Sechstes Kapitel.

Sechstes Kapitel.

Das Fest sollte jetzt seinen Höhepunkt erreichen.

Kaum hatten alle Platz genommen, so sprang auch schon der Hauptmann Powerdownia wieder auf und apostrophierte die Petersburger Dame folgendermaßen:

»Die uns gesandt ein gütiger Himmel,Du Holde, Schöne!Dich grüßen aus dem irdischen GewimmelMeiner Leier Töne!Steig hernieder zu uns aus des Äthers BläueUnd laß dich's nicht verdrießenVon dieses Festes Gaben zu genießen,Die wir dir spenden in Begeisterung und Treue!«

»Die uns gesandt ein gütiger Himmel,Du Holde, Schöne!Dich grüßen aus dem irdischen GewimmelMeiner Leier Töne!Steig hernieder zu uns aus des Äthers BläueUnd laß dich's nicht verdrießenVon dieses Festes Gaben zu genießen,Die wir dir spenden in Begeisterung und Treue!«

Die Aristokratin aus dem Geschlecht der Branntweinpächter hörte dem Dichter mit lieblichem Erröten zu und empfing aus seinen Händen ein Blättchen, auf dem, nicht ganz orthographisch, aber mit kunstreichen Schnörkeln, das Gedicht verewigt war.

Die Hausfrau war entzückt, aber die Gäste waren sowohl über das Gedicht, als auch über die Wahl des Augenblicks für seinen Vortrag sehr verschiedener Meinung.

Doch wie dem auch sei, die ganze Gesellschaft wurde ungemein lustig, was der Postmeisterin gar nicht recht paßte. Man redete so laut und lebhaft durcheinander, daß es derHausfrau unmöglich wurde, eine etwa eintretende Pause zu benutzen, um an den verbannten Propst zu erinnern. Die Petersburgerin schien sich übrigens sehr gut zu unterhalten. Sie wisse gar nicht, meinte sie zur Postmeisterin, wie sie ihr danken solle für das Vergnügen, das ihre Gäste ihr verschafft, und wenn ihr etwas leid tue, so sei es nur der Umstand, den Diakon und den Hauptmann Powerdownia erst so spät kennen gelernt zu haben. Als Powerdownia dieses Urteil hörte, sprang er auf und machte der Dame eine tiefe Verbeugung. Auch der Diakon nahm das Lob nicht gleichgültig hin: er gab Prepotenskij einen Rippenstoß und sagte:

»Siehst du wohl, du Schafskopf, wie hoch man uns schätzt! Von dir sagt keiner was.«

»Selber Schafskopf!« erwiderte der geärgerte Lehrer ebenso leise.

Powerdownia sann einen Augenblick nach, dann packte er den Diakon fest am Arm, stand mit ihm zusammen auf und sagte in beider Namen:

»Wir wollen heilig dein Gedächtnis ehren,Und sollten Jahre vorübergehen.O lichter Geist, laß dich erflehen:Woll unserer Bitte Erhörung gewähren!«

»Wir wollen heilig dein Gedächtnis ehren,Und sollten Jahre vorübergehen.O lichter Geist, laß dich erflehen:Woll unserer Bitte Erhörung gewähren!«

Hierauf setzten sie sich wieder unter donnerndem Applaus.

»Siehst du wohl? Und du weißt wieder nichts zu sagen,« wandte sich Achilla vorwurfsvoll an den Lehrer. Powerdownia aber war schon wieder aufgesprungen und redete die Hausfrau also an:

»Du bist genannt MatronaUnd aller Frauen Krona!Hurra!«

»Du bist genannt MatronaUnd aller Frauen Krona!Hurra!«

»O dieser Hauptmann! Er ist die Seele der Gesellschaft,« meinte die Postmeisterin geschmeichelt.

»Und du bringst immer noch nichts fertig,« ließ der Diakon dem Warnawa keine Ruhe.

»Wollen wir alle Verse deklamieren!«

»Ja, alle! Der Polizeichef muß anfangen!«

»Warum nicht? Ich will's gerne versuchen!« sagte der Polizeichef. »Ganz ungeniert: wer nichts weiß, braucht nicht mitzumachen.«

»Anfangen! Fix, Herr Rittmeister! Was soll das? Anfangen!«

Der Rittmeister Porochontzew stand auf, hob sein Glas bis zur Höhe seines Gesichtes, sah durch den Wein gegen das Licht und fing an:

»Als der Despot entsagte seinem Thron,Um so durch abgefeimte LügenSein Opfer, Rußland, in den Schlaf zu wiegen,Und es alsdann noch schlimmer zu bedrohn, –Da ließ die Freiheit ihre Stimm' erschallen,Und hätte Rußland drauf gehört,Ihm wär' ein neuer Tag beschert,Die Fesseln wären abgefallen.Doch gleich dem Diebe, den der Morgen schreckt,Hast schmählich du dich vor dem Freund versteckt!Der rief: Der Juden Greueltaten,Der schnöde Abfall der Uniaten,Und alle Sünden der Sarmaten, –Es komme alles auf mein Haupt,Ich trag' es ohne viel Bedenken,Könnt' ich dem Volk der Russen wieder schenkenDie Freiheit, die man ihm geraubt!Hurra!«

»Als der Despot entsagte seinem Thron,Um so durch abgefeimte LügenSein Opfer, Rußland, in den Schlaf zu wiegen,Und es alsdann noch schlimmer zu bedrohn, –Da ließ die Freiheit ihre Stimm' erschallen,Und hätte Rußland drauf gehört,Ihm wär' ein neuer Tag beschert,Die Fesseln wären abgefallen.Doch gleich dem Diebe, den der Morgen schreckt,Hast schmählich du dich vor dem Freund versteckt!Der rief: Der Juden Greueltaten,Der schnöde Abfall der Uniaten,Und alle Sünden der Sarmaten, –Es komme alles auf mein Haupt,Ich trag' es ohne viel Bedenken,Könnt' ich dem Volk der Russen wieder schenkenDie Freiheit, die man ihm geraubt!Hurra!«

»Alle tragen etwas vor, nur du nicht,« fing der Diakon, sich an Prepotenskij wendend, wieder an.

»Nein, Freundchen, sag was du willst, – wenn du trinkst und nichts vorzutragen weißt, dann bist du kein Mensch, sondern bloß eine Bütte voll Wein.«

»Laßt mich mit Eurer Bütte in Frieden! Ihr seid selbst eine!« antwortete der Lehrer.

»Wa–a–as?!« schrie Achilla gekränkt. »Ich eine Bütte? Und das wagst du mir ins Gesicht zu sagen! Ich eine Bütte?«

»Ja, natürlich!«

»Wa–a–as?!«

»Ihr könnt ja selber nichts vortragen!«

»Ich nichts vortragen? O du dreifacher Dummkopf! Wenn ich bloß will, so trage ich dir so etwas vor, daß du aufspringen und mir stehend zuhören mußt!«

»Na, versucht es doch mal!«

»Gleich werd ich's auch, damit du dich überzeugst, daß ich tatsächlich auch den Oberkiefer bewegen kann!«

Mit diesen Worten erhob sich Achilla, sah die ganze Gesellschaft mit weitaufgerissenen Augen an, richtete den Blick schließlich starr auf ein Salzfaß, das in der Mitte des Tisches stand, und fing mit seinem tiefen weichen Baß an:

»Ein geru–u–u–hig und friedli–i–i–ch Leben, Gesu–u–undheit und Wo–o–ohlergehen … und heilsa–a–ames Wirken und Scha–a–a–ffen … und Sieg über die Feinde …« usw. usw.

»Ein geru–u–u–hig und friedli–i–i–ch Leben, Gesu–u–undheit und Wo–o–ohlergehen … und heilsa–a–ames Wirken und Scha–a–a–ffen … und Sieg über die Feinde …« usw. usw.

Achillas Stimme griff immer höher, Stirne, Kinnbacken, Schläfe, die ganze obere Hälfte seines breiten Gesichtes waren mit Schweiß bedeckt und glühten in feurigem Rot; die Augen krochen aus ihren Höhlen, auf den Wangen und an den Mundwinkeln zeigten sich weiße Flecke, der Mund war weitaufgerissen wie eine Trompete und mit Dröhnen und Krachen entstieg ihm das »Heil und Segen«, das alle unbelebten Wesen im Hause erzittern machte und die Lebendigen zwang, sich von den Plätzen zu erheben und, ohne die erstaunten Augen von dem geöffneten Munde des Diakons zu wenden, gleich nachdem der letzte Ton verklungen, im Chor einzufallen: »Heil und Segen! Heil und Se–e–egen!«

Warnawa allein wollte bei seiner Beschäftigung bleiben und gemächlich weiteressen, aber Achilla riß ihn mit Gewalt in die Höhe und sang, ihn fest am Arm haltend: »Heil und Se–e–e–gen! Heil und Se–e–e–egen!«

Der Bürgermeister gab seinem Nachbar eine blaue Fünfrubelnote, die er dem Diakon weitergeben sollte.

»Was heißt denn das?« fragte Achilla.

»Der ganzen Verwaltung. Sing noch ›der ganzen Verwaltung und dem christlichen Heer‹,« bat der Bürgermeister.

Der Diakon steckte die Note in die Tasche und stimmte nochmals an:

»Und der ganzen Verwaltung und dem chri–i–istlichen Hee–e–e–ere Heil und Se–e–e–gen!«

Hier übertraf Achilla sich selbst, und als er schloß, wagten nur noch der Vater Zacharia, der an die Stimme des Diakons gewöhnt war, und der Bürgermeister einzufallen: alle übrigen Gäste waren auf ihre Stühle gesunken und hielten sich an den Lehnen, dem Tisch oder ihren Nachbarn fest.

Der Diakon war höchst befriedigt.

»Sie haben einen wunderbaren Baß,« sagte die Petersburger Dame, die zuerst wieder zu sich gekommen war.

»Ach Gott, es war ja nicht deswegen, ich wollte nur zeigen, daß ich kein Feigling bin und sehr gut etwas vortragen kann.«

»Schau, schau, wer ist denn hier feige?« mischte sich Zacharia ins Gespräch.

»Vor allem Ihr selber, Vater Zacharia! Ihr könnt ja nicht mal mit den Vorgesetzten richtig sprechen: Ihr fangt gleich an zu stottern.«

»Das ist wahr,« bestätigte Zacharia, »ich komme leicht ins Stottern, wenn ich mit einem Vorgesetzten rede. Aber du? Du hast gar keinen Respekt vor Höherstehenden?«

»Ich? Mir ist's ganz gleich, ob ich mit dem Bischof selber oder mit einem einfachen Manne rede! Der Bischof sagt zu mir: ›So und so, mein Bester,‹ – und ich antworte ihm gerade so: ›Ganz recht, so und so, Eure Eminenz!‹ Weiter nichts.«

»Ist das wahr, Vater Zacharia?« fragte der Arzt, der dem Diakon gern etwas am Zeuge flicken wollte.

»Er flunkert,« sagte Benefaktow mit der größten Seelenruhe, ohne seine sanften Augen vom Diakon zu wenden.

»Er knickt auch vor dem Bischof zusammen?«

»Allerdings.«

»Nie und nimmer! So was kommt bei mir nicht vor!« rief der Diakon, sich in die Brust werfend. »Wie wäre das auch möglich? Wollte ich mich um alle kümmern, ich wüßte nicht, wo ich hin sollte. Was hat denn der Bischof so viel zu bedeuten, wenn ich jetzt Tag für Tag von einer Person beobachtet werde, die viel mehr zu sagen hat, als so ein Bischof!«

»Du meinst wohl mich?« sagte der Arzt.

»Wie sollte ich denn darauf kommen? Nein, dich meine ich nicht.«

»Wen denn sonst?«

»Hast du die neuesten Zeitungen gelesen?«

»Was hat denn drin gestanden?« fragte die Petersburger Dame, die sich wie ein Kind amüsierte.

»Auf Befehl des Oberhofpredigers Baschanow ist der kaiserliche Kirchenmusikdirektor auf Reisen geschickt worden,um in ganz Rußland Bässe für die Hofkapelle Seiner Majestät anzuwerben. Er steht im Range eines Generals und hat eine Unmenge Orden. Der Bischof ist nichts neben ihm, denn bei Seiner Majestät ist ja schon der Kutscher, der auf dem Bock sitzt, Oberst. Na, also dieser Musikmeister reist nun unerkannt, als ganz einfacher Mann gekleidet, damit die Bässe sich in seiner Gegenwart nicht absichtlich anstrengen, denn er will wissen, was sie für gewöhnlich zu leisten imstande sind.«

Der Diakon wußte nicht, was er weiter sagen sollte, aber der Arzt ließ nicht locker.

»Nun, und was weiter?«

»Was weiter? Der Herr Musikdirektor befindet sich jetzt schon vier Wochen hier in der Stadt. Merkst du was? Ich sehe ihn jeden Sonntag in seinem blauen Rock unter den Kleinbürgern in der Kirche stehen. Er ist meinetwegen da, aber wie verhalte ich mich dazu? Ein anderer würde sich rein die Beine ausreißen, um dem kaiserlichen Abgesandten zu gefallen, würde ihn zu sich einladen, ihm Schnaps und Tee vorsetzen, – nicht wahr? Aber ich tue nichts dergleichen. Mag er zehnmal kaiserlicher Musikus sein, mir ist's ganz wurst! Ich halte mich ans Gesetz. Du hast mir nach dem Gesetz zu handeln, mein Lieber, und magst du das nicht, dann adieu! Glückliche Heimreise!«

»Das ist natürlich alles Schwindel?« wandte sich der Arzt an Zacharia.

»Schwindel,« erwiderte dieser seelenruhig. »Er hat ein wenig über den Durst getrunken, da hören wir bis morgen kein wahres Wort mehr. Er wird jetzt ohne Ende phantasieren und großtun.«

Achilla war trotzdem gekränkt. Es schien ihm, als glaubte man jetzt auch nicht mehr, daß er kein Feigling sei; was ihmunerträglich war. Daher fing er wieder von seiner Tapferkeit an zu sprechen und wollte sofort auf die schwerste Probe gestellt sein.

»Ich will allen beweisen, daß ich hier der Tapferste bin, und ich werde es!«

»Prahlt lieber nicht damit, Vater Diakon,« sagte der Major. »Manchmal wird auch der Tapferste von Angst gepackt, und der Feigling leistet, was keiner von ihm erwartet hätte.«

»Da pfeif' ich drauf! Los!«

»Ja, was soll denn eigentlich losgehen? Ich will Euch lieber ein Beispiel vorführen.«

»Auch gut! Nur immer zu!«


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