Siebentes Kapitel.

Siebentes Kapitel.

Am linken Flußufer, wo der Stadthauptmann immer noch zögert, hat der Kutscher Komar den Teppich ausgebreitet, die mitgebrachte Bank darauf gestellt, und nachdem er sich durch kräftiges Schütteln noch überzeugt hat, daß sie feststeht, ruft er:

»Setzen Sie sich, Woin Wasiljewitsch, sie steht fest.«

Porochontzew geht schnell auf die Bank zu, rüttelt sie erst noch einmal eigenhändig und setzt sich erst, nachdem er sich genügend überzeugt hat, daß sie tatsächlich ganz feststeht. Kaum hat der Herr sich gesetzt, so packt Komar ihn von hinten an den Schultern, und seine Frau, welche die Schüssel nebst Bastwisch und Badetuch auf den Teppich gestellt hat, beginnt den kriegerischen Stadtgewaltigen auszukleiden. Erst nimmt sie ihm die Kalotte ab, dann die gestrickte Unterjacke, die Pantoffeln und die Socken, legt hierauf ihre Handflächen vorsichtig an die dürren Rippen des Rittmeisters und bleibt so unbeweglich stehen, den Kopf etwas seitwärts gebogen.

»Nun, Felicie, geht es schon? Kann ich schon reiten?« fragt Porochontzew.

»Nein, Woin Wasiljewitsch, noch schlägt der Puls,« antwortet Felizata.

»Na, wenn er noch schlägt, muß man warten. Aber du kannst hineinhupfen, Komar.«

»Ich tu's auch gleich.«

»Hupf nur, Bruder, hupf! Schwimm einmal herum und komm dann wieder raus. Dann wird geritten.«

»Wenn ich dann nur nicht zu schlüpfrig bin, Woin Wasiljewitsch. Dann fallen Sie wieder runter, wie neulich.«

»Nein, nein, ich fall schon nicht.«

Komar wirft, hinter dem Rücken seines Herrn stehend, das Hemd ab und stürzt sich mit einem mächtigen Anlauf ins Wasser, wo er alsbald gewaltig mit den Armen zu arbeiten beginnt.

»Famos schwimmt dein Komar,« sagt Porochontzew.

»Ausgezeichnet,« entgegnet die Frau, welche sich anscheinend nicht im geringsten geniert und auch keinen der Badenden durch ihre Anwesenheit stört.

Felizata, eine frühere Leibeigene Porochontzews, ist es seit langem gewohnt, ihren kränklichen Herrn zu bedienen, und bei dieser Beschäftigung gibt es für sie keinen Geschlechtsunterschied. Inzwischen ist Komar rund um den Stein geschwommen, auf dem die Badenden sitzen, und wieder aus dem Wasser gekrochen und steht nun, den gekrümmten Rücken einem Herrn zugewendet, vor der Bank. Woin Wasiljewitsch klettert auf den Rücken, umfaßt den Hals des Kutschers mit beiden Armen und reitet ins Wasser hinein. Der Rittmeister macht es fast immer so, denn er liebt es nicht, barfuß auf dem scharfen Kies zu gehen. Kaum hat jedoch das Wasser die Achselhöhlen Komars erreicht, so bleibt er stehen und meldet, nun seien keine Steine mehr da, denn er fühle reinen Sand unter seinen Sohlen. Woin Wasiljewitsch klettert von seinem Roß hinunter und legt sich auf die Schwimmblasen. Auch heute war der Vorgang derselbe: der dürre Stadtgewaltige legt sich hin, Komar gibt ihm einen tüchtigen Stoß und beide schwimmen nach dem Steine, den sie beide erklettern. Dieser nicht sehr große Stein, dessen über dem Wasseraufragende glatte, runde Fläche einen Durchmesser von etwa zwei Fuß haben mag, bietet fünf Personen Unterkunft, von denen vier – Porochontzew, Pizonskij, der Arzt und Achilla – sich an den Rand gesetzt haben, so daß sie einander den Rücken zukehren, während Komar mitten in dem engen Viereck steht, das eben diese Rücken bilden, und seinem Herrn den Kopf wäscht. Es wird eifrig diskutiert; Pizonskij erzählt unter beständigem Zucken seiner schiefen Nase, daß gestern abend in der Dämmerung irgendwo unterhalb der Brücke im Schilf sich zwei Schwäne niedergelassen und nachts, während es regnete, unausgesetzt geschrien hätten.

»Wenn die Schwäne schreien, so verkünden sie irgend jemandes Ankunft,« meint Komar, indem er den Kopf seines Herrn eifrig mit Seife einreibt.

»Nein, das verheißt bloß einen schönen Tag,« wendet Pizonskij ein.

»Wer sollte auch zu uns kommen?« mischt sich der Arzt ins Gespräch. »Wir leben ja hier wie die reinen Waldteufel: in hundert Jahren passiert nichts Neues.«

»Was soll uns auch das Neue?« sagt Pizonskij. »Wir haben ja alles; das Wetter ist schön, wir sitzen gemütlich auf unserm Stein und keiner verübelt es uns. Käme aber ein neuer Mensch her, so nähme er vielleicht Anstoß, es gäbe ein Gerede und …«

»Ein Gerede: warum sitzen sie so nackigt da?« unterbricht ihn Komar ungeniert.

»Was ist das für ein Stadthauptmann, der sich von einem Frauenzimmer waschen läßt?« wirft der Arzt ein.

»Ja, das ist wahr,« ruft der Rittmeister und schaut sich beunruhigt um.

Komar bläst sich in den Schnurrbart, lächelt und sagt leise:

»Und dann wird's heißen: was hat der Polizeichef auf dem Komar ins Wasser zu reiten?«

»Halt's Maul, Komar!«

»Auch das, auch das wird Fragen veranlassen,« sagt wieder der sanfte Pizonskij und seufzt, indem er fortfährt: »Und jetzt sitzen wir hier ohne alle Neuigkeiten wie im Paradiese. Selber sind wir nackt, aber wir sehen alle Schönheit der Welt: wir sehen den Wald, sehen die Berge, sehen die Tempel Gottes, das Wasser, das Grün der Wiesen; dort im Uferschilf piepen die jungen Entlein; vor uns im Wasser spielt das Völklein der kleinen Fische so fröhlich. Groß ist deine Güte, o Herr!«

Die letzten Worte hatte Pizonskij mit erhobener Stimme gesprochen, sie hallten weit über den Fluß hin, wurden von den Hügeln zurückgeworfen und klangen dann noch ein drittes Mal etwas dumpfer von dem flachen Ufer wider. Pizonskij horcht auf, streckt den Zeigefinger über seinem kahlen Kopfe zum Himmel empor und sagt:

»Dreimal antwortet dir die Güte des Herrn: was kann es Schöneres geben, als in solchem Frieden zu leben und in ihm sein Dasein zu vollenden.«

»Wahr, sehr wahr,« antwortet der Rittmeister mit einem Seufzer. »Da haben der Arzt und ich uns eine kleine Neuerung gestattet: wir erlaubten dem Warnawa eine Leiche auszukochen. Wozu hat das nicht geführt! Übrigens, Diakon, vergiß nicht, daß du versprochen hast, dem Warnawa die Knochen wegzunehmen.«

»Warum sollte ich's vergessen? Ich bin kein Manichäer, den man hundertmal mahnen muß. Was ich versprochen habe, das halte ich auch.«

»Hast du? Hast du's wirklich schon?«

»Natürlich hab' ich's.«

»Du flunkerst, Diakon!«

Achilla schweigt.

»Warum redest du denn nicht? Erzähle doch, wie du ihm die Knochen weggenommen hast. Nun? Was Teufel bist du denn heut so solide?«

»Warum soll ich nicht solid sein, wenn meine Taille es mir gestattet?« erwidert Achilla selbstbewußt. »Ihr zwei, du und der Arzt, macht Dummheiten, und ich muß sie wieder gutmachen. Na, da bin ich eben zum Warnawa ins Fenster hineingestiegen, hab die Knochen alle in einen Sack gesteckt …«

»Nun und dann, Achilla? Was dann, mein Lieber?«

»Dann ging es ganz dumm.«

»Ja wie denn? So erzähle doch!«

»Was soll ich erzählen, wo ich selber nichts weiß? Dann hat mir jemand die Knochen wieder wegstibitzt.«

Porochontzew springt auf und schreit:

»Was? Wieder gestohlen?«

»Ja, wie soll ich sagen? Gestohlen ist vielleicht nicht das richtige Wort. Ich weiß nur, daß ich den ganzen Kram zu mir nach Haus brachte und ihn in meinen Karren schüttete, um heut damit zur Begräbnisstätte zu fahren. Aber wie ich morgens nachseh, ist nichts mehr da – bis auf das kleine Schwänzchen hier.«

Der Arzt bricht in ein lautes Gelächter aus.

»Was lachst du?« fragt der Diakon geärgert.

»Ein Schwänzchen ist übriggeblieben, sagst du?«

Achilla wird böse.

»Nun ja, ein Schwänzchen,« erwidert er, »oder was soll das sonst sein?«

Der Diakon löst von dem Striegel einen menschlichen Fußknöchel, den er mit einem Endchen Bindfaden daran befestigthatte, reicht ihn dem Arzt hin und sagt trocken: »Da, sieh's dir an, wenn du mir nicht glaubst.«

»Haben denn die Menschen Schwänze?«

»Etwa nicht?«

»Du hast also auch einen Schwanz?«

»Ich?!« fragt Achilla.

»Ja, du.«

Der Arzt lacht wieder aus vollem Halse, der Diakon aber wird bleich und sagt:

»Hör mal, mein lieber Meister Quacksalber, scherzen kannst du, – aber mit Maß, wenn ich bitten darf. Vergiß nicht, daß ich eine geistliche Person bin.«

»Na, schon recht! Aber sag mir mal erst, wo hast du deinen Astragalus?«

Das unbekannte Wort »Astragalus« macht auf den Diakon einen verblüffenden Eindruck: die Fachbezeichnung für das unschuldige menschliche Sprungbein scheint ihm etwas äußerst Kränkendes, er schüttelt den Kopf, stößt einen tiefen Seufzer aus und sagt langsam:

»Für so niederträchtig hätte ich dich allerdings nicht gehalten.«

»Ich niederträchtig?«

»Jawohl! Einer geistlichen Person mit derartigen dummen Fragen zu kommen ist niederträchtig. Aber merk dir: deinen faulen Scherz mit dem Schwanz hab' ich dir nachgesehen, aber jetzt nimm dich in acht!«

»O wie schrecklich!«

»Ja, hab' dich nur! Ich mein' es ernst. Eure Freigeisterei hängt mir längst zum Halse heraus.«

»Ja, ist denn das Freigeisterei, wenn man Astragalus sagt?«

»Kusch!« schreit der Diakon.

»Schafskopf« meint der Arzt achselzuckend.

»Kusch!« donnert Achilla und hebt drohend die Faust. Seine Augen funkeln grimmig.

»Ist das ein Esel! Kein vernünftiges Wort kann man mit ihm reden.«

»Was? Ein Esel bin ich? Man kann nicht mit mir reden? Na warte! Ich bin euch kein sanfter Sawelij! Runter in den Sumpf!«

Mit diesen Worten hat der Diakon die Leine seines Pferdes aus der rechten Hand in die linke genommen, packt den Arzt mit der Rechten um den Leib und reißt ihn ins Wasser hinab. Sie tauchen unter, werden wieder sichtbar und verschwinden aufs neue. Obgleich das Verhalten des Diakons deutlich verriet, daß er keineswegs die Absicht hatte, den Arzt zu ertränken, sondern ihn nur etlichemal untertauchen wollte, – er hielt auch, während sie so zappelten, immer nach dem Ufer zu – so versetzte das verzweifelte Gebrüll des Medikus die Drei auf dem Steine und die am Ufer stehende Felizata doch in eine so unbeschreibliche Angst, daß auch sie ein lautes Geschrei erhoben, welches die ganze Umgegend alarmieren mußte.

So begann der Diakon Achilla seinen Ausrottungskampf gegen die in Stargorod um sich greifende gemeingefährliche Freigeisterei, und wir werden sehen, was für gewaltige Folgen dieser energische Anfang zeitigen sollte.


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