Drittes Kapitel.

Drittes Kapitel.

Beim Eintreten der neuen Gäste erzählte der Adelsmarschall Plodomasow dem Propst gerade von den jüngsten Reformen im Kirchenwesen.

»Seine Eminenz ist ein Mann von großen Geistesgaben,« meinte der Propst.

»Und auch ein großer Humorist,« bemerkte Tuganow. »Wir haben hier einen ungeheuer arroganten Gendarmenoffizier, der sich einbildet, alles zu können.«

»Das ist immer so, die Gendarmen können alles,« fiel Prepotenskij ein, ohne daß man auf ihn achtete.

»Dieses Herrchen hatte in Erfahrung gebracht,« fuhr Tuganow fort, »daß bei unserm Bischof noch nie jemand zu Mittag gespeist hätte, – und wettete im Klub mit dem Polizeimeister, er werde schon mal bei dem Alten essen. Ausgerechnet muß der Bischof Wind davon bekommen.«

»O weh, o weh!« sagte Zacharia gedehnt.

»Besagter Kavallerist macht also Seiner Eminenz seinen Besuch am frühem Morgen und geht einfach nicht fort. Als es bereits sechs Uhr vorüber ist, kann er's natürlich vor Hunger nicht mehr aushalten und will sich verabschieden. Aber der schweigsame Bischof, der ihm die ganze Zeit zugehört hatte, ohne selbst zu reden, meinte sehr freundlich: ›Wollen Sie nicht zum Essen bleiben?‹ Na, denkt er, die Wette istgewonnen! Aber der Bischof ließ ihn noch eine Stunde hungern, ehe es zu Tische geht.«

»Das war doch unnütz,« warf Zacharia ein, »ganz unnütz.«

»Warten Sie nur. Sie treten also ins Eßzimmer ein. Der Bischof bleibt vor dem Gottesbilde stehen und beginnt zu beten, – ein Gebet, dann noch eins, und ein drittes. – Es vergeht wieder eine ganze Stunde und der hungrige Gast ist fast dem Verenden nahe. ›So, nun kann das Essen aufgetragen werden,‹ sagt Eminenz endlich. Und zwei winzige Teller mit Erbsensuppe und Zwieback werden gebracht. Als sie verzehrt sind, erhebt sich der Bischof wieder und sagt: ›Danken wir jetzt dem Herrn, der uns gesättigt hat.‹ Das ward dem Kriegsmann denn doch zu viel, und während der Bischof betete, schlich er sich unbemerkt aus dem Zimmer. Der Alte erzählte es mir gestern: ›Dieser Geist läßt sich durch nichts austreiben, es sei denn durch Beten und Fasten,‹ schloß er.«

»Er ist ein Mann von Geist und von feinem und angenehmem Benehmen,« sagte Tuberozow, dem diese Anekdötchen wenig Freude zu machen schienen.

»Ja, aber er klagt und jammert auch, es gäbe keine Leute. ›Wir fahren über ein tiefes Meer,‹ sagt er, ›auf schwankem Schiff mit trunkenen Matrosen. Gott bewahre uns vor einem Sturm.‹«

»Ein bitteres Wort,« warf Tuberozow ein.

»Übrigens,« begann Tuganow von neuem, »meinte er, Euere Stadt mache ihm keine Sorgen. ›Ich habe dort zwei Popen,‹ bemerkte er, ›der eine ist klug und der andere fromm.‹«

»Der Kluge ist Vater Sawelij,« bestätigte Zacharia.

»Wieso meint Ihr, daß gerade Vater Sawelij der Kluge sei?«

»Weil … weil er weise ist,« erwiderte Zacharia verlegen.

»Und Vater Zacharia ist in die zweite Reihe gerückt,« fiel der Diakon ein.

Tuberozow sah mit einem mißbilligenden Kopfschütteln zu ihm hinüber.

Um seine Taktlosigkeit wieder gut zu machen, fuhr Achilla schnell fort:

»Seine Eminenz haben den Vater Zacharia fromm genannt, weil sich noch nie jemand über den Vater Zacharia beschwerte.«

»Ja, beschwert hat sich noch niemand,« seufzte Zacharia.

»Der Vater Sawelij aber ist ein unruhiger Kopf,« scherzte Tuganow.

Dieser Augenblick erschien dem Lehrer willkommen, und er warf schnell ein, die unruhigen Köpfe unter der Geistlichkeit seien die Denunzianten; das religiöse Gewissen aber müsse frei sein. Unvorsichtigerweise antwortete Tuganow darauf, Gewissensfreiheit sei allerdings notwendig und es sei sehr zu bedauern, daß man sie in Rußland noch nicht habe.

»Ja, und unsere arme Kirche wird deshalb von allen Seiten mit unverdienten Vorwürfen überschüttet,« fügte Tuberozow hinzu.

»Worüber habt Ihr Euch denn zu beklagen?« fiel ihm Prepotenskij lebhaft ins Wort.

»Wir beklagen uns über die Unduldsamkeit,« erwiderte Tuberozow trocken.

»Ihr leidet darunter ja nicht.«

»O doch. Bitter leiden wir. Ihr predigt laut und frei, den Glauben solle man abschaffen, und es geschieht euch nichts dafür. Wenn aber wir auch nur ganz leise sagen, es wäre besser, eure Lehren würden nicht überall verkündigt, so …«

»Ach – so meint Ihr das!« unterbrach ihn der Lehrer. »Ihr wollt gegen uns hetzen, damit man uns den Garaus macht.«

»Nein, Ihr wollt uns den Garaus machen.«

Prepotenskij wußte nicht, was er antworten sollte. Leugnen wollte er es nicht, fürchtete sich jedoch, es einfach zuzugeben. Tuganow half ihm aus der Schwierigkeit und erklärte, der Vater Propst sei nur ungehalten darüber, daß es Leute gebe, die es sich zur Aufgabe machten, schlichte Herzen um ihren Glauben zu bringen.

»Am meisten aber bekümmert mich, daß es ihnen gelingt, weil man ihnen Vorschub leistet.«

Prepotenskij lächelte.

»Es gelingt,« sagte er, »weil der Glaube ein Luxus ist, der dem Volk sehr teuer zu stehen kommt.«

»Wohl nicht teurer als der Suff,« sagte Tuganow kühl.

»Ja, aber die neuen Menschen,« – fing der Lehrer wieder an.

»Taugen nichts, und eben deshalb ist der Teufel los.«

»Weil die Spione ihnen ins Handwerk pfuschen.«

»Ach wo! Einfach Halunken sind es.«

»Halunken?«

»Jawohl. Immer noch, wenn es irgendwo eine Gärung gegeben hat, haben sich zu guter Letzt Halunken der Bewegung bemächtigt, weil sich im Trüben gut fischen läßt. Da hat man sich bei uns so lange mit diesen … Nihilisten – so heißen sie doch wohl – geplagt. Erst schlug sich die Regierung mit ihnen herum, Gesellschaft und Presse sind heute noch nicht mit ihnen fertig geworden, – Schluß mit ihnen machen werden aber die Halunken, die sich ihnen zum Schein anschließen, um ihnen später den Hals umzudrehen, und dann kommt die große Wendung der Dinge.«

Prepotenskij warf einen ängstlichen Blick auf die Biziukina. Es verwirrte ihn, daß Tuganow seine kühnen Tiraden so einfach in nichts auflöste, wie der Frühlingsnebel die Schneeflecken auf dem Felde verschlingt. Warnawa suchte Hilfe und wandte seine Blicke deshalb Termosesow zu, welcher aber nicht zu ihm hinüberschaute. Der Diakon Achilla, der schon lange vergeblich versuchte, dem Lehrer durch Zeichen zu verstehen zu geben, daß er schweigen solle, rief jetzt laut:

»Halt den Mund, Warnawa Wasiljewitsch, es ist langweilig!«

Der Lehrer geriet in Wut, besonders als auch Tuganow sich von ihm abgewandt hatte. Er wollte deshalb die Bombe zum Platzen bringen.


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