufelsmaske vorher einen gehörigen Schreck einjage. Diese Rede rief eine große Entrüstung hervor. Der Vorsteher der altgläubigen Gemeinde erklärte, das sei wieder einmal eine Ketzerei der neuen Kirche, und es gelang ihm ohne alle Mühe, ein paar Schäflein aus der Domherde fürseine Sekte zu gewinnen. Der Teufel aber nahm noch in anderer Weise Rache an dem ungläubigen Grazianskij. Am Tage, welcher seiner Predigt folgte, entdeckte man im Vorhause der Grazianskijschen Wohnung an der Decke die Spuren schmutziger Stiefel. Natürlich war alle Welt darüber erstaunt und entsetzt; denn wer kann mit dem Kopf nach unten an der Decke entlang laufen?! Man neigte daher zu der Ansicht, nur der Teufel könne es gewesen sein, und selbst der Propst war nicht imstande, seiner Frau dies auszureden. Allen seinen Ermahnungen zum Trotz wuchs die Hochachtung vor dem Teufel erst recht; kein Mensch wagte mehr, ihn zu erzürnen, aber auch niemand ging in der Dämmerung mehr aus.

Indessen, der Teufel hatte es doch zu toll getrieben und das bekam ihm schließlich übel. In den Straßen gab es für ihn schlechterdings nichts mehr zu erbeuten. Es begannen infolgedessen die Messingkreuze, die Heiligenbilderschreine und die Lämpchen auf dem Friedhofe zu verschwinden, wo der Vater Sawelij unter seiner Pyramide ruhte.

Die Stadt, durch die verschiedenen Teufelsstreiche in Schrecken versetzt, schrieb auch diese neue Schändlichkeit ohne weiteres demselben bösen Feinde zu.

Bei der Untersuchung des Schadens bemerkte man, daß auch das Denkmal des Vaters Sawelij gelitten hatte: das Kreuz und der vergoldete Knopf, welche die Pyramide krönten, waren mit Hilfe eines Brecheisens stark verbogen und gelockert, einer der vergoldeten Cherubim abgerissen, erbarmungslos mit dem Beil zerhackt und dann verächtlich weggeworfen, da er keinen nennenswerten Marktwert besaß.

Als Achilla davon Kenntnis erhielt, unterzog er das beschädigte Monument einer genauen Besichtigung und meinte:

»Und wenn du Beelzebub selber wärst, das wirst du mir büßen müssen.«


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