Sechstes Kapitel.

Sechstes Kapitel.

Kaum hatte man sich von der Postmeisterin verabschiedet, so erklärte Termosesow, es müßten unbedingt alle noch einen Augenblick mit ihm bei der Biziukina vorsprechen.

»Du gestattest es doch?« fragte er, halb zu ihr gewendet.

Es schien ihr nicht sehr angenehm, aber sie sagte trotzdem ja.

»Irgendein Gesöff wird sich bei dir wohl finden?«

Daria Nikolajewna wurde verlegen. Gerade heute hatte sie vergessen, Wein holen zu lassen, und erinnerte sich auch, daß man heute mittag die letzte Flasche Xeres so gut wie leer getrunken hatte. Termosesow bemerkte ihre Verlegenheit und sagte:

»Na, Bier wird es doch wenigstens geben?«

»Bier ist da.«

»Das wußte ich. Bier haben die von der Akzise immer. Hast du auch Meth?«

»Ja.«

»Das ist ja famos! Nun, meine Herrschaften, wir haben Bier und Meth, und da braue ich euch ein Blachdnublach zusammen, daß ihr …« Termosesow küßte seine Finger und beschloß: »daß ihr zum Schluß die eigene Zunge mit verschlucken sollt.«

»Was ist das für ein Blech und Blech?« fragte Achilla.

»Nicht Blech und Blech, sondern Blachdnublach – ein Getränk aus Bier und Meth. Vorwärts!« Und er zog Achilla am Ärmel.

»Warte doch,« widersetzte sich der Diakon. »Was ist denn das für ein Blech und Blech? Bei Begräbnissen trinkt man es und nennt es ›Biermeth‹.«

»Ich sage dir aber, es ist kein Biermeth, sondern Blachdnublach. Vorwärts!«

»Nein, warte!« protestierte der Diakon wieder. »Ich kenne diesen Biermeth … Eins, zwei, drei, liegt man da wie ein Klotz. Ich trink' das Zeug nicht.«

»Ich sag' dir doch, es gibt Blachdnublach und nicht Biermeth!«

»Und doch sollten wir's heut nicht mehr trinken,« antwortete der Diakon. »Sonst gibt's morgen einen wüsten Brummschädel.«

Prepotenskij war derselben Ansicht, aber keiner von beiden besaß Charakterfestigkeit genug, seine Meinung durchzusetzen, und so blieb Termosesow schließlich Sieger und schleppte sie in die Wohnung der Biziukina. Sein Plan war, das Gesöff in der Laube einzunehmen, und so wurden alsbald eine Unmenge Bier- und Methflaschen nebst dem dazu gehörigen Imbiß dorthin gebracht, und Termosesow begann sofort mit der Bereitung des Blachdnublach.

Warnawa Prepotenskij hatte sich neben Termosesow gesetzt. Der Lehrer wollte den Gast sofort zur Rede stellen, weshalb er vor Tuganow so gekatzbuckelt und ihn bei seinen Angriffen gegen ihn, Warnawa, unterstützt hatte.

Aber zum größten Erstaunen Prepotenskijs schien Termosesow nicht die geringste Lust zu haben, mit ihm zu plaudern, denn statt der erwarteten freundlichen Antwort kam es schroff und ungeduldig von seinen Lippen:

»Wir sind alle gleich: Kleinbürger, Adel und niederes Volk. Lassen Sie mich mit Ihrer Politik in Frieden, ich will jetzt trinken.«

»Aber Sie müssen doch zugeben, daß Leute mit Besinarmildung etwas Besseres sind, als …« stammelte Warnawa verwirrt.

»Da haben wir's!« unterbrach ihn Termosesow. »Erst das liebste Hühnerauge, und jetzt die Besinarmildung! Der richtige Cicero!«

»Das passiert ihm oft, wenn er aufgeregt ist. Er will ein Wort sagen und es kommt ein anderes heraus,« trat Achilla für Prepotenskij ein und erzählte, wie der Lehrer infolge dieses Defekts einmal beinahe um den Verkehr in einem sehr feinen Hause gekommen wäre. »Er hatte zu der Wirtin sagen wollen: ›Matrona Iwanowna, darf ich noch um ein Zitronenscheibchen bitten?‹ – und sagte statt dessen: ›Zitrona Iwanowna, bitte noch ein Matronenscheibchen!‹ was die Dame natürlich als Beleidigung auffaßte.«

Termosesow wollte sich ausschütten vor Lachen, faßte aber plötzlich Warnawas Hand, beugte sich zu ihm herab und flüsterte ihm ins Ohr:

»Geh sofort und schreib mir auf, was die Pfaffen und Edelleute heut geredet haben. Ich meine das von der Gewissensfreiheit und der Unduldsamkeit … Mit einem Wort: alles, alles …«

»Wozu denn?« fragte der Lehrer erstaunt.

»Das geht dich nichts an. Geh nur und schreib's auf. Du wirst später schon sehen, wozu. Wir unterschreiben es und schicken es an die richtige Adresse.«

»Was? Was wollen Sie tun?« rief Prepotenskij laut und fuchtelte erregt mit den Armen. »Eine Denunziation! Um nichts in der Welt!«

»Aber du haßt sie doch!«

»Nun und?«

»So schneid ihnen doch die Kehle durch, wenn du sie haßt.«

»Ja gewiß, schneiden will ich schon, aber ich bin kein Lump, der eine Denunziation …«

»Dann raus mit dir!« unterbrach ihn Termosesow und stieß ihn gegen die Tür.

»Aha! Raus?! So hab' ich Sie doch richtig erkannt! Sie halten's mit Achilla!«

»Raus, sage ich!«

»Ja, ja! Erst fordert Ihr mich zum Blachdnublach auf und dann …«

»Da hast du dein Blachdnublach!« antwortete Termosesow und gab dem Lehrer einen kräftigen Stoß in den Nacken, so daß er zur Tür hinausflog. Dann schob er den Riegel vor.

Achilla, der diesen Auftritt mit angesehen hatte, stand verwirrt auf und nahm seinen Hut.

»Wo willst du hin?« fragte Termosesow, sich wieder an den Tisch setzend.

»Ich bitte um Entschuldigung, ich muß nach Hause.«

»Trink doch erst dein Blachdnublach aus.«

»Nein, mag es zum Teufel gehn, ich will nicht mehr. Leben Sie wohl. Ich habe die Ehre.«

Er reichte Termosesow die Hand. Dieser nahm sie aber nicht, sondern riß dem Diakon den Hut fort, warf ihn unter seinen Stuhl und befahl:

»Setz dich!«

»Ich will nicht,« erwiderte Achilla.

»Setz dich, sag' ich dir!« schrie Termosesow noch lauter und riß ihn so heftig am Arm, daß er auf die Bank niederfiel.

»Willst du Pfarrer werden?«

»Nein.«

»Warum nicht?«

»Weil ich dessen weder wert noch fähig bin.«

»Aber der Propst kränkt dich doch?«

»Nein, das tut er nicht.«

»Er soll dir doch mal einen Stock weggenommen haben.«

»Was ist denn dabei?«

»Und einen Dummkopf hat er dich genannt?«

»Ich weiß nicht, vielleicht hat er mich auch mal so genannt.«

»Wollen wir ihn für seine heutigen Reden denunzieren?«

»Wa–a–a–as?«

»Das!!«

Termosesow bückte sich, holte Achillas Hut unter dem Stuhl hervor und warf ihn vor die Schwelle.

»Du bist eine Petersburger Kanaille,« sagte der Diakon und bückte sich nach dem Hute. In diesem Augenblick aber traf ihn ein dröhnender Schlag in den Nacken und er lag mit der Nase im Sande des Gartenweges, wohin ihm sein Hut alsbald nachgeflogen kam und wo ein paar Schritte weiter auch der Lehrer hockte. Der Diakon begriff erst gar nicht, wie das gekommen war, aber als er Termosesow in der Tür stehen und ihm mit einem Spaten drohen sah, wurde es ihm klar, warum der Schlag so schwer gewesen war und eine so breite Fläche getroffen hatte. Er sagte:

»Das nennt sich also Blachdnublach. Danke für freundliche Belehrung.«

Hierauf wandte er sich zum Lehrer:

»Nun? Gehen wir heim, lieber Freund?«

»Ich kann nicht,« sagte Warnawa.

»Warum nicht?«

»Ich bin voll blauer Flecke und der Wopf tut mir keh.«

»Laß den Wopf nur keh tun, das geht vorüber. Komm nach Hause. Ich begleite dich.« Und mitleidig half der Diakon dem Lehrer auf und führte ihn zum Gartentor hinaus.


Back to IndexNext