Drittes Kapitel.
Unterwegs redeten sie nicht viel, und immer nur war es der Zwerg, welcher anfing. Er wollte den Propst, der stumm mit den in alten Wildlederhandschuhen über den Knien gefalteten Händen dasaß, zerstreuen und erheitern. Nikolai Afanasjewitsch fing bald von diesem, bald von jenem an, Tuberozow jedoch schwieg oder gab nur ganz kurze Antworten. Der Kleine erzählte, wie die Gemeinde um den Propst geklagt und geweint hätte, wie die Postmeisterin ihren Mann verprügeln wollte und statt dessen den Lehrer verprügelt hätte, wie dieser, von der Biziukina verfolgt, aus der Stadt geflohen sei, aber der Alte schwieg und schwieg.
Nikolai Afanasjewitsch sprach von Tuberozows Hause: es werde baufällig und müsse repariert werden.
Seufzend meinte der Propst:
»Für mich ist das alles nur Staub, und es ekelt mich, daß ich mein Herz daran hängen konnte.«
Der Zwerg fing von Achilla an, der immer einen Zeitvertreib zu finden wisse: jetzt habe er z. B. ein Hündchen zu sich ins Haus genommen, das er noch blind am Flußufer ausgesetzt gefunden, und triebe immer neuen Spaß mit ihm.
»Mag er doch, wenn es ihm Vergnügen macht,« sagte der Propst leise.
Nikolai Afanasjewitsch fuhr lebhafter fort:
»Ja, und es passieren ganz seltsame Geschichten mit diesem Hündchen, Vater Propst. Er hat diesen Hund, wie schon seine früheren, lachen gelehrt, und wenn er zu ihm sagt: ›Lache, mein Hündchen‹ – dann zeigt es gleich die Zähnchen. Nun machte ihm aber der Gedanke Sorge, wie er das Tierchen nennen sollte.«
»Als ob es dem Vieh nicht ganz gleichgültig sei, wie man es nennt,« sagte der Propst scheinbar gelangweilt.
Aber der Zwerg hatte schon gemerkt, daß sein Gefährte den Geschichten vom Diakon Achilla mehr Teilnahme entgegenbrachte als seinen sonstigen Reden, und fuhr deshalb fort:
»Man sollte es meinen. Aber dem Vater Diakon ist es nicht gleichgültig. Er ist nun mal so ein Charakter: hat er sich was in den Kopf gesetzt, dann hat er auch keine Ruhe mehr bei Tag und Nacht. ›Ich habe‹, sagt er, ›dies Hündlein bei einer besondern Gelegenheit in sehr erregter Stimmung heimgebracht, und ich will, daß es zur Erinnerung an diesen Tag auch einen besondern Namen habe, einen Namen, wie er sonst nicht vorkommt.‹«
Der Propst lächelte.
»So kam Vater Achilla eines Tages zu mir nach Plodomasowo geritten, hielt auf seinem Rosse vor meinem und meines Schwesterleins Fenstern an und rief mit Donnerstimme: ›Nikolascha! Heda, Nikolascha!‹ Ich dachte: ›Herrgott, was ist denn da passiert?‹ schaute zum Fenster hinaus und fragte: ›Ist am Ende dem Vater Sawelij noch etwas Schlimmes widerfahren, Vater Diakon?‹ – ›Nein,‹ entgegnete er, ›nichts dergleichen, aber ich habe ein wichtiges Anliegen an dich, Nikolascha. Ich muß dich um Rat fragen.‹ – ›Um was handelt sich's denn?‹ rief ich hinunter. ›Macht schnell, wertester Herr, denn mir wird's kalt, wenn ich solange am offenen Fenster stehe. Ich vertrage das nicht.‹ – ›Du hast dich‹, sagte er, ›von klein auf in herrschaftlichen Häusern umgetan und mußt alle Hundenamen wissen.‹ – ›Da verlangt Ihr zu viel,‹ sagte ich. ›Ein jeder nennt seinen Hund so, wie's ihm paßt.‹ – ›Na also,‹ schrie er zurück, ›dann leg mal los!‹ – Ich antwortete, der Name richte sich doch meistens nach der Rasse. Die Windspiele nenne man ›Mylord‹, unsere einfachen Hunde ›Barbos‹, die englischen ›Fanny‹, die kurländischen ›Charlotte‹ … ›Aber‹, unterbrach mich der Vater Diakon, ›du sollst mir einen Namen nennen, der sonst nirgends vorkommt. Du mußt einen solchen wissen!‹ ›Herrgott, wie beruhige ich den Menschen nur?‹ dachte ich.«
»Nun, und was hast du schließlich gemacht?« fragte Tuberozow neugierig.
»Ich fror derart am offenen Fenster, daß ich, nur um ihn schneller loszuwerden, meinte: ›Ich kenne noch einen Hundenamen, werter Herr, aber ich habe nicht den Mut, ihn Euch zu sagen.‹ – ›Tut nichts,‹ schrie er, ›sag ihn ruhig!‹ – ›Ich kannte einen Herrn, dessen Hund hieß Wiesie.‹ Vater Achilla machte ein ganz verdutztes Gesicht. ›Was ist das für Unsinn, du bist wohl verrückt geworden?‹ – ›Nein,‹ sagte ich, ›verrückt bin ich nicht, ich weiß nur ganz genau, daß in Moskau ein Fürst einen Hund hatte, der hieß Wiesie.‹ Achilla Andrejewitsch geriet nun in fürchterliche Wut, gab seinem Pferd die Sporen, ritt hart an die Mauer heran und schrie: ›Wie darfst du alter schamloser Kerl solche Dinge reden? Weißt du nicht, daß ich einen christlichen Namen trage und daß ich ein Diener des Altars bin?‹ Mit Müh und Not konnte ich ihn beruhigen, Vater Propst, und ihm erklären, was es mit dem Wiesie für eine Bewandtnis hatte. Darauf schwang er sich auf sein Pferd, holte das Hündchen aus seinem Pelz,wo er es verborgen gehalten hatte, heraus und rief: ›Guten Tag, Wiesiechen!‹ Und sprengte fröhlich von dannen.«
»Das große Kind!« sagte Sawelij lächelnd.
»Ja, er muß immer spaßen.«
»Tadele ihn nicht. Das Kind muß sein Spielzeug haben, damit es nicht weint. Er hat eine schwere Last zu tragen. Rundherum liegt alles in tiefstem Schlaf und in ihm brennen tausend Leben.«
»Sehr richtig. Ich kann mir auch gar nicht denken, wie er einmal sterben wird.«
»Ich auch nicht,« meinte der Propst lächelnd. »Er ist die verkörperte Verneinung des Todes. Was aber wurde weiter aus dem Wiesie?«
»Ja, was meint Ihr wohl? Seinetwegen gab es noch Zank und Streit ohne Ende. Es konnte ja auch gar nicht anders sein. Der Vater Diakon hatte sich nämlich folgendes angewöhnt: Wenn er besonders große Sehnsucht nach Euch bekam, nahm er sein Wiesiechen auf den Arm und begab sich zur Poststation. Dort setzte er sich vor die Tür und wartete. Kaum zeigte sich nun ein vornehmer Reisender oder eine Dame, so sagte er gleich: ›Lache, mein Hündchen!‹ Und das kleine Vieh lachte. Das machte den Reisenden Spaß und sie fragten: ›Wie heißt denn das Hündchen, Herr Pfarrer?‹ Er antwortete: ›Ich bin kein Pfarrer, sondern bloß Diakon, meinen Pfarrer haben die Hunde gefressen.‹ ›Wie heißt denn aber das Hündchen?‹ fragten sie erneut. ›Das Hündchen, das heißt Wiesie.‹ Auf diese Weise geriet er mit allen in Streit. ›Ich will sie so alle ins Gesicht Hunde nennen,‹ sagte er, ›und der Friedensrichter kann mir doch nichts anhaben.‹ So nimmt er Rache für Euch, Vater Sawelij; aber was er eigentlich damit erreicht, das bedenkt er gar nicht. Dem Vater Zacharia ist es seinetwegen schon einmal schlimm ergangen:der Propst sah den Hund bei ihm und fragte, wie er hieße. ›Er heißt Wiesie, Hochwürden‹ – sagte Zacharia und zog sich einen ernsten Verweis zu.«
Sawelij lachte Tränen. »Dieser ehrliche Zacharia ist köstlich. Ein Gefäß Gottes und ein Beter, wie ich keinen zweiten gesehen. Ich sehne mich, ihn wieder zu umarmen.«
Von der Anhöhe, welche die Reisenden jetzt erreichten, ward plötzlich die ganze Stadt sichtbar, diese alte, eigentümliche Stadt, die für Tuberozow so viele Erinnerungen barg; sie überkamen den Alten mit einer solchen Macht, daß er sich zurücklehnen und die Augen schließen mußte, als hätte ihn zu grelles Sonnenlicht geblendet.
Sie ließen den Kutscher langsamer fahren, denn erst, wenn es dämmerte, wollten sie in der Stadt sein. Als sie im Halbdunkel mit dem eisernen Ring gegen das wohlbekannte Tor schlugen, ertönte von innen Achillas Stimme: »Wer da?« Tuberozow wischte sich eine Träne aus dem Auge und bekreuzigte sich.
»Wer denn sonst als ich und Vater Sawelij,« antwortete der Zwerg.
Der Diakon schrie laut auf, flog die Verandastufen herunter, öffnete das Tor weit, rollte wie eine Lawine in den Wagen hinein und umklammerte den Hals des Propstes.
So saßen beide umarmt im Wagen und schluchzten lange und bitterlich, während der Zwerg daneben stand und seine sanften, befreienden Tränen leise mit der kleinen, frosterstarrten Faust wegwischte.
Als der Diakon sich ausgeweint hatte, fing er an zu sprechen. Beinahe hätte er nach Natalia Nikolajewna gefragt, aber er besann sich noch im rechten Augenblick und gab dem Gespräch schnell eine andere Wendung, indem er dem Propst das Hündchen zeigte, das zu seinen Füßen spielte.
»Das ist mein neuer Hund, Vater Propst, mein Wiesiechen. Ein ganz famoses Vieh. Wir brauchen bloß zu befehlen, dann lacht er. Was sollen wir wegen unnützer Dinge Trübsal blasen!«
»Wegen unnützer Dinge!« klang es unerträglich schmerzvoll in Vater Sawelijs Herzen nach, aber er sprach die Worte nicht aus, sondern drückte nur des Diakons Hand, so fest er konnte.