Drittes Kapitel.
»Es war kaum ein Jahr, nachdem meine gnädige Herrin mich von meiner früheren Herrschaft gekauft hatte. Ein Jahr in bittern Schmerzen lag hinter mir. Ich war von meiner Heimat und von meinen Lieben für immer getrennt. Natürlich ließ ich meinen Kummer nicht merken. Es war jedoch vergebens, denn die Selige hatte ihn längst erraten. Als nun mein Namenstag kam, geruhte sie mir zu sagen:
›Was soll ich dir denn zum Namenstage schenken, Nikolai?‹
›Mütterchen,‹ sag' ich, ›was brauch' ich Narr noch beschenkt zu werden? Ich bin auch so völlig zufrieden.‹
›Nein,‹ geruhte sie zu sagen, ›einen Rubel sollst du wenigstens haben.‹
Natürlich wagte ich nicht zu widersprechen und küßte ihr die Hand:
›Vielen Dank, Euer Gnaden!‹ sprach ich nur.
Und setzte mich wieder auf das Fußbänkchen gegenüber ihrem Sessel und strickte meinen Strumpf weiter. Nach einiger Zeit fragt sie wieder:
›Was wirst du mit dem Rubel anfangen, Nikolai, den ich dir morgen schenken will?‹
›Den schicke ich bei Gelegenheit meinem Vater.‹
›Und wenn ich dir zwei schenke?‹
›So bekommt mein Mütterchen den zweiten.‹
›Und wenn es drei werden?‹
›Dann soll auch mein Bruder Iwan Afanasjewitsch einen haben.‹
Da schüttelte sie den Kopf:
›Du hast aber viel Geld nötig, wenn du alle bedenken willst! Das kannst du, so klein wie du bist, ja dein Lebtag nicht verdienen.‹
›Dem lieben Gott hat es gefallen, mich so zu schaffen,‹ antwortete ich und fing leise zu weinen an. Mein Herz krampfte sich zusammen, wissen Sie, ich ärgerte mich selbst über meine Tränen und doch mußte ich weinen. Sie aber, die Selige, guckte und guckte mich an, bis sie auf einmal mir schweigend winkte: ich fiel ihr zu Füßen und sie legte meinen Kopf auf ihren Schoß, und ich weinte nun erst recht und sie weinte auch. Dann stand sie auf und sprach:
›Haderst du nie mit dem lieben Gott, Nikolai?‹
›Wie soll ich mit dem lieben Gott hadern, Mütterchen? Niemals tu ich das.‹
›So wird Er dich auch trösten.‹
Und er hat mich wirklich getröstet.«
Als der Zwerg in seiner Erzählung so weit gekommen war, fingen seine dünnen Augenlider plötzlich heftig zu zucken an, er sprang hastig von seinem Stuhl auf, lief in eine Ecke, wischte sich dort mit einem weißen Tüchlein die Augen und kehrte mit verschämtem Lächeln auf seinen Platz zurück. Nachdem er sich wieder gesetzt hatte, begann er mit einer ganz anderen, feierlichen Stimme:
»Ich war früh aufgestanden, werte Herrschaften, war ganz leise mich waschen gegangen, denn ich schlief ja zu Füßen ihres Bettes, hinter einem Schirm auf einem Teppich. Dann war ich in die Kirche gegangen, um beim Vater Alexei einen Dankgottesdienst nach der Frühmesse zu bestellen. Wie ichnun, werte Herrschaften, in die Kirche komme, gehe ich geradewegs nach dem Altar, um vom Vater Alexei den Segen zu empfangen, und sehe, daß Vater Alexei ein so seltsam frohes Gesicht macht und mir so herzlich zur großen Freude gratuliert. Ich bezog das natürlich auf den Festtag und auf meinen Namenstag. Aber was sollte nun kommen, meine lieben und werten Herrschaften! Ich trete auf den linken Altarflügel hinaus, – und sehe plötzlich mitten im Volke mein Mütterlein und meinen Vater und meinen Bruder Iwan Afanasjewitsch. Den Vater und die Mutter fand ich in der Menge nicht gleich heraus, aber der Bruder Iwan Afanasjewitsch … der war ja der reine Gardehusar. Ihn sah ich sofort. Erst dachte ich, es wäre eine Vision! Denn ich hatte mich an diesem Tage so sehr nach ihnen gesehnt. Aber nein, es war keine Vision! Ich sah meine Mutter – sie war eine Bäuerin – bitterlich weinen und dachte, sie habe ihre Herrschaft um Urlaub gebeten und den weiten Weg gemacht, um ihr Kind wiederzusehen. Natürlich wollte ich den Gottesdienst nicht stören und ging wieder in den Altarraum zurück. Wie ich aber nach Schluß der Messe heraustrete, da erblicke ich vor dem Betpult mit dem Heiligenbilde Marfa Andrejewna selber; und hinter ihr meine Schwester Maria Afanasjewna, die Sie hier sehen, meine Eltern und meinen Bruder. Ich gehe auf Marfa Andrejewna zu, um sie zu begrüßen. Sie aber schiebt mich leise mit der Hand beiseite und sagt:
›Geh erst und begrüße deine Eltern.‹
So begrüßte ich den Vater, die Mutter, den Bruder, unter Tränen. Nur meine Schwester Maria Afanasjewna weinte nicht, denn sie hat einen besseren Charakter. Ich aber bin so schwach, daß ich immer weinen muß. Nun traten wir aus der Kirche heraus und meine gnädige Herrin nimmt ein Beutelchen aus der Tasche – ichhatte selbst gesehen, wie sie diesen Beutel strickte, aber ich wußte natürlich nicht, für wen er bestimmt war – und sagt zu mir: ›Nun beschenke die Deinigen, Nikolascha.‹ Ich greife in den Beutel, dem Vater gab ich einen Silberrubel, der Mutter einen Silberrubel, dem Bruder Iwan Afanasjewitsch einen Rubel. Es waren lauter ganz neue Rubel! Im Beutel aber lagen noch vier Rubel. ›Wer soll denn die noch bekommen, Mütterchen?‹ frage ich meine gnädige Herrin. Aber da sehe ich schon den Verwalter Dementij, der mir meine Schwägerin und ihre drei Kinder zuführt, alle in langen Röcken. Dank der großen Gnade meiner Herrin konnte ich auch sie noch beschenken, ehe wir aus der Kirche alle zusammen nach Hause gingen. Vor dem Herrenhaus bemerkte ich drei Wagen, mit den Gutspferden meiner gnädigen Herrin bespannt. Die beiden Pferdchen meines Bruders waren hinten angebunden, und das ganze Gepäck der Eltern und des Bruders lag auf dem Wagen. Dies machte mich ganz verwirrt, und ich wußte nicht mehr, was ich sagen sollte. Marfa Andrejewna war die ganze Zeit mit dem Vater Alexei vorausgegangen und hatte von der Ernte gesprochen und mich anscheinend gar nicht beachtet. Jetzt aber, wie sie eben die Verandastufen hinauf will, wendet sie sich nach mir um und geruht also zu sprechen: ›Hier hast du einen Freibrief, mein braver Knecht, deine Eltern und dein Bruder nebst Kindern sind von mir losgekauft.‹ Und damit schob sie mir das Papier hinter die Weste … Das war zu viel für mich …«
Nikolai Afanasjewitsch hob die Hände bis zur Höhe seines Gesichts und sagte:
»›Du!‹ rief ich wie wahnsinnig, ›du willst mich durch das Übermaß deiner Güte ganz erdrücken!‹ Es schnürte mir die Kehle zusammen, meine Schläfen hämmerten, vor meinen Augen zuckten bunte Flämmchen, und ich fiel bewußtlos vordem Wagen meines Vaters nieder, den Freibrief an die Brust gedrückt.«
»Ach du, Alter! So viel Gefühl hast du!« rief der Diakon Achilla gerührt und schlug Nikolai Afanasjewitsch auf die Schulter.
»Ja,« fuhr der Zwerg fort, nachdem er sich den Mund gewischt hatte. »Ich kam erst nach neun Tagen wieder zu mir, denn ich war an einem schweren Fieber erkrankt. Und wie ich mich umschaute, sah ich meine gnädige Herrin zu Häupten meines Bettes sitzen: ›Vergib mir um Christi willen, Nikolascha,‹ sprach sie, ›ich verrücktes Frauenzimmer hätte dich beinahe umgebracht!‹ So ein gewaltiger Mensch war sie, die gnädige Bojarin Plodomasowa!«
»Ach du allerliebster Alter!« rief wieder der Diakon Achilla und packte den Zwerg scherzend an einem Knopfe seines Fracks, diesen scheinbar abreißend.
Der Kleine faßte schweigend nach dem Knopf, und als er sich überzeugt hatte, daß er heil und ganz an seinem Platze geblieben war, meinte er:
»Ja, ja, ich bin doch ein ganz unbedeutendes Wesen, aber sie war immer besorgt um mich und schenkte mir ihr Vertrauen; sogar ihren Kummer teilte sie mir mit, besonders als die Trennung von ihrem Sohne Alexei Nikititsch ihr so nah ging. Bekam sie mal einen Brief, dann las sie ihn erst ganz schnell für sich und später las sie ihn mir vor. Sie sitzt und liest vor und ich stehe mit meinem Strickstrumpf daneben und höre zu. Und wenn sie zu Ende ist, sprechen wir über den Brief. ›Jetzt wird er wohl bald Offizier,‹ sagt sie zu mir. Und ich antworte: ›Ja, sicher muß die Reihe schon an ihn gekommen sein.‹ Und sie wieder: ›Was meinst du, Nikolascha, da wird man ihm wohl mehr Geld schicken müssen.‹ – ›Gewiß hat er jetzt mehr nötig, Mütterchen,‹ sage ich. ›Eifreilich, wir haben hier das Geld ja gar nicht nötig.‹ ›Natürlich, Mütterchen, wozu brauchen wir Geld?‹ Meine Schwester Maria Afanasjewna aber schweigt still, und das ist meiner gnädigen Herrin nicht recht und sie wird gleich böse. ›Ach, du Holzklotz,‹ sagt sie. ›Ja, die wußten, was sie taten, als sie dich mir umsonst als Zugabe zum Bruder überließen.‹«
Nikolai Afanasjewitsch besann sich plötzlich, wurde ganz rot und sagte zu seiner stumpfsinnigen Schwester:
»Nehmt mir's nicht übel, Schwesterlein, daß ich das erzähle.«
»Erzählt nur, erzählt nur, es tut nichts,« antwortete Maria Afanasjewna, mit der Zunge gegen die Backe stoßend.
»Nun, und euch beiden hat sie die Freiheit nicht geben wollen?« fragte jemand.
»Die Freiheit? Nein, freigegeben hat sie uns nicht. Meine Schwester Maria Afanasjewna stand wohl mit drin im Freibrief, den sie meinen Eltern gegeben, aber mich wollte sie nicht fortlassen. Mitunter sagte sie: ›Wenn ich tot bin, magst du leben, wo du willst (denn sie hatte ein kleines Kapital als Pension für mich angelegt), aber solange ich am Leben bin, lasse ich dich nicht frei.‹ – ›Ach, Mütterchen,‹ sagte ich darauf, ›was soll ich mit der Freiheit? Mich hacken doch die Spatzen tot!‹«
»Ach, du kleiner Kerl!« rief Achilla gerührt.
»Er war ja in allem ihre rechte Hand, unser Nikolai Afanasjewitsch,« fiel Tuberozow ein.
»Ja, Vater Propst, ich habe ihr gedient, so gut ich's verstand. Wenn die Selige nach Moskau oder Petersburg reiste, nahm sie nie eine Zofe mit. Sie konnte weibliche Bedienung auf Reisen nicht leiden. Oft sagte sie: ›So eine Prinzessin Pumfia tut nichts weiter als quasseln und im Gasthof im Korridor herumlungern und Bekanntschaften machen.Mein Nikolascha aber sitzt hübsch still im Winkel, wie ein Hase.‹ Sie betrachtete mich gar nicht als Mann, sondern nannte mich immer nur Hase.«
»Ein Karnickelchen,« sagte Achilla lachend und streichelte die Schultern des Kleinen.
»So ganz konnte sie dich aber doch nicht für einen Hasen halten, wenn sie dich sogar verheiraten wollte?« sagte der Polizeichef Porochontzew.
»Ja, das hat sie gewollt, Woin Wasiljewitsch. Freilich, freilich,« erwiderte der Kleine, die Stimme immer mehr dämpfend, »das hat sie gewollt.«
»Wirklich, Nikolai Afanasjewitsch?« riefen mehrere Stimmen zugleich.
Nikolai Afanasjewitsch wurde ganz rot und flüsterte:
»Lügen wäre Sünde, – ja es war so.«
Und nun stürmte die ganze Gesellschaft auf den Zwerg ein:
»Erzählen, Nikolai Afanasjewitsch, erzählen!«
»Ach, werte Herrschaften, was ist da zu erzählen?« suchte Nikolai Afanasjewitsch lachend und errötend und die Hände ausstreckend die Zudringlichen abzuwehren.
Man gab nicht nach. Die Damen faßten seine Hände, küßten ihn auf die Stirn; er fing die Damenhände, die sich nach ihm ausstreckten, im Fluge auf und küßte sie, wollte aber trotzdem nicht erzählen, weil er meinte, die Geschichte wäre zu lang und uninteressant. Da schlug plötzlich etwas dröhnend gegen den Fußboden, die Hausfrau, die in diesem Augenblick vor dem Lehnstuhl des Zwerges stand, trat erschrocken zurück, und den erstaunten Blicken von Nikolai Afanasjewitsch zeigte sich der Diakon Achilla, kniend mit hoch emporgereckten Armen.
»Herzchen!« flehte er mit heftigen Kopfbewegungen. »Erzähle, wie sie dich verheiraten wollten.«
»Ja, ja, ich will alles erzählen, steht nur auf, Vater Diakon.«
Achilla erhob sich, klopfte den Staub von seiner Kutte und rief selbstzufrieden:
»Nun? Was sagt ihr nun? Er wird nicht erzählen, meintet ihr! Da sagte ich: Ich setze es durch, – und ich hab's durchgesetzt! Jetzt bitte wieder Platz zu nehmen, meine Herrschaften, und hübsch still sein, und die gnädigste Hausfrau ist so gut und läßt dem Nikolascha für seine Erzählung ein Glas Wasser mit rotem Wein geben, wie das in feinen Häusern Brauch ist.« –
Alle setzten sich. Man brachte Nikolai Afanasjewitsch ein Glas Wasser, in das er selbst ein paar Tropfen Rotwein goß, und dann fing er von neuem zu erzählen an.