Sechstes Kapitel.

Sechstes Kapitel.

Wir müssen nun, unter dem Zwange der Verhältnisse, welche den Gang unserer Chronik bedingen, den Stargoroder Propst für einige Zeit verlassen, um die Bekanntschaft eines ganz anderen Kreises derselben Stadt zu machen. Wir treten in das Haus des Akzisebeamten Biziukin, in dem die längst erwarteten Petersburger Gäste soeben eingetroffen sind: der Fürst Bornowolokow, ein alter Studiengenosse des Akziseeinnehmers, welcher irgend etwas revidieren oder einführen soll, und sein Sekretär Termosesow, ebenfalls ein alter Bekannter und Gesinnungsgenosse Biziukins. Es ist vormittags und der Postwagen, welcher die Gäste nach Stargorod gebracht hat, macht eben vor dem Hause Halt.

Biziukin selbst war nicht zu Hause, und so mußte ihn seine Gattin vertreten. Diese interessante Frau, die sich viel mit Politik beschäftigte, sah dem Besuche des Gastes nicht ohne innere Bewegung entgegen. Sie wollte sich ihm von ihrer besten und vorteilhaftesten Seite zeigen, und war vom frühen Morgen darauf bedacht, daß ihr Haus den besten Eindruck auf die Ankommenden mache. In aller Frühe prüfte sie sämtliche Gemächer und fand, daß eigentlich nichts ihrem Wunsche entsprach. In der Mitte des reinlichen, freundlich möblierten Wohnzimmers blieb sie stehen und dachte verzweifelt:

»Nein, das ist zum Tollwerden! Hier sieht es ja genau so aus, wie bei Porochontzews oder bei Darjanows oder beim Postmeister, – mit einem Wort, wie überall, vielleicht etwas besser. Die Uhr auf dem Kamin, diese Armleuchter, und da steht das Klavier … Nein, das darf unmöglich so bleiben, um dieser Kleinigkeiten willen will ich nicht die Verachtung der modernen Männer auf mich laden. Ich weiß, wie man moderne Männer der Tat aufnimmt! Ja, aber, wo soll ich hin mit all dem Kram? Soll ich alles hinauswerfen? Das wäre doch zu schade. Die Sachen werden verderben, sie haben Geld gekostet. Und was nützt es, sie hinauszuwerfen, wenn ringsherum … Im Schlafzimmer zum Beispiel die Spitzengardinen … Na ja, ins Schlafzimmer werden die Gäste ja nicht hineinschauen … Ich bringe nur meines Mannes Zimmer in Ordnung!«

Und damit rief die junge Beamtenfrau ihre Dienstboten und ließ sie sofort alles ihrer Meinung nach Überflüssige aus dem Arbeitszimmer ihres Gatten auf den Speicher bringen, so daß nichts weiter übrigblieb als ein Tisch, ein Stuhl und zwei Sofas.

»Ausgezeichnet,« dachte die Biziukina. »Wenigstens ein Zimmer im Hause, das anständig aussieht.«

Sie machte noch zwei große Tintenflecke auf den Schreibtisch und stieß den Spucknapf in der Ecke um, so daß der Sand sich über den Fußboden streute. Aber o Himmel, als sie wieder in den Saal zurückkehrte, bemerkte sie, daß sie das Allerärgste fast übersehen hätte: an der Wand hing ein Heiligenbild!

»Jermoschka! Jermoschka! Schaff sofort dies Heiligenbild hinaus … ich will es in die Kommode legen!«

Das Bild wurde fortgeschafft und die besorgte Hausfrau begab sich in ihr Boudoir, öffnete einen großen Nußbaumschrank,wählte aus ihrer reichhaltigen Garderobe die allerschlechtesten Stücke, rief ihr Dienstmädchen und ließ sich ankleiden.

»Marfa, du liebst die Herrschaften wohl gar nicht?«

»Warum sollte ich sie nicht lieben?«

»Warum solltest du nicht? Nun so, ganz einfach! Wofür sollst du sie denn lieben?«

Das Mädchen wußte nicht, was es antworten sollte.

»Was haben sie dir denn Gutes getan?«

»Gutes, nichts, gnädige Frau.«

»Nun, du dumme Person, dann kannst du sie auch nicht lieben, und in Zukunft bitt' ich dich, die dummen Redensarten ›zu Befehl‹ und ›gnädige Frau‹ und so weiter gefälligst zu lassen. Sag einfach ›ja‹ und ›nein‹ und ›was‹ und ›warum‹. Verstanden?«

»Zu Befehl.«

»Zu Befehl!? Kannst du nicht einfach ›ja‹ sagen?«

»Warum denn, gnädige Frau?«

»Weil ich es so wünsche.«

»Zu Befehl.«

»Schon wieder? Ich hab' dir doch eben erst befohlen: einfach ›ja‹ und ›nein‹ zu sagen.«

»Ja. Aber es wird mir sehr schwer, gnädige Frau.«

»Schwer? Um so leichter wird dir's später werden. Alle werden einmal so sprechen. Hörst du?«

»Zu Befehl.«

»Zu Befehl! Pack dich, dumme Gans! Ich schmeiß dich raus, wenn du mir noch einmal so antwortest. Einfach ›ja‹ – und mehr nicht. Bald wird es überhaupt keine Herrschaften mehr geben; verstehst du? Überhaupt keine mehr! Sie werden bald alle … in Stücke gehackt. Verstanden?«

»Ja,« sagte das Mädchen, um sie irgendwie loszuwerden.

»Jetzt geh und schick mir den Jermoschka her.«

»Nun ist aber noch etwas unbedingt nötig. Ich muß eine Schule hier haben.« Und Madame Biziukina gab ihrem Jermoschka zehn kupferne Fünfkopekenstücke und befahl ihm, möglichst viele Straßenjungen herbeizuschaffen. Er sollte jedem von ihnen sagen, daß er von ihr noch einen zweiten Fünfer bekommen würde.

Nach zehn Minuten kehrte Jermoschka in Begleitung einer ganzen Horde zerlumpter Gassenbuben zurück.

Die Biziukina gab jedem fünf Kopeken, ließ sie im Kabinett ihres Mannes Platz nehmen und sagte zu ihnen:

»Jetzt werde ich euch unterrichten und dafür kriegt jeder noch einen Fünfer. Ist's euch recht so?«

Die Jungen rümpften die Nase:

»Na ja, warum nicht?«

»Wir verstehen doch nicht, aus Büchern zu lesen,« sagte einer von den Klügeren.

»Ich will euch ein Lied lehren, da braucht ihr keine Bücher.«

»Na, wenn's ein Lied sein soll, ist's uns recht.«

»Jermoschka, setze dich auch dazu.«

Jermoschka setzte sich und hielt verlegen die Hand vor den Mund.

»Also jetzt singt ihr alle mit.«

»Aus der Schmiede kommt der junge Schmied.«

»Aus der Schmiede kommt der junge Schmied.«

Die Buben sangen nach, so gut sie konnten.

»Heil!« sang Madame Biziukina vor.

»Heil!« wiederholten die Kinder.

»Und drei scharfe Messer trägt er unterm Rock! Heil!«

»Und drei scharfe Messer trägt er unterm Rock! Heil!«

In diesem Ausblick hob Jermoschka den Kopf, sah aus dem Fenster und rief:

»Es kommt Besuch, gnädige Frau!«

Die Biziukina ließ das Lineal fallen, mit dem sie den Takt geschlagen hatte und stürzte in den Saal.


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