Siebentes Kapitel.

Siebentes Kapitel.

»Als ich aus dem Kaukasus nach Rußland zurückversetzt wurde,« fing der Major an, »hatten wir einen Oberst, der ein urfideler Herr und ein ausgezeichneter Soldat war. Er besaß sogar einen goldenen Ehrensäbel. Unter ihm machte ich anno Achtundvierzig den ungarischen Feldzug mit. In einer Nacht mußten damals Freiwillige vorgeschickt werden, als wir gerade beim Wein saßen. Der Oberst fragte: ›Wieviel haben sich denn gemeldet?‹ ›Hundertzehn,‹ antwortet der Adjutant. ›Oho!‹ meinte der Oberst und legte die Karten hin, denn man hatte sich eben ans Preferance gemacht. ›Das ist ein bißchen viel. Sind gar keine Hasenfüße drunter?‹ – ›Nein,‹ erwiderte der Adjutant. ›Na,‹ meint der Oberst, ›trommeln Sie mal die Kerls zusammen.‹ Das geschieht. ›Nun,‹ fängt der Oberst an, ›machen wir mal die Probe. Wer ist der Tapferste? Wer gilt als Obmann?‹ Man nennt ihm irgendeinen Iwanow oder Sergejew. ›Schafft ihn mir her! Bist du der Obmann?‹ – ›Zu Befehl, Euer Hochwohlgeboren!‹ – ›Bist du nicht feige?‹ – ›Nein, Euer Hochwohlgeboren!‹ – ›Nicht ein bißchen?‹ – ›Ganz und gar nicht, Euer Hochwohlgeboren!‹ – ›Wirklich nicht?‹ – ›Nein.‹ – ›Nun, wenn du nicht feige bist, so zupf' mich am Bart!‹ Der Soldat steht da und rührt sich nicht und wagt's nicht. Man ruft einen zweiten, – dieselbe Geschichte! Einen dritten, vierten, fünften, zehnten – keiner wagt's. Alle erwiesen sie sich als Feiglinge.«

»Ach, hol ihn dieser und jener! Das war ein Spaß!« rief Achilla hocherfreut. »Wenn du nicht feige bist, ei, so zupf' mich am Bart! Ha–ha–ha! Das ist famos! Hauptmann, alter Freund, laß dich mal vom Lehrer Warnawa am Bart zupfen!«

»Mit Vergnügen,« sagte der Hauptmann.

Prepotenskij weigerte sich, aber da fing man so bösartig über seine Feigheit zu spotten an, daß er ja sagen mußte.

Achilla stellte einen Stuhl in die Mitte des Zimmers, der Hauptmann Powerdownia setzte sich drauf und stemmte die Arme in die Hüften.

Um ihn herum standen der Polizeichef, Zacharia, der Bürgermeister und der Major.

Der Lehrer pustete, krümmte und schüttelte sich, schlug bald die Augen schüchtern nieder und riß sie bald weit auf, machte einen Schritt vorwärts und trat wieder zurück.

»Also du bist doch ein Feigling,« sagte Achilla, »aber denke mal nach, Schafskopf: wovor fürchtest du dich denn eigentlich? Es ist ja zum Lachen!«

Warnawa dachte nach, wurde aber davon nur noch schwächer. Powerdownia jedoch saß da wie ein Götzenbild, fühlte sich als »Seele der Gesellschaft« und freute sich über die neue Überraschung, die er im Schilde führte.

»Du bist ein Feigling, mein Bester, ein ganz elender Feigling!« flüsterte Achilla dem Lehrer ins Ohr.

»Das geht doch nicht, die Gäste warten,« bemerkte der Major.

Prepotenskij zeigte mit dem Finger auf den Polizeichef und sagte: »Ich will lieber Woin Wasiljewitsch am Bart zupfen.«

»Nein, mich sollst du zupfen,« erklärte der Hauptmann mit sehr ernstem Gesicht.

»Feigling, Feigling,« flüstert es wieder von allen Seiten. Warnawa hört es, kalter Schweiß läuft ihm übers Gesicht, es kribbelt ihn am ganzen Körper; die Angst packt ihn, wie eine unerträgliche, lähmende, quälende Krankheit, sein Ausdruck bekommt etwas Starres, Schreckliches.

Achilla, der ihn genau beobachtete, hatte das zuerst bemerkt. Als er die Augen des Lehrers aufflammen sah, gab er dem Polizeichef ein Zeichen, etwas zur Seite zu treten, den Vater Zacharia aber nahm er ganz einfach beim Ärmel, zog ihn zurück und sagte:

»Steht nicht so dicht bei ihm, Vater Zacharia. Seht Ihr nicht? Er träumt!«

Warnawa tat einen Schritt vorwärts. Noch einen zweiten. Die zitternde Hand des Feiglings gerät in Bewegung, sie hebt sich langsam, bewegt sich vorwärts, – aber nicht nach dem Barte des Hauptmanns, sondern geradewegs nach dem Gesichte des Polizeichefs.

»Der Teufel mag wissen, was in dem Kerl vorgeht!« rief Achilla und winkte dem Polizeichef noch einmal zu. Geh lieber fort, sollte das heißen, siehst du nicht, daß der Mann von Sinnen ist?

In diesem selben Augenblick jedoch hatte Prepotenskij, die Augen zugekniffen, ganz von ferne den Schnurrbart Powerdownias gestreift: sofort stieß der Hauptmann ein grimmiges Knurren aus und fing dann an laut zu bellen.

Das war dem armen Warnawa zu viel. Er schrie wild auf, stürzte sich wie ein Panther auf den Polizeichef und schlug sinnlos um sich.

Hierauf war niemand gefaßt. Der Effekt war großartig. Die umgestürzte Lampe, das aufflammende Petroleum, die wild flüchtenden Gäste, das Entsetzen des Polizeichefs, das Geheul Warnawas, der in einem Winkel sich mit wütendenSchlägen vor dem Gespenst, das ihn packen wollte, zu schützen suchte, alles machte eine Fortsetzung des Festes unmöglich.

Die Petersburger Dame verabschiedete sich, und Prepotenskij, der alle Ein- und Ausgänge im Hause des Postmeisters sehr gut kannte, benutzte diesen Augenblick, um in den Korridor und ins Bureau zu schlüpfen, wo er sich hinter einen Schrank verkroch …


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