Siebzehntes Kapitel.

Siebzehntes Kapitel.

Kaum hatte der arme Lehrer den Diakon erblickt, so knickten seine Knie kraftlos zusammen. Doch schon im nächsten Augenblick reckten sie sich wieder auf wie Sprungfedern, und mit drei mächtigen Sätzen legte er eine Entfernung zurück, die ein normaler Mensch in zehn Sprüngen nicht hätte überwinden können. Dadurch schien Warnawa gerettet, denn er befand sich jetzt gerade unter dem Fenster der Gattin des Akziseeinnehmers Biziukin, und zu seinem großen Glück stand die aufgeklärte Dame selbst am offenen Fenster.

»Nehmen Sie dies!« rief Prepotenskij ganz außer Atem.

»Ich werde verfolgt von Spionen und Pfaffen!«

Bei diesen Worten schob er den Trog mit den Knochen zum Fenster hinein, er war aber selbst so erschöpft, daß er sich nicht mehr rühren konnte und an die Mauer lehnen mußte. Im selben Augenblick stand auch schon Achilla, ebenfalls ganz außer Atem, neben ihm und packte seinen Arm.

Sein Blick traf mitten auf der Straße zwei aus dem Staube emporragende menschliche Rippen. Sich zu Prepotenskij wendend sagte er:

»Warum hebst du deine Astragalusse nicht auf?«

»Tretet beiseite, dann will ich sie aufheben.«

»Gut, ich will zurücktreten,« – und der Diakon ging an das Fenster, stellte sich auf die Zehenspitzen, guckte ins Zimmer hinein und fuhr fort:

»Hören Sie mal, Frau Rätin, Sie tun sehr unrecht, wenn Sie sich für diesen Lehrer so ins Zeug legen.«

Statt der erwarteten Antwort der »Rätin« erschien der liberale Akziseeinnehmer Biziukin selbst am Fenster und hielt dem Diakon den kahlen Schädel des Skeletts vor Augen.

»Sei mal so gut und lege das Ding fort, sonst werde ich böse,« entgegnete Achilla höflich. Von innen ertönte nur ein höhnisches Gelächter, und der Einnehmer ließ den Schädel laut und schauerlich mit den Zähnen klappern.

»Ich schlag euch alle zu Brei,« brüllte Achilla, indem er mit beiden Händen einen mächtigen Stein packte, der neben dem Fundament lag und gut zwei Zentner wiegen mochte. Im selben Augenblick, als er mit flammenden Augen dieses ungeheure Geschoß emporhob, um es gegen seine Widersacher zu schleudern, fiel ihm von hinten jemand in den Arm, und eine bekannte Stimme rief gebieterisch:

»Laß liegen!«

Es war Tuberozow. Mit strengem Gesicht, schwer atmend und zitternd vor Erregung stand Propst Sawelij vor ihm. Achilla gehorchte. Noch einen zornigen Blick aus seinen vor Wut geröteten Augen warf er auf den Einnehmer, dann schleuderte er den Stein mit solcher Wucht zur Seite, daß er einen Zoll tief in den Boden drang.

»Geh nach Hause,« flüsterte ihm Sawelij zu und wandte sich selbst zum Gehen.

Achilla widersetzte sich auch diesem Befehl nicht und schlich leise und niedergeschlagen, wie ein sonst artiger Schulbub, der bei einem dummen Streich ertappt worden ist, von dannen.

»Gott, was für eine alberne und ärgerliche Geschichte,« sagte Tuberozow, mühsam nach Luft schnappend, zu Darjanow, der ihn inzwischen eingeholt hatte.

»Macht Euch keine unnützen Gedanken, die Sache wird weiter keine Folgen haben.«

»Wieso keine Folgen? Die Folge wird sein, daß Achilla vor Gericht kommt. Haben Sie denn nicht gehört, was er schrie, als er mit dem Stein drohte? Er wollte sie alle zu Brei schlagen!«

»Ihr werdet sehen, alles löst sich in Wohlgefallen und Lachen auf.«

»Nein, das glaube ich nicht. Hier gibt es nichts zum Lachen. Es handelt sich um eine große Dummheit, die gemeine Menschen zu ihren Zwecken ausnutzen können.«

Der Propst beschleunigte seine Schritte und eilte nach Hause, indem er mit seinem langen Stabe zornige Zickzacklinien durch den Straßenstaub zog.

Im nächsten Buche unserer Chronik werden wir sehen, was für Folgen diese Begebenheit hatte und wer von den beiden Propheten im Recht war.


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