Zehntes Kapitel.

Zehntes Kapitel.

Im Biziukinschen Hause ließ sich der neue Tag wenig freundlich an: die gnädige Frau vermißte ein kostbares Brillantenkollier, das sie gestern abend getragen hatte und das heute nirgends zu finden war. Die ganze Dienerschaft war auf den Beinen, und die Herrschaft ebenfalls. Man suchte das Verlorene in der Laube und im ganzen Hause, aber es war und blieb verschwunden.

Bornowolokow hatte mit der Revision angefangen, und auch Termosesow war ungeheuer beschäftigt. Zunächst nahm er aus seiner Photographiensammlung einige Bildnisse der kaiserlichen Familie, dann schrieb er einen Brief an einen Petersburger Freund, der in Wirklichkeit gar nicht vorhanden war. Er schilderte die Schönheit der Natur, die gelbrosa Färbung der Wolken, sprach von seiner Freundschaft mit Bornowolokow und seinen Aussichten auf eine glänzende Beamtenlaufbahn und auf eine Erbschaft im Gouvernement Samara. Zum Schluß entwarf er eine flüchtige Skizze der gestrigen Gesellschaft, wobei er die Stargoroder Herrschaften schonungslos kritisierte und nur hinsichtlich der Postmeisterin eine Ausnahme machte. »Diese Frau,« schrieb er, »ist es durchaus wert, daß man etwas bei ihr verweilt. Stelle dir vor, ich spüre hier so etwas wie Schicksalsgewalt; ich sah sie und wurde sofort von einer Art Sohnesgefühl zu ihr erfaßt. Ich sag' dir, wenn es ihr einfallen würde, mich auspeitschenzu lassen, ich würde ihr dankbar die Hand küssen. Doch – ich weiß selber noch nicht, wie das enden wird, denn sie hat zwei Töchter. Die eine ist ganz die Mutter, die andere verspricht ebenfalls so schön zu werden. Wer vermöchte zu sagen, Freund, warum das unerforschliche Geschick mich der Familie dieser hochgeachteten Frau zugeführt hat? Vielleicht werde auch ich demnächst singen müssen: ›O goldne Freiheit, lebe wohl!‹«

Nachdem Termosesow den Brief an einen Herrn Nikolai Iwanowitsch Iwanow adressiert hatte, preßte er das versiegelte Kuvert zwischen zwei Fingern fest zusammen, überzeugte sich, daß man auf diese Weise seine ganze Charakteristik der Frau Postmeisterin durchlesen konnte, räusperte sich und sagte: »Na, nun wollen wir mal sehen, ob Prepotenskij gestern die Wahrheit gesagt hat, daß sie die Briefe aufmacht! Tut sie das, so bin ich fein heraus.«

Er nahm den Brief und die Bilder und begab sich auf das Postamt. Außer diesem Brief hatte er noch ein Schriftstück in der Tasche, das er in derselben frühen Morgenstunde abgefaßt hatte, als er die Aufforderung an Tuberozow schickte. Es lautete folgendermaßen:

»Das Komplott der demokratischen Sozialisten, die sich hinter der Larve des Patriotismus verbergen, macht sich überall bemerkbar. Hier setzt es sich aus äußerst verschiedenartigen Elementen zusammen, und das Schädlichste dabei ist, daß die Geistlichkeit bereits in hohem Maße daran beteiligt ist – was äußerst gefährlich ist, da sie dem Volke sehr nahesteht. Die Resultate der traurigen liberalen Duldsamkeit treten hier besonders kraß und zahlreich zutage.

Der Stargoroder Propst Sawelij Tuberozow, der schon mehr als einmal die Aufmerksamkeit der Behörden durch seinen wilden und frechen Charakter und durch seine schlechteGesinnung auf sich gelenkt hat, wurde bereits mehrmals für sein unzulässiges Betragen gemaßregelt, ohne daß es auf ihn Eindruck gemacht zu haben scheint, denn er ist von revolutionären Tendenzen ganz durchdrungen.

Ich wage es nicht zu entscheiden, wieweit er den Absichten der Regierung Schaden bringen könne, allein nach meiner Ansicht ist dieser Schaden unermeßlich groß. Der Propst Tuberozow genießt hohes Ansehen in der ganzen Stadt, und ist ein Mann von großem Verstande und von einer Kühnheit, die dank der jahrelangen Nachsicht seiner Vorgesetzten heute vor nichts mehr zurückschreckt. Alles, was ein Mensch wie er tut, sollte von Rechts wegen unter strengster Kontrolle stehen. Er jedoch redet was er will, ohne sich den geringsten Zwang anzutun, und genießt dabei noch das Vorrecht, öffentlich in der Kirche sprechen zu dürfen.

Dieses geistliche, dem Volke so nahestehende Element scheint aber auch noch mit dem flachen Lande, d. h. mit dem grundbesitzenden Adel Fühlung zu suchen. So genießt dieser verdächtige Propst Tuberozow anscheinend die Gunst und den Schutz des Adelsmarschalls Tuganow, dessen Persönlichkeit und Anschauungen Ihnen ja wohlbekannt sind. Herr Tuganow, der hier an einer Abendgesellschaft im Hause des Polizeichefs teilnahm, meinte u. a.: ›man lasse die Sonne nicht auf die Erde scheinen‹ – wobei unter der ›Sonne‹ zweifellos der Monarch zu verstehen ist, und unter der ›Erde‹ das Volk. Wer aber sich vor die Sonne stellt, ist nicht schwer zu erraten. Ja, er hat es sogar selbst klar ausgesprochen, als er dann noch bemerkte, er sei ein Mann der Scholle, der Gouverneur dagegen nur ›ein Kalif für eine Stunde‹. Als ein hiesiger Lehrer, Prepotenskij, ein ganz dummer, aber politisch durchaus unbescholtener Mensch, ihm sagte, wir alle könnten nicht sagen, wie und von wem Rußland regiertwerde, antwortete er mit zynischer Frechheit: ›Ich halte mich in diesem Falle an die Worte des Grafen Panin aus der Zeit Katharinas, der zu sagen pflegte, Rußland werde durch die Gnade Gottes und die Dummheit des Volkes regiert.‹ Auf all das habe ich die Ehre, Eure Exzellenz aufmerksam zu machen und halte es für meine Pflicht, vor Eurer Exzellenz die unschätzbaren Dienste des mich begleitenden Kanzleibeamten Ismail Petrowitsch Termosesow nachdrücklich zu betonen. Seiner feinen Beobachtungsgabe, sowie seiner Fähigkeit, in alle Schichten der Gesellschaft einzudringen, verdanke ich eine Menge wertvoller Informationen, und ich wage es, den Gedanken auszusprechen, daß, wenn die Obrigkeit diesem begabten Manne einen selbständigen Beobachtungsposten anvertrauen wollte, er dem Staate von unermeßlichem Nutzen sein könnte.«

Dieses Blatt in der Tasche ging Termosesow seines Weges und fragte sich: »Wird diese Kanaille von Bornowolokow das wohl unterschreiben? Ach was, – wenn man ihn nur ordentlich drückt, unterschreibt er alles.«


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