Sechzehntes Kapitel.
Die verschwundenen Brillanten der Biziukina, das Blachdnublach, die Niederlage Achillas und Prepotenskijs, die Liebelei mit Daria Nikolajewna und die Eroberung der Postmeisterin, endlich die Mattsetzung Bornowolokows, – alle diese Ereignisse, die sich in knapp vierundzwanzig Stunden abgespielt hatten, waren Termosesow selbst ein wenig zu Kopf gestiegen. Er fühlte ein unüberwindliches Verlangen nach Schlaf und streckte sich auf dem Heu des Wagens aus, wo er sofort einschlief und erst sehr spät am Morgen wieder erwachte. Die kühle Scheune, welche Termosesow zu seinem Schlafgemach gewählt hatte, blieb geschlossen und Ismail Petrowitsch rekelte sich noch lange nach dem Erwachen auf seinem Lager, kratzte sich die Fußsohlen und dachte nach.
Seine Gedanken waren insofern bemerkenswert, als das Vergangene und Geschehene für sie absolut nicht vorhanden war; ebensowenig beschäftigten sie sich mit einer der neuen Personen, gegen die Termosesow mit so kühner Ungeniertheit vorgegangen war. So seltsam das auch klingen mag, – Termosesow besaß wirklich eine gewisse Harmlosigkeit, die sich mit einer maßlosen sittlichen Laxheit und Frechheit und einer vollkommenen Gleichgültigkeit gegen alle Menschen und ihr Urteil paarte. Er dachte nie daran, daß die Person, mit der er im Augenblick zu tun hatte, schon früher existiert hätte, ehe sie ihm in den Weg gekommen, und daß sie auch weiterhinexistieren wolle; daß sie infolgedessen auch ihr eigenes Verhältnis zur Vergangenheit und ihre eigenen Zukunftsaussichten habe. Ihm kam es so vor, als tauchten die Menschen vor ihm auf wie Wasserblasen oder Pilze, nur für den Moment, wo er sie zu Gesicht bekam, und darum glaubte er über sie völlig nach Belieben verfügen und sie ausbeuten zu dürfen, was er denn auch in der unverschämtesten Weise tat. Hatte er aber erreicht, was er wollte, so vergaß er den andern bald ganz und gar. In seiner zynischen Redeweise drückte er das ganz naiv aus: »Wenn ich jemanden gekränkt habe, bin ich später nie böse auf ihn.« Und so war es auch. Wenn jetzt plötzlich Achilla oder Prepotenskij zu ihm in die Scheune gekommen wären, so hätte er sie ganz freundschaftlich angeredet, ohne auch nur im geringsten an die gestrigen Ereignisse zu denken. Als er auf Bornowolokow, den er längst vergessen hatte, stieß, packte er ihn: »An dem bleib' ich hängen!« meinte er. Und blieb an ihm hängen. Als er die Biziukina traf, kam's ihm in den Sinn, ihr den Hof zu machen – und er machte ihr den Hof. Als er – der Teufel mag wissen, zu welchem Zweck – ihr seine höhere politische Weisheit beibrachte, kam ihm der Gedanke, sich ihre Brillanten anzueignen, und alsbald ward dieser Gedanke ausgeführt. Dabei wurden die Brillanten so schlau versteckt, daß, falls die Biziukins es zu einer Haussuchung hätten kommen lassen, sie sich natürlich nicht bei Termosesow, sondern bei Bornowolokow gefunden hätten, der diese Kostbarkeiten fast am eigenen Leibe trug: Termosesow hatte sie nämlich in das Futter seines Mantels eingenäht. Die Person des Propstes Tuberozow beschäftigte die Gedanken Termosesows überhaupt nicht; als die Biziukina über ihn zu klagen begann, versprach er leichtfertig, den Alten aus dem Wege zu räumen, – und dann erst kam ihm die Idee, Tuberozowals Beweisobjekt für seine »Beobachtungsgabe« zu benutzen. Jetzt aber hätte keine Gewalt der Erde ihn mehr von dem hartnäckigen Streben nach Verwirklichung dieses Planes abbringen können.
Hätte der alte Propst dies gewußt, er würde die ihm zugedachte Rolle als bitterste Kränkung empfunden haben. Allein er hatte keinerlei Ahnung von dem, was ihm bevorstand, und fuhr auf seinem Klapperwagen von Dorf zu Dorf, von Kirche zu Kirche, durchwanderte weite Waldstrecken zu Fuß, ruhte auf Wiesen und an Feldrainen und schöpfte neue Kraft aus der Berührung mit der Mutter Natur.
In der Stadt aber war inzwischen, dank den unermüdlichen Bemühungen Termosesows, die Schlinge schon ausgelegt. Die Beschwerde des Kleinbürger Danilka war den Instanzenweg gegangen, eine Bagatelle war zu einer Angelegenheit geworden, die auf gesetzlichem Wege entschieden werden mußte.