Sechzehntes Kapitel.

Sechzehntes Kapitel.

Nachdem er das Zimmer verlassen, schlüpfte Prepotenskij in eine kleine Scheune, entledigte sich seiner Oberkleider und kletterte auf den Heuboden. Mit großer Anstrengung schob er zwei Deckbretter auseinander und kroch durch den ziemlich engen Spalt in einen kleinen, von außen verschlossenen Speicher. Bunt durcheinander lagen dort Töpfe und Bütten, an der Decke hing ein Schinken, auf Stöckchen waren Bündel von Bohnenkraut, Pfefferminz und Dill gespießt. Der Lehrer ließ alle diese Gegenstände unberührt. Er stieg auf eine hohe Truhe aus Tannenholz mit schrägem Deckel und holte einen großen, leicht gewölbten Trog herunter, der so blank wie das Schaufenster eines Spiegelgeschäfts gescheuert war. Mit dem Trog kroch er wieder in die Scheune zurück, wo er die unseligen Totengebeine sehr geschickt versteckt hatte.

Niemand dachte daran, dem Lehrer nachzuspüren, er aber war es schon so gewohnt, seine »Lage« für »gefährdet« zu halten, daß er sich nirgends sicher fühlte. Immer mußte er sich verkriechen und verstecken, weil er dachte, sonst wäre es ihm unmöglich, sein Unternehmen zu beginnen und im geeigneten Augenblick mit allem Pomp zur Ausführung zu bringen.

Eine Stunde mochte seit Warnawas Verschwinden vergangen sein, und es begann zu dämmern, als der Ring andem wackeligen Pförtchen der Prepotenskijschen Behausung klirrte.

Tuberozow war gekommen. Warnawa hörte in seiner Scheune, wie unter dem festen Tritt des beleibten Propstes die Stufen des alten Holztreppchens knarrten und sich bogen, und wie der Gast die Serbolowa und die alte Hostienbäckerin begrüßte.

»Nun, meine liebe Witwe von Nain, was macht dein gelehrter Sohn?« wandte sich Vater Sawelij an die Alte, die eben den kleinen weißen Tisch auf die offene Veranda hinaustrug, wo die Gäste den Tee trinken sollten.

»Mein Warnascha? Gott weiß, Vater Propst. Er hat wohl Angst bekommen und sich irgendwo vor Euch versteckt.«

»Du lieber Himmel, was hat er denn von mir zu fürchten? Er sollte sich lieber mehr um sich selber kümmern und vorsichtig sein,« und Tuberozow erzählte Darjanow und der Serbolowa von den nächtlichen Abenteuern Achillas.

»Wer hat ihn darum gebeten? Wer hat es ihm befohlen?« fragte der Alte und antwortete selbst: »Niemand! Er hat es ganz für sich allein beschlossen, mit Warnawa Wasiljewitsch abzurechnen, und die ganze Stadt haben sie in Aufregung versetzt.«

»Habt Ihr es ihm denn nicht befohlen, Vater Propst?« fragte die Alte.

»Wie käme ich dazu, solche Dummheiten zu befehlen?« erwiderte Tuberozow und fing von anderen Dingen zu reden an. So verging noch eine halbe Stunde und die Gäste brachen auf. Warnawa war immer noch unsichtbar, aber als der Wagen der Serbolowa vorfuhr, flog die Pforte der Scheune, in welcher der Lehrer sich verborgen hielt, weit auf, und langsam und feierlich schritt Warnawa Prepotenskij auf die erstaunten Gäste zu.

Er trug seine gewöhnliche Kleidung und hielt in beiden Händen hoch über seinem Haupte den neuen Waschtrog, den er der Mutter geraubt und in dem jetzt in schönster symmetrischer Anordnung die wohlbekannten Gebeine lagen.

Ehe noch jemand begreifen konnte, was die Erscheinung des Lehrers mit dieser seltsamen Trophäe zu bedeuten hatte, war Prepotenskij bereits majestätisch an der Veranda vorübergeschritten, hatte dem dort stehenden Tuberozow die Zunge gezeigt und war dann über den Friedhof auf die Straße hinausgegangen.

Die Hostienbäckerin zitterte am ganzen Leibe, kaute krampfhaft an den Spitzen ihrer fest zusammengedrückten Finger und flüsterte:

»Was hat er da? Was trägt er durch die Stadt?«

Als sie es endlich begriffen hatte, heulte sie laut auf und stürzte mit einer Geschwindigkeit, die man ihren Jahren gar nicht zugetraut hätte, dem Sohne nach. Die Alte hüpfte und hopste, wie gewisse Vögel, die, bevor sie auffliegen, erst einen Anlauf nehmen müssen. Trotzdem Warnawa langsam schritt, erschien es fraglich, ob die Hostienbäckerin selbst bei diesem schnellen Tempo imstande sein werde, ihren Sprößling einzuholen, der schon am entgegengesetzten Ende der Straße angelangt war. Allein ein unerwartetes Ereignis, durch das die ganze Prozession und die Verfolgung eine völlig neue Wendung nehmen sollte, trat ein.

Irgendwo von oben her ertönte plötzlich ein lautes und lustiges:

»Hallo! Hurra! Nicht hauen! Nicht hauen! Nicht hauen!«

Die Zeugen dieser Szene sahen sich nach der Richtung um, aus welcher das Geschrei kam, und erblickten auf dem Vorsprung eines der Nachbardächer einen zerlumpten Kerl, der in der Hand eine dünne Stange hielt, wie sie Taubenzüchterbrauchen, um ihre Tümmler aufzuscheuchen. Dieser Schreier war der Ausrufer und das Faktotum von Stargorod, der Proletarier und beschäftigungslose Kleinbürger Danilka, den sie in der Stadt den »Kommissar« nannten. Er war just mit seinen Tauben beschäftigt und benutzte die Gelegenheit, um spaßeshalber auch den Lehrer zu erschrecken. Diesen Zweck erreichte er vollkommen, denn kaum hatte Prepotenskij den Warnungsruf vernommen, so schlug er sofort ein schnelleres Tempo an und stürmte wie ein gehetztes Reh vorwärts. Aber während er einer Gefahr zu entgehen hoffte, lief er einer andern, weit schlimmern in die Arme; denn an der nächsten Wegkreuzung tauchte vor den entsetzten Blicken des Lehrers in Riesengröße – er schien heute viel gewaltiger als gewöhnlich – der grimme Diakon Achilla auf.

Wie sagt das Sprichwort? Links die Backpfeife und rechts der Rippenstoß.


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