Siebzehntes Kapitel.

Siebzehntes Kapitel.

Die aufregenden Berichte vom Mißgeschick des Diakons Achilla und davon, daß man auch ihn, den Propst selbst, in diese nichtige Sache verwickelt hatte, trafen den Vater Sawelij in einem weit abgelegenen Kirchdorf, von dem er wenigstens zwei Tage zu reisen hatte, bis er die Stadt erreichte.

Es war unerträglich heiß. Vom letzten Dorf, in dem Tuberozow übernachtet hatte, waren es noch etwa fünfzig Werst bis zur Stadt. Der Propst war ziemlich spät ausgefahren und hatte noch kaum die Hälfte des Weges zurückgelegt, als die Hitze so groß wurde, daß Tuberozow seine armen, von Schweiß und Schaum triefenden braunen Pferdchen gar nicht mehr ansehen mochte. Er beschloß deshalb, noch einmal Halt zu machen, um die Tiere zu füttern und sie ausruhen zu lassen. Aber keine Herberge wollte er aufsuchen: er erinnerte sich eines wunderschönen Plätzchens am Waldrand, der sogenannten »Zaunkönigshöhe«, dorthin zog es ihn, um in der Kühle zu rasten.

Von dem weiten flachen Abhang, der sich hier niedersenkt, erblickt man auf einer Entfernung von mehr als zwanzig Werst die goldenen Kuppeln der städtischen Kirchen, während der jahrhundertealte Wald sich im Rücken endlos hinzieht. Tiefe Stille und Ruhe herrschen hier.

Von der Glut ermattet, hatte Tuberozow eben den Wagen verlassen, als ihn ein ungemein wohliges Gefühl übermannte.Trotz der ringsum herrschenden Hitze strömte das dichte dunkelblaue junge Eichengehölz eine belebende Kühle aus. An den elastischen, wie in grünes Wachs getauchten Blättern der Jungeichen war kein Stäubchen zu entdecken. Überall warme, weiche, beruhigende Farben. Unter den bunten krausen Blättern des Farnkrautes guckt die leuchtendrote Wolfsbeere hervor. Von der Sonne vergoldet, reckt sich ein trockener Haselstrauch in die Luft, und auf dunkelbraunem Torfboden erheben sich ganze Pilzfamilien, zwischen denen rote Steinbeeren wie Korallen glänzen.

Während Pawliukan, in Unterwäsche und Weste, die erhitzten Pferde ausspannte und umherführte, ging der Propst ein wenig im Walde spazieren. Er holte sich aus dem Wagen einen kleinen Teppich und trug ihn zu einer grünen Vertiefung, aus der lärmend und schäumend eine Quelle sprang. Hier wusch er sich mit dem frischen Wasser und streckte sich zur Ruhe auf dem Teppich aus. Das gleichmäßige Murmeln des Baches und die Kühle umwehten wohltuend das von der Hitze ganz benommene Haupt des Alten, und ohne es selbst zu merken, war er wider seinen Willen eingeschlafen. Der Schlaf war stärker, er warf ihn nieder und hielt ihn fest. Er wollte dem Pawliukan etwas sagen, aber der Schlaf hielt ihm mit weicher Hand den Mund zu.

Der Traumgott hatte den Propst so in seiner Gewalt, daß Pawliukan ihn vergebens an den Schultern rüttelte, um ihn zum Essen einer vorzüglichen Grütze aus Buchweizen und frischen Pilzen aufzufordern. Tuberozow blinzelte nur mit den Augen: »Iß, mein Lieber, ich schlafe so süß,« – und lag alsbald in noch tieferem Schlummer.

So verzehrte Pawliukan sein Mittagessen allein und folgte dann dem Beispiel seines Vorgesetzten. Auch die Pferde wurden still, ließen die Köpfe hängen und schlummerten ein.

Ringsum schien alles in einem Zauberschlaf zu liegen. Eine so tiefe Stille herrschte, daß ein Hase, der aus der Waldestiefe hinausgesprungen kam und sich, leise mit dem Schnurrbart wackelnd, auf die Hinterbeine setzte, plötzlich ganz verlegen wurde und mit weit zurückgeworfenen Ohren eiligst wieder im Walde verschwand.

Tuberozow ertappte sich beim Erwachen dabei, daß seine Lippen mit großer Anstrengung die Worte »guten Tag« herausbrachten – allem Anschein nach als Erwiderung auf einen Gruß.

»Wen begrüße ich da? Wer war hier bei mir?« fragte er sich, den Schlaf abschüttelnd. Und es wollte ihn bedünken, als hätte soeben jemand neben ihm gestanden, kühl und still, in einem Gewande von der Farbe einer reifenden Pflaume … So deutlich empfand er alles, daß er sich schnell, auf den Ellbogen gestützt, aufrichtete, aber nur den schlafenden Pawliukan, seine braunen Pferde und den Wagen sah. Der langen Ruhe satt, suchte das Seitenpferd sich den Halfter vom Kopfe zu streifen. Es trat zur Seite, warf sich nieder, wälzte sich im Grase, stand wieder auf und reckte witternd den Hals. Tuberozow war noch immer im Halbschlaf. Das Pferd ging weiter, bückte sich nach dem dichten Grase am Waldrand und biß die Spitze eines jungen Eichbäumchens ab. Endlich kam es bis zu dem mit wildem Klee bewachsenen Grenzpfad und zog die warme Luft ein. Sawelij sah immer noch vor sich hin und konnte seinen Zustand nicht begreifen. Es war weder Schlaf noch Wachen. Die Feuchtigkeit seines Ruheplatzes schien ihn betäubt zu haben; ihm war, als wogten Dämpfe in seinem Kopf. Er rieb sich die Augen und blickte in die Höhe: droben im Blauen über seinem Kopfe schwebte ein Rabe. Oder war es ein Geier? Nein, es mußte ein Rabe sein. Er hielt sich fester und zog weitere Kreise … Jetzt kam esvon oben herab wie eine hingeworfene Handvoll Erbsen: ku–urlu. So schreit nur ein Rabe. Wonach mag er spähen? Was will er? Vielleicht ist er des Kreisens müde und möchte von dem Wasser unten trinken. Tuberozow kam eine Legende in den Sinn, die sich auf diese Quelle bezog. Sie sollte einen wunderbaren Ursprung haben. Das reine durchsichtige Becken der Quelle glich einer in die Erde gegrabenen Schale von Kristall, welche einem Blitzstrahl ihre Entstehung verdankte, der vom Himmel kam und tief in das Innere der Erde drang. Gerade an der Stelle, wo vor sehr, sehr langer Zeit ein vom Kampf ermatteter russischer Held hingesunken sein sollte, den eine gewaltige Übermacht der Ungläubigen von allen Seiten umzingelte. Rettung schien für den Ritter, der allein war, ganz unmöglich. Er flehte zum Heilande, daß er ihn vor schimpflicher Gefangennahme bewahre. In demselben Augenblick, so berichtet die Sage, zückte aus völlig klarem Himmel ein Blitzstrahl nieder und sprang wieder in die Höhe. Ein Donnerschlag folgte, so gewaltig, daß die Rosse der Tataren in die Knie sanken und ihre Reiter abwarfen. Als sie sich erhoben, war der Ritter verschwunden. An der Stelle aber, an welcher er sich eben noch befunden, stieg, schäumend und wie tausend Diamanten glitzernd, ein mächtiger Strahl kalten Quellwassers in die Höhe; in wildem Zorn peitschte er die Wände des Erdkessels und als silbernes Bächlein floß er weiter über die grüne Wiesenfläche.

Ein Wunder dünkt diese Quelle allen und das Volk behauptet, ihrem Wasser sei eine Zauberkraft eigen, die selbst die Tiere und die Vögel kennen. Alle wissen das, allen ist es bekannt, denn alle fühlen hier die immerwährende geheimnisvolle Gegenwart des entrückten Glaubenskämpen. Hier tut der Glaube Wunder und darum ist alles hier somächtig und so stark, vom Gipfel der hundertjährigen Eiche bis zum Pilz, der sich zwischen ihren Wurzeln verbirgt. Sogar das scheinbar ganz Abgestorbene wird hier wieder lebendig: Da steht der dünne, vertrocknete Haselstrauch; er ist vom Blitz gestreift, aber auf der Rinde, dicht über der Wurzel, bemerkt man, wie mit grünem Wachs aufgestrichen, ein »Peterskreuz«, und von hier wird bald ein neues Leben ausgehen … Ja, die Gewitter sollen hier böse sein, heißt es.

»Freilich, freilich, es gibt bekanntlich solche Gegenden mit außerordentlich starker elektrischer Spannung,« dachte Tuberozow, und es kam ihm vor, als bewegten sich die grauen Haare auf seinem Kopfe. Kaum war er aufgestanden, so erblickte er nur wenige Schritte entfernt ein kleines blaßgelbes Wölkchen, dessen Umrisse sich fortwährend veränderten, während es langsam den Grenzpfad entlang kroch, auf dem sich das freigekommene Pferd herumtrieb. Es schien direkt auf das Pferd loszusteuern. Aber als es bis zu ihm gekommen war, fing es plötzlich zu hüpfen an, wirbelte empor und zerflatterte, wie der Rauch aus einem Kanonenrohr. Das Pferd schnaufte wild und stürmte, kaum den Boden berührend, angsterfüllt vorwärts.

Tuberozow sprang hastig auf, weckte Pawliukan, half ihm auf das andere Pferd klettern und schickte ihn dem Flüchtling nach, von dem schon jede Spur verschwunden war.

»Beeil dich, hol es ein,« sagte Sawelij zum Subdiakon und warf einen Blick auf seine silberne Uhr: es war etwas über drei Uhr nachmittags.

Der Alte setzte sich barhäuptig in den Schatten, gähnte und fuhr plötzlich zusammen, da er in der Ferne ein schweres Dröhnen vernommen zu haben glaubte.

»Was ist das? Ein Gewitter?«

Er stand wieder auf, ging an den Waldrand hinaus und sah, daß von Osten her wirklich eine dunkle Wolke heraufzog. Das Gewitter überraschte ihn ganz allein.

Noch ein Schlag! Das Feld wogte heftiger und kalt wehte es darüber hin.

An die schwarze Wolke, welche den Osten ganz bedeckte, rückten von unten her kleinere Wolkenballen heran, gleichsam von ihr heraufgezogen wie Kulissen. Ab und zu brach eine Flamme zwischen ihnen durch. So überschaut ein Zauberkünstler, der eine schauerliche Vorstellung geben will, mit der Laterne in der Hand, noch einmal die dunkle Bühne, bevor er alle Lichter anzündet und den Vorhang hochzieht. Die schwarze Wolke kroch weiter und je näher sie rückte, desto undurchdringlicher schien sie. Vielleicht läßt der liebe Gott sie vorüberziehen? Vielleicht entlädt sie sich irgendwo weiter draußen? Doch nein! Schon zuckt über ihren oberen Rand leise ein feuriger Streif und Blitze flimmern und flackern plötzlich leuchtend durch die ganze finstere Masse. Die Sonne ist nicht mehr zu sehen: Wolken haben ihre Scheibe bedeckt, ihre langen, degenartigen Strahlen zucken noch einmal hell auf, um dann auch zu verschwinden. Ein Wirbelwind erhebt sich pfeifend und dröhnend. Wie Fahnen flattern die Wolken. Über das reifende Roggenfeld laufen weiße Flecken wild hin und her. Einer scheint unmittelbar vom Himmel herabzufallen, ein anderer setzt sich dick und breit hin. Plötzlich laufen beide auf einander los, fließen in eins zusammen und verschwinden. Am Feldrain schüttelt der Wind die Ähren so seltsam, daß man meinen könnte, es wäre nicht der Wind, sondern ein lebendes Wesen hätte sich am Boden versteckt und treibe wütend seinen Unfug. Der Wald ist voll Lärm. Eine Zickzacklinie flammt über dem Walde auf; eine andere zuckt hoch über den Wipfeln, und dann wird es still … ganzstill! … Kein Blitz, kein Wind: alles ist wie gebannt. Das ist die Stille vor dem Sturm: alles, was noch nicht Zeit gehabt hat, sich vor dem Unwetter zu verstecken, sucht diesen letzten stillen Augenblick noch auszunutzen: ein paar Bienen fliegen an Tuberozow vorüber, es ist, als flögen sie nicht, sondern als würden sie von einem Windstoß fortgerissen. Aus dem dunklen Gesträuch, das jetzt ganz schwarz erscheint, hüpfen ein paar erschrockene Hasen heraus und legen sich in eine Furche. Über das Gras, das bei der Beleuchtung grau wie Asphalt aussieht, rollt ein silberner Knäuel und verschwindet unter der Erde. Es war ein Igel. Alles verbirgt sich, so gut es kann. Da als letzter stürzt sich auch der Rabe, welcher vorhin so hoch schwebte, die Flügel hart an den Rücken gedrückt, hinab auf den Wipfel eines hohen Eichbaums, wo man ihn jetzt schwerfällig rascheln hört.


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