Einundzwanzigstes Kapitel.
Die Nacht, welche diesem Abend im Hause Sawelijs folgte, erinnert uns an jene, da wir den Alten über seinem Tagebuche sahen: er war ebenso allein in seiner Stube, ging ebenso auf und ab, setzte sich ebenso hin, schrieb und sann nach, – aber sein Buch lag diesmal nicht vor ihm. Auf dem Tisch, an den er immer wieder herantrat, lag ein kleines doppelt gefaltetes Blättchen, und auf dieses Blättchen setzte er in winziger, aber doch deutlich lesbarer Schrift folgende fragmentarische Notizen:
»Gott, gib Dein Gericht dem Könige und Deine Gerechtigkeit des Königs Sohne.«
»Übliche Einleitung: meine gestrige Lage während des Gewitters. Der Rabe: wie er sich vor dem Unwetter in der mächtigen Eiche verbergen wollte und den Tod dort fand, wo er Rettung gesucht hatte.
Wie lehrreich mir das Beispiel dieses Raben scheint. Ist das Heil dort, wo wir es wähnen, die Not dort, wo wir sie fürchten?
Unser maßloses Grübeln, das die Vernunft zu seinem Sklaven macht. Die Gelehrsamkeit, welche die Möglichkeit einer Erkenntnis des bisher Unfaßbaren leugnet.
Die Unvollkommenheit und die Unsicherheit unseres Wissens von der Seele. Das mangelnde Verständnis für die Natur des Menschen und die daraus folgende leidenschaftsloseGleichgültigkeit gegen Gut und Böse und die falsche Beurteilung menschlicher Handlungen: Rechtfertigung des nicht zu Rechtfertigenden und Verurteilung des Lobenswerten. Verdient Moses, der den Ägypter schlug, vom verkehrten Standpunkt gewisser Liberaler, die das heiße Vaterlandsgefühl verwerfen, nicht Tadel? Verdient Judas der Verräter vom Standpunkt der ›blind im Gesetz Ruhenden‹ nicht Lob, da er doch ›das Gesetz eingehalten‹, als er seinen Meister verriet, den die Machthaber verfolgten? (Innozenz von Cherson und seine Auslegung.) Auch unsere Tage sind reich an Verführung: Vorwürfe gegen jene, die den Listen der heimlichen Feinde des Staates nicht gleichgültig gegenüberstehen können. Der große Verlust der Sorge um das Heil des Vaterlandes und als letztes Beispiel die Nachlässigkeit in der Erfüllung der Gebetspflichten an den großen Festtagen des Volkes, die zur bloßen Formalität geworden sind.
Auslegung der Worte: ›Gott, gib Dein Gericht dem Könige‹ in dem Sinne, ›daß wir ein geruhig und stilles Leben führen mögen‹ (St. Paulus). Welchen Wert hat ein solches Leben? Beispiel: Rehabeam nach Salomo, umringt von Freunden und Gespielen, die vor sein Antlitz treten und ihm arglistig vorstellen, daß die Last des Volkes erleichtern eine Erniedrigung seiner eigenen königlichen Würde bedeute, – und wie er infolge ihres Rates die Not Israels vergrößerte.
›Mein Vater hatte ein schweres Joch auf euch gelegt; ich aber will zu eurer Last noch zulegen‹ (1. Kön. 11, 12). Das Unglück, das dadurch entstand und die Teilung des Reiches.
Hieraus geht klar hervor, daß wir wünschen und beten müssen, daß das Herz des Herrschers sich in niemandes Händen befinde, es sei denn in den Händen Gottes.
Wir aber achten in unserer Sündhaftigkeit dieser Sorge nicht, und wenn ich an einem solchen Tage das Gotteshausnicht leer sehe, so weiß ich erst gar nicht, wie ich das deuten soll! Ich suche nach Gründen und sehe, daß sich dieses einzig durch die Angst vor meiner Drohung erklären läßt, und daraus schließe ich, daß alle diese Beter ungetreue und faule Knechte sind, und daß ihr Gebet kein Gebet ist, sondern ein Schacher, ein Schacher im Tempel, angesichts dessen unser Herr und Heiland Jesus Christus nicht nur in seinem göttlichen Geiste ergrimmte, sondern auch eine Geißel nahm und sie aus dem Tempel vertrieb.
Seinem göttlichen Beispiele folgend, tadle und verurteile ich diesen Gewissensschacher, den ich im Gotteshause vor mir sehe. Der Kirche ist das Gebet solcher Mietlinge ein Greuel. Vielleicht sollte auch ich eine Geißel ergreifen und die Krämer hinaustreiben, die sich heut in diesem Tempel breit machen, auf daß kein treues Herz Ärgernis nehme an ihrer Arglist … Doch mag mein Wort ihnen als Geißel dienen. Mag lieber das Gotteshaus leer stehen, mich soll das nicht irren: ich will auf meinem Haupte den Leib und das Blut meines Herrn in die Wüste tragen und vor den wilden Steinen im Meßgewande singen: ›Gott, gib Dein Gericht dem Könige und Deine Gerechtigkeit des Königs Sohne,‹ – auf daß Rußland in Ewigkeit erhalten bleibe, dem Du wohlgetan zu allen Zeiten!
Schlußwort: Laß, o Herr und Schöpfer, unser Land nicht zum Gespötte der Fremden werden, um der Arglist seiner gewissenlosen und ungetreuen Diener willen!«