Siebentes Kapitel.

Siebentes Kapitel.

Aufs äußerste erregt und verstört kam der Propst heim. Da das Fest beim Polizeichef so lange dauerte, hatte die daheimgebliebene Natalia Nikolajewna, wider ihre sonstige Gewohnheit, die Heimkehr ihres Gatten nicht abgewartet und sich zu Bett gelegt, die Tür nach ihrem Schlafzimmer aber offen gelassen. Sie wollte durchaus aufwachen, wenn ihr Mann zurückkehrte.

Tuberozow wußte, was die offene Türe zu bedeuten hatte und rief beim Eintreten seine Frau beim Namen. Sie erwachte und erwiderte seinen Gruß.

»Du schläfst nicht?«

»Nein, Liebster, Sawelij Jefimytsch, ich schlafe nicht.«

»Das ist gut, ich möchte mit dir reden.«

Der Alte setzte sich auf den Bettrand und erzählte seiner Gattin das Gespräch mit dem Adelsmarschall und beklagte sich, wie gleichgültig alle sich zu der immer mehr in Rußland aufkommenden Anschauung verhalten, daß sich ein gebildeter Mensch des Glaubens schämen müsse. Er drückte ihr seine Befürchtungen aus, daß die guten Sitten und die hohen Ideale in Verfall geraten könnten, ja müßten.

Natalia Nikolajewna unterbrach ihn mit keiner Silbe, denn er sprach mit einem Freimut, wie er ihn sonst nirgendwo hätte zum Ausdruck bringen dürfen.

»Und denke dir, Natascha!« schloß er, als er bemerkte, daß der Morgen graute und sein Kanarienvögelchen, eben erwacht, den Schnabel zu wetzen begann. »Denke dir, meine liebe Alte, daß er, der Tuganow, keines meiner Worte widerlegen konnte, daß er mir in allem recht gab, daß er selbst zugestand, wir stünden, wie die selige Marfa Andrejewna mal sagte, gleich Schnepfen im Sumpf. Der Schwanz ist zu lang und der Schnabel ist zu lang, und so wackeln wir hin und her: ziehen wir den Schnabel heraus, bleibt der Schwanz stecken; ziehen wir den Schwanz heraus, steckt der Schnabel im Sumpf. Das alles gab er zu, aber von der seelischen Erregung, die man in einer solchen Lage doch empfinden müßte, ließ er nichts merken … O diese entsetzliche Gleichgültigkeit!«

Natalia Nikolajewna schwieg.

»Zu guter Letzt nannte er mich noch einen Maniak! Sage bitte selbst, wieso und warum verdiene ich diesen Namen?« Sawelij dämpfte die Stimme. »Mich nennt er einen Maniak, und er selbst sagt … Ich meinte: alles, worauf ich hingewiesen hätte, seien vielleicht Kleinigkeiten, aber trotzdem so bezeichnend für den in unserer Gesellschaft herrschenden Geist, und wenn wir jetzt mit diesen Kleinigkeiten nicht fertig würden, wie sollen es unsere Machthaber werden, nachdem alles erst mal großgewachsen ist! Er antwortete mir in seinem mir so verhaßten spöttischen Tone, den wir Russen so gern anschlagen, mit einer Anekdote, die sehr gut paßte und die ich aus Rücksicht auf mein Amt nur dir allein erzählen kann: Ein Offizier kam einst in ein Quartier, wo er im Nebenzimmer ein wunderschönes Mädchen entdeckte. Er war von ihr so entzückt, daß er, wie das im Regiment Brauch ist, seinen Burschen rief und ihn fragte: ›Wie könnte ich wohl die Bekanntschaft dieser Schönen machen?‹ Der Bursche überlegte,und da er im Begriff war, Kohlen in den Samowar zu legen, rief er plötzlich: ›Hier riecht's nach Rauch!‹ Der Offizier sprang auf und stürzte in das Zimmer seiner Nachbarin: ›Meine Gnädige, hier bei Ihnen riecht es nach Rauch. Ich komme, Sie und Ihre Schönheit aus dem Feuer zu retten!‹ Auf diese Weise machte er die gewünschte Bekanntschaft. Der Bursche aber erhielt ein Geldgeschenk und einen Schnaps. Als der Frauenjäger nach einiger Zeit in ein neues Quartier kam, wo er ebenfalls eine schöne Dame entdeckte, jedoch nicht nebenan, sondern im gegenüberliegenden Hause, – sagte er wieder zu seinem Burschen: ›Verhilf mir zu ihrer Bekanntschaft!‹ Der aber wußte nichts anderes zu antworten, als sein altes ›Hier riecht's nach Rauch!‹ Da erkannte der Offizier, daß er sich zu Unrecht auf den Verstand seines Helfershelfers verlassen hatte und die erwünschte Bekanntschaft durch ihn nicht machen konnte. Jetzt merke, was das für ein Gleichnis ergibt: bei uns geziemt es sich für einen aufgeklärten Mann, daß er ungläubig sei, seines Vaterlandes spotte, die Menschen verachte, die Heiligkeit der Familienbande nicht gelten lasse, in seinen Mitteln nicht wählerisch sei; jene Schöne jedoch, die äußere Zivilisation, haben wir leicht gewonnen; allein jetzt gilt es, eine andere Schöne kennen zu lernen, jetzt, wo wir geistige Selbständigkeit zeigen sollen, … aber da sitzt die Schöne drüben am Fenster, und die Frage ist, wie kriegen wir sie? Da sehnen wir uns wohl und seufzen: ›Ach, wie könnten wir am leichtesten ihre Bekanntschaft machen?‹ Aber der ungeschickte Bursche weiß darauf nichts zu sagen, als: ›Hier riecht's nach Rauch!‹ Doch was nützt es uns, wenn es nach Rauch riecht?«

»Ja,« sagte Natalia Nikolajewna und seufzte.

»Das ist es eben! Begreifst du es auch? Wer ist denn nun der Maniak? Ich, der ich alles klar sehe und mich deswegenbeunruhige, oder jene, denen es ebenso klar ist, die sich aber den Kopf nicht weiter darüber zerbrechen: ›Wir kommen noch so durch, und hinterher mag's gehn, wie es will!‹ Heißt das nicht: ›Hier riecht's nach Rauch!‹ Nicht wahr, meine Liebe?«

»Ja, Liebster, das Mädel stellt wohl den Samowar auf,« sagte Natalia Nikolajewna mit schläfriger Stimme.

Da begriff Tuberozow, daß er die ganze Zeit in die Luft gesprochen hatte, die keine Ohren für ihn hatte, und er senkte lächelnd sein weißhaariges Haupt.

Er gedachte der Worte, die einst die verstorbene Bojarin Marfa Plodomasowa zu ihm gesprochen: »Und bist du denn nicht einsam? Was sagt denn das, daß du eine gute Frau hast, die dich liebt? Was dich quält, wird sie doch nicht verstehen. Und so ist jeder, der weiter sieht als sein Bruder, einsam inmitten der Seinigen.«

»Ja, einsam, unsagbar einsam!« flüsterte der Alte. »Und es ist am stärksten zu fühlen, wenn man am innigsten verlangt, es nicht zu sein; denn … mag ich nun ein Maniak sein oder nicht … ich habe beschlossen, das nicht länger zu dulden, und was ich beschlossen, das vollbringe ich auch.« Leise stand der Alte vom Bette auf, um die Schlafende nicht zu stören, segnete sie mit dem Zeichen des Kreuzes, stopfte dann seine Pfeife und ging in den Hof hinaus, um sich vor dem Hause niederzusetzen.


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